#WomeninSciFi (30) Company Town – Madeleine Ashby

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Foto: Tor

Woohooo mit Madeleine Ashbys “Company Town” gab es endlich mal wieder Cyberpunk und es wird Zeit für ein Comeback. In ihrem Roman, der in der näheren Zukunft spielt, hat sich nahezu jeder den Körper pimpen lassen mit Implantaten die sie stärker, schlauer und grundsätzlich anpassungsfähiger an ihre Umwelt machen. Fast alle, aber nicht unsere Protagonistin Go Jung-Hwa, eine Halb-Koreanerin/halb Neufundländerin und Tochter eines verbitterten ehemaligen K-Pop Sternchens. Sie arbeitet als Bodyguard für die Gewerkschaft der Sex-Arbeiterinnen auf einer Ölplattform-Stadt in der Nähe der neufundländischen Küste.

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Hwa leidet am Sturge-Weber-Syndrom, das einen portweinfarbenen Fleck quer über ihr Gesicht verursacht und sie unter gelegentlichen Krampfanfällen leiden lässt. Sie hätte schon auch gerne die entsprechenden Implantate die ihre Krankheit heilen, aber ihr fehlt das notwendige Geld dazu. Auf der anderen Seite macht es sie als komplett organischer Mensch auch absolut un-hackbar. Gerade dadurch, dass sie ein ganz stinknormaler old-school Mensch ist, ohne Chips und Implantate, sieht sie keiner kommen und es macht sie zwischen den ganzen genetisch aufgepeppten Cyborgs um sie herum zu einer Wildcard. Dies erweist sich im Laufe der Geschichte als äußerst vorteilhaft für sie, insbesondere als sie den Auftrag erhält, als Bodyguard für den reichen Sprößling eines mächtigen Tycoons zu arbeiten, der gerade die Ölplattform-Stadt auf dem Wasser gekauft hat.

Doch noch während ihrer Tätigkeit als Beschützerin der Sexarbeiterinnen beginnt jemand, die Sexarbeiterinnen im Jack-the-Ripper-Style umzubringen…

Hier geht es aber nicht so sehr um eine „echte“ Person im Kampf gegen eine Welt voller Cyborgs, sondern viel mehr um die Zukunft unserer posthumanistischen Welt. Hwa wird in einen Kampf zwischen unterschiedlichen Zukunftsvisionen hineingezogen und man gerät insbesondere zum Ende des Buches hin schon recht tief in die abgefahrenere Ecke des Futurismus, wie zum Beispiel Rokos Basilisk…

The dance took place on a viewpoint level of Tower Four. Each hour, the whole floor would make a single revolution, so couples at tables could see both the city and the ocean. This was by far its lowest-tech feature. The Synth-Bio Club had engineered all manner of plants and animals just for the occasion: grabby little tentacular vines that climbed up the walls, twirling maple keys that danced and spun in the air like pixies and spiralled up from whatever surface they touched, butterflies that dampened signal by flapping their Faraday wings.“

Der rote Faden und Ankerpunkt in all der Abgefahrenheit bleibt die Protagonistin Hwa, die man sich als Mischung aus Jessica Jones und Lisbeth Salander vorstellen kann. Sie ist kein happy Bunny. Genervt von ihrer anstrengenden Mutter, von Schuldgefühlen geplagt ihre Sexarbeiter-Freundinnen im Stich zu lassen und sie schrammt mit ihrer Einstellung ihrem Aussehen gegenüber auch nur sehr knapp an Selbsthass vorbei. Die meisten Menschen/Cyborgs um sie herum haben Implantate die sie davor schützen hässliches sehen zu müssen, so dass fast niemand Hwas Gesicht sehen kann, sie sehen an dessen Stelle sowas wie eine Bildstörung, was natürlich auch nicht gerade dazu führt ihr Selbstbewußtsein zu stärken.

“She had been invisible—or blurred, or filtered, or hidden—for so long that whether she wanted to be seen rarely came up.”

Ein wiederkehrendes Motiv für Hwa ist der Master Control Room, etwas, dass sie sich immer wieder vorstellt wenn sie sehr wütend ist, Angst hat oder kurz davor ist einen Krampfanfalls zu bekommen. Sie sieht einen Raum voller Schalter, Knöpfe und Regler, die sie bedienen kann, um sich selbst zu kontrollieren und sie davon abhalten, sich oder andere zu verletzen. Sehr faszinierend die Idee, dass einer der wenigen, nicht durch Implantate verbesserte Mensch sich selbst als Maschine mit komplexem Regulierungssystem sieht.

Ashby hat eine unglaublich dichte Welt erschaffen voll technischer Möglichkeiten, die uns in Zukunft teilweise sehr wahrscheinlich begegnen werden. Die Charaktere sind greifbar, entwickeln sich und die verschiedenartigen Beziehungen werden auf spannende Weise beleuchtet. Hwa ist gleichzeitig der Inbegriff von Stärke und doch so fragil. Ihre Entwicklung insbesondere ist tiefgründig, sehr persönlich, aber nie überzeichnet.

Ein etwas komplizierter Pageturner, über den man noch lange nachdenken kann – ein ganz großes Highlight für mich.

Hier noch ein interessantes Interview mit der Autorin:

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Company Town – Keiner ist mehr sicher“ im Arctis Verlag.

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Meine Woche

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Gesehen: „mother!“ (2017) von Darren Aronofsky mit Jennifer Lawrence und Javier Bardem. Krasser Film. 2/3 grandios, das letzte Drittel nur noch wirr.

She’s beautiful when she’s angry“ (2014) von Mary Dore. Spannende Doku über die feministische Bewegung in den USA.

2036: Nexus Dawn“ (2017) von Luke Scott. Sehr cooler Kurzfilm der zeitlich zwischen den beiden Blade Runner Filmen liegt.

Gehört: „Oracle“ – Haelos, „The End of the World“ – Skeeter Davis, „Mauern“ – Klez.e, „Por la Noche“ – Pictures from Nadira, „Come wander with me“ – Anna von Hausswolff

Gelesen: über Literaturhotels weltweit, „Talk about the future you want“ von Madeleine Ashby, die offenen Briefe von Renate Schmidt und Birgit von Sätze und Schätze

Getan: das Planetarium in Jasper besucht und Jupiter und Saturn gesehen, viel gewandert, mit dem Mountainbike gefahren, geschwommen und Kanu gefahren

Geplant: Vancouver und Vancouver Island erkunden

Gegessen: sehr leckere scharfe Tacos

Getrunken: Keter Rotwein von der Summerhill Pyramid Winery in Kelowna

Gelacht: über meine phantastische Übersetzung von Hörbuch zu Hearbook

Geärgert: über die Mücken

Gefreut: dass wir den Wolf nicht erwischt haben, der uns bei 80km fast vors Auto gelaufen ist, über die Pussy Riot Aktion und über Frankreichs Sieg bei der WM

Geklickt: auf 7 ideas about finding the work you were meant to do

Gewünscht: dieses Haus

Gekauft: 1 Jeans und 2 Tshirts

Gestaunt: wie krass der Kontrast ist, wenn man nach einer Weile wieder in der Großstadt ist

Gefunden: ein Buch von Oskar Maria Graf und von Michael Ondaatje

Gedacht: wie nervig langsames Wlan sein kann