Shakespeare & Co

 

Shakespeare

Die Hogarth Press wurde 1917 von Virginia und Leonard Woolf gegründet mit der Vision, das beste zu drucken, was die moderne Literatur zu bieten hatte. 2012 wurde Hogarth in London und New York neu gegründet, um diese Tradition weiterleben zu lassen. Im Oktober 2015 begann der Verlag ein Shakespeare Projekt, das der Neuerzählung von Shakespeares Stücken gewidmet ist. Einige der renommiertesten Autoren der Gegenwart konnten für das Projekt gewonnen werden und haben sich jeweils einem Werk Shakespeares angenommen.

Den Anfang machte Jeannette Winterson, die sich in „The Gap of Time“ der Neuerzählung von Shakespeares „Winter Tale/Das Wintermärchen“ widmet und das gleichzeitig und eher zufällig die Oktober-Lektüre in unserem Bookclub war.

Bereits erschienen sind zudem Anne Tyler „Vinegar Girl“, basierend auf „The Taming of the Shrewd/Der Widerspenstigen Zähmung“, Howard Jacobsen „Shylock is my name“, basierend auf „The Merchant of Venice/Der Kaufmann von Venedig“, Margaret Atwood „Hagseed“, basierend auf „The Tempest/Der Sturm“ und Tracey Chevaliers „New Boy“, basierend auf „Othello“.

Geplant sind desweiteren Edward St. Aubyn mit einer Neuinterpretation von King Lear, Jo Nesbø versucht sich an Macbeth und Gillian Flynn an Macbeth.

Ian McEwans Buch „Nutshell“, die Neuinterpretation Hamlets, ist also außerhalb dieser Reihe entstanden und hat, wie es scheint, nichts mit dieser zu tun. Ich habe die deutsche Diogenes-Ausgabe kürzlich in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, gerade als ich mit Jeannette Wintersons „The Gap of Time“ begonnen hatte und sah das als Fingerzeig für den Bookclub, gleich beide Bücher zu lesen (für Extrapunkte, die ich dann bei Gelegenheit in einen Extra-Nachtisch umwandle oder so).

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„The Winter’s Tale“ ist eines von Shakespeares späten Stücken, in denen er etwas sanfter wurde und auch nicht mehr all seine weiblichen Protagonisten abmetztelt. Es ist die Geschichte eines Königs, dessen rasende Eifersucht zur Verbannung seiner kleinen Tochter führt und in den Tod seiner wunderschönen Frau. Die Tochter wird von einem Schäfer an der Küste Böhmens gefunden und nach einer Reihe außergewöhnlicher Umstände finden sich Vater, Tochter und gar die Mutter am Ende wieder.

In Jeanette Wintersons Version spielt der größte Teil der Geschichte im London im Jahr 2008 nach der Finanzkrise und von dort geht es in die amerikanische Stadt „New Bohemia“. Ihre Geschichte dreht sich um die zwei Jugendfreunde Leo und Xeno, die sich während ihrer Internatzeit mehr als nahe standen.

16 Jahre später ist Leo ist ein irre reicher, arroganter und ziemlich paranoider Hedge Fund Manager, der mit der wunderschönen Sängerin MiMi verheiratet ist und mit der er einen Sohn hat namens Milo. MiMi ist schwanger mit ihrem zweiten Kind.
Xeno ist ein schwuler, introvertierter Designer von Videospielen.

In seinem Wahn wird Leo immer besessener von der Idee, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affäre mit Xeno und er sei der Vater des Kindes. Leo versucht Xeno zu töten, vergewaltigt seine Frau und gibt nach der dadurch ausgelösten Geburt das Kind einem Angestellten den Auftrag, es Xeno zu überliefern.

Natürlich geht das schief. Der Bote wird umgebracht, nachdem er das Baby in einer Babyklappe gelassen hat, da er den Angriff kommen sieht. Ein Mann namens Shep und sein Sohn Clo finden das Baby und nehmen es mitsamt der Tasche, die Geld und Juwelen enthält, mit, um es großzuziehen.

“And the world goes on regardless of joy or despair or one woman’s fortune or one man’s loss. And we can’t know the lives of others. And we can’t know our own lives beyond the details we can manage. And the things that change us forever happen without us knowing they would happen. And the moment that looks like the rest is the one where hearts are broken or healed. And time that runs so steady and sure runs wild outside the clocks. It takes so little time to change a lifetime and it takes a lifetime to understand the change.”

Nach unglaublichen Umwegen trifft das Findelkind Perdita 16 Jahre später Xeno und dessen Sohn Zel und – na klar – verliebt sich in Zel. Sie wird schlussendlich mit ihrem reumütigen und einsamen biologischen Vater wiedervereint als auch mit ihrer Mutter.

Fast alle Wunden werden geheilt und nahezu alles wieder gut gemacht. Ein überraschend befriedigendes Happy End, das man bei Shakespeare nicht oft erlebt.

Ich liebe Wintersons Art zu schreiben, ihren Witz, ihre Klugheit, die Mühelosigkeit, mit der sie die komplexen Emotionen der Charaktere und die Geschichte erzählt hat.

Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Eifersucht, Freundschaft, Geld, dem besonderen Schicksal von adoptierten Kindern und der Zeit, die sich immer wieder in elliptischen Kreisen dreht.

“I guess I’m afraid of not being like other people. No, that’s not true. I’m not afraid of not being like other people. I’m afraid I won’t find anybody who doesn’t mind me not being like other people. I’m not ambitious for money or power. I want to find some real way to live.” 

Hier ist ein Interview mit der Autorin in dem sie über „The Gap of Time“ spricht:

Jeanette Winterson wurde selbst adoptiert und hat daher ganz bewußt „The Winter Tale“ gewählt, dass sich wie ein roter Faden durch viele ihre Bücher zieht. In ihrem Nachruf auf die Autorin Ruth Rendell schreibt sie „… she (Ruth Rendell) did worry that I would shipwreck. I was reckless, wild, outspoken, lost, at odds with my past – I hated being adopted. I wanted to belong but not at the price of conformity. Ruth understood my contradictions…“ 

Vielleicht noch ganz interessant zu erfahren, dass wenige Bücher so einhellig gelobt und geliebt wurden im Bookclub. Zu große Harmonie und Übereinstimmung kann sonst gelegentlich zu etwas langweiligen Diskussionen führen, nicht bei diesem Buch, da war dank Shakespeare und auch dank Winterson so viel Stoff zum diskutieren.

Marion von Schiefgelesen hat hier eine wunderbare Rezension zu „The Gap of Time“ geschrieben, ebenso die Bücherphilosophin – ihre Rezension findet ihr hier.

Es hat sich auch mit dem Cast im Buch ganz vorzüglich „Who would you marry / Who would you shag / who would you throw off a cliff“ spielen. Über die Frage wer im Bookclub mit wem im Buch und so hüllen wir jetzt den Mantel des Schweigens und widmen uns dem nächsten Shakespeare 2.0 Kandidaten Ian McEwan:

 

Ian McEwan traut sich was. Seine Geschichte wird aus der Perspektive eines unglaublich gebildeten Fötus erzählt, der ein ganz unglaubliches Wissen über Wein, Geschichte und dem Zeitgeschehen angesammelt hat, überwiegend durch die Podcasts, die seine Mutter aufgrund von Schlaflosigkeit hört.

Dieser neunmalkluge Fötus ging mir anfangs auf den Nerv, ich brauchte etwas, bis ich mich auf die Geschichte eingelassen habe, aber dann war ich nur noch begeistert. „Nusschale“ ist eine zutiefst durchtriebene Version von „Hamlet“, wo die Treuelosigkeit zwischen „Trudy“ und ihrem Schwager „Claude“ nicht vom jugendlichen Hamlet beobachtet wird, sondern vom ungeborenen und unbenannten Fötus.

McEwans Spiel mit der Sprache gleicht einem Drahtseiltänzer, der routiniert ohne Netz und doppelten Boden die gewagtesten Sprünge vollzieht. Ich habe gefühlt das halbe Buch unterstrichen und möchte es unbedingt noch einmal im Original lesen, die Übersetzung scheint mir aber überaus gelungen zu sein.

„Mein Selbstmitleid, im einsamen Höhenflug, sieht mich irgendwo im dreizehnten Stock des barbarischen Hochhauses enden … Allein der Gedanke da zu wohnen.
Ganz genau. Eine Kindheit mit Computerspielen statt Büchern, mit Zucker, Fett und körperlicher Züchtigung. Schlagetal, o ja. Keine Gutenachtgeschichten, um meine Hirnplastizität zu fördern. Die neugierfreie Gedankenwelt der modernen englischen Unterschicht. Dann doch lieber Madenzucht in Utah? Ich Armer, ich elender Dreijähriger mit Igelschnitt, Wampe und Tarnhose, verloren in einer Wolke aus Fernsehlärm und Passivrauch. Die tätowierten, geschwollenen Knöchel der Adoptivmutter staksen vorbei, gefolgt vom stinkenden Köter ihres labilen Lovers.“

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Ich bleibe bei meiner Beschreibung hier jetzt absichtlich kurz, was den Plot angeht. Fast jeder hat wahrscheinlich „Hamlet“ in der Schule gelesen, daher nur kurz die Grobübersicht, das muss erst mal reichen. Ob also die zarte Truy und ihr tölpelhafter Lover ihren Plan durchgezogen bekommen, müsst ihr schon selbst rausfinden, es lohnt sich.

Dies also meine Kurzbesprechung von Ian McEwans „Nusschale“ in a nutshell…

Jeanette Winterson „Der weite Raum der Zeit“ ist im Knaus Verlag erschienen.

Ian McEwan „Nussschale“ erschien im Diogenes Verlag.

Gerade gesehen, dass mein Satz mit der Verlinkung zu Marions Shakespeare Projekt auf schiefgelesen verschwunden ist, hier also jetzt der link, dort gibt es auch jede Menge Hogarth Shakespeare zu entdecken.

 

 

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