Meine Woche

Gesehen: The Grand Budapest Hotel (2014) von Wes Anderson mit Ralph Fiennes, F. Murray Abraham und Saoirse Ronan. Bin gar nicht so ein großer Wes Anderson Fan, aber der Film hat mir sehr gefallen.

The Whale (2022) von Darren Aronofsky mit Brendan Fraser, Sadie Sink und Ty Simpkins. Film um einen stark übergewichtigen Literatur-Dozentin und die Beziehung zu seiner Tochter. Irgendwas hat mich gestört.

Gehört: Everybody scream – Florence & The Machine, Days of Dust – Molly Nilsson, Stars were falling – Angela Winter, Hildergard – Heinali & Andriana-Yaroslava Saienko, The whole woman – Anna von Hausswolff ft. Iggy Popp

Gelesen: über diese spannende Form des Zusammenlebens, Mieter sind zunehmend von Armut bedroht und über die kulinarische Welt von Pompeij

Getan: die alte Heimat besucht, mit lieben Freund*innen gegessen und getrunken, den Bookclub besucht, gelaufen und auf dem Balkon Tomaten geerntet

Gefreut: über schöne Briefkastenpost

Geärgert: über Julia Klöckner und ihre fragwürdigen Verbindungen

Getrauert: nein

Gelacht: über vergessene „Reading Glasses

Gegessen: Parmigiana, Pizza und Spundekäs

Getrunken: Wein

Geklickt: auf diese Food Timeline

Gestaunt: über diesen Orca

Geschockt: nein

Gewünscht: dieses Tshirt, dieses Regal, diesen Ventilator

Geplant: mal wieder zu boxen

Gefunden: nix

Gekauft: eine Postkarte

Gedacht: Summer afternoon – summer afternoon; to me those have always been the two most beautiful words in the English language //Henry James

Meine Woche

Gesehen: Moonstruck (1987) von Norman Jewison mit Cher und Nicolas Cage. Schöne altmodische Rom-Com, die verhältnismässig gut gealtert ist.

Burning Candles: The Life of Edna St. Vincent Millay (2008) von Robert A. Duncan. Doku über eine meiner Lieblings-Poetinnen. Wirklich interessant.

Die Hausmeisterin (1987) von Gabriela Zerhau mit Veronika Fitz, Helmut Fischer und Ilse Neubauer. Wunderbar nostalgische Zeitreise ins Haidhausen der 1980er Jahre. Mag ich sehr.

Gehört: Strange Things Happen – Alison Goldfrapp, The Realm – Loopgoat, Uder the ivy – Kate Bush, In Light – Nabihah Iqbal, Drift of the Jenny – Julianna Barwick, Langsam langsamer – Balbina

Gelesen: Kunst und Kultur in der Polykrise, The lives and loves of James Baldwin, über die verschlafene Verkehrswende

Getan: mit lieben Freund*innen gegessen und getrunken, gelaufen und geschwommen, auf die Lieferung der Spülmaschine gewartet und die Balkonmöbel geschruppt

Gefreut: über die neue Spülmaschine

Geärgert: dass eine liebe Verwandte sich in der Reha eine Lungenentzündung geholt hat

Getrauert: nein

Gelacht: über die Stick Library

Gegessen: Lauch Tarte und dreierlei Käsecremes

Getrunken: Wein

Geklickt: Tafel vs Erbschein. Zwei Leben in München

Gestaunt: über diese verrückten Gebäude und über miteinander spielende Wale und Delfine

Geschockt: nein

Gewünscht: dieses Poloshirt, dieses Buch, diesen Teller

Geplant: neue Gläser für meine Lesebrille besorgen (immer noch)

Gefunden: einen Blumentopf mit wildem Wein

Gekauft: nix

Gedacht: „Das Leben verliert seinen Sinn, wenn es keinerlei Zuversicht für Künftiges gibt“ //Vera King

Stimmen die bleiben: Carry Brachvogel

Wer heute durch Schwabing geht, ahnt kaum, dass sich hier um 1900 Salons voller Debatten, Gedichte und Streitgespräche fanden. Einer der berühmtesten Treffpunkte lag in der Ludwigstraße, gleich beim Siegestor. Dort empfing Carry Brachvogel – Schriftstellerin, Netzwerkerin, Kämpferin für die Rechte von Frauen – die geistige Elite ihrer Zeit.

Carry Brachvogel, geboren 1864, war Schriftstellerin, Salonnière und Mitglied im „Verein für Fraueninteressen“, den Ika Freudenberg gegründet hatte – eine Organisation der bürgerlichen Frauenbewegung, die sich bewusst von radikaleren Positionen etwa von Anita Augspurg distanzierte, aber dennoch wichtige gesellschaftliche Veränderungen anstieß. 1911 hielt Brachvogel dort ihren Vortrag „Hebbel und die moderne Frau“, in dem sie das Frauenbild der deutschen Klassik dem neuen Typus der selbstbestimmten Frau gegenüberstellte; 1912 erschien der Text im Druck. Ein Jahr später wurde sie in den Vorstand gewählt, setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen von Bühnenschauspielerinnen ein und gründete im Verein eine Kommission für Bühnenangelegenheiten.

Ihr Schwabinger Salon in den 1920er Jahren war ein Zentrum des kulturellen Lebens der Stadt. Ernst von Wolzogen kam, Max Haushofer Jr., Oskar Mysing, Hugo Steinitzer, Rainer Maria Rilke, Lou Andreas-Salomé – Namen, die heute wie aus einem Literaturlexikon klingen, damals aber einfach ihre Gäste waren. Brachvogel kultivierte gezielt ein Image, das ihr Respekt als Schriftstellerin sichern sollte: kühl, unnahbar, scharfzüngig. Sie wusste, wie schnell Frauen in der Literatur in die Schublade „nett, aber nicht ernst zu nehmen“ gesteckt wurden.

Auch als Netzwerkerin unter Autorinnen war sie prägend. 1913 gründete sie mit Emma Haushofer-Merk den Münchner Schriftstellerinnen-Verein, um gegen „gewissenlose Verleger“ und für angemessene Bezahlung von Frauen zu kämpfen. Innerhalb eines Jahres zählte der Verein schon 70 Mitglieder, darunter Ricarda Huch, Annette Kolb, Frieda Port. Ab 1925 stand Brachvogel dem Verein allein vor, richtete in den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren einen Hilfsfonds für bedürftige Mitglieder ein und lehnte immer wieder Anfragen ab, für andere Verbände kostenlos Texte zu liefern – Solidarität hieß für sie, dass Frauenarbeit nicht entwertet wird.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich alles. Ihre jüdische Herkunft rückte ins Zentrum, und in vorauseilendem Gehorsam setzte der Schriftstellerinnen-Verein sie ohne ihr Wissen vor die Tür. Wenige Monate später beschloss die Hauptversammlung die Auflösung. Sie erhielt Berufsverbot, musste ihren Salon schließen. Ihr Bruder Siegmund Hellmann verlor ebenfalls seine Arbeit. Die beiden zogen sich in die Wohnung in der Herzogstraße 55 zurück. Trotz Verbots veröffentlichte Brachvogel noch einzelne Essays, erwog zeitweise ein Exil, doch blieb. Am 21. Juli 1942 holte die Gestapo sie und ihren Bruder ab, am nächsten Tag wurden sie nach Theresienstadt deportiert. Carry Brachvogel starb dort am 20. November 1942 im Alter von 78 Jahren, Siegmund am 7. Dezember.

Ihr Schicksal ist tragisch und eine Mahnung. Das viel beschworene „Nie wieder“ bedeutet nichts, wenn es nicht im Heute gelebt wird. Hätte man sich Anfang der 1920er Jahre entschlossen gegen den aufkeimenden Faschismus gestellt, vielleicht hätte er gebremst werden können. Genau wie heute wo (zu viele) Konservative lieber mit den Faschisten paktieren – aus Angst vor den „bösen woken linksgrün Versifften“ unserer Zeit. Der Gedanke ist erschreckend vertraut: Lieber mit denen paktieren, die menschenfeindlich sind, als das eigene Weltbild in Frage zu stellen. Hauptsache, man kann „noch alles sagen“.

Umso wichtiger sind heute die Zeichen der Erinnerung. Seit 1992 erinnert der „Carry-Brachvogel-Salon“ in der Seidlvilla an die einst so berühmte Münchnerin, 2012 wurde in Bogenhausen eine Straße nach ihr benannt. Und im Juli 2024 wurde an der Herzogstraße 55 eine Gedenktafel angebracht – ein fester Ort im Stadtbild, an dem ihr Name nicht nur in Archiven weiterlebt.

Vieles von Carry Brachvogels Werk ist heute nur antiquarisch greifbar – umso wichtiger die in den letzten Jahren von der Edition Monacensia in Zusammenarbeit mit dem Allitera Verlag verantworteten Neuausgaben. Aktuell lieferbar sind vier zentrale Titel: ihr Debütroman Alltagsmenschen (1895), der satirische München-um-1900-Roman Der Kampf um den Mann (1910), der den Ersten Weltkrieg entzaubernden Roman Schwertzauber (1917) und ihre Reportage Im Weiß-Blauen Land (1923). Diese Ausgaben, jeweils editorisch betreut (u. a. mit Nachworten von Ingvild Richardsen), holen Brachvogels Stimme zurück ins heutige Lesen – und machen sichtbar, wie modern ihre gesellschaftliche Beobachtung war. Andere ihrer einst vielgelesene Bücher wie die historischen Porträts Die Marquise de Pompadour (1905) oder Katharina II. von Russland (1906) sind derzeit fast nur als Print-on-Demand- oder Antiquariatstitel zu haben, ihre essayistische Schriften wie Eva in der Politik (1919/1920) sind dagegen noch schwerer aufzutreiben, wenn dann nur antiquarisch. Wer also heute mit Brachvogel beginnen will, findet im Allitera-Programm den besten Einstieg – und zugleich den verlässlichsten Weg, ihr Werk wieder im öffentlichen Bewusstsein zu verankern

Endlich habe ich nun auch meinen ersten Roman von Carry Brachvogel gelesen: Alltagsmenschen, erschienen 1895. Elisabeth, verheiratet mit einem gut situierten Mann in München, lebt ein Leben voller Leere und Langeweile. Auch die Geburt eines Kindes ändert nichts an ihrem Drang nach Aufbruch, sie beginnt eine Affäre mit einem Legationsrat. Mit psychologischem Feingespür, großer Scharfsichtigkeit und poetischem Können porträtiert Brachvogel nicht nur eine junge Frau, sondern zeichnet ein exaktes Sittenbild des Münchens um 1900. Was mich besonders beeindruckt hat, sind die präzisen Einblicke in den Alltag eines wohlsituierten Paares jener Zeit – der Tagesrhythmus, die Konversationen, die unterschwelligen Machtspiele. Man spürt den scharfen Blick und die sprachliche Eleganz einer Frau, die mitten in den Debatten ihrer Epoche stand.

Dabei war Elisabeth gescheidt, hatte sich von jeher gemüht, ihre etwas oberflächliche Institutsbildung aus eigenen Kräften zu erweitern und zu vertiefen, und gerade deshalb erschien ihr dies alles, das den Freundinnen den Lebenszweck bildette, doppelt nichtig und leer, ungefähr nur wie wertlose Zwischentaktsmusik, die sie über das Verzögern der eigentlichen Handlung wegtrösten sollte. Zuweilen befiel sie ein Grauen, wenn sie überlegte, wie viele Tage jetzt schon so dahingeglitten waren, an denen sie nichts geleistet hatte, nichts für sich, nichts für andere. „Lilienaufdemfelddasein“ bedrückte sie schwer – sie wäre gerne ein Mann gewesen, der nutzbringend lebend und arbeiten, all seine Kräfte freudig und befriedigend bethätigen konnte.

Carry Brachvogel ist eine Stimme, die bleibt – trotz aller Versuche, sie zum Schweigen zu bringen. Heute liegt es an uns, sie wieder hörbar zu machen. Lest (mehr) Carry Brachvogel!

Eine weitere – sehr sehr schöne Besprechung findet ihr hier bei Anna vom Blog Buchpost, die schon 2014 auf Carry Brachvogel aufmerksam gemacht hat!

Meine Woche

Gesehen: Nostalgia (2022) von Mario Martone mit Pierfrancesco Favino und Francesco di Levo. Ein Mann kehr nach 40 Jahren in seine Heimatstadt Neapel zurück mit schwerwiegenden Folgen. Schöner Film, ich mag Neapel als Protagonistin.

Mad Men (2007) Season 1 von Matthew Weiner mit Jon Hamm und Elisabeth Moss. Ikonische Serie die ich schon ewig schauen wollte. Liebe die 60s Ästhethik.

Gehört: Complete Mad Men Music Playlist, Bus back to Richmond – Lucy Dacus, The Subway – Chappell Roan

Gelesen: diesen Artikel über unterschiedliche Zeit Persönlichkeiten, der Epstein Skandal verständlich erklärt, dieses Interview mit Anne Rabe und die ZEIT Sonderausgabe „Hin und weg“

Getan: mit der lieben Schwiegermama gewandert und Radl gefahren und im Romans den Bingereader-Gattin Geburtstag gefeiert, laufen gegangen, gemalt und auf dem Balkon gegrillt

Gefreut: dass die Sonne endlich wieder da ist

Geärgert: dass unsere Spülmaschine jetzt endgültig kaputt ist

Getrauert: nein

Gelacht: über diesen – auf frischer Tat ertappten – Räuber

Gegessen: Mirabellen-Baiser-Kuchen

Getrunken: Radler

Geklickt: auf David Lynchs Gegenstände die versteigert werden

Gestaunt: über dieses in Australien entdeckte „Stick Insect

Geschockt: über die riesige Ringelnatter in der Isar

Gewünscht: diese Espadrillos, dieses Hemd, dieses Haus

Geplant: neue Gläser für meine Lesebrille besorgen (immer noch)

Gefunden: nix

Gekauft: einen Pullover

Gedacht: You think your pain and your heartbreak are unprecedented in the history of the world, but then you read. It was books that taught me that the things that tormented me most were the very things that connected me with all the people who were alive, who had ever been alive. //James Baldwin

Illustrierte Klassiker: Die schwarze Spinne & Lenz

Zwischen Isarplätschern und spätsommerlichem Blätterrauschen fand im wunderschönen Schleusenhäuschen das Münchner Buchfest statt – eine winzige, aber feine Buchmesse unabhängiger Münchner Verlage. Hier konnte man in aller Ruhe stöbern, plaudern und kleine verlegerische Schätze entdecken. Dabei stolperte ich (wie so oft über das Beste im Leben) ganz zufällig über die Graphic Novels des WEERD Verlags – und ging schließlich mit gleich zwei beeindruckenden Werken von Barbara Treskati nach Hause: Die schwarze Spinne von Jeremias Gotthelf und Lenz von Georg Büchner.

Mir haben die beiden Graphic Novels auf jeden Fall Lust gemacht, in meinen Regalen zu stöbern und nach weiteren illustrierten Klassikern zu schauen und ich bin da ganz gut fündig geworden, ich werde euch diese in einer losen Reihe hier vorstellen. Zumal ich auf der Münchner Bücherschau direkt noch mal fündig geworden bin und zwar im wunderbaren Verlag Edition Hibana, die ich euch als nächstes vorstellen werde.


Sich mit dem Teufel einzulassen, ist ein uraltes Motiv – in Märchen, Mythen und Geschichten aller Zeiten. Doch diese Geschichte aus dem Jahr 1842 ist mehr als nur eine moralische Parabel: Sie zeigt, wie alles miteinander verknüpft ist, wie jede Generation die Last der Entscheidungen der vorherigen tragen muss – und wie sich Arroganz und Selbstüberschätzung am Ende gegen uns selbst richten

Inhaltlich beginnt Die schwarze Spinne in einer friedlichen Schweizer Landschaft, wo die Sonne golden über Feldern liegt. Doch der Frieden bröckelt, als den Dorfbewohnern eine unmögliche Aufgabe gestellt wird. Da tritt ein unheimlicher Fremder in grüner Jägertracht aus dem Schatten – ein diabolischer Handel liegt in der Luft. Seine Hilfe ist schnell gewährt, doch der geforderte Preis – ein unschuldiges Kind – wird nicht bezahlt. Was folgt, ist ein Albtraum: Aus einem verfluchten Kuss wächst eine schwarze Spinne, klein wie ein Mohnkorn, aber tödlich wie die Pest. Sie kriecht über Wangen und in Nacken, sticht und tötet, bis ganze Häuser leer stehen und der Tod über den Feldern hängt. Die Plage schwillt an, von Generation zu Generation, bis ein Opfer so groß ist, dass es das Böse in hölzernen Bann schlägt – doch das bedrohliche Klopfen aus dem Innern verstummt nie ganz.

Treskatis Umsetzung ist ein Fest für die Augen – wenn auch ein düsteres. Der Bildstil in Schwarz und Rot ist von einer Wucht, die perfekt zur beklemmenden Atmosphäre passt. Jede Seite atmet Bedrohung, jedes Panel scheint von der Verführungskraft dunkler Kräfte durchzogen. Vorne erwartet uns die Graphic Novel, hinten der vollständige Originaltext von Gotthelf – ein großartiger Brückenschlag zwischen klassischer Literatur und moderner Bildsprache.

Mit Lenz wendet sich Treskati Georg Büchners berühmter Erzählung zu – der fiebrigen, fragmentarischen Schilderung eines Mannes, der unaufhaltsam in den Wahnsinn gleitet. Wir folgen Lenz durch verschneite Berge, durch das flackernde Spiel von Licht und Schatten, in Gesprächen, die zwischen Klarheit und Wahn taumeln. Treskatis Zeichenstil fängt diesen seelischen Abgrund meisterhaft ein: verzerrte Perspektiven, harte Kontraste, Linien, die mal scharf schneiden, mal im Nichts verlaufen. Man spürt förmlich, wie Lenz’ Realität sich auflöst, wie Stimmen lauter und Gedanken dunkler werden, bis kein Halten mehr ist.

Zwei Klassiker, zwei Erzählungen, die auf ganz unterschiedliche Weise an den Rand des menschlichen Daseins führen – die eine als düstere Allegorie über Schuld, Natur und Hybris, die andere als erschütternd nahes Porträt psychischen Zusammenbruchs. Und beide so eindrucksvoll gezeichnet, dass Bild und Text untrennbar miteinander verschmelzen. Barbara Treskatis hat hier nicht nur Klassiker adaptiert, sondern sie in eine visuelle Sprache übertragen, die lange nachwirkt – schwarz, rot und tief unter die Haut gehend.

Ich danke dem Weerd Verlag für die beiden Rezensionsexemplare.

Meine Woche

Gesehen: Der Himmel über Berlin (1987) von Wim Wenders mit Bruno Ganz, Solveig Dommartin und Otto Sander. Immer wenns regnet, hab ich Lust auf diesen Film…

Antlers (2021) von Scott Cooper mit Keri Russell, Jesse Plemons und Jeremy T. Thomas. Folk Horror aus Oregon, sehr atmosphärisch, mochte ich gern.

Robert Lemke – Wer bin ich (2025) Doku über einen der bekanntesten Quizmaster der Nachkriegszeit. Sehenswert.

Gehört: Kristen Stewart – Sassihiya, Whispers of the sea – ΠΑΝΘΕΟΝ, Timeless overture – thisquietarmy x Mothrspace, A dance with death – We lost the sea, R. I. P. B. M. – Planning for burial, Krigsgaldr – Heilung

Gelesen: dieses Interview mit Jamie Lee Curtis, The Quintessential Urban Design of Sesame Street

Getan: vom Regen durchnässte Klamotten aufgehängt, mit lieben Freundinnen gegessen, gelaufen, geräumt, Marmelade gekocht und viel Rad gefahren

Gefreut: über die vielen Tomaten auf dem Balkon die hoffentlich bald reif sind

Geärgert: über die Vollidioten die die Maus anzünden wollten

Getrauert: um die verunglückte Biathletin Laura Dahlmeier

Gelacht: über Balkonhörnchen

Gegessen: meine selbstgekochte Aprikosen Marmelade

Getrunken: Earl Grey Tee

Geklickt: auf diese hübschen Cottages

Gestaunt: wieviel das Bundesumweltministerium für die End- und Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle ausgibt

Gewünscht: diese Bluse, diese Zimmerlinde, diese Lampe

Geplant: neue Gläser für meine Lesebrille besorgen

Gefunden: 2 Tennisschläger (!)

Gekauft: nein

Gedacht: Dein nächstes Auto sollte ein E-Bike sein

Juli Lektüre

Ein herausragender Lesemonat liegt hinter mir – einer, der mich auf meiner literarischen Weltreise in die Ukraine geführt hat. Für diesen Stopp habe ich die folgenden Bücher gelesen:

Vielleicht Esther – Katja Petrowskaja erschienen im Suhrkamp Verlag
Sie kam aus Mariupol – Natascha Wodin erschienen im Rowohlt Verlag
Eine Formalie in Kiew – Dmitrij Kapitelman erschienen im Hanser Verlag
Baba Dunas letzte Liebe – Alina Bronsky erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

die ausführliche Besprechung dazu könnt ihr hier finden. Die Bücher werde ich hier in der Monatsübersicht daher nicht noch einmal vorstellen.

Neu auf dem Blog ist außerdem meine Serie „Stimmen, die bleiben“, in der ich an Autor*innen erinnere, deren Worte nachhallen. Den Auftakt machte Anna Seghers – mit ihrem eigenen Erzählband und einer beeindruckenden biografischen Studie über ihre Zeit in Mexiko. Auch hierzu verlinke ich euch die Besprechung und widme mich jetzt den Büchern aus diesem Monat, die ich bislang noch nicht auf dem Blog besprochen habe:

Drei große Entdeckungen hatte ich in diesem Monat für mich: Silvia Bovenschen mit einer zutiefst persönlichen Hommage an ihre Partnerin, Penelope Lively mit einem perfekt komponierten Sommerroman, und die Debütantin Christina Fonthes, deren Coming-of-Age-Geschichte zwischen England und Kongo spielt.

Und schließlich: Einfach Literatur von Klaus Willbrandt – ein Buch, das ich sehr wehmütig gelesen habe. Ein literarischer Nachlass, der bleibt.

Alle Bücher lagen zwischen 4 und 5 Sternen – das kommt nicht oft vor. Aber Juli hat geliefert.

Wohin du auch gehst – Christina Fonthes erschienen im Diogenes Verlag, übersetzt von Michaela Grabinger

In ihrem vielschichtigen Debütroman erzählt Christina Fonthes die miteinander verflochtenen Geschichten zweier Frauen, Mira und Bijoux, die beide aus Kinshasa stammen und auf je eigene Weise mit Herkunft, Identität und gesellschaftlichen Erwartungen ringen. Mira verlässt in den 1980er Jahren den Kongo und zieht über Belgien und Paris nach London. Ihre Beziehung zu einem armen Musiker bringt sie in Konflikt mit der bürgerlich-aufstiegsorientierten Familie. Bijoux hingegen wird als Kind nach London geschickt, wo sie bei ihrer streng gläubigen Tante aufwächst – ihre queere Identität wird von dieser als „unchristlich“ und „unafrikanisch“ gebrandmarkt.

Fonthes erzählt über einen Zeitraum von rund dreißig Jahren hinweg, springt elegant zwischen Zeiten und Orten – Kinshasa, Brüssel, London, Paris – und verbindet große politische Fragen (Migration, Diaspora, Religion, Geschlechterrollen, Kolonialgeschichte) mit sehr persönlichen Erfahrungen von Liebe, Scham, Entwurzelung und Widerstand.

Besonders eindrücklich ist, wie stark kulturelle Prägung in Sprache, Ritualen und Erinnerung weiterwirkt: Wenn die Figuren Fufu kochen, Lingala sprechen oder gemeinsam Lieder singen, ist Kinshasa immer präsent – egal, ob sie gerade in Kilburn, London oder in einem Pariser Friseursalon stehen.

Als ich die Augen wieder öffnete, schwebten goldene und silberne Flöckchen durchs Zelt. Ich sah Chancey an. Ich hatte keinen einzigen Schluck getrunken, trotzdem war mir schwindelig. Ich strich mit beiden Händen über ihren Körper, hierhin und dahin. Dort in dem Zelt und bei Rory und Darren und anderen Leuten zu sein, die so waren wie wir, erschien mir ganz selbstverständlich. In diesem Moment, während wir tanzten und lachten und Spaß miteinander hatten, waren wir wie alle anderen – zwei schwer verliebte Mädchen, zwei schwer verliebte Menschen.

Fonthes’ Stil ist poetisch und atmosphärisch, zugleich klar und erzählerisch dicht. Sie schafft es, komplexe Themen wie Homophobie, intergenerationale Konflikte, Trauma und Migration behutsam und doch ungeschönt darzustellen. Dabei verzichtet sie auf Klischees, zeigt stattdessen die Vielstimmigkeit, Würde und Widersprüchlichkeit kongolesischer Lebensrealitäten – sowohl im Kongo selbst als auch im Exil.

Christina Fonthes ist eine britisch-kongolesische Autorin, Spoken-Word-Künstlerin und Aktivistin, die sich für queere, afrikanische und diasporische Perspektiven stark macht. „Wohin du auch gehst“ ist ein kraftvoller, bewegender Auftakt ihres literarischen Schaffens – voller Emotion, politischer Klarheit und erzählerischer Eleganz. Eine Autorin von der ich sehr gerne noch weitere Bücher lesen möchte.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Sarahs Gesetz – Silvia Bovenschen erschienen im S. Fischer Verlag

In Sarahs Gesetz schreibt Silvia Bovenschen über das gelebte Leben mit ihrer langjährigen Lebensgefährtin Sarah Schumann – Künstlerin, Malerin, Zeichnerin und eine der zentralen Figuren der feministischen Kunstszene der 1970er Jahre. Entstanden ist ein ungewöhnlich stilles, zugleich kraftvolles Buch über die Liebe zwischen zwei eigenwilligen, starken Frauen – über Zuneigung, Widerspruch, Fürsorge, Krankheit, das Älterwerden und die Grenzen des Sagbaren im engen Miteinander.

Bovenschen porträtiert Sarah Schumann als widersprüchliche und kompromisslose Persönlichkeit: stolz, scharfzüngig, klug und oft schwer zugänglich. Doch statt zu verklären oder zu erklären, nähert sie sich ihr essayistisch und literarisch tastend, in Miniaturen, Reflexionen und Erinnerungsbildern, die mal zärtlich, mal bitter, aber nie gefällig sind.

Sarahs Gesetz ist kein klassisches Liebes- oder Erinnerungsbuch. Es ist ein Dialog mit einer Präsenz, die sich nicht einfach festhalten lässt – eine Annäherung an das Andere im geliebten Menschen. Ein kluges, bewegendes Werk über das Zusammenleben, das Altwerden in Würde und die Formbarkeit von Nähe, ohne deren Ambivalenzen auszublenden.

Ich vertraue Sarah mehr als mir selbst.

Krankheit adelt nicht.
Eine schwere Kindheit auch nicht.

Silvia Bovenschen (1946–2017) war Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und eine der prägenden feministischen Intellektuellen Deutschlands. Bereits 1979 erschien ihr einflussreiches Buch Die imaginierte Weiblichkeit. Sie lehrte viele Jahre an der Universität Frankfurt, bevor sie sich – selbst seit ihrer Jugend an MS erkrankt – zunehmend dem literarischen Schreiben zuwandte. Mit Älter werden. Notizen (2006) erreichte sie ein großes Publikum. Sarahs Gesetz, erschienen 2015, ist eines ihrer persönlichsten Bücher – klug, liebevoll und radikal wahrhaftig.

Habe große Lust noch weitere Bücher von Silvia Bovenschen zu entdecken – eine sehr interessante Autorin.

Heat Wave – Penelope Lively auf deutsch unter dem Titel „Hinter dem Weizenfeld“ bei dtv erschienen, übersetzt von Isabella Nadolny

Könnt ihr euch noch erinnern, wie wir vor ein paar Tagen vor lauter Hitze kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnten? Ich jedenfalls schon – schmorend in unserer gefühlt 60 Grad heißen Dachgeschosswohnung, mit dem Ventilator als einzigem Verbündeten. Vielleicht ist genau jetzt, wo draußen der Sommer als Herbst cosplayed, die beste Zeit, sich noch einmal in die drückende Hitze zurückzuversetzen.

Gelesen habe ich in diesen Tagen Penelope Livelys Roman „Heat Wave“ – ein Glücksgriff. Ohne große Erwartungen aufgeschlagen, wurde ich komplett hineingezogen in diese stille und dennoch spannungsgeladene Geschichte. Eine Lektüre, die mich so gefesselt hat, dass ich danach sofort mehr von Lively lesen wollte.

Heat Wave“, erschienen 1996, spielt während eines glühend heißen Sommers auf dem englischen Land – genauer: in einem umgebauten Bauernhof in den Midlands, genannt World’s End. Einen Sommer den ich im Übrigen in London mit erlebt habe und mich sehr genau daran erinnern kann. Dort verbringt Pauline, Anfang fünfzig und freiberufliche Lektorin (sie korrigiert in einem ihrer Aufträge Kommas in einem Einhorn-Roman), den Sommer mit ihrer Tochter Teresa, deren Ehemann Maurice und dem kleinen Enkelsohn Luke.

Die Figuren leben Wand an Wand in nebeneinander liegenden Cottages – eine räumliche Nähe, die emotional immer bedrückender wird. Denn Pauline erkennt früh, dass Maurice nicht ganz treu ist. Ihre eigenen Erfahrungen mit einem untreuen Ehemann holen sie ein, und sie steht vor der Frage: Redet sie mit Teresa – und wenn ja, wie viel sagt sie? Oder schweigt sie und wartet, bis die Tochter selbst erkennt, was los ist?

Was auf den ersten Blick wie ein ruhiges Beziehungsdrama wirkt, ist in Wahrheit hoch aufgeladen. Lively lässt die Spannung langsam, aber unaufhaltsam wachsen – mit jeder Hitzewelle, mit jeder verdorrten Wiese, mit jedem überhitzt flirrenden Nachmittag. Natur und Emotionen spiegeln sich ständig: Die Landschaft wird zum Seismograf innerer Erschütterungen.

Die Atmosphäre ist fast kammerspielartig dicht. Es gibt keinen actiongeladenen Plot, aber umso mehr psychologische Raffinesse. Pauline ist eine wunderbar gezeichnete Figur – klug, witzig, verletzlich. Rückblenden in ihre frühere Ehe, kleine Begegnungen mit ihrem sympathisch-schrulligen Buchhändlerfreund Hugh oder dem Romanautor Chris geben ihr Tiefe und eine Welt jenseits der Ferienhausgrenze. Und dann ist da noch diese fast van Gogh’sche Landschaft: gelbgoldene Felder unter einem strahlend blauen Himmel, flirrend vor Hitze – ein grandioses Setting für ein emotionales Flächenbrand-Drama.

It occurs to her that she is probably the first person to live here for whom the weather is an aesthetic diversion.

Was mir besonders gefallen hat, war die Art und Weise, wie Lively mit Erwartungshaltungen spielt. Anfangs glaubt man, das sei eine jener subtilen Erzählungen, in denen „nichts passiert“. Aber wer aufmerksam liest, merkt bald: Das Ende ist längst angelegt, in Andeutungen, kleinen Gesten, Blicken. Es kommt nicht plötzlich, aber wow war ich überrascht.

Penelope Lively wurde 1933 in Kairo geboren und ist noch very much alive and kicking 🙂 Sie ist eine der renommiertesten britischen Schriftstellerinnen der Gegenwart und wurde unter anderem 1987 für Moon Tiger mit dem Booker Prize ausgezeichnet. 2017 erschien ihr letztes Buch eine Biografie mit dem Titel Life in the Garden – möchte ich – neben Moon Tiger – unbedingt lesen.

Kultur – eine neue Geschichte der Welt – Martin Puchner erschienen bei Klett-Cotta

Für dieses Buch durfte ich bei Bild der Wissenschaft eine Kurz-Rezension verfassen, diese könnt ihr hier lesen.

Einfach Literatur – Klaus Willbrand & Daria Razumovych erschienen im S. Fischer Verlag

Ich folgte dem Buchantiquariat Willbrand auf Instagram fast von Anfang an. Seine ruhige Art, mit der er über Literatur sprach, hat mich sofort berührt und dann diese Geschichte: ein kleines Antiquariat in Köln, das kurz vor dem Aus stand. Und eine junge Kundin, Daria, die ihn dazu brachte, sein Wissen nicht aufzugeben, sondern es mit der Welt zu teilen.

Aus dieser Freundschaft entstand nicht nur eine digitale Erfolgsgeschichte, sondern auch ein ganz besonderes Buch: „Einfach Literatur“

In diesem Werk verbindet sich autobiografisches Erzählen mit literarischer Leidenschaft. Willbrandt schreibt über seine Kindheit mit Asthma und wie ihn das zum Bücherwurm werden ließ, seine Jahrzehnte im Buchhandel, seine Begeisterung für Schriftsteller wie Kafka, Böll, Ingeborg Bachmann oder Rolf Brinkmann. Sein Ton bleibt klar und schnörkellos, manchmal melancholisch, aber nie sentimental. Man merkt jedem Kapitel an, dass hier jemand schreibt, der Literatur nicht nur gelesen, sondern gelebt hat. Besonders beeindruckt hat mich seine dreijährige Lese-Auszeit. Krass, habe wohl tatsächlich einen Menschen gefunden, dem Bücher NOCH wichtiger sind als mir.

Was jedoch alle großen literarischen Werke vereint, ist ihre Fähigkeit, die Zeit zu überdauern. Sie schafft es, ein Momentum einzufangen, das in ihrer Epoche tief verwurzelt ist, und doch ruft dieses Momentum auch Assoziationen und Empfindungen hervor. So entstehen Klassiker – Werke, die motivisch zeitlos, aber zugleich so unverwechselbar mit der Ära verbunden sind, in der sie entstanden. Große Literatur bewahrt etwas von ihrer Zeit, bleibt dabei aber unvergänglich.

Wie schön, dass Daria Razumovych seine Stimme so einfühlsam begleitet und mit in dieses Buch mit übersetzt hat. Was mir besonders gefällt sind natürlich die Listen, bei denen ich noch das eine oder andere Werk oder Autor*in entdecken konnte und die authentische Mischung aus Erinnerung, Fachwissen und einem direkten Zugang, der weder belehrt noch überfordert. Es ist ein Buch, das einen – wie ein gutes Gespräch im Buchladen – in die richtige Richtung stupst.

Ich war sehr traurig, als ich Anfang des Jahres vom Tod Klaus Willbrandts erfuhr. Wie gerne wäre ich bei meinem nächsten Köln-Besuch in seinem Antiquariat vorbeigegangen und hätte mich mit ein paar Büchern eingedeckt und auf den einen oder anderen fachmännischen Geheimtipp gehofft. Umso schöner, dass es dieses Buch gibt. Es ist ein Vermächtnis, eine literarische Schatztruhe und eine Hommage an einen Mann, der mit seinen Empfehlungen mehr als nur Bücher teilte: Er teilte Haltung, Haltung zur Welt, zur Sprache, zum Menschsein.

Wie war euer Lesemonat? Was waren eure Highlights? Konnte ich euch auf eines der vorgestellten Bücher neugierig machen? Freue mich über eure Rückmeldungen 🙂

Meine Woche

Gesehen: Sommer vorm Balkon (2005) von Andreas Dresen mit Inka Friedrich, Nadja Uhl und Andreas Schmidt. 2 Freundinnen, 1 Balkon und der Sommer davor. Nach dem Kinobesuch damals wurde „Guten Morgen Sonnenschein“ das Wecklied in der WG.

Gehört: Last One – Cerrone & Christine and the Queens, Easy Going – Laura Lucas, Perfectly – FKA twigs, Vandamál Ulfsins – Pascal Pinon

Gelesen: Wie gelingt ein würdevolles Leben in einer ungerechten Welt? Indien schafft Klimaziele fünf Jahre vor Plan, How Women Shaped Human Evolution Through Food Processing

Getan: Mephisto in den Kammerspielen gesehen (großartig!), die Adoptierten-Gruppe getroffen, mit lieben Freund*innen gegessen und geratscht, Übernachtungsbesuch begrüßt und einen Literatur-Spaziergang durch Schwabing gemacht

Gefreut: auf eine neue Star Trek Serie: Star Fleet Academy

Geärgert: über die Sturheit meines Bruders und das Absetzen der Late Show mit Stephen Colbert

Getrauert: um die wunderbare Poetin Andrea Gibson (When Death came to visit)

Gelacht: über diese South Park Episode

Gegessen: Lasagne

Getrunken: Wein

Geklickt: alles hilft der AFD und Jon Stewart Reacts to Colbert’s Cancellation

Gestaunt: Octopuses fall for the ‘rubber arm’ illusion, just like us und How Finding Wine Flavors Changes Your Brain For The Better

Gewünscht: Barbara Kingsolvers Garten, diese Tasche, diesen Mantel

Geplant: endlich mal wieder laufen gehen

Gefunden: nix

Gekauft: ein Abo für die Kammerspiele

Gedacht: Writing and reading decrease our sense of isolation. They deepen and widen and expand our sense of life: they feed the soul. When writers make us shake our heads with the exactness of their prose and their truths, and even make us laugh about ourselves or life, our buoyancy is restored. We are given a shot at dancing with, or at least clapping along with, the absurdity of life, instead of being squashed by it over and over again. It’s like singing on a boat during a terrible storm at sea. You can’t stop the raging storm, but singing can change the hearts and spirits of the people who are together on that ship. //Anne Lamott

Read around the World: Ukraine

Wie fasst man ein Land wie die Ukraine in Worte, ohne ihm unrecht zu tun? Ein Land, das seit Jahrhunderten zwischen Imperien zerrieben wird, das unermesslich viel Leid erfahren musste – und sich dennoch seine Kultur, Sprache, Selbstachtung und seinen Freiheitswillen bewahrt hat. Ein Land, das heute weltweit im Fokus steht – als Opfer eines brutalen Angriffskrieges, aber auch als Hoffnungsträger für Demokratie, Widerstandskraft und kulturelle Selbstbestimmung.

Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass der Krieg in der Ukraine die Menschen in Europa weit mehr bewegt als andere Konflikte – etwa in Syrien, im Sudan oder anderswo. Und für mich persönlich kann ich das leider bestätigen, auch wenn ich weiß, dass das nicht gerecht ist. Dennoch habe ich gemerkt, wie stark mich dieser Krieg emotional berührt hat – vor allem durch den direkten, täglichen Austausch mit unseren zahlreichen Kolleg*innen in der Ukraine.

Plötzlich kannte man Menschen persönlich, deren Urlaubs- und Familienbilder man auf Instagram gesehen hatte. Menschen, mit denen man zusammengearbeitet, gesprochen und gelacht hat – und deren Alltag nun von Sirenen, Bombenalarm und Angst geprägt ist. Das hat den Krieg auf eine völlig neue, unmittelbare Weise spürbar gemacht.

Ich erinnere mich an Videokonferenzen, bei denen unsere Kolleg*innen aus Kiew, Charkiw oder Lwiw aus Bunkern oder Kellern zugeschaltet waren, während draußen Bomben einschlugen. Das war erschütternd. Niemand wurde zur Arbeit gedrängt – im Gegenteil, viele sagten, dass ihnen die Arbeit ein Gefühl von Struktur, Halt und ein Stück Normalität inmitten des Chaos gab.

Ich hatte telefonischen Kontakt zu Kolleg*innen, die mit ihren Kindern auf der Flucht waren – auf der Suche nach sicheren Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Weg nach Deutschland, Polen oder in die Niederlande. Diese ganz persönlichen Erfahrungen haben den Krieg in einer Weise präsent gemacht, wie es bei anderen Konflikten für mich nie der Fall war.

Trotzdem gilt: Krieg, Leid und Zerstörung dürfen nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Jedes menschliche Schicksal zählt. So sehr ich mir weltweiten Frieden wünsche, bin ich überzeugt: Demokratie und Freiheit müssen geschützt und – wenn nötig – auch verteidigt werden.

Ich starte heute mal mit dem Vergleich zwischen Deutschland und der Ukraine:

  • Fläche: Die Ukraine (603.700 km²) ist fast doppelt so groß wie Deutschland (357.000 km²) und das flächenmäßig größte Land Europas – wenn man Russland außen vor lässt.
  • Bevölkerung: Mit etwa 36 Millionen Einwohner:innen (2024, stark gesunken durch Flucht und Krieg) liegt die Ukraine deutlich unter Deutschland (ca. 84 Millionen), war aber vor dem Krieg bei knapp über 40 Millionen.
  • Bevölkerungsdichte: Rund 60 Personen/km² – deutlich dünner besiedelt als Deutschland (ca. 240 Personen/km²).
  • Wirtschaft: Vor dem Krieg war die Ukraine stark von Landwirtschaft, Industrie (v.a. Stahl, Maschinenbau) und IT-Dienstleistungen geprägt. Sie gilt als Kornkammer Europas – das Land ist einer der größten Exporteure von Weizen und Sonnenblumenöl weltweit. Der Krieg hat die Wirtschaft massiv geschwächt, doch gerade der Tech-Sektor zeigt sich erstaunlich resilient.

Die Geschichte der Ukraine ist eine Geschichte der Fremdbestimmung. Jahrhunderte lang war das heutige Staatsgebiet Spielball konkurrierender Großmächte: Polen-Litauen, Habsburgerreich, Osmanisches Reich, Russland, Sowjetunion. Für die Bevölkerung bedeutete das wechselnde Herrschaftsverhältnisse, Unterdrückung der Sprache, Enteignung, Deportation – und immer wieder blutige Gewalt.

Besonders grausam waren die 1930er Jahre unter Stalin: Der Holodomor, eine durch den sowjetischen Staat verursachte Hungersnot, forderte Millionen Menschenleben. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Ukraine zum Schauplatz schwerster Kämpfe, zur Hölle für ihre jüdische Bevölkerung, die in Pogromen und durch die Shoah fast vollständig ausgelöscht wurde. Orte wie Babyn Jar stehen heute stellvertretend für diesen Zivilisationsbruch.


Und dennoch – oder gerade deshalb – entwickelte sich in der Ukraine über die Jahrhunderte eine beeindruckende kulturelle Identität. Literatur, Musik, bildende Kunst und Film florierten, oft im Schatten, oft im Widerstand gegen Zensur und Gewalt

1991 wurde die Ukraine unabhängig – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, den viele Ukrainer:innen nicht nur als geopolitisches, sondern auch als persönliches Befreiungserlebnis empfanden. Doch die ersten Jahrzehnte waren geprägt von wirtschaftlicher Instabilität, Korruption und einem zähen Ringen zwischen Westorientierung und russischem Einfluss.

2004 die Orangene Revolution. 2014 die Maidan-Proteste – ein demokratischer Aufstand gegen ein korruptes, russlandfreundliches Regime. Der Preis war hoch: Dutzende Tote, die Annexion der Krim durch Russland, der bis heute andauernde Konflikt im Donbass. Und dann, am 24. Februar 2022, der Albtraum: ein großangelegter russischer Angriffskrieg, der ganze Städte in Trümmer legte und Millionen zur Flucht zwang.

Und doch – oder gerade deshalb – wächst auch der Zusammenhalt. Die Ukraine hat sich als widerstandsfähige Demokratie erwiesen, mit einer engagierten Zivilgesellschaft, einer lebendigen Medienlandschaft und einem klaren Blick auf Europa. Präsident Selenskyj, selbst jüdischer Herkunft und einst Schauspieler, wurde zum Symbol für diesen neuen, selbstbewussten ukrainischen Patriotismus.

Und auch gesellschaftlich bewegt sich einiges. Die Situation für LGBTQ+-Personen ist in der Ukraine zwar nach wie vor herausfordernd – Homosexualität ist legal, doch Diskriminierung, Gewalt und gesellschaftliche Ablehnung sind weit verbreitet. Der Krieg hat die Community zusätzlich unter Druck gesetzt, aber auch sichtbar gemacht: queere Soldat:innen kämpfen offen für ihr Land, Aktivist:innen setzen sich weiterhin für Gleichstellung ein, auch in Zeiten größter Not.

Der erste Pride in Kiew fand 2013 unter massivem Polizeischutz statt, mittlerweile gibt es – trotz Krieg – immer wieder kleinere Aktionen und große internationale Solidarität. Es ist noch ein weiter Weg, aber die Ukraine ist auf diesem Weg – und das ist mehr, als man von vielen anderen postsowjetischen Staaten sagen kann.

Was mich bei meiner Lektüre dieses Mal beeindruckt hat: die Vielstimmigkeit der ukrainischen Literatur. In ihr begegnen wir nicht nur der russisch-ukrainischen Spannung, sondern auch der jüdischen, tatarischen, polnischen, sowjetischen und europäischen Geschichte dieses Landes. Stimmen, die überleben wollten – und überlebt haben. Stimmen, die sich Gehör verschaffen – manchmal laut, manchmal leise, aber immer eindringlich.

Für diesen literarischen Stopp habe ich vier Bücher gelesen:

Vielleicht Esther – Katja Petrowskaja erschienen im Suhrkamp Verlag

Schon lange wollte ich dieses Buch lesen, und schlug es daher für unseren Bookclub vor. Petrowskaja hat mit „Vielleicht Esther“ ein ganz besonderes iterarisches Werk geschaffen – zart, klug, poetisch und fragmentarisch. Der Titel selbst ist bereits ein Programm: Was tun, wenn man nicht einmal weiß, wie genau die eigene Urgroßmutter hieß, die in Babyn Jar von den Nazis ermordet wurde? „Vielleicht Esther“ – diese zwei Worte tragen die ganze Unsicherheit, das Ringen mit dem Vergessen, das fragmentarische Erinnern, das Suchen zwischen Überlieferung, Vermutung und Verstummen.

Petrowskaja schreibt keine geradlinige Familienchronik, sondern einen assoziativen Text voller Leerstellen, Anspielungen und Sprachwitz. Es ist ein Buch über jüdische Geschichte, über Stalins Terror, über deutsche Schuld – und immer auch über Sprache als Speicher, als Stolperfalle, als Rettungsanker. Selten halt ein Buch in unserer Runde so einstimmig großartiges Feedback bekommen wie dieses. Unbedingte Leseempfehlung, kann sehr gut verstehen, dass der Text (ich meine Kapitel 5) den Bachmannpreis 2013 bekommen hat.

Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, lebt seit 1999 in Berlin. Sie studierte in Tartu Literaturwissenschaft und Slawistik und promovierte in Moskau. Von 2000 bis 2010 schrieb sie für verschiedene russisch- und deutschsprachige Medien (Neue Zürcher Zeitung, taz, Deutsche Welle, Radio Liberty). Seit 2011 ist sie Kolumnistin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung. Ihr literarisches Debüt Vielleicht Esther (2014) wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. 2022 erschien der Essayband Das Foto schaute mich an, 2025 der Essayband Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg. Sie lebt in Berlin. Bin sehr beeindruckt wie poetisch sie in einer Sprache schreibt, die nicht einmal ihre Muttersprache ist. Habe zig Stellen angekreuzt, gar nicht einfach sich für ein Zitat hier zu entscheiden:

„Hitler hat die Leser getötet und Stalin die Schriftsteller, so fasste mein Vater das Verschwinden der Sprache zusammen. Diejenigen, die den Krieg überlebt hatten, waren wieder in Gefahr. Juden, Halbjuden, Vierteljuden – man lernte wieder, die Prozente zu schmecken, so dass die Zunge am kalten Eisen anfror. Sie wurden als heimatlose Kosmopoliten stigmatisiert, vielleicht weil man sie ungeachtet aller Grenzen tötete, sie, die verbotene Beziehungen mit dem Ausland unterhielten und deswegen nict zur großen Familie der sowjetischen Brudervölker gehören durften.“

Das Buch wurde 2013 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet – völlig zurecht. Für mich persönlich eines der besten Bücher dieser Reise, fünf Sterne ohne Zögern.

Sie kam aus Mariupol – Natascha Wodin erschienen im Rowohlt Verlag

Dieses Buch liest sich wie ein Echo auf *Vielleicht Esther*, obwohl es einen ganz eigenen Weg geht. Wodin begibt sich auf die Spur ihrer Mutter, die in den 1940er Jahren als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurde. Lange wusste die Autorin fast nichts über sie – nur, dass sie sich das Leben nahm, als Wodin noch ein Kind war. Die Spurensuche beginnt mit einer einfachen Google-Anfrage, entwickelt sich dann aber zu einer minutiösen Recherche, die von einem alten Friedhof bis ins digitale Unterholz führt.

Wodin teilt ihr Buch in zwei Hälften: Der erste Teil dokumentiert ihre Recherche, kühl, nüchtern, fast reportagehaft – der zweite Teil ist eine fiktionalisierte Nacherzählung des Lebenswegs der Mutter. Diese Zweiteilung funktionierte für mich erstaunlich gut und erlaubt einen doppelten Blick auf Erinnerung: erst als historische Spurensuche, dann als imaginierte Rekonstruktion.

„Über Mariupol wusste ich zu dieser Zeit so gut wie nichts. Auf der Suche nach meiner Mutter war es mir nie in den Sinn gekommen, mich über die Stadt kundig zu machen, aus der sie stammte. Mariupol, das vierzig Jahre lang Shdanow hieß und erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder seinen alten Namen erhielt, blieb ein innerer Ort für mich, den ich niemals dem Licht der Wirklichkeit aussetzte. Seit jeher war ich im Ungefähren zu Hause, in meinen eigenen Bildern und Vorstellungen von der Welt. Die äußere Wirklichkeit bedrohte dieses innere Zuhause, und deshalb wich ich ihr nach Möglichkeit aus.“

Besonders spannend fand ich den Vergleich zu Petrowskaja: Wo diese die Lücken umarmt, will Wodin sie schließen. Wo Petrowskaja poetisch fragmentiert, strukturiert Wodin chronologisch. Beide Bücher ergänzen sich für mich wunderbar – und erzählen auf ihre je eigene Weise von Verlust, Herkunft, Zugehörigkeit und Trauma.

Natascha Wodin, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs erst in deutschen DP-Lagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Für Sie kam aus Mariupol“ wurden ihr der Alfred-Döblin-Preis, der Preis der Leipziger Buchmesse und der Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2019 verliehen.

Baba Dunjas letzte Liebe – Alina Bronsky erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Ein Buch, das ich – eine eher leichte Sommergeschichte trotz Tschernobyl Thematik erwartend sozusagen mit einem Lächeln begonnen und mit einem dicken Kloß im Hals beendet habe. Bronsky erzählt die Geschichte von Baba Dunja, einer alten Frau, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl in ihr verlassenes Dorf zurückkehrt – und dort eine Art anarchisch-melancholische Gemeinschaft mit anderen alten Zurückgekehrten bildet. Es ist eine Geschichte über Altern, Selbstbestimmung, Widerstand und das kleine Glück inmitten des großen Abbruchs.

Was mich besonders berührt hat: die ruhige Würde dieser Frauen, ihre Härte, ihr Humor – und wie Bronsky es schafft, ihre Figuren nicht zu verklären und doch ganz ernst zu nehmen. Der Ton ist leichter als bei Petrowskaja oder Wodin, aber das macht den Roman nicht weniger eindrucksvoll.

„Nichts auf der Welt ist so furchtbar, wie jung zu sein. Als Kind geht es noch. Da gibt es, wenn du Glück hast, Menschen, die sich um dich kümmern. Aber ab sechzehn wird es herb. Du bist eigentlich immer noch ein Kind, doch alle sehen nur einen Erwachsenen in dir, den man leichter treten kann als einen, der älter und erfahrener ist. Niemand will dich mehr beschützen. Du bekommst ständig neue Aufgaben aufgehalst. Niemand fragt dich, ob du irgendwas verstanden hast von dem, was du neuerdings zu tun hast.“

Für mich war das auch eine Reise in meine eigene Kindheit: Ich bin selbst zwischen alten Frauen aufgewachsen, in einer Hausgemeinschaft, wo viel miteinander gestrickt, Obst und Gemüse geteilt und verarbeitet, manchmal im Treppenhaus gestritten und bei Gewitter auch mal gemeinsam auf Betten gesessen wurde. Vielleicht hat das meine Lesart dieses Romans besonders gefärbt. Aber ich glaube, viele werden sich ein kleines bißchen in Baba Dunja verlieben, spätestens auf Seite 12.

Eine Formalie in Kiew – Dmitrij Kapitelman erschienen im Hanser Verlag

Zum Schluss ein Buch, bei dem man sich vielleicht ein bisschen lernen muss sich auf den Tonfall einzulassen. Kapitelman nimmt uns mit auf eine kafkaesk-komische Reise nach Kiew, wo er ein bestimmtes Dokument braucht, um in Deutschland eingebürgert zu werden. Klingt banal – ist es nicht. Denn daraus entspinnt sich eine aberwitzige, traurige und politisch hochinteressante Geschichte über Identität, Staatsbürgerschaft, Erinnerung und Familie.

Der Begriff des „Ent-Dankens“ hat sich mir eingebrannt – Kapitelmans Beschreibung wie man richtig besticht.

„Wie zwei slawische Bauernpatrioten angezogen, landen Vater und ich also in Leipzig. Und stehen für unsere Rückkehr ins richtige Staatsleben an. Hier spotten die Landsleute auch über ihren Staat, würden ihm aber sofort ihr Leben anvertrauen, wenn es mal nichts mehr zu Lachen gäbe. Die Kanalisationsdeckel sind fest, die Feuerwehr kommt präventiv, Postboten besuchen Chirurgie-Grundkurse, Straßenhunde gibt es nicht und frei darf man sein. Sogar mit einem Galgen für den Hals der Kanzlerin demonstrieren. Dass die Faschisten trotzdem von der Macht in Deutschland tagträumen können, dass meine Landsleute wieder bereit sein könnten, ihnen alles zu opfern, ich werde es nie verstehen. Und immer weiter bekämpfen.“

Zwischen trockener Bürokratie, Alltagsrassismus, post-sowjetischem Humor und echtem Familienkrach zeigt das Buch ein modernes, zerrissenes, korruptes und zugleich menschlich berührendes Bild der Ukraine. Ein Roman, der nicht erklärt, sondern zeigt – und einen ganz eigenen Sound hat. Ich mochte ihn sehr.

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kyjiw geboren, kam im Alter von acht Jahren als »Kontingentflüchtling« mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist.

Natürlich darf der kulturelle Rundumblick nicht fehlen: Was das ukrainische Kino angeht, bin ich leider noch ganz am Anfang – bisher habe ich leider noch keinen Film aus der Ukraine gesehen. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht aktuell „My Thoughts Are Silent“ (2019) von Antonio Lukich. Der Film soll mit viel lakonischem Humor von einem jungen Toningenieur erzählen, der mit seiner Mutter durch die Westukraine reist, um Tiergeräusche aufzunehmen – eine scheinbar absurde, dabei aber tiefsinnige Geschichte über Familie, Identität und Freiheit.

Leider konnte ich den Film bislang in keinem meiner verfügbaren Programme oder Dienste finden – aber die Suche geht weiter. Habt ihr sonst noch Tipps für Filme aus der Ukraine?

Musikalisch war ich mit der Ukraine schon länger in losem Kontakt – insbesondere über die Post-Rock-Szene, die erstaunlich lebendig ist. Besonders die Band „Sleeping Bear“ hat es mir angetan: große, melancholische Klanglandschaften, ideal für regnerische Tage oder lange Bahnfahrten. Wer Post-Rock mag, wird sie lieben.


Auch bei der ESC-Gewinnerin „Jamala“ lohnt sich ein genauerer Blick (und vor allem ein genaueres Hinhören): Ihr Song „1944“ war nicht nur musikalisch stark, sondern auch eine politische Botschaft – über die Vertreibung der Krimtataren unter Stalin. Auch ihre späteren Alben zeigen, wie man Tradition, Pop und Haltung vereinen kann.

Für die Bookclub Diskussion zu Petrowskajas „Vielleicht Esther“ hatte ich auch fleißig ukrainisch gekocht – und dann komplett vergessen Fotos zu machen *grrr*. Geschmeckt hat es auf jeden Fall – es gab einen Spinat-Reis-Hackfleisch-gekochtes Ei-Eintopf mit Schmand (Rezept aus der Kindheit noch von einer ukrainischen Nachbarin – einen bestimmten Namen hatte es nicht das Gericht, außerdem gab es einen Rote-Beete-Salat sowie einen rote Zwiebel Dipp und zu allem natürlich jede Menge Dill.

Hier noch ein paar Empfehlungen für weitere Bücher aus der Ukraine:

Svetlana Alexievich – Tschernobyl eine Chronik der Zukunft
Andrey Kurkow – Graue Bienen
Sofi Oksanen – Putins Krieg gegen die Frauen

Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.

Und wie immer: Wenn ihr eigene Lese-, Film- oder Musiktipps zur Ukraine habt – her damit! Ich hoffe, auch dieser Stopp auf meiner literarischen Weltreise hat euch gefallen. Im nächsten Beitrag geht es weiter nach Mexiko.

Stimmen die bleiben: Anna Seghers

Neue Reihe auf dem Blog: Weibliche Stimmen die bleiben

Manchmal bleiben einem Autorinnen ein Leben lang nah – ohne dass man es gleich merkt. Sie schleichen sich ins Herz über eine zufällig entdeckte Erzählung, ein biografisches Detail, ein Ton, der hängen bleibt. In dieser neuen Reihe möchte ich Schriftstellerinnen vorstellen, die mir viel bedeuten – sei es, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin, weil ich sie spät entdeckt habe oder weil sie mir das Gefühl geben, dass Literatur eben doch mehr ist als bloß Worte auf Papier, ein Rettungsanker in sich verdunkelnden Zeiten.

Dabei soll es nicht nur um die großen Namen gehen – sondern auch um jene, die heute vielleicht nicht mehr so oder noch nicht so präsent sind, obwohl ihr Werk es verdient hätte, gelesen (und/oder wiederentdeckt) zu werden. Es geht um politische Stimmen, poetische Wahrheiten, radikale Gedanken, leise Töne. Und immer auch um die Frage: Was macht eine Autorin eigentlich bedeutsam – für mich, für uns, für die Gegenwart?

Den Anfang macht eine Frau, die mir nicht nur literarisch nah ist – sondern auch geografisch. Denn wie ich stammt Anna Seghers aus Mainz.

Manchmal begegnet einem eine Autorin im Leben nicht durch Zufall. Bei mir war das so mit Anna Seghers. Als „Meenzer Mädche“ war mir ihr Name schon früh vertraut – allein, weil die Stadtbibliothek ihren Namen trägt. Und obwohl sie lange Zeit für mich irgendwie im Kanon der „Schulpflichtlektüre“ abgehakt war, hat sie sich still und nachhaltig in mein literarisches Herz geschrieben. Mit einem ganz eigenen Ton, zwischen großer politischer Überzeugung und tief persönlicher Verletzlichkeit, zwischen klarer Haltung und innerer Zerrissenheit.

Geboren wurde Anna Seghers 1900 als Netty Reiling in Mainz, in eine wohlhabende, jüdische Familie, die im orthodoxen Glauben verankert war. Dass sie sich früh von Religion lossagte und sich später der Kommunistischen Partei anschloss, wirkt rückblickend wie ein klarer Bruch. Aber gerade in dieser Entscheidung steckt auch etwas ganz Menschliches: der Wunsch, an eine Sache unbedingt glauben zu können – auch dann noch, als dieser Glaube längst Risse bekommen hatte. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war ein Schock für viele linke Intellektuelle, auch für Seghers, die sich zeitlebens dennoch nicht öffentlich von der Sowjetunion lossagte. Vielleicht war das politische Festhalten auch Selbstschutz – oder eine Weigerung, sich den eigenen Illusionen stellen zu müssen.

Als Jüdin, Kommunistin und Intellektuelle war sie früh gefährdet. Sie gehörte zu den ersten Autorinnen, die ins Exil gingen. Zuerst floh sie nach Paris, wo ihr Mann, der Ungar László Radványi, jedoch nach dem Einmarsch der Nazis in Südfrankreich interniert wurde. Anna Seghers floh mit ihren beiden Kindern in den unbesetzten Süden Frankreichs, nach Marseille – wo das Bangen und das Warten begannen: auf Papiere, auf eine Ausreisemöglichkeit, auf Rettung. Und dabei war da ständig die Angst vor Bespitzelung. Sie hatte sich nicht – wie andere Exilantinnen – für die Sowjetunion entschieden, sondern für Frankreich und später Mexiko. Und das bedeutete: kein richtiger Schutz, aber auch kein klares Feindbild. Sondern dieses gefährliche Dazwischen.

In Marseille kämpfte sie unermüdlich um die Freilassung ihres Mannes und um Ausreisepapiere. Es war das mexikanische Generalkonsulat unter Gilberto Bosques, das schließlich Hoffnung brachte – nicht nur für sie, sondern für viele Intellektuelle und Verfolgte. 1941 konnte sie mit ihren Kindern an Bord der Capitaine Paul-Lemerle nach Martinique ausreisen. Eine bizarre Fahrt, fast surreal, mit Mitreisenden wie André Breton und Claude Lévi-Strauss – ein Schiff voller Literatur, Theorie und Überlebenswillen. Auf der Weiterreise, als sie mit ihrer Familie New York erreichte und schon die Freiheitsstatue sehen konnte, wurde ihnen die Einreise in die USA unter fadenscheinigen Vorwänden verwehrt. Ein Bild, das hängen bleibt: Freiheit zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Die mexikanische Hauptstadt wurde ihr schließlich zur neuen Heimat.

Mexiko wurde aber nie Heimat im eigentlichen Sinne. Der Schmerz blieb: Sie hatte es nicht geschafft, ihre Mutter aus Mainz zu retten. Die alte Frau starb in einem Konzentrationslager, und Seghers hat sich diesen Verlust, diese Schuld, nie verziehen. Es war eine Wunde, die auch durch literarischen Ausdruck nicht verheilte.

In Mexiko engagierte sich Seghers weiterhin politisch: Sie gründete den Heinrich-Heine-Klub, war eine treibende Kraft im antifaschistischen Widerstand im Exil und gab gemeinsam mit anderen die Zeitschrift Freies Deutschland heraus. In dieser Zeit entstand auch ihr bekanntestes Werk: Das siebte Kreuz. Der Roman erschien 1942 parallel in Mexiko (im Exilverlag El libro libre) und in einer englischen Ausgabe in den USA – ein Jahr später wurde er von Fred Zinnemann verfilmt. Die Geschichte eines Häftlings, der aus einem Konzentrationslager flieht, berührte einen Nerv – weltweit. Besonders in den USA wurde der Roman ein großer Erfolg. In einer Zeit, in der ein erheblicher Teil der amerikanischen Bevölkerung noch gegen einen Kriegseintritt der USA eingestellt war, trug Das siebte Kreuz entscheidend dazu bei, die Wahrnehmung des NS-Regimes zu verändern. Der Roman öffnete vielen die Augen – und half mit, die öffentliche Stimmung in Richtung eines entschlossenen Kampfes gegen den Nationalsozialismus zu wenden.

Kurz darauf, 1943, dann der schwere Autounfall in Mexiko. Seghers lag lange im Krankenhaus, erneut zwischen Leben und Tod. Es ist fast sinnbildlich für ihre Biografie – dieses ständige Schwanken zwischen Hoffnung und Bedrohung, zwischen Fortgehen und Festhalten.

Nach Kriegsende kehrte sie nach Europa zurück – nicht ins geliebte Mainz, sondern in die DDR. Sie wurde eine zentrale Figur im Kulturleben des neuen Staates, Präsidentin des Schriftstellerverbandes, eine Stimme des Sozialismus. Doch mit dieser Rolle ging auch ein Schweigen einher – etwa als ihr Verleger Walter Janka in Ungnade fiel und verhaftet wurde. Öffentlich schwieg Seghers. Sie blieb „auf Linie“. Hinter den Kulissen soll sie sich für seine Freilassung eingesetzt haben, aber öffentliches Eintreten? Fehlanzeige.

Und doch war da diese Sehnsucht. Nach Mainz, nach einer verlorenen Kindheit und sicherlich vor allem auch nach ihrer Mutter. Es dauerte bis 1981, ehe sie zur Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt ernannt wurde. Da war sie bereits eine alte, müde Frau. Sie starb 1983 in Berlin.

Anna Seghers war keine einfache Autorin. Keine, die sich auf ein Podest stellen lässt. Aber genau das macht sie so faszinierend. Sie hat geliebt, geglaubt, gezweifelt, gekämpft – und all das findet sich in ihrem Werk wieder.

Volker Weidermann – Brennendes Licht erschienen im Aufbau Verlag

Ein leises, beinahe tastendes Buch über Anna Seghers Zeit im mexikanischen Exil. Weidermann folgt ihr auf ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland bis nach Mexiko – und erzählt nicht nur vom äußeren Weg, sondern auch von inneren Rissen. Freundschaften, Erfolge, Zweifel, Sehnsucht: alles ist da, aber nichts wird laut ausgesprochen. Alles bleibt immer irgendwie vage.

Spannend wird es, wenn Weidermann Seghers’ Welt in Mexiko ausleuchtet: der Heinrich-Heine-Club, die Begegnungen mit anderen Exilant*innen, der große Erfolg mit Das siebte Kreuz, der sie plötzlich weltberühmt machte. Und dann der Bruch – der schwere Unfall, die Zeit im Krankenhaus. Und doch wird Seghers später sagen: „Das waren die schönsten Jahre meines Lebens.“ Ein Satz, der hängen bleibt.

Besonders lebendig wird es, wenn er von den Menschen um sie herum erzählt: Kisch, Breton, Lévi-Strauss, über Exil und Eigensinn und furchtbar viel Spitzelei an jeder Ecke. Seghers selbst bleibt oft seltsam entrückt. Und der Stil – kurz, sehr leicht, manchmal fast zu sehr auf Wirkung geschrieben – hat mich ab und an ein bisschen rausgeworfen.

Trotzdem: ein kluges, empfindsames Porträt. Kein Denkmal, eher eine literarische Skizze – mit Licht, aber auch Schatten. Und genau das passt eigentlich ziemlich gut zu Anna Seghers finde ich.

Anna Seghers – Und habt ihr denn etwa keine Träume, Büchergilde Gutenberg


Der Erzählband, erschienen in der Büchergilde Klassik-Edition, ist für mich ein echtes Juwel – gerade weil er auch einige weniger bekannte Texte versammelt. Und ja, es ist keine leichte Lektüre. Die erste Geschichte, Die Ziegler, ist sprachlich fast expressionistisch, sprunghaft, fordernd. Man muss dranbleiben, sich einlassen, durchbeißen. Aber es lohnt sich.

„Der Ausflug der toten Mädchen“ ist sicherlich der emotionale Höhepunkt des Bandes. Die Geschichte bewegt sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Erinnerung und Trauer. Seghers verarbeitet darin die Frage was ein junges Mädchen dazu bringt sich mutig gegen das Regime zu stellen und das andere sich dem Bösen hinzugeben. Es ist ein Text, der mich immer noch beschäftigt. Umso eindrücklicher, wenn man weiß, wie sehr er auch in Brennendes Licht reflektiert wird.

„Das Argonautenschiff“ hier schreibt Seghers 1947 in der Ostzone über „Schicksal, Heimat und Bindung“ sowie über die Suche nach einem Weg aus der Existenzkrise. Die Geschichte des Heimkehrers Jason, vormals Anführer der Argonauten, wurde seinerzeit ignoriert beziehungsweise war anscheinend auf Unverständnis gestoßen. Auch wieder keine einfache Kost diese Erzählung.

„Post ins gelobte Land“ erschienen 1944 erzählt sie die Geschichte des Juden Jakob Levi, der vor dem Kriege in Paris als geachteter Augenarzt Dr. Jacques Levi praktizierte.

„Reise ins Elfte Reich“ ist eine satirische Parabel in der Seghers konkrete Erfahrungen ihrer Flucht verarbeitet. Die Zeit der Handlung wird nicht genannt, die Orte der Handlung sind Berlin, das Innere eines zum Elften Reich fahrenden Zuges, die dortige Grenzstation sowie die Hauptstadt dieses fiktiven Landes.

Die 14 Erzählungen sind stilistisch sehr verschieden, von der Groteske über die Hymne bis zum Märchen ist gefühlt alles dabei. Sie erzählen oft von Flucht und Verlorenheit – in vielen Tonlagen. Mit manchen hatte ich durchaus meine Schwierigkeiten: „Wiedereinführung der Sklaverei in Gouadeloupe“ zB oder auch „Auf dem Weg zur amerikanischen Botschaft“, da wäre es ohne Sekundärliteratur gar nicht gegangen, musste mir bei dem Erzählband das eine oder andere Mal auf die Sprünge helfen lassen. Anna Seghers Sprache ist nicht gefällig, aber ehrlich. Kein Pathos, keine Pose. Literatur die man sich erarbeiten muss, die oft verwirrt, auch mal wehtut aber dafür auch mit Figuren und Gedanken belohnt, die einen lange beschäftigen.

Zwei Werke von Anna Seghers verdienen es, am Ende nicht unerwähnt zu bleiben – weil sie ihre literarische Kraft vielleicht am klarsten zeigen und auch den politischen Rahmen ihrer Zeit am eindringlichsten spiegeln: Transit (1944), ein Exilroman zwischen Fluchthorror, Wartesaalgefühl und Identitätsverlust, und Das siebte Kreuz (1942), das wohl bekannteste Werk, das nicht nur durch die Verfilmung weltweite Beachtung fand, sondern auch einfach ein wahnsinnig wichtiges antifaschistes Werk ist.

Beide Bücher werde ich in nächster Zeit (wieder)lesen und auf dem Blog besprechen – weil sie nicht nur literarisch spannend sind, sondern auch helfen, Anna Seghers als Autorin und Mensch besser zu verstehen. Ich würde auch empfehlen eher mit ihren Romanen zu beginnen, die Erzählungen können meiner Ansicht nach schon recht herausfordernd sein.

Transparenz-Hinweis:
Die beiden Bücher „Brennendes Licht“ sowie „Und habt ihr denn etwa keine Träume“ wurden mir im Rahmen einer Kooperation von Bookbot zur Verfügung gestellt. Ich mag an Bookbot besonders, dass man durch das Foto immer genau sieht, welche Ausgabe man tatsächlich bestellt – das ist gerade bei besonderen Ausgaben wie der Büchergilden-Edition für mich ein echter Pluspunkt. Der Bestellvorgang war unkompliziert, die Bücher kamen schnell und genau so an, wie beschrieben. Verkauft habe ich dort bisher noch nichts – aber beim nächsten Regal-Ausmisten ist das fest eingeplant.

Wie geht es euch mit Anna Seghers? Bin sehr gespannt auf eure Rückmeldungen zur Autorin und auch zu der neuen Reihe – ist das etwas was ihr gerne lesen wollt?