Happy Pride

tristan-billet-72EYDDwn8dE-unsplash

Nur weil die Pride-Veranstaltungen im echten Leben abgesagt wurden, heißt das nicht, dass wir nicht hier auf dem Blog ein bisschen feiern und die Community unterstützen können.

Ich stelle euch hier meine 10 liebsten LGBTQ Romane bzw Biografien vor und würde mich riesig freuen, wenn ich euch nicht nur Lust auf die vorgestellten Bücher machen würdet, sondern ihr vielleicht für die Organisation „Queer Refugees Deutschland“ spenden würdet, ein Projekt das queere Geflüchtete in Deutschland unterstützt.

price_of_salt-f

Patricia Highsmiths dramatische Liebesgeschichte ist vielleicht einer der wichtigsten, Meilensteine in der queeren Literatur. Erstmals 1952 veröffentlicht und als „Roman einer Liebe, die die Gesellschaft verbietet“ angepriesen, wurde das Buch bald zu einem absoluten Kultklassiker.

Die Verfilmung aus dem Jahr 2016 mit Cate Blanchett und Roonie Mara machte das Buch dann auch dem Mainstream zugänglich.

Hier die ausführliche Rezension, die ich damals auf Birgits Blog „Sätze und Schätze“ in der Rubrik „Verschämte Lektüren“ veröffentlichte.

img_3422.jpg

Virginia Woolfs Orlando „Der längste und charmanteste Liebesbrief der Literatur“ konstruiert auf spielerische Weise die Figur des Orlando als fiktive Verkörperung von Woolfs enger Freundin und Geliebten, Vita Sackville-West. Der Roman, der sich über drei Jahrhunderte erstreckt, beginnt damit, dass Orlando, ein junger Adliger im Elisabethianischen England, auf den Besuch der Königin wartet und seine Erfahrungen aufzeichnet.

In der Mitte des Romans erwacht Orlando, jetzt Botschafter in Konstantinopel, und stellt fest, dass er jetzt eine Frau ist. Der Roman schwelgt in Farce und Ironie, und beschäftigt sich mit der Rolle der Frau im 18. und 19. Jahrhundert. Der Roman endet im Jahr 1928, wo Orlando jetzt Ehefrau und Mutter, an der Schwelle zu einer Zukunft steht, die neue Hoffnungen und Möglichkeiten für Frauen birgt.

Hier die ausführliche Rezension dazu.

Giovannis Room

Baldwins eindringlicher und umstrittener zweiter Roman ist ein Klassiker der schwulen Literatur. Im Paris der 1950er Jahre, das von Expatriates wimmelt und durch gefährliche Liaisons und versteckte Gewalt gekennzeichnet ist, kann ein Amerikaner seine Homosexualität nicht länger unterdrücken, obwohl er fest entschlossen ist, ein konventionelles Leben zu führen. Obwohl er eine junge Frau kennengelernt und ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, gerät er in eine leidenschaftliche Affäre mit einem italienischen Barkeeper…

Hier die ausführliche Rezension.

fullsizerender

Lesbian Dickens – ein viktorianisches Murder-Mystery inklsuiver lesbischer Romanze – was will man mehr? 😉

London 1862. Sue Trinder, bei der Geburt verwaist, wächst unter Taschendieben und unter der rauen, aber liebevollen Fürsorge von Mrs. Sucksby und ihrer „Familie“ auf. Doch vom ersten Moment an, ist Sues Schicksal mit dem eines weiteren Waisenkindes verbunden, das in einer düsteren Villa nicht allzu weit entfernt aufwächst….

Bei der Lektüre fühlt man sich gelegentlich wie Alice, die in das Kaninchenloch fällt. Diese Geschichte hat mehr Drehungen und Wendungen als eine handelsübliche Schraube und ich konnte das Buch überhaupt nicht aus der Hand legen und habe die ganze Nacht durchgelesen bis es fertig war.

Hier die ausführliche Rezension.

fun home

Alison Bechdel schildert in der Graphic Memoir ihre schwierige Beziehung zu ihrem verstorbenen Vater.

Bruce Bechdel war ein distanzierter und anspruchsvoller Englischlehrer und Direktor des städtischen Bestattungsinstituts, das Alison und ihre Familie als „Fun Home“ bezeichneten. Erst am College entdeckte Alison, die sich kürzlich als Lesbe geoutet hatte, dass ihr Vater ebenfalls schwul war. Wenige Wochen nach dieser Enthüllung war er tot und hinterließ seiner Tochter ein mysteriöses Vermächtnis, das es zu lösen gilt.

Hier die ausführliche Rezension.

Winterson

Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte? ist die hartnäckige Suche der Protagonistin nach Zugehörigkeit, nach Liebe, Identität, Heimat und einer Mutter.

Why Be Happy When You Could Be Normal? (Warum glücklich sein, wenn man normal sein könnte) ist eine Biografie über die Lebensaufgabe der Protagonistin ihr Glück zu finden. Das Buch erzählt davon wie sie aus ihrem Haus ausgesperrt wurde und die ganze Nacht auf der Türschwelle saß; es erzählt von einer Frau, die mehr religiöse Fundamentalistin als Mutter ist, mit falschen Zähnen und einem Revolver in der Kommode auf den Weltuntergang wartet und davon wie die schmerzliche Vergangenheit, von der Jeanette dachte, sie hätte sie längst überschrieben und verarbeitet immer wieder aufsteigt…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

img_1525

Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Cafe ist ein Roman über zwei Frauen: Evelyn, eine etwas unglückliche Frau in den Wechseljahren, und die grauhaarige Frau Threadgoode, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Zu ihrer Lebensgeschichte gehören zwei weitere Frauen – der draufgängerische Wildfang Idgie und ihre Freundin Ruth -, die gemeinsam in den 1930 Jahren ein kleines Lokal in Whistle Stop, Alabama hatten in dem es neben gutem Kaffee, Barbecue und Whisky auch jede Menge Liebe und Leidenschaft gab – und sogar gelegentlichen einen Mord.

Ein Buch das man nicht lesen kann ohne gleich danach die wunderbare Verfilmung aus dem Jahr 1991 anzuschauen und Lust auf gegrillte grüne Tomaten zu bekommen.

Hier geht es zur ursprünglichen Besprechung.

maggie

Maggie & Me ist eine Biografie über das Überleben in im Arbeiterviertel einer schottischen Kleinstadt während der Thatcher-Jahre.

12. Oktober 1984. Eine IRA-Bombe sprengt das Grand Hotel in Brighton in die Luft. Wie durch ein Wunder überlebt Maggie Thatcher. In einer schottischen Kleinstadt sieht der achtjährige Damian Barr mit Schrecken zu, wie seine Mutter ihren Ehering abreißt und ihre Koffer packt. Er weiß, dass auch er überleben muss.

Damian, seine Schwester und seine Mutter ziehen mit ihrem gewalttätigen neuen Freund zusammen, während sein Vater mit der glamourösen Mary (the Canary) zusammenlebt. Je mehr Maggie Thatcher Fuß fasst, desto dramatischer wird das Leben für Damian: Maggie schafft die Schulmilch ab, zerschlägt die Gewerkschaften und sorgt dafür, dass Habgier als gute Eigenschaft gilt. Dem Rat von Maggie folgend, arbeitet Damian hart und plant seine Flucht aus Armut und Enge. Er entdeckt, dass Geschichten Leben retten können und schafft es  Gewalt, Streiks, Aids und Homophobie zum Trotz – sich in Glasgows einzigem Schwulenclub zu verlieben…

Hier geht es zur ausführlichen Rezension.

Ein berauschender Roman über die alles verzehrende Liebesaffäre zwischen zwei Frauen in Paris…

Eine Lehrerin um die dreißig treibt durch ihr Leben in Paris, zieht eine Tochter allein auf und ist trotz ihres neuen Freundes einsam. Eines Abends, auf der der Silvesterparty eines Freundes, tritt Sarah – einem Tornado gleich ihr Leben. Die begabte junge Geigerin ist voller Energie – es ist der Beginn einer intensiven Beziehung, die das Leben beider Frauen komplett auf den Kopf stellt.

Hier geht es zur ausfühlen Rezension.

Nachtgewächs: Roman (suhrkamp taschenbuch): Amazon.de: Barnes ...

Djuna Barnes‘ seltsame Tour de Force, gehört laut dem TLS zu jener kleinen Klasse von Büchern, die irgendwie eine Zeit oder eine Epoche widerspiegeln“ Diese Zeit ist die zwischen den beiden Weltkriegen, und Barnes‘ Roman entfaltet sich im dekadenten Schatten der großen Städte Europas: Paris, Berlin und Wien.

Sie erzählt von einer Welt, in der die Grenzen von Klasse, Religion und Sexualität überraschend durchlässig sind. Nightwood ist der Klang von zerbrechenden Herzen, von fünf Menschen, die sich gegenseitig aussaugen und das Leben zur Hölle machen. Das Buch selbst macht es dem Leser schwer, es weigert sich förmlich seine Geheimnisse preiszugeben.

Man muss es sehr sehr langsam lesen, wird dann aber tatsächlich mit einer psychologischen Tiefe belohnt die verblüfft und es knistert noch immer mit derselben elektrischen Ladung, die es bei seiner ersten Veröffentlichung 1936 hatte.

Ein schwieriges, fiebriges, dunkles Juwel soll diese Reihe abschließen. Hier geht es zur Besprechung der Biografie von Djuna Barnes, für alle die sich noch ein bisschen mehr mit dieser spannenden Schriftstellerin beschäftigen möchten.

Ich hoffe es war etwas für euch dabei und ihr hattet Spaß an dieser Blog Pride. Vergesst bitte die Queer Refugees nicht – Happy Pride allerseits 🙂

allie-N14kHYjnnNk-unsplash

Habt Ihr Empfehlungen für mich – möchte gerne mein Lesespektrum erweitern. Welche LGBTQ Bücher haben euch besonders gefallen?

Why be happy when you could be normal? Jeanette Winterson

Winterson

Es gibt Bücher, die gehen so nah ran, da finde ich es unglaublich schwer, eine Rezension zu schreiben. Vielleicht habe ich daher so lange gewartet, bis ich mich an Jeanette Wintersons „Why be happy when you could be normal“ herantraute. Es ist die Geschichte hinter ihrem Erfolgsroman „Oranges are not the only fruit“, der Mitte der 80er Jahre erschien und ein riesiger Erfolg war. Es ist die analytischere Fortsetzung des semi-autobiographischen „Oranges“.

„Why be happy“ ist überall mit den Worten „heartbreaking and funny“ beschrieben worden und ich habe während des Lesens in der Tat häufig an Olli Schulz‘ „Brichst Du mir das Herz, brech‘ ich Dir die Beine“ gedacht. „Why be happy“ ist kratzig, es tut weh, es macht Mut und immer wieder komme ich an die Frage, die mich beschäftigt wie wenige andere. Warum sind die einen so widerstandsfähig, überleben, kommen anscheinend sogar gestärkt aus solchen Kindheiten heraus, während andere vernarbt und verkrüppelt durchs Leben gehen und nicht drüber wegkommen.

„…upset that there are so many kids who never get looked after, and so they can’t grow up. They can get older, but they can’t grow up. That takes love. If you are lucky, the love will come later. If you are lucky you won’t hit love in the face.

Die Sprache ist knapp und gedrängt, gelegentlich in Notizform, aber das passt einfach zu der Geschichte, die davon handelt, wie sie als kleines Kind von überreligiösen Pfingstgemeindlern adoptiert wird, die hoffen, aus ihr eine Missionarin zu machen, aber stattdessen verliebt sie sich mit 16 in eine Frau. Schlimmer geht es nicht. Mrs. Winterson, die furchteinflössende harsche und total in sich gefangene liebesunfähige Frau, stellt sie vor die Wahl. Trennung von der Frau oder sie fliegt raus. Jeanette entscheidet sich für Letzteres und Mrs. Winterson fragt sie beim Gehen: „Why be happy when you could be normal?“

Ja warum? Jeanette erzählt diese Geschichte, die Suche nach Liebe, danach Dazuzugehören, nicht mehr einfach nur ein Blatt im Wind zu sein, das ziellos irgendwo hin geweht wird, nach einem Heim.

„It is a book full of stories: about a girl locked out of her home, sitting on the doorstep all night; about a tyrant in place of a mother, who has two set of false teeth and a revolver in the duster drawer, waiting for Armageddon…“

Was Jeanette in der Kindheit rettet, sind Bücher. “A book is a door,” entdeckt Winterson in der lokalen Bücherei. “You open it. You step through.” Sie liest sich in die Freiheit. Raus aus dem Kohlenkeller, in dem sie wiederholt eingesperrt war, weg von ihrer prügelnden Mutter. Das einzig gute am Kohlenkeller war, das es die Reflektionsfähigkeit fördert, erinnert sich Jeanette.

Aber Mrs. Winterson ist nicht nur eine ausgenommen strenge Gegnerin, wenn es um Geschlechtsverkehr oder jegliche Interessen außerhalb der Kirchengemeinde geht, auch Bücher gehören zu den Dingen, die auf ihrer persönlichen Bannliste stehen. Das Problem ist “that you never know what’s in it until it’s too late, it’s the same trouble that complicates parenthood.“ Sowenig wie sie bei der Adoption ahnen konnten, welches Baby sie in der Wiege erwartet, so wenig weiß man, auf welche Ideen einen ein Buch bringt.  “The Devil led us to the wrong crib.”

Jeanette versteckt Bücher heimlich unter ihrem Bett, es passen genau 72 Stück unter eine Matratze und irgendwann hat sie mehrere Schichten drunter, die Mrs. Winterson natürlich findet und sie im Garten verbrennt.

„I had no one to help me, but the T. S. Eliot helped me.
So when people say that poetry is a luxury, or an option, or for the educated middle classes, or that it shouldn’t be read at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people saying that had things pretty easy.
A tough life needs a tough language – and that is what poetry is. That is what literature offers – a language powerful enough to say how it is.
It isn’t a hiding place. It is a finding place.“

Ohne Bücher ist es so oder so Zeit für Jeanette zu gehen. Sie übersteht den Exorzismus, den ihre Mutter versucht, um sie von der bösen gleichgeschlechtlichen Liebe zu heilen und geht. Sie verlässt das Haus mit 16 und verbringt die nächsten Jahre damit zur Schule zu gehen, in einem geliehenen Auto zu schlafen und sie verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Teilzeitjobs. Sie schafft es, sie geht zur Uni, studiert und wird erfolgreich – nur eines schafft sie nicht, wie sie später merkt.

Sie kommt einfach nicht wirklich los von Mrs. Winterson, weder in ihren Büchern noch im wirklichen Leben. Sie wird immer und immer wieder zurückgeholt an die Wunden, die ihr Schreiben im Grunde ausgelöst haben.

“I can’t remember a time when I wasn’t setting my story against hers,”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Warum glücklich statt einfach nur normal“ im Fischer Verlag.