Underground Railroad – Colson Whitehead

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Dieses Buch ist ein sehr intensives Lese-Erlebnis voller Mut, Brutalität und Hoffnung. Es ist die Verurteilung eines der abscheulichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Sklaverei und es gibt eindringliche, schreckliche Beschreibungen der Gewalt, die den Sklaven angetan wurde.

Das Buch wurde hinlänglich auf allen möglichen Blogs besprochen, daher werde ich mich etwas kürzer halten.

Die Protagonistin Cora ist eine junge Frau, die ihre Mutter vermisst, teilweise aber auch hasst, weil ihr die Flucht gelang, als Cora noch klein war. Ein junger Mann plant auf ihrer Plantage in Georgia ebenfalls zu fliehen und bietet Cora an, ihn zu begleiten. Zum Teil, weil er glaubt, sie bringe Glück durch die gelungene Flucht ihrer Mutter und zum anderen, weil er gerne in ihrer Nähe ist.

Die Geschichte ist ein schreckliches Katz- und Mausspiel zwischen den brutalen Sklavenjägern und den Entflohenen. In der Geschichte gibt es eine tatsächlich existierende Zuglinie, die im Untergrund fährt und die Flüchtenden unter großer Gefahr von einer Station zur nächsten bringt.

“And America, too, is a delusion, the grandest one of all. The white race believes–believes with all its heart–that it is their right to take the land. To kill Indians. Make war. Enslave their brothers. This nation shouldn’t exist, if there is any justice in the world, for its foundations are murder, theft, and cruelty. Yet here we are.”

Auf der Flucht geben sie sich als freigelassene Sklaven aus und als Leserin erfährt man viel über das Leben der Sklaven im frühen 19. Jahrhundert. Nach ihren ersten Jahren als baumwollpflückende Sklavin und ihrer Flucht arbeitet sie mit gefälschten Papieren als Dienstmädchen für eine weiße Familie in Charleston, als lebendes Ausstellungsstück „Afrikanerin“ in einem gut meinenden Museum, und sie versteckt sich über Monate auf einem Dachboden. Als Frau hat sie es noch einmal schwerer, da sie stets mit sexuellen Übergriffen rechnen muss auf ihrem Weg von Georgia über North und South Carolina, Tennessee bis schlussendlich nach Indiana.

“Slavery is a sin when whites were put to the yoke, but not the African. All men are created equal, unless we decide you are not a man.”

Die Geschichte zeigt die verschiedenartigen Misshandlungen und Beschimpfungen, denen die Schwarzen ausgesetzt waren, bis hin zu den nicht gerade selten vorkommenden Morden. Es ist aber nicht nur die Geschichte von zermürbender brutaler Arbeit und teuflischen Sklavenhaltern, es geht auch darum, wie sehr auf freie Sklaven Jagd gemacht wurde, um die Lügen der Besitzer, die Freiheit versprachen und diese Versprechen dann brachen. Es geht um das falsche Spiel, das weiße Ärzte mit unwissenden Schwarzen trieben, in dem sie eugenische Experimente an ihnen vornahmen, um die ständige Sorge der Schwarzen um ihre Familienmitglieder, nicht nur die der Eltern um ihre Kinder, auch umgekehrt, wenn freigelassene oder geflohene Kinder sich verzweifelt fragen, was aus ihren alten Eltern auf den Plantagen werden wird.

Man spürt die immense Recherche, die der Autor für dieses Buch betrieben hat. Ich habe viel gelernt. Das ist kein einfaches, aber ein wichtiges Buch. Einzige Kritik meinerseits, teilweise waren die Charaktere etwas zweidimensional.

Das Buch hat den Pulitzer Preis definitiv verdient und das war mit Sicherheit nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe. Ich hatte es im Übrigen zuerst auf Englisch versucht, war aber froh, als mir dann eine deutsche Ausgabe des Buches zulief, das hat mir die Lektüre in diesem Fall definitiv einfach gemacht.

Und ihre Augen schauten Gott – Zora Neale Hurston

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Zora Neale Hurstons unglaubliches Buch ist die Geschichte von Janie Crawford, einer schwarzen Frau Mitte vierzig. Ihre Großmutter (Nanny) war Sklavin, die von ihrem „Besitzer“ missbraucht wurde. Ihre Mutter (Leafy) wurde ebenfalls vergewaltigt und begann darauf hin zu trinken und verschwand, als Janie noch klein war. Daher wächst sie bei ihrer Großmutter auf. Als Janie einen Nachbarsjungen küsst, sorgt Nanny dafür, sie schnellstmöglich unter die Haube zu bringen, bevor „Schlimmeres“ passiert. 

„Komm nach deine Grandma, Liebchen. Setz dich auf mein Schoß wie früher. Deine Nanny tut dich doch kein Haar krümm. Se will auch nich, dat wer anders dat tut, wennses verhindern kann. Liebchen, der weiße Mann is Herr über alles, soviel wie ich hab rausfindn könn. Womöchlich is da irgnwo ne Gegend, weit wech in Ozean, wo der schwarze Mann die Macht hat, aber nix Genaues wissenwer nich, solange wievers nich mit eigne Augen sehn. Der weiße Mann, der hat seine Bürde hingeschmissen un den Niggermann gesach, er sollse aufheben. Der hebtse auf, musser ja, aber tragen tuterse auch nich. Gibter lieber seine Weibsleute. Die Niggerfrau is der Maulesel für alle Welt, soviel wie ich weiß.“

Sehr schnell muss Janie lernen, dass eine Heirat noch lange nichts mit Liebe zu tun hat. Sie brennt kurz darauf mit einem anderen Mann durch, der sie umschwärmt, leider stellt sich der als Kontroll-Freak und Frauenfeind raus. Auch wenn sie durch die Ehe materiell mehr als gut versorgt ist, ist sie doch unglücklich und völlig isoliert.

Und dann trifft sie Tea Cake. Er ist zwölf Jahre jünger als sie, aber endlich einer, der mit ihr mithalten kann. Sie leben zusammen, sind glücklich und es ist, wie sie sich die Liebe unter dem Birnenbaum immer vorgestellt hatte.

Hurston beschäftigt sich nicht mit den Problemen zwischen Schwarzen und Weißen, sie zeigt auch die Schwierigkeiten innerhalb ihrer eigenen Community auf, die teilweise genauso einengend für sie sind. Es gibt dort ein strenges Klassensystem und es wird erwartet, dass die Leute ihren Platz kennen und dort bleiben. Hurston beschäftigt sich inbesondere mit der Rolle der Frau innerhalb ihrer Kultur.

Das Buch ist nicht einfach und so gerne ich üblicherweise Bücher im Original in Englisch lese, in diesem Buch habe ich meinen Meister gefunden und musste auf die Übersetzung ausweichen. Die ist aber meines Erachtens wirklich großartig gelungen und Hut ab vor der Übersetzerin Barbara Henninges, die der deutschen Ausgabe auch ein sehr nützliches Glossar beifügte.

„Weißde Liebchen, wir farbiche Leute, wir sin Zweige ohne Wurzln, un da komm wunderliche Sachen bei raus. Besonderst bei dir. Ich bin damals mitten mang die Slaverei geborn, da wars mir nich gegeben, meine Träume wahrmachn, watne Frau sein soll un watse machen soll. Dat is eins von die Undinger von Sklaverei. Aber kann ein nix davon abbring, dat man Wünsche hat. Man kann niemand so kaputtmachen, dat man ihn sein Wille raubt. Ich hab nich wollen, datse mich als Arbeitochse un als Zuchtsau benützen, un ich hab auch nich wolln, datse meine Tochter dazu benützen. War wahaftich nich mein Wille, dat alles so gekomm is, wies gekomm is.“

Foto: Jeff Sonksen


Aber mal ganz unabhängig was für ein großartiger Roman das ist. Die Lebensgeschichte von Zora Neale Hurston ist das Buch, das ich eigentlich als nächstes von äh über sie lesen möchte. Was für eine Persönlichkeit! Sie ist nicht nur eine aufregende Autorin, sondern eine sehr inspirierende Frau. Sie war selbst die Tochter von früheren Sklaven und wuchs in Eatonville auf, wo ihr Vater Bürgermeister war. Sie setzte es sich in den Kopf zu studieren und ihr war (fast) jedes Mittel recht. Sie brauchte ein Stipendium für das Studium, weil sie es sich ansonsten nicht hätte leisten können und lag eigentlich schon über dem Höchstalter dafür, zack Geburtsdatum geändert und sie bekam ihr Stipendium. Sie studierte Anthropologie gemeinsam im Übrigen mit Margaret Mead. Ab den 1930er Jahren widmete sie sich dann mehr oder weniger ausschließlich der Literatur.

Sie war eine Frau der Tat, die sich durch nichts und niemanden hat aufhalten lassen. Das hat ihr im Leben ziemlich viele Probleme bereitet. Obwohl sie Teil der Harlem Renaissance war stieß ihr Roman „Their eyes were watching God“ insbesondere bei den führenden Männern in der Bewegung eher auf Ablehnung. Der umgangssprachliche Schreibstil wurde bemängelt, es galt als oberflächlicher Liebesroman. Ich frage mich allerdings, ob den Herren nicht eventuell die Kritik Hurstons an der Rolle des Mannes missfiel.

Sie war zeitlebens umstritten und hatte u.a. mit Plagiatsvorwürfen zu kämpfen, ihre Forschungsmethoden und ihre Begeisterung für Vodoo missfielen ebenso wie ihre politische Haltung. Sie war eine sehr freiheitsliebende Frau, die mit Kommunismus oder Sozialismus wenig am Hut hatte, vermutlich stand ihr der Libertarismus recht nahe. 

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In den 1950er Jahren begann ihr literarischer Stern zu sinken. Ein ihr sehr wichtiges literarisches Projekt wurde vom Verlag abgelehnt und ihre Gesundheit baute immer weiter ab. Sie hatte einen Schlaganfall, konnte nicht mehr schreiben und musste Sozialhilfe beantragen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einem Pflegeheim für Arme, wo sie kurz darauf einem Herzleiden erlag. Trotz aller Schwierigkeiten behielt sie bis zu letzt ihren Optimismus und ihre Unabhängigkeit:

„But … I have made phenomenal growth as a creative artist. … I am not materialistic… If I do happen to die without money, somebody will bury me, though I do not wish it to be that way“

Die Autorin Alice Walker spürte im Jahr 1973 Hurstons Grab auf und veröffentlichte in der US Frauenzeitschrift „Ms“ den Artikel „In Search of Zora Neale Hurston“, der die Wiederentdeckung von Hurstons Werk und ihrer Person einleitete. In diesem Jahr erschien auch endlich ihr Sachbuch „Baraccoon“, das Interviews mit dem letzten Überlebenden auf einem der Sklaven-Transportschiffe beinhaltet. Das Buch hatte während ihrer Lebzeit keinen Verlag gefunden, auch weil es wieder in dem erfundenen Dialekt geschrieben worden war, der auch in „Their eyes were watching God“ vorkommt.

Hier eine kurze Doku über die Autorin die zwei Schülerinnen im Rahmen eines Schulprojektes erstellten:

„Their eyes were watching God“ war die Mai-Lektüre unseres Bookclubs und es hat für spannende Diskussionen gesorgt und reihum gingen die Daumen hoch. Dazu war auch noch unser kulinarisches Rahmenprogramm ein großes Highlight. Wer Lust hat, mit Zora Neale Hurston zu kochen, dem empfehle ich noch diesen link:

https://www.theparisreview.org/blog/2017/11/10/cooking-zora-neale-hurston/

Eine sehr schöne Besprechung des Buches findet ihr auch hier.

„Their eyes were watching God“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Und ihre Augen schauten Gott“ im Amman Verlag.