Short and Sweet – eine illustre Runde

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Los gehts mit Haruki Murakamis „Birthday Girl“, eine Geschichte die ich vor einigen Jahren schon in dem von ihm herausgegebenen Kurzgeschichtenband „Birthday Stories“ gelesen habe. Eine Geschichte, die ich mochte, die mir aber nicht übermässig im Gedächtnis geblieben war.

Das wird sich dank Kat Menschiks Illustrationen definitiv ändern. Menschik und Murakami sprechen eindeutig die gleiche (Bild)Sprache, die Bilder treffen so sehr den Kern seiner Geschichten, jedes einzelne davon würde ich mir auch als Druck an die Wand hängen.

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„Birthday Girl“ ist die Geschichte eines 20jährigen Mädchens, das als Kellnerin in einem Restaurant arbeitet und eines Abends dem alten Restaurant-Besitzer in seiner Wohnung über dem Restaurant das Abendessen serviert. Durch einen Zufall erfährt der Mann, dass sie Geburtstag hat und schenkt ihr einen Wunsch – egal was es ist. Nur einen beliebigen Wunsch, aber einmal geäußert, kann er nicht mehr zurückgenommen werden.

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Den Wunsch selbst erfährt der Leser nie. Nur dass es nichts normales ist wie „schöner oder reicher werden“. Denn …“ich kann mir die Auswirkungen nicht so recht vorstellen, falls so etwas tatsächlich einträte. Vielleicht würde es mir sogar über den Kopf wachsen. Ich habe das Leben noch gar nicht im Griff. Wirklich nicht. Ich weiß nicht, wie es funktioniert.“

Mir gefällt besonders, wie man bei jeder seiner Geschichten ein Stück Murakami in seinen Protagonisten entdecken kann. In dieser Geschichte greift er auf seine eigenen Erfahrungen als Kellner in einem Café zurück, als er zwanzig Jahre alt war.

Ich danke dem Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wir bleiben noch ein bisschen bei meiner Lieblings-Illustratorin Kat Menschik und lassen uns von ihr nach Schweden entführen und zwar zu:

„Die Bergwerke zu Falun“ von E. T. A. Hoffmann

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E.T.A. Hoffmann hat surrealistische Geschichten geschrieben, lange bevor der Begriff überhaupt benutzt wurde. Ich halte ihn für einen der Urgesteine des Horror/SciFi/Phantastik-Genres und seine Geschichten sind auch fast 200 Jahre nach Erscheinen immer noch zeitlos und einzigartig.

Was ihn meines Erachtens mit Murakami verbindet ist die Tatsache, dass auch seine Protagonisten sehr viel von ihm selbst enthalten, seiner Umgebung, seinen Frauen, denen er hinterherlief, in seinem viel zu kurzen Leben.

Ein „Jack-of-all-Trades“ der als Maler, Komponist, Jurist, Kritiker und Schriftsteller unterwegs war, es gibt wenig im kulturellen Bereich, dass er nicht zumindest einmal ausprobiert hätte und in den meisten Bereichen war er unglaublich gut.

Seine Geschichten sind psychologische Studien, die sich mit dem Übernatürlichen, Wahnsinn, der Technik seiner Zeit aber auch mit märchenhaften Dingen beschäftigen. Immer wenn man gerade glaubt zu ahnen, in welche Richtung er mit seiner Geschichte will, biegt er ab und der Leser ist urplötzlich wo ganz anders.

Seine wie im Fiebertraum gesponnenen Metaphern und Vergleiche zeichnen ein berückendes Bild seiner sich oft in Bedrängnis fühlenden Progagonisten. Oft sind sie halb verrückt, von unerfüllter Liebe zu einer Frau gequält und wenn es etwas gibt, was ich an ihm nicht so mag, dann ist es seine schablonenhafte Beschreibung der Frauenfiguren in seinem Werk.

Die Geschichte „Die Bergwerke zu Falun“ ist schnell erzählt. Alles fängt mit dem Fest der Matrosen an, die nach einer langen Seereise für die ostindische Gesellschaft wieder in Schweden angekommen sind und ihre Rückkehr feiern. Nur Elis Fröbom sitzt allein und niedergeschlagen da. All seine Motivation auf See rührte daher seiner Mutter bei der Rückkehr ein gutes Leben zu ermöglichen, bei der Rückkehr muss er feststellen, dass sie zwischenzeitlich gestorben ist und er weiß nicht recht wohin jetzt mit sich und seiner Trauer.

Als ein alter Bergwerksarbeiter erscheint und ihm die wunderbare Welt der Minen und Bergwerke ans Herz legt überlegt er, sich die Seefahrt an den Nagel zu hängen und statt dessen im Bergwerk zu Falun anzuheuern. Fieberhaft träumt er nachts von einer kristallenen Welt mit einer Königin, in die er sich verliebt und macht sich am nächsten Tag tatsächlich auf nach Falun. Doch dort angekommen schreckt er beim Anblick der Mine zurück:

„Elis Fröbom schritt guten Mutes vorwärts, als er aber vor dem ungeheuern Höllenschlunde stand, da gefror ihm das Blut in den Adern und er erstarrte bei dem Anblick der fürchterlichen Zerstörung“

Auch nach dem dritten Lesen entdecke ich jedes Mal wieder etwas Neues in den versteckten Hinweisen und den nuancierten Betrachtungen. Nicht zu vergessen die Illustrationen, die auch aus dieser Geschichte ein absolutes Juwel machen:

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Ich stelle mir jetzt Murakami und ETA beim gemeinsamen Dosenbier vor, in ihrer Welt sollten ein paar hundert Jahre Zeitunterschied und Sprachbarrieren keine Probleme darstellen.

Wer glaubt, dass es jetzt mega realistisch zugeht, nur weil es mit Bertolt Brecht weitergeht, der hat sich gehörig in den Finger geschnitten. Brecht kann auch anders meine Herrschaften, der kann sich auch mal gepflegt Gedanken machen, wie es wohl wäre „Wenn die Haifische Menschen wären“.

Bertold Brecht – Wenn die Haifische Menschen wären“

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Die Parabel ist eine der etwas längeren Geschichten rund um Herrn K. Hier tauchen wir ab in die Welt der Haifische, die ein menschliches Leben führen. Sie schicken ihre Kinder in die Schule, wo sie neben menschlichen Werten und Normen auch andere Sachen lernen wie Geografie, Rechnen und Religion.

„Wenn die Haifische Menschen wären«, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?“ hier startet Brecht seinen philosophisch-kritischen Blick in die Welt der Haifische und Menschen. Zitate wie „Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank“ sind überraschend aktuell.

Eine bibliophile Ausgabe vom Buch-Onlineversand Fröhlich & Kaufmann mit wunderschönen Illustrationen, die den Text wunderbar ergänzen und interpretieren. Freue mich, auf der Buchmesse in Leipzig bei diesem Büchlein zugeschlagen zu haben, ein schöner Neuzugang für meine in die Jahre gekommene Brecht-Sammlung.

Foto: Froehlichundkaufmann.de

Habt ihr Lieblings-Illustratoren oder illustrierte Bücher die ihr mir empfehlen könnt? Bin gerade mächtig auf den Geschmack gekommen.

Auf Youtube gibt es noch einen animierten Cartoon „If Sharks were Men“:

Hier noch mal im Überblick:

Haruki Murakami – Birthday Girl, Dumont Verlag
E. T. A. Hoffmann – Die Bergwerke zu Falun, Galiani Verlag
Bertold Brecht – Wenn die Haifische Menschen wären, Fröhlich & Kaufmann

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The Strange Library / Die unheimliche Bibliothek – Haruki Murakami

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Wenn man zum Geburtstag zweimal das gleiche Buch geschenkt bekommt, ist das üblicherweise verbunden mit hektischem Suchen nach Kassenbons oder, falls die nicht auftauchen, dem durchgehen der Freundesliste, wem das zweite Exemplare wohl noch gefallen könnte. In diesem Fall hat der doppelte Murakami nur riesige Freude ausgelöst, war doch eines die englische, das andere die deutsche Ausgabe und es hat riesigen Spaß gemacht, diese beiden dünnen, so unterschiedlich illustrierten Bücher parallel zu lesen.

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Er möchte doch nur zwei Bücher zurückbringen und eventuell wieder welche mitnehmen. Nichts deutet daraufhin, dass der namenlose Junge in einem kafkaesken Alptraum landen wird, als der seltsame Bibliothekar ihn nicht in den Lesesaal führt, sondern in ein Labyrinth, das sich unter der Bücherei erstreckt und wo er ihn heimtückisch einkerkert. Er trifft dort auf den mysteriösen Schafsmann, auf ein wunderschönes stummes Mädchen und auch, wenn man ihn mit den schönsten Leckereien füttert, so bleibt er doch ein Gefangener, dem der Tod droht. Der Junge muß drei dicke Bücher lesen, die der Bibliothekar ihm aushändigt. Er will wissen, warum er diese Bücher lesen und auswendig lernen soll und der freundlich-einfältige Schafsmann erklärt es ihm auch freimütig: „Ehrlich gesagt wird man dir den Kopf absägen. Und dann das Gehirn aussaugen.“

Der daraufhin folgende Dialog muß einer der abgefahrensten überhaupt in der Literatur sein.

„Aber Schafmann, warum will mir dieser alte Mann denn das Gehirn aussaugen?“

„Weil mit Wissen vollgestopfte Gehirne angeblich sehr delikat und reichhaltig sind. Und sämig oder so.“

Yep, weißte Bescheid. Murakami halt. Die Geschichte fühlt sich an wie ein Traum, gleichgültig, ob die Geschehnisse Sinn machen oder nicht. Der Junge ist nicht glücklich darüber, dass der alte Mann sein Hirn essen will, aber er fügt sich diesem Schicksal und liest einfach über das Steuersystem im Osmanischen Reich. Zeichen und Symbole gibt es in der Geschichte zuhauf, am deutlichsten vielleicht die Deutung der Biblothek, die gleich einem Gehirn der Ort des Wissens ist, von dem wir glauben, wir können das Wissen jederzeit einfach abrufen und wissen doch nie ganz genau, was wir eigentlich hervorholen.

Was ist wirklich real und was nicht? Die Grenze ist schmal und wird von Murakami wieder und wieder in fast jedem seiner Romane neu ausgelotet und getestet. Selbst das, was sich nach Realität anfühlt, gleicht oft einem Traum. Die Sprache ist wie immer klar, knapp und doch poetisch. Die unheimliche Bibiliothek ist ein düsteres Märchen, das Erwachsene in den Schlaf verfolgt und sie beim nächsten Büchereibesuch besorgt älteren Bibliothekaren aus dem Weg gehen lässt.

Die deutsche und englische Ausgabe sind bis auf das Format komplett unterschiedlich ausgefallen. Die englische Ausgabe wurde von Suzanne Dean gestaltet, die zum Beispiel auch für das wunderschöne Cover von Julian Barnes „The Sense of an Ending“ verantwortlich war.

Das Design von „The Strange Library“ durchdringt die Geschichte mit seinen surrealen, zarten Illustrationen, die teilweise an alte Folianten, dann wieder an Monty Python erinnern. Das magentafarbene Cover mit dem darauf angebrachten Library Ticket Holder ist einfach umwerfend schön. Allein die Haptik …

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Foto: Guardian

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Foto: Guardian

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Die deutsche Ausgabe erinnert deutlich mehr an einen Comic. Die Illustrationen stammen von Kat Menschik, die auch schon „Die Bäckereiüberfälle“ und „Schlaf“ illustriert hat. Ihre Bilder haben einen wundervollen, dunkel verstörenden Zauber, dem man sich nicht entziehen kann. Die Bilder sind überwiegend schwarz-weiß und sie zeigen das Unheimliche und Beklemmende in Murakamis Geschichte auf ganz besondere Art.

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Nein, ich könnte wirklich nicht sagen welche Ausgabe mir besser gefällt. Das Cover der englischen? Einige der Illustrationen der deutschen Ausgabe? Ich weiß es nicht und bin so froh, dass ich mich nie entscheiden mußte, weil mir meine weisen Freunde einfach beide geschenkt haben.

Happiness is having friends that know what’s good for you 😉

Wenn ihr dieses Buch noch nicht habt, sucht euch Freunde, die es euch schenken oder kauft es euch selbst, es ist ein absolutes Muss für jeden Murakami-Fan, aber auch für alle Freunde skurill-obskurer düsterer Geschichten, die liebevoll gestaltet sind, ein echtes Schnäppchen.

Könnte es eigentlich sein, dass ausgerechnet die E-Book-Welle den Ausschlag gegeben hat, das Bücher auf einmal wieder so viel liebevoller gestaltet werden? Lange war die Büchergilde da recht allein auf weiter Flur, als ich kürzlich auf der Buchmesse in Frankfurt war, habe ich eine ganze Reihe wunderschön illustrierter und gestalteter Bücher gesehen. Ein schöner Trend, gefällt mir.