Stadt der Engel – Christa Wolf

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Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer wurde der Schriftstellerin Christa Wolf Zugang zu ihren Stasi-Akten gewährt. Wolf, die für ihren Trotz und ihre Offenheit bekannt war, war nicht besonders überrascht, zweiundvierzig Bände mit Dokumenten der ostdeutschen Geheimpolizei zu entdecken. Was sie überraschte, war jedoch eine dünne grüne Mappe, deren Inhalt eine ungewohnte – und sie sehr beunruhigende – Geschichte erzählte: Anfang der 1960er Jahre war Wolf selbst Informantin der kommunistischen Regierung gewesen. Und doch hatte sie dreißig Jahre später überhaupt keine Erinnerung mehr daran. Wie konnte das sein?

Die Ich-Erzählerin, eine deutsche Schriftstellerin Mitte 60, fliegt 1992 für ein paar Monate als Stipendiatin des Getty Center nach Los Angeles. Ihr Zuhause für diese Zeit ist ein skurriles Hotel, das „Ms Victoria Old World Charm“ in Santa Monica. Dort schaut sie gerne Star Trek:

„Abend für Abend erinnert sich die Protagonistin „saß ich vor dem Fernseher, wenn die Star-Trek-Serie lief, und erlaubte mir die Ausrede, ich müsse mein Englisch vervollkommnen, wusste aber insgeheim, es war mein Bedürfnis nach Märchen, nach glücklichen Ausgängen, das mich festhielt, denn ich konnte sicher sein, dass die Star-Trek-Besatzung die edlen Werte der Erdenbewohner in die fernsten Galaxien tragen, sie gegen jeden noch so infamen Feind durchsetzen und dabei selbst nicht zu schaden kommen würde.“

Selten fühlte ich mich Christa Wolf näher… 😉

Christa Wolf mischt Reisebericht, Tagebuch, Erinnerungen, Traumerzählungen und Fiktion. Dieses Buch ist ein subtiler Blick auf Selbsttäuschung, Erinnerung, Geheimnisse, das Bekenntnis zu den eigenen Werten und den Kontrast zwischen Innen- und Außenleben. Das Buch ist definitiv keine schnelle Lektüre. Ich hatte mit etwas tiefergehenden Passagen zu dem Auffinden ihrer Stasi-Akten gerechnet und eventuell mehr Aufregung und Dramatik, aber sie ist das Thema viel nuancierter angegangen.

Hatte ich zwiespältige Gefühle, als wir dann auf dem Nachhausweg in unserem Auto lange an der Kreuzung Schönhauser / Bornholmer Straße stehen mussten, weil der Strom der Trabis und Wartburgs, der auf den Grenzübergang Bornholmer zuflutete, nicht abriss? Was habe ich da wirklich gefühlt? Freude? Triumph? Erleichterung? Nein. Etwas wie Schrecken. Etwas wie Scham. Etwas wie Bedrückung. Und Resignation. Es war vorbei. Ich hatte verstanden.

Reich an philosophischen Einsichten, persönlichen Enthüllungen und lebendigen Beschreibungen einer vielfältigen Stadt und ihrer Bürger ist City of Angels ein zutiefst humaner und sehr ehrlicher Roman, der Politik, Buddhismus, Psychologie, Freundschaft, Kultur und Geschichte miteinander verbindet – ein würdevoller Abschluss einer bemerkenswerten Schriftstellerinnen-Karriere.