The Glass Hotel – Emily St. John Mandel

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Vincent ist Barkeeper im Hotel Caiette, einem Fünf-Sterne-Palast aus Glas und Zedernholz auf einer Insel in Kanada. Jonathan Alkaitis arbeitet im Finanzbereich und ist Eigentümer des Hotels. Als er Vincent seine Karte inklusive Trinkgeld gibt, ist das der Beginn ihres gemeinsamen Lebens. Am selben Tag kritzelt Vincents Halbbruder Paul eine Notiz an die Fensterwand des Hotels: „Warum schluckst du kein zerbrochenes Glas?“

Leon Prevant wiederum ist Abteilungsleiter einer Firma namens Neptun-Avramidis, sieht die Notiz im Fenster von der Hotelbar aus und ist bis ins Mark erschüttert. Dreizehn Jahre später verschwindet Vincent auf mysteriöse Weise vom Deck eines Schiffes der Neptun-Avramidis. Die Geschichte bewegt sich zwischen dem gläsernen Hotel,  den Wolkenkratzern von Manhattan und der Wildnis im Norden von Vancouver Island hin und her, alles ist meineinander verwoben und es entsteht ein Bild aus Habgier und Schuld, Fantasie und Wahn, Kunst und den Gespenstern der Vergangenheit.

Wer sich fragt, ob „The Glass Hotel“ wie Emily St John Mandel’s vorheriger Roman Station Eleven ist, den möchte ich vielleicht warnen. Station Eleven ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher und immer wieder mache ich den Fehler, in jedem ihrer folgenden Romane die gleiche Stimmung und Atmosphäre zu erwarten und werde jedes Mal wieder enttäuscht. ABER, was ich dafür in der Regel auf jeden Fall immer wiederfinde sind hervorragend geschriebene Romane, mit außergewöhnlichen Geschichten und Protagonistinnen.

“Memories are always bent retrospectively to fit individual narratives”

Vielleicht war es gut, dass ich aufgrund der Kurzbeschreibungen auf dem Buchrücken etwas ganz anderes erwartet hatte, weil vermutlich hätte ich ein Buch, das sich um die Finanzkrise 2008 und einen Ponzi-Scheme dreht, niemals in die Hand genommen.

“There is exquisite lightness in waking each morning with the knowledge that the worst has already happened.”

In einem Interview bemerkte St. Mandel das sie sehr von David Mitchells „Cloud Atlas“ beeinflußt wurde und das merkt man dem Buch definitiv an. Es fühlt sich an, als wären vier Bücher in einem einzigen verwoben worden. Das hat mich manchmal genervt, aber meistens fand ich es großartig.

Es gibt auch noch direktere Verbindungen. Charaktere aus Station Eleven tauchen hier wieder auf, und auch die Idee der Paralleluniversen findet sich wieder. Ich bin gespannt, ob sie wie Mitchell noch weiter mit Metafiktion experimentieren wird. Immer wieder taucht auf jeden Fall bei ihr das Thema des „Was wäre wenn“ auf: das melancholische Nachdenken darüber was hätte sein können, der Nachhall zwischen alternativen Realitäten, den Geisterversionen von alternativen Leben, die hätten sein können, wenn sie eine andere Wahl getroffen hätten.

Aus parallelen Welten entstehen parallele Geschichten, die sich klanglich unterscheiden, aber im Kern ganz ähnliche Kompositionen ergeben. Mandel’s einfühlsame Charakterisierungen, ihr akribisches Freilegen von immer tiefer liegenden Schichten sowie ihr Philosophieren über Verlust, Reue und die Zerbrechlichkeit des Lebens machen jedes ihrer Bücher zu etwas besonderem, auch wenn ich die Welt in Station Eleven immer wieder vergeblich suchen werde.