The Children Act – Ian McEwan

IMG_1817 Ein perfektes kleines Buch vom großen Ian McEwan. Nur wenige Autoren schaffen es, eine großartige Geschichte auf so wenige Seiten zu transportieren. Kurz und knapp ist schon nicht unbedingt einfach und dann auch noch diese wunderschöne Sprache. Traurig, tragisch und melancholisch.

Es ist die Geschichte einer Familienrichterin, eine Frau die, selbst kinderlos, stets über verschiedenste familienrechtliche Fälle den Überblick behalten muss, während ihr eigenes Leben gerade den Bach runterzulaufen droht. Langsam aber sicher hat sich jede Erotik und Intimität aus ihrer Ehe geschlichen und sie hat es nicht einmal wirklich bemerkt. Erst als ihr Mann ihr von seinem Plan erzählt, Sex mit einer anderen (natürlich jüngeren) Frau haben zu wollen, bemerkt sie, wie sehr sich ihre Ehe am Abgrund befindet.

Den Sexplänen ihres Mannes stimmt sie überraschenderweise nicht jubelnd zu, sie zieht sich zurück und beschäftigt sich vielleicht noch intensiver als zuvor mit ihren Fällen, die sich meist um Kinder drehen und die sie ihre eigene Kinderlosigkeit besser händeln läßt. Auf diese Weise gerät auch der schwerkranke junge Mann aus einer Zeugen Jehova Familie in ihr Leben, der aus religiösen Gründen eine lebensrettende Bluttransfusion verweigert und, da er noch nicht ganz volljährig ist, auf Fiona trifft, die diese Entscheidung für ihn treffen muss. Ist er nur ein Papagei, der nachplappert, was ihm seine Eltern und die religiösen Altvorderen vorplappern, oder ist das wirklich seine eigene tiefe Überzeugung, dass es richtig ist, diese Transfusion zu verweigern und zu sterben.

Die Geschichte ist wundervoll erzählt, der Konflikt selbst für nicht gläubige Menschen wie mich nicht nur nachvollziehbar, nachfühlbar würde es eher treffen. Wie unglaublich schwierig, aus einem solchen Glaubenssystem auszusteigen, wenn man ein Leben lang nichts anderes erlebt hat und wie sehr das ganze Leben aus den Fugen gerät, wenn solch ein lang etabliertes Glaubenssystem angegriffen oder zerstört wird. Mit dem Ende selbst hatte ich gerechnet, die überraschenden Wendungen selbst habe ich nicht kommen sehen.

Es ist diese Entscheidung, vor der eigentlich alle McEwan Charaktere immer wieder stehen, die dieses Buch ausmachen. Die Entscheidung wird nicht nur das Leben des Jungen, Adam, verändern, es wird auch Fiona’s Leben verändern, ob sie will oder nicht. “Blind luck, to arrive in the world with your properly formed parts in the right place, to be born to parents who were loving, not cruel, or to escape, by geographical or social accident, war or poverty. And therefore to find it so much easier to be virtuous.”

McEwan gibt Einblick in das Leben und die Arbeit einer Familienrichterin und konfrontiert uns mit schwierigen moralischen und juristischen Fragen, die über das übliche wer zahlt wem wieviel Unterhalt und wer darf das Kind an wievielen Tagen im Monat sehen weit hinaus geht. Bei Fiona Mayes Fällen geht es häufig um Leben und Tot, Macht und Glaube. Die Schicksale lassen sie nicht einfach wieder los. Sie setzt sich oft noch lange nach dem Urteil damit auseinander. “Not men who ran the world, but who made it run.” Wie bei den siamesischen Zwillingen, wo sie die Entscheidung treffen muss, ob man einen Zwilling töten darf, um den anderen am Leben erhalten zu können. Religion ist nur ein weiterer Faktor, der in die Entscheidungsfindung mit hineingenommen werden muss. Fiona’s Entscheidung zu Adam verwirrt ihn zutiefst, er sucht ihre Nähe, will ihre Entscheidung, aber auch sie selbst verstehen.

Diese Suche ist meines Erachtens großartig erzählt, die Rahmenhandlung um Fiona’s Ehekrise herum habe ich eher aus einer gewissen Distanz betrachtet. Das Leben schreibt die besten Romane. Ist einfach so.

Eine weitere Rezension zu Ian McEwan’s „Kindeswohl“ findet ihr hier: https://deepread.wordpress.com/2015/01/25/kindeswohl-von-ian-mcewan/

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Kindeswohl“ im Diogenes Verlag erschienen.