Die Nebelkrähe – Alexander Pechmann

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Alexander Pechmann hat seinen Roman „Die Nebelkrähe“ Oscar Wildes Nichte Dorothy Wilde gewidmet (1895 – 1941) und allein für die Entdeckung dieser interessanten Dame bin ich dem Roman schon dankbar. Dorothy Wilde war eine spannende, selbstbewusste Frau, die im ersten Weltkrieg in der rein weiblich besetzten „Brakespeare Unit“ als Ambulanzfahrerin tätig war und in den 1920er Jahren mit der (ebenfalls lesbischen) Autorin Nathalie Clifford Barney in Paris zusammenlebte und die Pariser Salons aufmischte.

Dorothy begegnet dem Protagonisten erstmals bei einer Ambulanzfahrt an der Front, doch erst ein paar Jahre später treffen sie in London wieder aufeinander und es dauert eine Weile, bevor Peter Vane sich erinnert, wo er die schillernde Dorothy schon einmal gesehen hat.

Peter Vane hat seltsame Träume in denen er Stimmen hört, sieht einen verstorbenen Kollegen in Tagträumen immer wieder und erhält von ihm teils sehr scharfsinnige Bonmots übermittelt, die dem etwas blassen Vane etwas mehr Charisma verleihen. Trotzdem ist der nüchterne Mathematiker von diesen Träumen und Halluzinationen tief verstört und möchte der Sache unbedingt auf den Grund gehen.

„Entspannen Sie sich“, forderte Mrs. Dowden streng. „Lassen Sie den Arm ganz locker. Wehren Sie sich nicht. Nehmen Sie die Botschaft dankbar und freudig an. Ich spüre eine starke Präsenz…“

Ein ebenfalls der soliden Mathematik verschriebener Kollege empfiehlt ihm, sich auf ein Treffen mit einem Medium einzulassen, frei nach Sherlock Holmes wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische obwohl unmöglich unweigerlich richtig.

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Dorothy Wilde
Foto: Wikipedia

Der Besuch bei Hester Dowden verunsichert ihn zu tief. Er erhält scheinbar Nachrichten aus dem Jenseits, scheint selbst ein nahezu perfektes Medium zu sein und versucht, mit Hilfe von Dorothy Wilde die Verbindung zwischen seinem ehemaligen gefallenen Kriegskameraden, der ihm das Foto eines kleinen Mädchens zum Abschied in die Hand gedrückt hatte, den Nachrichten von Oscar Wilde und seinen Halluzinationen auf die Spur zu kommen.

Gemeinsam mit Dolly begibt er sich auf eine rasante Spurensuche durch das London der 1920 Jahre, die ihn in die Opiumhöhlen Sohos, in die Salons verschrobener Büchernarren und drogensücheriger Prinzessinnen bringt.

„Die meisten Menschen, die ich kenne, saugen das Licht auf, anstatt es auszustrahlen. Sie können nur nehmen, niemals geben.“

Alexander Pechmann orientiert sich in seinem Roman neben Dorothy Wilde an einer ganzen Reihe anderer realer Personen. Auch das irische Medium Hester Dowden gab es tatsächlich. Sie machte 1923 Schlagzeilen, als sie behauptete mit dem Geist Oscar Wildes in Verbindung getreten zu sein. Ebenso real waren Nebenfiguren wie Mabel Cosgrove Wodehouse Pearse oder Billy Chang, der als Vorbild für die erfundene Figur Dr. Fu Manchu gilt.

Dorothy und Peter befragen jede Menge Leute, die losen Enden der Geschichte werden auch durchaus zusammengeführt, jedoch ohne eine Erklärung für die übersinnlichen Phänomene zu liefern. „Die Nebelkrähe“ ist atmosphärische Unterhaltung mit interessanten Protagonisten, perfekt für ein verregnetes Wochenende. Einzige Kritik vielleicht: bis auf Dolly bleiben eigentlich alle Charaktere etwas zweidimensional. Wer also keine größere Charakterstudie erwartet und sich mit guter Unterhaltung zufrieden gibt, kommt hier durchaus auf seine Kosten.

Besonders gefiel mir der Soundtrack, den Pechmann seinen Lesern ans Herz legt und den ich hier gerne mitliefern möchte:

https://open.spotify.com/playlist/7JDlY42b1mIPsyxYul9XDa

Ich danke dem Steidl Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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Amongst Women – John McGahern

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Das letzte Bookclub-Buch des Jahres, der irische moderne Klassiker „Amongst Women“, war leider auch gleichzeitig die Abschiedsparty für die uns verlassende Irin.

Nach einem wunderbaren Nigella Lawson Weihnachtsdinner nebst vorzüglichstem Poinsettia Cocktail widmeten wir uns dann ausgiebig Moran, dem alten dominanten Republikaner, und den vielschichtigen Beziehungen mit seiner Frau und seinen Töchtern.

Morans Leben wurde nachhaltig durch seine Glanzzeit als Guerilla Kämpfer im Unabhängigkeitskrieg bestimmt. Gewohnt daran als unangefochtene Autorität zu agieren und zu befehlen ist Widerspruch ein für ihn eher unbekanntes Phänomen, das er, sollte es ihm doch einmal begegenen, ob im Bekanntenkreis oder in der Familie sofort unnachgiebig bekämpft.

Seine glorreichen Tage sind vorbei, er lebt mit seiner zweiten Frau auf der alten Farm auf dem Land, bekommt gelegentlich Besuch von seinen drei Töchtern, seine beiden Söhne haben den Kontakt zu ihm mehr oder weniger abgebrochen.

„Such was the excitement and focus on Maggie that in spite of Rose’s care to draw him into the conversation Moran began to feel out of it and grew bored. I think it’s time to say the Rosary, he said earlier than usual, taking out his beads.“

„Amongst Women“ ist ein schmales Bändchen, jeder Satz perfekt komponiert, die klaustrophobische Atmosphäre innerhalb der Familie nimmt einem teilweise die Luft zum atmen. Der katholische irische Familienvater an sich ist eine ganz besondere Züchtung, aber ich glaube Menschen die im Irland der 60er Jahre aufgewachsen sind, (und höchstwahrscheinlich auch noch später) sind mit den Morans dieser Welt mehr als vertraut. Der Patriarch, umgeben von einer Heerschaar an Frauen, die alles dafür tun ihn bei Laune zu halten, deren Hauptaufgabe es ist ihm das Gefühl zu geben wichtig zu sein und gebraucht zu werden, für die er der Leitstern ist und ohne den sie glauben orientierungs- und ziellos durch das Leben zu wandern. Eine Abhängigkeit, die beiden Seiten nicht gut tut.

Moran entscheidet, wie die Stimmung im Haus ist und sonst keiner.

“To leave the everpresent tension of Great Meadow was like shedding stiff, formal clothes or kicking off pinching shoes.”

“As looking down from great heights brings the urge to fall and end the terror of falling, so his very watching put pressure on them to make a slip as they dried and stacked the plates and cups.”

 Moran spricht immer wieder davon, wie wichtig es ihm ist, alle seine Kinder gleich zu behandeln, keines ist besser als die anderen und fest verankert ist ihm die Überzeugung, für die mir gerade keine vernünftige Übersetzung einfällt: „Don’t try to rise above your station“.

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Mehrere von McGaherns Büchern landeten auf dem Index und es war in unserer folgenden Diskussion interessant zu erfahren, dass neben allen historischen Gründen im Nordirland-Konflikt auch durchaus die Sorge der Nordiren eine Rolle spielte, unter die Fuchtel der übermächtigen katholischen Kirche zu geraten.

Ich war anfangs skeptisch, da ich glaubte, momentan mit traurigen irischen Büchern nichts anfangen zu können. McGahern schreibt jedoch so  wundervoll, seine Sprache ist poetisch, knapp und meditativ fast wie Wellen, die langsam und rhythmisch ans Ufer schlagen. Er hat mich ungewollt in seinen Bann geschlagen.

Diese Dokumentation über John McGahern, kurz vor seinem Tod aufgenommen, ist richtig gut gemacht und absolut sehenswert:

 

 

Farewell C. and keep sending us your Irish book recommendations 😉

Die Book Jokes aus den Crackern möchte ich euch natürlich auch nicht vorenthalten. Here we go:

How did Charlotte Bronte help people to breathe?
She created Eyre.

What is purple and Dickensian?
Grape Expectations.

I just read a book about the digestive system.
The ending was shit.

What do you get when you mix alcohol and literature?
Tequila Mockingbird.

The past, the present and the future walk into a bar.
It was tense.

A book just fell on my head.
I’ve only got my shelf to blame.

Someone just stole my thesaurus.
Frankly, I’m lost for words.

I took up speed reading.
Last night I read War and Peace in twenty seconds.
It was only three words but I enjoyed it.

I went to the book shop today because they had a third off.
I bought The Lion, The Witch.

Mensch wie konnte ich eigentlich unsere wunderbare Literatur-Scharade vergessen, zwei Teams und die gelesenen Buchtitel der letzten 10 Jahre die gespielt werden mussten, das war alles andere als einfach, hat riesigen Spaß gemacht und ich weiß jetzt auch, dass „Zeitoun“ das arabische Wort für „Olive“ ist 😉

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Unter Frauen“ im Steidl Verlag erschienen.