Read around the World: Sri Lanka

Je verrückter die Welt wird – mit Kriegen, schwelenden Konflikten, Autokratien und einem brennenden Klima –, desto mehr meide ich Flugreisen. Das bedeutet leider, dass viele Orte für mich physisch unerreichbar bleiben. Glücklicherweise eröffnet mir die Literatur und das Kino Wege, diese fernen Länder zumindest geistig zu bereisen. Heute reisen wir gemeinsam nach Sri Lanka.

Bis vor Kurzem wußte ich kaum etwas über das Land: Ceylon, die Tamil Tigers, ein Inselstaat im Indischen Ozean – das war’s. Doch kaum beginnt man zu lesen und zu sehen, tauchen faszinierende Facetten auf.

Sri Lanka, die „Träne Indiens“ oder auch „Perle des Indischen Ozeans“, ist ein Inselstaat südlich des indischen Subkontinents. Seit 1948 unabhängig von Großbritannien, nennt sich das Land seit 1972 offiziell Demokratische Sozialistische Republik Sri Lanka.

Mit rund 65 600 km² ist Sri Lanka nur etwa ein Fünftel so groß wie Deutschland, etwas größer vielleicht als Rheinland-Pfalz, aber mit über 23 Millionen Menschen deutlich dichter besiedelt. Die Bevölkerung setzt sich mehrheitlich aus Singhales*innen (etwa 75 %) und Tamil*innen (etwa 15 %) zusammen – eine demografische Realität, die über Jahrzehnte hinweg zu tiefen Spannungen führte.

Ein zentrales Kapitel der jüngeren Geschichte – und auch ein wichtiges Thema in der Literatur über Sri Lanka – ist der blutige Bürgerkrieg zwischen der sri-lankischen Regierung und den sogenannten Tamil Tigers (LTTE, Liberation Tigers of Tamil Eelam). Diese militante Organisation kämpfte ab 1983 für einen unabhängigen Tamilenstaat im Norden und Osten der Insel, nachdem Tamil*innen über Jahre hinweg Diskriminierung durch die singhalesisch dominierte Regierung erfahren hatten.

Der Krieg dauerte fast drei Jahrzehnte und forderte über 100 000 Menschenleben, darunter viele Zivilisten. Besonders grausam war der „Schwarze Juli“ 1983 – ein Pogrom gegen Tamil:innen, der als Auslöser für den bewaffneten Konflikt gilt. Die LTTE verübte Selbstmordanschläge, rekrutierte Kindersoldaten und kontrollierte teilweise große Landesteile – bis sie 2009 militärisch besiegt wurden. Seitdem herrscht zwar offiziell Frieden, doch viele Wunden sind geblieben, und Aufarbeitung findet nur zögerlich statt.

Neben dieser bewegten Geschichte hat Sri Lanka eine jahrtausendealte Kultur vorzuweisen: buddhistische Königreiche mit beeindruckenden Ruinen in Anuradhapura, Polonnaruwa und Kandy; der sagenumwobene Felsen Sigiriya mit seinen Fresken; oder die Höhlentempel von Dambulla – allesamt UNESCO-Welterbe. Auch die Natur begeistert: wilde Elefanten in Minneriya, Leoparden im Yala-Nationalpark, Blauwale vor der Südküste. Die Artenvielfalt pro Quadratkilometer gehört zu den höchsten in ganz Asien.

Kulturell prägt der Buddhismus (etwa 70 % der Bevölkerung) das öffentliche Leben. Daneben gibt es starke hinduistische, muslimische und christliche Minderheiten. In Adam’s Peak, einem heiligen Berg im zentralen Hochland, überlagern sich diese Religionen: Der Fußabdruck auf dem Gipfel wird je nach Glaube Buddha, Shiva, Adam oder dem Apostel Thomas zugeschrieben – ein faszinierendes Bild religiöser Vielschichtigkeit.

Sri Lanka ist außerdem Heimat einer stolzen Teekultur – Ceylon-Tee zählt zu den besten der Welt. Auch kulinarisch bietet das Land Vielfalt: von Kiribath (Kokosmilchreis) über würzige Currys und Dhal bis hin zu Hoppers (knusprige Reismehlpfannkuchen). Colombo, die Hauptstadt, hat sich zu einem spannenden urbanen Zentrum entwickelt – mit Rooftop-Bars, kolonialer Architektur und kreativen Kulturorten.

Bislang habe ich noch keinen Film aus Sri Lanka gesehen und konnte auch keinen finden, den ich für diesen Stopp hätte sehen können. Vielleicht habt ihr da eine Empfehlung?

Aber musikalisch bin ich fündig geworden. Besonders gefällt mir Nevi’im aus Colombo. Das könnte allen gefallen, die Explosions in the sky, Mogwai oder God is an Astronaut etc mögen:

Literarisch bin ich natürlich auch fündig geworden. Die Literatur Sri Lankas ist reich und vielfältig, geprägt von den kulturellen Einflüssen der singhalesischen, tamilischen und kolonialen Geschichte. Traditionell spielte die singhalesische Literatur, insbesondere Poesie und religiöse Texte in Pali, eine zentrale Rolle. Auch tamilische Literatur, oft mit starken spirituellen und politischen Themen, hat tiefe Wurzeln.

Zu den bekanntesten Autor*innen Sri Lankas gehört Michael Ondaatje, der international für Werke wie Der englische Patient bekannt wurde. Obwohl er lange in Kanada lebt, reflektiert seine Literatur oft seine sri-lankischen Wurzeln.

In der tamilischen Literatur ist Shobasakthi (Pseudonym des ehemaligen Tamil-Tiger-Kämpfers Antonythasan Jesuthasan) ein wichtiger zeitgenössischer Autor, der in seinen Werken Krieg, Migration und Identität thematisiert.

Sri Lankas Literaturszene ist lebendig und international vernetzt, wobei auch jüngere Stimmen wie Shehan Karunatilaka (Booker-Preis 2022 für The Seven Moons of Maali Almeida) weltweite Beachtung finden. Habe lange zwischen Karunatilakas und Ganeshananthans Buch hin und her überlegt, mich letztendlich dann aber für „Brotherless Night“ entschieden.

Brotherless Night – V. V. Ganeshananthan auf deutsch unter dem Titel „Der brennende Garten“ im Tropen Verlag erschienen, übersetzt von Sophie Zeitz

„Brotherless Night“ ist absolut keine Wohlfühllektüre – und gerade das macht es zu einem so wichtigen Buch. Mit großer erzählerischer Kraft und eindringlicher Sprache folgt der Roman der jungen Sashi, die in den 1980er Jahren in Sri Lanka aufwächst und miterlebt, wie ihre Welt zunehmend von Gewalt, Angst und politischem Fanatismus zersetzt wird. Als angehende Ärztin und Schwester verliert sie nicht nur ihre Brüder, sondern auch zunehmend den Glauben an eine glückliche Zukunft. Der Bürgerkrieg zwischen der sri-lankischen Regierung und den Tamil Tigers zerreißt Familien und ganze Gemeinschaften – das Buch zeigt dies schmerzhaft klar und erschütternd eindringlich.

Im Rahmen meiner literarischen Weltreise ist dieses Buch ein weiteres Beispiel für eine traurige Konstante: Immer wieder stoße ich auf Geschichten von Ländern, in denen sich Bevölkerungsgruppen gegenseitig zu vernichten versuchten. Es ist deprimierend, beinahe zermürbend, wie oft sich dieses Muster zeigt – als sei der Mensch einfach nicht fähig, dauerhaft friedlich zusammenzuleben. Stattdessen wiederholen sich Hass, Misstrauen und Gewalt in immer neuen Formen. Auch in Sri Lanka war es nicht anders – und „Brotherless Night“ verdeutlicht, wie aus Nachbarn Feinde wurden, wie Hoffnung in Ideologie und Ideologie in Terror umschlägt. Und doch – trotz der Schwere – ist das Buch wirklich lesenswert, gerade weil es ein tieferes Verständnis für die komplexe Geschichte Sri Lankas und besonders der tamilischen Bevölkerung ermöglicht. Es stellt keine einfachen Schuldzuweisungen auf, sondern zeichnet ein nuanciertes Bild von Menschen, die im Strudel des Krieges ihre Überzeugungen, ihre Angehörigen und oft auch sich selbst verlieren.

Die aktuelle Lage in Sri Lanka macht klar, dass der Konflikt auch nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs im Jahr 2009 keineswegs wirklich überwunden ist. Noch immer werden Tamilen diskriminiert, enteignet oder in ihrer kulturellen und religiösen Identität unterdrückt. Zwar gab es jüngst ein wichtiges Urteil des Obersten Gerichtshofs, das die Enteignung tamilischen Landes stoppte, und es bestehen zaghafte Hoffnungen auf Rückgabe und Aufarbeitung – aber die tiefer liegenden Ungleichheiten bleiben bestehen. Viele warten weiter auf Gerechtigkeit, auf eine echte gesellschaftliche Versöhnung, auf Anerkennung des erlittenen Unrechts. Auch internationale Ermittlungen zu Kriegsverbrechen kommen kaum voran.

„Brotherless Night“ ist deshalb nicht nur ein Roman über die Vergangenheit, sondern auch ein Kommentar zur Gegenwart – er zwingt uns, hinzusehen, wo wir vielleicht lieber weggeschaut hätten. Für mich war es ein bedrückendes, aber notwendiges Kapitel meiner Weltreise durch die Literatur. Und auch wenn ich weiter hoffe, irgendwann ein Land zu lesen, in dem das friedliche Zusammenleben nicht durch Massaker, Vertreibung oder systematische Gewalt erschüttert wurde, so war dieses Buch ein würdiger und wertvoller Beitrag zum Verständnis jener Orte, an denen der Friede nach wie vor fragil ist.

V.V. Ganeshananthan, oft auch als Sugi Ganeshananthan bekannt, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin mit srilankisch-tamilischen Wurzeln. Sie wurde in den USA geboren, ihre Familie stammt jedoch aus Sri Lanka – diese kulturelle und politische Spannung durchzieht ihr Schreiben auf kraftvolle Weise. Ganeshananthan ist nicht nur Romanautorin, sondern auch Journalistin, Hochschullehrerin und Mitgestalterin des renommierten Literatur-Podcasts Fiction/Non/Fiction.

Mit Brotherless Night gelang ihr 2023 der literarische Durchbruch: Das Buch wurde u. a. für den Women’s Prize for Fiction nominiert. Ganeshananthan verbindet präzise Recherche mit erzählerischer Tiefe – ihr Stil ist ebenso politisch wie poetisch, und sie schafft es, komplexe Konflikte durch individuelle Schicksale erfahrbar zu machen.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist sie Professorin für kreatives Schreiben an der University of Minnesota und engagiert sich regelmäßig zu Fragen politischer Gewalt, Erinnerungskultur und der Rolle der Diaspora in der Literatur.
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Kennt ihr Sri Lanka? Habt ihr Tipps für entsprechende Autor*innen / Filme / Bands?

Mai Lektüre

Der Mai war ein toller Lesemonat – mit berührenden Geschichten, diversen Perspektiven, unerwarteten Fundstücken und viel literarischer Reiselust. Besonders bewegt haben mich zwei Bücher über ungewöhnliche Berufe: Schwere Lasten und Marzahn, mon Amour. So sehr, dass ich jetzt ernsthaft darüber nachdenke, Kranfahrerin zu werden (Fußpflegerin aber eher nicht). Beide Bücher waren für mich klare 5-Sterne-Titel Ein echtes Highlight war auch die Lesung von Annett Gröschner, von der ich sogar eine persönliche Widmung bekommen habe: „Für die künftige Kranfahrerin.“ 🧡

Einen völlig anderen, aber gleichfalls eindrucksvollen Ton schlug Andrew O’Hagan in „Caledonian Road“ an – ein moderner Gesellschaftsroman à la Dickens, der das Leben entlang einer Londoner Straße in all seinen Facetten einfängt. Mit Christine Frohmanns „Vier Wochen“ kam schon ein erster Hauch Italien auf, während mich Monique Roffey mit „Die Meerjungfrau von Black Conch“ auf die karibische Insel Trinidad und Tobago entführte.

Ein überraschender Fund aus dem Bücherschrank war Bernard Berensons „One Year’s Reading for Fun“ – eine kleine literarische Zeitreise. Weniger überzeugt hat mich hingegen Christine Brückners „Wenn du geredet hättest, Desdemona“ das mich leider nicht richtig gepackt hat und das ich abgebrochen habe. Schade, hatte mich sehr darauf gefreut.

Auch auf die Ohren gab’s im Mai einiges: Olga Ravns „Die Angestellten“ als Hörbuch war eine faszinierende, leicht verstörende Mischung aus Science-Fiction, Poesie und Gesellschaftskritik. Und mit Neil deGrasse Tysons „Astrophysics for People in a Hurry“ habe ich zwischendurch einen kleinen Ausflug ins Weltall gemacht.

Was ihr hier noch nicht findet, sind die Bücher, die mich Ende Mai mit auf meine Reise nach Italien begleitet haben – die stelle ich euch bald in einem separaten Beitrag vor: Read Around the World: Italien.

Schwere Lasten – Annett Gröschner erschienen im C. H. Beck Verlag

Schwere Lasten ist eines dieser Bücher, die man aufschlägt und dann plötzlich das Gefühl hat, man würde einer Stimme lauschen, die man schon lange kennt. Vielleicht, weil sie einen an die eigene Oma erinnert. Vielleicht, weil sie aus einer Zeit erzählt, die einem trotz aller historischen Distanz so schmerzlich gegenwärtig vorkommt. Bei mir war es beides. Ich habe die Autorin auf einer Lesung erlebt, war von ihrer Art zu erzählen sofort gepackt – und wusste: Dieses Buch brauche ich in meinem Leben.

Im Mittelpunkt steht Hannah, eine Frau mit einem Leben, das man kaum fassen kann: geboren noch unter dem Kaiser, überlebt sie zwei Diktaturen, zieht sechs Kinder groß (zwei davon kann sie nicht begraben), betreibt einen Blumenladen, wird dann Kranführerin in der DDR – und lebt zuletzt in Hellersdorf, wo es für den Traum vom Garten nur zum Beet unter dem Fenster reicht. Eine Figur, so dicht und dreidimensional gezeichnet, dass man das Gefühl hat, sie könnte gleich zur Tür hereinkommen.

Was Gröschner gelingt, ist ein literarisches Kunststück: Die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts wird nicht nacherzählt, sondern durchlebt – in Hannahs Alltag, in ihrer Arbeit, in ihren Verlusten und kleinen Hoffnungen. Besonders die Kapitel zu den Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs haben mich tief getroffen. Sie haben Erinnerungen an die Geschichten meiner Großmutter geweckt, die die Kriegsjahre in Quedlinburg überlebt hat. Weniger Bomben vielleicht, aber dieselbe Angst, dieselbe Ungewissheit. Und heute? Wieder Menschen in Kellern und U-Bahn-Schächten. Wieder Kriege. Wie krass lernresistent sind wir Menschen eigentlich?

Je besser sie den Kran beherrschte, desto mehr Gefallen fand sie an ihrer Position. Bald nannte sie ihren Kran Mimi. Sie redete mit Mimi, wie sie mit den Blumen geredet hatte. Und nicht selten dachte sie, dass sie mehr mit ihrem Arbeitsgerät redete als mit Karl.

Was dieses Buch auch ist: ein Denkmal für die Frauen der Arbeiterklasse. Für die, die gearbeitet haben, bis nichts mehr ging – und trotzdem nie wirklich Teilhabe bekamen. Für die, die sich alles vom Mund absparen mussten, während man heute mit blanker Selbstverständlichkeit fordert, sie mögen doch bitte länger arbeiten, länger schuften. Schwere Lasten zeigt, wie viel Menschen tragen müssen – und wie wenig sie dafür häufig bekommen.

Habe seitdem echt mal gegoogelt, was man braucht, um diesen Beruf zu ergreifen. Zwischen all den Bullshit Jobs, die uns umgeben und oft nur um sich selbst kreisen, erscheint mir der der Kranführerin unter Umständen realer, sinnvoller, vielleicht sogar erstrebenswerter als Beruf. Verantwortung, Übersicht, etwas bewegen – ganz buchstäblich. Und vielleicht auch ein bisschen Würde. Genau wie bei Hannah. Die mir allerdings berechtigt in den Hintern treten würde ob meiner romantisierenden Gedanken. Hanna Krause blieb bis zu ihrem Tod eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Ihr einziges Credo: „anständig bleiben.“ Große Empfehlung für dieses Buch – das habe ich sicherlich nicht zum letzten Mal gelesen.

Marzahn Mon Amour – Katja Oskamp erschienen im Hanser Verlag


Ich muss zugeben, ich war überrascht, wie sehr mich dieses Buch berührt hat. Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, hat ursprünglich Theaterwissenschaft und später am Leipziger Literaturinstitut studiert. Nach einigen literarischen Veröffentlichungen wechselte sie irgendwann beruflich völlig die Spur – und wurde medizinische Fußpflegerin in Berlin-Marzahn. Berlin Mon Amour basiert auf ihren Erlebnissen in diesem Beruf, mitten in einer Plattenbausiedlung, fernab vom hippen Mitte und Prenzlauer Berg – und genau das macht das Buch so besonders.

Ich hatte beim Lesen immer wieder Flashbacks an einen Sommer in den frühen 90ern, als ich Ferien bei einer Freundin in Hellersdorf in „der Platte“ gemacht habe. Damals stand gefühlt in jedem Treppenhaus ein Berg aus ausrangierten DDR-Möbeln, und es gab diese älteren Damen mit Berliner Schnauze, die den ganzen Tag das Treiben draußen vom Fensterbrett aus kommentierten – herrlich direkt, witzig und ohne Blatt vorm Mund. Einige dieser Damen hätten auch wunderbar bei Katja Oskamp im Fußpflegesalon Platz nehmen können. Genau diese Lebensnähe macht das Buch so stark.

Ich mochte besonders die Dynamik zwischen den drei Frauen im Salon – da schwingt Solidarität, Humor und viel Lebenserfahrung mit. Oskamp schafft es, Menschen zu porträtieren, die sonst eher durchs Raster der Literatur fallen. Keine Hochglanzfiguren, keine Dramen à la Netflix – sondern echte, manchmal schrullige, immer aber würdevolle Persönlichkeiten. Und ganz ohne diesen voyeuristischen Blick, den man aus dem Reality-TV kennt.

Unsere Arbeit ist kostbar! Unsere Kundschaft ist Spitze! Marzahn, mon amour!“
„O Gott, sie dichtet wieder“, sagt Flocke und grinst.
„Muss ick doch, Schnuffelpuppe“, sage ich, von die Füße alleene kann ja keen Mensch leben.“

Ganz nebenbei habe ich auch realisiert, wie wenig Aufmerksamkeit wir eigentlich unseren Füßen schenken. Kaum ein Lifestyle-Ratgeber redet drüber, dabei tragen sie uns doch jeden Tag durchs Leben – und Katja Oskamp gibt ihnen (und denen, die sie pflegen) endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Ein warmherziges und ehrliches Buch, das dieses Jahr auch als Miniserie verfilmt und in der ARD Mediathek abrufbar ist – absolut empfehlenswert – beides.

Vier Wochen – Christine Frohmann erschienen im mikrotext Verlag

Vier Wochen hat mir richtig gut gefallen – ein Buch, das auf unaufgeregte Weise eine ganz besondere Stimmung einfängt. Perfekt, um sich auf den Italienurlaub einzustimmen: Sonne, Olivenbäume, ein bisschen Chaos – und das alles durch die Augen einer Patchworkfamilie mit Teenagern, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Besonders mochte ich wie die Autorin die Gefühlswelt der Jugendlichen einfängt – eine Welt, die mir mittlerweile echt fremd ist, aber hier so authentisch und sensibel erzählt wird, dass ich fast das Gefühl hatte auf die künftige Teenagerzeit meines Neffen vorbereitet zu sein. Die Konflikte, Unsicherheiten und Einstellungen der Jugendlichen wirkten absolut authentisch auf mich.

Was mir ebenfalls sehr gefallen hat: Die gesellschaftskritischen Aspekte, die immer wieder ganz selbstverständlich und klug mit einfließen. Ob es um Klassenunterschiede, familiäre Strukturen oder Erwartungshaltungen geht – Frohmann beobachtet genau und bringt diese Themen ganz natürlich in ihre Erzählung ein, ohne sie mit dem Holzhammer zu präsentieren.

„… denn in Italien war alles schön und wahr und gut, außer der Neigung zum Faschismus, die sie hier leider auch hatten, aber sie war schon voll auf Überidentifikation, eine Droge, die sie beide liebten.“

Ein ruhiges, atmosphärisches Buch über das Zusammenleben, das Sich-Finden und den Sommer – ohne große Dramen, aber mit viel Herz und klarem Blick. Wer ein Buch sucht, das nach Ferien schmeckt und trotzdem etwas zu sagen hat, ist hier genau richtig.

Die Meerjungfrau von Black Conch – Monique Roffey erschienen im Tropen Verlag übersetzt von Gesine Schröder

Das Buch habe ich euch ja bereits im Rahmen meiner literarischen Weltreise vorgestellt. Wer also Lust hat auf einen leicht fantastischen Ausflug nach Trinidas & Tobago der klickt jetzt bitte hier.

One year’s reading for fun – Bernard Berenson nur antiquarisch erhältlich

Dieses kleine Buch war ein echter Zufallsfund aus dem öffentlichen Bücherschrank – und ein überraschend unterhaltsamer Begleiter. Bernard Berenson, eigentlich berühmter Kunsthistoriker und Experte für italienische Renaissancekunst, hat darin seine Lektüregewohnheiten aus dem Jahr 1954 festgehalten – in kurzen Notizen, Reflexionen und Empfehlungen.

Was das Ganze besonders macht: In diesem Jahr versteckte sich Berenson, aufgrund seines jüdischen Hintergrunds, vor den Faschisten in Italien. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner langjährigen Sekretärin verbrachte er diese Zeit in seiner Villa I Tatti bei Florenz – abgeschottet von der Welt, aber umgeben von Kunst, antiken Skulpturen, einem prachtvollen Garten und natürlich: unzähligen Büchern.

Die Vorstellung, wie die drei dort leben – lesend, Rotwein oder Champagner trinkend, sich gegenseitig vortragend – hatte für mich beim Lesen fast etwas Filmisches. Ich musste ganz oft an Call Me by Your Name denken. So stell ich mir die Atmosphäre dort vor.

Und doch ist der Titel „A Year’s Reading for Fun“ fast ironisch: Die Lektüreliste ist alles andere als leichte Kost. Es wird überwiegend griechische und römische Philosophie gelesen, daneben Kunstgeschichte, Theologie und Klassiker der Literatur – auf Englisch, Italienisch, Altgriechisch, Deutsch. Die drei waren echt polyglott! Neben Goethe, Schelling und dem heute kaum noch gelesenen Jakob Burckhardt liest Berenson sogar Mein Kampf – um, wie er schreibt, den Feind zu verstehen.

Desultory reading was always a favorite pastime at ‚I Tatti‘.

Ein Buch für alle, die sich wie ich für Lesebiografien interessieren, für Geschichte, Kunst, Sprachen – und für das Lesen als Lebensform. Ich möchte das auch sehr gerne mal, ein Jahr in einer hübschen Villa mit Garten vor mich hin lesen – nur bitte komplett ohne Faschismus!

Caledonian Road – Andrew O’Hagan auf deutsch unter dem gleichen Titel im Ullstein Verlag erschienen, übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié

Ich muss gestehen, der erste Blick in Caledonian Road hat mich fast erschlagen – nicht nur wegen des Umfangs (über 600 Seiten!), sondern auch wegen der Vielzahl an Figuren, die gleich zu Beginn auf mich einprasselten. Doch zu meiner eigenen Überraschung war ich sofort drin. Ich musste kaum je zurückblättern, um zu klären, wer wer ist – was ich allein schon als beachtliche Leistung werte. O’Hagan gelingt es, jedem seiner Charaktere Tiefe und Kontur zu verleihen, ohne den Überblick zu verlieren.

Der Roman hat eine Dickens’sche Qualität: London – insbesondere die titelgebende Caledonian Road – wird zum atmenden, lebendigen Organismus. Die Straße ist nicht nur Kulisse, sondern Protagonist. Sie fängt die Extreme der britischen Gesellschaft ein: Armut, Reichtum, alte Eliten, neue Medien, Aktivismus, Migration, Ausbeutung – alles auf engstem Raum.

We participate in the systems that oppress people, we thrive on them, and we think that by going on festive marches and tweeting slogans to our like-minded friends we are somehow cleansed. Welcome to the orgy of white contrition.

Im Zentrum steht Campbell Flynn, gefeierter Intellektueller, politischer Kommentator und ganz klar ein Alter Ego des Autors. Besonders faszinierend fand ich seine Beziehung zu Milo, einem jungen Aktivisten und Hacker. Es war ziemlich offensichtlich, dass Milo Flynn finanziell ausnutzt – aber ich hatte das Gefühl, Campbell weiß das, akzeptiert es fast. Es wirkt wie eine Art moderner Ablasshandel: Er zahlt dafür, die Welt erklärt zu bekommen, die seine Generation mitgestaltet (und ziemlich verbockt) hat. Milo, bei aller Skrupellosigkeit, bleibt dabei erstaunlich offen – das Spiel zwischen ihnen ist eines auf Augenhöhe. Und obwohl Campbell letztlich alles verliert, war ich sehr berührt davon, dass Milo ihn nicht fallen lässt. Trotz aller Differenzen erkennt man: Da ist echte Menschlichkeit im Spiel.

Ein besonders emotionaler Strang war für mich die Geschichte des jungen polnischen Emigranten, der versucht, seinen Partner nach England zu bringen – und was es ihn kostet. Dieser Teil war sehr bewegend und hat mich lange beschäftigt. Auch weil dieser Fall auf wahren Begebenheiten beruht.

And now, in the North of England, just as in Kansas or Illinois, people vote against their own interests, because they detest a culture that sees them as needy, they hate the caring elites who like to tell them what is good for them. In the modern world, William told himself, people don’t mind being exploited so long as they can choose it themselves.

Die Darstellung der russischen Oligarchen war für mich etwas überzeichnet – fast schon klischeehaft. Aber vielleicht ist die Realität da tatsächlich so überdreht, wie O’Hagan sie zeichnet. Campbells Frau, mit all ihrer Ambivalenz, hat mir gut gefallen, während sein stinkreicher Schwager mir fast schon klischeehaft unsympathisch war – ein klassischer Repräsentant des alten Geldes, das sich jede Schuld und Verantwortung elegant vom Hals hält.

Schön fand ich auch, dass Campbell seinem alten Freund – trotz zunehmender Zweifel an dessen Integrität – nicht den Rücken kehrt. Das hat ihn für mich menschlicher gemacht, auch wenn man ihm an vielen Stellen seine Eitelkeit und sein moralisches Schwanken anmerkt. Caledonian Road ist ein Buch voller Reibung, voller Ambivalenzen. Es geht um Macht und Moral, Generationenkonflikte, Klasse, Migration, Liebe und Verlust – und es schafft es dabei, trotz der vielen Themen nie den erzählerischen Fokus zu verlieren. Man spürt, dass O’Hagan ein exzellenter Beobachter ist – und dass er seine Figuren liebt, selbst die, an denen er scharfe Kritik übt.

Für mich ein kluges, vielschichtiges Buch mit einem spannenden, manchmal wütend machenden, aber immer lebendigen Blick auf unsere Gegenwart.

Die Angestellten – Olga Ravn erschienen im März Verlag

Dieses Hörbuch war eine absolute Entdeckung für mich – Die Angestellten von Olga Ravn ist ein faszinierender, sprachlich dichter Text, der sich irgendwo zwischen Science-Fiction, Poesie und philosophischem Gedankenexperiment bewegt. Ich habe es in der ARD Mediathek gehört, die ich inzwischen wirklich zu schätzen gelernt habe – tolle Produktionen, großartige Sprecher:innen, und Die Angestellten war da ein echtes Highlight.

Das Buch spielt auf einem Raumschiff und besteht aus einer Sammlung von Berichten und Aussagen der dort tätigen Menschen und humanoiden Mitarbeiter:innen. Die Grenze zwischen „echt“ und „künstlich“, zwischen Körper und Funktion, zwischen Erinnerung und Programmierung verschwimmt dabei immer mehr – und genau darin liegt die große Stärke dieses Textes: Er stellt existenzielle Fragen in einer ganz ruhigen, fast lyrischen Sprache.

Was heißt es, ein Mensch zu sein? Was bedeutet Arbeit, wenn der Körper zur Maschine wird? Und: Was bleibt von uns, wenn alles effizient, aber seelenlos ist?

Die Umsetzung als Hörspiel war absolut gelungen – atmosphärisch, verstörend schön, mit Stimmen, die perfekt zur kühlen, gleichzeitig melancholischen Stimmung passten. Für alle, die Sci-Fi jenseits von Action suchen, und sich auf ein intensives, fast meditatives Hörerlebnis einlassen wollen: große Empfehlung.

Astrophysics for People in a hurry – Neil de Grasse Tyson auf deutsch unter dem Titel „Das Universum für Eilige“ im Hanser Verlag erschienen, übersetzt von Hans-Peter Remmler

Dieses Hörbuch war genau das Richtige für zwischendurch: Neil deGrasse Tyson nimmt uns in „Astrophysics for People in a Hurry“ mit auf eine rasante, aber gut verständliche Reise durch Raum, Zeit, Dunkle Materie und all die anderen kosmischen Rätsel, die uns normalerweise einschüchtern könnten.

Wie auch in seinen TV Dokus gelingt es ihm, auch komplexe Themen greifbar und unterhaltsam zu vermitteln – ohne sie zu banalisieren. Ob Urknall, Quantenphysik oder das Ende des Universums: Tyson erklärt so, dass man Lust bekommt, tiefer einzusteigen, statt sich erschlagen zu fühlen. Ein kleiner Bonus: Er liest das Hörbuch selbst – und seine Stimme trägt viel zur Wirkung bei finde ich.

Perfekt für alle, die sich für die großen Fragen interessieren, aber (noch) keinen Doktortitel in Physik haben – oder einfach etwas klüger aus dem nächsten Spaziergang oder Pendelweg zurückkehren wollen. Universum to go sozusagen.

Was waren eure Highlights im Mai und welche der vorgestellten Bücher habt ihr auch gelesen/gehört? Wie fandet ihr sie?

Read around the world: Trinidad und Tobago

Nach meinem letzten literarischen Abstecher nach Nigeria geht es heute in die Karibik – genauer gesagt nach Trinidad & Tobago, den südlichsten Inselstaat der Region. Zwei Inseln, zwei Persönlichkeiten, und ein faszinierender kultureller Mix, der mich nicht nur literarisch, sondern auch musikalisch und historisch ganz schön fasziniert hat. Ich war bisher noch nicht in der Karibik und ich bin auch nicht sicher, ob es mich jemals dorthin verschlagen sollte, es wäre aber auf jeden Fall interessant.

Trinidad & Tobago liegt direkt vor der Küste Venezuelas und besteht aus der größeren, quirligeren Insel Trinidad und der kleineren, entspannteren Schwesterinsel Tobago. Während Trinidad als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum gilt – inklusive Hauptstadt Port of Spain – punktet Tobago mit weißen Sandstränden, üppigem Regenwald und einem gemächlichen Lebensrhythmus.

Trinidad & Tobago ist seit seiner Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1962 eine parlamentarische Demokratie nach dem Westminster-Modell. Staatsoberhaupt ist ein*e Präsident*in – derzeit Christine Kangaloo – während die Regierungsgewalt beim Premierminister*in liegt – derzeit Keith Rowley. Das politische System ist relativ stabil, mit einer aktiven demokratischen Kultur. Die ethnische Vielfalt des Landes schlägt sich auch in der Politik nieder, was immer wieder zu Spannungen, aber auch zu einem bemerkenswert hohen Maß an politischer Teilhabe führt.

Trinidad & Tobago gehört zu den wohlhabenderen Ländern der Karibik, was vor allem auf große Erdöl- und Erdgasvorkommen zurückzuführen ist. Der Energiesektor ist der Motor der Wirtschaft und macht einen großen Teil des Exports und BIP aus. Das Land ist einer der größten Exportnationen für Flüssigerdgas (LNG) in der westlichen Hemisphäre. Es gibt aber auch einige Herausforderungen wie hohe Jugendarbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Korruption und Klimawandel der den Inselstaaten insgesamt starke Probleme bereitet. Das Land hat sich jedoch auch bemüht, in Bildung und Digitalisierung zu investieren, um langfristig wirtschaftlich breiter aufgestellt zu sein.

In den letzten Jahren war das Wirtschaftswachstum eher verhalten, auch durch die Pandemie und sinkende Energiepreise. Gleichzeitig wird versucht, neue Branchen wie die kreative Industrie, Tourismus und erneuerbare Energien zu stärken.

Fläche:
Trinidad & Tobago (ca. 5.130 km²) ist deutlich kleiner als Deutschland (über 70-mal kleiner) und zählt zu den kleineren Staaten der Karibik.

Bevölkerung:
Mit etwa 1,5 Millionen Menschen (Stand 2024) hat Trinidad & Tobago weniger Einwohner als beispielsweise Hamburg oder München.

Bevölkerungsdichte:
Rund 292 Personen/km² – damit dichter besiedelt als Deutschland (ca. 237 Personen/km²).

Das Land ist ein wahrer Schmelztiegel: Die Bevölkerung setzt sich aus Nachfahren afrikanischer Sklavinnen, indischer Vertragsarbeiter*innen, Europäer*innen, Chines*innen und indigenen Gruppen zusammen. Diese Vielfalt spiegelt sich überall wider – in der Küche, der Musik, den Feierlichkeiten und natürlich in der Literatur.

Trinidad & Tobago ist ohne Zweifel die Heimat des Calypso und des Soca – Musikrichtungen, die sich mit Witz, Sozialkritik und Rhythmus tief in die nationale Identität eingeschrieben haben. Ebenso legendär ist der Karneval in Port of Spain: ein farbenfrohes, ekstatisches Fest, das zu den größten und beeindruckendsten der Welt zählt. Dazu kommt die Erfindung des Steelpans (aus Ölfässern geformte Blech-Trommeln), ein musikalisches Symbol der Inseln, das weltweit Beachtung findet.

Wer mehr über diesen Aspekt der Kultur erfahren will, dem emfehle ich Dokumentationen oder Musik von Künstler*innen wie Machel Montano, Calypso Rose oder dem verstorbenen Lord Kitchener anhören – wahre Ikonen der trinidadischen Musikszene.

Die Filmindustrie des Landes ist zwar klein, aber lebendig. Produktionen wie Green Days by the River oder The Cutlass greifen lokale Geschichten auf, oft mit einem Fokus auf Jugend, koloniale Geschichte und aktuelle soziale Themen.

Die Literatur des Landes ist so vielschichtig wie seine Bevölkerung. Einer der bekanntesten Namen ist sicherlich V.S. Naipaul, der 2001 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sein Blick auf das koloniale und postkoloniale Leben auf Trinidad hat die Weltliteratur stark geprägt – auch wenn er im Land selbst durchaus kontrovers diskutiert wird. Ich habe bislang noch nichts von ihm gelesen – könnt ihr was zu seinen Büchern sagen, mir etwas empfehlen oder ratet ihr eher ab?

Neben Naipaul gibt es noch eine ganze Reihe großartiger Autor*innen wie Earl Lovelace, Shani Mootoo, Kevin Jared Hosein (der gerade mit Hungry Ghosts international Furore macht) oder auch Monique Roffey, deren Roman „The Mermaid of Black Conch“ mein Buch für diesen Länder-Stop war.

Die Meerjungfrau von Black Conch – Monique Roffey erschienen im Tropen Verlag, übersetzt von Gesine Schröder

In Monique Roffeys Roman Die Meerjungfrau von Black Conch begegnen wir einer Meerjungfrau – aber ganz und gar nicht im Sinne von Disney und Glitzerflosse. Stattdessen entfaltet sich eine dichte, atmosphärische Erzählung, die tief in der Mythologie und Kolonialgeschichte der Karibik verwurzelt ist.

Die Geschichte spielt auf der fiktiven Insel Black Conch und beginnt, als zwei amerikanische Sportangler eine Meerjungfrau aus dem Wasser ziehen. Doch Aycayia, so ihr Name, ist keine romantisierte Meeresgöttin, sondern eine von Frauen verfluchte Gestalt aus einer anderen Zeit. Als sie sich langsam in eine menschliche Form zurückverwandelt, nimmt die Geschichte eine überraschend intime, feministische und zugleich politische Wendung.

Ich mochte den poetischen, fast hypnotischen Schreibstil Roffeys sehr – sie wechselt gekonnt zwischen karibischem Englisch, Tagebucheinträgen und mythischer Erzählweise. Die Sprache allein war für mich schon ein Highlight des Romans. Auch das Setting wirkt lebendig und spanennd: tropisch, rau, melancholisch. Der Übersetzerin Gesine Schröder möchte ich an dieser Stelle noch mal ein ganz besonderes Kompliment machen. Das war sicherlich keine einfache Aufgabe und ich fand den Roman fabelhaft übersetzt.

Mit der Meerjungfrauen-Thematik bin ich persönlich nicht ganz warm geworden – teils, weil sie sich mir als Figur etwas entrückt blieb, teils, weil ich beim Lesen manchmal zwischen Faszination und Distanz schwankte. Aber genau das ist vielleicht auch Teil der Intention: Aycayia ist keine Heldin, sondern ein Produkt von Trauma, Verwandlung und Ausgrenzung – und steht damit auch symbolisch für die Geschichte der Insel(n).

Ein ungewöhnlicher, literarisch starker Roman, der Mythen neu erzählt und dabei postkoloniale, feministische und emotionale Tiefen auslotet – nicht immer leicht zugänglich, aber definitiv interessant und kraftvoll.

Das war sowohl filmisch, musikalisch als auch literarisch mein bisher erster Ausflug nach Trinidad und Tobago. Habt ihr schon etwas gelesen und/oder seid ihr schon einmal dort gewesen?

Wer noch mal die zurückliegenden Stationen besuchen will, der geht bitte hier entlang.

China
Vietnam
Afghanistan
Chile
Polen
USA
Kongo
Japan
Belarus
Israel
Südkorea
Nigeria

Für unseren nächsten Stopp müssen wir nicht so weit reisen. Es geht nach Bella Italia 🙂 Habt ihr Lust?

Gruseliger Horroctober

Zack ist er schon wieder vorbei mein liebster Monat. Viel zu warm, viel zu golden. Ich habe die neblig-düsteren Wochenenden doch ein bisschen vermisst, die meiner Lektüre etwas angemessener gewesen wären. Vermutlich sollten wir uns bei der drohenden Energiekrise aber über zu warme Monate erst einmal nicht beschweren. Die kalte nasse Jahreszeit wird sicherlich noch kommen. Ein guter Lesemonat war es – wenn natürlich dem Monatsthema geschuldet ein wenig mono-thematisch.

Hier also wieder im Schnell-Durchlauf meine Oktober-Lektüre:

„The Silent Companions“ – Laura Purcell auf deutsch unter dem Titel „Die stillen Gefährten“ im Festa Verlag erschienen übersetzt von Eva Brunner

Mein Highlight diesen Monat. Selten einen so spannenden modernen Gothic-Roman gelesen der stellenweise wirklich gruselig ist und einem klar machen, dass manche Türen vielleicht wirklich besser verschlossen bleiben…

Elsie Bainbridge nach kurzer Ehe frisch verwitwet und schwanger bezieht das alte Landgut ihres verstorbenen Mannes. In ihrem neuen Zuhause existiert ein verschlossener Raum. Als sich dessen Tür für sie öffnet, findet sie ein 200 Jahre altes Tagebuch und eine beunruhigende, lebensgroße Holzfigur – eine stille Gefährtin … und definitiv mehr als sie sich je erhofft hatte. Ein echter Pageturner hab bis kurz nach zwei nachts gelesen und mich dann vor meinem eigenen Schatten gegruselt 😉
Möchte auf jeden Fall auch die anderen Romane der Autorin lesen.

Imprisonment was never the real punishment: it was the people you were stuck with.

„The Vampyre“ – John Polidori erschienen im Black Letter Press Verlag

The Vampyre ist die erste in englischer Sprache veröffentlichte Vampirgeschichte, eine Novelle von John Polidori, dem Arzt von Lord Byron die 1819 erschien.

Die Geschichte erregte in Europa großes Aufsehen. Polidori schuf die erste Vampirerzählung der Weltliteratur und begründete gleichsam mit der Hauptfigur des Lord Ruthven den Typus des modernen Vampir und war bis zur Veröffentlichung von Dracula durch Bram Stoker im Jahr 1897 die unangefochtene Quelle sämtlicher Vampirgeschichten. Die Geschichte entstand am gleichen verregneten Wochenende wie Mary Shelleys „Frankenstein“ in der Villa Diodati am Genfersee aus einem dichterischen Wettstreit mit Lord Byron sowie Mary Shelley und Percy Bysshe Shelley.

Glück brachte sie dem jungen Arzt nicht. Die Geschichte wurde unter Lord Byrons Namen veröffentlicht, Polidori bekam vom Ruhm nicht wirklich was ab (vom Geld auch nicht), hatte Spielschulden, Liebeskummer und litt wohl auch unter Depressionen. Mit nur 26 Jahren starb er unter ungeklärten Umständen die auf Selbstmord hindeuteten. Über sein Leben und das seiner Mitstreiter:innen in der Villa Diodati zu lesen ist mindestens so spannend wie seine Novelle „Der Vampyr“.

Erwähnen möchte ich auch unbedingt den kleinen unabhängigen Verlag „Black Letter Press“ aus Hannover die wunderschöne, liebevoll gemachte dunkle Klassiker veröffentlichen.

Aubrey retired to rest, but did not sleep; the many circumstances attending his acquaintance with this man rose upon his mind, and he knew not why; when he remembered his oath a cold shivering came over him, as if from the presentiment of something horrible awaiting him.

„Sleepy Hollow“ und „Rip van Winkle“ – Washington Irving erschienen im Black Letter Press Verlag

Auch dies ein Klassiker aus dem Hause Black Letter Press. Bislang kannte ich nur die Verfilmung aus den 90er Jahren, die ich sehr liebe und es wurde Zeit mich mit einem Gothic Klassiker aus New England zu beschäftigen.

Irving beschäftigte sich mit der deutschen Romantik als ihm angeblich auf einer Reise durch England auf der Westminster Bridge in London die Idee zum kopflosen Reiter aus Sleepy Hollow kam. In Interviews beteuerte Irving jedoch stets das die Sage genau so in den Catskills erzählt werde und er sie selbst so erzählt bekomme habe. Es gab immer wieder einmal Plagiats Vorwürfe, dem Erfolg der Geschichte und dem Ruhm Irvings tat das jedoch keinen Abbruch.

Rip van Winkle geht wohl tatsächlich auf eine Sage zurück, allerdings auf eine deutsche. Irving hatte wie andere amerikanische Schriftsteller auch das Problem das die frisch gegründeten Vereinigten Staaten nicht wirklich auf eine Vergangenheit zurückblicken konnte aus der er Material ziehen konnte, daher verlegte er die deutsche Sage einfach in die Berge New Yorks.

Habe beide Geschichten gerne gelesen und große Lust bald mal wieder den Film anzuschauen.

All these, however, were mere terrors of the night, phantoms of the mind that walk in darkness; and though he had seen many spectres in his time, and been more than once beset by Satan in divers shapes, in his lonely pre-ambulations, yet daylight put an end to all these evils; and he would have passed a pleasent life of it, in despite of the devil and all his works, if his path had not been crossed by a being that causes more perplexity to mortal man than ghosts, goblins, and the whole race of witches put together, and that was – a woman.

„We have always lived in the castle“ – Shirley Jackson auf deutsch unter dem Titel „Wir haben schon immer im Schloß gewohnt“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Anna Leube und Anette Grube

Ein Bücherschrank Fund in Würzburg im Oktober – das war ein Zeichen und das Buch musste umgehend in meinen Horroctober einfließen. Shirley Jackson die Grand Dame des „Uncanny“ des Unheimlichen, Seltsamen. Hier die Geschichte zweier Schwestern die allein mit ihrem Onkel in einem riesigen Haus leben und von der gesamten Dorfgemeinschaft gemieden werden. Ihre Familie wurde ein paar Jahre zuvor durch ein vergiftetes Abendessen ermordet, auch der Onkel hatte – allerdings nur wenig – vom Pilzgericht gegessen und sitzt seit dem verwirrt im Rollstuhl.

Constance wurde der Tat verdächtigt und verhaftet aber in der Gerichtsverhandlung freigesprochen, seit dem geht sie nicht mehr vor die Tür. Ihre Schwester Merricat ist höchst seltsam, erledigt die Einkäufe und besorgt wöchentlich Nachschub in der Bibliothek und versucht die zahlreichen echten und/oder imaginären Feinde der Familie mit Schutzzaubern im Zaum zu halten. Alles geht seinen mehr oder weniger seltsamen aber beständigen Gang bis eines Tages Cousin Charles auftaucht und alles durcheinander bringt…

Neben „The Haunting of Hill House“ mein liebster Roman von Shirley Jackson, ich kann auch die Verfilmung von Stacie Passon aus dem Jahr 2019 sehr empfehlen.

A pretty sight, a lady with a book

„Nothing but blackened Teeth“ – Cassandra Khaw erschienen im Titan Books Verlag

Der malayischen Autorin merkt man an, dass sie auch für die Gaming Industrie arbeitet. „Nothing but blackened Teeth“ ist ausgesprochen visuell und ein herrlich gruseliges Spukhausmärchen, durchdrungen von japanischer Folklore und voll von dramatischen Wendungen. Ein Herrenhaus aus der Heian-Ära steht verlassen da und vier Freund:innen die schnell merken, dass es keine gute Idee war in diesem Haus zu übernachten.

Eine kurze Novelle, perfekt für eine regnerische Nacht – wobei es schon düster zugeht und der Nachtschlaf könnte in Gefahr geraten. Habe es sehr gerne gelesen und werde die Autorin mal im Auge behalten.

But the interior didn’t smell like it’d had people here, not for a long, long time, and smelled instead like such old buildings do: green and damp and dark and hungry, hollow as a stomach that’d forgotten what it was like to eat

„The Fifty Year Sword“ – Mark Z. Danielewski auf deutsch unter dem Titel „Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ im Tropen Verlag erschienen, übersetzt von Christa Schuenke

Mit „House of Leaves“ hat Danielewski eines meiner liebsten Bücher erschaffen und es wurde höchste Zeit, dass ich mich mal wieder mit diesem außergewöhnlichen Autoren beschäftige. Bekannt für sein visuelles Schreiben, für seine kompliziert miteinander verwobenen Erzählebenen, typografischen Variationen und unterschiedlichem Seitenlayouts.

„The Fifty Year Sword“ steht dem wieder in nichts nach. Ein Umschlag der von Nadelstichen durchdrungen ist umgibt eine Geistergeschichte für Erwachsene die Danielewski in Kooperation mit dem holländischen Künstler Peter van Sambeek erschuf.

Die Geschichte handelt von einer Halloween Party für Kinder bei der ein Geschichtenerzähler auftaucht. Die örtliche Näherin Chintana ist für fünf Waisenkinder verantwortlich, die nicht nur von der Rachegeschichte des Geschichtenerzählers gefesselt sind, sondern auch von der langen schwarzen Kiste, die er ihnen vorsetzt. Als es auf Mitternacht zugeht, wird die Kiste geöffnet, eine verhängnisvolle Mutprobe wird gemacht, und die Kinder sowie Chintana werden mit den Konsequenzen einer wiederholten und nun vorausgesagten Bosheit konfrontiert.

Ich fand es unnötig anstrengend zu lesen und nicht wirklich interessant. Zufällig stolperte ich gerade wieder über die Musik seiner Schwester die unter dem Künstlernamen „Poe“ auftritt und die ich ganz gerne höre.

What I have to tell you, he began slowly. I must show you. But what I show you I must also tell you. I have only myself and where I’ve been and what I found and what I now bring. And it will frighten you.

„Wolf in White Van“ von John Darnielle erschienen im Picador Verlag

Wolf in White Van ist der erste Roman des amerikanischen Autors und Musikers John Darnielle, dem Kopf der Band „The Mountain Goats“. Wolf in White Van erzählt die Geschichte von Sean Phillips, einem zurückgezogen lebenden Spieleentwickler, dessen Gesicht schwer entstellt ist. Die Handlung, die nicht chronologisch erzählt wird, wechselt zwischen Seans Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter, um die Umstände des Vorfalls zu beschreiben, der ihn entstellt hat. Ein fiktives Play-by-Mail-Rollenspiel namens Trace Italian spielt eine wichtige Rolle in dem Roman.

Der Roman beschäftigt sich mit den eskapistischen Qualitäten von Fantasyliteratur und Rollenspiele insbesondere als Mittel zur Bewältigung von Traumata. Wolf in White Van erhielt bei seiner Veröffentlichung positive Kritiken und wurde für den National Book Award 2014 nominiert.

Habe ich sehr gerne gelesen und ich kann nur empfehlen bei der Lektüre seine Musik im Hintergrund laufen zu lassen. Muss unbedingt noch mehr von John Darnielle lesen.

This is why people cry at the movies: because everybody’s doomed. No one in a movie can help themselves in any way. Their fate has already staked its claim on them from the moment they appear onscreen.

Der Fürst des Nebels / Der Mitternachtspalast / Der dunkle Wächter – Carlos Ruiz Zafon erschienen im Fischer Verlag, übersetzt von Lisa Grüneisen

Vielleicht kann mir ja eine schlaue Leser:in hier erklären, warum diese 3 Bände als Nebel-Trilogie gelten, denn ich konnte kein verbindendes Element in den Büchern erkennen, so sehr ich auch danach gesucht habe. Dennoch habe ich die Lektüre durchaus genossen. Perfekte Strandlektüre für die unter uns die nicht so gerne am Strand liegen, sondern lieber durch neblige Paläste oder Wälder wandern oder Strandspaziergänge bevorzugen bei denen einem ordentlich der Wind um die Ohren pfeift.

In allen drei Bänden kämpfen jugendliche Protagonist:innen gegen dunkle Mächte, die Geschichten spielen aber mal in Spanien, mal in Indien und mal in Frankreich meist in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es sind Zafóns Erstlingswerke und sie waren für ein jugendliches Publikum gedacht, man kann aber von der ersten Seite an spüren, wie die typischen Zafón Elemente im Entstehen sind und auch wenn sie eine ungleich kleinere Rolle spielen, auch hier sind Bücher wieder wie so oft zumindest heimliche Hauptdarsteller.

Ich lese mich jetzt langsam aber sich teilweise erneut durch Zafóns Werk, das ja aufgrund seines frühen Todes recht überschaubar geblieben ist. Auf ARTE lief auch gerade eine interessante Doku über ihn. Geht es eigentlich nur mir so, oder sieht Zafón ein wenig wie der kleine Bruder von Guillermo del Toro aus?

Wer nach all dem Grusel hier noch immer nicht genug hat, den verweise ich gerne auf meine Horroctober der vergangenen Jahre. Hier geht es zum Oktober 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016

Was hat euch diesen Monat gegruselt?