Kluge Köpfe

Women & Power – Mary Beard

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Mary Beard argumentiert in diesem brillianten kleinen Büchlein, dass Frauen seit den ersten Niederschriften der alten Griechen zurückgehalten und ihre Stimmen unterdrückt wurden. Ein essentiell wichtiges feministisches Dokument in der Diskussion, wie wir es als Gesellschaften schaffen, Frauen mehr Macht- und Sprachanteilen zu ermöglichen. In meinen Augen ist es eine Frage der Intelligenz und auch der moralischen Integrität sich (auch als Mann) als Feminst/in zu bezeichnen. Unsere sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konventionen müssen von Grund auf neu gedacht werden um sie zu öffnen, gesamtheitlicher und fairer zu gestalten.

You cannot easily fit women into a structure that is already coded as male; you have to change the structure.”

Am Beispiel des Telemachus, Odysseus‘ Sohn,  zeigt sie das erste schriftliche Zeugnis des systematischen Stillschweigens mit dem man Frauen seit Jahrhunderten belegt:

„The process starts in the first book with Penelope coming down from her private quarters into the great hall, to find a bard performing to throngs of her suitors; he’s singing about the difficulties the Greek heroes are having in reaching home. She isn’t amused, and in front of everyone she asks him to choose another, happier number. At which point young Telemachus intervenes: ‘Mother,’ he says, ‘go back up into your quarters, and take up your own work, the loom and the distaff … speech will be the business of men, all men, and of me most of all; for mine is the power in this household.’ And off she goes, back upstairs…“

„When it comes to silencing women, Western culture has had thousands of years of practice.“

Mary Beard ist eine Altphilologin mit immensem Wissen und einem Hirn, auf das ich neidisch bringt. Sie bringt für mich neue Perspektiven in diese viel diskutierte Problematik und scheut sich auch nicht, unbequem zu sein. In Großbritannien ist sie insbesondere unter jungen Frauen gerade ein absoluter Star und ich hoffe, ich werde irgendwann einmal die Möglichkeit haben, sie live zu hören. Bis dahin begnüge ich mich mit einem ihrer Vorträge auf youtube: Unbedingt angucken, die Frau ist einfach klasse:

„The Fire Next Time“ – James Baldwin

 

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„And all this is happening in the richest and freest country in the world, and in the middle of the 20th century. The subtle and deadly change of heart that might occur and you would be involved with the realization that a civilization is not destroyed by wicked people; it is not necessary that people be wicked but only that they be spineless.“

Das zweite Buch aus dem Bowie Bookclub war eine ganz große Entdeckung für mich. Ich kannte bislang nur seinen Roman „Giovannis Room“, den ich sehr gerne gelesen habe und der in unserem Bookclub für sehr interessante Diskussionen sorgte. Ich habe vor einer Weile eine Dokumentation über ihn gesehen. „The Fire Next Time“ ist ein unglaublich klarsichtiger, bitter-aufrüttelnder Text, der leider nur wenig von seiner Aktualität und Notwendigkeit verloren hat, seit seiner Veröffentlichung 1962.

Der Text ist in Form eines Briefes an seinen Neffen geschrieben mit dem Titel „Letter to my nephew on the 100th anniversary of the emancipation“ und zeigt seine Gedanken zum Zustand der Gesellschaft und den Auftrag und die Hoffnung für den Neffen, dieser mit Achtung und Liebe zu gegegnen, auch wenn diese Gesellschaft alles andere als liebenswert ist. Der zweite Teil „Down at the Cross: Letter from a Region in My Mind“ ist autobiographischer, stärker politische Analyse und er reflektiert über seine eigene Rolle in der Bürgerrechtsbewegung der afroamerikanischen US-Bürger.

Der Text ist erschreckend brilliant und ich habe gefühlt das halbe Buch unterstrichen und weiß aus der Fülle gar nicht, welche Zitate ich auswählen soll. Es ist krass, wie wenig sich seit den 1960 Jahren verändert hat und mit dem Zitat hier hat er nicht ganz unrecht, wobei ich fürchte man kann „Amerika“ hier mit fast jedem Land ersetzen. Es ist absolut nicht nachvollziehbar wie unmenschlich Afro-Amerikaner behandelt wurden und teilweise noch werden.

“I imagine one of the reasons people cling to their hates so stubbornly is because they sense, once hate is gone, they will be forced to deal with pain.”

Trotz seiner Offenheit ist es kein ausschließlich wütendes Buch sondern ein Buch basierend auf seinen eigenen persönlichen Erfahrungen und es ist hoffnungsvoll und bietet Lösungen an. Ein Buch, das ich eigentlich zur Schullektüre machen wollen würde, hätte ich nicht das Gefühl, damit tut man Büchern nicht unbedingt einen Gefallen. Ein wichtiges, wunderbares Buch.

“The impossible is the least that one can demand.” 

Das hier ist Wasser / This is water – David Foster Wallace

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Irgendjemand hat „This Is Water“ mit Rilkes „Brief an einen jungen Dichter“ verglichen und der Vergleich ist nicht schlecht, auch wenn es sich hier nicht um eine Briefsammlung handelt, sondern um eine Rede vor Universitätsabsolventen, die Wallace 2005 am Kenyon College gehalten hat.

In dieser Rede spricht er darüber dass das Wichtigste im Leben eines reflektierten Individuums die Fähigkeit ist, zu erkennen, dass man selbst dafür verantwortlich ist zu entscheiden, welche Perspektive man in sämtlichen Situationen einnehmen will. Das Einnehmen der Perspektive ist eine bewusste Entscheidung (wenn auch nicht immer eine einfache) und das Wichtigste ist, uns von unser permanenten Ich-Bezogenheit frei zu machen. Wir können heulen, weil es an unserem Geburtstag regnet und auch noch überzeugt davon sein, dass es auch immer nur an unserem Geburtstag immer regnet, oder aber wir ändern unsere Perspektive und versuchen, das Beste draus zu machen.

“The really important kind of freedom involves attention, and awareness, and discipline, and effort, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them, over and over, in myriad petty little unsexy ways, every day.”

Wallace argumentiert, dass das eigentliche Ziel von Universitätsabschlüssen sein muss, den Menschen eine Wertschätzung für den Prozess des Lernens und Verstehens zu vermitteln sowie die Fähigkeit, emphatisch zu sein und sich in die Schuhe eines anderen begeben zu können. Immer wieder verdeutlicht er durch Beispiele, dass Gedanken wie „immer stehe ich in der langsamsten Kasse im Supermarkt“ einen nicht nur unglücklich machen, sondern man sich immer mal vor Augen halten sollte, woran es liegen könnte, dass es gerade langsam ist an der Kasse. Hält da vielleicht jemand für seine Einkäufe sämtliche gesammelten Coupons der letzten Wochen hin, nicht um seine Umwelt zu ärgern, sondern weil er einfach nicht genug Bargeld hat um die Lebensmittel sonst zu kaufen…?

“The really important kind of freedom involves attention, and awareness, and discipline, and effort, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them, over and over, in myriad petty little unsexy ways, every day.”

Wallace versucht in diesem kurzen Text zu zeigen, was es bedeutet, ein leidenschaftliches und bedeutungsvolles Leben zu leben.  Die Message ist einfach aber zutiefst bewegend sowohl in Textform als auch noch mal mehr wenn man ihn selbst sprechen hört:

Drei immens kluge Köpfe, von denen ich unbedingt noch sehr viel mehr lesen möchte. Kennt ihr diese Texte und welche haben euch besonders bewegt, die ich vielleicht auch noch lesen sollte?

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David Bowie Bookclub

David Bowie war zeitlebens ein unersättlicher Leser. Es gibt von ihm fast so viele Fotos, die ihn bei der Lektüre zeigen, wie von Marilyn Monroe. Seit einer Weile geistert im Internet eine Liste mit Bowies 100 liebsten Büchern herum und Anfang des Jahres hatte sein Sohn Duncan die wunderbare Idee, einen virtuellen David Bowie Bookclub auf Twitter zu gründen.

David Bowie ist eine so spannende Persönlichkeit, ich liebe seine Musik, seine Filme, daher möchte ich mich unbedingt auch mit den Büchern beschäftigen, die für ihn besonders wichtig waren. Da sind ein paar dabei, die ich bereits kenne und gerne wiederlesen möchte, aber auch einiges, was es für mich noch zu entdecken gibt.

Es war also schnell klar, da mache ich mit, auch wenn das bedeutet, dass ich jetzt eine „außer-bookclubige“ virtuelle Affäre habe 😉

Hier die berühmte Liste, ich werde hier nach und nach die Rezensionen der gelesenen Bücher einstellen:

  • Interviews With Francis Bacon – David Sylvester
  • Billy Liar – Keith Waterhouse
  • Room At The Top – John Braine
  • On Having No Head – Douglass Harding
  • Kafka Was The Rage – Anatole Broyard
  • A Clockwork Orange – Anthony Burgess
  • City Of Night – John Rechy
  • The Brief Wondrous Life Of Oscar Wao – Junot Diaz
  • Madame Bovary – Gustave Flaubert
  • Iliad – Homer
  • As I Lay Dying – William Faulkner
  • Tadanori Yokoo – Tadanori Yokoo
  • Berlin Alexanderplatz – Alfred Döblin
  • Inside The Whale And Other Essays – George Orwell
  • Mr. Norris Changes Trains – Christopher Isherwood
  • Halls Dictionary Of Subjects And Symbols In Art – James A. Hall
  • David Bomberg – Richard Cork
  • Blast – Wyndham Lewis
  • Passing – Nella Larson
  • Beyond The Brillo Box – Arthur C. Danto
  • The Origin Of Consciousness In The Breakdown Of The Bicameral Mind – Julian Jaynes
  • In Bluebeard’s Castle – George Steiner
  • Hawksmoor – Peter Ackroyd
  • The Divided Self – R. D. Laing
  • The Stranger – Albert Camus
  • Infants Of The Spring – Wallace Thurman
  • The Quest For Christa T – Christa Wolf
  • The Songlines – Bruce Chatwin
  • Nights At The Circus – Angela Carter
  • The Master And Margarita – Mikhail Bulgakov
  • The Prime Of Miss Jean Brodie – Muriel Spark
  • Lolita – Vladimir Nabokov
  • Herzog – Saul Bellow
  • Puckoon – Spike Milligan
  • Black Boy – Richard Wright
  • The Great Gatsby – F. Scott Fitzgerald
  • The Sailor Who Fell From Grace With The Sea – Yukio Mishima
  • Darkness At Noon – Arthur Koestler
  • The Waste Land – T.S. Elliot
  • McTeague – Frank Norris
  • Money – Martin Amis
  • The Outsider – Colin Wilson
  • Strange People – Frank Edwards
  • English Journey – J.B. Priestley
  • A Confederacy Of Dunces – John Kennedy Toole
  • The Day Of The Locust – Nathanael West
  • 1984 – George Orwell
  • The Life And Times Of Little Richard – Charles White
  • Awopbopaloobop Alopbamboom: The Golden Age of Rock – Nik Cohn
  • Mystery Train – Greil Marcus
  • Beano (comic, ’50s)
  • Raw (comic, ’80s)
  • White Noise – Don DeLillo
  • Sweet Soul Music: Rhythm And Blues And The Southern Dream Of Freedom – Peter Guralnick
  • Silence: Lectures And Writing – John Cage
  • Writers At Work: The Paris Review Interviews edited – Malcolm Cowley
  • The Sound Of The City: The Rise Of Rock And Roll – Charlie Gillete
  • Octobriana And The Russian Underground – Peter Sadecky
  • The Street – Ann Petry
  • Wonder Boys – Michael Chabon
  • Last Exit To Brooklyn – Hubert Selby, Jr.
  • A People’s History Of The United States – Howard Zinn
  • The Age Of American Unreason – Susan Jacoby
  • Metropolitan Life – Fran Lebowitz
  • The Coast Of Utopia – Tom Stoppard
  • The Bridge – Hart Crane
  • All The Emperor’s Horses – David Kidd
  • Fingersmith – Sarah Waters
  • Earthly Powers – Anthony Burgess
  • The 42nd Parallel – John Dos Passos
  • Tales Of Beatnik Glory – Ed Saunders
  • The Bird Artist – Howard Norman
  • Nowhere To Run The Story Of Soul Music – Gerri Hirshey
  • Before The Deluge – Otto Friedrich
  • Sexual Personae: Art And Decadence From Nefertiti To Emily Dickinson – Camille Paglia
  • The American Way Of Death – Jessica Mitford
  • In Cold Blood – Truman Capote
  • Lady Chatterly’s Lover – D.H. Lawrence
  • Teenage – Jon Savage
  • Vile Bodies – Evelyn Waugh
  • The Hidden Persuaders – Vance Packard
  • The Fire Next Time – James Baldwin
  • Viz (comic, early ’80s)
  • Private Eye (satirical magazine, ’60s – ’80s)
  • Selected Poems – Frank O’Hara
  • The Trial Of Henry Kissinger – Christopher Hitchens
  • Flaubert’s Parrot – Julian Barnes
  • Maldodor – Comte de Lautréamont
  • On The Road – Jack Kerouac
  • Mr. Wilson’s Cabinet of Wonders – Lawrence Weschler
  • Zanoni –  Edward Bulwer-Lytton
  • Transcendental Magic, Its Doctine and Ritual – Eliphas Lévi
  • The Gnostic Gospels – Elaine Pagels
  • The Leopard – Giusseppe Di Lampedusa
  • Inferno – Dante Alighieri
  • A Grave For A Dolphin – Alberto Denti di Pirajno
  • The Insult – Rupert Thomson
  • In Between The Sheets – Ian McEwan
  • A People’s Tragedy – Orlando Figes
  • Journey Into The Whirlwind – Eugenia Ginzburg

Los ging der virtuelle Bookclub mit „Hawksmoor“ von Peter Ackroyd:

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Wurden Hawksmoors Londoner Kirchen nach einem speziellen satanischen Prinzip aufgebaut? Dieser Frage geht diese wilde Mischung aus Historienroman, Horror, Krimi und Zeitreise unter anderem nach. Auf dieses düstere Buch muß man sich einlassen, denn es ist nicht wirklich linear erzählt, die Sprache ist historisch und das Thema Psychogeografie sicherlich auch nicht eines, mit dem man sich jeden Tag beschäftigt.

Ich hätte den Roman sicherlich selbst nicht ausgesucht und hätte mich damit um ein ausgesprochen außergewöhnliches Leseerlebnis gebracht. Der Protagonist der Geschichte, Nickolas Dyer, der teilweise auf dem Architekten Nicholas Hawksmoor basiert, hat den Auftrag, sieben Kirchen in London zu bauen. Was keiner weiß ist, dass er ein Satanist ist. Er baut die Kirchen also als Brutstätten der schwarzen Künste, die er beherrscht.

Dyers „Church in the Spittle-Fields“ ist kurz vor der Vollendung, als der Sohn des Steinmetzes beim Aufsetzen des letzten Ziegelsteins von dem Gerüst fällt und stirbt. Dieser Tod bringt Dyer auf die Idee, nach Opfern für seine Kirche zu suchen – vorzugsweise kleine Jungs, um diese in seinen Kirchen zu opfern und zu begraben. So wie man Weinflaschen an Schiffen zur Taufe zerschlägt, opfert er vor der Einweihung der Kirche kleine Jungs. Die sechs (fiktionalen) von ihm erbauten Kirchen formen ein Pentagramm, das er zu einem siebenseitigen Monument  für die sieben Dämonen ausbauen will , die er verehrt.

Hawksmoor ist hingegen tatsächlich der Name seines heutigen Counterparts, der als Polizeikommissar ca 250 Jahre später eine Reihe von Mordfällen untersucht die denen ähneln, die damals im Namen von Dyers satanistischem Kult begangen wurden. Die  Tatorte sind die von Dyer erbauten Kirchen. Dyers Welt und die von Hawskmoor scheinen sich ineinander zu spiegeln, als wäre der spätere Hawksmoor ein Echo des Architekten.

Der Roman springt immer wieder zwischen dem frühen 18. Jahrhundert und den 1980er Jahren hin und her und entsprechend auch die Ausdrucksweise, was den Roman auf englisch zu einer ordentlichen Herausforderung machte.

Die Geschichte ist spannend, aber auch wirklich düster und unheimlich. Von Anfang an liest man atemlos und wäre das ganze ein Film, man würde wohl vorne auf dem Rand des Sitzes kauern, die Hände verkrampft um die Sessellehne gekrallt und man würde immer wieder nach dem Kissen suchen, dass man sich gelegentlich vor die Augen halten würde. David Bowie hat sich anscheinend insbesondere seit seiner „Thin White Duke“-Periode sehr für Okkultes interessiert, das erklärt, wie er auf diesen Roman von Ian Ackroyd gekommen ist.

Das es nicht nur mir so ging zeigten mir die entsprechenden Twitter Bookclub Diskussionen:

„I liked it, even though it freaked me the fuck out.’ „

„Weird, Satan-y, occasionally compelling, often confusing“

Zu diesem Buch passt laut den Diskussionen am besten dieser Song von David Bowie:

 

Books & Booze – William Faulkner: As I lay dying

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Vielleicht ist es diese Reihe hier, die dazu führt, dass man beim Lesen glaubt, der Lieblingsdrink des Autors parfümiert die Seiten des Buches, welches man von ihm gerade liest. Der Duft von Mojito bei Hemingway, von Absinth bei Oscar Wilde, die Seiten von Fitzgerald riechen eindeutig nach Gin Rickeys und Faulkner darf in dem Kreis nicht fehlen. Sein bevorzugtes Gift war Whisky, idealerweise Getreide-Whisky.

Zum Frühstück schon soll er seine Beignets mit einem Glas Getreide-Whisky heruntergespült haben und beim Schreiben stets einen Krug oder drei davon auf seinem Schreibtisch stehen haben.

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Ich habe „As I lay dying“ vor vielen Jahren an einem sehr heißen Juli-Wochende im Kensington Park in London gelesen. Das Buch liest sich wunderbar, wenn man ab und an die Eiswürfel im Glas klirren lässt und an der frischen Minze riecht.

Das Buch ist ein Meisterwerk, so viel Tiefe auf so wenigen Seiten! Eines von Faulkner echten Meisterwerken über einen grotesken Road Trip mit einer faulenden Leiche, erzählt von den unterschiedlichen Stimmen einer extrem dyfunktionalen und teilweise etwas psychotischen Familie im tiefen Süden der USA.

“I feel like a wet seed wild in the hot blind earth.” 

Faulkner gab an, die Geschichte in sechs Wochen geschrieben zu haben, jeweils von Mitternacht bis 4 Uhr früh, während er in einem Kraftwerk arbeitet. Angeblich hat er nicht ein Wort in der Geschichte geändert. Runtergeschrieben, fertig – Meisterwerk. Das muss man erst mal hinbekommen.

“He had a word, too. Love, he called it. But I had been used to words for a long time. I knew that that word was like the others: just a shape to fill a lack; that when the right time came, you wouldn’t need a word for that any more than for pride or fear….One day I was talking to Cora. She prayed for me because she believed I was blind to sin, wanting me to kneel and pray too, because people to whom sin is just a matter of words, to them salvation is just words too.”

In der Geschichte geht es um den Tod von Addie Bundren und ihre bitterarme Familie, die ihren letzten Willen erfüllen wollen, sie in ihrer Heimatstadt Jefferson, Mississipi, zu beerdigen. Die Familie fährt mit mehren Wägen, wobei Addies Körper – ohne einbalsamiert worden zu sein – in einem Sarg liegt. Auf dem Weg geraten Anse und seine fünf Kinder in verschiedenste Schwierigkeiten. Anse verweigert stur jede Wohltätigkeit inklusive Unterkunft und Essen, so dass seine Familie hungert und in Scheuen schlafen muß. Jewel, einer der Söhne, will seine dysfunktionale Familie verlassen, schafft es am Ende aber doch nicht, sie in ihren Schwierigkeiten alleine zu lassen.

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Nach 9 Tagen kommt die Familie schließlich in Jefferson an, wo die stinkende Leiche von den Einwohnern der Stadt sofort wahrgenommen wird. Die Abenteuer dieser durchgeknallten Familie enden auch in der Stadt nicht und es müssen noch einige gebrochene Beine, Nervenheilanstalten und falsche Zähne überstanden werden, bevor Addie endlich beerdigt ist …

Die Geschichte spielt in Yoknapatawpha County in Mississippi, wo fast alle Werke von Faulkner spielen. Ein fiktiver Ort, eine Interpretation von Faulkners Heim in Lafayette County.

Mit der heutigen Auswahl habe ich die Münchner Küchenexperimente ziemlich ins Schwitzen gebracht. Whisky wird von Frau Wonnie üblicherweise kilometerweit umgangen, aber ein William Faulkner kann und darf in unserer Sammlung nicht fehlen und der hat nun mal nix anderes getrunken.

Hier das Rezept für den Julep:

6 cl Whisky

12 cl Wasser

1 TL Zucker

Minze

Eiswürfel

 

Julep

Cheers!

Books & Booze – The Great Gatsby

Wer in dieser illustren Runde natürlich nicht fehlen darf ist F. Scott Fitzgerald, der sich in seinem Leben durch ganze Containerladungen an Cocktails getrunken haben dürfte. Vor ein paar Tagen habe ich mit Frau Wonnie von den Münchner Küchenexperimenten einen Cocktailkurs besucht und dort lernten wir, dass die klassischen Cocktails echte Promillebomben sind. Viele bestehen aus wenig mehr als purem Alkohol und sind weit entfernt von den Fruchtsaftgemischen mit etwas Alkohol und Schirmchen, die wir heute weitestgehend mit Cocktails assoziieren.

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Mr Fitzgeralds Getränk seiner Wahl soll wohl in der Regel ein Gin Rickey gewesen sein, auf jeden Fall ist er einer der beiden Cocktails, die in Fitzgeralds berühmtesten Buch „The Great Gatsby“ namentlich erwähnt werden. Seinen Auftritt hat der Drink in einer Szene während eines brütend heißen Sommertags, wenn Daisy ihren Ehemann Tom zum Gin Rickey basteln abkommandiert und hinterhältigerweise die Abwesenheit nutzt, um Gatsby ihre Liebe zu gestehen.

Der große Gatsby ist die Geschichte des exzentrischen Millionärs Jay Gatsby erzählt von Nick Carraway, einem jungen Mann aus dem mittleren Westen, der in Manhattan arbeitet. Gatsbys enorme Villa liegt direkt neben Nicks eher bescheidenem Heim und irgendwann wird auch er auf eine der berühmt-berüchtigten Parties zu Gatsby eingeladen….

Gatsby hat nur ein Ziel im Leben, seine verlorene Liebe Daisy Buchanan zurückzuerobern, die ihn verlassen hat. Dieses Ziel führt ihn von größter Armut zu Reichtum, in die Arme der Geliebten, wo er allerdings nicht lange glücklich bleibt …

Einer der ganz großen amerikanischen Klassiker, ein Roman über Triumph und Tragödie, Liebe und Verrat mit einem der schönsten letzten Sätze:

 “So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.” It has to come down to this: “So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.”

Perfekt für ein Wochenende in eurem eigenen Speakeasy auf dem Sofa, Highball Glass in der einen, Roman in der anderen Hand und genießt die roaring Twenties.

Cocktail Fitzgerald

Rezept:

4 cl Gin

2 cl Limettensaft

Sodawasser

Eiswürfel

Eiswürfel in den Shaker geben, Gin und Limettensaft zufügen und Shaken. In ein High Ball Glas geben und mit Sodawasser aufgießen. Wer es lieber etwas süßer mag, gibt noch einen Schuss Zuckersirup zu dem Gin und Limettensaft.

Schönen Start ins Wochenende! Und Prost!

In Cold Blood – Truman Capote

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Ich habe vor ein paar Jahren den Film “Capote” im Kino gesehen, ein Biopic, das sich recht intensiv mit Capotes Buch “In Cold Blood” und seine Beziehungen zu den verurteilten Mördern beschäftigt. Durch die im Film starke Verwebung zwischen Capote, Perry und Dick erwartete ich, dass er als Person in dem Buch auftaucht, da es ja um eine Tatsachenerzählung handelt. Der Autor taucht aber nicht auf in diesem Buch, was dem ganzen noch stärker etwas romanhaftes verleiht, auch wenn man natürlich von der ersten Seite an nicht nur weiß, was passieren wird, sondern auch, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt.

Wie bei der Verfilmung von „Titanic“ saß ich im Bett und wollte den Clusters permanent zurufen „aufpassen“, „schließt alles zu“, „lasst keinen herein“ – es war für mich ganz schwer auszuhalten, dieses Wissen, was gleich passieren wird und doch zu hoffen, vielleicht passiert es ja doch nicht.

„In Cold Blood“ ist vom Anfang bis zum Ende ein überaus intensives, spannendes und fesselndes Leseerlebnis. Der Schreibstil ist neutral und faktenbasiert und trotzdem gelingt es Capote, die Charaktere jedes einzelnen greifbar und anschaulich zu machen, egal, ob es sich um Familienmitglieder der Clutters handelt, die Fahnder, die Anwälte und sogar die der Mörder selbst. Er schafft das, ohne dem ganzen seine persönliche Meinung aufzudrücken und er hat damit das neue Genre des nicht-fiktiven Romans geschaffen, in dem er die Elemente des klassischen Kriminalromans mit sachlichem Journalismus und psychologischer Analyse verbindet.

Positiv überrascht hat mich auch die unerwartete Wendung, nicht sofort explizit zu beschreiben, wie Perry und Dick die Morde tatsächlich durchgeführt haben, sondern nimmt den Leser mit auf ihre Flucht und lässt uns an den Aufklärungsbemühungen der Fahnder und der Polizei teilhaben. Dadurch bleibt es einfach danach noch unglaublich spannend.

Der Leser erfährt sehr viel über die beiden Täter, sowohl durch ihre Interaktion miteinander, durch Briefe, Tagebucheinträge sowie Interviews mit Familienmitgliedern. Der Leser dringt tief in die Psyche der Täter ein und das ist gleichzeitig genial aber auch beklemmend und unangenehm. Man erwischt sich für ganz kurze Momente mit den Tätern zu sympatisieren, wahhh das will man wirklich nicht. Aber man versucht einfach zu verstehen, was bei denen schief gelaufen ist. Wie wurden die, wie sie sind? Perry Smith wurde in seiner Kindheit misshandelt und vernachlässigt, in Heime abgeschoben – ist das der Grund für seine Abgebrühtheit und seine Gewaltausbrüche oder ist er einfach ein Psychopath? Dick auf der anderen Seite schien eine recht normale harmonische Kindheit zu haben – war es hier der Autounfall der ihn mit lebenslangen Kopfverletzungen zurückgelassen hat?

“Imagination, of course, can open any door – turn the key and let terror walk right in.” 

 “I thought that Mr. Clutter was a very nice gentleman. I thought so right up to the moment that I cut his throat.” 

 “It is easy to ignore the rain if you have a raincoat” 

 Capotes 1965 erschienener Roman hat ganze Generationen von Schriftstellern seitdem inspiriert, dennoch ist „In Cold Blood“ ein Roman, dem die Zeit nicht viel anhaben konnte. Auch 50 Jahre später lassen einen diese schrecklichen Geschehnisse nicht los und der Eindruck ist so genauso frisch, lebendig und grausam, wie beim ersten Erscheinen des Buches – da bin ich mir sehr sicher.

Ein Buch, das sehr viele Leute in meinem Bekanntenkreis gelesen haben und fast jeder hat es sehr positiv bewertet. Im Film wurde Capotes Beziehung zu den beiden Tätern sehr kritisch beleuchtet, da – bei mir damals zumindest der Eindruck entstand, Capote habe sich ihre Freundschaft „erschlichen“, um Material für sein Buch zu bekommen und ihnen zu verstehen gegeben, er unterstütze sie bei ihrer Berufung, um die Todesstrafe in eine lebenslängliche Haftstrafe umzuwandeln. Wie stark er sich da wirklich eingesetzt hat und ob er sie – wie es im Film rüberkam – tatsächlich am Ende wie eine heiße Kartoffel fallen ließ, kann ich nicht beurteilen.

Nicht ganz unumstritten ist auch, wie groß Harper Lees Rolle war beim Schreiben des Buches. Das gilt aber auch andersrum, denn es gibt auch immer wieder Stimmen, die vermuten Capote hätte bei „To Kill a Mockingbird“ seine Hände im Spiel gehabt.

Wie auch immer. Ein wirklich tolles Buch, das ich jedem ans Herz legen kann, genauso wie Harper Lees „To Kill a Mockingbird“ und die „Capote“ Verfilmung.

Das Buch ist auf Deutsch unter dem Titel „Kaltblütig“ im Kein & Aber Verlag erschienen.

On the Road – Jack Kerouac

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„Because the only people that interest me are the mad ones, the ones that are mad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing… but burn, burn, burn like roman candles across the night.“

Was mich mit am meisten beeindruckt hat bei „On the Road“ war die Tatsache, das Jack Kerouac das Buch innerhalb von 3 Monaten einfach so – wie im Rausch – runtergetippt hat, auf einer langen Rolle. Stell mir das so vor: Zigarette an, Rolle rein, losgetippt und nicht mehr aufgehört, bis die Geschichte oder die Rolle zu Ende war. Zwischendrin höchstens mal Pipi gemacht oder neue Kippen geholt. Genau weiß ich es natürlich nicht.

„On the Road“ ist ein Buch über das man soviel gehört hat, dass man manchmal den Eindruck hat, man habe es schon gelesen. Hatte ich aber nicht. Die Verfilmung von 2012 hatte ich gesehen und die fand ich nicht schlecht, aber anstrengend. Was aber gar nicht mal so sehr an der Verfilmung lag, obwohl die von der Kritik nicht sonderlich gelobt wurde. Es war schon auch ein wenig das grundsätzliche Konzept, dieses kaum waren sie endlich da, wo sie hinwollten, wollten sie auch schon wieder weiter. Restless. Ich meine das gar nicht negativ, ich hab das durchaus auch in mir, aber wenn ich solche Bücher lese oder Filme sehe, dann verschlimmert sich das und macht mich kirre.

Wahrscheinlich ist das mit ein Grund, warum ich gerne eher ruhigeres höre, wie z.B. Trip Hop, Dark Electronica oder auch gerne „langsame“ Bücher mag wie Haruki Murakami. Aber genug Selbstanalyse und zurück zum Buch.

Jack Kerouac (1922 – 1969) hat sich ein Denkmal gesetzt mit der Beschreibung seines Road Trips , die er mit seinem Kumpel Neal Cassady in den späten 40er und frühen 50er Jahren in den USA und Mexiko unternommen hat. Es ist außerdem ein Buch über seine Beziehungen zu den anderen Beatniks, seinen Schriftstellerkumpeln und deren Freunde.

Jack (Sal) will unbedingt weg, will was erleben, will auf die Straße und dieses Sehnen spürt man auf jeder Seite, mit jeder Zeile und macht dieses Buch so zeitlos und einzigartig. Seine poetischen Beschreibungen der Landschaft sind das perfekte Sehnsuchtsmittel, man will gleichfalls loslaufen, frei sein und sich selbst begegnen irgendwo unterwegs.

So ein Roadtrip ist was ganz Einzigartiges. Es ist eine ganz besondere Form des Reisens. Meine einzigen Vergleiche kommen von Fernwanderungen durch Schottland, wenn das Gefühl der Bewegung, diese Sucht immerzu einen Schritt vor den nächsten zu setzen, jeden Abend ein Ziel zu haben und am Morgen doch wieder aufzubrechen. Einfach nur zu gehen, ist etwas, das einen in einen ganz besonderen Bewusstseinszustand versetzt, glaube ich. Thomas Espedal hat ein sehr schönes, gleichnamiges Buch zum Gehen verfasst – ich kann es auf jeden Fall empfehlen.

Diese Sehnsucht nach Freiheit und dem ewigen Versprechen der Straße ist eine der Sachen die Kerouac so wunderbar beschreibt.

“There was nowhere to go but everywhere, so just keep on rolling under the stars.”

Das Gehen und das Reisen sind auch das was Jack (Sal) und Neal (Dean) zusammenhält. Wenn sie anhalten, selbst für kurze Zeit, dann bekommen sie Probleme miteinander. Ihre Beziehung braucht den Kontext des Reisens, dann kann sie nichts aufhalten. Sie brauchen diesen absoluten Gegenpol zu allem, was den meisten heilig ist, sie wollen keine Sicherheit, keine Stabilität sie wollen weiter.

„…ad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time.“

Die beiden brechen immer wieder aus aus ihrer engen Welt. Der Realität die bevölkert ist von vernünftigen Arbeitnehmern, die auf einen Kleinwagen sparen, in einer Gesellschaft, die gerade dem zweiten Weltkrieg entkommen ist und unter McCarthys Dauerbeobachtung stets vom nächsten Atomkrieg bedroht sind.
Dem entfliehen die beiden, auf der Straße wo der Horizont stets eine bessere, nie erreichbare Zukunft verspricht.

Das Zeitlose scheint auch die immerwährende Suche nach Wahrheit und Authentizität zu sein. In den 50er Jahren war das ganz ausgeprägt so, die Kriegsgeneration war auf der Suche nach der Essenz, die allem inne ist, nach dem Echten um jeden Preis. Ob Kerouac, Camus oder Holden Caulfield, der Zorn auf alles was „phony“ ist, war heftig. Dieser Wunsch nach Authentizität ist zeitlos, jede Generation muss sich von seinen eigenen „Phonies“ befreien.

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Das Buch schafft es, den Rhythmus der Straße, des Gehens zu vermitteln. So anstrengend und egozentrisch sie oft sind, „On the Road“ besitzt eine Energie, eine Dynamik und eine Authentizität die ich mit dem Wort „Beatnik“ verbinde.

Interessant finde ich auch, dass Jack so unkonventionell gar nicht ist, wie man denkt und wie er vielleicht auch gerne selbst wäre. Er liebt einfach die Gesellschaft der Außenseiter, der Abenteurer, er selbst bleibt gerne am Rand, es zieht ihn auch immer wieder in die „normale“ Realität zurück, im Gegensatz zu seinem Kumpel Neal.

In der Szene, in der Carlo (Allen Ginsberg) und Dean (Neal Cassady) die ganze Nacht diskutieren, zeigt sich Jacks Zuschauerrolle für mich am besten:

“If you keep this up, you’ll both go crazy, but let me know what happens as you go along.”

Er mag nicht unbedingt mittendrin sein, aber er will wissen was passiert. Bei den Landschaftsbeschreibungen oder den Begegnungen mit den Arbeitern auf den Baumwollfeldern zum Beispiel, hat mich Kerouac an Steinbeck erinnert, die beide zeitlos sind für mich in ihren Erzählungen.

Ich fand „On the Road“ im übrigen viel weniger skandalös als erwartet, aber das ist sicherlich der Blick aus dem 21. Jahrhundert. Ja, gibt schon ne Menge Sex und Drogen, aber nix sonderlich explizit. Für die 50er Jahre kann das allerdings schon recht gewagt gewesen sein.

„On the Road“ ist wunderbar bittersüss – eine Wolke der Melancholie hängt über den Protagonisten, die immer dunkler wird, je hektischer sie versuchen ihr mit Alkohol, durchfeierten Nächten und Drogen zu entkommen. Sie können nicht für immer „On the Road“ bleiben und dieses Wissen wird ihnen immer schmerzlicher bewusst, je länger die Reise dauert.

“And for just a moment I had reached the point of ecstasy that I always wanted to reach and which was the complete step across chronological time into timeless shadows, and wonderment in the bleakness of the mortal realm, and the sensation of death kicking at my heels to move on, with a phantom dogging its own heels, and myself hurrying to a plank where all the Angels dove off and flew into infinity.”

Definitiv ein Buch, das mal wieder eine dazugehörige Playlist verdient hat:

Morrissey – Neal Cassidy drops dead
Tom Waits – Home I’ll never be
Ella Fitzgerald – I’ve got the world down on a string
Belle & Sebastian – Le Pastie de la Bourgeoisie
10,000 Maniacs – Hey, Jack Kerouac
The Smith – Pretty Girls make graves
Echo & The Bunnymen – Nothing lasts forever
Cannonball Adderly – Autumn Leaves
Jack Kerouac – On the Road

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Unterwegs“ im Rowohlt Verlag erschienen.

The Master and Margarita – Mikhail Bulgakov

IMG_4654„Manuscripts don’t burn“ schreibt ausgerechnet Bulgakov, dem brennende Manuskriptseiten vermutlich durchaus bekannt sein dürften. Die meisten seiner Werke landeten auf dem Index, seine Stücke wurden oft nach wenigen Aufführungen abgesetzt und verboten. Er selbst hat unermüdlich weitergeschrieben, wenn auch meist für die Schreibtischschublade und wer weiß, ob nicht die eine oder andere Manuskriptseite aus Frust im Feuer gelandet ist.

Die Bookclub November-Lektüre „The Master and Margarita“ war keine leichte Kost, aber die Mühe und das Dranbleiben lohnt sich, es ist ein unglaubliches Buch.

Inspiriert wurde Bulgakov von Goethes „Faust„. Bulgakovs Mephistopheles ist Woland, der mit seiner teuflischen Truppe im stalinistischen Moskau der Dreißiger Jahre ordentlich Chaos anrichtet. Dieses Chaos war Bulgakovs Weg, Rache zu nehmen an der verstockten sowjetischen Gesellschaft, die ihn und sein Werk ein Lebenlang unterdrückte.

“But would you kindly ponder this question: What would your good do if
evil didn’t exist, and what would the earth look like if all the shadows
disappeared? After all, shadows are cast by things and people. Here is the
shadow of my sword. But shadows also come from trees and living beings.
Do you want to strip the earth of all trees and living things just because
of your fantasy of enjoying naked light? You’re stupid.”

Ganz besonders die Kunst- und Literaturszene bekommt ihr Fett weg, die damals angesagten Autoren und Literaturkritiker, die Bulgakov hasste. Seine Satire macht auch vor den Unmengen an Bürokraten und Aktenschiebern nicht Halt, zeigt wie absurd einfach es war, Leute verhaften zu lassen oder in Irrenanstalten abzuschieben. Er hält den Finger auf die Alltags-Absurdität dieser Moskauer Gesellschaft unter Stalins Herrschaft.

Kein Wunder also, dass sich jede Menge seiner Charaktere im Laufe der Geschichte in der Irrenanstalt wiederfinden, einem der wenigen Orte im Buch, in dem es einigermassen vernünftig zugeht.

Viele Menschen glaubten damals, dass viele der Verfolgungen, Verhaftungen, idiotischen Verordnungen auf dem Mist der Bürokraten gewachsen waren und sich alles sofort bessern würde, wüßte Stalin nur von diesen Dingen.

Auch Bulgakov suchte bei Stalin Unterstützung, er war Stalins Lieblingsautor, wie dieser verlauten ließ, und 1929 schreibt er ihm einen persönlichen Brief und bittet ihn darum, die Sowjetunion verlassen zu dürfen, wenn es für ihn in keine Verwendung als Autor gäbe. Stalin ruft in auch tatsächlich an und fragt ihn, ob er die Sowjetunion wirklich verlassen wolle. Bulgakov antwortete, dass ein russischer Schriftsteller nicht außerhalb seines Heimatlandes leben könne. Daraufhin bekam er von Stalin die Erlaubnis, am Art Theater weiterzuarbeiten, allerdings hatte diese Erlaubnis keinerlei Einfluß auf die Veröffentlichung seiner Werke, die nach wie vor nicht erfolgte.

Bulgakov arbeitet ab 1928 über zehn Jahre lang am „Meister und Margarita“. Seine letzten Jahre waren für ihn aus unterschiedlichen Gründen schwer. Gesundheitlich schwer angeschlagen, durch Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg sowie eine vom Vater geerbte Nierenkrankheit, der er letztendlich auch erliegen sollte sowie depressive Phasen, wenn er für sich und sein Werk partout keine Hoffnung sah.

Kurz vor Fertigstellung des Manuskripts schrieb Bulgakov an seine dritte Frau Yelena Shilovskaya (die die Inspiration für den Charakter Margarita im Buch ist):

„What’s its future? you ask? I don’t know. Possibly, you will store the manuscript in one of the drawers, next to my „killed“ plays, and occasionally it will be in your thoughts. Then again, you don’t know the future. My own judgement of the book is already made and I think it truly deserves being hidden away in the darkness of some chest …“

Kurz vor seinem Tod organisierte Bulgakov eine private Lesung des „Masters and Margarita“ vor einem Kreis enger Freunde. Yelena Bulgakova erinnert sich noch 30 Jahre später in ihrem Tagebuch: „When he finally finished the reading that night, he said: „Well, tomorrow I am taking the novel to the publisher!“ and everyone was silent“, „…Everyone sat paralyzed. Everything scared them. One friend later at the door fearfully tried to explain to me that trying to publish the novel would cause terrible things“.

Auch wenn man nicht immer ganz sicher ist, was gerade passiert, die Geschichte ist stellenweise irre komisch, die Charaktere teilweise so liebenswert. Man will einfach wissen, wie es weitergeht mit Woland, der weit weniger dämonisch ist wie Mephistopheles und jedem das Schicksal beschert, das jeder einzelne verdient hat.

“You’re not Dostoevsky,‘ said the citizeness, who was getting muddled by Koroviev. Well, who knows, who knows,‘ he replied.
‚Dostoevsky’s dead,‘ said the citizeness, but somehow not very confidently.
‚I protest!‘ Behemoth exclaimed hotly. ‚Dostoevsky is immortal!”

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Foto: adme.ru

Der „Master“ setzt mit seiner Figur allen unterdrückten Schriftstellern ein ewiges Denkmal und seine Margarita ist einfach ein Goldstück. Obwohl der Meister und Margarita im Titel des Buches sind, war ich überrascht, dass ihre Geschichte nur einen kleinen Teil des Buches ausmacht und sie bis zum zweiten Teil des Buches gar nicht auftauchen.

Es ist aber nicht nur ein Buch, bei dem man sich auf schwarze Magie, Entführungen, Enthauptungen, sprechende Katzen und eine Menge anderer verrückter diabolischer Einfälle einlassen muss, es ist auch eine wunderschöne Liebesgeschichte.

Margarita hat keine Angst vor dem Teufel. Sie agiert als seine Balldame, und fliegt als Hexe auf einem Besen über Moskau in der Hoffnung ihren Liebhaber, den Meister, wiederzufinden. Dieser sitzt derweil in der Psychiatrie. Sein Buch über Pontius Pilatus und einer etwas anderen Variante der Verurteilung Jesus‘ wurde von den kleingeistigen gesetzestreuen Verlegern abgelehnt. Das führt bei ihm zum kompletten Kollaps, er verbrennt sein Manuskript und endet in der Psychiatrie.

Das Manuskript ist am Ende aber wieder da, denn wie wir ja wissen: „Manuscripts don’t burn“

Eine sehr schöne Rezension zu „Der Meister und Margarita“ findet ihr auch hier bei Muromez.

“Everything will turn out right, the world is built on that.”

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Meister und Margarita“ im dtv Verlag.