Meine Woche

Gesehen: The painted veil (2006) von John Curran mit Naomi Watts und Edward Norton. Verfilmung des gleichnamigen Romans von W. Somerset Maugham. Habe ich sehr gerne gesehen. Verwechselt eigentlich außer mir noch jemand John Cusack und Edward Norton?

Gehört: One fleeting glance – Thistle Sifter, Silentium – Arvo Pärt, In case I fall for you – Black Sea Dahu, Vangen – Les Dunes, Mother – ÅRABROT, Night Thoughts – Brian Eno

Gelesen: diese Interviews mit Alan Cumming und Glenn Close, Some people can’t see mental images, It’s Not Normal to Raise Children Like This, Oliver Sacks on steam engines, smartphones and the futures

Getan: den Bibliothekssaal des Klosters Wiblingen bewundert, das Hündchen spazieren geführt, geradelt, Yin Yoga gemacht und einer Probe der Münchner Philharmoniker beigewohnt (Rachmaninow Konzert für Klavier und Orchester Nr 2 c-moll op18

Gefreut: über 19 Jahre Bingereader + Gattin 🙂

Geärgert: nein

Getrauert: nein

Gegessen: Bœuf bourguignon

Getrunken: Sylter Haven Whisky

Geklickt: auf diesen Podcast mit Maren Kroymann, was Helmut Schmidt über den Klimawandel zu sagen hatte,

Gestaunt: wie man früher Blaupausen beschriftet hat, über diese großartigen Fotos aus 2025

Gelacht: übers Hündchen wenn es vom eigenen Schnarchen geweckt wird und sich ganz überrascht umschaut

Gewünscht: diesen Pyjama, diese Decke, diese Bettwäsche

Geplant: packen

Gefunden: Bücher im öffentlichen Bücherschrank

Gekauft: nix

Gedacht: No need to hurry. No need to sparkle. No need to be anybody but oneself //Virginia Woolf

Read around the world: Malaysia

Der nächste Stopp auf der literarischen Weltreise: Malaysia – einem Land, dem ich bei unseren Reisen durch Südostasien schon recht nahe gekommen bin, das wir aber leider noch nie besucht haben. Vielleicht habe ich mich deshalb auch so sehr auf diesen Stopp gefreut, weil ich doch immer wieder mal Sehnsucht habe in diese Ecke der Welt zurückzukehren. Malysia steht für diese Erinnerung an Farben, Gerüchen, Geräuschen, einer Vielfalt, die sich gar nicht in ein einziges Bild fassen lässt. Ich erinnere mich an Begegnungen mit Menschen aus der Region – in Thailand, Singapur oder Laos – und daran, wie oft Malaysia auch irgendwie dabei mitschwang, als eine Art kulturelle Kreuzung zwischen Welten. Britisches Erbe trifft auf chinesische, indische und malaiische Traditionen; Islam, Hinduismus, Buddhismus und Christentum existieren nebeneinander, und überall scheint die Frage spürbar, was „Heimat“ in einem Land bedeutet, das von so vielen Einflüssen geprägt ist.

Malaysia liegt im Herzen Südostasiens, teilt sich in die malaiische Halbinsel mit der Hauptstadt Kuala Lumpur und den Bundesstaaten des Festlandes sowie die Insel Borneo mit den Regionen Sabah und Sarawak. Rund 34 Millionen Menschen leben hier (Stand 2025) auf einer Fläche von etwa 330.000 km² – also fast so groß wie Deutschland, aber mit einer deutlich geringeren Bevölkerungsdichte. Kuala Lumpur ist das pulsierende Zentrum des Landes, modern, dicht, kontrastreich, während Orte wie Penang oder Melaka ihre koloniale Vergangenheit wie in Schichten tragen – britisch, niederländisch, portugiesisch, malaiisch, chinesisch. Diese Mischung macht den Reiz Malaysias aus: Das Land ist ein Mosaik aus Sprachen, Küchen, Religionen und Geschichten. Offizielle Sprache ist Bahasa Malaysia, aber Englisch ist weit verbreitet, ebenso Mandarin, Kantonesisch oder Tamil – ein Echo der Handelsrouten, die das Land seit Jahrhunderten prägen.

Hier wie immer die vergleichenden Daten:

  • Bevölkerung: Rund 34 Millionen Menschen leben in Malaysia (Stand 2025), also etwas weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung.
  • Fläche: Mit etwa 330.000 km² ist Malaysia fast so groß wie Deutschland (≈ 357.000 km²).
  • Bevölkerungsdichte: Im Durchschnitt leben rund 100 Einwohner pro km² hier – deutlich weniger als in Deutschland. Besonders dicht besiedelt sind die Regionen um Kuala Lumpur, Penang und die Küstenstädte der malaiischen Halbinsel.
  • Wirtschaft: Malaysia gehört zu den sogenannten „Tigerstaaten“ Südostasiens. Wichtige Wirtschaftszweige sind Elektronik, Palmöl, Tourismus, Erdöl, Kautschuk und zunehmend erneuerbare Energien. Der Lebensstandard ist im regionalen Vergleich hoch, die Mittelschicht wächst, gleichzeitig bestehen jedoch deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Die Geschichte Malaysias ist eine Geschichte von Begegnungen, aber auch von Besetzungen. Lange war die Region Teil globaler Handelsnetzwerke, berühmt für Gewürze, Zinn und Kautschuk. Im 19. Jahrhundert wurde sie zur britischen Kolonie und wie viele postkoloniale Staaten ringt Malaysia bis heute mit diesem Erbe. Der Unabhängigkeitstag 1957 markierte einen Neuanfang, doch die kolonialen Strukturen – wirtschaftlich, sozial und kulturell – wirken fort. Tan Twan Eng greift diese Themen in seinen Romanen meisterhaft auf: Wie sich Identität, Zugehörigkeit und Erinnerung in einem Land verschränken, das selbst ein vielschichtiges Hybridwesen ist. Doch dazu später mehr.

Wirtschaftlich ist Malaysia längst mehr als ein Rohstofflieferant: Elektronik, Palmöl, Tourismus und zunehmend nachhaltige Technologien prägen das Land. Trotz seiner Fortschritte bleibt der Spagat zwischen Entwicklung und Umweltbewusstsein eine der großen Herausforderungen. Der Regenwald Borneos zählt zu den ältesten der Erde, doch Abholzung, Rohstoffabbau und Klimawandel bedrohen ihn massiv. Gleichzeitig bemüht sich das Land um Naturschutzprojekte und Ökotourismus, um diesen einzigartigen Lebensraum zu bewahren.

Gesellschaftlich ist Malaysia ein Spiegel seiner ethnischen Vielfalt. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind Malaien, dazu kommen große chinesische und indische Gemeinschaften sowie indigene Gruppen auf Borneo. Diese Vielfalt ist Reichtum und Herausforderung zugleich: Sprache, Religion, Bildung und Politik sind eng mit ethnischer Zugehörigkeit verflochten. Seit der Unabhängigkeit versucht Malaysia, ein Gleichgewicht zwischen den Gruppen zu wahren – ein Prozess, der immer wieder Spannungen, aber auch bemerkenswerte Formen des Zusammenlebens hervorbringt. In den letzten Jahren haben sich jüngere Generationen zunehmend von den starren Grenzen früherer Jahrzehnte gelöst, soziale Medien und Kultur treiben eine vorsichtige Liberalisierung voran, besonders in den urbanen Zentren.

Malaysia ist ein Fest für die Sinne: von Streetfood in Penang, das zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, über Musik und Tanzformen mit indischen, arabischen und chinesischen Einflüssen bis hin zur Architektur, die Moscheen, Kolonialhäuser und futuristische Hochhäuser in einem Stadtbild vereint. Politisch ist Malaysia eine konstitutionelle Monarchie mit einem komplexen föderalen System. In den letzten Jahren hat das Land turbulente Zeiten erlebt – Korruptionsskandale, Machtwechsel, Koalitionen, die sich auflösen und neu formieren. Doch die Demokratie lebt: zäh, lebendig, manchmal laut, oft pragmatisch. Auch hier steht Malaysia an einem Wendepunkt zwischen Tradition und Moderne, Religion und Liberalität, Wachstum und Nachhaltigkeit.

So offen und vielfältig Malaysia in kultureller Hinsicht ist, so restriktiv ist das Land leider gegenüber der LGBTQ+ Community. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind nach Artikel 377A des Strafgesetzbuchs, einem Überbleibsel der britischen Kolonialzeit, strafbar und können mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden. Zusätzlich verbieten viele Bundesstaaten in Malaysia auf Grundlage der Scharia-Gesetze für Muslime homosexuelle Handlungen, geschlechtsangleichende Maßnahmen oder „unislamisches Verhalten“.

In der Praxis werden diese Gesetze nicht immer konsequent, aber doch regelmäßig angewendet. Es kommt zu Razzien, öffentlichen Bloßstellungen und Verhaftungen, vor allem wenn Aktivist*innen versuchen, sich öffentlich zu organisieren. Pride-Veranstaltungen sind nicht erlaubt, und queere Sichtbarkeit bleibt ein Risiko. Auch in den Medien gilt Zensur: Inhalte, die als „fördernd für Homosexualität“ gelten, werden oft geschnitten oder verboten.

Trotz dieser schwierigen Lage gibt es eine kleine, engagierte LGBTQ+-Szene – vor allem in Kuala Lumpur. Aktivistinnen, Künstlerinnen und NGOs wie Justice for Sisters oder Pelangi Campaign versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten und sichere Räume zu schaffen. In den letzten Jahren haben soziale Medien dazu beigetragen, dass queere Malaysier*innen sichtbarer und vernetzter werden, auch wenn sie dabei Anfeindungen riskieren.

Die rechtliche und gesellschaftliche Situation erinnert daran, dass Malaysia sich noch in einem tiefen Spannungsfeld zwischen konservativer Religionspolitik und einer jungen, urbanen Generation befindet, die zunehmend liberaler denkt. Gerade in Städten wie Kuala Lumpur, Penang oder Johor Bahru wächst das Bewusstsein, dass Diversität nicht nur ethnisch, sondern auch geschlechtlich und sexuell verstanden werden kann – auch wenn der Weg zu echter Gleichberechtigung noch weit ist.

Jetzt aber der Blick auf die Kultur: eine Band aus Malaysia die ich sehr mag ist die Postrock Band MIM – live habe ich sie noch nicht gesehen, würde ich aber sehr gerne. Hier mit ihrem Song „Bah“ aus ihrem Album „Arakian“:

Filme aus Malaysia habe ich tatsächlich noch keine gesehen, aber dieser Horror Film steht auf meiner Liste. Eine kleine unabhängige Produktion und das Regie-Debüt von Emir Ezwan. Die NYT zeigt sich ganz beeindruckt von diesem Folk Horror Film der in nur zwei Wochen im Wald südlich von Kuala Lumpur gedreht wurde.

und einer der Romane von Tan Twan Eng ist von Tom Lin Shu-yu verfilmt worden, den möchte ich mir auf jeden Fall auch ansehen, er handelt von der japanischen Besetzung Malaysias:

Jetzt kommen wir aber endlich zum Buch das ich für diesen Stopp gelesen habe. Ebenfalls ein Roman des malayischen Autors Tan Twan Eng der einer der berühmtesten seiner Heimat ist und der 1972 in Penang geboren wurde: „The House of Doors“ ein Roman der 2023 auf der Longlist des Booker Prizes stand:

The House of Doors – Tan Twan Eng auf deutsch unter dem Titel „Das Haus der Türen“ im Dumont Verlag erschienen übersetzt von Michaela Grabinger

Auf Tan Twan Engs „The House of Doors“ hab ich mich schon lange gefreut und es hat mich umgehend gepackt mit einer leisen, fast hypnotischen Intensität, die einen unmerklich in eine andere Zeit und Welt zieht. Schon nach wenigen Seiten war ich mitten in der flirrenden Hitze Malaysias, konnte das Rascheln der Palmen hören und den Geruch von Regen und Meer beinahe spüren.

Ich habe eine besondere Schwäche für Romane, in denen Schriftsteller selbst zu Figuren werden – Geschichten über das Erzählen, über die Macht und die Verantwortung, die mit dem Schreiben einhergehen – und genau das bietet The House of Doors auf meisterhafte Weise. Im Zentrum steht Lesley Hamlyn, die in den 1940ern auf einer Farm in Südafrika lebt und auf ihr früheres Leben im kolonialen Penang zurückblickt. Dort begegnet sie 1921 William Somerset Maugham – „Willie“ –, der mit seinem Sekretär und Lebensgefährten Gerald Haxton reist. Maugham, 1874 in Paris geboren und einer der meistgelesenen britischen Autoren seiner Zeit, ist auf der Suche nach Geschichten, nach den feinen Rissen hinter den Fassaden menschlicher Beziehungen. Haxton begleitet ihn seit Jahren auf all seinen Reisen, ihre Beziehung bewegt sich zwischen tiefer Zuneigung, Abhängigkeit und dem permanenten Druck, ihre Liebe in einer Zeit der gesellschaftlichen Enge verbergen zu müssen.

Tan Twan Eng beschreibt diese beiden mit einer Zartheit und Genauigkeit, die weit über bloße Hommage hinausgeht. Seine Beobachtungsgabe erinnert an Maugham selbst – doch Eng nutzt die Perspektive der Kolonisierten, um die moralischen und kulturellen Bruchstellen dieser Welt offenzulegen. Lesley, gefangen zwischen Loyalität, Schuld und dem Wunsch nach Wahrheit, steht am Schnittpunkt dieser Spannungen. Das titelgebende „Haus der Türen“ ist dabei weit mehr als ein Schauplatz: Es ist ein Sinnbild für Erinnerung und Erzählung, für die unzähligen Türen, die wir im Leben öffnen oder verschlossen halten. Eng gelingt es, historische Begebenheiten – die Begegnung mit dem Revolutionär Sun Yat-sen, den realen Mordfall Ethel Proudlock – mit fiktionaler Raffinesse zu verweben, ohne den emotionalen Kern aus den Augen zu verlieren.

Der Roman liest sich wie ein fein komponiertes Musikstück, getragen von Melancholie, von der Schönheit des Vergehens und der Frage, wie aus Leben Literatur wird. Tan Twan Eng, selbst in Penang geboren, beweist einmal mehr sein Gespür für Atmosphäre, für leise Zwischentöne und das Unsagbare zwischen den Zeilen. Am Ende hat mich The House of Doors nicht nur berührt, sondern auch ganz schön neugierig gemacht – auf Maugham selbst, auf seine Romane, seine Kurzgeschichten und vor allem auf das faszinierende, widersprüchliche Leben eines Mannes, der wie kaum ein anderer wusste, dass jede Geschichte zwei Seiten hat: die erzählte – und die verschwiegene.

Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam, Ukraine, Mauretanien, Mexiko, Niederlande) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.

Meine einzige andere Lektüre aus Malaysia war:

  • Nothing but blackened teeth – Cassandra Khaw

Habt ihr Malaysia schon besucht? Habt ihr Buch-Film-Musik-Tipps? Freue mich auf eure Rückmeldungen.

Meine Woche

Gesehen: Le vieux fusil/Das alte Gewehr (1975) von Robert Enrico mit Romy Schneider und Philippe Noiret. Film der auf dem Massaker von Oradour basiert. Großartig gespielt, der Film hat mich total mitgenommen.

Butty (2025) Kurzfilm von Julius Drost und Moritz Henneberg. Total entzückender Film um einen kleinen Haushaltsroboter

Gehört: Berghain – Rosalia ft Björk, Hauntlore – Lauren Cannell, Out in the Garden – Sofia Isella, Gentle Dice – The Echelon Effect, Turning Multitudes – Kara-Lis Coverdale, Look at us – Archive

Gelesen: We should all be Luddites, dieses Interview mit Fiona Shaw, diesen Artikel über Zohran Kwame Mamdani

Getan: Gelaufen, Yin Yoga, Bonnie begrüßt, viel geradelt und beim Frisör gewesen

Gefreut: über die Erfolge der Demokraten in den USA diese Woche

Geärgert: nein

Getrauert: nein

Gegessen: Smörgås, Lachsforelle und selbstgemachte Knödel

Getrunken: einen wunderbaren Pflaumen-Whisky-Cocktail

Geklickt: Mit dem Schlafwagen rund um die Welt

Gestaunt: über rote Blitze

Gelacht: übers Stadtbild

Gewünscht: diese Lampe, diesen Hocker, diese Hose

Geplant: lange Spaziergänge mit Bonnie

Gefunden: einen Kaktus

Gekauft: nix

Gedacht: No darkness lasts forever // Ursula Le Guin

Oktober Lektüre

Wieder ein wirklich guter Lesemonat! Kein Flop in Sicht – alle Bücher zwischen 3,5 und 5 Sternen, und jedes hat mich auf seine Art begeistert. Müsste ich mich für ein „Buch des Monats“ entscheiden, wäre das richtig schwer, aber mit minimalem Vorsprung ginge der Titel an „The Safekeep“ von Yael van der Wouten – ich kann einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ins Bild eingeschlichten hat sich Herr Toller, der gehört in den November, dafür fehlt Ex Libris von Anne Fadiman und Martyr! habe ich als Hörbuch gehört.

Die Vorstellung der einzelnen Titel folgt keiner besonderen Reihenfolge:

Martyr! – Kaveh Akbar auf deutsch unter dem Titel Märtyrer! im Rowohlt Verlag erschienen, übersetzt von Stefanie Jacobs

Martyr! ist ein Romandebüt: intensiv, sprachlich präzise und voller Fragen, die einen lange beschäftigen.
Der Roman erzählt von Cyrus, einem jungen Dichter, der mit seiner Sucht, seiner Depression und seinem Platz in der Welt ringt. Er sucht nach Bedeutung – in seiner Kunst, in der Erinnerung an seine Eltern, im Leben selbst – und manchmal auch im Tod.

Akbar schreibt mit schneidender Klarheit, in der jeder Satz sorgfältig gebaut wirkt, rhythmisch und voller Poesie. Man merkt, dass er aus der Poesie kommt: geboren im Iran, aufgewachsen in den USA, bekannt für seine Lyrikbände „Calling a Wolf a Wolf“ und „Pilgrim Bell“, in denen er ähnliche Themen verhandelt – Sucht, Sprache, Herkunft, Glauben. In seinem Prosadebüt verdichtet sich all das zu einer eindringlichen, klugen und sehr persönlichen Erzählung über Identität.

Eight of the ten commandments are about what thou shalt not. But you can live a whole life not doing any of that stuff and still avoid doing any good. That’s the whole crisis. The rot at the root of everything. The belief that goodness is built on a constructed absence, not-doing. That belief corrupts everything, has everyone with any power sitting on their hands.


Cyrus lebt in Indiana, zwischen Kulturen, Sprachen und Lebensentwürfen. Seine Mutter starb, als ein iranisches Passagierflugzeug von der US-Regierung abgeschossen wurde; sein Vater zerbrach an einem Leben in der amerikanischen Arbeitswelt; sein Onkel war wortwörtlich der Tod – in den Diensten des iranischen Militärs. Zwischen diesen Biografien und Brüchen stellt sich Cyrus die großen Fragen: Wie iranisch ist man, wenn man in den USA aufgewachsen ist? Wie amerikanisch, wenn man anders aussieht, heißt, glaubt? Und wie frei ist man, wenn man als queerer Mann ständig zwischen Sichtbarkeit und Anpassung balanciert?

Was mich besonders berührt hat, war, wie Akbar Trauer und Erinnerung ineinanderfließen lässt. Es gibt eine Szene, in der Cyrus durch die Stadt läuft und um seine Mutter trauert – leise, unspektakulär, aber voller Schmerz und Zärtlichkeit. Die hat mich total gepackt.

Nicht alles funktioniert gleich gut: Das Ende wirkt etwas zu konstruiert, manche Wendungen zeichnen sich früh ab, und die vielen Traumsequenzen waren mir persönlich zu viel. Aber das alles fällt kaum ins Gewicht, weil der Roman sprachlich so eindringlich, so lebendig und so unverstellt ist.

Martyr! ist kein perfektes Buch – aber eines, das wirklich etwas wagt. Es sucht nach Bedeutung inmitten von Chaos, und genau darin liegt seine Schönheit.

The Safekeep – Yael van der Wouten auf deutsch unter dem Titel „In ihrem Haus“ im Gutkind Verlag erschienen, übersetzt von Stefanie Ochel

Es gibt Bücher, die irgendwie leise daher kommen, sich ganz langsam entfalten – und einen dann völlig überraschen. The Safekeep von Yael van der Wouden war für mich genau so ein Buch: leise, konzentriert, präzise, und plötzlich von einer Wucht, die man nicht kommen sieht. Schon nach wenigen Seiten war klar, dass hier keine gewöhnliche Familiengeschichte erzählt wird, sondern ein vielschichtiges Spiel aus Erinnerung, Schuld und Begehren. In mehrfacher Hinsicht ist dieses Buch etwas Besonderes: Es ist das Debüt der niederländischen Autorin Yael van der Wouden, es wurde ursprünglich auf Englisch verfasst, und sie ist damit die erste niederländische Autorin, die es auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Yael van der Wouden wurde 1987 geboren und wuchs in den Niederlanden auf. Sie hat einen israelisch-niederländischen Hintergrund, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und an der Binghamton University in den USA.

Die Handlung führt in die niederländische Provinz Overijssel, in den Sommer 1961. Isabel lebt dort allein in dem Haus ihrer verstorbenen Mutter, umgeben von Dingen, die in penibler Ordnung verharren. Alles ist still, geregelt, kontrolliert – ein Leben, das sich in Ritualen und Routinen festhält. Als ihr Bruder Louis mit seiner neuen Freundin Eva auftaucht und für den Sommer bleibt, gerät dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken. Eva ist das genaue Gegenteil von Isabel: lebendig, neugierig, körperlich. Sie bewegt sich durch das Haus, öffnet Türen, betritt Räume, die Isabel lieber verschlossen gehalten hätte. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die sich kaum benennen lässt – eine Mischung aus Abwehr, Begehren und schleichender Bedrohung. Was anfangs wie eine stille Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem psychologisch dichten Drama, in dem Schuld, Erinnerung und Verdrängung untrennbar miteinander verwoben sind. Und dann kommt eine Wendung, so unerwartet und doch so konsequent, dass man das Buch für einen Moment zuschlagen möchte, um durchzuatmen.

She thought: I can hold you and find that I still miss your body. She thought: I can listen to you speak and still miss the sound of your voice.

Was mich an The Safekeep besonders beeindruckt hat, ist die Art, wie Yael van der Wouden Atmosphäre erzeugt. Sie braucht keine spektakulären Szenen oder großen Gesten. Das Unheimliche wächst in der Stille, im Zögern, in einem Blick, der zu lange dauert. Das Haus wird zur Bühne der inneren Zersetzung, ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart unmerklich ineinanderfließen. Man spürt in jedem Satz die Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Van der Wouden schreibt in einer klaren, präzisen Sprache, die an niederländische Stillleben erinnert – jede Bewegung, jedes Detail scheint festgehalten, bis man merkt, dass etwas im Bild verrutscht.

Auch thematisch bewegt sich der Roman auf mehreren Ebenen zugleich. Die familiäre Enge und das unausgesprochene Trauma verweisen auf eine größere historische Dimension: die Nachkriegszeit, die Schatten der Kollaboration, das Schweigen über Schuld. Diese Themen sind nie plakativer Hintergrund, sondern fließen in die private Geschichte ein – in die Art, wie Isabel Dinge ordnet, wie sie mit Erinnerungen ringt, wie sie versucht, das Unheimliche zu bannen. In dieser Verbindung von psychologischer Genauigkeit und geschichtlicher Tiefe liegt für mich die große Stärke des Romans.

Besonders die überraschende Wendung am Ende verleiht der Geschichte eine neue Perspektive, ohne den Zauber oder die Ambivalenz der Figuren aufzulösen. Sie zwingt einen, das Gelesene noch einmal neu zu betrachten, mit anderen Augen.

The Safekeep ist ein außergewöhnliches Debüt – eines, das sowohl literarisch anspruchsvoll als auch emotional tief berührend ist. Es ist ein Roman über Ordnung und das Chaos darunter, über Begehren, das sich nicht benennen lässt, über das, was ein Haus bewahrt, und das, was darin verloren geht. Wer sich auf diese stille, intensive Geschichte einlässt, wird reich belohnt. Für mich zählt sie jetzt schon zu meinen Lieblingsbüchern dieses Jahres.

The Knife – Salman Rushdie unter dem Titel „Knife – Gedanken nach einem Mordversuch“ im Penguin Verlag erschienen, übersetzt von Bernhard Robben

Knife ist weit mehr als eine autobiografische Nacherzählung des furchtbaren Messerattentats auf Salman Rushdie, das ihn im August 2022 während einer Lesung in Chautauqua beinahe das Leben kostete und tragischerweise ein Auge kostete. Knife ist eine Meditation über Verletzlichkeit, Sprache und Überleben – ein Buch über das Weiterleben und das Weiterschreiben nach der Gewalt. Es ist sicherlich Rushdies persönlichstes Buch.

Seine Waffe ist nicht das Messer, sondern das Wort. „Language, too, was a knife“, schreibt er, „it could cut open the world and reveal its meaning.“ Und genau das tut er: Er seziert das Erlebte, die Angst, die Hilflosigkeit, aber auch die Wut, den Trotz und die ungebrochene Liebe zum Leben.

Das Buch ist schonungslos ehrlich, manchmal erschütternd körperlich. Rushdie erzählt, wie der eigene Körper nach einem solchen Angriff entprivatisiert wird, wie er in den Händen von Ärzten, Pflegern, Therapeuten liegt und plötzlich nur noch Objekt ist – und wie mühsam der Weg zurück zur Autonomie, zur Sprache und zur eigenen Identität ist.

Hier schreibt kein Oper, sondern ein Überlebender, der die Deutungshoheit über sein Leben und seine Geschichte zurückfordert. Rushdie verweigert dem Täter jede namentliche Nennung, er nennt ihn nur „the A“ – eine bewusste Geste der Entmachtung. In fiktiven Dialogen konfrontiert er seinen Angreifer mit dessen eigenen Ängsten und seiner stupiden Naivität. Rushdie lässt sich das Geschehen nicht von außen diktieren sondern verwandelt es in Literatur er eignet es sich an, um weiter existieren zu können.

Knife ist ein Buch über Mut – und über die Unmöglichkeit, zu schweigen. Das Buch schwankt zwischen Schmerz und Ironie, Pathos und Lakonie, aber immer bleibt es zutiefst menschlich. Und wer Rushdie einmal live erlebt hat, der spürt diesen Ton sofort. Ich erinnere mich noch gut an seine Lesung im Münchner Cuvilliés-Theater im Jahr 2015, nur wenige Tage nach den fürchterlichen Anschlägen des IS.

Art is not a luxury. It stands at the essence of our humanity, and it asks for no special protection except the right to exist.

Rushdie sprach damals darüber, dass er aus einer nichtreligiösen Familie komme und sich in den Sechzigerjahren niemals hätte vorstellen können, eines Tages Romane über Religion zu schreiben. Aber die Welt, sagte er, habe sich verändert, das Thema sei zu groß geworden, um es zu ignorieren. „Nicht nachgeben, keinen Zentimeter“, war seine Botschaft. „Wir müssen unser Leben weiterleben wie vorher und unsere Freiheit genießen und ausleben.“

Diese Haltung zieht sich auch durch Knife: das entschlossene „Weiterleben“, selbst wenn der Körper versehrt ist, selbst wenn die Angst real bleibt. Rushdie hält es – wie er damals sagte – „ganz mit Charlie Hebdo: Ihr habt die Waffen, aber wir haben den Champagner.“

Es ist dieser unerschütterliche Glaube an die Kraft der Kunst, der dieses Buch so stark macht.

Rushdie verwandelt das Messer, das ihn treffen sollte, in ein Symbol der Sprache. Er sticht nicht zurück, sondern öffnet das, was viele lieber verdrängen würden: die Angst, den Hass, die Gewalt, aber auch die unzerstörbare Möglichkeit des Menschen, sich durch Erzählung selbst zu heilen. Am Ende aber bleibt die Erkenntnis, dass Freiheit, Würde und Sprache nicht verhandelbar sind. Knife ist kein einfaches Buch, aber ein sehr wichtiges – und für mich ein bewegendes Zeugnis dafür, was es heißt, ein freier Mensch zu sein. Ich fand es wirklich gut.

Muttermale – Dagmar Leupold erschienen im Jung und Jung Verlag

Dagmar Leupold schenkt uns und sich zu ihrem 70. Geburtstag kürzlich – einen Roman von großer sprachlicher Schönheit und stiller Wucht. Muttermale, für den sie auch für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist, ist kein klassisch erzähltes Buch, sondern ein fein komponiertes Erinnerungsgewebe. In fragmentarischen Miniaturen nähert sich Leupold dem Leben ihrer Mutter, einer Frau, deren Biografie von der Flucht aus Ostpreußen, vom Ankommen im Westen und vom leisen Beharren auf Würde geprägt ist.

Die Autorin rekonstruiert dieses Leben nicht linear, sondern tastend, suchend, in leisen Andeutungen. Zwischen Andenken, Briefen, Fotos und Erinnerungssplittern entfaltet sich das Porträt einer Generation, die gelernt hat, zu überleben – und zu schweigen. Eine Mutter die es der Tochter nicht immer einfach machte sie zu lieben. Im Versuch, die Mutter zu verstehen, wird zugleich die Frage nach der eigenen Herkunft, nach der genealogischen und emotionalen Vererbung gestellt: Was bleibt von unseren Eltern in uns zurück, welche Spuren tragen wir weiter – und welche möchten wir am liebsten tilgen? Das titelgebende Muttermal wird so zu einem poetischen Symbol für all das Unauslöschliche, das uns prägt.

Leupolds Sprache ist von einer fast musikalischen Präzision: reduziert, poetisch, nie pathetisch, immer aufmerksam für die Zwischentöne. Jeder Satz scheint sorgsam geschliffen, jede Beobachtung von einer zärtlichen Genauigkeit getragen.

Ein bei Tageslicht nicht zu erreichender Aggregatzustand trat ein: Die Seelenruhe. Im Schlaf hast du deine Tochter womöglich sogar gerngehabt.

Ein ganz eigener Reiz war für mich: Die Familie lebte in Mainz – und viele der beschriebenen Orte, Straßen und Lokale kenne ich gut. Das Wiedererkennen, vertrauter Orte war ein besonderer Bonus und hat der Lektüre für mich eine zusätzliche Tiefe verliehen.

Muttermale ist ein leises, zugleich eindringliches Buch über Erinnerung, Verlust und die Unausweichlichkeit von Herkunft. Ein Roman, der sich nicht aufdrängt, der aber nachklingt und bleibt. Ich drücke Dagmar Leupold fest die Daumen für den Bayerischen Buchpreis – verdient hätte sie ihn allemal und jetzt schau ich mir mal ihre anderen Werke an.

Ich danke dem @jung.und.jung Verlag sehr für das Rezensionsexemplar und hätte gern ein Glas auf Frau Leupold zum Gewinn des Bayrischen Buchpreises erhoben, das sollte leider nicht sein, aber für mich ist sie definitiv die Gewinnerin 🙂

Pompeijs letzter Sommer – Gabriel Zuchtriegel erschienen im Propyläen Verlag

Schon mit „Der Zauber des Untergangs“ hat Gabriel Zuchtriegel es geschafft, die Lebendigkeit und die ewige Faszination dieser untergegangenen Stadt einzufangen – so sehr, dass man sich beim Lesen fühlt, als würde man selbst durch die Straßen laufen.

Ich bin seit meiner Kindheit von Pompeji fasziniert – seit ich mit meinem Opa als Sechsjährige ein Buch über die Stadt angeschaut habe. Nach der Lektüre Ich muss da hin. Letztes Jahr hat es endlich geklappt – und „Pompejis letzter Sommer“ hat mich beim Lesen sofort wieder dorthin zurückversetzt.

Zuchtriegel nimmt uns mit in das Jahr 79 n. Chr., in ein Pompeji kurz vor der Katastrophe – lebendig, laut, voller Gegensätze. Eine Stadt, in der unfassbar Reiche in prachtvollen Villen lebten, deren Luxus auf der Arbeit von Sklaven basierte, die unter härtesten Bedingungen schuften mussten. Diese Spannung zwischen Glanz und Elend, Freiheit und Abhängigkeit, fängt Zuchtriegel wirklich gut ein. Man spürt das Brodeln unter der Oberfläche, nicht nur geologisch, sondern auch gesellschaftlich.

Das Christentum führte weder zum Untergang des römischen Reiches noch zur Abschaffung der Sklaverei. Viel mehr leben beide in wechselnder Gestalt weiter: Wir leben in einem „Imperium“, nur, das heute anstelle des Kaisers die Logik von Weltbank und WTO regiert. Genozid, Folter und moderne Formen der Sklaverei, prägten das koloniale Zeitalter und existieren, weitgehend aus dem Blickfeld der Industriestaaten verdrängt, nach wie vor in mannigfaltiger Form in der sogenannten dritten Welt. Kleidungsstücke, die wir tragen, Lebensmittel, die wir essen, werden unter sklaven-ähnlichen Bedingungen hergestellt. Von einem christlichen Sklavenaufstand in der Geschichte des Westens zu sprechen, ist Augenwischerei (Kehinde Andrews)

Besonders spannend fand ich, wie er zeigt, dass Pompeji nicht nur physisch am Rand des Untergangs stand, sondern auch geistig in einer Umbruchzeit war. Immer mehr Menschen begannen, an den alten Götterglauben zu zweifeln, und wandten sich einer „seltsamen kleinen Sekte“ zu – den frühen Christen. Zuchtriegel beschreibt diesen Wandel sehr eindrücklich: Wie eine Gesellschaft, die jahrhundertelang auf die Macht der römischen Götter vertraute, langsam ihren Halt verliert und sich nach neuen Antworten sehnt. Das hat für mich etwas sehr Zeitloses – denn auch heute erleben wir ähnliche Brüche im Denken und Glauben, wenn alte Gewissheiten bröckeln und Menschen neue Formen von Sinn suchen.

Was mir an Zuchtriegels Stil gefällt ist seine ansteckende Leidenschaft, er schreibt mit einem Gespür für Atmosphäre und Menschlichkeit. Man hört förmlich das Leben in den Straßen, das Rufen der Händler, das Lachen in den Thermen – und gleichzeitig spürt man das nahende Ende. Dieses Gefühl eines „letzten Sommers“ zieht sich wie ein feiner Schatten durch das Buch.

Natürlich hätte ich mir an manchen Stellen noch ein bisschen mehr wissenschaftlichen Tiefgang gewünscht, aber Zuchtriegel gelingt etwas, das nur wenige schaffen: Er verbindet Fachwissen mit echter Erzählkunst. Pompejis letzter Sommer ist nicht einfach ein Archäologie-Buch, sondern eine Reflexion über das Menschsein – über Macht, Glaube, Vergänglichkeit und die Suche nach Sinn.

Für mich ist es ein Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Es hat mich wieder an meinen eigenen Besuch erinnert – an dieses besondere Gefühl, durch eine scheinbar tote Stadt zu gehen, in der doch noch so viel Leben steckt. Ich würde Pompejis letzter Sommer mit 4,5 von 5 Sternen bewerten, mit klarer Tendenz nach oben. Ein faszinierendes, kluges und bewegendes Buch über eine Stadt, die uns mehr über uns selbst erzählt, als man auf den ersten Blick denkt.

Ich danke dem Propyläen Verlag für das Rezensionsexemplar.

Salt Slow – Julia Armfield auf deutsch unter dem Titel „Salzsirenen“ im Kommode Verlag erschienen, übersetzt von Hannah Pöhlmann

Nach „Our Wives Under the Sea“, das schon vor zwei Jahren eines meiner absoluten Lieblingsbücher war, zeigt Julia Armfield mit Salt Slow, wo ihre literarischen Wurzeln liegen: in einer Welt, in der das Körperliche und das Unheimliche untrennbar ineinandergreifen.

Diese Geschichten sind seltsam, schön, beunruhigend – eine wunderbare Mischung aus queerem Body Horror, Mythen und Magic Realism. Armfield schreibt über Frauenkörper, über Verwandlung und Zerfall, über die feinen Risse zwischen Intimität und Bedrohung. Ihre Protagonistinnen häuten sich, wachsen zu etwas Neuem heran oder zerfallen langsam – und all das wirkt gleichzeitig grotesk und zutiefst menschlich.

Was mich an Armfields Schreiben so fasziniert, ist ihr Blick für das Unheimliche im Alltäglichen. Eine Beziehung, ein Körper, ein gewöhnlicher Tag – und plötzlich kippt alles in etwas Dunkles, Schillernd und traumgleich, das man kaum greifen kann. Dabei bleibt ihre Sprache elegant, präzise, fast zärtlich in ihrer Beschreibung des Schreckens. Und immer wieder blitzt ein beißender, sehr britischer Humor auf, der das Morbide sehr reizvoll macht.

The sky is gory with stars, like the insides of a gutted night


Salt Slow erinnert an Autorinnen wie Shirley Jackson oder Mariana Enríquez, und doch ist Armfields Ton unverkennbar eigen: zugleich kühl und emotional, distanziert und tief berührend. Jede Geschichte öffnet eine kleine Welt für sich, seltsam und vollkommen – und ich wollte, sie würden nie enden.

Ein brillantes, düsteres Debüt, das zeigt, wie poetisch, queer und wunderschön Horror sein kann.

Die Wut ist ein heller Stern – Anja Kampmann erschienen im Hanser Verlag

Als ich Anja Kampmann beim Erlanger Poetinnenfest aus „Die Wut ist ein heller Stern“ lesen hörte, war ich sofort hin und weg, Buch gekauft und auch noch eine sehr schöne Signatur bekommen. Und dann lag es da, schön und verheißungsvoll, und ich merkte schnell: leicht wird das nicht. Ich brauchte mehrere Anläufe, habe es immer wieder zur Seite gelegt, bin zurückgekehrt, habe mit ihm gerungen. Ein Buch wie ein Boxkampf – aber einer, den ich unbedingt gewinnen wollte. Und ich bin froh, dass ich drangeblieben bin, denn am Ende hat sich jeder Schlagabtausch gelohnt.

Der Roman erzählt von Hedda, einer Artistin im Varieté „Alkazar“ auf der Reeperbahn Anfang der 1930er Jahre. Sie balanciert nicht nur auf dem Seil, sondern auch im Leben, während um sie herum die Welt kälter wird. Ihr Bruder Jaan zieht als Harpunenschmied in die Antarktis, ihr kleiner Bruder Pauli ist kränklich und verletzlich. Als die Nazis die Macht iübernehmen, verändert sich der Kiez gravierend. Heddas Freunde, die in kommunistischen Sportgruppen aktiv sind, werden verhaftet und ermordet.

Langsam zieht sich das Netz der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu. Die Schutzräume werden weniger, die Lichter im Varieté flackern, während draußen Uniformen auftauchen. Man merkt Anja Kampmann sofort an, dass sie aus der Lyrik kommt. Ihre Sprache ist dicht, manchmal kühl mehr spürbar als erklärbar.

Es gibt Passagen, die unfassbar schön sind, und andere, in denen ich schlicht nicht wusste, was gemeint war. Dieses ständige „Rita?“ – ich habe mich oft gefragt, warum, bis ich irgendwann aufgehört habe, alles verstehen zu wollen. Als ich mich der Stimme einfach hingegeben habe, mich tragen ließ, statt zu analysieren, wurde es plötzlich leichter.

Die Rita macht weiter, streckt sich so schön. Es ist warm. Samstagnacht, das Alkazar gut besucht. Schsch. Da ist dieses Glimmen im Auge des Kaiman. Eddy und Fred, die sonst so betäubt auf der Bühne liegen, sind hellwach, in ihren Augen ein seltsamer Glanz. Der Keiler ist wach. Da schwingt sie, die Rita, und die sich regen könnte, die spricht, ist irgendwo verborgen.

Kampmann schreibt keinen klassischen Roman, sie malt mit Worten, baut Räume aus Schweigen, Zwischenräumen, Blicken. Ihre Figuren sprechen in Andeutungen, ihre Sätze sind wie Seile, an denen man sich festhalten – oder verheddern – kann. Die Poetik ist kühl, aber nicht distanziert; sie hat eine fast körperliche Präsenz, die unter die Haut geht.

Die Wut ist ein heller Stern ist kein Buch, das man einfach so liest. Man muss sich darauf einlassen, sich in den Ring stellen, bereit sein, auch mal K.O. zu gehen – aber dann steht man wieder auf und liest weiter. Ich kann sehr gut verstehen, dass der Roman auf Platz 1 der SWR-Bestenliste steht. Er ist kompromisslos, sprachlich brillant, tief durchdacht. Aber definitiv keine Massenware. Wer einfach eine Geschichte „weglesen“ will, wird scheitern. Wer sich aber gern auf eine sprachliche Erfahrung einlässt, die fordert und berührt, der wird belohnt.

Ex Libris. Confessions of a Common Reader – Anne Fadiman auf deutsch unter dem Titel „Bekenntnisse einer Bibliomanin“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Melanie Walz

Dieses Buch habe ich von einer lieben Bookclub-Freundin geliehen bekommen – und schon nach ein paar Seiten wusste ich: Anne Fadiman ist eine von uns. In fünfzehn kleinen Essays schreibt sie über das Leben mit (und manchmal auch wegen) Büchern – über zerlesene Ausgaben, über das Glück, Randnotizen zu hinterlassen, und über die Eigenheiten all jener, die sich zwischen Regalen am wohlsten fühlen. Besonders der erste Essay, “Marrying Libraries”, hat mich herrlich amüsiert: wie unterschiedlich zwei bücherverrückte Menschen mit ihren Lesewelten umgehen und wie emotional so ein gemeinsames Bücherregal werden kann! (es kam mir alles sehr bekannt vor ;))

Ich habe mich in vielem wiedergefunden – und war gleichzeitig froh zu merken, dass es offenbar Menschen gibt, die noch ein bisschen buchverrückter sind als ich. Dann wirkt die eigene Manie gleich ganz normal dagegen.

Fadiman, 1953 geboren, Essayistin, Redakteurin und bekennende Bibliomanin, schreibt mit Witz, Wärme und einem feinen Sinn für die kleinen Absurditäten des Lesens. Ex Libris ist charmant, klug und einfach herzerwärmend – und ja, es hat meine Leseliste natürlich verlängert. Mit Blick auf das bald nahende Weihnachtsfest: ein wunderbares Geschenk für alle, die Bücher nicht nur lesen, sondern leben.

So meine Lieben – das war mein Oktober. Wie war eurer? Was habt ihr gelesen und besonders gemocht? Konnte ich euch mit einem meiner Titel Lust auf die Lektüre machen? Freue mich über euer Feedback.

Meine Woche

Gesehen: The Omen (1976) von Richard Donner mit Gregory Peck, Lee Remick und David Warner. Perfekter Halloween Klassiker.

Gehört: The Whole Woman – Anna von Hausswolff ft Iggy Pop, Anna Karenina und The Crystal Ship – Cigarettes after Sex, Holy Winter und Forever Home – Mono, Siren Song – Austra

Gelesen: Was wirklich gegen Quatschargumente hilft, dieses Interview mit Margaret Atwood, We’ve all bought into technosolutionism, but we can opt out.

Getan: ein wunderbares Krimi Dinner, gelaufen, mit einer lieben Freundin in der Sonne Mittag gegessen und das Bücherzimmer aufgeräumt

Gefreut: das das Paket für die Bingereader Gattin irgendwann angekommen ist

Geärgert: nein

Getrauert: nein

Gegessen: ein tolles Krimi-Dinner Menü: Rotkohlsalat, Tofu Shawarma und Malabi

Getrunken: sehr feine Cocktails: Peruvian Plot Twist, Munich Murder Mystery und diesen sehr leckeren Saale-Unstrut Weißburgunder

Geklickt: auf die großartige Rede von Katharina König-Preuss und auf diese von Angela Merkel,

Gestaunt: über den roten Spinnennebel und über die Fotos von Anna und Daniel Rueda

Gelacht: über diese Halloween Dekos

Gewünscht: diese City Guides, dieses Tshirt

Geplant: zum Frisör gehen

Gefunden: Bücher

Gekauft: dieses Poster

Gedacht: November always seemed to me the Norway of the year //Emily Dickinson

Stimmen die bleiben: Marie-Luise Kaschnitz

Marie Luise Kaschnitz gehört zu jenen Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur, die leise sprechen und doch lange nachhallen. Sie, die 1901 in Karlsruhe als Freiin Marie Luise von Holzing-Berstett geboren wurde, wuchs in einer Welt auf, die von Hierarchien und Distanz bestimmt war. Die Mutter – schön, eitel, unnahbar – ließ sich, wie sie später schrieb, „nur durch den Schleier küssen“. Der Vater – melancholisch, vergeistigt, ein Mann des 19. Jahrhunderts – blieb die stille Mitte, um deren Aufmerksamkeit Mutter und Töchter konkurrierten. Besonders die ältere Schwester Helena, genannt Lonja, war die Rivalin im Schatten – ein Konflikt, der das Verhältnis der Schwestern dauerhaft prägte und sich in vielen ihrer Texte als unterschwelliger Schmerz wiederfindet.

Kaschnitz’ Herkunft war konservativ, großbürgerlich, preußisch im besten und im schlechtesten Sinne. Sie lernte früh, sich zurückzunehmen, eine Beobachterin zu sein. Vielleicht erklärt das ihre eigentümliche Haltung während der NS-Zeit: keine aktive Gegnerin, aber auch keine Mitläuferin. Sie schrieb weiter, hielt sich bedeckt, und was sie notierte, zeugt von innerer Distanz – und von Angst. In ihren später veröffentlichten Tagebüchern liest man, wie sehr sie den Krieg, den Hunger, das moralische Verstummen um sie herum als Verstörung empfand, die nie ganz abklingen sollte. Es war, als hätte sie den Schock in sich konserviert. Nach 1945 wurde dieses Verstummen zu ihrem poetischen Thema: das Weiterleben nach dem Zusammenbruch, das langsame Wiederauftauchen aus Schutt und Asche.

An der Seite ihres Mannes, des Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, führte sie ein bewegtes, weltoffenes Leben. Er war ihre große Liebe, ihr Gegenüber, ihr Maßstab. Gemeinsam reisten sie nach Italien, Griechenland, Ägypten – ein Leben zwischen Ausgrabungsstätten und Bibliotheken, voller Gespräche, voller gegenseitiger Achtung. Als Guido 1958 stirbt, stürzte sie in eine tiefe Einsamkeit. In ihren Gedichten klingt die Trauer unüberhörbar nach: „Seit du fort bist, bin ich eine, die wartet, ohne zu wissen, worauf.“ Dieser Satz ist mehr als privater Schmerz – er ist auch ein Echo jener kollektiven Verlorenheit, die das Nachkriegsdeutschland prägte.

Der Dichter ist das Sprachrohr der Ratlosigkeit seiner Zeit.

Die „Dame Kaschnitz“, wie man sie halb ehrfürchtig, halb spöttisch nannte, mochte diesen Titel nicht. Doch was konnte sie dafür, dass sie so wirkte – korrekt, beherrscht, mit jenem unaufdringlichen Stil, den man sich nicht aneignet, sondern mit der Kinderstube erbt. Ihre Herkunft ließ sich nicht verleugnen, ihre Haltung auch nicht. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die sich in die männlich dominierten literarischen Zirkel wagten, als klassische Erscheinung mit doppelter Perlenkette, mit diesen faszinierend schimmernden Augen unter dunklen, buschigen Brauen. Sie rüttelte nicht an den sprachlichen Konventionen, sie erfand die Literatur nicht neu. Aber sie machte sich das zu eigen, was sie kannte, und schrieb daraus Sätze von solcher Klarheit und Würde, dass sie auch heute noch frisch und zeitlos klingen. Sie scheute sich aber auch nicht von ihren Gewissensqualen zu sprechen, als Mutter versagt und in der Nazizeit geschwiegen zu haben.

Das Schwermütige war ein Wesenszug ihrer Dichtung ebenso wie die verspielte Leichtigkeit, die aber, wie Kaschnitz einmal bekannte, Produkt künstlerischer Anstrengung war. Das Geheimnisvolle, Rätselhafte, ein unauflöslicher, ungeklärter Rest sind kennzeichnend für ihre Erzählungen. Surrealistische, gespenstische, unheimliche Elemente erzeugen eine Spannung, die hineinzieht ins Geschehen der scheinbar realistisch erzählten Geschichten. Dieser rational nicht ganz aufzulösende Rest eröffnet eine andere Dimension, die wohl für Marie Luise Kaschnitz lebens- und werkimmanent ist: die Welt der Phantasie. Dass gerade eine Autorin, die mit Perlenkette, Handtasche und hochtoupierter Dauerwelle auftrat, solche Abgründe zu öffnen verstand, gehört zu den schönsten literarischen Überraschungen des 20. Jahrhunderts. Hinter der gepflegten Fassade lauerte stets ein Abgrund – und Kaschnitz sah genau hin.

Als 2000 ihre Tagebücher veröffentlicht wurden, war das kein literarischer Skandal, sondern ein stiller Einblick in ein Leben zwischen Anpassung und Zweifel, Liebe und Verlust. Zehn Jahre nach ihrem Tod wurde der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis ins Leben gerufen, der das Lebenswerk deutschsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller ehrt – ein passendes Vermächtnis für eine Autorin, die zeitlebens nach der Wahrheit in den Zwischenräumen suchte.

Marie Luise Kaschnitz ist eine Stimme, die bleibt. Weil sie uns daran erinnert, dass Literatur, wenn sie ehrlich ist, kein Trostpflaster ist – sondern eine Form von Widerstand sein kann.

Ich würde mich so freuen, wenn mehr Menschen Lust bekämen Marie-Luise Kaschnitz wieder zu entdecken. Mich erinnern Kaschnitz Erzählungen an Muriel Spark oder Shirley Jackson. Gerade heute, an Halloween, wäre doch ein guter Tag mit einer ihrer unheimlichen Geschichten wie unter anderem „Vogel Rock“, „Das dicke Kind“ oder „Die Füße im Feuer“. Im Suhrkamp Verlag kann man ihre gesamten Werke auch als Taschenbuchausgaben für kleines Geld bekommen.

Meine Woche

Gesehen: Bevor ich es vergesse in den Kammerspielen München nach dem Roman von Anne Pauly von und mit Wiebke Puls. Das war Schauspiel der Extraklasse. Ganz kleine Längen in der Mitte, insgesamt absolut sehenswert.

Am anderen Ende der Brücke (2002) von Hu Mei mit Nina Proll und Wang Zhiwen. Der Film basiert auf der wahren Lebensgeschichte einer Österreicherin. Gerne gesehen.

Gehört: The Swans, Jessica Moss

Gelesen: Jenny Erpenbeck über die Dinge die über Nacht verschwanden, diesen Artikel über Annie Lennox, The lives and loves of James Baldwin

Getan: Erkältung auskuriert, mit lieben Freund*innen gegessen, geschrieben, die Kammerspiele und ein Konzert besucht, im Amerikahaus Bücher getauscht

Gefreut: über positives Feedback und über Konzertkarten von einem lieben Freund

Geärgert: über DHL Boten die nie klingeln

Getrauert: nein

Gegessen: Pasta

Getrunken: Golden Biscuit Tea

Geklickt: auf diese Bilder von Lee Miller

Gestaunt: über die Buchmesse in den 60er Jahren

Gelacht: über die Werbung der Möbelaufzug Firma Böcker Agilo und We Are Not Fascists, and If You Call Us Fascists, We Will Arrest You

Geschockt: nein

Gewünscht: diese Tassen und dass sie bitte bitte endlich aufhören zu bohren im Haus

Geplant: wieder laufen und boxen gehen

Gefunden: Bücher

Gekauft: nix

Gedacht: The longer I live, the more deeply I learn that love — whether we call it friendship or family or romance — is the work of mirroring and magnifying each other’s light. //James Baldwin

Read around the World: Niederlande

Auf meiner literarischen Weltreise bin ich jetzt in den Niederlanden angekommen. Ein Nachbarland, das ich seltsamerweise erst einmal besucht habe, das aber ganz oben auf meiner Wunschliste der zu bereisenden Länder steht. Amsterdam vor ein paar Jahren war ein kurzes, intensives Abenteuer – eine fast überfordernde Lebendigkeit ist mir in Erinnerung geblieben und die Mengen an Radler*innen die um mich rum gesaust sind. Doch in den Niederlanden gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Utrecht wurde mir immer wieder ans Herz gelegt, und ich bin mir sicher, bei diesem Weltreise-Stopp gibt es einige, die Tipps für Besuche, Bücher, Musik oder Filme haben.

Aber auch wenn dieser Stopp nicht ganz so exotisch ist wie Mauretanien, Afghanistan oder Sri Lanka, war ich dennoch überrascht, wie viel mir Unbekanntes sich bei der Recherche zu diesem Artikel aufgetan hat. Denn die Niederlande sind eines dieser Länder, die einem vertraut vorkommen, obwohl man sie kaum kennt. Windmühlen, Tulpenfelder, Käse, Fahrräder, Coffee Shops – das Bild scheint klar, fast zu klar. Doch dahinter liegt ein Land, das sich immer wieder neu erfindet: pragmatisch, progressiv, eigensinnig und von einer Geschichte geprägt, in der Landgewinn, Welthandel, Kunst und Protest eine erstaunliche Allianz eingehen.

Ich beginne mal direkt mit den vergleichenden Daten:

  •  Bevölkerung: Rund 17,8 Millionen Menschen leben in den Niederlanden (Stand 2025), also etwa ein Fünftel der deutschen Bevölkerung.
  • Fläche: Mit etwa 41.500 km² sind die Niederlande rund ein Neuntel so groß wie Deutschland
    (≈ 357.000 km²).
  •  Bevölkerungsdichte: Mit über 500 Einwohnern pro km² gehören die Niederlande zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas – besonders im sogenannten „Randstad“-Gebiet (Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Utrecht).
  • Wirtschaft: Die Niederlande sind eine exportstarke Handelsnation – von Hightech bis Agrarprodukten. Sie sind der zweitgrößte Agrar-Exporteur der Welt, trotz ihrer geringen Fläche. Große Sektoren sind Logistik, Chemie, Maschinenbau, Finanzdienstleistungen und ein stark wachsender nachhaltiger Technologiesektor.

Die Geschichte der Niederlande ist eng mit Wasser, Unabhängigkeit und Handel verbunden. Ein großer Teil des Landes wurde dem Meer abgerungen – durch Deiche, Schleusen und geniale Ingenieurskunst. Der ewige Kampf gegen die Flut ist nicht nur geografisch, sondern auch symbolisch: Er steht für Selbstbehauptung und Organisation, für Pragmatismus und Planung.

Im 16. und 17. Jahrhundert stiegen die Niederlande zur globalen Seemacht auf. Die „Goldene Zeit“ brachte Reichtum, Wissenschaft und Kunst hervor – Rembrandt, Vermeer, Spinoza –, aber auch Kolonialismus, Sklavenhandel und Ausbeutung. Wie viele europäische Länder ringt die niederländische Gesellschaft heute mit diesem Erbe: In Museen, in der Bildung, in der Sprache tauchen diese Fragen immer häufiger auf. Der Kolonialismus in Indonesien, Surinam und der Karibik wird nicht mehr verdrängt, sondern zunehmend kritisch aufgearbeitet.

Im 20. Jahrhundert erlebten die Niederlande sowohl die Schrecken der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg als auch den Aufstieg zu einem modernen Wohlfahrtsstaat. In den 1960er- und 70er-Jahren wurden sie zu einem Labor sozialer Reformen: Liberale Drogenpolitik, Abtreibungsrecht, Euthanasiegesetzgebung, gleichgeschlechtliche Ehe – vieles, was anderswo lange tabu war, wurde hier früh gesellschaftlich verhandelt und gesetzlich geregelt. Dieses Bild eines progressiven, offenen Landes prägt den internationalen Blick bis heute, auch wenn sich innenpolitisch zunehmend konservative und rechtspopulistische Kräfte formieren.

Die Niederlande sind ein Land der Vielfalt – nicht nur ethnisch, sondern auch kulturell und sprachlich. Etwa ein Viertel der Bevölkerung hat Migrationshintergrund, viele Menschen stammen aus Indonesien, Surinam, der Türkei, Marokko oder den Antillen. Diese Vielfalt ist Teil des Alltags, aber sie wird nicht selten zum Schauplatz politischer Debatten über Integration, Religion und Identität. Besonders in den letzten Jahren haben Themen wie Islamfeindlichkeit, Rassismus und Wohnungsnot neue gesellschaftliche Spannungen erzeugt.

Auch in Fragen von Klima und Nachhaltigkeit steht das Land vor großen Herausforderungen. Der Meeresspiegel steigt, die Böden sinken, und ein großer Teil des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. Trotzdem sind die Niederlande globaler Vorreiter im Bereich Wasserwirtschaft und nachhaltiger Stadtplanung – mit Projekten wie „Room for the River“ oder schwimmenden Stadtvierteln, die zeigen, wie sich Leben und Umwelt in Balance bringen lassen.

Die rechtliche Situation der LGBTQ+ Community ist seit Jahrzehnten vorbildlich: 2001 waren die Niederlande das erste Land der Welt, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte. Auch Transrechte wurden in den letzten Jahren weiter gestärkt. Dennoch bleibt Diskriminierung im Alltag ein Thema, vor allem in konservativeren Regionen oder im konservativen religiösen Umfeld – die gesellschaftliche Akzeptanz ist also auch hier kein Selbstläufer.

In der Politik stehen die Niederlande derzeit an einem Wendepunkt. Nach den Parlamentswahlen 2023–24 kam es zu einer Neuordnung, die traditionelle Parteienlandschaften aufbrach. Populistische Bewegungen gewannen an Einfluss, während andere Kräfte versuchen, das Land auf einem Kurs zwischen Liberalismus, ökologischer Verantwortung und sozialem Ausgleich zu halten. Gleichzeitig bleibt die niederländische Demokratie robust – kritisch, debattenfreudig und mit einer aktiven Zivilgesellschaft, die regelmäßig laut wird, wenn es um Gleichberechtigung, Klimaschutz oder Pressefreiheit geht.

Fotos: Unsplash

Oft werden die Begriffe „Holland“ und „Niederlande“ synonym verwendet, was geografisch allerdings nicht ganz korrekt ist. Die Niederlande bestehen aus zwölf Provinzen, von denen Nordholland und Südholland nur zwei sind – wenn auch die bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich bedeutendsten, mit Städten wie Amsterdam, Rotterdam und Den Haag. „Holland“ steht also streng genommen nur für diesen westlichen Teil des Landes, hat sich aber im alltäglichen Sprachgebrauch international eingebürgert. Neben dem Niederländischen, das eng mit dem Flämischen in Belgien verwandt ist wird in der Provinz Friesland das Friesische offiziellen Status – eine eigenständige Sprache mit germanischen Wurzeln, die eher dem Englischen als dem Deutschen ähnelt.

Was mich besonders fasziniert an dem Land ist die Verbindung von Bodenständigkeit und Weitblick. Die Niederländer*innen schaffen es, ihr winziges Land zu einem globalen Player zu machen – mit Fahrrädern, Windrädern, Weltoffenheit und einer beeindruckenden Fähigkeit, das Praktische mit dem Visionären zu verbinden.

Jetzt stelle ich euch aber mal das Buch vor, das ich für die Niederlande gelesen habe:

The Safekeep – Yael van der Wouden auf deutsch unter dem Titel „In ihrem Haus“ erschienen im Gutkind Verlag, übersetzt von Stefanie Ochel

Es gibt Bücher, die irgendwie leise daher kommen, sich ganz langsam entfalten – und einen dann völlig überraschen. The Safekeep von Yael van der Wouden war für mich genau so ein Buch: leise, konzentriert, präzise, und plötzlich von einer Wucht, die man nicht kommen sieht. Schon nach wenigen Seiten war klar, dass hier keine gewöhnliche Familiengeschichte erzählt wird, sondern ein vielschichtiges Spiel aus Erinnerung, Schuld und Begehren. In mehrfacher Hinsicht ist dieses Buch etwas Besonderes: Es ist das Debüt der niederländischen Autorin Yael van der Wouden, es wurde ursprünglich auf Englisch verfasst, und sie ist damit die erste niederländische Autorin, die es auf die Shortlist des Booker Prize geschafft hat. Yael van der Wouden wurde 1987 geboren und wuchs in den Niederlanden auf. Sie hat einen israelisch-niederländischen Hintergrund, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Utrecht und an der Binghamton University in den USA.

Die Handlung führt in die niederländische Provinz Overijssel, in den Sommer 1961. Isabel lebt dort allein in dem Haus ihrer verstorbenen Mutter, umgeben von Dingen, die in penibler Ordnung verharren. Alles ist still, geregelt, kontrolliert – ein Leben, das sich in Ritualen und Routinen festhält. Als ihr Bruder Louis mit seiner neuen Freundin Eva auftaucht und für den Sommer bleibt, gerät dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken. Eva ist das genaue Gegenteil von Isabel: lebendig, neugierig, körperlich. Sie bewegt sich durch das Haus, öffnet Türen, betritt Räume, die Isabel lieber verschlossen gehalten hätte. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die sich kaum benennen lässt – eine Mischung aus Abwehr, Begehren und schleichender Bedrohung. Was anfangs wie eine stille Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem psychologisch dichten Drama, in dem Schuld, Erinnerung und Verdrängung untrennbar miteinander verwoben sind. Und dann kommt eine Wendung, so unerwartet und doch so konsequent, dass man das Buch für einen Moment zuschlagen möchte, um durchzuatmen.

Was mich an The Safekeep besonders beeindruckt hat, ist die Art, wie Yael van der Wouden Atmosphäre erzeugt. Sie braucht keine spektakulären Szenen oder großen Gesten. Das Unheimliche wächst in der Stille, im Zögern, in einem Blick, der zu lange dauert. Das Haus wird zur Bühne der inneren Zersetzung, ein Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart unmerklich ineinanderfließen. Man spürt in jedem Satz die Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Van der Wouden schreibt in einer klaren, präzisen Sprache, die an niederländische Stillleben erinnert – jede Bewegung, jedes Detail scheint festgehalten, bis man merkt, dass etwas im Bild verrutscht.

Auch thematisch bewegt sich der Roman auf mehreren Ebenen zugleich. Die familiäre Enge und das unausgesprochene Trauma verweisen auf eine größere historische Dimension: die Nachkriegszeit, die Schatten der Kollaboration, das Schweigen über Schuld. Diese Themen sind nie plakativer Hintergrund, sondern fließen in die private Geschichte ein – in die Art, wie Isabel Dinge ordnet, wie sie mit Erinnerungen ringt, wie sie versucht, das Unheimliche zu bannen. In dieser Verbindung von psychologischer Genauigkeit und geschichtlicher Tiefe liegt für mich die große Stärke des Romans.

Besonders die überraschende Wendung am Ende verleiht der Geschichte eine neue Perspektive, ohne den Zauber oder die Ambivalenz der Figuren aufzulösen. Sie zwingt einen, das Gelesene noch einmal neu zu betrachten, mit anderen Augen.

The Safekeep ist ein außergewöhnliches Debüt – eines, das sowohl literarisch anspruchsvoll als auch emotional tief berührend ist. Es ist ein Roman über Ordnung und das Chaos darunter, über Begehren, das sich nicht benennen lässt, über das, was ein Haus bewahrt, und das, was darin verloren geht. Wer sich auf diese stille, intensive Geschichte einlässt, wird reich belohnt. Für mich zählt sie jetzt schon zu meinen Lieblingsbüchern dieses Jahres.

OK das war eine Menge Text bisher, bei Musik- und Filmtipp halte ich mich daher kurz. Ein Film den ich vor vielen Jahren im Kino sah und an den ich tatsächlich immer wieder mal denke ist „Antonia“ von Marleen Gorris. Muss ich unbedingt mal wieder anschauen!

Überraschenderweise sind mir gar nicht so viele niederländische Bands eingefallen, die ich hier hätte vorstellen können. Eine Gruppe aber, die mich über viele Jahre begleitet hat – und bei der ich sogar einmal live war – ist Within Temptation. Ich habe sie ewig nicht mehr gehört, aber sie waren damals eine meiner ersten Begegnungen mit niederländischer Musik jenseits des Mainstreams. Here you go:

Jetzt seid ihr wieder dran – was verbindet ihr mit den Niederlanden ? Habt ihr Lieblingsorte? Welche Bücher / Filme / musikalischen Tipps habt ihr für mich?

Weitere Romane aus den Niederlanden die ich gelesen habe und empfehlen kann sind:

  • Das Tagebuch der Anne Frank – Anne Frank
  • Der Virtuose – Margriet de Moor
  • Intimacies – Katie Kitamura
  • Das Wüten der ganzen Welt – Maarten ‚t Hart
  • Die Entdeckung des Himmels – Harry Mulisch
  • Das Meisterstück – Anna Enquist
  • Frederick – Leo Lionni

Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam, Ukraine, Mauretanien, Mexiko) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.

Meine Woche

Gesehen: Godland (2022) von Hlynur Pálmason mit Elliott Crosset Hove und Vic Carmen Sonne. Isländisches Drama um einen dänischen Pfarrer der im 19. Jahrhundert eine Kirche ins Island bauen will. Unfassbar tolle Bilder.

Gehört: I remember I forget – Yasemine Hamdam, Symphonique – Zaho de Sagazan, Weltschmerz – Pictures from Nadira, Caroline – FKA Twigs & Venera

Gelesen: The Pushkin job: unmasking the thieves behind an international rare books heist, Antizionismus als Ersatzreligion, Ta-Nehisi Coates on Bridging Gaps vs. Drawing Lines

Getan: mit dem Bookclub beim Krimi Dinner einen Mordfall gelöst, eine Erkältung auskuriert, mit lieben Freundinnen gegessen, Radl von der Inspektion geholt und in der Sonne spazieren gegangen

Gefreut: über den Friedensnobelpreis für María Corína Machado

Geärgert: nö

Getrauert: um Diane Keaton

Gegessen: Geschmorte Lammschulter mit Kreuzkümmel und Minze

Getrunken: Six Rats

Geklickt: auf diese umwerfenden Fotos von Vögeln und eine Zeitreise mit IKEA Katalogen

Gestaunt: über fußballspielende Hummeln

Geschockt: nein

Gewünscht: diesen Schrank, diesen Whisky, diesen kleinen „Glow Buddy

Geplant: die Winterklamotten raussuchen

Gefunden: Bücher

Gekauft: eine Lesebrille

Gedacht: Seek elegance rather than luxury, refinement rather than fashion

September Lektüre

Der September ist einer meiner Lieblingsmonate – und auch literarisch war er in diesem Jahr ein voller Erfolg. Besonders geprägt war er vom Erlanger Poetinnenfest, wo ich gleich mehreren der Autor*innen meiner diesmonatigen Lektüren begegnet bin: Ulrike Draesner, Fikri Anıl Altıntaş und Dimitrij Kapitelman. Insgesamt habe ich neun Bücher gelesen – ein wahrer literarischer Roadtrip.

Meine Lektürereise führte mich quer durch Zeiten und Kontinente: nach Mexiko, durch die USA an der Seite von John Steinbeck und seinem Königspudel Charley, bis hinaus aufs Meer, wo Penelope vor Ithaka in See sticht – und ich gleich dortgeblieben bin, denn auch Richard Powers’ „Das große Spiel“ spielt zu weiten Teilen im Ozean. Mit Dimitrij Kapitelman und Fikri Anıl Altıntaş habe ich zudem zwei besondere Familiengeschichten gelesen, die auf sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen berührende Weise von Herkunft und Identität erzählen.

Ein wirklich guter Monat also – vielfältig, nachdenklich, manchmal melancholisch, oft überraschend. Hier kommt nun meine Septemberlektüre im Detail: Bücher, die ich euch wärmstens ans Herz legen möchte.

Ulrike Drasener – penelopes sch()iff erschienen im Penguin Verlag

Dieser Roman in Versform hat mich sehr begeistert und ich habe ihn hier vor Kurzem bereits besprochen.

Travels with Charley – John Steinbeck auf deutsch unter dem Titel „Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika“ in dtv Verlag erschienen, übersetzt von Burkhart Kroeber

Dieses Buch wurde mir von einer lieben Freundin schon vor einer ganzen Weile empfohlen und endlich komme ich dazu, ihrem guten Tipp zu folgen: Selten hat mich ein Buch so sehr dazu gebracht, sofort den Koffer zu packen und einfach loszufahren. Dieses Buch hat in mir ein Fernweh geweckt, das zugleich Freiheit, Abenteuer und Lust auf stille Begegnungen macht. Ganz ohne großes Pathos, ganz ohne literarische Verrenkungen – einfach durch Steinbecks Blick, seine Sprache, seinen Ton.

Worum geht es? 1960, schon ein berühmter und reifer Autor, macht sich Steinbeck auf, sein eigenes Land noch einmal neu zu erkunden. Er will die Vereinigten Staaten nicht aus der Distanz der Zeitungen und Fernseher sehen, sondern mit eigenen Augen und Ohren erleben. Dazu lässt er sich ein Gefährt bauen, das er liebevoll Rocinante nennt, nach Don Quijotes klapprigem Pferd. Mit an Bord: Charley, ein französischer Pudel, der nicht nur Begleiter, sondern fast so etwas wie Gesprächspartner und Spiegel ist. Gemeinsam ziehen sie los, durch Neuengland, den Mittleren Westen, die Weiten Montanas, die Städte und Sümpfe des Südens.

I have always lived violently, drunk hugely, eaten too much or not at all, slept around the clock or missed two nights of sleeping, worked too hard and too long in glory, or slobbed for a time in utter laziness. I’ve lifted, pulled, chopped, climbed, made love with joy and taken my hangovers as a consequence, not as a punishment

Es ist eine Reise voller kleiner Begegnungen: Tankwarte, Farmer, Verkäuferinnen, Städter. Steinbeck hört zu, fragt nach, beobachtet – und hat ein unglaubliches Talent, die Geschichten dieser Menschen in ein paar Seiten lebendig werden zu lassen. Dabei klingt er nie gönnerhaft, nie belehrend. Er schaut hin, er beschreibt, und man spürt seine große Zuneigung zu den Menschen, so unterschiedlich sie auch sind.
Genauso eindringlich sind seine Naturbeschreibungen. Wenn Steinbeck durch die Wälder von Maine fährt oder die Ebenen der Dakotas durchquert, dann spürt man diese Landschaften beim Lesen. Er schreibt klar, ungekünstelt, aber immer poetisch – so, dass man glaubt, man säße selbst auf dem Beifahrersitz, mit Charley im Rückspiegel.

Natürlich hat die Reise auch dunkle Seiten. Besonders im Süden stößt Steinbeck auf offene Rassentrennung und Proteste gegen die Integration. Seine Notizen dazu sind von einer Schärfe, der man seine Wut dagegen anmerkt. Er will nicht einfach nur reisen, er will verstehen. Er konfrontiert sich mit dem, was weh tut, und genau darin liegt die Ehrlichkeit dieses Buches.

Travels with Charley ist nicht nur eine Reise durch Amerika, sondern auch eine Reise ins Innere – ein Buch über Begegnungen, Landschaften, Politik, Alltag, über die Sehnsucht nach Freiheit und das Bedürfnis nach Nähe. Vor allem aber ist es ein stilles, wunderschönes Plädoyer dafür, sich immer wieder neu aufzumachen, mit offenen Augen und offenen Ohren.
Ein Buch, dass es auf Rezept geben sollte, da es garantiert Blutdruck senkende und stressmindernde Qualitäten hat. Vertraut mir und lest dieses Buch 😊

The Illiac Crest – Cristina Rivera Garza erschienen im Verlag And Other stories, übersetzt von Sarah Booker (eine deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht) und Die Schwerelosen – Valeria Luiselli erschienen im Kunstmann Verlag, übersetzt von Dagmar Ploetz

Diese beiden Bücher habe ich für meine Mexiko Stopp auf der literarischen Weltreise gelesen und meinen Eindruck dazu könnt ihr hier nachlesen.

Zwischen uns liegt August – Fikri Anıl Altıntaş erschienen im C. H. Beck Verlag


Noch ein Autor den ich auf dem Poetinnenfest endeckt habe und ein Roman bei dem ich schon nach wenigen Sätzen dachte: hier jemand schreibt, der genau hinhört – in die Zwischenräume von Sätzen, in die stillen Bewegungen zwischen Mutter und Sohn. Dank an C. H. Beck für das Rezensionsexemplar.

Altıntaş erzählt von den letzten Monaten einer an Krebs erkrankten Mutter und ihres Sohnes – und er tut das ohne Pathos, ohne jedes überflüssige Wort. Während die Krankheit das Ende unausweichlich erscheinen lässt, bleibt der Alltag seltsam standhaft: Krankenhausflure, Fahrten zum Supermarkt, das gemeinsame Kochen, kleine Gesten, die plötzlich mehr Gewicht tragen als große Erklärungen. Diese Alltäglichkeit verleiht dem Buch seine besondere Stärke – es ist kein Roman über das Sterben, sondern über das Weiterleben, bis zuletzt.

Parallel entfaltet sich die Vergangenheit der Mutter: ihre Kindheit in der Türkei, das Aufbrechen nach Deutschland, das Leben zwischen Sprachen, zwischen Erwartungen und Eigenwillen. Der Sohn versucht, zu verstehen, was sie geprägt hat, was sie weitergegeben hat – und was unausgesprochen blieb. Altıntaş beschreibt all das mit großer Empathie und einem genauen Blick für die leisen Brüche, die Generationen und Kulturen voneinander trennen und zugleich verbinden.

Es tut weh, darüber nachzudenken, dass sich Routinen verschieben

Mich hat dieses Buch sehr berührt, vielleicht gerade weil es sich nie übermässig in Emotionen verliert. Es bleibt leise, und gerade darin liegt seine Eindringlichkeit. Zwischen den Zeilen spürt man die Zärtlichkeit dieser Beziehung, aber auch die unausgesprochenen Spannungen, die Scham, die Müdigkeit, das zähe Ringen um Nähe. Besonders stark fand ich den Moment, in dem die Mutter – unerwartet und klar – für sich selbst einsteht, für ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse, die sie so lange zurückgestellt hatte. Dieser Augenblick wirkt wie ein kleines Aufleuchten inmitten des Abschieds.

Altıntaş schreibt ohne große Dramatik, aber mit einem tiefen Wissen um das, was zwischen Menschen unausgesprochen bleibt. Eine eindringliche, zärtliche und zugleich schmerzlich ehrliche Geschichte – und für mich eines der bewegendsten Bücher des Jahres.

Liebe in Zeiten des Hasses – Florian Illies erschienen im S. Fischer Verlag

Florian Illies’ Liebe in Zeiten des Hasses ist ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern in das man hineingezogen wird wie in eine Chronik des taumelnden 20. Jahrhunderts. Diese kurzen, vignetteartigen Miniaturen über Künstler, Dichterinnen, Denker und Verirrte der Zwischenkriegszeit entfalten eine eigentümliche Mischung aus Eleganz, Schmerz und Ironie. Illies beherrscht die Kunst, das Schicksal einer ganzen Epoche in einem einzigen Augenblick, in einer Geste, in einem Blick zwischen zwei Liebenden oder einem Satz aus einem Brief zu verdichten. So entsteht ein Mosaik aus schillernden, verletzlichen Fragmenten, in dem sich die Jahre 1930 bis 1939 wie ein langsames, unausweichliches Abrutschen anfühlen – von der fiebrigen Kreativität der Avantgarde hinein in den Abgrund der Gewalt.

Beim Lesen überkommt einen immer wieder dieses „uncanny“ Gefühl, dass Geschichte keine lineare Bewegung ist, sondern ein Kreisen – dass sich die Gespenster jener Zeit längst wieder in unserer Gegenwart einnisten. Man liest von den Intellektuellen, die sich noch über politische Extreme mokieren, während sie sich schon in deren Bannkreis befinden, und man denkt unwillkürlich an die Rhetorik unserer Tage, an die neuen Fronten, die wieder gezogen werden. Illies’ Stil – halb distanziert, halb zärtlich – verstärkt diese Beklemmung. Er kommentiert kaum, er beobachtet, lässt uns die Ahnung des Kommenden mitempfinden, als säßen wir mit ihm am Rande eines brennenden Jahrzehnts und wüssten, dass der Rauch schon zu uns herüberzieht.

Manchmal ist mir da aber auch zu viel Hektik bei all der Spannung zwischen Schönheit und Entsetzen. Da ist eine fast voyeuristische Lust, in die Salons und Ateliers jener Zeit zu blicken, wo noch getanzt, geliebt, gestritten wird – wissend, dass all das bald zerstört sein wird. Illies zeichnet diese Welt mit feiner Ironie, aber ohne Spott; man spürt seine Melancholie über das, was unwiederbringlich verloren ging, und seine stille Wut darüber, wie blind viele damals in ihr eigenes Verderben liefen.

Man kann kein Licht entdecken, solange man nur die Dunkelheit analysiert.

So liest sich Liebe in Zeiten des Hasses letztlich wie ein Spiegel – ein historischer, aber auch ein existenzieller. Die Figuren dieser Jahre sind uns näher, als wir glauben: in ihrem Wunsch nach Bedeutung, nach Liebe, nach Schönheit trotz der Dunkelheit. Und während man Seite um Seite in diese Welt eintaucht, stellt sich unweigerlich die Frage, ob wir gerade wieder in einer solchen Zwischenzeit leben – in einem Moment, in dem alles noch möglich scheint, aber längst kippt.

Russische Spezialitäten – Dimitrij Kapitelman erschienen im Hanser Verlag

Ich habe Dimitrij Kapitelmans „Russische Spezialitäten“ zuerst gehört, dann erst gelesen – bei seiner Lesung in Erlangen. Kapitelman hat für mich in seiner Stimme schon den Rhythmus seines Schreibens mitschwingen zu lassen: eine Mischung aus Schärfe, Witz und stiller Melancholie. Ich hatte das Buch für einen Bekannten mitgebracht, der unbedingt eine Widmung seines Lieblingsautors wollte – und in der Aufregung zwischen Publikum, Signiertisch und Smalltalk habe ich dann völlig vergessen, ein schönes Cover-Bild für den Artikel hier zu machen.

Gelesen habe ich Russische Spezialitäten schließlich auf der Rückfahrt vom Poetinnenfest, in einer Reihe von Nahverkehrszügen mit reichlich Verspätung und somit genügend Zeit, mich ganz in diese Geschichte zu versenken. Es war die perfekte Lektüre für eine solche Reise: ein Buch über das Unterwegssein, über Herkunft und Zugehörigkeit, über das, was bleibt, wenn man ständig zwischen Welten pendelt.

Kapitelman erzählt von seiner ukrainisch-jüdischen Familie, von Eltern, die sich in der Fremde neu erfinden müssen, und von einem Sohn, der versucht, ihre Vergangenheit zu verstehen, ohne sich darin zu verlieren. Das klingt nach schwerem Stoff, ist es aber nicht. Sein Ton ist leicht, fast tänzerisch. Humor und Schmerz stehen nebeneinander, oft in einem Satz. Er schreibt mit Zärtlichkeit, aber ohne Sentimentalität, mit Ironie, aber ohne Distanz. Gerade diese Balance macht das Buch so besonders – es ist persönlich, politisch und poetisch zugleich. Da ich vor Kurzem erst seinen Roman „Eine Formalie in Kiew“ gelesen habe, kam mir das ganze Setting und seine Protagonist*innen wunderbar vertraut vor.

Seit der Invasion habe ich das Gefühl, kein richtiger Mensch mehr zu sein. Die unerträgliche und unerträglich sinnlose Tragödie, die Russland in mein Geburtsland gebracht hat. Ich blende sie aus, um in meinem friedlichen, vom dummen Glück okkupierten Leben zu funktionieren.

Ich war ehrlich überrascht, Russische Spezialitäten nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden. (Genauso wenig wie meine absolute Favoritin Annett Gröschner mit „Schwere Lasten“ – grrrr) Für mich ist der Roman Literatur, die wirkt, weil sie vertraut klingt – wie ein Gespräch, das man auf einer langen Zugstrecke zufällig beginnt und ungern beendet. Vielleicht war das für die Juror*innen nicht experimentell genug.

Kapitelman schreibt mit einer Wärme, die ich sehr schätze: aufmerksam, witzig, verletzlich. „Russische Spezialitäten“ ist ein Buch, das sich leise entfaltet, das nachwirkt und Lust macht auch weitere Bücher des Autors zu lesen.

Sommer in Lesmona – Marga Berck erschienen im Rowohlt Verlag

Ich wollte mich mit „Sommer in Lesmona“ vom Sommer verabschieden und erwartete eine leichte, nostalgische Geschichte mit Lindenblütenduft und Sonnenschein. Doch schon nach den ersten Seiten merkte ich, dass unter dieser heiteren Oberfläche etwas anderes schwingt: eine Ahnung von Vergänglichkeit, die das ganze Buch durchzieht. Marga Berck – hinter diesem Pseudonym steht Magdalene Pauli, geborene Melchers, Bremer Kaufmannstochter und spätere Frau des Kunsthistorikers Gustav Pauli – hat in „Sommer in Lesmona“ weit mehr hinterlassen als eine charmante Folge von Backfischbriefen die sie mit ihrer besten Freundin austauscht. Sie hat Zeugnis abgelegt über Jugend und Freiheit im Schatten einer Zeit, die noch gar nicht weiß, dass sie vergeht.

Der Roman, der auf einem echten Briefwechsel aus den 1890er Jahren basiert, beginnt als scheinbar harmlose Sommergeschichte: Ein junges Mädchen schreibt ihrer Freundin von Reisen, Festen, Spaziergängen und einer verbotenen Liebe. Diese Briefe atmen eine Unschuld, die von einer leisen Melancholie überlagert sind und eine unerwartete dramatische Wendung nehmen. Denn alles, was Marga erlebt, scheint so hell, so lebendig, und doch weiß man als Leserin: Diese Welt wird verschwinden – nicht nur für sie, sondern für ganz Europa.

Die Eltern trafen viele Bekannte, darunter sehr viele elegante Leute aus Frankfurt und London. Angesichts dieser Welt entdeckte Mama, daß ich angezogen wäre wie ein Mistkäfer. Sie selbst sieht ja immer so vornehm aus. Aber nun sah sie ein, daß ich aussah, als käme ich aus Gröpelingen. Abends waren beide Eltern furchbar zärtlich zu mir und sagten, es wäre doch so nett, daß Du und ich so wenig Wert auf teure Kleider gelegt hätten. Du hättest ja nun als Braut schon sehr schöne Sachen aus Hannover bekommen, und ich sollte jetzt in Wiesbaden ganz neu ausgesteuert werden! Wir haben wirklich beide wenig an unsere Kleider gedacht, und für Bremen hat es ja noch immer genügt.

Hinter dem hellen Licht von Lesmona liegt der Schatten einer Biografie, die fast symbolisch für den Verlust einer ganzen Epoche steht. Magdalene Pauli, die Verfasserin dieser Briefe, führt später ein Leben, das kaum gegensätzlicher sein könnte: aus der Geborgenheit des großbürgerlichen Bremen hinaus in eine Welt der Brüche. Sie heiratet einen Kunsthändler, erlebt die kulturelle Blüte Europas – und wird zugleich Zeugin seines Untergangs. Zwei Weltkriege, wirtschaftliche Krisen, gesellschaftliche Umwälzungen. Sie überlebt all ihre Kinder – und wird zum Glück im hohem Alter überredet diese Jugendbriefe herauszugeben.

Ich habe dieses Buch mit einer zunehmenden Wehmut gelesen. Pauli hat mit Sommer in Lesmona ein Denkmal gesetzt für die Zerbrechlichkeit des Glücks. Ein leises, kluges, vollkommen zeitloses Buch – und, wenn man die Tragik der Autorin kennt, auch ein sehr bewegenden Zeitzeugnis Wer sich mit Sommer in Lesmona vom Sommer verabschiedet, verabschiedet sich zugleich von einer Welt, die es so nie wieder geben wird.

Das große Spiel – Richard Powers erschienen im Penguin Verlag, übersetzt von Eva Bonné

Kennt ihr das? Autorinnen, Bands, Künstlerinnen, die eigentlich komplett eurem Beuteschema entsprechen, alles klingt, als müsse es definitiv passen – aber es wird irgendwie nix. Musikalisch denke ich da gerade an Nine Inch Nails, literarisch ist das bei mir Richard Powers. Schon durch „The Overstory“ habe ich mich sehr gequält, obwohl ich mich auf das Buch gefreut hatte. Mit „Das große Spiel“ ging es mir definitiv besse, denn gequält habe ich mich absolut nicht, ich habe es durchaus flott gelesen, konnte aber trotzdem keine wirkliche Verbindung zu der Geschichte aufbauen.

Inhaltlich erzählt Powers die Geschichte von mehreren Menschen, deren Leben auf komplexe Weise miteinander verwoben sind. Evie, Meeresbiologin, erforscht die Tiefen des Ozeans; Todd, Programmierer, arbeitet an einem Spiel, das Realität und Simulation verschwimmen lässt; Rafi, Künstler, sucht nach neuen Ausdrucksformen in einer zunehmend digitalen Welt. Ihre Wege kreuzen sich auf überraschende und teilweise geheimnisvolle Weise, wobei die Insel Makatea als eine Art Brennpunkt für Neubeginn, Begegnung und persönliche Reflexion dient. Powers verwebt darin Themen wie Wissenschaft, Kunst, menschliche Beziehungen und die Suche nach Sinn in einer komplexen, globalisierten Welt.

Jeder Tanz ist ein Spiel, und jedes Spiel erklärt sich am besten selbst. Denn was tun alle Geschöpfe anderes, als auf dem Erdkreis zu spielen, im Angesicht eines spielenden Gottes?

Evie fand ich als Protagonistin durchaus faszinierend, aber ihre Geschichte verendet irgendwann im Belanglosen, und das Ende des Buches wirkte auf mich merkwürdig. Die erzählerische Struktur, das Verweben der unterschiedlichen Perspektiven und die fast kaleidoskopische Breite des Romans haben mich zeitweise an die letzte Folge von Lost erinnert 😉

Das Bild vom Leben als Spiel fasst die Grundidee des Romans treffend zusammen: eine poetische Reflexion über die Verflochtenheit von Menschen, Handlungen und der Welt, ohne dass Powers dabei versucht ist einfache Antworten zu geben.

Für mich bleibt „Das große Spiel“ ein solides Buch – gut zu lesen, klug und auch ambitioniert, aber insgesamt funkt es einfach nicht zwischen mir und Powers.

Jetzt bin ich gespannt – was waren eure Highlights im September und konnte ich euch vielleicht auf das eine oder andere Buch neugierig machen?