Literatur-Blog für alle, die keine Angst vor heftigen Mischungen haben. Paul Auster, Margaret Atwood, Haruki Murakami treffen auf Simone de Beauvoir, Batman und Orphan Black. Dosenbier auf Oper und St. Pauli auf Crispr, Philosophie, Science und Sci-Fi.
2025 war mein bisher intensivstes Lesejahr und zwar mit deutlichem Abstand. 157 Bücher sind es geworden. Eine Zahl, die mich selbst ein wenig überrascht hat, auch wenn sie sich im Rückblick völlig stimmig anfühlt. Denn Lesen hatte in diesem Jahr ganz klar Priorität: keine Serien, nur wenige Filme, kaum Fernsehen, ein paar Wochen abgeschieden in den Bergen = Bücher, Bücher, Bücher.
Auffällig war dabei eine Verschiebung, die sich ganz ohne bewusste Entscheidung ergeben hat. Ich habe deutlich mehr deutschsprachige Literatur gelesen als sonst, während in den vergangenen Jahren oft anglo-amerikanische Titel überwogen. Gleichzeitig finden sich – gerade auch in meiner Top 20 – viele übersetzte Romane, die mir lange im Kopf geblieben sind. Diese Mischung hat mein Lesejahr schon besonders gemacht.
Die Auswahl dieser Top 20 ist mir trotzdem echt nicht leicht gefallen. Bei so vielen starken Leseerfahrungen hätte die Liste problemlos noch länger ausfallen können. Für diesen Rückblick habe ich mich bewusst ausschließlich auf Romane konzentriert auch wenn ich 2025 ein paar wirklich hervorragende Sachbücher und Biografien gelesen habe, die es ebenso verdient hätten, hier erwähnt zu werden. Vielleicht bekommen sie an anderer Stelle noch ihren eigenen Raum.
Es war ein wirklich großartiges Lesejahr: mit tollen Entdeckungen, ein paar sehr beglückenden Wiederentdeckungen und Büchern, die mich nicht nur während der Lektüre, sondern auch weit darüber hinaus begleitet haben. Geschichten, Sätze, Figuren, die geblieben sind.
Besonders schön waren aber auch die literarischen Begegnungen außerhalb der Bücher. Der Besuch des Erlanger Poetinnenfests gemeinsam mit Constanze von Zeichen und Zeiten war ein echtes Highlight, ebenso die Lesungen mit Ulrike Draesner, Annett Gröschner, Anja Kampmann, Kaleb Erdmann, Dimitrij Kapitelman, Fikri Anıl Altıntaş, Kristine Bilkau, Jonas Lüscher und Kerstin Holzer. Dazu kam der Besuch der Frankfurter Buchmesse, der mir jenseits des Trubels vor allem durch viele schöne Gespräche und Begegnungen in Erinnerung bleiben wird. Und nicht zuletzt die Susan-Sontag-Ausstellung im Literaturhaus München, die mich sehr beeindruckt hat.
Der Book Swap im Amerika Haus im Oktober hat dafür gesorgt, dass die Regale nicht leerer werden und der Therese Ghiese Spaziergang sowie die von mir durchgeführten literarischen Spaziergänge durch Schwabing haben mich noch mal eine Menge Ecken in München entdecken lassen, die mir bis dahin unbekannt geblieben waren. Ab März biete ich wieder Spaziergänge an – bei Interesse meldet euch gerne.
Im Rückblick auf das vergangene Jahr möchte ich außerdem zwei Reihen erwähnen, die den Blog 2025 maßgeblich geprägt haben und mir selbst besonders ans Herz gewachsen sind. Zum einen „Read around the World„, eine Reihe mit der ich literarisch inzwischen immerhin 22 Länder bereist habe. Ein Unternehmen also, das noch lange nicht abgeschlossen ist, worüber ich glücklich bin denn jede neue Lektüre öffnet mir einen weiteren Horizont.
Zum anderen habe ich mit „Stimmen, die bleiben“ eine neue Reihe begonnen, die mir auf einer sehr persönlichen Ebene wichtig ist. In loser Folge erinnere ich darin an Schriftstellerinnen, die mich geprägt haben: weil ich mit ihren Texten aufgewachsen bin, weil ich sie erst spät für mich entdeckt habe oder weil sie mir immer wieder das Gefühl geben, dass Literatur mehr ist als bloße Worte auf Papier. Dass sie Halt geben kann, Widerstand leistet, tröstet — kurz: ein Rettungsanker sein kann in Zeiten, die sich zunehmend verdunkeln.
Drei Autorinnen habe ich 2025 bereits vorgestellt — Anna Seghers, Carry Brachvogel und Marie-Luise Kaschnitz — und jede von ihnen steht auf ihre eigene Weise für eine Stimme, die bis heute nachhallt. Schon in den nächsten Tagen wird hier ein weiterer Beitrag dieser Reihe folgen, und ich freue mich darauf, diese Vorstellung von Autorinnen fortzusetzen, deren Texte geblieben sind, die aber gerne etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen dürften.
All das hat dieses Lesejahr nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ geprägt. Bücher waren 2025 nicht bloß Konsum, sondern Lebensexlisier, Begleiter, Anlass für Austausch, für Nachdenken, und einfach auch echte Begeisterung. Die große Anzahl meiner Lektüre hat sicherlich auch mit der gegenwärtigen Weltlage zu tun. In einer Zeit, in der politische, gesellschaftliche und ökologische Krisen sich zu überlagern scheinen und die Welt oft wilder, unübersichtlicher und katastrophaler wirkt, wird Literatur für mich zu einem Ort der Ruhe. Sie bietet mir Halt, Orientierung und nicht zuletzt Trost: eine stille, aber verlässliche Quelle von Kraft und Zuversicht. Im Lesen entsteht für mich ein Raum, in dem Komplexität ausgehalten, Ambivalenzen gedacht und Hoffnung bewahrt werden können, und der mir hilft, all das, was draußen geschieht, ein Stück weit einzuordnen und selbst halbwegs unbeschadet hindurchzukommen.
Jetzt freue ich mich auf das Lesejahr 2026 – und so viel sei schon verraten: Es beginnt mit einem weiteren 5-Sterne-Banger. Wenn das kein gutes Zeichen ist, weiß ich es auch nicht. Hier jetzt im Überblick meine 20 liebsten Romane die ich 2025 gelesen habe und ganz ehrlich, morgen oder übermorgen könnte diese Liste schon wieder leicht anders aussehen.
Wer die dazugehörigen Rezensionen noch mal lesen mag: hier in alphabetischer Reihenfolge mit Verlinkung:
Danke für Eure Besuche auf meinem Blog, eure Kommentare, Empfehlungen, konstruktive Kritik, euer Zuspruch und unser Dialog und einige entstandene Freundschaften darüber bedeuten mir sehr viel und ich möchte mich letusreadsomebooks anschließen und einladen 2026 wieder zum Jahr der Blogs zu machen. Lasst uns mehr lesen, schreiben, kommentieren und weniger scrollen. Ich freue mich drauf 🙂
Wie war Euer Lesejahr 2025 – was waren eure Highlights?
Wieder ein wirklich guter Lesemonat! Kein Flop in Sicht – alle Bücher zwischen 3,5 und 5 Sternen, und jedes hat mich auf seine Art begeistert. Müsste ich mich für ein „Buch des Monats“ entscheiden, wäre das richtig schwer, aber mit minimalem Vorsprung ginge der Titel an „The Safekeep“ von Yael van der Wouten – ich kann einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ins Bild eingeschlichten hat sich Herr Toller, der gehört in den November, dafür fehlt Ex Libris von Anne Fadiman und Martyr! habe ich als Hörbuch gehört.
Die Vorstellung der einzelnen Titel folgt keiner besonderen Reihenfolge:
Martyr! – Kaveh Akbar auf deutsch unter dem Titel Märtyrer! im Rowohlt Verlag erschienen, übersetzt von Stefanie Jacobs
Martyr! ist ein Romandebüt: intensiv, sprachlich präzise und voller Fragen, die einen lange beschäftigen. Der Roman erzählt von Cyrus, einem jungen Dichter, der mit seiner Sucht, seiner Depression und seinem Platz in der Welt ringt. Er sucht nach Bedeutung – in seiner Kunst, in der Erinnerung an seine Eltern, im Leben selbst – und manchmal auch im Tod.
Akbar schreibt mit schneidender Klarheit, in der jeder Satz sorgfältig gebaut wirkt, rhythmisch und voller Poesie. Man merkt, dass er aus der Poesie kommt: geboren im Iran, aufgewachsen in den USA, bekannt für seine Lyrikbände „Calling a Wolf a Wolf“ und „Pilgrim Bell“, in denen er ähnliche Themen verhandelt – Sucht, Sprache, Herkunft, Glauben. In seinem Prosadebüt verdichtet sich all das zu einer eindringlichen, klugen und sehr persönlichen Erzählung über Identität.
Eight of the ten commandments are about what thou shalt not. But you can live a whole life not doing any of that stuff and still avoid doing any good. That’s the whole crisis. The rot at the root of everything. The belief that goodness is built on a constructed absence, not-doing. That belief corrupts everything, has everyone with any power sitting on their hands.
Cyrus lebt in Indiana, zwischen Kulturen, Sprachen und Lebensentwürfen. Seine Mutter starb, als ein iranisches Passagierflugzeug von der US-Regierung abgeschossen wurde; sein Vater zerbrach an einem Leben in der amerikanischen Arbeitswelt; sein Onkel war wortwörtlich der Tod – in den Diensten des iranischen Militärs. Zwischen diesen Biografien und Brüchen stellt sich Cyrus die großen Fragen: Wie iranisch ist man, wenn man in den USA aufgewachsen ist? Wie amerikanisch, wenn man anders aussieht, heißt, glaubt? Und wie frei ist man, wenn man als queerer Mann ständig zwischen Sichtbarkeit und Anpassung balanciert?
Was mich besonders berührt hat, war, wie Akbar Trauer und Erinnerung ineinanderfließen lässt. Es gibt eine Szene, in der Cyrus durch die Stadt läuft und um seine Mutter trauert – leise, unspektakulär, aber voller Schmerz und Zärtlichkeit. Die hat mich total gepackt.
Nicht alles funktioniert gleich gut: Das Ende wirkt etwas zu konstruiert, manche Wendungen zeichnen sich früh ab, und die vielen Traumsequenzen waren mir persönlich zu viel. Aber das alles fällt kaum ins Gewicht, weil der Roman sprachlich so eindringlich, so lebendig und so unverstellt ist.
Martyr! ist kein perfektes Buch – aber eines, das wirklich etwas wagt. Es sucht nach Bedeutung inmitten von Chaos, und genau darin liegt seine Schönheit.
The Safekeep – Yael van der Wouten auf deutsch unter dem Titel „In ihrem Haus“ im Gutkind Verlag erschienen, übersetzt von Stefanie Ochel
Es gibt Bücher, die irgendwie leise daher kommen, sich ganz langsam entfalten – und einen dann völlig überraschen. The Safekeep von Yael van der Wouden war für mich genau so ein Buch: leise, konzentriert, präzise, und plötzlich von einer Wucht, die man nicht kommen sieht. Schon nach wenigen Seiten war klar, dass hier keine gewöhnliche Familiengeschichte erzählt wird, sondern ein vielschichtiges Spiel aus Erinnerung, Schuld und Begehren. In mehrfacher Hinsicht ist dieses Buch etwas Besonderes: Es ist das Debüt der niederländischen Autorin Yael van der Wouden, es wurde ursprünglich auf Englisch verfasst, und sie ist damit die erste niederländische Autorin, die es auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Yael van der Wouden wurde 1987 geboren und wuchs in den Niederlanden auf. Sie hat einen israelisch-niederländischen Hintergrund, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und an der Binghamton University in den USA.
Die Handlung führt in die niederländische Provinz Overijssel, in den Sommer 1961. Isabel lebt dort allein in dem Haus ihrer verstorbenen Mutter, umgeben von Dingen, die in penibler Ordnung verharren. Alles ist still, geregelt, kontrolliert – ein Leben, das sich in Ritualen und Routinen festhält. Als ihr Bruder Louis mit seiner neuen Freundin Eva auftaucht und für den Sommer bleibt, gerät dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken. Eva ist das genaue Gegenteil von Isabel: lebendig, neugierig, körperlich. Sie bewegt sich durch das Haus, öffnet Türen, betritt Räume, die Isabel lieber verschlossen gehalten hätte. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die sich kaum benennen lässt – eine Mischung aus Abwehr, Begehren und schleichender Bedrohung. Was anfangs wie eine stille Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem psychologisch dichten Drama, in dem Schuld, Erinnerung und Verdrängung untrennbar miteinander verwoben sind. Und dann kommt eine Wendung, so unerwartet und doch so konsequent, dass man das Buch für einen Moment zuschlagen möchte, um durchzuatmen.
She thought: I can hold you and find that I still miss your body. She thought: I can listen to you speak and still miss the sound of your voice.
Was mich an The Safekeep besonders beeindruckt hat, ist die Art, wie Yael van der Wouden Atmosphäre erzeugt. Sie braucht keine spektakulären Szenen oder großen Gesten. Das Unheimliche wächst in der Stille, im Zögern, in einem Blick, der zu lange dauert. Das Haus wird zur Bühne der inneren Zersetzung, ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart unmerklich ineinanderfließen. Man spürt in jedem Satz die Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Van der Wouden schreibt in einer klaren, präzisen Sprache, die an niederländische Stillleben erinnert – jede Bewegung, jedes Detail scheint festgehalten, bis man merkt, dass etwas im Bild verrutscht.
Auch thematisch bewegt sich der Roman auf mehreren Ebenen zugleich. Die familiäre Enge und das unausgesprochene Trauma verweisen auf eine größere historische Dimension: die Nachkriegszeit, die Schatten der Kollaboration, das Schweigen über Schuld. Diese Themen sind nie plakativer Hintergrund, sondern fließen in die private Geschichte ein – in die Art, wie Isabel Dinge ordnet, wie sie mit Erinnerungen ringt, wie sie versucht, das Unheimliche zu bannen. In dieser Verbindung von psychologischer Genauigkeit und geschichtlicher Tiefe liegt für mich die große Stärke des Romans.
Besonders die überraschende Wendung am Ende verleiht der Geschichte eine neue Perspektive, ohne den Zauber oder die Ambivalenz der Figuren aufzulösen. Sie zwingt einen, das Gelesene noch einmal neu zu betrachten, mit anderen Augen.
The Safekeep ist ein außergewöhnliches Debüt – eines, das sowohl literarisch anspruchsvoll als auch emotional tief berührend ist. Es ist ein Roman über Ordnung und das Chaos darunter, über Begehren, das sich nicht benennen lässt, über das, was ein Haus bewahrt, und das, was darin verloren geht. Wer sich auf diese stille, intensive Geschichte einlässt, wird reich belohnt. Für mich zählt sie jetzt schon zu meinen Lieblingsbüchern dieses Jahres.
The Knife – Salman Rushdie unter dem Titel „Knife – Gedanken nach einem Mordversuch“ im Penguin Verlag erschienen, übersetzt von Bernhard Robben
Knife ist weit mehr als eine autobiografische Nacherzählung des furchtbaren Messerattentats auf Salman Rushdie, das ihn im August 2022 während einer Lesung in Chautauqua beinahe das Leben kostete und tragischerweise ein Auge kostete. Knife ist eine Meditation über Verletzlichkeit, Sprache und Überleben – ein Buch über das Weiterleben und das Weiterschreiben nach der Gewalt. Es ist sicherlich Rushdies persönlichstes Buch.
Seine Waffe ist nicht das Messer, sondern das Wort. „Language, too, was a knife“, schreibt er, „it could cut open the world and reveal its meaning.“ Und genau das tut er: Er seziert das Erlebte, die Angst, die Hilflosigkeit, aber auch die Wut, den Trotz und die ungebrochene Liebe zum Leben.
Das Buch ist schonungslos ehrlich, manchmal erschütternd körperlich. Rushdie erzählt, wie der eigene Körper nach einem solchen Angriff entprivatisiert wird, wie er in den Händen von Ärzten, Pflegern, Therapeuten liegt und plötzlich nur noch Objekt ist – und wie mühsam der Weg zurück zur Autonomie, zur Sprache und zur eigenen Identität ist.
Hier schreibt kein Oper, sondern ein Überlebender, der die Deutungshoheit über sein Leben und seine Geschichte zurückfordert. Rushdie verweigert dem Täter jede namentliche Nennung, er nennt ihn nur „the A“ – eine bewusste Geste der Entmachtung. In fiktiven Dialogen konfrontiert er seinen Angreifer mit dessen eigenen Ängsten und seiner stupiden Naivität. Rushdie lässt sich das Geschehen nicht von außen diktieren sondern verwandelt es in Literatur er eignet es sich an, um weiter existieren zu können.
Knife ist ein Buch über Mut – und über die Unmöglichkeit, zu schweigen. Das Buch schwankt zwischen Schmerz und Ironie, Pathos und Lakonie, aber immer bleibt es zutiefst menschlich. Und wer Rushdie einmal live erlebt hat, der spürt diesen Ton sofort. Ich erinnere mich noch gut an seine Lesung im Münchner Cuvilliés-Theater im Jahr 2015, nur wenige Tage nach den fürchterlichen Anschlägen des IS.
Art is not a luxury. It stands at the essence of our humanity, and it asks for no special protection except the right to exist.
Rushdie sprach damals darüber, dass er aus einer nichtreligiösen Familie komme und sich in den Sechzigerjahren niemals hätte vorstellen können, eines Tages Romane über Religion zu schreiben. Aber die Welt, sagte er, habe sich verändert, das Thema sei zu groß geworden, um es zu ignorieren. „Nicht nachgeben, keinen Zentimeter“, war seine Botschaft. „Wir müssen unser Leben weiterleben wie vorher und unsere Freiheit genießen und ausleben.“
Diese Haltung zieht sich auch durch Knife: das entschlossene „Weiterleben“, selbst wenn der Körper versehrt ist, selbst wenn die Angst real bleibt. Rushdie hält es – wie er damals sagte – „ganz mit Charlie Hebdo: Ihr habt die Waffen, aber wir haben den Champagner.“
Es ist dieser unerschütterliche Glaube an die Kraft der Kunst, der dieses Buch so stark macht.
Rushdie verwandelt das Messer, das ihn treffen sollte, in ein Symbol der Sprache. Er sticht nicht zurück, sondern öffnet das, was viele lieber verdrängen würden: die Angst, den Hass, die Gewalt, aber auch die unzerstörbare Möglichkeit des Menschen, sich durch Erzählung selbst zu heilen. Am Ende aber bleibt die Erkenntnis, dass Freiheit, Würde und Sprache nicht verhandelbar sind. Knife ist kein einfaches Buch, aber ein sehr wichtiges – und für mich ein bewegendes Zeugnis dafür, was es heißt, ein freier Mensch zu sein. Ich fand es wirklich gut.
Dagmar Leupold schenkt uns und sich zu ihrem 70. Geburtstag kürzlich – einen Roman von großer sprachlicher Schönheit und stiller Wucht. Muttermale, für den sie auch für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist, ist kein klassisch erzähltes Buch, sondern ein fein komponiertes Erinnerungsgewebe. In fragmentarischen Miniaturen nähert sich Leupold dem Leben ihrer Mutter, einer Frau, deren Biografie von der Flucht aus Ostpreußen, vom Ankommen im Westen und vom leisen Beharren auf Würde geprägt ist.
Die Autorin rekonstruiert dieses Leben nicht linear, sondern tastend, suchend, in leisen Andeutungen. Zwischen Andenken, Briefen, Fotos und Erinnerungssplittern entfaltet sich das Porträt einer Generation, die gelernt hat, zu überleben – und zu schweigen. Eine Mutter die es der Tochter nicht immer einfach machte sie zu lieben. Im Versuch, die Mutter zu verstehen, wird zugleich die Frage nach der eigenen Herkunft, nach der genealogischen und emotionalen Vererbung gestellt: Was bleibt von unseren Eltern in uns zurück, welche Spuren tragen wir weiter – und welche möchten wir am liebsten tilgen? Das titelgebende Muttermal wird so zu einem poetischen Symbol für all das Unauslöschliche, das uns prägt.
Leupolds Sprache ist von einer fast musikalischen Präzision: reduziert, poetisch, nie pathetisch, immer aufmerksam für die Zwischentöne. Jeder Satz scheint sorgsam geschliffen, jede Beobachtung von einer zärtlichen Genauigkeit getragen.
Ein bei Tageslicht nicht zu erreichender Aggregatzustand trat ein: Die Seelenruhe. Im Schlaf hast du deine Tochter womöglich sogar gerngehabt.
Ein ganz eigener Reiz war für mich: Die Familie lebte in Mainz – und viele der beschriebenen Orte, Straßen und Lokale kenne ich gut. Das Wiedererkennen, vertrauter Orte war ein besonderer Bonus und hat der Lektüre für mich eine zusätzliche Tiefe verliehen.
Muttermale ist ein leises, zugleich eindringliches Buch über Erinnerung, Verlust und die Unausweichlichkeit von Herkunft. Ein Roman, der sich nicht aufdrängt, der aber nachklingt und bleibt. Ich drücke Dagmar Leupold fest die Daumen für den Bayerischen Buchpreis – verdient hätte sie ihn allemal und jetzt schau ich mir mal ihre anderen Werke an.
Ich danke dem @jung.und.jung Verlag sehr für das Rezensionsexemplar und hätte gern ein Glas auf Frau Leupold zum Gewinn des Bayrischen Buchpreises erhoben, das sollte leider nicht sein, aber für mich ist sie definitiv die Gewinnerin 🙂
Pompeijs letzter Sommer – Gabriel Zuchtriegel erschienen im Propyläen Verlag
Schon mit „Der Zauber des Untergangs“ hat Gabriel Zuchtriegel es geschafft, die Lebendigkeit und die ewige Faszination dieser untergegangenen Stadt einzufangen – so sehr, dass man sich beim Lesen fühlt, als würde man selbst durch die Straßen laufen.
Ich bin seit meiner Kindheit von Pompeji fasziniert – seit ich mit meinem Opa als Sechsjährige ein Buch über die Stadt angeschaut habe. Nach der Lektüre Ich muss da hin. Letztes Jahr hat es endlich geklappt – und „Pompejis letzter Sommer“ hat mich beim Lesen sofort wieder dorthin zurückversetzt.
Zuchtriegel nimmt uns mit in das Jahr 79 n. Chr., in ein Pompeji kurz vor der Katastrophe – lebendig, laut, voller Gegensätze. Eine Stadt, in der unfassbar Reiche in prachtvollen Villen lebten, deren Luxus auf der Arbeit von Sklaven basierte, die unter härtesten Bedingungen schuften mussten. Diese Spannung zwischen Glanz und Elend, Freiheit und Abhängigkeit, fängt Zuchtriegel wirklich gut ein. Man spürt das Brodeln unter der Oberfläche, nicht nur geologisch, sondern auch gesellschaftlich.
Das Christentum führte weder zum Untergang des römischen Reiches noch zur Abschaffung der Sklaverei. Viel mehr leben beide in wechselnder Gestalt weiter: Wir leben in einem „Imperium“, nur, das heute anstelle des Kaisers die Logik von Weltbank und WTO regiert. Genozid, Folter und moderne Formen der Sklaverei, prägten das koloniale Zeitalter und existieren, weitgehend aus dem Blickfeld der Industriestaaten verdrängt, nach wie vor in mannigfaltiger Form in der sogenannten dritten Welt. Kleidungsstücke, die wir tragen, Lebensmittel, die wir essen, werden unter sklaven-ähnlichen Bedingungen hergestellt. Von einem christlichen Sklavenaufstand in der Geschichte des Westens zu sprechen, ist Augenwischerei (Kehinde Andrews)
Besonders spannend fand ich, wie er zeigt, dass Pompeji nicht nur physisch am Rand des Untergangs stand, sondern auch geistig in einer Umbruchzeit war. Immer mehr Menschen begannen, an den alten Götterglauben zu zweifeln, und wandten sich einer „seltsamen kleinen Sekte“ zu – den frühen Christen. Zuchtriegel beschreibt diesen Wandel sehr eindrücklich: Wie eine Gesellschaft, die jahrhundertelang auf die Macht der römischen Götter vertraute, langsam ihren Halt verliert und sich nach neuen Antworten sehnt. Das hat für mich etwas sehr Zeitloses – denn auch heute erleben wir ähnliche Brüche im Denken und Glauben, wenn alte Gewissheiten bröckeln und Menschen neue Formen von Sinn suchen.
Was mir an Zuchtriegels Stil gefällt ist seine ansteckende Leidenschaft, er schreibt mit einem Gespür für Atmosphäre und Menschlichkeit. Man hört förmlich das Leben in den Straßen, das Rufen der Händler, das Lachen in den Thermen – und gleichzeitig spürt man das nahende Ende. Dieses Gefühl eines „letzten Sommers“ zieht sich wie ein feiner Schatten durch das Buch.
Natürlich hätte ich mir an manchen Stellen noch ein bisschen mehr wissenschaftlichen Tiefgang gewünscht, aber Zuchtriegel gelingt etwas, das nur wenige schaffen: Er verbindet Fachwissen mit echter Erzählkunst. Pompejis letzter Sommer ist nicht einfach ein Archäologie-Buch, sondern eine Reflexion über das Menschsein – über Macht, Glaube, Vergänglichkeit und die Suche nach Sinn.
Für mich ist es ein Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Es hat mich wieder an meinen eigenen Besuch erinnert – an dieses besondere Gefühl, durch eine scheinbar tote Stadt zu gehen, in der doch noch so viel Leben steckt. Ich würde Pompejis letzter Sommer mit 4,5 von 5 Sternen bewerten, mit klarer Tendenz nach oben. Ein faszinierendes, kluges und bewegendes Buch über eine Stadt, die uns mehr über uns selbst erzählt, als man auf den ersten Blick denkt.
Ich danke dem Propyläen Verlag für das Rezensionsexemplar.
Salt Slow – Julia Armfield auf deutsch unter dem Titel „Salzsirenen“ im Kommode Verlag erschienen, übersetzt von Hannah Pöhlmann
Nach „Our Wives Under the Sea“, das schon vor zwei Jahren eines meiner absoluten Lieblingsbücher war, zeigt Julia Armfield mit Salt Slow, wo ihre literarischen Wurzeln liegen: in einer Welt, in der das Körperliche und das Unheimliche untrennbar ineinandergreifen.
Diese Geschichten sind seltsam, schön, beunruhigend – eine wunderbare Mischung aus queerem Body Horror, Mythen und Magic Realism. Armfield schreibt über Frauenkörper, über Verwandlung und Zerfall, über die feinen Risse zwischen Intimität und Bedrohung. Ihre Protagonistinnen häuten sich, wachsen zu etwas Neuem heran oder zerfallen langsam – und all das wirkt gleichzeitig grotesk und zutiefst menschlich.
Was mich an Armfields Schreiben so fasziniert, ist ihr Blick für das Unheimliche im Alltäglichen. Eine Beziehung, ein Körper, ein gewöhnlicher Tag – und plötzlich kippt alles in etwas Dunkles, Schillernd und traumgleich, das man kaum greifen kann. Dabei bleibt ihre Sprache elegant, präzise, fast zärtlich in ihrer Beschreibung des Schreckens. Und immer wieder blitzt ein beißender, sehr britischer Humor auf, der das Morbide sehr reizvoll macht.
The sky is gory with stars, like the insides of a gutted night
Salt Slow erinnert an Autorinnen wie Shirley Jackson oder Mariana Enríquez, und doch ist Armfields Ton unverkennbar eigen: zugleich kühl und emotional, distanziert und tief berührend. Jede Geschichte öffnet eine kleine Welt für sich, seltsam und vollkommen – und ich wollte, sie würden nie enden.
Ein brillantes, düsteres Debüt, das zeigt, wie poetisch, queer und wunderschön Horror sein kann.
Die Wut ist ein heller Stern – Anja Kampmann erschienen im Hanser Verlag
Als ich Anja Kampmann beim Erlanger Poetinnenfest aus „Die Wut ist ein heller Stern“ lesen hörte, war ich sofort hin und weg, Buch gekauft und auch noch eine sehr schöne Signatur bekommen. Und dann lag es da, schön und verheißungsvoll, und ich merkte schnell: leicht wird das nicht. Ich brauchte mehrere Anläufe, habe es immer wieder zur Seite gelegt, bin zurückgekehrt, habe mit ihm gerungen. Ein Buch wie ein Boxkampf – aber einer, den ich unbedingt gewinnen wollte. Und ich bin froh, dass ich drangeblieben bin, denn am Ende hat sich jeder Schlagabtausch gelohnt.
Der Roman erzählt von Hedda, einer Artistin im Varieté „Alkazar“ auf der Reeperbahn Anfang der 1930er Jahre. Sie balanciert nicht nur auf dem Seil, sondern auch im Leben, während um sie herum die Welt kälter wird. Ihr Bruder Jaan zieht als Harpunenschmied in die Antarktis, ihr kleiner Bruder Pauli ist kränklich und verletzlich. Als die Nazis die Macht iübernehmen, verändert sich der Kiez gravierend. Heddas Freunde, die in kommunistischen Sportgruppen aktiv sind, werden verhaftet und ermordet.
Langsam zieht sich das Netz der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu. Die Schutzräume werden weniger, die Lichter im Varieté flackern, während draußen Uniformen auftauchen. Man merkt Anja Kampmann sofort an, dass sie aus der Lyrik kommt. Ihre Sprache ist dicht, manchmal kühl mehr spürbar als erklärbar.
Es gibt Passagen, die unfassbar schön sind, und andere, in denen ich schlicht nicht wusste, was gemeint war. Dieses ständige „Rita?“ – ich habe mich oft gefragt, warum, bis ich irgendwann aufgehört habe, alles verstehen zu wollen. Als ich mich der Stimme einfach hingegeben habe, mich tragen ließ, statt zu analysieren, wurde es plötzlich leichter.
Die Rita macht weiter, streckt sich so schön. Es ist warm. Samstagnacht, das Alkazar gut besucht. Schsch. Da ist dieses Glimmen im Auge des Kaiman. Eddy und Fred, die sonst so betäubt auf der Bühne liegen, sind hellwach, in ihren Augen ein seltsamer Glanz. Der Keiler ist wach. Da schwingt sie, die Rita, und die sich regen könnte, die spricht, ist irgendwo verborgen.
Kampmann schreibt keinen klassischen Roman, sie malt mit Worten, baut Räume aus Schweigen, Zwischenräumen, Blicken. Ihre Figuren sprechen in Andeutungen, ihre Sätze sind wie Seile, an denen man sich festhalten – oder verheddern – kann. Die Poetik ist kühl, aber nicht distanziert; sie hat eine fast körperliche Präsenz, die unter die Haut geht.
Die Wut ist ein heller Stern ist kein Buch, das man einfach so liest. Man muss sich darauf einlassen, sich in den Ring stellen, bereit sein, auch mal K.O. zu gehen – aber dann steht man wieder auf und liest weiter. Ich kann sehr gut verstehen, dass der Roman auf Platz 1 der SWR-Bestenliste steht. Er ist kompromisslos, sprachlich brillant, tief durchdacht. Aber definitiv keine Massenware. Wer einfach eine Geschichte „weglesen“ will, wird scheitern. Wer sich aber gern auf eine sprachliche Erfahrung einlässt, die fordert und berührt, der wird belohnt.
Ex Libris. Confessions of a Common Reader – Anne Fadiman auf deutsch unter dem Titel „Bekenntnisse einer Bibliomanin“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Melanie Walz
Dieses Buch habe ich von einer lieben Bookclub-Freundin geliehen bekommen – und schon nach ein paar Seiten wusste ich: Anne Fadiman ist eine von uns. In fünfzehn kleinen Essays schreibt sie über das Leben mit (und manchmal auch wegen) Büchern – über zerlesene Ausgaben, über das Glück, Randnotizen zu hinterlassen, und über die Eigenheiten all jener, die sich zwischen Regalen am wohlsten fühlen. Besonders der erste Essay, “Marrying Libraries”, hat mich herrlich amüsiert: wie unterschiedlich zwei bücherverrückte Menschen mit ihren Lesewelten umgehen und wie emotional so ein gemeinsames Bücherregal werden kann! (es kam mir alles sehr bekannt vor ;))
Ich habe mich in vielem wiedergefunden – und war gleichzeitig froh zu merken, dass es offenbar Menschen gibt, die noch ein bisschen buchverrückter sind als ich. Dann wirkt die eigene Manie gleich ganz normal dagegen.
Fadiman, 1953 geboren, Essayistin, Redakteurin und bekennende Bibliomanin, schreibt mit Witz, Wärme und einem feinen Sinn für die kleinen Absurditäten des Lesens. Ex Libris ist charmant, klug und einfach herzerwärmend – und ja, es hat meine Leseliste natürlich verlängert. Mit Blick auf das bald nahende Weihnachtsfest: ein wunderbares Geschenk für alle, die Bücher nicht nur lesen, sondern leben.
So meine Lieben – das war mein Oktober. Wie war eurer? Was habt ihr gelesen und besonders gemocht? Konnte ich euch mit einem meiner Titel Lust auf die Lektüre machen? Freue mich über euer Feedback.