Mein Ein und Alles – Gabriel Tallent

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Turtle Alveston ist eine mehr als außergewöhnliche Protagonistin. Sie ist 14 Jahre alt und lebt allein mit ihrem recht seltsamen Vater in Mendocino in Kalifornien. Sie heißt eigentlich Julia und weiß, wie man mit jeder der zahlreichen Waffen im Haus umgeht.

„Mein Ein und Alles“ ist ein beklemmender, aufwühlender Psycho-Thriller und dreht sich um die Beziehung von Turtle und ihrem Vater, der sich permanent auf den Weltuntergang aufgrund des Klimawandels vorbereitet. Survivalists heißen diese Typen in den USA, die Wasser und Konserven horten, Waffen natürlich, um sich zu verteidigen, falls die Welt untergeht und sie um ihr Überleben kämpfen müssen. Solche Leute haben oft dezent einen an der Waffel und Turtles Vater ist da keine Ausnahme.

Mendocino liegt in Nord-Kalifornien eingebettet in wunderschönste Natur. Es gibt weiße Strände, Canyons, Wasserfälle, grandiose Wanderstrecken und endlose Wälder. Ende der 1960er Jahre war Mendocino das Zentrum der alternativen Lebenkünstler und Hippies, die bewusst ein gewaltfreies und tolerantes Leben suchten und Kommunen schossen wie (psychedelische) Pilze aus dem Boden.

Heutzutage ist Mendocino noch immer wunderschön und vor allem eine wahnsinnig reiche Gegend, wo zunehmend gut situierte Menschen leben oder wohlhabende Urlauber ihre Wochenenden verbringen. Das ist meilenweit entfernt vom ursprünglichen Hippie-Paradies.

Von Anfang an wird klar, dass Turtle mit ihrem Vater nicht zu den gut Betuchten neuen Reichen in Mendocino gehört. Das alte Haus auf dem Berg ist dreckig, nur halb fertig, es gibt nur wenige selbstgezimmerte Möbel aus Sperrholz – von Romantik keine Spur. Selten habe ich in einem Buch an unterschiedlichsten Stellen von derart vielen Spinnen gelesen, wie in diesem. Auch Skorpione haben einen Auftritt, den man so schnell nicht wieder vergessen kann.

Gelegentlich geht Turtle zur Schule, dass morgendliche Frühstück besteht aus einem rohen Ei, das sie sich im Vorbeigehen in den Mund kippt.

Aber verwahrloste Lebensumstände sind das kleinste von Turtles Problemen.

„Ich sage Dir was: Wenn du als Kind mit so jemandem als Vater aufwächst, wirst du einen Großteil deines Lebens damit verbringen, dir einzureden, dass es nicht an dir liegt, denn ich kann dir sagen – mich hat er nicht nett behandelt. Er war ein richtiges sadistisches Arschloch, Krümel.“

Ihr Vater Martin ist absolut unzurechnungsfähig und wechselt innerhalb von Sekunden von unpassenden Liebesbezeugungen zu brutalen Schlägen, aber weder ihr Großvater Daniel, die wohlmeinende Lehrerin Anna, noch zwei Jungs, die Turtle irgendwann auf einem ihrer Wanderungen kennenlernt, können ihr wirklich helfen.

Ich will nicht mehr über den Inhalt verraten, die Gefahr zu spoilern ist mir zu groß. Das ist ein wirklich heftiges Buch. Ich bin nicht zimperlich, aber hier waren einige Szenen, die mir ziemlich unter die Haut gingen und die mir teilweise zu krass waren.

Tallent hat trotz den krassen Szenen ein gutes Buch geschrieben, aber definitiv kein unumstrittenes und es wird nicht jedem gefallen. Die Kritiken schwanken daher auch in der Regel zwischen 1 Stern und 5 Sternen und recht wenig dazwischen.

Ich glaube nicht, dass es ein festes Regelwerk gibt, wie sich Opfer verhalten oder auch verhalten sollten, daher würde ich diese Kritik weniger berechtigt finden. Worüber man sicher diskutieren sollte ist die Frage, ob man als Mann in die Rolle eines Mädchens schlüpfen sollte, der Gewalt angetan wird.

Eine Frage, auf die ich keine Antwort habe, denn gleichzeitig ist die Freiheit in der Kunst ein hohes Gut.

„Mein Ein und Alles“ ist ein rasanter Thriller, der förmlich nach Verfilmung schreit. Ich danke dem Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

 Hier ein Interview mit dem Autor:

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