Enlightenment Now – Steven Pinker

Pinker

Optimismus und positives Denken sind einfach nicht cool, wer etwas auf sich hält, sieht die Welt als einen Ort voller ungelöster und unlösbarer Probleme und Risiken, wer die Welt positiver sieht, den hält man gerne schon mal für einen für einen naiven Deppen ohne jede Fähigkeit zum kritischen Denken.

Schon John Stuart Mill, ein eher optimistischer Philosoph, beobachtete das und schrieb dazu im Jahr 1828:

“I have observed that not the man who hopes when others despair, but the man who despairs when others hope, is admired by a large class of persons as a sage.”

Auch in Voltaires „Candide“ bekommt der Optimismus die Fresse voll, auch wenn es sich nach Pinkers Meinung gar nicht wirklich um Optimismus handelt in diesem Fall, denn wer glaubt, die Welt ist schon so gut wie sie nur sein kann, der denkt eher fatalistisch, dann akzeptiert man einfach was ist, ein echter Optimist würde eher sagen: „auch wenn die Welt nie perfekt sein wird, vieles kann verbessert werden wenn wir daran arbeiten.“ In diesem Sinne bin ich ein echter Optimist und habe mich sehr gefreut, in Herrn Pinker einen Verwandten im Geiste getroffen zu haben.

In “Enlightenment Now” argumentiert Pinker unterstützt durch Unmengen an Daten, dass unser Leben deutlich besser geworden ist und nicht deutlich schlechter, auch wenn viele das Gefühl haben. Die Menschen sind global gesehen gesünder, sicherer, weniger gewalttätig, besser gebildet, toleranter geworden, leben länger und haben in der Regel erfülltere Leben.

Es ist zwar krass, dass es überhaupt nötig, ist Prinzipien wie Vernunft, Humanismus, Wissenschaft und Fortschritt zu verteidigen, aber wo wären wir als Menschheit ohne diese Prinzipien. Wie weit wir bereits gekommen sind, zeigt Pinker in seinem Buch, in dem er diese Entwicklung chronologisch erklärt und damit den „common sense“ des Öfteren heftigst zum Vibrieren bringt.

Schleche Nachrichten sind überall, machen einfach die besseren Schlagzeilen und sind in aller Munde, auch viele Intellektuelle üben sich mittlerweile derart in Schwarzmalerei und versuchen uns davon zu überzeugen, dass die Welt ein immer schrecklicherer, dunkler, gefährlicherer Ort wird, wenn in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall ist. Natürlich ist die Welt nicht perfekt, aber ein deutlich besserer Ort, als uns viele glauben machen wollen und das führt dann zu so katastrophalen Setbacks wie Trump oder dem Erstarken der Rechten, der neuen Gesellschaftsfähigkeit von rechtskonservativen Ideen oder auch für ganz Durchgeknallte wie die Klimawandel-Abstreiter oder Flat-Earthler. Wenn kritisches Denken in Wahn umkippt …

„If you had to choose a moment in history to be born, and you did not know ahead of time who you would be – you didn’t know whether you were going to be born into a wealthy family or a poor family, what country you’d be born in, whether you were going to be a man or a woman – if you had to choose blindly what moment you’d want to be born, you’d choose now.“ (Barack Obama)

Der Fortschritt hat das Leben nicht nur in westlichen Ländern verbessert, sondern weltweit. Das durchschnittliche Lebensalter weltweit war bis ins 19. Jahrhundert etwa 30 und liegt heute weltweit bei 71. Die Säuglingssterblichkeit ist deutlich gesunken und viele Infektionskrankheiten komplett ausgerottet. Es gibt deutlich weniger Hunger in der Welt, selbst in den ärmsten Ländern ist Übergewicht mittlerweile häufiger an der Tagesordnung, als Untergewicht. Im Durchschnitt sind die Menschen gesünder, mehr Menschen können lesen und schreiben, der IQ ist weltweit gestiegen und sie haben mehr Einkommen zur Verfügung. Was nicht bedeutet, wir können die Hände in den Schoss legen, aber doch immerhin den positiven Trend  anerkennen.

„For an American woman, being pregnant a century ago was almost as dangerous as having breast cancer today.“

Es mangelt weiter an Chancengleichheit für alle und wir müssen aufpassen, dass die Einkommensunterschiede nicht zu hoch werden, denn die Tatsache allein, dass es faktisch allen besser geht als früher, wird nicht reichen, um aus krassen Ungleichheiten entstehende Probleme zu bekämpfen.

Natürlich gibt es auch richtig große Probleme, die wir dringend angehen müssen und die Pinker klar bennent. Wenn wir es nicht schaffen, in kürzester Zeit unseren CO2 Level zu reduzieren und die Erderwärmung in den Griff bekommen, werden wir vor katastrophalen Problemen stehen, die wir eventuell nicht mehr händeln können. Pinker will das lösen, in dem wir weltweit auf Atomstrom umsatteln, denn nur so sei eine realistische Senkung des CO2 Ausstosses zu ermöglichen – eine Idee, die mir natürlich nicht gefallen hat, seine Argumentation hat mich diesbezüglich aber zumindest zum Nachdenken gebracht.

“To the Enlightenment thinkers the escape from ignorance and superstition showed how mistaken our conventional wisdom could be, and how the methods of science—skepticism, fallibilism, open debate, and empirical testing—are a paradigm of how to achieve reliable knowledge.”

Das Buch zeigt deutlich, dass wir hinter die Schlagzeilen gucken und unsere eigenen Vorurteile und Voreingenommenheiten auf den Prüfstand stellen müssen. Die humanistischen Kräfte müssen wir verteidigen und verstehen, dass sie hinter dem kontinuierlichen Fortschritt stehen, den wir bislang erlebt haben. Sicherlich werden einige Herrn Pinker als zu optimistisch und hoffnungsfroh empfinden, aber vielleicht ist das ein bisschen wie in der Schule. Für die einen war eine schlechtere Note im Halbjahreszeugnis der notwendige Ansporn, jetzt richtig Gas zu geben, für andere die Entscheidung, in das Fach gar nicht mehr zu investieren. Wer zu viel „Doom und Gloom“ verbreitet läuft meines Erachtens Gefahr, dass die Leute ganz aufgeben und den Kopf in den Sand stecken, weil es ja eh keinen mehr Sinn hat bzw. sie in die Arme von Populisten getrieben werden, die einfache Lösung für hoch komplexe Probleme bieten.

“The idea of a universal human nature brings us to a third theme, humanism. The thinkers of the Age of Reason and the Enlightenment saw an urgent need for a secular foundation for morality, because they were haunted by a historical memory of centuries of religious carnage: the Crusades, the Inquisition, witch hunts, the European wars of religion. They laid that foundation in what we now call humanism, which privileges the well-being of individual men, women, and children over the glory of the tribe, race, nation, or religion. It is individuals, not groups, who are sentient—who feel pleasure and pain, fulfillment and anguish. Whether it is framed as the goal of providing the greatest happiness for the greatest number or as a categorical imperative to treat people as ends rather than means, it was the universal capacity of a person to suffer and flourish, they said, that called on our moral concern.” 

Egal ob man mit Pinkers Thesen einverstanden ist (und ich hatte auch so manches, woran ich heftig geknabbert habe) dieses Buch ist wichtig und gehört zu Recht zu Bill Gates Lieblingsbüchern,  ich würde es sehr gerne einigen Leuten in die Hand drücken. Wir haben nur eine Chance, die riesigen Probleme in der Welt zu lösen, wenn wir den Werten der Aufklärung, Vernunft, Wissenschaft und Humanismus treu bleiben und diese auch verteidigen.

“But it’s in the nature of progress that it erases its tracks, and its champions fixate on the remaining injustices and forget how far we have come.”

Auf deutsch erscheint das Buch unter dem Titel „Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung“ im September 2018 im S. Fischer Verlag

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