Dezember Lektüre

Inspiriert von meiner momentanen Kulisse habe ich mich diesen Monat durch viele winterige und bergige Geschichten gelesen, inklusive eines echten Doorstoppers: Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili für meine Read Around the World Challenge (Georgien-Beitrag kommt asap).
Für den Bookclub gab’s Muriel Spark, und Weihnachten ist für mich einfach nicht Weihnachten ohne ein oder zwei Cosy Crimes.

Alles großartige Bücher, durch die Bank weg würde ich sagen 4 – 4,5 Sterne.

Vardø – Kiran Millwood Hargrave übersetzt von Carola Fischer erschienen im Diana (Penguin) Verlag

Kiran Millwood Hargraves „Vardø“ ist ein gut lesbarer interessanter Roman, Geschichten über Hexenverfolgungen nehmen mich emotional extrem mit habe ich gemerkt.

Die Geschichte beginnt im Winter 1617 im abgelegenen Vardø im Norden Norwegens, wo ein gewaltiger Sturm nahezu alle Männer der kleinen Fischergemeinde tötet. Zurück bleiben die Frauen, die sich dann gegen alle damaligen Regeln notgedrungen selbst versorgen lernen. Achtzehn Monate später haben sie sich eine fragile Unabhängigkeit erarbeitet, doch diese wird jäh zerstört, als Absalom Cornet aus Schottland eintrifft: ein fanatischer, gottesfürchtiger Mann, der die Frauen „auf den rechten Weg“ bringen soll – und in Wahrheit als Hexenjäger kommt.

Im Zentrum stehen Maren, die in Vardø aufgewachsen ist und Familie im Sturm verloren hat, und Ursa, Absaloms Frau, die aus dem vergleichsweise komfortablen Bergen stammt und in einer lieblosen Ehe gefangen ist. Ihre vorsichtige Annäherung ist einer der wenigen warmen Lichtblicke in diesem ansonsten sehr düsteren Roman.

Was mich besonders getroffen hat, ist die Erkenntnis, dass nicht einmal die letzte Ecke der Welt sicher war vor religiösem Fanatismus, Denunziation und Gewalt. Millwood Hargrave zeigt gnadenlos, wie schnell Gemeinschaften kippen können, wenn Angst, Macht und Ideologie zusammenkommen. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt: Sind das wirklich „andere Menschen“ gewesen? Oder hätten viele von ihnen in anderen Zeiten Sklaven gehalten, im Nationalsozialismus jüdische Menschen verraten, heute vielleicht wieder bereitwillig Ausgrenzung und Gewalt unterstützt? Der Gedanke, dass wahrscheinlich ein signifikanter Teil jeder Gesellschaft anfällig für autoritäre, faschistische Denkmuster ist, ist zutiefst deprimierend und beschäftigt mich nach der Lektüre noch immer.

Sprachlich gefiel mir Vardos Roman gut: roh, poetisch und oft brutal, passend zur lebensfeindlichen Landschaft und den entbehrungsreichen Lebensumständen. Die Kälte, der Hunger, die Angst – all das ist fast körperlich spürbar.

Dass der Roman auf realen Ereignissen basiert, dem Sturm von Vardø und den Hexenprozessen von 1621, macht das Gelesene noch schwerer zu ertragen. Man weiß im Grunde von Anfang an, worauf alles hinausläuft, und genau das macht es so quälend: Man möchte eingreifen, warnen, etwas verhindern – und kann es nicht.

So bleibt Vardø für mich ein atmosphärisch dichtes Buch, dass ich aber nicht wirklich an mich ran lassen wollte. Wer sich auf diese Thematik einlässt, bekommt eine erschütternde Geschichte – sollte aber wissen, dass sie einen emotional nicht unberührt lässt.

Das finstere Tal – Thomas Willmann erschienen im Liebeskind Verlag

Ein einsamer Reiter zieht in ein abgelegenes Tal, die Berge ragen bedrohlich auf, unausgesprochene Gewalt liegt in der Luft. Zack hat man ein Bild im Kopf. Das finstere Tal ist ohne Zweifel ein Roman, der denkt wie ein Film und sich auch genauso liest. Totale, Schnitt, Nahaufnahme: Thomas Willmann inszeniert sein literarisches Debüt mit der Präzision eines Regisseurs. Dass er sich im Filmhandwerk gut auskennt, merkt man auf jeder Seite.

Der sogenannte Alpenwestern ist klug gebaut, atmosphärisch dicht und handwerklich sehr souverän. Ein Fremder kommt in ein hochgelegenes Bergdorf, das von einer Bauernfamilie brutal kontrolliert wird. Lange passiert wenig, dann nimmt die Geschichte Fahrt auf und entwickelt einen ziemlichen Sog. Ab der zweiten Hälfte wird das Buch zu einem Pageturner an dem es spannungs-technisch wenig auszusetzen gibt.

Und doch bin ich mit diesem Roman nicht so recht warm geworden. Ich kann nicht einmal genau sagen warum. Die starke Cinematografie, das sehr bewusst eingesetzte Western-Vokabular und die klar gezogenen Rollen haben bei mir glaube ich eher Distanz als Nähe erzeugt. Ich habe bewundert, was hier gemacht wird, mich aber emotional selten wirklich hineingezogen gefühlt.

Sie hatten Waffen. Sie haben sich verteidgt. Viel geholfen hat es ihnen nicht.“ ….
„Sie wollen nicht, dass er vorbereitet ist, im Fall des Zweifels?“ bohrte er nach.
Die Frau überlegte eine Weile. Diesmal rang sie um eine ernst gemeinte Antwort. „Es ist nicht das Vorbereiten. Es ist das Suchen danach, wo man das Vorbereitete anbringen könnte.

Die Sprache ist historisch gefärbt, teilweise sperrig, aber expressiv und konsequent durchgezogen. Das funktioniert gut und trägt viel zur Stimmung bei. Auch die zahlreichen filmischen und literarischen Referenzen von Sergio Leone bis Cormac McCarthy, sind reizvoll manchmal fast ein bisschen zu viel.

Unterm Strich ist Das finstere Tal ein sehr gelungenes Debüt, ein Roman, der völlig zu Recht fast durchweg gute Kritiken bekommt. Für Fans von Western, Heimatroman mit dunkler Kante ist das sicher ein Volltreffer. Für mich persönlich blieb es eher eine beeindruckende Übung in Stil und Atmosphäre als eine Geschichte, die mich wirklich gepackt hat.

Das Buch wurde 2014 auch unter dem gleichen Titel von Andreas Prochaska verfilmt.

Das Schneemädchen – Eowyn Ivey erschienen im Kindler (Rowohlt) Verlag übersetzt von Claudia Arlinghaus

Eowyn Iveys Debütroman „Das Schneemädchen“ führt ins Alaska der 1920er Jahre, eine Landschaft von großer Schönheit und Härte, die für mich definitiv eine der Hauptfigur ist. Im Zentrum stehen Mabel und Jack, ein Ehepaar in den Fünfzigern, das nach einer Totgeburt und vielen Jahren unerfüllten Kinderwunsches insgesamt noch einmal neu beginnen möchte. Der Umzug in die Abgeschiedenheit Alaskas soll ein einfaches, selbstbestimmtes Leben ermöglichen, fern von schmerzhaften Erinnerungen und sozialen Erwartungen. Doch der Alltag als Siedler*innen ist entbehrungsreich: körperliche Erschöpfung, Isolation und unverarbeitete Trauer lasten schwer auf beiden, besonders auf Mabel.

Ein seltener spielerischer Moment im frischen Schnee bringt Bewegung in ihr erstarrtes Leben. Als das gemeinsam gebaute Schneemädchen am nächsten Morgen verschwunden ist und Spuren in den Wald führen, beginnt sich ihr Leben mit einer gewissen Magie zu füllen. Mit Faina tritt ein Mädchen in ihr Leben, dessen Herkunft bewusst unklar bleibt. Ob sie ein wildlebendes Kind oder eine märchenhafte Erscheinung ist, lässt der Roman offen. Gerade dieses Schweben zwischen Realität und Möglichkeit macht für michden Reiz der Geschichte aus.

Lose inspiriert vom russischen Märchen der Schneejungfrau, bleibt Ivey stets nah an einer realistischen Erzählweise. Der magisch-realistische Aspekt bleibt zurückhaltend. Stattdessen stehen der Alltag der Siedler*innen, ihre Arbeit und die langsame Entstehung von Gemeinschaft im Vordergrund. Mich hat das teilweise sehr an Laura Ingalls „Unsere kleine Farm“ erinnert, eine Buchreihe die ich wahnsinnig gern gelesen habe.

Iveys Sprache ist ruhig, atmosphärisch und sehr sicher für ein Debüt. Die Beziehung zwischen Mabel und Jack wird feinfühlig und ohne Sentimentalität erzählt, und die Natur Alaskas wirkt als emotionaler Resonanzraum der Handlung. Das Schneemädchen ist ein stiller, poetischer Roman mit zeitloser Anmutung. Eine klare Leseempfehlung für winterliche Tage, für Schneeferien in der Berghütte oder als stimmungsvolle Lektüre in der Weihnachtszeit. Ein starkes Debüt und ich wünsche uns allen eine Freundin wie Esther 🙂

Eine klare Leseempfehlung für winterliche Tage – ideal für Schneeferien in der Berghütte oder als stimmungsvolle Lektüre unterm Weihnachtsbaum.

Das achte Leben (Für Brilka) – Nino Haratischwili erschienen im Ullstein Verlag

Für mein Read around the world Projekt war Das achte Leben für Brilka mein literarischer Abstecher nach Georgien und ich hätte mir kein passenderes Buch wünschen können. Dieser Roman ist ein echter Koloss und ich hatte anfangs Respekt vor seinem Umfang, aber sobald ich im Leben dieser Familie angekommen war verlor sich das schnell. Haratischwili erzählt eine Geschichte über ein ganzes Jahrhundert georgischer und sowjetischer Vergangenheit und zeigt dabei wie Politik und Ideologie ganz unmittelbar in das Leben einzelner Menschen eingreifen.

Besonders beeindruckt hat mich wie sie das Große und das Kleine verbindet. Revolutionen, Diktatur und Unabhängigkeitskämpfe laufen hier nicht abstrakt im Hintergrund ab sondern zeigen ihre Spuren in Alltag, Beziehungen und Selbstbildern. Die Familie mit ihrer geheimnisumwobenen Schokoladenrezeptur wird im Laufe der Jahrzehnte in alle Schichten der Gesellschaft gespült und die Figuren tragen ihre Hoffnungen und Verletzungen sichtbar mit sich herum. Ich mochte sehr wie sich einzelne Charaktere über viele Jahre entwickeln und wie vertraut sie einem beim Lesen werden.

Im Kreml wusste man, dass man mit Gesetzen und Zwängen allein die neuen Bürger nicht schlagartig zu musterhaften Sowjetbürgern machen konnte, und doch musste man die Jahre der „Umerziehung“ in den neuen Gebieten im Schnelldurchlauf durchführen. Ethnische Konflikte sollten auch in diesen Gebieten zugespitzt werden – schließlich hatte sich dieses Rezept in so vielen anderen Regionen bewährt.

Ich mochte auch wie der Roman über die alten Ost West Narrative nachdenkt. Gerade die Figuren die Georgien verlassen und im Westen Fuß fassen müssen erleben eine Art doppelte Entfremdung. Sie sehnen sich nach Heimat und merken gleichzeitig wie sehr sie von außen auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Ich mochte diese Perspektive weil sie differenziert und menschlich erzählt ist und weil sie einen Blick auf den postsowjetischen Raum ermöglicht der jenseits der üblichen Klischees bleibt.

Dass Haratischwili viele weibliche Stimmen in den Mittelpunkt stellt gefällt mir besonders. Sie zeigt wie wenig dokumentiert die Erfahrungen dieser Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung sind und wie viel Kraft nötig ist um trotz Gewalt, Verlust und politischer Willkür weiterzugehen. Niza die Erzählerin schreibt ihre Familiengeschichte für ihre Nichte auf und schafft damit einen ganz besonderes Erinnerungsraum.

Bin immer noch ein bißchen in Georgien und würde das Land sehr gerne mal besuchen. In den nächsten Tagen poste ich hier meinen Read around the world „Georgien“ Beitrag dazu.

A far cry from Kensington – Muriel Spark auf deutsch unter dem Titel „Weit weg von Kensington“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Otto Bayer

Muriel Sparks „A far cry from Kensington“ ist eine feinsinnige, zugleich bissige literarische Satire auf die Londoner Verlagswelt der 1950er Jahre, die Mrs Hawkins mit sichtbarem Vergnügen seziert. Lektoren, Verleger, Möchtegern-Autoren und literarische Hochstapler bevölkern diesen Kosmos auf der einen Seite, die eher ärmeren Bewohner aber mindestens genauso schlagfertigen Bewohner ihres Boarding Houses auf der anderen Seite.

Im Zentrum steht Mrs Hawkins: klug, unabhängig, moralisch standfest und mit einem bemerkenswerten Talent für gute Ratschläge. Viele von uns nahmen sie auf den ersten Seiten als deutlich älter wahr, als sie tatsächlich ist. In ihrer ruhigen Art und ihrem klaren Blick auf menschliche Schwächen erinnerte sie mich stellenweise an Olive Kitteridge.

In the end I concluded it was better to belong to the ordinary class. For the upper class could not live, would disintegrate, without the ordinary class, while the latter can get on very well on its own.

Unübersehbar finde ich, ist die Nähe zwischen Figur und Autorin. Spark kannte das literarische Milieu aus eigener Erfahrung, und die Frage, ob A Far Cry from Kensington als (teilweiser) Schlüsselroman zu lesen ist, liegt nahe. Dass es womöglich reale Vorbilder für den berüchtigten pisseur de copie gab, ist nie eindeutig bestätigt worden doch gerade diese Schwebe zwischen Fiktion und persönlicher Abrechnung verleiht dem Roman seine besondere Schärfe und wunderbaren Witz.

Muriel Spark zählt zu den großen Stimmen der britischen Nachkriegsliteratur. Ihr Stil ist präzise, ironisch und von einer fast unbestechlichen moralischen Klarheit geprägt. Privat galt sie als ziemlich eigenwillig und kompromisslos. Über drei Jahrzehnte lebte sie mit der Künstlerin Penelope Jardine zusammen, der sie ihr gesamtes Vermögen sowie die Rechte an ihren Büchern vermachte. Das Verhältnis zu ihrem Sohn Robin Spark hingegen war zerrüttet.

„I began to remind myself that I was Mrs Hawkins and didn’t need a dinner at the Savoy, while Hugh Lederer proceeded with his protest to the effect that in a privileged job like publishing one didn’t care about the pay.“

Aktuell gibt es gerade zwei neu erschienene Biografien zu Muriel Spark auf die ich sehr neugierig bin und ich freue mich auf weitere Bücher der Autorin.

Habt ihr neben „The Prime of Miss Jean Brodie“ noch Empfehlungen?

Berghütte – Fanny Desarzens erschienen im Atlantik Verlag, übersetzt von Claudia Steinitz

Manchmal liest man ein Buch genau im richtigen Moment. Ich habe „Berghütte“ auf der Rückfahrt aus den Bergen gelesen, unterwegs zum Weihnachtsfest nach Hause. Als ich die letzte Seite umblätterte, rollte der Zug in den Münchner Hauptbahnhof ein. Dieser Übergang von der Höhe zurück ins Tal, von der Stille in den Alltag hätte kaum besser zu diesem kleinen Roman passen können.

Fanny Desarzens erzählt von drei Männern, die ihr Leben den Bergen verschrieben haben. Zwei von ihnen führen Wandergruppen, der dritte lebt und arbeitet in einer Hütte hoch oben. Dort treffen sie sich immer wieder, teilen Brot, Wein, Feuer und Geschichten. Die Berge sind für sie mehr als Landschaft: Sie sind ein Zustand, ein Versprechen von Freiheit und Einfachheit, ein Ort, an dem alles Wesentliche greifbar scheint.

Doch diese scheinbare Selbstverständ-lichkeit beginnt zu bröckeln. Nach überstandenem Drama, dann aber beinahe unmerklich, verändert sich einer der Freunde. Desarzens wählt für diese Entwicklung einen leisen Ton, der umso eindringlicher wirkt. Sie interessiert sich weniger für das Ereignis selbst als für das Davor und Danach: für das Schweigen, das Aushalten, das Unvermögen, über Angst und Verlust zu sprechen.

Besonders gelungen fand ich die Art, wie Desarzens Nähe und Distanz zugleich beschreibt. Die Freundschaft der drei Männer ist tief, getragen von gemeinsamen Ritualen und einer stillen Loyalität und doch bleibt vieles unausgesprochen. Gerade darin liegt die Melancholie dieses Textes.

Mit einer poetischen, klaren Sprache und präzisen Bildern entfaltet Berghütte auf wenigen Seiten eine große emotionale Wirkung. Die Landschaftsbeschreibungen sind eindrucksvoll und spiegeln teilweise das Innenleben der Freunde. Beim Lesen stellte sich eine stille Sehnsucht ein: nach Höhe und Weite, nach Bergwanderungen und frisch gebackenem Brot.

Ein sehr schönes Debüt, das ich wirklich gerne gelesen habe und das 2023 sehr verdient den Schweizer Literaturpreis gewonnen hat.

Er nimmt den Pickel in die rechte Hand. Einen Moment sagt er sich, dass er auch gern einen Abdruck hinterlassen will. Er würde gern mit dem Metall in den Felsen kratzen, Linien zeichnen, Buchstaben bilden. Er würde gern seinen Namen schreiben. Doch er hängt den Pickel wieder an seinen Gürtel. Die Sonne steht hoch, sie strahlt auf den Uvarose und färbt ihn rosa. Bei diesem Licht wäre es unmöglich, Galel dort zu sehen. Man würde höchstens etwas wahrnehmen, das sich bewegt. Dann kommt eine enge Schlucht wie eine Ader.

The Adventure of the Christmas Pudding – Agatha Christie auf deutsch unter dem Titel „Das Geheimnis des Weihnachtspuddings“ im Hoffmann & Campe Verlag erschienen

Das Geheimnis von Dower House – Nicholas Blake übersetzt von Jobst-Christian Rojahn erschienen im Klett-Cotta Verlag


Weihnachten ohne Christie? Unvorstellbar. Diese Sammlung kurzer Poirot-Geschichten ist cosy Crime in Reinform: englische Herrenhäuser, familiäre Spannungen, kleine Gemeinheiten, ab und an mal ein Mord – und natürlich Hercule Poirot mit seinen „little grey cells“. Die titelgebende Geschichte spielt zur Weihnachtszeit und wurde ursprünglich für wohltätige Zwecke geschrieben. Nach Jahren der Abstinenz möchte ich jetzt sehr unbedingt mal wieder einen klassischen englischen Christmas Pudding essen.

Das Geheimnis von Dower House ist ein klassischer englischer Whodunit mit Landhaus-Setting, verschrobenen Figuren und einer Prise Understatement. Nicholas Blake ist übrigens das Pseudonym des Lyrikers Cecil Day-Lewis, der später britischer Poet Laureate wurde – ein schönes Beispiel dafür, wie sich literarischer Anspruch und Crime perfekt verbinden lassen. Elegant, clever und herrlich oldschool.

Habe beide glücklich unterm Weihnachtsbaum gelesen.

Wie war euer Lese-Dezember? Welche Bücher haben euch am meisten begeistert und kennt ihr von meinen vorgestellten Büchern welche?

Sommerliche Juli Lektüre

Mein Lesemonat Juli – der war richtig gut. Gute Mischung, ein paar Kracher waren dabei, Neuentdeckungen für mich und keine wirklichen Ausfälle.
Wie war Euer Juli und welche Bücher hier habt ihr schon gelesen bzw möchtet ihr lesen?

Nochmal von vorne – Dana von Suffrin erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Ich mochte den Roman „Noch mal von vorn“ von Dana von Suffrin sehr. Er schafft es, ein ernstes Thema leicht und humorvoll zu präsentieren. Besonders interessant war die Veranstaltung im Literaturhaus, moderiert von Sascha Chaimowicz, bei der Dana von Suffrin erklärte: „Ja, Humor ist natürlich ein Bewältigungsmechanismus, aber auch die einzige Waffe, die ich habe.“

Dana von Suffrin, die bereits für ihren Debütroman „Otto“ (2019) ausgezeichnet wurde, erzählt in ihrem neuen Werk die Geschichte von Rosa Jeruscher. Rosa versucht, die eigene komplizierte Familiengeschichte zu rekonstruieren und die vielen Kratzer im Familien Furnier zu glätten. Die Handlung beginnt, als Rosa am Arbeitsplatz vom Tod ihres Vaters erfährt. Obwohl sie mit seinem Tod gerechnet hatte, stellt die Endgültigkeit des Abschieds vom Vaters eine bedeutende Zäsur dar – vor allem in ihrem Kopf. Jetzt muss sie sich allein mit der komplizierten Familiengeschichte auseinandersetzen.

Erinnerungen an die heftigen Diskussionen ihrer Eltern, die sie passiv, aber aufmerksam verfolgt hat, tauchen auf: „So tat ich, was ich meistens tat: überhaupt nichts, ich bewegte mich nicht und merkte mir alles.“ Die schwierige und belastete deutsch-israelische Beziehung der Eltern lastet wie ein Felsbrocken auf der Familie.

Dana von Suffrin verzichtet auf eine lineare Handlung und flicht fragmentarische Ereignisse aus der Weltgeschichte ein. Sie springt in die Vergangenheit, baut überlieferte Erinnerungen des Vaters und imaginierte Träume in die Handlung ein, und wechselt zurück zu Monologen nach dem Tod des Vaters. So entsteht ein vielschichtiges Bild einer Familie, deren Geschichte von persönlichen Enttäuschungen und Vorwürfen geprägt ist.

„Später beklagte die beauftragte Kommission, dass Hitler es versäumt hatte, seinen Bleistift anzuspitzen. Er war stumpf, und eine viel zu dicke Linie wurde nun zur Grenze, im Maßstab der Karte war sie sechs Kilometer breit geraten“, heißt es in einer historischen Anekdote.

Dana von Suffrin erzählt dieses ihre jüdische Familiengeschichte überraschend leicht, ohne Pathos, aber mit einer Affinität zum schwarzen Humor.

Im Nachhinein, sagte meine Mutter, würde man sich an Tage, an denen etwas besonders Schlimmes oder auch etwas besonders Schönes geschah, immer so erinnern, als hätte etwas in der Luft gelegen, aber das stimmte nicht, in der Luft lag nie etwas.

Rosa sucht nach Normalität, Unbeschwertheit und vielleicht sogar Lebensfreude. Die Autorin zeigt, wie Geschichte in uns weiterlebt und transportiert wird.
Große Empfehlung – unbedingt lesen!

No one is talking about this – Patricia Lockwood auf deutsch unter dem Titel „Und keiner spricht darüber“ im btb Verlag, übersetzt von Anne-Kristin Mittag

Unser Juli Bookclub-Treffen geriet dieses Mal eher zu „No one is reading about this“ Selten habe ich erlebt, dass ein Buch so wenig Anklang fand, besonders der erste Teil, den die meisten wirr und undurchdringlich fanden. Es finden sich sonst fast immer ein paar Fans, ein paar die ein Buch gar nicht mochten und ein paar zwischendrin. Aber dieses Mal war das ungewöhnlich krass. Ich war noch eine von denen die (wie man im Foto sehen kann) durchaus ein paar interessante Absätze und Beobachtungen fand, aber auch ich als damit schon „Fan“ im Bookclub, konnte mich gerade mal zu 3 Sternen durchringen.
Trotzdem hatten wir einen gelungenen Abend im Bookclub, und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Viele fühlten sich allerdings „zu alt“ für das Buch weil sie Twitter noch nie genutzt hatten daher insgesamt wenig Berührungspunkte mit dem Buch und seiner Protagonistin hatten.

Patricia Lockwood beschreibt in ihrem Roman „No one is talking about this“ zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten. Im ersten Teil geht es um eine Protagonistin, die quasi auf Twitter lebt. Sie denkt ständig darüber nach, welche witzige Bemerkung sie als nächstes twittern kann und wie jede noch so kleine Begegnung in ihrem Alltag zum nächsten viralen Tweet wird. Der zweite Teil hingegen ist sprachlich und emotional auf einer ganz anderen Ebene und hat allen, die es bis dahin geschafft haben (oder die dann nur den 2. Teil gelesen haben), tatsächlich gut gefallen.

Bekannt wurde Patricia Lockwood durch ihr Gedicht „The Rape Joke“, das 2013 viral ging, und ihre Memoiren „Priestdaddy“, in dem sie von ihrer Jugend in einer streng katholischen Familie erzählt, in der ihr Vater durch Sondergenehmigung als Priester ordiniert wird, trotz Ehefrau und seiner drei Kinder.

White people, who had the political educations of potatoes – lumpy, unseasoned, and biased towards the Irish – were suddenly feeling compelled to speak out about injustice. This happened once every forty years on average, usually after a period when folk music became popular again. When folk music became popular again, it reminded people that they had ancestors, and then, after a considerable delay, that their ancestors had done bad things.

Im ersten Teil des Romans führt Lockwood uns in die Gedankenwelt einer namenlosen Protagonistin ein, die durch ihre witzigen Tweets berühmt geworden ist. Sie wird eingeladen, in Städten weltweit über „die neue Kommunikation, den neuen Informationsstrom“ zu sprechen. Der Humor und die Ironie des „Portals“ – so nennt sie das Internet – dominieren ihr Leben. Der zweite Teil des Buches verändert den Ton komplett als die Protagonistin mit einer familiären Tragödie konfrontiert wird. Plötzlich ist der vorher dominierende Humor nicht mehr ausreichend, um mit der Realität umzugehen.

Lockwood’s Fähigkeit, die absurde und oft triviale Natur des Internets zu beobachten und zu beschreiben, ist beeindruckend. Ihre Protagonistin kämpft mit „Ironie-Vergiftung“, und ihre Gedankenwelt ist ein chaotisches Durcheinander von absurden Internet-Memen und ernsthaften Gefühlen. Der Roman ist in zwei Hälften geteilt: Die erste ist eine Studie über ein statisches Leben, das ständig in den Abgrund des „Portals“ starrt. Im zweiten Teil jedoch nimmt das Buch an Tiefe und Komplexität zu, als eine persönliche Tragödie die Protagonistin und ihre Familie trifft.

Ein Buch das polarisiert, aber eigentlich durchweg sehr gute Kritiken bekommt. Nicht jedes Buch passt zu jede*r Leser*in.
Da es so viele Bücher gibt, die noch warten von mir gelesen zu werden, wird es vermutlich keine weiteren Romane von Ms Lockwood für mich geben, aber auf der anderen Seite: sag niemals nie 😉

Einige Herren sagten etwas dazu – Nicole Seifert erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Ich habe dieses Buch so so gerne gelesen! Eines, das endlich den Scheinwerfer auf die zu Unrecht zum großen Teil vergessenen und wieder zu entdeckenden Autorinnen richtet. Meine Leseliste ist auf jeden Fall um Welten länger geworden: Nicole Seiferts „Einige Herren sagten etwas dazu“ ist ein beeindruckendes Werk, das eine wichtige Lücke in der literarischen Aufarbeitung der Nachkriegszeit schließt. Die Autorin beleuchtet die Rolle der Schriftstellerinnen der Gruppe 47, die stets im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen und deren Beiträge zur Literaturgeschichte ungerechtfertigt in Vergessenheit gerieten.

Das Buch beginnt mit einem Einblick in die Strukturen und Mechanismen der Gruppe 47, die von Männern dominiert und geprägt wurde. Seifert zeigt, wie Frauen, trotz ihrer Talente und literarischen Leistungen, oft auf ihre äußere Erscheinung oder ihre Rolle als Ehefrauen oder „Tänzerinnen“ reduziert wurden. Seifert konfrontiert die sexistischen Kommentare mit den eigenen Aussagen der betroffenen Frauen, wodurch die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der tatsächlichen literarischen Arbeit deutlich wird.

Bevor ich sie kennenlernte, sagte mir jemand, sei sei ein „Pummelchen““, beginnt Richter seine Beschreibung Ilse Aichingers. Tatsächlich habe er dann „eine schöne Frau“ vor sich gehabt, „die einige meiner Tagungsmitglieder so stark anzog, dass sie ganz außer sich gerieten und für meine Begriffe ein wenig an Contenance verloren.

Nicole Seifert startet jedes Kapitel mit Zitaten von Männern und Frauen der Gruppe 47. Diese Gegenüberstellungen verdeutlichen nicht nur die unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch die vorherrschenden Vorurteile und die systematische Ausgrenzung der Frauen. Besonders ergreifend ist die Darstellung von Ilse Schneider-Lengyel, einer vielseitigen Künstlerin, die trotz ihrer umfangreichen Bildung und ihrer einzigartigen literarischen Stimme von ihren männlichen Kollegen kaum anerkannt wurde.

Ein weiteres starkes Kapitel widmet sich Gisela Elsner, einer Gesellschaftskritikerin, deren scharfsinnige Satiren über patriarchale Strukturen und Gewaltverhältnisse auch heute noch relevant sind. Elsner spielte bewusst mit ihrem Äußeren, um die Erwartungen der Männer zu unterlaufen und ihre eigene literarische Identität zu betonen.

Seiferts Buch ist nicht nur eine Sammlung von Biografien und literarischen Analysen, sondern auch eine fundierte Kritik am literarischen Kanon und der Rolle, die Frauen darin spielen oder vielmehr nicht spielen dürfen. Das Vergessen von Schriftstellerinnen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis systematischer Benachteiligung. Es ist an der Zeit, diese ungerecht behandelten Stimmen wiederzuentdecken und zu würdigen.

Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat – Annett Gröschner / Peggy Mädler / Wenke Seemann erschienen im Hanser Verlag

Der Titel verspricht schon einiges – und das Buch hält es auch. Was passiert, wenn eine Dramaturgin, eine Journalistin und eine Soziologin zusammenkommen, um über den idealen Staat zu philosophieren? Genau: Ein witziger, tiefgründiger und höchst unterhaltsamer Trialog!

Die drei Frauen nehmen uns mit auf eine Reise durch ihre Gedankenwelt, gespickt mit persönlichen Anekdoten und scharfsinnigen Beobachtungen. Sie werfen einen kritischen Blick auf die Wendezeit, den heutigen Stand der deutschen Einheit und die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. Dabei schrecken sie nicht davor zurück, auch mal ordentlich auszuteilen – sei es gegen alte DDR-Nostalgiker oder die kapitalistische Realität im vereinten Deutschland.

Ein zentraler Punkt des Buches ist die Frage nach der Solidarität, die in der DDR ein hohes Gut war und heute oft vermisst wird. Die Autorinnen diskutieren, wie diese verloren gegangen ist und warum sie heute wichtiger denn je ist. Besonders spannend wird es, wenn die drei sich mit einem Gläschen Wodka (oder auch mal einem Bier) in der Hand über die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft austauschen. Man spürt regelrecht die Energie und Leidenschaft, mit der sie ihre Visionen und Ideen teilen.

Annett Gröschner erinnert uns an den Satz von Gerhard Gundermann: „Der Trabi und der Mercedes fahren auf den Abgrund zu. Der Trabi fällt halt nur schneller runter als der Mercedes – der fliegt noch eine Weile.“ Dieses Bild benutzen sie, um den unaufhaltsamen Wandel von Systemen zu beschreiben und um die Frage zu stellen, was danach kommen könnte. Besonders beeindruckend ist ihre Überzeugung, dass Veränderungen möglich sind – nicht durch Abwickeln, sondern durch aktives Gestalten.

Gegenüber, in der Mietwohnanlage der Deutschen Wohnen, die inzwischen Vonovia gehört, schreit einer laut und betrunken nach seiner Freundin, solche Eskapaden kann man sich hier noch leisten, anders als auf der anderen Seite der Ringbahn, wo der Kredit für die Eigentumswohnung zu mehr Disziplin und Selbstbeherrschung zwingt. Dort ist es nicht die Leber, die belastet wird, sondern das Herz, das viel Jogging (oder andere Formen der Selbstoptimierung), Arbeit, Vernetzung und späte Elternschaft managen muss.

Peggy Mädler betont, dass Privatisierung von Wohnraum ein Verrat am Sozialstaat ist und fragt, ob die Dogmen des Kapitalismus nicht genauso fatal sind wie die des Sozialismus. Sie fordert ein weniger moralisierendes, mehr dialektisches Denken: „Das, was uns an der Dialektik so gefällt, ist diese Form von ’nach-Erkenntnis-streben‘, Widersprüche auszuhalten und zu akzeptieren, dass Dinge gleichzeitig sein können, obwohl sie sich widersprechen.“

Die drei Autorinnen sind sich einig, dass es im Leben keine einfachen Antworten gibt und dass man stets in Bewegung bleiben muss – geistig und gesellschaftlich. Sie sehen das Leben als einen nimmer endenden Widerspruch, den man aushalten und durch den man wachsen kann.

„Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, zum Lachen bringt und den Leser immer wieder überrascht. Ich habe richtig viel gelernt. Ich kannte die DDR aus diversen Besuchen, habe aber nie dort gelebt. Habe viel nachgelesen und insbesondere den Verfassungsentwurf für die DDR 89/90 fand ich sehr spannend.

Hier ist eine Einladung, sich auf die Widersprüche des Lebens einzulassen und aus ihnen zu lernen. Ein Buch, für alle, die sich für gesellschaftliche Fragen interessieren und die Freude an klugen, humorvollen Dialogen haben.

Reise im Mondlicht – Antal Szerb übersetzt aus dem ungarischen von Christa Viragh, erschienen im dtv Verlag

Antal Szerb ist eine schillernde Figur der ungarischen Literaturgeschichte. Geboren 1901 in Budapest, war er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Literaturwissenschaftler und ein brillanter Kopf. Bevor er mit „Reise im Mondlicht“ 1937 ein Meisterwerk der Weltliteratur schuf, hatte Szerb bereits als Autor und Literaturkritiker für Aufsehen gesorgt. Seine Schriften und seine Leidenschaft für die Literatur prägten nicht nur seine Zeit, sondern beeinflussten auch Generationen nach ihm. Leider wurde sein Leben durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs abrupt beendet; 1945 wurde er von den Nationalsozialisten ermordet. Doch seine Werke, insbesondere „Reise im Mondlicht“, leben weiter und verzaubern Leser*innen weltweit.

Ich habe mich von Anfang an in die Atmosphäre des Romans verliebt. Die Geschichte beginnt mit einem unglücklichen ungarischen Geschäftsmann, Mihály, der sich mit seiner Frau in Venedig auf Hochzeitsreise befindet. Diese Szenerie mag auf den ersten Blick als ein einfaches Klischee erscheinen, doch Szerb gelingt es meisterhaft, eine tiefere, vielschichtige Erzählung zu entwickeln. Mihály, der sich von seiner Vergangenheit befreien möchte, wird bald von Erinnerungen eingeholt, die ihm zeigen, dass er seine eigene Geschichte und die seiner Mitmenschen nie ganz durchdringt und es stets ein tiefer liegendes Geheimnis gibt.

Was mich besonders an diesem Roman gefesselt hat, ist Szerbs brillante Art, Charaktere zu zeichnen und insgesamt mochte ich den Ton des Buches sehr. Mihály, der sich als Außenseiter fühlt, wird in Wirklichkeit von seiner Frau und den Menschen um ihn herum oft falsch eingeschätzt. Die scharfsinnigen Beobachtungen und die subtile Ironie machen das Buch zu einem Werk in dem ich aus dem Markieren spannender Sätze gar nicht mehr rauskam. Es ist eine Geschichte über die Suche nach Identität, über das Spannungsfeld zwischen Konvention und Rebellion, zwischen Mystik und Rationalität. Szerb verbindet Humor mit Tragik, und das auf eine Art und Weise, die mich immer wieder zum Staunen brachte.

Der Roman enthält eine Reihe von seltsamen Zufällen und Wendungen, die fast an einen moderne Schelmenroman oder Road Movie erinnern. Warum es umso erstaunlicher ist, wie gut mir dieser Roman gefallen hat, denn beides sind eigentlich nicht unbedingt meine Lieblings Themen in Romanen.

„Reise im Mondlicht“ ist ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat, und ich kann gar nicht anders, als es allen, die ich kenne, zu empfehlen. Lest dieses Buch! Ich würde mich freuen, wenn Antal Szerb noch viel mehr Menschen ein Begriff wäre. Besonders freue ich mich schon auf Szerbs Fantasy-Roman „Die Pendragon Legende“, der mir wärmstens ans Herz gelegt wurde.

Die seligen Jahre der Züchtigung – Fleur Jaeggy aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden, erschienen im Suhrkamp Verlag

Diese kleine Novelle hat es in sich“ „Die seligen Jahre der Züchtigung“ von Fleur Jaeggy wurde von Barbara Schaden übersetzt aus dem Italienischen übersetzt und spielt in einem Mädcheninternat im Appenzell der sechziger Jahre. Jaeggy schafft es, in einer relativ schmalen, aber unglaublich dichten Erzählung eine Atmosphäre zu erzeugen, die mich ziemlich in seinen Bann gezogen hat.

Die Geschichte wird von einer vierzehnjährigen Ich-Erzählerin erzählt, deren Alltag von Gehorsam und Disziplin geprägt ist. Die heitere Landschaft vor den Fenstern des Internats steht im krassen Gegensatz zu der strengen Ordnung des Hauses. Die Erzählerin verbringt stundenlange, einsame Spaziergänge in dieser idyllischen Umgebung. Doch dann betritt Frédérique die Szene – schön, streng und voller Überdruss. Frédérique hat eine gewisse Aura um sich, etwas Leises und Schreckliches, das die Erzählerin sofort fasziniert.

Wie man sieht, hatte ich damals noch nicht die Kunst des Vermittelns gelernt, ich glaubte noch, um etwas zu bekommen, müsse man geradewegs das Ziel ansteuern; in Wahrheit aber sind es nur die Ablenkungen, die Unbestimmtheit, der Abstand, die uns dem Vorhaben näherbringen – das Ziel trifft uns, nicht umgekehrt.

Die Beziehung zwischen den beiden Mädchen ist komplex und tiefgründig. Die Erzählerin fühlt sich immer stärker zu Frédérique hingezogen, nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer Disziplin und Perfektion. Es ist fast wie eine morbide Anziehungskraft, die sie nicht loslässt. Erst viele Jahre später kann die Erzählerin ihre abgründige Liebe zu Frédérique in Worte fassen.

Jaeggy beschreibt diese düstere, fast surreale Welt mit einer solchen Präzision und Klarheit, dass man als Leser*in förmlich die beklemmende Atmosphäre des Internats spüren kann. Die Landschaft ist dunkel, die Stimmung melancholisch, und die Beziehungen zwischen den Mädchen sind von einer „keuschen Promiskuität“ geprägt, wie Jaeggy es nennt.

In den Internaten, zumindest in denen, die ich kennengelernt habe, wurde eine senile Kindheit in die Länge gezogen, bis an die Grenze des Schwachsinns.

Was mich besonders an diesem Buch fasziniert hat, ist Jaeggys Fähigkeit, komplexe Gefühle und Stimmungen in kurzen, prägnanten Sätzen einzufangen. Ihre Prosa ist kühl und präzise, fast chirurgisch, und sie schafft es dennoch, eine tiefe emotionale Wirkung zu erzielen. Man merkt, dass Jaeggy selbst eine Art Einsiedlerin ist, die sich in ihre eigene Welt zurückzieht und die vielen Spaziergänge in der Novelle und der Anfang der Geschichte lassen auch auf eine Hommage an Robert Walser schließen.

Eine Geschichte über Einsamkeit, Disziplin und die unergründliche Anziehungskraft zwischen zwei jungen Mädchen. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird mit einer tiefgründigen und bewegenden Lektüre belohnt, die man so schnell nicht vergisst.

Faserland – Christian Kracht erschienen im S. Fischer Verlag

Mich hat das Buch etwas ratlos zurückgelassen. Normalerweise gehe ich dann davon aus, dass ich irgendetwas nicht verstanden habe, besonders wenn es von Menschen, deren Geschmack und Empfehlungen ich schätze, hoch gelobt wird. Insgesamt bin ich auch kein großer Fan von Roadmovies (wie nennt man das bei Büchern? Roadbook?) und das ständige Erbrechen des Protagonisten war schwer zu ertragen. Aber jetzt möchte ich eine Barbour-Jacke (ich hatte mal eine Wachsjacke von Marks & Spencer, die leider bei einem Umzug verloren ging).

Das Buch schildert die abgründigen Seiten des Party-Deutschlands – von Fisch-Gosch, Champagner und Scampis auf Sylt, über bunte Pillen, schwule Burschenschaftler, Models und Yuppies in Hamburg, Frankfurt und Heidelberg, vom P1 in München und Parties in der Schweiz. Diese unterhaltsam klingenden Geschichten werden oft als Popliteratur bezeichnet, aber ist „Faserland“ eigentlich Popliteratur? Die oberflächliche Zärtlichkeit, mit der Kracht die Dinge beschreibt, scheinen das Leiden an der Welt des Protagonisten auszudrücken. Die Welt ekelt ihn an und er erbricht sich pausenlos.

Das Buch ist eine Topographie des Hedonismus im Verfallsstadium, wobei Kracht prätentiös, aber durchaus stilsicher vorgeht. „Faserland“ ist ein sehr deutsches Buch, denn es dreht sich um die alles durchdringende Angst. Diese Dynamik treibt die Erzählung voran, gekoppelt mit einem Hass auf dieses Land, der auf eine bislang kaum gesehene Weise in eine kosmopolitische und episch ergiebigere Form gegossen wird: Es ist ein Buch des Ekels.

Wie auch schon in Krachts Untergangsphantasie „1979“ ist „Faserland“ die Geschichte einer Reise, die im Verschwinden oder in der Selbstauslöschung endet. Der Ekel vor der Welt ist auch ein Ekel vor sich selbst, was dem markenbewussten Nihilismus des Buchs einen poetischen, fast schon ethischen Kern verleiht. Krachts Weg, sich der Welt zu nähern, ist die Flucht.
Seine permanenten Vorurteile und Ablehnungen scheinen seine Art zu sein sich die Welt zu erschließen. Tief in seinem Herzen ist der Protagonist wohl ein Romantiker.

Also zahle ich dem Taxifahrer seinen Fahrpreis und gebe ihm noch ein dickes Trinkgeld, damit er in Zukunft weiß, wer der Feind ist.

Krachts Sehnsucht nach der Schauspielerin Isabella Rosselini beschreibt die feine Distanz, mit der er sich die Welt vom Leib hält, obwohl er sich so danach sehnt: „Ich meine, ich berühre sie nicht, ich denke auch nicht direkt an sie, sondern lasse sie am Rand meiner Gedanken auftauchen, ohne ihr näherzutreten oder mit ihr zu sprechen, ohne sie anzusehen.“

Es ist eine Reise ohne offensichtlichen Grund, ein Vaterland, das er wie von außen betrachtet und das ihm dabei immer mehr anekelt. Freunde mit mottenzerfressenen Pullis oder grünen Barbourjacken tauchen auf und verschwinden wieder. Erinnerungen verblassen im Taumel aus Alkohol und Drogen. Das Bild, das er von Deutschland zeichnet, ist präzise und einseitig zugleich, und spiegelt eine Wahrheit wider: das vom Ende einer Welt, noch bevor die Mehrheut überhaupt erkannte, dass diese Welt überhaupt existierte – geschweige denn, dass sie bereits wieder vorbei war. Kracht hat eine Erzählung geschaffen, die einem mit das Gefühl von totaler existenzieller Verlassenheit vermittelt.

The Driver Seat – Muriel Spark auf deutsch unter dem Titel „Töte Mich“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Matthias Fienbork

Ich habe gerade Muriel Spark’s „The Driver’s Seat“ gelesen und bin immer noch völlig fasziniert von dieser kurzen Geschichte. Es ist ein atemloses, spannendes, hypnotisches und verrücktes Werk, das mich von Anfang bis Ende gefesselt hat.

Die Geschichte beginnt mit Lise, einer eher unscheinbaren Frau, die eines Tages aus ihrem Büro spaziert, sich ein auffälliges neues Outfit zulegt und einen mädchenhafteren Tonfall annimmt. Sie macht sich auf den Weg zum Flughafen, um in den Süden zu fliegen. Im Flugzeug nimmt sie Platz zwischen zwei Männern: Der eine ist erfreut über ihre Gesellschaft, der andere zutiefst beunruhigt. So beginnt eine unheimliche Reise in die dunkleren Bereiche der menschlichen Natur.

Muriel Spark, die Autorin dieses faszinierenden Romans, wurde 1918 in Schottland geboren. Sie war 2x shortlisted für den Booker Prize, hat ihn aber leider nie gewonnen.Ihr Erzählstil ist knapp und drängend, ma ist sofort in einer extravaganten Szene, die die fragile, extravagante Natur von Lise, einer 36-jährigen Frau, zeigt. Die Geschichte nimmt immer düsterere Wendungen, und früh wird uns klar, dass Lise ein schreckliches Schicksal ereilen wird. Diese düstere Geschichte entfaltet sich zu einer unerbittlichen Marschroute in den Tod.

Her lips are slightly parted: she, whose lips are usually pressed together with the daily disapprovals of the accountants‘ office where she has worked continually, except for the months of illness, since she was 18, that is to say, for 16 years and some months. Her lips, when she does not speak or eat, are normally pressed together like the ruled line of a balance sheet, marked straight with her old-fashioned lipstick, a final and judjing mouth, a precision instrument.

„The Driver’s Seat“ ist ein Buch voller Grausamkeit und enthält nur wenige flüchtige Momente des Mitgefühls. Es ist kaum mehr als 100 Seiten lang, doch jede Seite ist randvoll mit intensiven, verstörenden Szenen, die mich total fasziniert haben. Absolut verrückte Geschichte.
Wer nach einer packenden und ungewöhnlichen Lektüre sucht, liegt hier genau richtig. Muriel Spark hat ein Meisterwerk geschaffen, das trotz seiner Dunkelheit und Absurdität tief beeindruckt.
Es gibt auch eine faszinierende Verfilmung mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle namens „Identikit“ aus dem Jahr 1974.

Ich mach mich jetzt auf die Suche nach weiteren Büchern von Ms Spark. Kannte bislang nur „The Prime of Miss Jean Brodie“ – welche ihrer Bücher könnt ihr mir empfehlen?

Meine Woche

Gesehen: Memoria (2021) von Apichatpong Weerasethakul mit Tilda Swinton. Komplett abgefahrener wunderschöner Film um eine Frau die von einem Geräusch verfolgt wird und sich auf die Suche nach dessen Ursprung macht. Großartig!

Identikit (1974)von Giuseppe Patroni Griffi mit Elizabeth Taylor. Verfilmung von Muriel Sparks‘ Novelle „The Driver’s Seat“. Sehr sehr nah am Buch, sehr gelungene Umsetzung. Elizabeth Taylor – wow!

Raiders of the Lost Ark (1981) von Steven Spielberg mit Harrison Ford und Karen Allen. Immer noch ein wahnsinnig guter Abenteuer Film, mit großem Vergnügen angeschaut.

Gehört: Guess – Charlie XCX ft Billy Eilish, In my Head – Ilgen Nur, House of Self-Undoing – Chelsea Wolfe (Boy Harsher Remix), Nightfall – Trentemøller

Gelesen: How Celebrity Bookclubs actually work, dieses Interview mit Maren Kroymann, 10 classic Literary Cat Ladies, starting the underconsumer revolution

Getan: krank im Bett gelegen

Gefreut: über den Einzug der Fußball Damen ins Halbfinale und Melanie Amann erklärt bei Lanz das Dilemma, wenn eine Expert*in und ein daher gelaufene Populist, in Talkshows gleich gestellt werden.

Geärgert: über meinen positiven Covid Test und über die vielen dämlichen Sprüchen zu Imane Khelif

Gelacht: über John Stewart

Getrauert: nein

Gegessen: Buchstabensuppe

Getrunken: Cucumber Sour

Geklickt: Oliver Sacks stellt die Gegenstände auf seinem Schreibtisch vor, auf „Abenteuer Archäologie“ zu neuesten Erkenntnissen zu Knossos, auf diesen Bericht über den Golf von Neapel, auf diesen Artikel über die neu eröffnete National Library Israel

Gestaunt: über die Augen von Jakobsmuscheln

Gewünscht: dieses Cottage

Geplant: nächste Woche wieder negativ sein und trotz Covid der Bingereader-Gattin einen wunderbaren Geburtstag zu bescheren und sie vor allen Dingen nicht anzustecken

Gefunden: nix

Gekauft: nix

Gedacht: Was der Kopf denkt, muss durch das Gefühl beglaubigt werden //Iris Radisch

Meine Woche

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Gesehen: „Vor der Morgenröte“ (2016) von Maria Schrader mit Josef Hader. Sehr gelungenes Biopic über Stefan Zweig. Sehenswert.

Gehört: „Ocean“ – Goldfrapp ft Dave Gahan, „A Shine below the mound“ – Sonson, „Martyrs“ – Get well soon, „Love“ – Avec, „The return of Alhazred“ – Father Sky Mother Earth, „Iresdepia“ – Appalaches, „Sometime, Somewhere“ – aswekeepsearching, „Mladek“ – Russian Circles,

Gelesen: 21 Thesen zum Irrweg der DSVGO, the birth and death of privacy, in Britain Austerity is changing everything, dieses Interview mit Salman Rushdie, was im deutschen Literaturbetrieb schief läuft, Jaron Lanier what went wrong with the internet

Getan: mit meinen wunderbaren Freunden Geburtstag gefeiert, mit 4 tollen Frauen München unsicher gemacht, in der Sonne gelegen und gelesen

Geplant: die Digital Bauhaus besuchen und mit meinem Papa in seine Geburtsstadt fahren

Gegessen: ein leckeres afghanisches Dinner und viel Gegrilltes

Getrunken: zuviel

Gelacht: über Muriel Spark 🙂

Geärgert: nope

Gefreut: über die vielen Glückwunsche von lieben Menschen und meine wunderbaren Geburtstagsgeschenke

Geklickt: auf diese Bilder von verschwindenden Jobs

Gewünscht: dieses Haus, diese Bücherregale, diesen Luftkühler

Gefunden: dieses Buch

Gekauft: diesen Outdoor-Teppich

Gestaunt: a meaningful journey

Gedacht: Wonder Woman is not a fictional character. Wonder Woman is a mindset.

Meine Woche

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Gesehen: Lincoln – wirklich tolle Leistung von Daniel Day-Lewis, sehenswerter Film, aber sehr lang.
From Dusk till Dawn – bin wahrscheinlich der einzige Mensch der ihn bis dato nicht gesehen hat, aber dafür den Soundtrack besitzt – sehr cooler Film und ne quietsch junge Juliette noch ohne Licks und der kleene Quentin – süß 😉
Vaya con Dios – deutsches Road Movie mit hübschen Landschaftsaufnahmen und wunderschöner Musik

Gehört: Tu solus von Josquin des Prez, Johann Sebastian Bach – Matthäus Passion 57 und zur Vorbereitung aufs Konzert Karin Park „Hurricane“ und „Look what you’ve done“ und Tito & Tarantula’s „After Dark

Gelesen: dieses Interview mit Paul Auster aus dem Jahr 1985, diesen Artikel über Artifical Intelligence und diesen Artikel über Fantasy Fiction

Getan: Geburtstag gefeiert, jemandem zur anstehenden Weltreise Löcher in den Bauch gefragt, Streetart Radl-Tour durch München gemacht und mir spontan Handschuhe geliehen

Gegessen: Blumenkohlsteaks mit Salsa Verda – hmmmmm und leckere Pho

Getrunken: Golden Daquiri und Margarita – zum Glück KEINE polnische Rakete

Gefreut:  über das Ticket für den Siri Hustvedt Vortrag im Haus der Kunst und die Flasche Weisswange Old Tom Gin von Verrückt nach München und einen Photobox Gutschein von der wunderbaren Amy 🙂

Geärgert: hmm ärger ich mich zu wenig ? Mir fällt nix ein

Gelacht: über komplizierte Beziehungsstati

Geplant: Dortmund besuchen nächste Woche

Gewünscht: „The Girl in the Spider Web“ wenn es im August herauskommt, dieses Shirt und dieses Geschirr

Gekauft: Bücher für das Geburtstagskind

Gefunden: ein tolles Büchercafe

Geklickt: auf diesen Artikel von Ali Smith on the double edge of Muriel Spark und auf diese Live Recording von Haruki Murakami

Gewundert: wieviel ich ganz vergessen hatte und woran ich alles erinnert wurde beim Durchstöbern meiner Kiste aus den 90ern 😉