Zeitoun – Dave Eggers

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Das wir dieses Buch im November Meeting unseres Book Clubs diskutierten, ging auf meine Rechnung. Ich habe es ausgesucht, weil ich schon lange einmal etwas von Dave Eggers lesen wollte, weil ich viel Gutes hörte und es um die Hurricane Kathrina Katastrophe in New Orleans ging, über die ich gerne mehr wissen wollte.

Schon nach einigen Seiten war ich mir nicht sicher, ob es eine kluge Entscheidung von mir war, dieses Buch vorzuschlagen, denn es hat eine starke religiöse Thematik und ich oller Atheist der bis zum letzten Blutstropfen dafür kämpfen würde, dass jeder glauben kann was er glaubt, aber gleichzeitig, wenn die Leuten dann glauben, immer drüber diskutieren muss! Puh ich war nicht sicher, ob das gutgehen würde und hatte schon vor, am Bookclub Abend jede Menge Valium zu nehmen, um bloss keine unpassenden Bemerkungen zu machen.

Aber dann kam alles ganz anderes irgendwie.

Dave Eggers erzählt stellenweise ganz schön langatmig die Geschichte der Familie Zeitoun die den typischen amerikanischen Traum leben. Abdulrahman, ursprünglich aus Syrien, hat sich als Handwerker ein Bauunternehmen aufgebaut, eine Familie mit einer zum Islam übergetretenen Amerikanerin gegründet und vier Töchter bekommen. Als in New Orleans mal wieder vor einem Orkan gewarnt wird, lassen sich die fleissigen Zeitouns anfangs so gar nicht von ihrem arbeitsreichen Alltag ablenken und gedenken den Sturm zu Hause auszusitzen.

Als klar wird, dass der Sturm ernst macht und eine Evakuierung unumgänglich ist, packt Kathy ihre Töchter ins Auto und macht sich auf die anstrengende Odyssee aus der Stadt heraus erst zu Verwandten, später zu einer Freundin, die wie sie zum Islam übergetreten war.

Mich nervte neben meinem speziellen Religionsproblem, das ich nicht Herrn Eggers in die Schuhe schieben möchte, hauptsächlich die simple, nichtssagende Sprache. Die merkwürdige Vermischung von Fakten und Fiktion und auch dieses rundherum supergut sein von Abdulrahman und seiner Frau, das war mir irgendwie zu viel. Sie waren für mich zu fleissig, zu bescheiden, zu viel irgendwie.

Und dann habe ich nach einem Drittel des Buches gegoogelt und jetzt Achtung: SPOILER ALERTS – und dabei herausgefunden, dass Abdulrahman nach Erscheinen des Buches wegen versuchten Mordes an seiner Frau im Gefängnis saß, die beiden mittlerweile geschieden waren, sie angab, er sei immer schon gewalttätig gewesen, nach Erscheinen des Buches habe er sich aber zunehmend negativ verändert, sei auch fanatisch religös geworden und im Gefängnis soll er einen Mitgefangenen zum Mord an seiner Frau angestiftet haben.

Puh ! Jaaa ich dachte mir schon das da sicherlich nicht alles so vanille-plüschig ist, wie im Buch beschrieben, damit hatte ich allerdings so gar nicht gerechnet.

Das hat sich natürlich auch sehr auf unsere Bookclub-Diskussion übertragen. Zwei von uns hatten vorab die Info ergoogelt, die anderen Damen nicht und wir haben gleich am Anfang der Diskussion erzählt, was wir über die Zeitouns herausgefunden hatten, es wäre sicherlich auch spannend gewesen zu sehen, wie die Diskussion gelaufen wäre, hätten wir die Info erst zum Schluss offenbart.

Erst einmal aber zurück zum Buch. Ich habe weitergelesen und natürlich hat mich das Wissen darum, was aus der Familie wird, meine Sicht beeinflusst. Zeitoun bleibt in der Stadt um auf sein Hab und Gut zu achten und mit seinem Aluminiumboot durch die Stadt zu fahren und zu helfen, wo er kann. Das nehme ich ihm auch ab. Eine Mischung aus Hilfsbereitschaft und Abenteuerlust. Dave Eggers lässt einen die Katastrophe in New Orleans hautnah mitfühlen, die Verwandlung der Stadt in eine anfangs sogar eigenartig schöne Wasserlandschaft, die später einem stinkenden gefährlichen Sumpf ähneln wird.

Der zweite Teil des Buches ist in der Tat heftig und aufrüttelnd, dramatisch und man verfolgt vollkommen sprachlos, wie Amerika diese Naturkatastrophe unglaublichen Ausmasses nicht als solche sieht, sondern handelt, als sei das ganze ein Terroranschlag. Das Land scheint nichts anderes mehr auf dem Radar zu haben, als Terrorangst und die entsprechende Bekämpfung.

Das Augenmerk der Rettungsdienste lag weniger auf der Rettung eingeschlossener Menschen und Tiere, sondern hauptsächlich Plünderer zu verhaften und Terroristen zu suchen. Zeitoun wird eine Woche nach dem Sturm mit drei Freunden verhaftet. Ohne jeden Grund. Sie werden in einen kafkaesken Alptraum verwickelt, der einen permanent ungläubig zweifeln lässt, ob so etwas wirklich in den USA passieren kann. Ohne jede Möglichkeit einen Anruf zu tätigen oder mit einem Anwalt zu sprechen werden die drei in ein provisorisches Gefängnis geworfen. Sie müssen sich nackt ausziehen, werden bis in die letzten Körperteile untersucht, als Taliban beschimpft und nach ein paar Tagen sogar in orangefarbenen Anzügen in ein Hochsicherheitsgefängnis in New Orleans gebracht.

Nicht nur New Orleans ist zu großen Teil in den Fluten versunken, sondern auch jedes Maß an rechtlicher Ordnung und das Vertrauen in die Sicherheitskräfte. Zeitoun verbringt über 20 Tage isoliert im Gefängnis, seine Frau hat keine Ahnung wo er ist. Durch die Hilfe eines Gefängnispfarrers gelingt es Kathy schliesslich, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn aus dem Gefängnis zu schaffen.

Ich glaube, dass nicht nur Muslimen im Zusammenhang mit der New Orleans Katastrophe solche juristischen, menschenverachtenden Dinge angetan wurden, denn die provisorischen Gefängnisse waren voll und jeder der auch nur halbwegs dem Stereotyp Terrorist oder Plünderer entsprach war zu dieser Zeit ohne jedes Aufheben im Gefängnis verschwunden.

Dieser Teil des Buches hat mich sprachlos und wütend gemacht. Und Eggers hätte meines Erachtens gut daran getan, sorgsamer zu recherchieren, was die Familie Zeitoun angeht, weniger schwarz-weiß Denke hätte dem Buch gut getan, denn auf die Folgen der unreflektierten Dauer-Terror-Panik und wie schnell die wichtigsten rechsstaatlichen Grundsätze in den USA ausgehebelt werden können, hat Eggers sehr zurecht aufmerksam gemacht mit diesem Buch.

Mich persönlich wundern zwei Dinge. Das er jede Stellungnahme zu dem Buch verweigert, wenn er darauf angesprochen wird, was aus der Familie nach der Veröffentlichung passierte und das Eggers‘ Buch nachträglich nicht stärker kritisiert wird. Hat er wirklich gar nichts davon mitbekommen, dass die Familie weit weniger eitel Sonnenschein war, als er es uns im Buch verkaufen wollte.

Tuen meine Bookclub-Kolleginnen und ich ihm Unrecht, wenn wir seine Bücher jetzt mit sehr viel mehr Skepsis lesen würden oder gar überhaupt nicht mehr? ? Würde er Fiktion schreiben, wäre das alles einfacher, aber diesem halb journalistischen bekommt das für meinen Geschmack schlecht.

Das Buch ist auf deutsch unter dem gleichen Titel beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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A Confederacy of Dunces – John Kennedy Toole

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Dieser Roman und sein Protagonist, Ignatius J Reilly, sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Es ist das mit Abstand witzigste, skurrilste erste Kapitel das ich jemals gelesen habe. Ich habe hysterisch gelacht, Tränen weggewischt und ich kann niemandem empfehlen, dieses Buch in der Öffentlichkeit zu lesen, wenn man nicht Gefahr laufen will, zum Schutze seiner selbst und der Öffentlichkeit eingewiesen zu werden.

Wir treffen Ignatius Reilly mit einer grünen Jagdmütze mit abstehenden Ohrenklappen bekleidet vor einem Kaufhaus, wo er auf seine Mutter wartet. Er ist hauptberuflich Muttersöhnchen, ein alltagsuntauglicher,verfressener philosophierender Pseudo-Intellektueller, ein Don Quijote, der im falschen Jahrhundert lebt, Probleme mit seinem Pylorus hat (nicht das ich wirklich wüsste, was genau es damit auf sich hat) und sich vom mittelalterlichen Philosophen Boethius durchs Leben leiten lässt. Körperhygiene gehört ebenso wie berufliche Betätigung nicht zu seinen Interessen.

Er wohnt mit seiner Mutter zusammen in einem heruntergekommenen Haus in New Orleans und philosophiert in seinem Zimmer vor sich hin oder geht ins Kino. Ein Autounfall und die daraus entstehenden Kosten bringen seine Mutter dazu, den Nachwuchs in der Arbeitswelt unterbringen zu wollen und somit nimmt die abstrus komische Kontaktaufnahme Ignatius‘ mit der Realität seinen Lauf.

Das Buch ist Kult, nicht zuletzt auch dank seiner nahezu sagenumwobenen Entstehungsgeschichte. Ein Roman, den zu Lebzeiten Tooles keiner Lesen wollte, heißt es, und der keinen Verleger finden konnte. Aber ganz so stimmt es nicht. Simon & Schuster interessieren sich durchaus, die vorgeschlagenen Änderungswünsche lehnt Toole hingegen ab. Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie sehr die dortigen Lektoren in die Geschichte eingreifen wollten, etwas Straffung und Überarbeitung hätte dem Buch meiner Ansicht aber gar nicht geschadet.

Die Figuren sind gelegentlich schon etwas holzschnittartig und die Kapitel nach seinem Rauswurf aus Levys Hosenfabrik, könnten etwas kürzer sein. Toole empfand die andauernde Korrespondenz und Änderungswünsche von Simon & Schuster als Zumutung und als diese irgendwann (entnervt ?) das Buch ablehnten, nahm er sich kurz darauf aus Verzweiflung das das Leben. Der Abschiedsbrief wurde von seiner Mutter vernichtet. Natürlich fragt man sich beim Lesen des Öfteren, wieviel Toole in Ignatius steckt, sucht Parallelen, auch wenn das natürlich unsinnig ist.

Der Roman ist eine Hommage an New Orleans, an Außenseiter und eine Abfuhr an die Konformität. Ignatius selbst hat genervt, mich aber immens zum Lachen gebracht. Richtig ans Herz gewachsen ist mir aber Miss Trixie, die seit gefühlten 100 Jahren bei Levis angestellte, senile Buchhalterin, die verzweifelt auf ihre Pensionierung wartet. Miss Trixie ist eine der wenigen Figuren, für die Ignatius tatsächlich Wärme und Herzlichkeit verspürt und die von seinen Traktaten verschont wird.

Das Buch ist im Original nicht ganz einfach zu lesen, durch die verwendeten Dialekte und Klangfärbungen, aber die Mühe wird belohnt.Schaut mit Sheldon Coopers Großvater im Geiste der Stadt New Orleans unter den Rock, aber besser in den eigenen vier Wänden und nicht im Bus oder in der U-Bahn.

„Employers sense in me a denial of their values…they fear me. i suspect that they can see that i am forced to function in a century which I loathe.”

“You could tell by the way he talked, though, that he had gone to school a long time. That was probably what was wrong with him.”

“Like a bitch in heat, I seem to attract a coterie of policemen and sanitation officials. ”

“My mother is currently associating with some undesirables who are attempting to transform her into an athlete of sorts, deprave specimens of mankind who regularly bowl their way to oblivion.”

„The door opened slowly as Miss Trixie made her day’s entrance, a large bag preceding her. „Miss Trixie!“ Mr. Gonzalez said in what was, for him, a very sharp tone.
„Who?“ Miss Trixie cried frantically.
She looked down at her tattered nightgown and flannel robe. „Oh, my goodness“, she wheezed. „I thought I felt a little chilly outside.“
„Go home right now“:
„It’s cold outside, Gomez.“
„You can’t stay at Levy Pants like that. I’m sorry.“
„Am I retired?“ Miss Trixie asked hopefully.
„No“ Mr. Gonzalez squeaked.

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Die Verschwörung der Idioten“ im Klett-Cotta Verlag.