Canada by the Book I

 

Montréal hat uns gleich bei der Landung mit einer absoluten Hitzewelle empfangen. Von dem eher skandinavischen Klima, das ich aus irgendeinem Grund mit Kanada assoziierte keine Spur. Wie froh waren wir über unsere klimatisierte AirBnB Wohnung im italienischen Viertel von Montreal.

Das erste, was uns auffiel, überall Matratzen auf der Straße und Umzugswagen und Möbel und wenn ich sage überall, dann meine ich wirklich überall. Das war irgendwann so exzessiv, dass ich Twitter befragte, was es damit auf sich haben könnte und ich habe zum Glück schlaue Twitter Bekannte, die umgehend antworteten: 1. Juli ist National Moving Day in Montréal. In der ganzen Provinz Québec werden Mietverträge überwiegend bis zum 30.6. abgeschlossen, was am 1. Juli zu wilden Umzugsorgien führt. Abends sah man eine Menge erschöpfter, frisch umgezogener Menschen glücklich zwischen Matratzen und Möbeln auf ihren Balkonen, Terrassen oder einfach vor der Haustür sitzen und feiern….

 

Eine tolle Stadt mit viel Streetart, jeder Menge Bibliotheques gratuite, sehr leckerer französischer Küche und sehr entspannten Menschen. Montréal ist die zweitgrößte Stadt Kanadas und war bis vor kurzem nach Paris die zweitgrößte Stadt der Welt, in der französisch als Muttersprache gesprochen wird. Französisch ist allgegenwärtig, aber man kommt auch problemlos mit Englisch weiter. Das mußte ich auch öfter als mir lieb war, denn so ganz einfach war das in Montréal gesprochene Französisch nicht immer.

Unbedingt ansehen sollte man sich Buckminster Fullers Biosphère. Ein unglaublich aufregendes Gebäude mit toller Aussicht auf die Stadt und einer sehr spannenden Ausstellung. Ich bin großer „Bucky“-Fan und kann diese Lektüre zu ihm und seinem Werk nur empfehlen.

 

Kanada ist in der Liste der weltweit 20 schönsten Bibliotheken gleich dreimal vertreten (Toronto, Montréal und Vancouver) und ich hatte mich schon riesig auf einen Besuch in der BAnQ Grande Bibliotheque gefreut, doch aufgrund der Feierlichkeiten zum Canada Day war sie leider geschlossen und ich konnte sie nur von außen bewundern und bei den Boquanistes daneben ein paar Trostbücher kaufen.

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Die passende Lektüre hatte ich natürlich auch dabei: „Last Night in Montreal“ von Emily St. John Mandel.

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Lilia Albert hat ihr ganzes Leben lang Menschen verlassen, die ihr nahestehen. Ihre Kindheit und Jugend hat sie mit ihrem Vater im Auto verbracht, unentwegt von einer Stadt zur nächsten reisend, mit wechselnden Identitäten. Als Erwachsene kann sie einfach nicht mehr damit aufhören. Kann einfach nicht an einem Ort bleiben und hinterlässt Liebhaber in fast jeder Stadt, durch die sie reist und noch immer ist ihr ein Privatdetektiv auf den Fersen, der sie seit ihrem traumatischen Kindheitserlebnis zu finden versucht.

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“Forever is the most dizzying word in the English language. The idea of staying in one place forever was like standing at the border of a foreign country, peering over the fence and trying to imagine what life might be like on the other side, and life on the other side was frankly unimaginable.” 

Sie wird von bruchstückhaften Erinnerungen an ihre Kindheit verfolgt, kann sich aber nicht wirklich erinnern, was genau ihr in frühester Kindheit passierte. Ihr letzer Liebhaber bleibt allerdings hartnäckig, will sie nicht einfach so gehen lassen. Er folgt ihr von New York nach Montréal, wo er versucht, mehr über Lilia zu erfahren und sicherzustellen, dass es ihr gut geht.

„Last Night in Montreal“ ist eine Geschichte über Liebe, Trauma, Gedächtnisverlust und über Besessenheit. Mit diesem Buch ist Emily St. John Mandel ein bemerkenswertes Debüt gelungen, mit wunderschöner Sprache, einer mysteriösen Atmosphäre, die einen gar nicht mehr aufhören lässt zu lesen.

“She moved over the surface of life the way figure skaters move, fast and choreographed, but she never broke through the ice, she never pierced the surface and descended into those awful beautiful waters, she was never submerged and she never learned to swim in those currents, these currents: all the shadows and light and splendorous horrors that make up the riptides of life on earth.” 

Eine großartige Schriftstellerin, deren Roman „Station Eleven“ zu einem meiner absoluten Lieblingsbüchern gehört und von der ich unbedingt noch viel mehr lesen möchte.

Einzig die Szenen im verschneiten Montreal, während wir bei 38 Grad im Schatten vor uns hinschmolzen, waren etwas schwierig 😉

Wer nach Montréal reist sollte dieses Buch unbedingt im Gepäck haben, egal wie die Temperaturen sind.

Ich hoffe ihr kommt mit, wenn es im nächsten Teil in die kanadischen Rockies geht…

Hier geht es zum zweiten und dritten Bericht unserer Kanada-Reise.

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