Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

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Wir hatten nach der Abstimmung gerade die Liste der zu lesenden Bücher im Bookclub für die nächsten 12 Monate fertig und ich wollte gerade meine Bücherbestellung aufgeben, als ich eines der zu lesenden Bücher im öffentlichen Bücherschrank fand – was für ein schöner Zufall.

„Was ich Euch nicht erzählte“ beginnt wie so viele Kriminalgeschichten mit einem plötzlichen Verschwinden. In diesem Fall handelt sich um Teenager Lydia Lee, die schon kurz darauf tot in einem nahegelegenen See gefunden wird. Ertrunken, ob selbst- oder fremdverschuldet ist noch nicht geklärt. Ich war vorher gar nicht auf einen Krimi eingestellt und das ist er auch nicht wirklich. Ich habe das Buch in der Übersetzung von Brigitte Jakobei gelesen und auch in der Übersetzung kommt gut durch, was die Juroren verschiedener Bücherpreise so begeisterte.

Die Geschichte spielt im Jahr abwechselnd 1977, das Jahr in dem Lydia ertrank und Mitte der 1960er Jahre, in dem die Familie Lee schon einmal mit dem Verschwinden eines Familienmitglieds zurecht kommen musste. Die Lees, das sind James, ein chinesisch-amerikanischer Geschichtsprofessor am Ohio College, seine Frau Marilyn, Amerikanerin, die ihr vielversprechendes Medizinstudium nach der Geburt ihres ersten Kindes abbrach und ihre drei Kinder Lydia, Nathan und Hannah.

Das die Geschichte in den 1970er Jahren spielt, hat nicht nur mit der Schwierigkeit der Autoren zu tun, Plots zu basteln, die nicht von heutiger Technologie durchlöchert werden. Ngs Geschichte basiert auf der Tatsache, dass Lydia kaum Spuren hinterlassen hat und ihre Eltern, was ihre Freundschaften angeht, komplett hinters Licht führte. Etwas, das mit der Verbreitung von Mobiltelefonen, Facebook und Helikoptereltern kaum noch möglich wäre heute.

Es hat auch damit zu tun, wie die Autorin in einem Interview erwähnte, dass es zu dieser Zeit noch deutlich weniger normal war, aus einer „mixed race“ Familie zu kommen. Viele Entscheidungen der Protagonisten sind dem offenkundigen Rassismus geschuldet, dem die Familie ausgesetzt war, der heute durch eine deutlich verstecktere Bigotterie ersetzt wird.

Der Titel „Was ich euch nicht erzählte“ bezieht sich sowohl auf die Beziehung von James und Marilyn als auch auf die Informationen, die Lydia ihren Eltern vorenthalten hat. Lydias Verlust setzt die Ehe der beiden immens unter Druck und die Beziehungen der Familienmitglieder bekommen immer kulturell bedingte Risse.

Ng zeigt auf ganz brilliante Weise, wie zerstörerisch Eltern aufeinander und auf ihre Kinder wirken können. Marilyn möchte unbedingt, dass aus Lydia die Ärztin wird, die sie nie wurde, während James‘ größter Wunsch darin liegt, aus ihr die perfekte Amerikanerin zu machen. Aber Lydia zerbricht unter der Last der elterlichen Wünsche. Sie möchte weder Ärztin werden, noch ist sie außerhalb ihrer Familie die strahlende perfekte Amerikanerin, die von Freundinnen und Freunden umschwärmt wird.

Sie ist der Mittelpunkt der Familie, das Kind, auf der alle Hoffnungen der Eltern liegen. Ihre beiden Geschwister stehen ziemlich im Hintergrund, was Vor- und Nachteile für die beiden hat und auch sie durchlaufen ihre eigenen Identitätskrisen.

Ng hat ein tiefsinniges, intelligentes Porträt einer Familie geschaffen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und über eine junge Frau, die an der Hoffnung zerbricht diejenige zu sein, die ihrer Familie diesen Platz schafft. Es ist eine Geschichte über die Last, der einzige oder erste zu sein, eine Last die man nicht immer erträgt.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und wir hatten im Bookclub auch eine anregende Diskussion dazu. Auch eine etwas abstruse Diskussion über den Ort der Handlung „Shaker Heights“ und seinen Bezug zu einer interessanten religiösen Bewegung, den „Shakern„, die sehr hübsche Möbel bauen, zölibatär leben und die im Gottesdienst einen rituellen Schütteltanz aufführen.

Ich freue mich schon auf weitere Roman von Celeste Ng.

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