Read around the world: Algerien

Und weiter geht es auf der Weltreise, vom hohen Norden an die südliche Mittelmeerküste, in das flächenmäßig größte Land Afrikas: Algerien. Ein Land zwischen Meer und Wüste, zwischen arabischer, berberischer, osmanischer und französischer Geschichte, zwischen revolutionärem Selbstverständnis und politischer Stagnation. Algerien wirkt aus europäischer Perspektive oft fern denn auch wenn es geografisch nur wenige Flugstunden sind, mental scheint die Distanz größer.

Ich selbst war noch nie dort. Gerade deshalb ein besonders spannender Halt in dieser Reihe: weil es sich meinem unmittelbaren Erleben entzieht und ich mich dem Land zunächst über Geschichte, Literatur, Film und Musik annähere. Algerien ist ein Land, dessen Gegenwart ohne seine gewaltsame Geschichte kaum zu verstehen ist.

Historisch ist Algerien untrennbar mit der französischen Kolonialherrschaft verbunden. Ab 1830 wurde das Gebiet von Frankreich erobert und nicht nur als Kolonie, sondern als integraler Bestandteil des französischen Staates verwaltet. Die Unabhängigkeit wurde erst nach einem der brutalsten Entkolonialisierungskriege des 20. Jahrhunderts erkämpft: dem Algerienkrieg (1954–1962). Die Narben dieses Krieges prägen das Land bis heute politisch, gesellschaftlich und auch kulturell. Die Erinnerung an den antikolonialen Widerstand ist zentraler Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses.

Die Hauptstadt Algier liegt am Mittelmeer, mit der weißen, dicht bebauten Kasbah, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und den breiteren Boulevards der französischen Kolonialzeit. Algerien ist jedoch weit mehr als seine Küste. Der größte Teil des Landes besteht aus der Sahara aus scheinbar endlosen Weiten, aus Oasenstädten und aus Gebirgszügen wie dem Hoggar-Massiv. Diese geografische Dimension allein sprengt viele europäische Maßstäbe.

Politisch ist Algerien offiziell eine Republik, faktisch jedoch seit der Unabhängigkeit stark vom Militär geprägt. Die dominierende politische Kraft war jahrzehntelang die FLN (Front de Libération Nationale), die aus der Unabhängigkeitsbewegung hervorging. In den 1990er-Jahren stürzte das Land in einen blutigen Bürgerkrieg, nachdem ein Wahlsieg einer islamistischen Partei vom Militär annulliert worden war. Der sogenannte „schwarze Jahrzehnt“ kostete Zehntausende Menschen das Leben und hinterließ ein tiefes gesellschaftliches Trauma.

2019 kam es mit der Hirak-Bewegung zu massiven, landesweiten Protesten gegen das politische Establishment. Wochenlang gingen Menschen friedlich auf die Straße und forderten ein Ende von Korruption, Machtkonzentration und politischer Erstarrung. Die Proteste führten zum Rücktritt des langjährigen Präsidenten Bouteflika, doch viele Aktivist*innen sehen die strukturellen Machtverhältnisse bis heute nicht grundlegend verändert. Algerien befindet sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Revolutionsgeschichte und Reformstau.

Auch gesellschaftlich ist das Land komplexer, als vereinfachende Bilder es nahelegen. Algerien ist mehrsprachig: Neben Arabisch spielt Tamazight (Berbersprachen) eine wichtige Rolle und ist inzwischen ebenfalls Amtssprache. Französisch ist im Alltag, in Medien und im Bildungswesen weiterhin stark präsent, ein Erbe der Kolonialzeit, das ambivalent wahrgenommen wird. Identität in Algerien ist oft mehrschichtig: arabisch, amazigh, afrikanisch, mediterran und oft auch alles zugleich.

In Fragen von Frauenrechten und queeren Rechten zeigt sich ein widersprüchliches Bild. Frauen waren historisch aktiv am Unabhängigkeitskampf beteiligt und sind heute in Bildung und Arbeitswelt sichtbar präsent. Gleichzeitig existieren weiterhin patriarchale Strukturen, und gesetzliche Regelungen im Familienrecht benachteiligen Frauen in einigen Bereichen stark. Homosexualität ist strafbar, queere Menschen leben häufig im Verborgenen. Anders als in liberaleren Demokratien werden diese Konflikte weniger öffentlich ausgehandelt, sondern bewegen sich oft in Grauzonen zwischen gesellschaftlicher Realität und staatlicher Repression.

Wirtschaftlich ist Algerien stark von Öl- und Gasexporten abhängig. Diese Ressourcen haben dem Staat Einnahmen verschafft, aber auch zu einer rentenbasierten Ökonomie geführt, in der Diversifizierung und private Initiative vergleichsweise schwach ausgeprägt sind. Gleichzeitig ist Algerien ein sehr junges Land: Ein großer Teil der Bevölkerung ist unter 30. Diese junge Generation ist digital vernetzt, politisch sensibilisiert und kulturell kreativ. Sie steht doch vor begrenzten wirtschaftlichen Perspektiven.

Algerien ist ein Land von radikalen Umwälzungen: Kolonisierung, Befreiungskrieg, Bürgerkrieg, Protestbewegung. Und zugleich erzählt es eine Geschichte der Beharrung, in der alte Machtstrukturen erstaunlich langlebig sind. Algerien ist kein Land der leisen Aushandlungen, sondern eines, in dem Geschichte laut zu sein scheint und in der Gegenwart dennoch oft still gehalten wird.

Die vergleichenden Daten dürfen natürlich nicht fehlen:

  • Bevölkerung: ca. 45 Mio. Menschen
  • Fläche: rund 2,38 Mio. km² (größtes Land Afrikas)
  • Bevölkerungsdichte: insgesamt niedrig, starke Konzentration auf den fruchtbaren Norden und die Küstenregion
  • Sprachen: Arabisch und Tamazight, Französisch ist weit verbreitet
  • Politisches System: präsidentielle Republik mit starkem Einfluss des Militärs

Ein Blick auf die Karte relativiert zudem viele europäische Maßstäbe: Mit rund 2,38 Millionen Quadratkilometern ist Algerien etwa 6,7-mal so groß wie Deutschland oder auch: Deutschland würde fast siebenmal in die Fläche Algeriens passen. Der Unterschied beträgt rund zwei Millionen Quadratkilometer eine Dimension, die ich mir überhaupt nicht vorstellen kann.

Und doch wirkt es umgekehrt oft andersherum: Deutschland erscheint politisch, wirtschaftlich und medial präsenter, während Algerien aus europäischer Perspektive häufig randständig bleibt. Geografisch jedoch ist Deutschland im Vergleich beinahe kompakt. Während sich dort Bevölkerung, Infrastruktur und Städte relativ gleichmäßig verteilen, konzentriert sich in Algerien der Großteil der rund 45 Millionen Menschen auf den fruchtbaren Norden entlang der Mittelmeerküste. Der riesige Süden – überwiegend Sahara – ist extrem dünn besiedelt und verleiht dem Land eine ganz eigene räumliche Dramaturgie: dichtes urbanes Leben im Norden, scheinbar endlose Weite im Süden.

Das algerische Kino ist tief in der Geschichte des Landes verwurzelt insbesondere im Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich. Filme dienten in Algerien lange Zeit nicht nur der Unterhaltung, sondern waren ein zentrales Werkzeug der Identitätsstiftung und der politischen Aufarbeitung. Viele Filme, die wir als „algerisch“ wahrnehmen, sind Koproduktionen mit Frankreich: das sogenannte Cinéma Beur (Filme von in Frankreich lebenden Algeriern). Diese Filme thematisieren oft die Zerrissenheit zwischen den Kulturen.

Ich habe tatsächlich noch keinen Film aus Algerien gesehen, habe aber zwei Filme in meiner Liste die ich gerne sehen möchte: „Schlacht von Algier“ (1966) von Gillo Pontecorvo, aber noch spannender finde ich Papicha (2019) von Mounia Meddour. Er spielt in den 1990er Jahren während des Bürgerkriegs und handelt von einer junge Modestudentin die sich weigert, ihr Leben von religiösen Extremisten einschränken zu lassen.

Da ich den Film kürzlich im Kino gesehen habe und zumindest dort spielt, möchte ich „L’Étranger“ erwähnen: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus, der 1942 erschien und bis heute zu den bekanntesten Werken der französischsprachigen Literatur zählt. Camus, 1913 in Algerien geboren, war selbst Teil jener komplexen kolonialen Realität: ein in Nordafrika aufgewachsener Europäer, dessen Werk untrennbar mit Algerien verbunden ist und zugleich aus einer Perspektive geschrieben wurde, die lange Zeit als kolonial blind kritisiert wurde. 

Musikalisch hat Algerien auch so manches zu bieten. International am bekanntesten ist wohl Raï –eine Musikrichtung aus Oran, die traditionelle Melodien mit Pop, Rock und elektronischen Elementen verbindet. Der „King of Raï“ ist Cheb Khaled, dessen Song „Didi“ in den 1990ern weltweit erfolgreich war.

Mir liegt aber Souad Massi mehr, die eine ruhigere, folkige Richtung vertritt. Ihr Musik oszilliert poetisch und oft politisch zwischen Chanson, Folk und nordafrikanischen Einflüssen poetisch.

Algerien ist natürlich auch ein starker literarischer Resonanzraum. Die algerische Literaturszene ist sehr von Mehrsprachigkeit geprägt, es wird auf Arabisch, Französisch und zunehmend auch auf Tamazight geschrieben. International bekannt wurde das Land vor allem durch Autorinnen, die sich mit Kolonialismus, Identität und Gewalt auseinandersetzen. Neben Albert Camus ist hier besonders Assia Djebar zu nennen, deren Romane weibliche Perspektiven auf Kolonialgeschichte und Patriarchat sichtbar machen. Auch Kateb Yacine gilt mit seinem Roman Nedjmaals zentrale Figur der modernen algerischen Literatur sprachlich experimentell und politisch radikal. In der Gegenwart prägen Autorinnen wie Boualem Sansal oder Kamel Daoud die Debatten. Viele von ihnen schreiben aus einer Position zwischen Algerien und Frankreich, zwischen Nähe und Distanz, was der Literatur oft einen reflektierenden, manchmal auch schonungslos kritischen Ton verleiht.

Zabor – Kamel Daoud erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, übersetzt von Claus Josten

Für diesen literarischen Halt habe ich Zabor von Kamel Daoud gelesen, einen Roman über einen jungen Mann in einem abgelegenen Dorf, der glaubt, den Tod aufhalten zu können, indem er das Leben Sterbender niederschreibt. Schreiben als existenzielle Handlung, als Widerstand gegen Vergessen und Endlichkeit, eigentlich ein starkes, fast mythisches Motiv. Literatur nicht nur als Ausdruck, sondern als Überlebensstrategie.

Sprachlich ist der Roman dicht, stellenweise barock, voller Abschweifungen und ausufernder Reflexionen über Religion, Körperlichkeit, Macht und Begehren. Daoud denkt groß, symbolisch, oft allegorisch. Doch genau diese Überfülle hat bei mir vor allem Distanz erzeugt. Wenn sich der Text immer weiter in Metaphern und Gedankenschleifen hineinbewegt, verliert sich für mich der emotionale Kern. Die Figuren bleiben auf Abstand, mehr Idee als Mensch. Vielleicht liegt darin eine gewisse Ironie: Ein Roman über die rettende Kraft des Erzählens, der zugleich vorführt, wie schwer zugänglich Literatur sein kann. Ich bin überhaupt nicht warm geworden mit diesem Buch.

Es ist bereits mein zweiter Roman von Daoud. Vor einigen Jahren haben wir im Bookclub „The Meursault Investigation“ gelesen, seine literarische Antwort auf Camus’ L’Étranger. Dieses Spiel mit Perspektiven, das Zurückgeben einer Stimme an den anonymen „Araber“ aus Camus’ Roman, fand ich konzeptionell überzeugend und deutlich zugänglicher als Zabor. Und doch blieb auch dort eine gewisse Distanz. Vielleicht ist es schlicht so, dass Kamel Daoud und ich literarisch nicht zueinanderfinden.

Hinzu kam die Kontroverse um Zabor: Eine ehemalige Patientin von Daouds Ehefrau – sie ist Psychiaterin – warf ihm vor, Elemente ihrer persönlichen Geschichte seien ohne ihr Einverständnis in den Roman eingeflossen. Der Vorwurf lautete auf Verletzung der ärztlichen Schweigepflicht. Daoud wies die Anschuldigungen zurück und sprach von literarischer Fiktion sowie unabhängiger Inspiration. Der Streit weitete sich zu einer grundsätzlichen Debatte über Autofiktion, künstlerische Freiheit und die ethischen Grenzen literarischen Arbeitens aus. Wo endet Inspiration, wo beginnt Aneignung? Und welche Verantwortung trägt Literatur gegenüber realen Biografien?

Vielleicht gehört mein Nicht-Warmwerden mit Zabor letztlich zu genau dieser Erfahrung dazu. Nicht jedes literarische Werk öffnet sich bereitwillig; manche bleiben verschlossen, sperrig, widerständig. Gerade auf einer literarischen Weltreise ist das vielleicht ebenso aufschlussreich wie Begeisterung – denn auch Irritation erzählt etwas über ein Land, seine Debatten und seine ästhetischen Formen.

So jetzt bin ich natürlich gespannt, was verbindet ihr mit Algerien? Habt ihr das Land schon mal besucht? Welche literarische, musikalischen oder filmischen Tipps hättet ihr für mich? Freue mich sehr auf eure Rückmeldungen.

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