Meine Woche

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Gesehen: „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) von Fritz Lang. Krimi der in den Wirren der Weimarer Republik spielt, ein echtes Meisterwerk, das direkt nach Erscheinen verboten wurde und erst in den 1950er Jahren ins Kino kam.

The End of the Tour“ (2015) von James Ponsoldt mit Jesse Eisenberg und Jason Segel. Die Geschichte des fünftägigen Interviews eines Rolling-Stones-Reporters mit David Foster Wallace, direkt nach dessen Veröffentlichung von „Infinite Jest“ von 1996.

We Will“ (2017) Kurzfilm zur Ehe-Gleichstellung in Australien. Bissl cheesy, aber auch irgendwie süß

Gehört: „The Big Ship“ – Brian Eno, Délicieux – Closet Disco Queen, „The Babadook End Credits“ – Jed Kurzel, „Fenster“ – Kraftklub, „Alice“ – The Underground Youth, „Genesis“ – SITD

Gelesen: diesen Artikel über politische Mythologie, diesen Artikel über die Brexit-Auswanderer, Lena Dunham interviewt Jill Abramson, Peter Drucker darüber wie man seine Zeit wirklich managt, warum Rebecca Solnit an den Feminismus glaubt, warum Optimismus tatsächlich gut für die Gesundheit ist, wie Ayn Rand das Silicon Valley und Trump überzeugt hat

Getan: mich viel mit Data-Visualisation beschäftigt, einer Freundin zum neuen Job gratuliert, ein Oster-Baby begrüsst, in Wien die Cafe-Häuser gestürmt und unseren 3-Damen-Ausflug sehr genossen

Geplant: eine Location für mein Reading-Weekend zu finden

Gegessen: Mohnnudeln

Getrunken: Grünen Veltliner

Gelacht: da fehlt garantiert mindestens 1 Nagel in dem Bausatz

Geärgert: über die grauen Wolken

Gefreut: über wahnsinnig positive Empfehlungsschreiben und über meinen Säbelzahntiger

Gewünscht: diese Garderobe, dieses Outfit, diese bepflanzten Kork-Magnete

Geklickt: auf Autodraw – hurra ich kann zeichnen 😉 auf dieses Volunteer-Projekt, 25 Frauen deren Erfindungen unser Leben verändern, auf den TED Talk von Katie Bouman wie man ein schwarzes Loch fotografiert

Gekauft: „Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig musste als neue Ausgabe her. Meine alte war so häßlich und elendig klein gedruckt – ging gar nicht

Gefunden: tolle Bücher in den verschiedenen „free little libraries“ in Wien

Gewundert: was dieser kleine Fisch so drauf hat

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Die Toten – Christian Kracht

kracht

We are all so afraid, we are all so alone, we all
so need from the outside the assurance
of our own worthiness to exist. But these things
pass away; inevitably the pass away as the
shadows pass across sundials. It is sad, but it is so.
(Ford Maddox Ford)

Dank des Druckfrisch-Interviews mit dem Autor weiß ich, dass der Roman wie ein dreiaktikges No-Theaterstück aufgebaut ist. Es fängt geisterhaft schleichend an, in der Mitte ist Action und am Ende sind möglichst viele tot. Das hätte mir sehr gefallen, intellektuell genug zu sein, den Bezug zum japanischen No-Theater allein durch die Lektüre zu erkennen, aber so schlau bin ich leider nicht. Das wäre an mir vorbei gegangen, vermutlich hätte ich die Lektüre dennoch genossen.

Der Roman beginnt aus meiner Sicht gar nicht so geisterhaft schleichend, sondern recht fulminant mit der Selbstentleibung eines japanischen Offiziers, der ihm bewußt oder unbewußt bei seiner Tat gefilmt wird.  Nach diesem Einstieg geht es erst einmal in die Schweiz, wo wir den Filmregisseur Emil Nägeli kennenlernen, der mit den Geistern seiner Vergangenheit kämpft.

Anfang der 30er Jahre  reist er nach Japan, um dort einen Schauerfilm zu drehen. Man denkt an den Selbstmord am Anfang, erwartet irgendwie eine Art „Snuff“-Film, aber so wirklich wird auf den Film nicht eingegangen. Vielmehr gibt es das Ziel, eine „zulluloide Achse“ zu bauen zwischen Deutschland und Japan, um dem dekadenten Hollywood etwas entgegenzusetzen.

Vor der Kulisse eines wunderbar geheimnisvoll-düsteren Japans, dem pulsierenden Berlin der Weimarer Republik, einem Luxusdampfer und einer Prise Los Angeles tauchen eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten auf: Fritz Lang, Kracauer, neben einem zwielichten Heinz Rühmann, auch Hitler Kumpan Putzi Hanfstaengl und Charlie Chaplin . Japan hat sich lange dem Tonfilm widersetzt und Chaplin hatte eine große Anhängerschaft dort. Im Roman – wie auch in der Realität – wird auf Chaplin und den japanischen Thronfolger ein Attentat verübt.

„Ida antwortete ungeniert, daß es ein Vergessen allen Daseins gebe, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns sei, als hätten wir alles gefunden – sie sah ihm dabei direkt in die Augen, und Amakasu, dessen Fuß unter dem Tischchen langsam höher wanderte, war sich sicher, exakt diesen Ausstausch schon einmal erlebt zu haben, er vermochte sich aber nicht mehr zu erinnern, wo und wann. 

Ein kurzes Buch mit vielen spannenden Gedanken, das mir aufgrund seiner dunklen Melancholie, seiner Atmosphäre und der  Sprache Krachts sehr gut gefallen hat. Etwas enttäuscht war ich dennoch, vermutlich weil ich erwartet oder gehofft hatte, das Filme einer größere Rolle spielen. Die Handlungsfäden verlaufen häufiger im Nirgendwo und es war nicht einfach, den Überblick zu behalten wohin die Reise jetzt eigentlich geht.

„Er spürte eine allumfassende Erschlaffung, eine Phlegmatisierung des Körpers, eine stetig anwachsende, sprachlose Melancholie angesichts jener Zumutung der Vergänglichkeit“

Ida von Üxküll war für mich die heimliche Heldin des Romans, der für meinen Geschmack gerne noch etwas mehr Raum hätte eingeräumt werden dürfen. Ein Roman, der sich oft wie ein Drehbuch liest, viele wiederkehrende Motive (jede Menge Leuten kauen an den Fingern) vielleicht hätte ich noch mehr aus dem Roman herausgezogen, wenn ich mich besser auskennen würde in der (Film)Geschichte der Weimarer Republik und der japanischen Kultur, aber wie gesagt die wundervolle Weltschmerz-Atmosphäre und die poetische Sprache Krachts haben da einiges wett gemacht für mich.

Ich kenne von ihm bislang nur „1979“ möchte aber unbedingt noch Faserland lesen. Habt ihr noch andere Empfehlungen oder ist Kracht gar nicht Euer Ding ?

Überaus symphatisch finde ich ihn nicht, wobei das Interview mit Denis Scheck ging ja (bis auf den Kaiser-Wilhelm-Bart – jesses). Da habe ich ihn vor ein paar Jahren in einem Interview mit Harald Schmidt glaube ich noch deutlich arroganter erlebt. Aber Schriftsteller müssen ja auch nicht unbedingt symphatisch sein, sie sollen hauptsächlich gute Bücher schreiben, die ich lesen möchte.

Hier besagtes Interview mit Herrn Scheck:

Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.