Hedy Darling – J. Förster & A. Loder

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Hedy Lamarr war für mich lange einfach ein entfernt exotisch klingender Name, den ich mit viel Mühe irgendwie mit dem Showbusiness in Verbindung brachte. Irgendwann stolperte ich über ihren Namen im Zusammenhang mit dem Frequenzsprungverfahren und die Kombi aus Glamour-Filmstar der 30er Jahre und Erfinderin war so faszinierend, dass ich unbedingt ihre Biografie lesen musste.

Sie wurde 1914 als Hedwig Eva Maria Kiesler in eine gutsituierte jüdische Familie hineingeboren. Von klein auf wurde sie aufgrund ihrer außergewöhnlichen Schönheit bewundert und auf Händen getragen. Daher vielleicht nicht verwunderlich, dass ihr Aussehen für sie lebenslang zur Obsession wird, sie erwartet, von Männern bewundert zu werden. Dabei ist sie keineswegs ein schönes Dummchen. Hedy ist überaus intelligent, spricht mehrere Sprachen und ist recht belesen, man kann aber nicht über Hedy Lamarr sprechen, ohne Bezug auf ihre überirdische Schönheit zu nehmen, die ihr komplettes Leben definierte.

Hedy beschließt ihr Glück im Filmgeschäft zu suchen und dreht 1930 ihren ersten Film. Der vierte Film beschert ihr bereits eine Hauptrolle und das Jahr 1933 einen riesigen handfesten Skandal. Der Fillm „Ekstase“ zeigt sie in einer zehnminüten Nacktszene und im Anschluss gar ihr Gesicht während des Orgasmus – Grund genug für die Nazis, den Film zu verbieten.

Im gleichen Jahr heiratet sie einen älteren Industriellen aus der Rüstungsindustrie, Ernst Mandl, der zwar selbst Jude ist, aber Waffen liefert an Hitler und Mussolini. Solange die ihn brauchen können, wird er daher zum Arier ehrenhalber ernannt, nach der Besetzung Österreichs werden seine Unternehmen allerdings konfisziert und er machte sich nach Südamerika aus dem Staub.

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Die Ehe mit dem krankhaft eifersüchtigen Mandl verläuft alles andere als glücklich und Hedy gelang 1937 die Flucht vor ihm und sie machte sich auf den Weg in die USA. Es dauert auch dort nicht lange, bis ihr Hollywood zu Füßen liegt. In Hollywood wird schließlich aus Hedwig Kiesler Hedy Lamarr. In den Studios gilt Lamarr als schwierig und schauspielerisch wenig ambitioniert. An Filmkunst ist sie wenig interessiert, die Liste der Filmrollen die sie ablehnte, ist ellenlang. Sie möchte reich und berühmt werden, sein und bleiben, das artistische spielt dabei keine große Rolle.

Auch ihr Privatleben ist alles andere als langweilig. Sie war sechsmal verheiratet, hatte etliche Affären mit Männern und Frauen, was für einen überaus gesunden Sexualtrieb spricht. Hedy Lamarr ist eine Frau voller Widersprüche. Sie möchte auf Händen getragen werden, steht auf starke Männer und gerät doch immer wieder an schwächliche Alkoholiker. Sie ist hochintelligent und hat dennoch hauptsächlich ihr Aussehen im Kopf und verstrickt sich insbesondere nach Abklang ihres Hollywoodruhmes in unzählige unnötige Prozesse und beginnt sukzessive abzusteigen. Sie möchte ihren Kindern eine gute Mutter sein und doch lässt sie ihren Adoptivsohn aufgrund einer nebensächlichen Auseinandersetzung im Teenageralter von da an komplett links liegen.

Doch egal wieviel Glamour und Show ihr bedeuten, während des Zweiten Weltkrieges ist sie eine zuverlässige Unterstützerin der US Army. Sie verkauft Kriegsanleihen und arbeitet Schicht in der Hollywood Kantine, während derer sie mit Soldaten tanzt, Kaffee serviert und sogar den Abwasch schmeißt. In diesem Zusammenhang spricht sie ihren Freund, den Komponisten George Antheil, an und vertraut ihm ihre Idee an, wie man abhörsichere Radiokommunikation erreichen könnte.

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Diese ganzen Abende nämlich, an denen sie als schmückendes Beiwerk am Esstisch ihres ersten Mannes saß, während dieser geschäftliches mit Mussolini besprach, waren alles andere als vergeudete Zeit. Während die Herren glaubten, sie poliert gelangweilt ihre Juwelen, war Hedy die ganze Zeit aufmerksam am zuhören. Einfache Frequenzkanäle sind recht einfach abzuhören, daher überlegte Hedy sich, statt die Nachrichten an sich zu kodieren, diese über variierende Frequenzen zu verschicken und sie auf diese Art zu verschlüsseln.

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Hedy und George arbeiten intensiv daran, die Technologie umzusetzen und die Idee in die Tat umzusetzen. Hedy war hier auch alles andere als einfach nur dekoratives Beiwerk, Antheil bestätigte immer wieder, dass Lamarr großen Anteil an der Erfindung der Frequenzsprungtechnik habe. 1942 patentierten sie ihre Funksteuerung für Torpedos, die durch automatisierte wechselnde Frequenzen schwer anzupeilen waren und weitestgehend störungsfrei.

Ihre Erfindung wurde während des Kriegs von der Regierung auf eine Hot-List gepackt, am Ende wurde die Technologie jedoch nicht umgesetzt. 25 Jahre später (bei einer Routinedurchsicht von abgelaufenen Patenten) sah die Regierung großen Wert im Frequenzwechsler und seither wird sämtliche militärische Kommunikation darüber absolviert und auch Mobiltelefone nutzen diese Technik bei der die Gespräche über automatisierte Frequenzsprünge übermittelt werden.

Hedy Lamarr war sicherlich kein einfacher Mensch, ihre Ansprüche an ihre Männer, Filmbosse und ihre Kinder enorm. 1958 drehte sie ihren letzten Film und die 1960er Jahre waren keine gute Zeit für sie. Der Verlust ihrer unglaublichen Schönheit setzte ihr enorm zu, Filmangebote blieben aus und sie begann einen verrückten Prozess nach dem nächsten zu führen. Man hatte das Gefühl, wer nicht bei Drei auf dem Baum war, wurde verklagt. Sie selbst wurde daneben als Ladendiebin verurteilt.

Nach einigen Jahren fing sie sich wieder, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und verbringt mehr Zeit mit ihren Kindern und Enkelkindern. Ihr Sohn Anthony Loder ist Mitautor der vorliegenden Biografie.

Der Ankerherz Verlag hat sich beim Layout wieder nicht lumpen lassen. In rotes Leinen gebunden und mit vielen Fotos ausgestattet kann sich diese Biografie wirklich sehen lassen. Vermisst habe ich eine Filmografie und ein Stichwortverzeichnis. Auch Quellennachweise sucht man vergeblich.

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Aber von diesen Kleinigkeiten einmal abgesehen ist das eine Biografie die spannend ist und Spaß macht. Förster bringt einem die Frau hinter dem Star näher, ohne sich anzubiedern. Er sieht sie teilweise auch durchaus kritisch, schätzt aber auch vieles an ihr und zeichnet das Bild einer emanzipierten Frau mit Erfindergeist, die sich nimmt was sie haben will.

 

Den Film „Ekstase“ kann man komplett im Internet anschauen – macht Euch also selbst ein Bild über den Riesenskandal 😉

Vielen Dank an den Ankerherz Verlag für das Rezensionsexemplar.

Francoise Gilot Die Frau, die nein sagt – Malte Herwig

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Francoise Gilot war eine junge 21-jährige Malerin in Paris, als sie dem 62-jährigen Picasso zum ersten Mal begegnete. Sie sollte 10 Jahre lang seine Geliebte, sein Model und seine Muse bleiben, sowie die Mutter zweier seiner Kinder werden, Claude und Paloma. Außerdem war auch die einzige Frau, die Picasso jemals verlassen hat. Üblicherweise war das sein Job und er hat auch bis zuletzt nicht wirklich geglaubt, sie würde es durchziehen. „Keine Frau verlässt einen Mann wie mich“, hatte Picasso selbstsicher behauptet. „Einen Mann, so reich und berühmt“. Francoise bewies das Gegenteil und erwiderte, „dann sei sie eben die erste Frau, die es fertigbrächte“.

„Picasso tobte. Beladen mit Koffern, zwei Kindern und einer jungen Frau fuhr das Taxi vor der Villa La Galloise in Vallauris an. Bald war der Wagen nur noch eine Staubwolke auf der südfranzösischen Landstraße in Richtung Paris, und Picasso stampfte wütend zurück in das leere Haus. Sie hatte es tatsächlich getan, hatte Wort gehalten und war mit den beiden Kindern – seinen Kindern! – fortgefahren für immer. Es war ein Unding, nicht vorgesehen und nicht vorhersehbar im Lebensplan des alten Meisters.“

Kein geringerer als Robert Capa setzte dem außergewöhnlichen Paar mit diesem weltberühmten Foto ein Denkmal:

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Gilot ist ein unabhängiger Geist, die selbst ihren Liebhabern und engsten Vertrauten gegenüber stets undurchschaubar blieb.

„Selbst Picasso kannte mich trotz unserer zehn gemeinsamen Jahre nie, denn ich habe mich verschlossen. Ich enthülle mich nie, warum sollte ich das? Ich drücke mich in meinen Bildern aus“

Ihr Lebensmotto, das irgendwie zu ihren „accont circonflexe Augenbrauen“ passt, lautet: „Wenn du etwas riskierst, erlebst Du auch schlimme Dinge, aber du lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Allerschlimmste: langweilig werden“

Gilot ist 90 Jahre alt, als sich der SZ-Reporter Malte Herwig bei ihr meldet und sie um ein Interview bittet.

Aus einem geplanten Interview werden über Jahre andauernde fast freundschaftliche Gespräche. Sie philosophieren gemeinsam über den Zauber des Schreibens mit Tinte, über das Kunstgeschäft, die Rolle der Frauen in der Kunst und natürlich immer wieder um das Malen.

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Sie erzählt ihm von ihrem Leben an Picassos Seite und zeigt einen cholerischen, herrschsüchtigen Picasso, der liebevoll aber auch äußerst grausamsein konnte. Lange hat die zarte Gilot seine Ausbrüche ertragen. Picasso verstand sich darauf, seine Frauen auch finanziell von ihm abhängig zu machen. Dies sollte ihm bei Gilot nicht gelingen, der Ausdruck „Die Frau, die nein sagt“ ist ein fast resigniert klingendes Zitat Picassos über Francoise.

Malte Herwig ist sicherlich nicht immer objektiv in seinem Buch, denn er ist ganz verzaubert von der weisen, junggebliebenen Gilot. Ich kann es ihm nicht verdenken, mir wäre es genauso gegangen. Sie wächst einem ans Herz, diese zarte starke Frau.

Ich habe unglaublich viel aus dem Buch herausgeschrieben. Francoise Gilot hat sehr viel zu sagen und ich habe dieses Buch mit ganz unglaublichem Genuß gelesen – es ist wirklich grandios.

In den Museen sind nur verhältnismässig wenige Bilder von Gilot zu finden. Viele befinden sich in Privatbesitz. Sie ersteigert hin und wieder eines ihrer Bilder zurück.

In den 6oer Jahren schrieb sie eine Art Enthüllungsbuch über Picasso – „Leben mit Picasso“ – das den Meister gründlich erboste und sie eine zeitlang im Kunstbetrieb ziemlich aufs Abstellgleis beförderte.

Geblieben war Francoise Gilet aus ihrer Zeit mit Picasso eine Zeichnung und das berühmte Femme-Fleur Porträt, das er von ihr angefertigt hatte (allerdings erst als Matisse Gilot bat, ihm Modell zu sitzen). Der Verkauf des Bildes hat ihr die Atelierswohnung in New York in der Nähe des Central Parks beschert, ein weiterer Garant ihrer Unabhängigkeit.

Interessant fand ich auch, wie sehr auch heute noch Künstlerinnen im Schatten ihrer männlichen Kollegen stehen. Das teuerste Nachkriegsgemälde des Künstlers Marc Rothko erzielte 86,9 Millionen Dollar, das teuerste Kunstwerk einer Frau – Louise Bourgeois – dagegen nur 10,7 Millionen. Krass. Das Verhältnis in Ausstellungen, Museen und Galerien möchte ich gar nicht genau wissen.

Der für mich wichtigste Satz in dem Buch war einer, der meiner Lebensphilosophie entspricht und den ich selbst leider nie so auf den Punkt hätte bringen können:

„Du darfst nie etwas ausradieren! Du zeichnest eine Linie und Du mußt dafür sorgen, dass sie etwas bedeutet. Wenn sie da ist, ist sie da, und du mußt etwas daraus machen.

Aber wenn ich einen Fehler mache?

Dann mußt du damit arbeiten, bis der Fehler einen Sinn bekommt.

Am Ende ist ein Fehler kein Fehler mehr, weil du ihm einen Platz und eine Bedeutung im großen Ganzen gegeben hast.“

Ich bin so froh, auf der Buchmesse nicht nur den Ankerherz-Verlag, sondern auch dieses Buch entdeckt zu haben. Es ist nicht nur inhaltlich schön, es ist auch gestalterisch wundervoll. Der helltürkisgrüne Leinenumschlag mit Goldprägung – so so schön.

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Und wenn ein Verlagsgründer dann auch noch so wunderschöne inks hat, dann hat der Bingereader wohl einen neuen Lieblingsverlag gefunden 😉

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Hier ist ein interessantes kurzes Video über einen Besuch in Francoise Gilots Studio:

Das Buch erschien im Ankerherz Verlag.