WomeninSciFi (38) Rooster’s Garden – Oliva A. Cole

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Ich freue mich sehr über eine weitere Wiederholungstäterin 🙂 Marion von Schiefgelesen läßt uns an den weiteren Abenteuern von Tasha Locket teilnehmen, die sie uns schon im ersten Teil „Panther in the Hive“ ans Herz gelegt hat. Ich verrate nur soviel, es geht mindestens so spannend weiter, wie im ersten Teil:

In The Rooster’s Garden setzt Tasha Locket, die wir aus Panther in the Hive schon kennen, ihre Flucht aus der zerstörten Stadt Chicago fort. Noch immer erzittern die USA unter einer Zombie-Apokalypse, ausgelöst durch einen Chip, der seine Träger in hirnlose Mutanten verwandelt. Zwar ist es Tasha und ihren FreundInnen gelungen aus Chicago zu fliehen, doch das angeblich sichere Kalifornien ist noch in weiter Ferne. Und ob es wirklich sicher ist, kann auch niemand sagen.

Zu allem Überfluss hat es nun auch die Chip-Gesellschaft Cybranu auf Tasha abgesehen und sieht in ihr eine Terroristin. Dank eines ausgesetzten Kopfgelds jagen nun nicht nur Mutanten nach ihr, sondern auch die wenigen Überlebenden der Katastrophe. Hilfe scheint die kleine Gruppe in einer Aussteiger-Community zu finden, die ebenfalls gegen Cybranu kämpft. Aber stimmt das? In Zeiten der Katastrophe kann man noch weniger Menschen trauen als zuvor.

The Rooster’s Garden überzeugt ebenso wie der erste Teil der Trilogie. Cole zieht ihre Idee der Apokalypse konsequent durch. Anders als in vielen anderen Geschichten dieses Genres sind nicht die Underdogs die ersten Opfer, sondern es sind die Reichen und Mächtigen, die dem Chip zum Opfer fallen. Besonders LeserInnen, die Wert auf diversity legen, werden Gefallen am Personal des Romans finden. Es gibt kaum Weiße, die die Apokalypse überstanden haben und wer von ihnen noch lebt, ist unsympathisch (und lebt auch nicht mehr lange). Die Unterdrückten, die jetzt erst recht um ihr Überleben kämpfen müssen, sind die ewigen Anstrengungen schon gewohnt. Die Navajos, die Tasha auf ihrer Reise trifft, erklären schulterzuckend es sei ja nun nicht das erste mal das man versuche, sie auszurotten. Ebenso ergeht es vielen Schwarzen. Dass die Polizei unbarmherzig Jagd auf sie macht, kann sie kaum erschüttern, nur der Mutanten-Chip ist jetzt neu.

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Die Geschichte spielt etwa 70 Jahre in der Zukunft doch vieles von dem, was Cole sich ausdenkt, scheint erschreckend nahe an der Realität zu sein. Das Leben in den USA wird gesteuert von zwei, drei großen Organisationen, die alles über die Bevölkerung wissen. Personalisierte Werbung ist nicht nur überall verfügbar, sondern beobachtet die Umworbenen auch, zeichnet Reaktionen und Bewegungsmuster auf. Der mächtige Chip, den sich viele Menschen implantieren lassen, hat großen gesundheitlichen Nutzen, macht aber auch von einem Unternehmen abhängig und birgt unkalkulierbare Gefahren. Kritisch hinterfragt wird das nur von wenigen, zu verlockend ist das Versprechen ewiger Schönheit und Gesundheit. Sogar der Anbau von Gemüse steht unter Strafe. Die Menschen sollen in jedem Punkt abhängig sein von den Konzernen, jede Anstrengung, sich davon zu befreien, wird kritisch beäugt und sanktioniert. Die „Glasses“, Tablet-ähnliche Geräte, die beinahe alle immer bei sich führen, dienen den Konzernen dabei als willkommene Überwachungshilfen. Ein großer Teil der Bevölkerung stört sich daran nicht. Solange des dem eigenen Komfort dient, werden persönliche Daten bereitwillig geteilt.

Der Roman ist eine spannende Zombie-Geschichte, die in den Grenzen des Genres bleibt, aber einige sehr coole Besonderheiten hat, vor allem was das bereits erwähnte Personal angeht. Der Roman ist voller Gesellschaftskritik, die aber nicht mit erhobenem Zeigefinger daher kommt und Waffen, Blut und Knochenbrüche gibt es auch noch genug. Wie viele Romane mit actiongeladenen Plots hat auch dieser hier ein paar Wendungen und Elemente, bei denen der glückliche Zufall dann doch ein bisschen konstruiert scheint, aber vielleicht sollte man bei einem Zombie-Apokalypse-Roman auch nicht „realitätsgetreu und glaubwürdig“ als Bewertungskriterium zugrunde legen. In jedem Fall ist der Roman extrem spannend, stilsicher geschrieben und hat eine Protagonistin, mit der man gerne noch mindestens ein weiteres Abenteuer erleben würde.

Olivia A. Cole: The Rooster’s Garden. Teil II der Tasha-Trilogy. Fletchero Publishing 2016. ca. € 18,-. ISBN 978-0991615544.

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#WomeninSciFi (7) Panther in the Hive – Olivia A. Cole

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Diese Woche beglückt uns Marion vom Blog „Schiefgelesen„, auf dem ich ständig deutlich länger als geplant hängenbleibe. Dort lese ich dann nicht nur die neueste Rezension eines Buches, das nicht selten auch direkt auf meiner Liste landet, sondern es gibt dort noch spannende Gerichte aus Büchern (besonders beliebt bei der Bingereader-Gattin), die Hogarth-Shakespeare Reihe, die wir glaube ich fast zeitgleich begonnen habe, die Reihe Women’s Prize for Fiction, die ich sehr mag und jetzt nimmt sie auch noch am Blogbuster teil.

Ich liebe den wunderbaren Ton ihrer Besprechungen (und besonders ihre Verrisse), würde sehr gerne mal bei Dosenbier oder bei einem Essen aus Büchern mit ihr über Literatur plaudern und würde auch versprechen, das super chice Oktopus-Kissen nicht mitgehen zu lassen 😉

So, jetzt halte ich aber die Klappe und überlasse Ms Schiefgelesen das Wort:

Als die Bingereaderin mich fragte, ob ich beim Projekt „Women in SciFi“ dabei sein wollte, wollte ich natürlich. Von Science Fiction habe ich überhaupt keine Ahnung, ich habe nicht mal Star Wars gesehen und nur aus Höflichkeit drei Folgen Star Trek. Zeit also, das zu ändern. Meine Recherchen führten mich über die bekannten und auch schon vergebenen Titel (Le Guin, Chambers, Alderman; nach Atwood wollte ich schon gar nicht mehr fragen) zu einer selten genannten Außenseiterin: Olivia A. Cole. Cole ist unter anderem als Journalistin tätig und hat 2016 mit Panther in the Hive den ersten Band einer Trilogie veröffentlicht, in der sich Protagonistin Tasha, Anfang 20 undwohnhaft in Chicago um ca. 2090, mit einer unangenehmen Mutanten-Apokalypse konfrontiert sieht. Menschen werden plötzlich zu blutrünstigen, bellenden, zombiehaft tumben Monstern, die anderen an die Kehle wollen.

Ausgelöst wird das Fiasko durch den Gesundheits-Chip Cybranu. Diesen Chip können sich alle Menschen implantieren lassen, die Mitglied bei MINK sind, einer Art selektiven Krankenkasse. In ihr kann nur Mitglied werden, wer einen festen Job hat und sich nichts zu Schulden hat kommen lassen. Wer beispielsweise verdächtigt wird, MINK-ferne Organisationen zu unterstützen oder mal eine Abtreibung hatte, ist chancenlos. Kein „Minker“ zu sein, bedeutet, de facto vom Gesundheitssystem ausgeschlossen zu werden, da private Behandlungen schlicht nicht finanzierbar sind. Außerdem haben nur Minker ein Anrecht auf den Chip, der alle Verletzungen und Krankheiten heilt und ganz von selbst das Körpergewicht in den Idealbereich regelt. Jetzt aber ist es eben dieser kleine Chip, der die ganzen USA in den Abgrund zu reißen droht. Die ganzen USA? Nein! Die unabhängige Nation California könnte verschont bleiben, denn dort war der Chip verboten. Aus diesem Separatistenstaat erhält Tasha nun Nachricht von ihrer Schwester, die sie drängt, in Chicagos verwahrlostem Süden Hilfe zu suchen. Bewaffnet nur mit einem Make-up-Täschchen und einem Kochmesser ist das ein weiter und gefährlicher Weg, doch Tasha ist bereit, ihn zu gehen.

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Der Weg durch die post-apokalyptische Stadt wird nicht nur ein Kampf gegen Mutanten, sondern auch gegen die eigenen Ängste und Unsicherheiten. Vertrauen und echte Freundschaften sind der jungen Frau weitgehend unbekannt, nur mit Schichten von Mascara und Concealer im Gesicht kann sie der Welt die Stirn bieten. Nun, da es hart auf hart kommt, muss sie lernen, ihre abwehrende Haltung langsam aufzugeben und Freundschaften oder doch zumindest stabile Allianzen zuzulassen. Panther in the Hive ist nicht nur ein Apokalypse-Roman, sondern auch eine beinahe rührende Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren Heldin. Spannung und Gemetzel kommen dabei aber keinesfalls zu kurz, Tashas Entwicklung trägt die Geschichte und verleiht ihr Tiefe. Auch die sozialen Implikationen der Katastrophe werden sehr gelungen in die Erzählung eingewoben. Während die meisten Zombie-Apokalypsen diskriminierungsfrei nicht vor Geld und Ethnie haltmachen, spielen diese Kategorien bei Cole eine große Rolle. Die Minker bezeichnen sich selbst stolz als „the few“ und wer den Chip hat, macht das gerne durch ein Tattoo über der Implantationsstelle deutlich. „The many“, diejenigen, die nicht Mitglied des Elite-Clubs werden konnten, kämpfen nun ums nackte Überleben gegen beißwütige Mutanten in Armani-Anzügen. Ihre Methoden sind dabei so brutal wie charmant. Tasha ist eine liebenswerte und überzeugende Protagonistin und es ist eine Freude, ihren blutigen Fußstapfen zu folgen. Panther in the Hive ist eine wirklich große Empfehlung!

Was mich an diesem herausragenden Buch aber am meisten überrascht hat: es ist ein self publishing-Titel! Bis ich den nicht existenten Verlag recherchiert habe, habe ich dafür, von der Herstellungsqualität mal abgesehen, tatsächlich keinen Hinweis gefunden. Als Ex-Buchhändlerin und Bloggerin gehe ich an Selbstverlag-Titel ja immer sehr, sehr skeptisch heran, Cole aber hat mich zweifelsohne eines Besseren belehrt. Ich wünsche dem Roman und dem deutschen Publikum sehr, dass er irgendwann mal übersetzt wird.

Wer mehr über die Autorin wissen will, findet ihre Website unter http://www.oliviaacole.com/ und ihren folgenswerten Twitter-Account unter @RantingOwl.

Bibliographische Angaben:
Olivia A. Cole: Panther in the Hive. Part I of the Tasha Trilogy. Fletchero Publishing 2016. 369 Seiten, ca. € 13,-. ISBN 9780991615537