#WomeninSciFi (14) Die Stunde der Rotkehlchen – Jo Walton

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Das Bloggerkombinat „Feiner Reiner Buchstoff“ ist schon mit dem zweiten Beitrag für diese Reihe vertreten und ich freue mich sehr darüber. Ralf ist bei den „üblichen Verdächtigen“ häufig mit Büchern aus dem Bereich Science Fiction vertreten und heute stellt er Jo Walton vor, eine Science Fiction Autorin, die mit ihrem Roman „Die Stunde der Rotkehlchen“ sehr gekonnt mit dem beliebten SciFi Gimmick „Alternative Zeitlinie“ spielt.

Um die Gegenwart zu begreifen, ist es unumgänglich, die Vergangenheit zu kennen. Das gilt sowohl für Menschen, als auch für die Geschichte. Geschichte und die Reaktionen der Menschen wiederholen sich und so erkennt man bestimmte Verhaltensmuster von Menschen, aber auch der Geschichte sehr schnell wieder. Wichtig ist ein Gesamtüberblick, der sich aus der Gegenwart nicht immer entschlüsseln lässt. Erst rückblickend wird Geschichte umfassend verstanden. Nichtsdestotrotz begehen wir als Menschen und Menschheit aber auch immer dieselben Fehler. Danach will man es natürlich gewusst haben. Klar. Und dann beginnt das Jammern, hätte man nicht dieses oder jenes … Fehler sollten nicht noch einmal begangen werden.

In der Literatur wird das Thema ‚Was wäre wenn?‘ gerne in den sogenannten ‚Parallelwelten‘ aufgenommen. Dieses Thema beschäftigte schon die alten Griechen in der Antike und dient sicherlich auch der Aufarbeitung von Geschichte. Thema des vorliegenden Buches ist die Hypothese, dass Hitler im zweiten Weltkrieg Frieden mit England geschlossen hat, um sich ganz dem großen Feind, dem Bolschewismus, zu widmen. Dieser Friede, auch ‚Farthing-Friede‘, wurde von einer kleinen Geheimgesellschaft initiiert, die sich in England gebildet hat. Hauptinitiator des Friedens war 1941 Sir James Thirkie, der acht Jahre später plötzlich tot auf dem Landsitz der Familie Farthing aufgefunden wird.

Wie auch in ihrem prämierten Buch: „In einer anderen Welt“ baut Jo Walton den Kriminalfall, diesmal aus der Sicht von zwei Personen, in tagebuchähnlicher Form, behutsam auf. Lucy ist die Tochter des Hauses Farthing und hat sich durch ihre Liebesheirat mit dem Juden David keine gesellschaftlichen Freunde geschaffen. Juden sind in England zwar geduldet, aber wegen des Friedens mit Hitler, der diese auf dem Kontinent interniert und verfolgt, immer ein Dorn im Auge der Engländer. Lucy hat ihren eigenen Kopf und die Angst um ihren Mann und die Abtrennung von ihren gesellschaftlichen, engen Wurzeln bestimmen ihr Denken und Tun.

Das England des Jahres 1949 ist noch stark vom Adel und der englischen Gesellschaft geprägt. Inspektor Carmichael von Scotland Yard, welches bei diesem hochbrisanten, politischen Mord, hinzugezogen wurde, ist der zweite Ich-Erzähler dieses Buches. Er hat einen sehr wachen Geist und merkt schnell, dass dieser Fall ihm über den Kopf wächst, ja, dass über seinen Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden. Im Grunde genommen geht es nicht darum, den wirklich Schuldigen des Mordes zu finden. Es geht darum, den politisch richtigen Schuldigen zu finden.

Jo Walton führt den Leser behutsam in ihre Alternativwelt ein und verknüpft diese geschickt mit dem Mordfall, um dem Leser Hintergrundinformationen ihrer Welt zu liefern. Ihre sehr empathische Art zu schreiben lässt die Personen sehr warm und nahe wirken. Die eingeflochtenen Beschreibungen der herrschenden Zustände in England und auf der Welt sind sehr schlüssig und wirken nie aufdringlich. Man hat wirklich das Gefühl so und nicht anders hätte es durchaus ablaufen können.

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Damit kommen wir zu einem sehr perfiden Punkt des Buches. Die Schrecken und Toten des zweiten Weltkrieges und des Naziregimes sind bekannt. Wäre es, nachträglich gesehen besser gewesen, Hitler hätte den Frieden mit England gehalten, was sicherlich ein klügerer Schachzug, als ein Krieg an allen Fronten gewesen wäre, oder ist ein Ende mit Schrecken, wie es abgelaufen ist, dieser Alternativwelt vorzuziehen? Diese Frage ist deswegen so perfide, weil so oder so, beides ein leidvolles und schreckliches Erlebnis bedeuten würde. Und die Frage nach Pest oder Cholera erübrigt sich.

Als Widmung stellt Jo Walton folgendes vorab:

„Für alle, die sich jemals mit den Ungeheuerlichkeiten der Geschichte beschäftigt haben, schaudernd eigentlich, doch vor Überraschungen sicher, als ginge es um die Autopsie eines toten Drachen, nur um im nächsten Augenblick den sehr lebendigen Nachkommen des Drachen gegenüberzustehen und ihnen ins offene Maul zu starren.“

Diese hintergründig lauernde Heimtücke der geschichtlichen Bedeutung, gepaart mit dem wirklich schönen sanften Schreibstil macht dieses Buch zu einem bemerkenswerten Beispiel von gedankenvoller und hintergründiger Literatur. Eine echte Perle, die der Golkonda Verlag liebevoll im Hardcover neu aufgelegt hat. Das erste Buch der Serie um Inspektor Carmichael.

„Die Stunde der Rotkehlchen“ ist im Golkonda Verlag erschienen.

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Stories Of Your Life – Ted Chiang

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Ted Chiang ist technischer Redakteur in der Software Industry und publiziert immer mal wieder Kurzgeschichten, die so unglaublich gut sind und fast immer umgehend die fettesten Sci-Fi Awards absahnen. Er stand schon eine ganze Weile auf meinem Wunschzettel, ich saß zeternd im Kino bei „Arrival“ und habe mich ausgeschimpft, es nicht vor Filmbeginn geschafft zu haben, seinen Kurzgeschichtenband zu lesen, um dann umgehend wieder ewig nicht dazu zu kommen. Es ist manchmal ein Kreuz mit mir und all dem, was ich lesen will und der wenigen Zeit die einem dafür bleibt.

Da kam mir das gemeinsame #StoriesofChiang Leseprojekt von Miss Boolena genau recht. Zu Viert haben wir (Miss Booleana, Kathrin und Voidpointer) gelesen und unsere Eindrücke auf Twitter geteilt. Das hat riesigen Spaß gemacht – ABER alle anderen waren sowohl im Zwischenfazit schreiben, auf Twitter und überhaupt deutlich aktiver als ich. Asche auf mein Haupt.

 

 

 

 

 

 

Ich habe die Geschichten vielleicht zu schnell verschlungen, habe danach aber auch einfach noch Zeit gebraucht, das Gelesene zu verdauen und für Zwischenfazits auf dem Blog hat es bei mir gar nicht gelangt. Hier aber jetzt mein finaler Eindruck zu Chiangs Geschichten und ich empfohle euch auf jeden Fall, bei den anderen Ladies vorbeizuschauen, die haben da richtig toll resümiert und Lust gemacht aufs Buch.

Ich habe selten (Sci-Fi)Kurzgeschichten gelesen, die gleichzeitig so spannend und auf so hohem Niveau geschrieben sind. Jede dieser Geschichten wäre eine verdammt gute Black Mirror Episode. Sie sind allesamt kleine Juwelen mit rasiermesserscharfer Intelligenz, die einen so sehr zum Nachdenken bringen, dass man glaubt seine Hirnwindungen heiß laufen zu spüren. Mir gefiel, dass Chiang am Ende jeder Geschichte kurz erläutert, was ihn jeweils dazu inspiriert hat.

 

Tower of Babylon: 5/5
Was für ein Auftakt. Die alttestamentarische  Geschichte von der Erbauung des Turmes zu Babylon sehr kreativ weitergesponnen, es geht hier nicht nur um die Erbauung, sondern auch die Reise bis zum höchsten Punkt, der weit über den Himmel, die Sonne und die Sterne hinausgeht. Kein Wunder, dass es hier Awards gehagelt hat. Richtig gut.

Understand: 5/5
Eine meiner liebsten Geschichten, bei der ich mich ertappt habe, dass ich vielleicht ähnlich wie der Protagonist handeln würde. Spannender Einblick in das Bewußtsein eines Menschen, der übermenschliche Intelligenz entwickelt. Interessant auch, wie sich Vokabular und Sprache mit der Intelligenz des Protagonisten weiterentwickeln.

Division By Zero: 4/5
Eine Geschichte über psychische Erkrankungen, Mathematik und Selbstmord. Was passiert, wenn alles, wofür du jemals gearbeitet hast und an dass du fundamental geglaubt hast, sich auf einmal als falsch herausstellt?

Story of Your Life: 6/5
Ernsthaft. Eine der besten Geschichten die ich jemals gelesen habe und dann auch noch eine Linguistin. Yeah! Lesen und dann nochmal „Arrival“ schauen.

Seventy-Two Letters: 2/5
Das Konzept war ganz interessant, aber die Story selbst fand ich nicht ganz so stark wie die anderen. Eine Interpretation des Golem-Mythos plus Steampunk spielt in viktorianischen Zeiten, die Geschichte habe ich nicht zu Ende gelesen. Zwei mal begonnen, aber irgendwie sind wir nicht miteinander warm geworden.

The Evolution of Human Science: 3/5
Das war eine extrem kurze Geschichte einer wissenschaftlichen Entdeckung. Hätte mir länger glaube ich besser gefallen. Mehr ein Schnipsel, als eine Kurzgeschichte.

Hell is the Absence of God: 4/5
Das war eine ziemlich abgefahrene Story in der Gott ein ziemlich durchgeknallter Scheißkerl ist, der sich null um die Menschen kümmert, trotzdem erwartet, bedingungslos geliebt zu werden. Für Atheisten vielleicht angenehmer zu lesen?

Liking What You See: A Documentary: 5/5
Was wäre, wenn ein Mensch einen sehen und identifizieren kann, einen aber nicht als schön oder häßlich empfindet, sondern jeden gleich neutral? Da waren ein paar hervorragend spannende Argumente auf beiden Seiten der Diskussion, in der es um die Nutzung der entsprechenden Technologie ging.

Hier findet ihr die wunderbaren Berichte meiner Kolleginnen:

20.08. Ankündigung von Kathrin

21.08. Ankündigung Miss Booleana

28.08. Erstes Zwischenfazit Miss Booleana

03.09. Erstes Zwischenfazit Kathrin

06.09. Zweites Zwischenfazit Miss Booleana

17.09. Zweites Zwischenfazit Kathrin

22.09. Gesamtfazit von Miss Booleana

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ im Golkonda Verlag erschienen.