Existentialisten im Cafe, Meursault und eine Maschine die stoppt

Die Reihenfolge war eher zufällig, aber sie haben dann thematisch sehr gut zusammengepasst die drei Bände, die ich heute kurz vorstellen möchte. Den Anfang machte Sarah Bakewells „Das Café der Existentialisten“ – ein Buch auf das ich mich schon lange gefreut habe und das ich ganz langsam und genüsslich lesen wollte, denn ich hatte schon so eine Ahnung, dass das ein ganz besonderes Buch für mich sein würde.

existentialismus

Bakewell zeigt, wie sehr sich die Grundideen der Phänomenologie und des Existentialismus in Kultur, Kunst, Literatur, Widerstandsbewegungen wiederfinden, häufig ohne das der eigentliche Ursprung der Ideen explizit klar ist. Sie glaubt, dass wir die Ideen der Phänomenologie und des Existentialismus unbedingt aus dem Archiv holen und abstauben sollten, weil die Fragen und Ideen dieser Philosophie-Fragen besonders geeignet sind, die Menschen zum Denken zu bringen.

Die Beschäftigung mit dem Existentialismus kann uns in der aktuellen Situation helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Begriffe wie Freiheit, Handlungsfähigkeit und freier Wille haben schon die Besucher des Cafés in ihrem Roman umgetrieben und wir können uns an ihnen reiben, mit ihnen streiten oder übereinstimmen, wenn wir bei der Lektüre des Buches am Leben von Philosophen wie Simone de Beauvoir, Sartre, Camus, Heidegger, Merleau-Ponty, Murdoch und anderen teilhaben.
“…freedom may prove to be the great puzzle for the early twenty-first century…Science books and magazines bombard us with the news that we are out of control: that we amount to a mass of irrational but statistically predictable responses, veiled by the mere illusion of a conscious, governing mind…Reading such accounts, one gets the impression that we actually take pleasure in this idea of ourselves as out-of-control mechanical dupes of our own biology and environment. We claim to find it disturbing, but we might actually be taking a kind of reassurance from it—for such an idea lets us off the hook. They save us from the existential anxiety that comes with considering ourselves free agents who are responsible for what we do. Sartre would call that bad faith. Moreover, recent research suggests that those who have been encouraged to think they are unfree are inclined to behave less ethically, again suggesting that we take it as an alibi.”

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Wir sollten uns mit diesen Leuten beschäftigen, nicht weil sie immer Recht hatten, das wirklich nicht, aber weil sie unermüdlich versuchten, unsere Anwesenheit und unsere Handlungen in der Welt zu erklären. Mit außergewöhnlicher Klarheit und Dichte schafft sie es, die Kernpunkte der Phänomenologie und des Existentialismus herauszuarbeiten. Sie bringt den Leser dazu, sich mit sich selbst und seiner Rolle und Verantwortung in der Welt zu beschäftigen, gerade auch mit Blick auf die Technologie.

Bakewell bringt uns Menschen näher, die sich nicht einfach nur mit Philosophie beschäftigt haben, sondern die sie gelebt, damit gerungen, geatmet haben und nicht einfach nur darüber gesprochen oder geschrieben.

Sie ist durch und durch Philosophie-Fan und ihre Lust ist ansteckend. Sie schreibt so mitreissend, ich habe es nicht einmal bei Husserl oder Heidegger geschafft, mich zu langweilen, auch wenn ich immer mal wieder ein „???“ oder „So ein Quatsch“ an die Seite schrieben musste.

Unsere Philosophen-Freunde aus dem Buch durchlebten schwierige Zeiten und wir gucken ihnen dabei über die Schulter, wie sie sich so geschlagen haben, an den verschiedenen Weggabelungen der Geschichte. Heidegger, der den Nazis nicht widerstehen konnte, Sartre, der erst Stalin und die Gulags verteidigte und später Mao Tse Tung unterstützte, fast alle trafen schwere Fehlentscheidungen auf der Suche nach ihrer Rolle in der Welt.

“It is perfectly true, as philosophers say, that life must be understood backwards. But they forget the other proposition, that it must be lived forwards. And if one thinks over that proposition it becomes more and more evident that life can never really be understood in time because at no particular moment can I find the necessary resting-place from which to understand it.“

Ich könnte ellenlang weiterschreiben über dieses Buch, das ich so sehr mochte, ich hätte zu gerne mit der Autorin bei einem Aprikosen-Cocktail die Nacht durchdiskutiert, daraus wird leider nichts, obwohl eine theoretische Chance dazu bestünde, denn Ms Bakewell ist im März im Literaturhaus München, nur ich beruflich leider unterwegs und somit wird das leider nix.

Existentialistisch ging es im übrigen mit unserer Januar-Lektüre des Bookclubs weiter:

„The Meursault Investigation“ – Kamel Daoud

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Daoud hat, so habe ich es im Bookclub gelernt, eine Pallinade geschrieben. Also eine Antwort auf Camus „The Outsider / Der Fremde“. Daoud ein algerischer Autor und Journalist hat mit der Veröffentlichung einiges in Kauf genommen, da er zumindest zeitweise mit einer Fatwa belegt wurde, da das Buch recht religionskritisch ist.

„I’ll go so far as to say I abhor religions.“

„As for death, I got close to it years ago, and it never brought me closer to God.“

„I keep quiet here in the city, and my neighbors don’t like my independence, though they envy it and would be happy to make me pay for it.“

Ich hatte mich sehr auf „The Mersault Investigation“ gefreut, war sehr gespannt darauf, aber wir sind nicht wirklich warm geworden. Die ständigen Wiederholungen waren ermüdend, von Plot kann man eigentlich wenn überhaupt erst ab Seite 50 oder so sprechen, haben das Buch für mich zu Schwerstarbeit werden lassen.

Ich hatte erwartet, dass sein Buch Jean Rhys‘ „Wide Sargasso Sea“ ähneln würde, das wir vor ein paar Jahren im Bookclub gelesen hatten, die wirklich gute Nacherzählung von Jane Eyre aus der Sicht der verrückten in einer Kammer eingesperrten Ehefrau. Die Bücher haben durchaus ein paar Parallelen: Beide beschäftigen sich mit Fremdenfeindlichkeit, Kolonialismus und dem was aktuell „white-washing“ genannt wird, dennoch erreicht Daouds „The Meursault Investigation“ nicht annähernd Rhys‘ Klasse.

Vielleicht auch, weil der Autor sich einfach nicht recht entscheiden kann, was es sein soll. Eine Novelle, ein Meta-Roman oder eine Mischung?

Und insbesondere der erste Teil ist einfach irre langatmig, ohne jeglichen Plot und nervenzerrüttend repetitiv. Immer wieder habe ich mich beim Lesen dabei erwischt, wie die Gedanken total abschweifen, weil einfach überhaupt nix passiert ist. Das einem in einem so kurzen Buch so derart langweilig werden kann, hätte ich nicht geglaubt.

Eine Rezensentin auf Goodreads der es anscheinend ähnlich ging wie mir, hat die ersten 75 Seiten des Buches so zusammengefasst:

My brother is dead.
He was murdered.
He was murdered by a guy who wrote a famous book.
So now everyone cares about the murderer instead of my brother.
Who is dead.
Because he was murdered.
Specifically, by a guy who wrote a book about it.
And now the book is famous and nobody cares about my brother.
You know, the dead guy.
Who was murdered.

Ich möchte daher niemanden aktiv davon abhalten das Buch zu lesen, es ist definitiv interessant und es war spannend“Der Fremde“ und „The Meursault Investigation“ parallel zu lesen.

Nach soviel Existentialismus komme ich zum letzten Buch in der Runde, auf das ich bei Birgit von Sätze & Schätze aufmerksam wurde, wofür ich ihr sehr dankbar bin, denn das ist ein ganz besonderes kleines Juwel:

„The Machine stops“ – E. M. Forster

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Interessanterweise wird in Sarah Bakewells „Café der Existentialisten“ ebenfalls auf das Buch hingewiesen und daraus zitiert, also der typische Fall von erst hört man nie von etwas und nun sehe ich es überall.

E. M. Forster dürfte den meisten eher durch seine realistischen modernen Klassiker wie „A Passage to India“, „Howards End“ oder „A Room with a view“ bekannt sein. Science-Fiction, Dystopien etc gehörten nicht eigentlich zu seinem Genre. Um so gespannter war ich auf diese knapp 60-seitige Geschichte.

Forster berichtet im Vorwort das die Geschichte eine Reaktion auf Wells Zeitmaschine sei.  Im Gegensatz zu Wells‘ politischem Kommentar stellt Forster die Technik selbst als äußerste kontrollierende Instanz hin.

Die sollte man man auf gar keinen Fall lesen ohne vorher noch mal das Veröffentlichungsdatum zu überprüfen. „The Machine stops“ hat über 100 Jahre auf dem Buckel und ich habe die Geschichte glaube ich die ganze Zeit über mit erstaunt aufgerissenem Mund gelesen, so wenig konnte ich glauben, dass Forster unser Internet-Zeitalter so derart exakt vorhersehen konnte.

Um noch mal den Zeitstrahl zu bemühen: Forster hat „The machine stops“ 1909 geschrieben, also fast 25 Jahre vor Huxleys „Schöne neue Welt“ zum Beispiel und über 40 Jahre vor Orwells 1984. Meine einzige Erklärung ist – er hatte Zugriff auf HG Wells Zeitmaschine, denn die gab es immerhin seit 1895 bereits.

Die Geschichte erzählt von einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche leben können, da die Luft verseucht ist, sondern unterirdisch isoliert in standardisierten wabenförmigen Räumen. Alle ihre Bedürfnisse werden durch eine omnipotente globale Maschine befriedigt (man denkt unweigerlich an Facebook, itunes, Kindle, Online-Vorlesungen etc)

Sie sind im Grunde völlig isoliert und leben wunschlos glücklich allein mit dem Internet. Reisen sind erlaubt, aber unnötig und äußerst unbeliebt, wie überhaupt jeglicher tatsächlicher Kontakt mit den Mitmenschen der als unsauber und unmodern gilt.

“Few travelled in these days, for, thanks to the advance of science, the earth was exactly alike all over. Rapid intercourse, from which the previous civilization had hoped so much, had ended by defeating itself. What was the good of going to Peking when it was just like Shrewsbury? Why return to Shrewsbury when it would all be like Peking? Men seldom moved their bodies; all unrest was concentrated in the soul.”

Die „Maschine“ wird mit nahezu religiösem Eifer verehrt und wie der Titel des Büchleins schon vermuten lässt, irgendwann ist die Kacke am Dampfen und die Maschine droht zu stoppen.

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Ich will hier gar nicht weiter viel verraten, denn ich wünsche dieser Geschichte so viele Leser wie möglich. Wird die Maschine unser Ende besiegeln, wenn wir es nicht schaffen ein vernünftiges Verhältnis zu Technologie zu entwickeln? Sie nicht komplett verteufeln, uns aber auch nicht vollkommen abhängig machen davon.

Abwägen, wann ich mir mit Google Maps den schnellsten und direktesten Weg zu einem Ziel anzeigen lasse und wann es vielleicht viel spannender und schöner ist, mich treiben zu lassen, unbekannte Umwege zu gehen und mich vielleicht auch mal zu verlaufen.

Und mit diesen Worten beende ich mein Wort zum Sonntag und höre mal in das neue Album „The Machine Stops“ von Hawkwind rein, die sich von der Geschichte haben inspirieren lassen:

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Meine Woche

booklover

Gesehen: „Innocence“ (2004) von Lucille Hadzihalilovic mit Marion Cotillard. Mystery Drama um eine abgelegene Boarding School durch eine Novelle von Franz Wedekind inspiriert.. Wunderschöne Bilder, ein Film der lange nachgeht.

Big Bang Theory“ Season 9 (2015) – es wird geheiratet. Schön vertraute Freunde wiederzusehen in stürmischen Zeiten…

Gehört: „Reality“ – Boys Noize, „NVRLND“ – Raveonettes, „Amputation“ – The Jesus and Mary Chain, „Say something loving“ – The XX, „Oracle“ – Haelos

Gelesen: diesen Artikel in der Zeit zur Debattenkultur, dieses Gespräch zwischen Siri Hustvedt und dem Neurowissenschaftler Vittorio Gallese, Miranda July über das Prokrastinieren, Laurie Penny über „strong women“ und Simone de Beauvoir über den Zufall und unsere Entscheidungen

Getan: 2/3 der Wohnung renoviert – umgeräumt – entsorgt.
Schwimmen gegangen und neue Lampen gesucht

Geplant: Schlaf- und Arbeitszimmer renovieren und dann kommt die neue Küche…
einen Workshop vorbereiten und über Hunde schreiben

Gegessen: Bangers & Mash und dieses leckere Tiramisu

Getrunken: Kilkenny

Gelacht: Amy: Religion? Sheldon: Star Trek.

Geärgert: hmmm nee glaube nicht

Gefreut: über mir zugesandte Miniaturen als Begleitung für unser Renovierungsprojekt, die bereits fertigen Räume und den Schnee

Gewünscht: diese Jellyfish Skulptur, diesen Wandkalender, dieses Filmmagazin, dieses Bild

Geklickt: auf die Top 10 TED Talks 2016, auf das Interview mit Vize Präsident Joe Biden, James Gleick über den Film „Arrival“ und auf die 100 einflussreichsten Fotos der letzten 100 Jahre

Gekauft: diese Lampe, diesen Garderobenständer

Gefunden: einen Abnehmer für unsere alte Küche

Gewundert: wie schwer Farbeimer werden, wenn man sie ins Dachgeschoss schleppt

Wenn einer eine Reise tut …

ihr kennt ja sicherlich Phileas Bücherkoffer, eine wunderbare Reihe in der Menschen ihre Bücherkoffer vorstellen, die sie für bevorstehende Reisen gepackt haben oder so packen würden. Bin so stolz, dass ich auch dabei sein durfte. Meinen Koffer habe ich für meine Reise nach Paris gepackt:

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https://phileablog.wordpress.com/2016/03/19/buecherkoffer-nr-30-von-sabinebinge-reading-more/#comment-9569

Ganz lieben Dank noch einmal Petra – es hat riesigen Spaß gemacht 🙂

Meine Woche

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Gesehen: „Under the Skin“ von Jonathan Glazer mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle. Einer der abgefahrensten und ungewöhnlichsten Sci-Fi Filme die ich je gesehen habe. Creepy, faszinierend, genial seltsam.

Gehört: Get Well Soon „Roland I feel you“ und „It’s Love„, Amanda Palmer „Machete„, The Strokes „15 Minutes„, Moderat „Reminder„, Holy Esque „Silences„, Wumpscut „DJ Dwarf Nine Fuckit„, Sarah Blasko „I’d be lost

Gelesen: dieses Interview mit Patti Smith, diesen Artikel von Margarete Stokowski zur Feminismus-Kritik, diesen Artikel im Vanity Fairs über Damian Barrs „Literary Salon in London“, diesen Artikel im Guardian zur Man Booker International Longlist und diesen Artikel zu den Hintergründen von Simone de Beauvoirs „The Second Sex“

Getan: Däumchen plattgedrückt für Jura-Prüfungen, das Get Well Soon Konzert besucht, ein beknackt-traumatisches Announcement überstanden, mit der Waschmaschine gekämpft, den stressbedingten Blutdruck einstellen lassen und zuviele Meetings gehabt

Gegessen: sehr lecker im Tian. Vorspeise: Rote Beete / Salz Karamell / Dill / Sesam
Hauptspeise: Rote Beete / Lauch / Erdnuss / Meerrettich

Getrunken: Riesling

Gefreut: das zumindest die zweite Prüfung geklappt haben sollte

Geärgert: über nervige AFD Diskussionen und das Testosteron-Chaos @ Work

Gelacht: über die Nerd-Fights anlässlich Star Wars‘ BB8 Besuch bei der Nasa und
The more you know the crazier you look

Geplant: Paris unsicher zu machen und Working Future Working bearbeiten,

Gewünscht: Amazon Echo, diese Solar-Lampe, diesen Plattenspieler, diesen MBA-Kurs

Gekauft: Münchner Gin und Lederhosen Teddybären als Gastgeschenk

Gefunden: nix

Geklickt: diesen TED Talk von Reshma Saujani „Teach Girls Bravery not Perfection“, dieses Video „How to always finish what you start

Gewundert: ganz Deutschland passt 3 x in die Province Ontario in Kanada ?!? – wow

Abschiedsbrief

Vor ein paar Tagen habe ich auf Maria Popova’s brilliantem Blog „Brainpickings“ den Abschiedsbrief gesehen, den Simone de Beauvoir 1950 an Nelson Algren schrieb. Er ist einer der berührensten Abschiedsbriefe die ich kenne:

simone de beauvoir

I am better at dry sadness than at cold anger, for I remained dry eyed until now, as dry as smoked fish, but my heart is a kind of dirty soft custard inside.

[…]

I am not sad. Rather stunned, very far away fro myself, not really believing you are now so far, so far, you so near. I want to tell you only two things before leaving, and then I’ll not speak about it any more, I promise. First, I hope so much, I want and need so much to see you again, some day. But, remember, please, I shall never more ask to see you — not from any pride since I have none with you, as you know, but our meeting will mean something only when you wish it. So, I’ll wait. When you’ll wish it, just tell. I shall not assume that you love me anew, not even that you have to sleep with me, and we have not to stay together such a long time — just as you feel, and when you feel. But know that i’ll always long for your asking me. No, I cannot think that I shall not see you again. I have lost your love and it was (it is) painful, but shall not lose you. Anyhow, you gave me so much, Nelson, what you gave me meant so much, that you could never take it back. And then your tenderness and friendship were so precious to me that I can still feel warm and happy and harshly grateful when I look at you inside me. I do hope this tenderness and friendship will never, never desert me. As for me, it is baffling to say so and I feel ashamed, but it is the only true truth: I just love as much as I did when I landed into your disappointed arms, that means with my whole self and all my dirty heart; I cannot do less. But that will not bother you, honey, and don’t make writing letters of any kind a duty, just write when you feel like it, knowing every time it will make me very happy.

Well, all words seem silly. You seem so near, so near, let me come near to you, too. And let me, as in the past times, let me be in my own heart forever.

Your own Simone

Die Mandarins von Paris – Simone de Beauvoir

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Es ist immer eine gewagte Sache ein Buch, das einen mit Anfang 20 total begeistert hat, Ewigkeiten später noch einmal zu lesen. Mir ist es immer schwer gefallen, mein absolutes Lieblingsbuch zu nennen, ich habe stattdessen immer eine Handvoll – gelegentlich auch wechselnder – Lieblingsbücher. Aber die „Mandarins“ waren immer dabei. Mit diesem Buch habe ich damals blau gemacht, ich bin nicht ins profane Büro, ich wollte intellektuelle Luft schnappen und habe den ganzen Tag im Cafe Max Liebermann in den Hamburger Kunsthallen zugebracht und mir vorgestellt, ich sei in Paris 😉

Das Buch also nochmal. Großes Wagnis. Die Camus-Biografie die ich kürzlich las, dann die Reportagen von Janet Flanner – ich bin in den letzten Wochen einfach unweigerlich darauf zurück getrieben. Ich habe es gewagt und zum Glück – ich habe keine Enttäuschung erlebt. Es hat mich wieder genauso gepackt wie damals – die einzige Konzession ans Alter – ich habe dieses Mal nicht blau gemacht, sondern es im Urlaub begonnen und abends zu Ende gelesen 😉

Simone de Beauvoir ist eine Frau, deren Werk ich sehr bewundere. 1908 als ältere von zwei Töchtern in ein gutbürgerliches Elternhaus hineingeboren, studierte sie in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts Philosophie und legt als zweitbeste nach Sartre, den sie im Studium kennenlernt, ihre Prüfung ab. Sartre und Beauvoir arbeiten einige Jahre in unterschiedlichen Städten, bis sie es Mitte der 30er Jahre schaffen, beide eine Anstellung in Paris zu finden.

Sie veröffentlicht 1954 den Roman „Die Mandarins von Paris“ und es wird ihr bis dahin größter Erfolg, gekrönt durch den renommierten Prix Goncourt. Das Buch gilt als Schlüsselroman, der die Situation der intellektuellen Elite (der Mandarins) in Frankreich beleuchtet. Für Simone de Beauvoir ist alles Fiktion. Sie beleuchtet facettenreich die Situation der Intellektuellen, die nach dem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis auf der Suche nach einer Lösung sind, um Kriege ein für alle mal zu beenden, die ihre persönliche Verantwortung hinterfragen und in ihren politischen Engagements zersplittern und in verschiedenste Lager zerfallen. Die Handlung beginnt Weihnachten 1944 und endet Anfang der 50er Jahre.

Sie versuchen ihrem Gewissen zu folgen, versuchen Wege zu finden, mit den USA umzugehen, mit denen sie gemeinsam gegen die Nazis kämpften, dessen ungehemmten Kapitalismus sie aber schwer verurteilen, aber auch die Sowjetunion und der Kommunismus, der kurzfristig als allein seligmachende Ideologie dasteht, verliert mehr und mehr an Bestand durch die Informationen über brutalste Arbeitslager und Verfolgung von Andersdenkenden die aus dem stalinistischen Rußland kommen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Paare Henri Parron (Albert Camus) und Paule, sowie Robert Dubreuilh (das Pendant zu Jean Paul Satre) und Anne (Simone de Beauvoir). Dazwischen gibt es noch Nadine, die Tochter der Dubreuilh’s, die ein wenig wie die Summe all der jungen Frauen wirkt, die im realen Leben Beziehungen mit de Beauvoir und Sartre hatten.

Die Freundschaft zwischen Parron und Robert Dubreuilh zerbicht am Espoir, der Tageszeitung, die Parron leitet und die ihm wahnsinnig viel bedeutet und die Dubreilh versucht, für seine politischen Zwecke einzusetzen. Dubreilh versucht einen Weg zwischen Kommunismus und europäischem Sozialismus zu finden. Für ihn ist die Sache wichtiger als die Menschen, bei Parron ist das eher umgekehrt. Am Ende gibt es weder die Zeitung noch Dubreilh’s Bewegung.

Anne Dubreilh steht etwas außerhalb der politischen Diskussionen. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin und sucht mehr nach dem Glück im privaten Bereich als in der politischen Szene. Sie wird zu einer Vorlesungsreihe in die USA eingeladen und trifft dort auf Lewis (Nelson Algren). Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, deren Zerrissenheit und späterem Ende der Situation der aus der Resistance hervorgegangenen Intellektuellen ähnelt.

Man traut de Beauvoir solche Romantik gar nicht zu, aber eines der schönsten Zitate überhaupt aus dem Buch ist eine Stelle, in der sie über ihre Liebe zu Lewis sagt:

„She was ready to deny the existence of space and time rather than admit that love might not be eternal“

Die Liebesbeziehung von Henri und Paule steht eher für die Schattenseite der Liebe und die Rolle der Frau in traditionellen Beziehungen. Paule gibt sich völlig auf für Henri, hat keinen anderen Lebensinhalt mehr als ihre Liebe und zerbricht später nahezu völlig, als Henri die Beziehung beenden will.

Neben der politischen und privaten Sinnsuche geht es bei den „Mandarins von Paris“ auch um die Lebensweise der Links-Intellektuellen. Die meisten von Ihnen haben einen priviligierten Hintergrund und können sich im Gegensatz zu den Arbeitern, für deren Rechte sie sich einsetzen, Reisen, Restaurantbesuche, schöne Wohnungen leisten.

De Beauvoir akzeptiert die Ehe oder eine lebenslange Partnerschaft auf geistiger Ebene. Körperliche Monogamie ist nicht ihr Ding. Sowohl im Roman als auch im realen Leben wird Promiskuität ganz selbstverständlich gelebt. Ich fand es interessant, dass sich der Feminismus bei ihr am frühesten auf sexuellem Gebiet bemerkbar macht.

Der Roman schildert den Konflikt zwischen Camus und Sartre sehr gut. Mir hat gefallen, dass sie nahezu objektiv schreibt und Camus meines Erachtens den Roman zu Unrecht als einen Angriff auf seine Person empfand.

Die „Mandarins von Paris“ ist nicht nur ein Roman für die Fans von de Beauvoir, Sarte und Camus oder Anhängern des französischen Existentialismus, in den man einen kleinen Einblick bekommt, sondern für alle, die Interesse an guter, tiefgründiger Lektüre haben.

Die über 800 Seiten lesen sich nicht einfach so weg, das wäre gelogen, aber es ist ein fesselndes Buch. Es spielt großteils in Paris mit Abstechern in die USA, Portugal, Mexiko, es ist das schillernde Zeugnis einer Zeit, in der die Menschen genau wie heute auf der Suche sind, wie man authentisch und richtig lebt. Auch wenn es auf der einen Seite schon gut 60 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch teilweise erschreckend aktuell.

„Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

„Um nichts in der Welt hätte ich diese Vergangenheit noch einmal erleben wollen, und doch hatte sie durch den Abstand der Zeit einen düsteren Zauber bekommen. Ich verstand wohl, dass Lambert sich in diesem Frieden langweilte, der uns das Leben wiederschenkte, nicht aber unsere Lebensinhalte.“

„Fest stand nur, dass er ein fast angstvolles Mitleid mit allen diesen Leben verspürte, die nicht einmal versuchten, sich auszudrücken.“

„Wenn die Situation an sich ungerecht ist, kannst du nicht korrekt in ihr leben. Deshalb wird man wohl dazu veranlaßt, sich politisch zu betätigen: um eine Änderung der Situation anzustreben.“

„Sie glaubte, die Arbeit sei für uns nur ein Mittel, um Erfolg oder Vermögen zu erreichen, und ich war irgendwie davon überzeugt, daß alle diese Snobs ihre gesellschaftliche Stellung gern hergegeben hätten, um dafür Begabung und intellektuelle Erfolge einzutauschen. Schon in meiner Kindheit schien mir eine Lehrerin eine wesentlich bedeutendere Persönlichkeit als eine Herzogin oder eine Millionärin zu sein, und diese Hierarchie hat sich kaum verändert.“

„Aber es ist keineswegs das gleiche, ob man im Interesse des andern oder in seinem eigenen anspruchsvoll ist.“

„Er unterschiebt den andern gern seine eigenen Anschauungen. Sie müssen doch zugeben, daß dies eine etwas imperialistische Form ist, den andern zu schätzen.“

„Die Menschen wandeln sich, aber was nützt es, wenn man das weiß. Man möchte sie sich doch in mancher Hinsicht unbeweglich vorstellen: hier war wieder ein Fixstern, der sich plötzlich an meinem Himmel bewegte.“

„Der ist glücklich, der der Wahrheit seines Lebens ins Gesicht schauen und sich daran freuen, der sie auf den Gesichtern von Freunden entziffern kann.“

„Wenn man sich heute in die Politik mischt, so ist das Schreckliche daran, daß man zu genau weiß, welchen Preis die Fehler kosten.“

„Im Allgemeinen reagiert er auf die großen Zusammenhänge, nicht aber auf besondere Einzelfälle“.

„Überleben bedeutet letztlich, daß man unaufhörlich mit dem Leben wieder beginnt. Ich hoffte, daß ich es noch konnte.“

„Um zu erfahren, wer du bist und was du tun willst, mußt du entscheiden, wo in der Welt dein Standort ist.“

„Dazu verhilft die Literatur: sie zeigt die Welt den andern so, wie man sie selbst sieht.“

„Die Kunst ist ein Versuch, das Böse zu integrieren“.

„Es ist wahr, daß wir alle ein wenig puritanisch sind, dachte er, ich auch. Weil wir es verabscheuen, wenn man uns unsere Privilegien vor Augen führt.“

„Ihm bedeutet eine Idee keine Anhäufung von Worten, sondern etwas Lebensvolles; Ideen, die er in sich aufnimmt, werden in ihm lebendig, sie bringen alles in Unordnung, und er muß schwer arbeiten, um in seinem Kopf wieder Ordnung zu schaffen.“

Hier noch ein wirklich interessantes Porträt über Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1973. Fand ich sehr spannend 🙂