Read around the World: Chile

Wir haben knapp 15.000 km hinter uns gelassen und sind in Chile gelandet. Ich hatte mit 17,18 eine heftige Isabell Allende Phase und wenn mich damals jemand gefragt hätte, welche Länder ich einmal im Leben garantiert bereist haben werde, hätte ich sicherlich ohne Zögern Chile gesagt. Ich wollte da so unbedingt hin, fand es faszinierend, landschaftlich total reizvoll und einfach spannend. Was soll ich sagen? Bin viel gereist in meinem Leben, aber nach Südamerika habe ich es leider nie geschafft. Hätte ich echt nicht gedacht.

Daher auch hier eine etwas umfassendere Einführung in Geschichte, Geographie und Kultur bevor wir uns mit dem Buch beschäftigen, das ich für Chile ausgewählt habe.

Chile erstreckt sich entlang der Westküste Südamerikas über eine Länge von etwa 4.300 Kilometern, während es an seiner schmalsten Stelle nur etwa 90 Kilometer breit ist. Diese außergewöhnliche Geografie umfasst atemberaubende Kontraste, von der trockensten Wüste der Welt, der Atacama, im Norden, über die fruchtbaren Täler Zentralchiles bis hin zu den eisigen Fjorden und Gletschern Patagoniens im Süden. Chile grenzt im Osten an die Anden und im Westen an den Pazifik.

Die Hauptstadt Santiago liegt zentral und ist das wirtschaftliche, politische und kulturelle Herz des Landes. Chiles besondere Lage macht es zudem anfällig für Erdbeben und Vulkanausbrüche, da es entlang des sogenannten Pazifischen Feuerrings liegt.

Fotos: Pixabay

Chile war ursprünglich Heimat verschiedener indigener Völker, darunter die Mapuche, die auch heute noch eine bedeutende kulturelle und politische Rolle spielen. Mit der Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert begann die Kolonialisierung, und Chile wurde ein Teil des spanischen Kolonialreichs. 1818 erlangte das Land seine Unabhängigkeit.

Im 20. Jahrhundert erlebte Chile eine wechselvolle politische Geschichte. Besonders prägend war die Zeit um Salvador Allende, der 1970 als erster demokratisch gewählter marxistischer Präsident der Welt in sein Amt trat. Seine Regierung setzte auf umfassende Sozialreformen und eine verstaatlichte Wirtschaft, was auf erheblichen Widerstand sowohl innerhalb Chiles als auch international, insbesondere seitens der USA, stieß. Am 11. September 1973 wurde Allende durch einen von General Augusto Pinochet angeführten Militärputsch gestürzt. Allende beging während des Angriffs auf den Regierungspalast angeblich Suizid.

Die anschließende Diktatur unter Pinochet dauerte bis 1990 und war geprägt von brutaler Unterdrückung, Menschenrechtsverletzungen und wirtschaftlicher Liberalisierung nach neoliberalen Prinzipien. Heute ist Chile eine stabile Demokratie, wenngleich die Gesellschaft weiterhin mit den Nachwirkungen der Diktatur und sozialen Ungleichheiten ringt.

Chile besitzt eine reiche literarische Tradition und hat zwei Literaturnobelpreisträger hervorgebracht: Gabriela Mistral (1945) und Pablo Neruda (1971). Isabel Allende, die Nichte von Salvador Allende, ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen des Landes. Sie ist durch Werke wie Das Geisterhaus, Die Geschichten der Eva Luna oder Paula international berühmt geworden. Die meisten ihrer Werke sind stark autobiografisch gefärbt. Meine Ausgabe von „Das Geisterhaus“ ist noch die original DDR-Ausgabe vom Aufbau-Verlag aus dem Jahr 1986 oder 1987 glaube ich (es steht tatsächlich kein Erscheinungsjahr im Buch) und wurde von Anneliese Botond übersetzt.

Die chilenische Küche ist geprägt von ihrer geografischen Lage: Fisch und Meeresfrüchte sind zentrale Bestandteile. Weitere traditionelle Gerichte sind empanadas, curanto (ein Eintopf aus Fleisch, Fisch und Gemüse). Wir haben versucht Empanadas zu basteln, aber irgendwie wollte es nicht klappen – daher gibt es dieses Mal leider Fotos aus der Pixabay-Konserve und nix selbstgekochten – ich gelobe Besserung! Gibt auch wirklich sehr selten chilenische Restaurants, oder?

Hier noch ein paar Fakten zu Chile:

  • Fläche: Chile ist etwa 756.000 km² groß, fast doppelt so groß wie Deutschland mit 357.000 km².
  • Einwohnerzahl: Chile hat etwa 19,5 Millionen Einwohner (Stand: 2023), deutlich weniger als Deutschland mit etwa 84 Millionen.
  • Bevölkerungsdichte: Mit etwa 25 Einwohnern pro km² ist Chile sehr dünn besiedelt, während Deutschland eine Bevölkerungsdichte von rund 235 Einwohnern pro km² aufweist.

Jetzt aber zu einem der wohl berühmtesten Romane des Landes: Isabel Allendes „Roman „Das Geisterhaus „(La Casa de los Espíritus, 1982) ist ein Meisterwerk des magischen Realismus und erzählt die Geschichte der Familie Trueba über vier Generationen hinweg. Der Roman verknüpft die persönlichen Schicksale der Figuren mit den politischen und sozialen Umwälzungen in einem fiktiven Land, das an Chile angelehnt ist.

Im Zentrum steht Esteban Trueba, ein patriarchaler, ehrgeiziger Großgrundbesitzer, dessen Leben und Handeln die Entwicklung der Familie prägen. Seine Ehefrau Clara, die über spirituelle Fähigkeiten verfügt, repräsentiert das Herz der Familie und den Kontrast zu Estebans Materialismus. Die Geschichte verfolgt die Schicksale ihrer Kinder und Enkelkinder, insbesondere ihrer Enkelin Alba, die sich in einer von politischen Unruhen geprägten Zeit für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzt.

Der Roman schildert die zunehmende Politisierung der Gesellschaft, den Aufstieg einer sozialistischen Regierung (die an Salvador Allendes Präsidentschaft erinnert) und den darauffolgenden Militärputsch, der von einem brutalen Regime geprägt ist. Alba wird während der Diktatur verhaftet und gefoltert, überlebt jedoch durch ihre innere Stärke und die Hilfe ihres Großvaters Esteban, der schließlich Einsicht in seine Fehler gewinnt.

Das zentrale Thema des Romans ist der Konflikt zwischen Tradition und Wandel, zwischen persönlicher Schuld und gesellschaftlicher Verantwortung. Gleichzeitig steht die Familie als Mikrokosmos für die chilenische Gesellschaft, die in dieser Zeit durch tiefe Spaltungen geprägt war.

Der Putsch von 1973 und die anschließende Militärdiktatur unter Augusto Pinochet hatten einen direkten Einfluss auf Isabel Allende und ihr Schreiben. Viele der brutalen Ereignisse, die im Roman geschildert werden, spiegeln die politische Realität in Chile während und nach Salvador Allendes Präsidentschaft wider. Die Verhaftung und Folter Albas steht symbolisch für das Leid vieler Oppositioneller während der Diktatur. Allendes magischer Realismus dient dazu, die Verbindung zwischen individueller Erfahrung und historischen Prozessen auf eine poetische Weise auszudrücken.

Das Geisterhaus ist somit nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ein literarisches Monument, das die Herausforderungen und Traumata einer ganzen Nation einfängt. Ein paar Jahre lang habe ich nahezu fanatisch jeden Roman gelesen, den Isabel Allende herausbrachte, aber irgendwann bin ich nicht nur aus ihr, sondern allgemein aus den lateinamerikanischen Romanen und dem Magic Realism herausgewachsen. Frau Allende ist aber nach wie vor eine großartige, spannende Frau und ich folge ihr gerne auf Instagram.

Auch wenn „Das Geisterhaus“ 1993 mit großer Starbesetzung verfilmt wurde, ist mein Film-Tipp für euch das Drama „Una Mujer Fantástica/A fantastic woman“ (Sebastián Lelio) der 2018 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt und von Marina handelt, einer trans Frau, die nach dem plötzlichen Tod ihres Partners gegen Vorurteile und Diskriminierung kämpfen muss. Großartiger Film der einen ganz schön mit nimmt.

Musikalisch habe ich zwei Tipps für euch und zwar „Baikonur“ eine Post Rock Band aus Santiago die auch vor ein paar Jahren auf dem DUNK! Festival auftrat:

und die Trip Hop / Electronic Band Dënver, ein Duo das allerdings seit 2013 getrennt ist:

Kennt ihr das Geisterhaus oder andere Bücher von Isabel Allende? Habt ihr andere Lieblingsautor*innen aus Chile oder seid ihr vielleicht sogar schon mal dort gewesen? Könnt ihr es als Reiseland empfehlen? Was verbindet ihr mit dem Land? Bin sehr gespannt auf eure Rückmeldungen.

Danke schon mal für eure Rückmeldungen und ich werde auf die Kommentare auch noch separat eingehen. Fast hätte ich aber vergessen euch noch ein paar weitere Buchempfehlungen zu geben, denn ich habe ein paar richtig gute Bücher aus Chile gelesen. Hier meine Empfehlungen (außer dem Geisterhaus):

  • Maniac – Benjamin Labatut
  • When we cease to understand the world – Benjamin Labatut
  • Das Geisterhaus – Isabel Allende
  • Mit brennender Geduld – Antonio Skármeta

Read around the World: Afghanistan

Von Vietnam geht es direkt weiter nach Afghanistan bei unserer literarischen Weltumrundung. Da wahrscheinlich die meisten von uns noch nicht in Afghanistan waren und so schnell wohl leider auch nicht hinreisen werden, beginne ich mal mit einem Überblick über die Geschichte, Geographie, die Kultur und gehe auch auf insbesondere auf die für Frauen schreckliche Situation im Land ein:

Afghanistan liegt im Herzen Asiens, umgeben von Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und China. Das Land ist bekannt für seine gebirgige Landschaft, insbesondere das Hindukusch-Gebirge, das es in Ost und West teilt. Die Hauptstadt Kabul liegt in einem Tal im Osten des Landes. Afghanistan hat eine strategisch bedeutende Lage entlang wichtiger Handelsrouten, was es historisch zu einem Schauplatz vieler Konflikte gemacht hat.

Afghanistan hat eine lange und bewegte Geschichte. Schon in der Antike war es Teil des Achämenidenreichs und wurde von Alexander des Großen erorbert. In den darauffolgenden Jahrhunderten war es ein Zentrum der Seidenstraße und erlebte das Kommen und Gehen verschiedener Reiche, darunter das buddhistische Kushan-Reich und islamische Kalifate. Das Land ist etwa 1,8 Mal größer als Deutschland. Trotz dieser größeren Fläche hat Afghanistan jedoch eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte als Deutschland (42 Mio Einwohner*innen), da ein großer Teil des Landes gebirgig und weniger dicht besiedelt ist.

Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum Spielball der Großmächte im sogenannten „Great Game“ zwischen dem Britischen Empire und dem Russischen Reich. Nach mehreren Kriegen mit den Briten wurde Afghanistan 1919 ein unabhängiges Königreich. 1979 wurde das Land durch die Sowjetunion besetzt, was zu einem Jahrzehnt blutigen Guerillakriegs führte. Nach dem Abzug der Sowjets und einem brutalen Bürgerkrieg übernahmen die Taliban 1996 die Macht.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 griffen die USA Afghanistan an, da die Taliban dem Terrornetzwerk Al-Qaida Unterschlupf gewährten. Dies führte zum Sturz der Taliban, doch die darauffolgende Phase des Wiederaufbaus war von Instabilität und Korruption geprägt. Die Taliban gewannen nach und nach wieder an Einfluss, und im August 2021, nach dem Abzug der internationalen Truppen, übernahmen sie erneut die Kontrolle über das Land.

Fotos: Amber Clay, Pixabay

Afghanistan ist ein multikulturelles Land mit einer reichen Tradition. Die Bevölkerung besteht aus verschiedenen ethnischen Gruppen, darunter Paschtunen, Tadschiken, Hazara und Usbeken. Die offizielle Sprache ist Dari (eine Variante des Persischen) und Paschtu. Die afghanische Kultur ist geprägt von einer langen Geschichte, in der Poesie, Musik, Teppichweberei und Kalligraphie bedeutende Rollen spielen. Einer der berühmtesten Dichter des Landes ist Rumi, dessen Werke weltweit Anerkennung finden. Die afghanische Küche ist deftig und basiert auf Reis, Linsen, Brot und Fleisch.

Wir haben uns bei unserem afghanischen Dinner im Rahmen der literarischen Weltreise für ein Auberginen-Gericht entschieden „Borani Banyan“ und die Bingereader Gattin hat sich echt übertroffen – war wahnsinnig lecker. Ich habe das Rezept verlinkt, falls ihr Lust habt es nachzukochen.


Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 steht Afghanistan vor großen Herausforderungen. Die Taliban-Regierung hat wieder strenge islamische Gesetze eingeführt. Unter der aktuellen Taliban-Herrschaft haben sich die Lebensbedingungen für Frauen und Mädchen drastisch verschlechtert. Die Taliban haben eine Reihe von Gesetzen und Vorschriften eingeführt, die Frauen aus dem öffentlichen Leben weitgehend ausschließen und ihre grundlegenden Menschenrechte massiv einschränken. Zu den gravierendsten Maßnahmen zählen:

  • Verbot der weiterführenden Bildung für Mädchen: Mädchen dürfen seit Ende 2021 nicht mehr die weiterführende Schule besuchen, was ihnen die Möglichkeit auf Bildung und berufliche Chancen nimmt.
  • Beschränkungen für Frauen im Arbeitsmarkt: Frauen dürfen in vielen Bereichen nicht mehr arbeiten, insbesondere in Berufen, die mit Männern zu tun haben. Viele Frauen, die zuvor in Nichtregierungsorganisationen oder im öffentlichen Dienst tätig waren, haben ihre Jobs verloren.
  • Einschränkung der Bewegungsfreiheit: Frauen dürfen oft nur in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen und müssen sich in der Öffentlichkeit vollständig verschleiern.
  • Schließung öffentlicher Räume für Frauen: Öffentliche Parks, Fitnessstudios und andere Freizeiteinrichtungen sind für Frauen in vielen Städten verboten worden.

Diese Maßnahmen und der generelle Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Leben machen Afghanistan zu einem der repressivsten Länder weltweit in Bezug auf Frauenrechte. Internationale Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen haben die Taliban für diese Politik stark kritisiert und warnen vor den langfristigen Folgen für das Land und seine Entwicklung.

Afghanistan gilt daher heute als eines der Länder, in denen Frauen und Mädchen am stärksten diskriminiert werden. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Einschränkungen der Freiheiten und die Behandlung von Minderheiten sowie Frauen scharf.

Die internationale Gemeinschaft hat sich weitgehend von Afghanistan zurückgezogen, und das Land leidet unter wirtschaftlicher Isolation, Arbeitslosigkeit und humanitären Krisen. Hunger und Armut sind weit verbreitet. Das Land gehört neben Burundi, dem Südsudan und der zentralafrikanischen Republik zu den ärmsten Ländern der Welt.

Das Buch das ich gelesen habe ist Khaled Hosseinis „And the Mountain echoed“ das 2013 unter dem Titel „Traumsammler“ im S. Fischer Verlag erschien, übersetzt von Henning Ahrens.

Foto: Mika

And the Mountains Echoed ist der dritte Roman des afghanisch-amerikanischen Autors Khaled Hosseini, der auch durch seine Werke Drachenläufer und Tausend strahlende Sonnen bekannt ist. Wie in seinen früheren Büchern gelingt es Hosseini auch hier, emotionale Familiengeschichten mit den tiefen politischen und sozialen Umbrüchen Afghanistans zu verweben.

Der Roman beginnt mit einer herzzerreißenden Szene, in der der Vater eines kleinen Mädchens namens Pari sie verkaufen muss, um das Überleben seiner Familie zu sichern. Diese Tat hat weitreichende Konsequenzen, die das Leben vieler Charaktere im Laufe des Buches beeinflussen. Die Erzählung springt in verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven hin und her, von Afghanistan bis in die USA und Frankreich, und verbindet das Schicksal zahlreicher Figuren.

Hosseinis Themen sind Familie, Liebe, Verlust und Opfer. Mich beeindruckt seine Fähigkeit, die Zerrissenheit der afghanischen Diaspora und die Belastungen durch die immerwährenden Kriege und Konflikte im Land darzustellen. Gleichzeitig schafft er es, uns auch die Schönheit Afghanistans und ihre reiche kulturelle Vielfalt zu übermitteln.

Was diesen Roman von Hosseinis anderen unterscheidet, ist seine Struktur: And the Mountains Echoed besteht nicht aus einer linearen Handlung, sondern eher aus einer Sammlung miteinander verbundener Geschichten. Dies verleiht dem Buch eine epische Dimension und spiegelt vielleicht die Komplexität des modernen Afghanistan wider.

Einige dieser Geschichten haben mich tief berührt, während ich in andere weniger gut hineingefunden habe. Besonders gefallen hat mir die Geschichte, die aus der Sicht von Nabi erzählt wird, und seine Beziehung zu seinem Arbeitgeber, Mr. Wahdati. Hosseini fängt die Komplexität dieser Charaktere auf eindrucksvolle Weise ein, lässt ihre inneren Konflikte lebendig werden und ist dabei so berührend.

Allerdings fand ich insgesamt die Vielzahl der Personen manchmal überwältigend. Irgendwann habe ich ein bisschen den Überblick verloren, was der emotionalen Tiefe des Romans etwas im Weg stand. Trotz meines Gefühls der Überfrachtung war es dennoch eine Lektüre, die ich gerne gelesen habe. Vor allem, weil das Buch mir Einblicke in das Leben und die Kultur Afghanistans gab, die ich sonst vielleicht nicht in dieser Intensität erfahren hätte.

Im Vergleich zu Hosseinis früherem Roman Drachenläufer, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, muss ich sagen, dass mir dieser rückblickend vielleicht einen Tick besser gefallen hat. „And the Mountains Echoed“ ist komplexer und experimenteller, aber Drachenläufer war für mich emotional zugänglicher und stringenter. Dennoch ein lesenswertes Buch, das einen tiefen Einblick in die Schicksale der afghanischen Bevölkerung gibt.

Mein musikalischer Tipp aus Afghanistan ist die Dokumentation „Keeping the Music alive – Musikerinnen gegen die Taliban“ von Sarah El Younsi und Mandakini Gahlot über Zhora das erste weibliche Orchester Afghanistans:

Foto: WikiCommons

Mein Filmtipp ist „Der Film „Osama“ (2003), der unter der Regie von Siddiq Barmak entstand, der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens in Afghanistan während der Taliban-Herrschaft. Da Frauen nicht arbeiten dürfen und Männer in ihrer Familie fehlen, verkleidet ihre Mutter sie als Jungen, damit sie arbeiten kann und die Familie überleben kann. Sie nimmt den Namen „Osama“ an, doch das Versteckspiel wird zunehmend gefährlicher, als sie in die strengen Alltagsstrukturen der Taliban eintritt. Der Film zeigt die bedrückende Lage der Frauen unter den Taliban und die extreme Unterdrückung in dieser Zeit. Ein auch visuell wirklich beeindruckender Film:

Auf meinem Blog ist bisher wenig Lektüre aus Afghanistan zu finden, ich kann euch daher keine älteren Beiträge verlinken, allerdings habe ich ein weiteres Buch auf meiner „To-Read-Liste“ das ich euch auch gern ans Herz legen möchte: „My Pen is the Wing of a Bird: New Fiction by Afghan Women“ eine Anthologie die sehr vielversprechend klingt.

Wie hat euch mein Ausflug nach Afghanistan gefallen? Habt ihr Literatur-, Musik- oder Filmtipps aus der Region? Hier noch der link zum vorherigen Stopp Vietnam.

Seid ihr schon gespannt auf den nächsten Stopp? Ich verrate nur so viel: wir müssen ca 15.000 KM reisen. Freu mich auf Euer Feedback.

Read Around the World: Vietnam

Habt Ihr Lust auf eine Weltreise? In meiner neuen Reihe werde ich ein Buch aus jedem Land der Erde lesen und vorstellen, ein Projekt auf das ich schon lange Lust habe. Mithilfe eines Zufallsgenerators lose ich die jeweils nächsten drei Länder aus, sodass ich genügend Zeit habe, die passende Lektüre zu besorgen. Wo immer möglich ein Buch eine*r Autor*in aus dem jeweiligen Land. Da ich aber außerdem meinen SUB (Stapel ungelesener Bücher) abarbeiten möchte, werde ich in wenigen Ausnahmefällen ein Buch wählen dass sich bereits in meinem Regal befindet, auch wenn der/die Autor*in nicht ursprünglich aus dem Land kommt. Darüber hinaus werde ich auch zu jedem Land weitere kulturelle Elemente einbauen: ein Film, eine lokale Band, ein typisches Gericht zum Nachkochen sowie – wenn möglich – persönliche Erfahrungen und Fotos. Im Fall von Vietnam füge ich Bilder unserer Reise 2011 hinzu, als wir dieses faszinierende Land erkundeten. Alles klar? Dann kann es ja losgehen:

Wandering Souls – Cecile Pin auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Atlantik Verlag erschienen, übersetzt von Maria Hummitzsch


Cecile Pins Debütroman Wandering Souls ist ein bewegender Roman, der die vietnamesische Flüchtlingserfahrung und die psychischen Belastungen der Assimilation einfängt. Es war mir in der Buchhandlung ins Auge gefallen, habe kurz reingelesen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Pin nimmt uns mit auf die Reise der 16-jährigen Anh und ihrer jüngeren Brüder Minh und Thanh, die sich nach dem Vietnamkrieg auf die gefährliche Flucht nach Hongkong begeben. Die Familie ist gezwungen, auf zwei verschiedenen Booten zu reisen, und nur die drei älteren Geschwister erreichen ihr Ziel. Ihre Eltern und vier weitere Geschwister kommen auf tragische Weise ums Leben.

Die Geschichte setzt drei Jahre nach dem Abzug der US-Truppen ein, als Vietnam in politischem und wirtschaftlichem Chaos versinkt. Anh, Minh und Thanh landen nach vielen Stationen – darunter Flüchtlingslager und Ablehnung durch die US-Einwanderungsbehörde – in London. Dort kämpfen sie in den 1980er Jahren mit den Herausforderungen des Lebens in einer neuen, oft feindseligen Umgebung. Besonders Anh trägt als älteste Schwester die Last der Verantwortung, während Minh in Schwierigkeiten gerät und Thanh versucht, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Der Roman schafft es, sowohl die emotionalen Wunden der Flucht als auch die Herausforderungen der Assimilation in einer neuen Gesellschaft eindrucksvoll darzustellen. Dabei setzt Pin nicht nur auf emotionale Tiefe, sondern auch auf historische Genauigkeit. Man merkt wie sehr sie für diesen Roman recherchiert hat. Es gibt Momente großen Schmerzes, schrecklicher Grausamkeiten und der Verzweiflung, aber auch Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung.

Die Vietnamesen haben diese Tradition“, sagte er. „Sie glauben, dass man die Toten angemessen in ihrem Heimatort beerdigen muss. Tut man das nicht, sind Ihre Seelen dazu verdammt, als Geister auf der Erde herumzuirren.

Ich mochte Pins präzisen ungeschnörkelten Stil. Es ist eine vielschichtige Erzählung, die sowohl das persönliche Schicksal der Charaktere als auch die größere historische Tragödie des Vietnamkriegs und seiner Nachwirkungen umfasst. Es ist ein beeindruckendes Debüt das 2023 auf der Longlist des Women’s Prize for Fiction landete, das auf sensible Weise den Verlust und die Anpassung an eine neue Realität beleuchtet.

Cecile Pin ist eine britisch-vietnamesische Autorin, die in Paris geboren und in London aufgewachsen ist. Sie studierte Philosophie und Politik und arbeitete in der Verlagsbranche, bevor sie sich dem Schreiben widmete.

Mir hat der „Wandering Souls“ richtig gut gefallen und freue mich schon auf weitere Romane von Cecile Pin.

Vietnam wird für uns immer einen besonderen Platz im Herzen haben, da wir dort 2011 unsere Hochzeitsreise verbracht haben. Unsere Reise begann in Hanoi, einer faszinierenden Stadt, die wie ein lebendiger Bienenstock summt. Besonders die Altstadt mit ihren labyrinthartigen Gassen hat uns beeindruckt, und das Gedränge aus Fahrrädern und Mopeds machte selbst einen einfachen Straßenspaziergang zu einem kleinen Abenteuer. Wir standen am ersten Tag gefühlt 15 Minuten am Straßenrand bis wir uns trauten uns einfach todesmutig in den Verkehr zu stürzen und irgendwie zwischen all den Millionen Fahrzeugen auf die andere Straßenseite zu gelangen.

Von Hanoi aus fuhren wir zur Halong-Bucht, wo wir eine traumhafte dreitägige Bootstour auf einer traditionellen Dschunke unternahmen. Die zerklüfteten Kalksteinfelsen und die mystische Atmosphäre der Bucht gehören zu den schönsten Erinnerungen, die wir von dieser Reise mitgenommen haben. Zum Programm gehörte auch eine Kanufahrt, bei der wir uns nicht wirklich talentiert anstellten. Wir hatten Sorge wir machen die Halong Bay kaputt, als wir ziemlich heftig an einen der ikonischen Felsen rammten und die Vietnames*innen in den Booten um uns rum die auf dem Weg zum floating Market waren, haben glaube ich um ihr Leben gebangt und einen großen Bogen um unser Kanu-from-Hell gemacht.

Die Halong Bay war wirklich eine einzigartige Erfahrung, eines der schönsten Erlebnisse unserer Reisen war wirklich diese Bootstour, danach ging es weiter nach Hoi An, einer wirklich hübschen Stadt, die für ihre gut erhaltene Altstadt und die bunten Lampions bekannt ist. Dort nahmen wir an einem Kochkurs teil und entdeckten einen sehr charmanten Second-Hand-Buchladen, bei dem wir Reiselektüre nachkaufen konnten.

Die letzte Etappe unserer Reise führte uns nach Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt), das uns leider weniger begeisterte. Nach zwei bis drei Tagen waren wir froh, auf die Insel Phu Quoc zu reisen, wo wir in einer malerischen kleinen Hütte am Strand übernachteten. Es war fast perfekt – wenn nicht eine Ratte nachts ins Zimmer gekommen wäre!

Foto: Amy

Die Geschichte Vietnams ist geprägt von Kriegen und Kolonialismus, besonders durch die französische Kolonialzeit und den verheerenden Vietnamkrieg. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1954 wurde Vietnam in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt. Der Vietnamkrieg (1955–1975) brachte großes Leid und Zerstörung, und nach dem Sieg der kommunistischen Kräfte wurde das Land wiedervereinigt. Heute ist Vietnam eine sozialistische Republik, die sich wirtschaftlich öffnet und einen bemerkenswerten Wandel erlebt hat.

Die vietnamesische Küche ist bekannt für ihre frischen Zutaten und ihre zarten Aromen. Im Gegensatz zur thailändischen Küche beispielsweise wird in Vietnam in der Regel nicht übermässig scharf gegessen. Wir haben stets phänomenal gegessen, oft am besten an den winzig kleinen Straßenständchen in denen ein riesiger Topf über offenem Feuer hing und wo es Phở, eine herzhafte Nudelsuppe mit Rind- oder Hühnerfleisch gab, ein Klassiker der vietnamesischen Küche der traditionell zum Frühstück gegessen wird. Das war überhaupt mein Highlight für mich alte Suppentante. Suppe zum Frühstück ist für mich der perfekte Start in den Tag.

Zu den weiteren bekanntesten Gerichten gehört Bánh Mì, ein knuspriges Baguette, gefüllt mit Fleisch oder Tofu, eingelegtem Gemüse, Kräutern und einer pikanten Sauce oder auch Wasserspinat (Rau Muống) den wir auch sehr sehr gerne gegessen haben. Ein weiteres Highlight ist der vietnamesische Kaffee (Cà Phê), der mit süßer Kondensmilch serviert wird – ein perfekter Abschluss für eigentlich jede Mahlzeit.

Filmempfehlung: The Scent of Green Papaya (1993)
Für Vietnam möchte ich den Film The Scent of Green Papaya von Regisseur Tran Anh Hung empfehlen. Der Film spielt im Saigon der 1950er Jahre und erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens namens Mùi, das als Dienerin in einer wohlhabenden Familie arbeitet. Der Film besticht weniger durch eine komplexe Handlung, sondern durch seine visuelle Poesie und die subtile Darstellung des Alltagslebens in Vietnam. Die Sinnlichkeit des Films liegt in den alltäglichen Details: das Schälen der grünen Papaya, das leise Geräusch des Regens und die ruhigen, fast meditativen Bilder. Ich habe den Film vor ein paar Tagen gerade wieder geschaut und er ist und bleibt einer meiner allerliebsten Filme – ich kann ihn euch nur ans Herz legen.

Musiktipp: Timekeeper
Vietnam hat eine dynamische und vielfältige Musikszene, die weit über traditionelle Töne hinausgeht. Eine spannende Band, die ich vorstellen möchte, ist Timekeeper. Diese Post-Rock-Band aus Ho-Chi-Minh-Stadt erschafft atmosphärische Klanglandschaften die eine ganz besondere Stimmung erzeugen. Nicht nur für Post-Rock-Fans ein echter Leckerbissen. Hört mal rein:

https://timekeeper.bandcamp.com/album/2014

Wer jetzt Lust hast noch ein bißchen länger in Vietnam zu verweilen bzw mehr von vietnamesischen Autor*innen zu lesen, dem empfehle ich:
Monique Truong – Das Buch vom Salz
Ocean Vuong – On Earth we are briefly gorgeous
Mai Phan Que – Nguyen – Der Gesang der Berge

Noch ein paar Fakten über Vietnam:
Vietnam ist etwa 8% kleiner als Deutschland, hat dabei aber knapp 20% mehr Einwohner*innen. Das bedeutet, die Bevölkerungsdichte in Vietnam ist auch höher, besonders in städtischen Gebieten wie Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt.

OK – das war der erste Beitrag meiner Reihe „Read Around the World“. Habt ihr Lust auf die Reihe? Fehlt euch was? War es zu lang, zu kurz und möchtet ihr vorab wissen wohin es als nächstes geht, oder wollt ihr euch überraschen lassen?

Freu mich auf euer Feedback!