Schmale Schönheiten II

Als ich kürzlich krankheitsbedingt mein Regal auf der Sache nach etwas schmaleren Bänden absuchte, bin ich auf den Geschmack gekommen und habe mich weiter durch den Stapel schmaler Werke gefräst, auch nachdem ich längst wieder fit war. Eines, das mich in dieser Zeit im Briefkasten überraschte, war das vielbesprochene aber auch wirklich großartige

Rattatatam, Mein Herz von Franziska Seyboldt

Seyboldt

Mit dem Thema Angst kenne ich mich leider besser aus, als ich es jemals wollte. Ein paar Jahre lang war das ein Thema, das mein Leben so bestimmt hat, dass eine Zeit lang für wenig anderes in meinem Leben Platz war.

Ich habe mich so derart geschämt – auch vor mir selbst – dass ich von dem Thema absolut nichts hören, lesen oder gar darüber sprechen wollte. Ich hatte Angst vor der Angst und wollte nichts mit ihr zu tun haben, wollte sie einfach nur loswerden, zu allen Schwierigkeiten, die ich im Leben so hatte, mich nicht auch noch mit Psycho-Scheiß rumschlagen. Das war etwas für Leute, die Zeit und Geld für sowas hatten und sich mit sowas beschäftigen konnten.

Irgendwann habe ich mich zum Glück damit beschäftigt, ich habe keine Angst mehr vor der Angst, sie ist weg und ich habe auch keine Angst mehr davor, dass sie wiederkommt, denn selbst wenn, ich biete ihr dann einen Stuhl an und frage sie, was sie mir mitteilen möchte und dann schauen wir mal.

Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ war das einzige Buch bislang, das mir zu dem Thema gefiel, mit dem ich mich einigermassen identifizieren konnte. Als „Rattatatam“ im Briefkasten lag, wollte ich nur kurz reinlesen, dachte es wäre sicherlich nichts für mich und bin dann heftig hängengeblieben.

„Ist man schwach, wenn man Schwäche zeigt, oder holt man sich gerade so die Kontrolle zurück?“

Spätestens mit diesem Satz hatte sie mich. Die Journalistin und Autorin Franziska Seyboldt schreibt ohne Pseudonym, stellt gleich von Anfang an die richtigen Fragen „Warum spricht niemand darüber? Warum ist Angststörung nicht so »normal« wie Depressionen oder Burn-out?

Die Angst schleicht sich früh in ihr Leben, „allgemeine Angststörung“ wird diagnostiziert und Seyboldt beschreibt wie sie versucht, ihren beruflichen Alltag zu meistern ohne aufzufliegen, immer stark sein, nur keine Schwäche zeigen. Das ist so anstrengend, dass kann sich glaube ich niemand vorstellen, der das nicht selbst einmal erlebt hat.

Dr. Goldberg wird das später eine „depressive Episode“ nennen; es ist die erste von dreien, immer im Abstand von einer Woche. Er erklärt mir, dass mein Körper mich schützt, wenn die Ängste zu groß werden. Oder die Ansprüche an mich selbst. Wie bei einem Stromausfall: Überhitzung, zack, dunkel. Man könnte auch sagen: Ich bin ein Stern, der in einer Supernova explodiert und seine äußeren Schichten abwirft. Der Rest kollabiert und wird auf winzigstem Raum zusammengepresst, woraufhin ein schwarzes Loch ensteht, das kein Licht mehr entkommen lässt. Abblende.“

Ich bin absolut beeindruckt, wie klar, poetisch und schön Seyboldt über ein Tabu-Thema schreibt. Ich wünschte mir, jemand hätte dieses Buch vor vielen Jahren in die Hand gedrückt, aber auch ohne Angst ist das ein wunderbares und wichtiges Buch.

Ich danke dem Kiepenheuer & Witsch Verlag für das Rezensionsexemplar.

Als ich mir kürzlich am Bahnhof etwas Zeit vertreiben musste, fiel mir dieses Buch in die Hand, das ich schon länger auf dem Radar habe:

„Dear Ijeawele. A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“ – Chimamanda Ngozi Adichie

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Because social norms are created by human beings…there is no social norm that cannot be changed.
Adichie ist eine Autorin, die wie keine andere Essays schreibt, die den Nagel nicht nur direkt auf den Kopf trifft, sondern auch so derart schön und dennoch zugänglich. Ihre Bücher sind Pageturner, denen man sich nicht entziehen kann. Definitiv eine Autorin, von der ich unbedingt das Gesamtwerk lesen möchte.

Bei diesem Essay hier handelt es sich um einen Brief, den Adichie schreibt, als eine Freundin sie um Rat darum bittet, wie sie ihre Tochter zu einer Feministin erziehen kann.

Der Text ist eloquent und sehr bewegend. Adichies Stil ist einfach und zugänglich und sie kritisiert die häufige Tendenz von Feministinnen, unnötigen Jargon zu verwenden wie    z. B. „patriarchy“, ohne diesen im Kontext zu erklären.

Sie schreibt über Feminismus, Liebe, Ehe, Gender Rollen, Rassismus, Sexismus, die Privilegien der Weißen, Gleichberechtigung, weibliche Sexualität, die Probleme, die Frauen häufig mit ihrem Körper haben, Unterdrückung etc.

Ein revolutionärer Text mit so viel spannenden treffenden Zitaten, dass ich das halbe Buch hier markieren könnte:

“Teach her that if you criticize X in women but do not criticize X in men, then you do not have a problem with X, you have a problem with women.”

“Your feminist premise should be: I matter. I matter equally. Not ‘if only’. Not ‘as long as’. I matter equally. Full stop.”

„Because you are a girl“ is never a reason for anything. Ever.“

Ein Buch, das sich wunderbar verschenken läßt und dem ich jede Menge Leser und Leserinnen wünsche.

Einmal um die halbe Welt ging es dann, um mich mit Oscar Niemeyer in einer kleinern Bar in Rio de Janeiro zum Gespräch zu treffen (zumindest in Gedanken war ich beim Lesen dort)

„Wir müssen die Welt verändern“ – Oscar Niemeyer

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Als Oscar Niemeyer 2012 nur wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag starb, galt er weltweit als einer der letzten der großen Architekten des 20. Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk ist Brasilia, der Höhepunkt des utopischen modernen Urbanismus. Die Erschaffung dieses sozialen Experiments und logistischen Abenteuers dauerte nur 3,5 Jahre von der Konzeption bis zur Fertigstellung.

„Wenn man mich fragt, was für mich die Fantasie bedeutet, antworte ich: Fantasie ist die Suche nach einer besseren Welt“

Niemeyers Stil wird oft mit brasilianischer Musik verglichen – die sich wiegenden Linien und anschwellenden Konturen seiner Gebäude lassen an Samba, sinnliche Tänze, schwülen Sex und den Schmelztiegel der unterschiedlichen Nationalitäten in Brasilien denken.

Dieses kleine Büchlein ist das Resümee seines Lebens, in dem er über die Gesellschaft reflektiert, die Rolle der Fantasie und der Freundschaft, über das Alter, Politik, Kunst und seine Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts wie Sartre, Le Corbusier und Fidel Castro.

„Die Architektur ist nur ein Vorwand. Wichtig ist das Leben, wichtig ist der Mensch, dieses merkwürdige Wesen mit Seele und Gefühl, das nach Gerechtigkeit und Schönheit hungert“

Niemeyer ist einer meiner liebsten Architekten und ich würde sofort in die Casa das Canoas einziehen, irgendwann werde ich mir seine Gebäude mal vor Ort ansehen und dann auf jeden Fall dieses Büchlein im Gepäck haben.

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Ob Niemeyer in seinem langen Leben Psychedelika zur Hilfe nahm um seine Architektur-Visionen zu unterstützen, weiß ich nicht, Aldous Huxley hätte ihm auf jeden Fall dazu geraten. Von einem Utopisten zum nächsten, wo Niemeyer die Welt durch schönere Gebäude verbessern wollte, experimentierte Huxley mit Drogen um sich dadurch neue Einblicke und Perspektiven auf die Welt zu ermöglichen:

Psychedelics – Aldous Huxley

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In seinem Roman „Brave New World“ experimentiert Huxley mit der Idee, wie eine Droge namens Soma genutzt wird, um soziale Gleichheit herzustellen. In diesem Auszug aus seinem Essay „The Doors of Perception“ beschreibt er sein einmaliges Erlebnis nach der Einnahme von Mescalin (eine psychedelisch und halluzinogen wirkende Droge, die sich in mittelamerikanischen Kakteen befindet und seit Jahrhunderten von den amerikanischen Ureinwohnern bei heiligen Zeremonien verwendet wurde). Durch die Einnahme von Mescalin versuchte er, den Geheimnissen des Universums auf die Spur zu kommen.

Er beschreibt seine Empfindungen zum Beispiel beim Anblick von Blumen in einer Vase:

„a bundle of minute, unique particulars in which, by some unspeakable and yet self-evident paradox, was to be seen the divine source of all existence.“

oder das Wunder, das sich vor seinen Augen vollzieht beim Betrachten seines Bambus-Stuhls:

„I spent several minutes – or was it several centuries? – not merely gazing at those bamboo legs, but actually being them – or rather being myself in them; or, to be still more accurate (for „I“ was not involved in the case, nor in a certain sense were „they“), being my Not-self in the Not-self which was the chair.“

Huxley beschreibt seinen Trip, der etwa 8 Stunden dauert, als vollständige Auflösung des Ichs, ein Experiment, das ihm das Gefühl gab, unendlich viel Zeit zu besitzen, sich in einer Art immerwährendem Moment zu befinden und in einer Art „Über-Achtsamkeit und Aufmerksamkeits“-Taumel, völlig losgelöst von seinem Hirn zu sein.

Das Buch war sicherlich sehr einflußreich in den 1960er Jahren und es macht einem bewusst, dass das, was wir als Realität empfinden, wohl nur die Spitze des Eisberges ist. Eine immense Verlockung für Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle, sich der immerwährenden Tyrannei der Logik und Realität zu entziehen und sich auf ein sensorischen Abenteuer einzulassen, das im wahrsten Sinne des Worte die Türen der Wahrnehmung weit öffnet.

Ein faszinierendes Büchlein, dass durchaus Lust auf einen kleinen Mescalin-Trip macht vielleicht während der Lektüre des nächsten Murakami? 😉

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„Die seligen Jahre der Züchtigung“ – Fleur Jaeggy

Ein Buch, das ich schon vor längerer Zeit aus dem Regal meines Bruders entliehen habe und das auf dem Weg in die Berge kürzlich die perfekte Zuglektüre war.

Jaeggys seltsam schönen, beklemmenden Novelle spielt in der Nachkriegs-Schweiz, die recht unschuldig beginnt und schon im zweiten Satz mit Robert Walser aufwarten kann:

„Mit vierzehn war ich Zögling in einem Internat im Appenzell. In einer Gegend, in der Robert Walser viel spazieren ging, während er in Herisau, nicht weit von unserem Institut, in der Nervenheilanstalt war.“

Eve, die Erzählerin der Geschichte, berichtet von ihrem Leben als Zögling der Schule und ihre Versuche, die Zuneigung der neuen interessanten und perfekt wirkenden Schülerin Fréderique zu gewinnen. Während sie entsprechende Pläne schmiedet, sie über die Kontrolle, Wahnsinn und Liebe nachdenkt, nimmt das Büchlein ordentlich an Fahrt auf. Die Geschichte ist kurz aber von beunruhigender Energie.

Die Erinnerungen der Erzählerin fokussieren sich auf Disziplin, Zwang und verfehlte Ausbrüche aus der Enge und einem unbändigen Freiheitswunsch. Diese Extreme werden durch die beiden Mädchen repräsentiert, zwischen denen sich Eve hin- und hergerissen fühlt: Fréderique, die Nihilistin, die nahezu perfekt für Kontrolle und Gehorsam steht, und die fröhliche extrovertierte Michelle, deren Zukunftsträume sich um Parties, Freiheit und ihren Daddy drehen.

Jaeggys Novelle ist hypnotisch, man fühlt sich wie in einem dunklen Strudel, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die unschuldige Zeit der Jugend zeigt sich als alles andere als unschuldig, der schmale Grat zwischen Disziplin und Wahnsinn verschwimmt immer mehr und nichts scheint die Charaktere der Freiheit näher zu bringen.

Das New York Times Literary Supplement wählte es 1992 zu einem der Bücher des Jahres und meiner Meinung nach durchaus zu Recht.

Hier die Bücher nochmal im Überblick:

  • Rattatatam mein Herz von Franziska Seyboldt erschienen im Kiepenheuer und Witsch Verlag
  • A Feminist Manifesto in Fifteen Suggestions“ – Chimamanda Ngozi Adichie auf deutsch erschienen unter dem Titel „Liebe Ijeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden erschienen im Fischer Verlag
  • Wir müssen die Welt verändern von Oscar Niemeyer schienen im Kunstmann Verlag
  • Psychedelics von Aldous Huxley auf deutsch in dem Band „Die Pforten der Wahrnehmung“ im Piper Verlag erschienen
  • Die seligen Jahre der Züchtigung von Fleur Jaeggy erschien im Berlin Verlag
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Day 22 – The book I most often give as a gift

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This book is just the perfect gift. It is a book that I liked when I was around 18 and still love it… it just get’s better and I discover different things each time I read it.

And because this is the case I will give it this year to one of my readers here. So leave a comment until the 31.12. midnight 😉 and let me know which book you most often give away as a present and why and also if you would prefer to have Virginia Woolf’s „A room of one’s own“ in English or German.

The book is called „Ein eigenes Zimmer“ in German and was published in Fischer Verlag.

The lucky winner will receive a brand new copy so you have lot’s of space in the margins for your own notes and underlinings.

Good luck!

What works

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Wie hartnäckig sich auch heute noch – teilweise unbewußte – geschlechtsspezifische Vorurteile halten, kann auch den optimistischsten Menschen zur Verzweiflung bringen. Den Vorwurf des Sexismus weisen die meisten vehement von sich, aber die Stereotype sind omnipresent, in Kindergarten und Schule heute stärker als noch vor einigen Jahren. Die Erkenntnis, dass wir die Gleichstellung der Geschlechter und diversifizierte Belegschaften in Unternehmen brauchen, ist mittlerweile einigermaßen weitverbreitet. Bei der Umsetzung sieht es allerdings noch recht trüb aus.

Fast jedes größere Unternehmen bietet mittlerweile Diversitäts-Trainings an, der Markt an Trainingsanbietern floriert, doch den Nachweis für ihren Erfolg müssen diese Trainings noch erbringen. Die Verhaltenswissenschaft bietet da neue Lösungen an, die Iris Bohnet in ihrem Buch unter die Lupe nimmt. Anstatt das Verhalten der Menschen  durch kostspielige, langwierige und nicht nachgewiesen erfolgreiche Trainings ändern zu wollen, schlägt Bohnet vor die Organisationen selbst umzugestalten, in dem man versucht, mit smarten Lösungen große Wirkung zu erzielen.

Sie analysiert Verhalten und Prozesse um explizit zu machen, wie sich diese auf die Gleichstellung auswirken und schlägt entsprechende systemische Interventionen vor. Dieser verhaltens- und designbasierte Vorgang wird auch als „Nudging“ bezeichnet und erfreut sich zunehmend größerer Beliebtheit, wenn gleich auch das „Nudging“ nicht unumstritten und mit Vorsicht zu genießen ist.

Bohnet geht mit den Diversitätstrainings hart ins Gericht. Allein in den USA geben Unternehmen dafür jährlich 7 Millarden Dollar aus, ohne dass die Wirksamkeit tatsächlich belegt wär., Bohnet argumentiert viel mehr, es könne sogar sein, dass es nicht nur nichts bringt, es könne sogar durchaus nach hinten losgehen aufgrund „moralischer Lizensierung“: die Tendenz von Menschen, nach solchen Trainings unmoralischer zu handeln, da sie gefühlt durch das Training eine Art „Freibrief“ erhalten haben.
Stattdessen sollten Unternehmen ihre Prozesse überdenken und das Geld in deren Überarbeitung stecken, statt in nutzlose Trainings.

„Verhalten zu verändern ist Arbeit, und die große Mehrheit von uns ist nicht bereit, sie zu leisten.“

Sie zeigt das an einem Beispiel der fünf wichtigsten Orchester in den USA. Noch in den 1970 Jahren lag der Frauenanteil unter den Musikern bei gerade einmal 5 Prozent. Heute sind es immerhin über 35 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Zufall und auch nicht das Ergebnis von erfolgreich absolvierten Diversitätstrainings, sondern das Ergebnis von „blindem Vorspielen“ hinter einen Vorhang oder einem Wandschirm. Das Boston Symphony Orchester führte das blinde Vorspielen als erstes ein und die anderen folgten dem Beispiel. Theoretisch sollte ein Dirigent allein auf die Töne hören und nicht auf Geschlecht oder Hautfarbe der Person achten, die das Instrument spielt. In der Praxis hingegen haben beispielsweise die Wiener Philharmoniker erst 1997 das erste weibliche Orchestermitglied aufgenommen. Die Dirigenten und Auswahlkomitees waren ganz zufrieden mit den durchweg männlichen und durchweg weißen Orchestermitgliedern und sich ihrer Voreingenommenheit wahrscheinlich nicht einmal bewußt.

Das ist das wirklich Ernüchternde: Egal, wie groß der gute Wille ist, wir benehmen uns oft voreingenommen, auch wenn wir das gar nicht wollen. Bohnet bezieht sich in ihrem Buch unter anderem auf Daniel Kahneman’s Forschungen, die er 2011 in dem Buch „Thinking Fast and Slow“ veröffentlichte und wo er belegt, wie sehr unser Verhalten, ob in der Arbeit oder sonstwo im Leben, deutlich stärker durch unbewußte Reflexe kontrolliert wird, als durch rationales Denken.

Bohnet macht auch darauf aufmerksam, wie wichtig es auf der einen Seite ist, eine „kritische Masse“ zu haben, auf der anderen Seite aber auch darauf zu achten, dass niemand als reine „Quoten-Besetzung“ wahrgenommen wird. Solche Selbstwahrnehmung führt häufig dazu, dass die Leute sich ganz besonders assimilieren wollen, ihre eigenen Perspektiven oft in den Hintergrund schieben und statt den Weg freizumachen für andere, sie größerer Gleichberechtigung sogar eher im Weg stehen.

Sie zeigt, dass es sich für Frauen noch immer eher auszahlt nett rüberzukommen, als kompetent. Firmen sind sich zunehmend dieses Dilemmas bewusst, vor dem Frauen in Gehaltsverhandlungen stehen. Sie wollen weibliche Angestellte nicht verlieren, die, nachdem sie einen Job und ein Vergütungspaket angenommen haben, enttäuscht feststellen, dass sie das schlechtere Geschäft gemacht haben. Wie die Oscar-Gewinnerin Jenniver Lawrence 2015 verbittert schrieb, nachdem sie in einer durch ein Internetleak veröffentlichten E-Mail erfahren hatte, wie viel weniger sie für einen Film bekommen hatte, als ihre Kollegen: „Ich würde lügen, wenn ich nicht zugäbe, dass der Wunsch gemocht zu werden, meine Entscheidung beeinflusste, den Vertrag ohne einen echten Kampf abzuschließen. Ich habe gefürchtet, als „schwierig“ oder „verwöhnt“ angesehen zu werden. Damals dachte ich, das sei eine gute Idee, bis ich die Gehaltsliste im Internet sah und feststellte, dass alle Männer, mit denen ich arbeitete, sich defnitiv nicht darum scherten, ob sie als „schwierig“ oder „verwöhnt“ angesehen wurden.“

Das zeigt, wie schwierig solche Prozessanpassungen sein können, dennoch findet Bohnet auch funktionierende Beispiele, wie solche Gruppenprozesse zu größerer Gleichberechtigung von unterschiedlichern Ansichten und Perspektiven führen können. Eines der Kapitel beschäftigt sich damit, wie wichtig es für Unternehmen ist, Personaldaten zu sammeln und zu analysieren, um Muster und Trends zu verstehen und Prognosen zu machen. Man wird keine Änderungen herbeiführen können, wenn nicht einmal bekannt ist wieviele Frauen im Unternehmen in senioren Führungspositionen arbeiten oder wieviele Mitglieder einer Minderheit im letzten Jahr eingestellt wurden.

Besonders nützlich war das Kapitel für mich, in dem es um einfache Veränderungen im Recruitingprozess ging und die simple Einführung von Checklists. Stehen die Fragen vorher fest? Sind die Interviewer vorbereitet und besteht eine entsprechende Rating- Matrix nach Beendigung des Interviews etc.? Ich komme selbst aus dem Personalbereich und habe Hunderte von Interviews geführt und war trotzdem geschockt, wie schnell man auf „Groupthink“ und unbewußte Vorurteile hineinzufallen droht.

„What works“ ist das Ergebnis ihres zehnjährigen Projekts, dem man anmerkt, wie fasziniert sie von dem Thema war, wieviel Wissen und Herzblut darinsteckt. Sie hat es nicht nötig, den Leser mit akademischem Jargon oder komplizierten Diagrammen beeindrucken zu wollen, wobei ihr Buch durchaus akribisch recherchiert und mit Fußnoten versehen ist. Sie zeigt unkomplizierte Methoden auf die Unternehmen helfen können, Diversität und ein integratives Umfeld zu schaffen, der eigentliche Test für das Buch kommt aber dann, wenn es darum geht, die zu erreichen, die nicht (wie ich zum Beispiel) ohnehin schon mehr als offen für das Thema sind.

“What works” ist ein Buch, in dem Firmen jede Menge Denkanstösse finden können – sie müßten sie nur auch wirklich umsetzen wollen.

Ich danke dem Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Elif Shafak @International Literature Festival Berlin

“There is no such thing as a well-meaning dictatorship. Nor is there any such thing as an undemocratic nation that is stable.”

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Fotos: Aslihan Kuscu

Die türkische Autorin Elif Shafak eröffnete am 06.09.17 das 17. Internationale Literaturfestival. Ihre Eröffnungsrede beschäftigt sich mit der Krise, in der sich die Demokratie weltweit befindet und ermuntert insbesondere ihre Schrifsteller-Kollegen, sich stärker für den Erhalt und Ausbau der Demokratie einzusetzen.

Shafak ist die bekannteste Schriftstellerin der Türkei und hat dort immer wieder aufgrund ihrer politischen Äußerungen mit Morddrohungen, Beschimpfungen und anderen Repressalien zu kämpfen. Sie wuchs bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf, zwei Frauen, die sie und ihr Schreiben weitgehend beeinflussen. Ihre Mutter war lange Jahre als Diplomatin tätig und Elif Shafak hat daher einen ausgesprochen kosmopolitischen Hintergrund. Ihren Wohnsitz hatte sie lange Jahre sowohl in London als auch in Istanbul, eine Pendlerin zwischen den Welten.

So wie ihre Großmutter für Glaube und Tradition und ihre Mutter für Moderne und Säkularität steht, so spiegeln auch London und Istanbul die zwei Pole wider, zwischen denen sie sich bewegt.

Die Demokratie ist nicht nur in der Türkei den Bach runtergegangen, wenn wir uns umschauen, müssen wir mit Schrecken feststellen, wie brüchig dieses Modell in vielen anderen Ländern ist, wie selbstverständlich wir die Demokratie genommen haben und erst jetzt, wo mehr und mehr Autokraten sie unterwandern, wachen wir langsam auf.

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Die Regierung in der Türkei ist seit über 14 Jahren an der Macht und fassungslos muss man beobachten, wie Meinungsfreiheit und Pressefreiheit eliminiert werden, Gewalt gegen Frauen wächst, Islamismus und Angriffe auf Intellektuelle um sich greifen. Mittlerweile sitzen mehr Journalisten und Schriftsteller in der Türkei im Gefängnis als in China.

Viele Jahre lang hat sich die Türkei Europa zugehörig gefühlt. Es wurde englische, französische, italienische Literatur gelesen und übersetzt. Erst in den letzten Jahren wurden Autoren aus dem mittleren Osten übersetzt, eine Tatsache die sicherlich schon früher hätte geschehen sollen, die aber zeigt, wie sehr die türkische Gesellschaft Europa zugewandt war und wie sehr sie jetzt die Nähe zum Mittleren Osten sucht.

In der Türkei wie auch in anderen Ländern polarisiert sich die Gesellschaft immer mehr. Die Menschen werden gespalten in „die“ und „wir“. Gläubige gegen Ungläubige, Stadtbewohner gegen Landbewohner, Kompromisse sind immer seltener möglich. Und wir sollten uns auf keinen Fall entspannt zurücklehnen und das ganze als typisches „Muddle East“ Verhalten einordnen. Diese Spaltungen gibt es genauso in der westeuropäischen Welt und die Gräben werden immer tiefer. Eine gefährliche Entwicklung, die knappen Wahlerfolge in Frankreich, Österreich und den Niederlanden sind nur ein kurzes Aufatmen.

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Es gibt mehr und mehr Menschen, die die Demokratie in Frage stellen, die sie definitiv nicht für ein zukunftsfähiges Modell halten. Die den Menschen einreden wollen, man müsse sich zwischen Stabilität und Demokratie entscheiden. Es gibt aber keine langfristige Stabilität in nicht-demokratischen Ländern. Länder ohne Demokratie sind unglückliche Länder und das führt kurz oder lang zu Problemen.

Die Sehnsucht nach dem „starken Führer“ ist momentan in der Welt verbreitet wie noch nie. Progressiver Liberalismus wird angegriffen, eingeschüchtert und aufgeweicht. Man sehnt sich nach vermeintlich goldenen alten Zeiten und der Lieblingsspruch der Despoten ist „make Turkey/Hungary/Poland/Russia/US … great again“

Leider konnte ich den Vortrag von Elif Shafak auf dem Literaturfestival in Berlin nicht online finden, allerdings habe ich einen recht ähnlichen gefunden, den sie auf dem Oslo Friedens Forum gehalten hat:

„We all need to become activists. We need to become activists for empathy, for diversity, for pluralistic democracy, and very importantly, for a global solidarity“

In ihrem Heimatland ist die Erdogan-Kritikerin sehr wahrscheinlich gefährdet. Sie sagt „Ich war es gewöhnt, bei internationalen Konferenzen zu den eher düsteren, deprimiert Vortragenden zu gehören. Und ich glaube, dass es viele türkische Autoren gibt, die ziemlich deprimiert und demoralisiert sind. Aber dann waren da gewöhnlich auch Autoren aus anderen Ländern, aus Ländern wie Pakistan, Ägypten, Venezuela, Nigeria, den Philippinen, die auch deprimiert waren. Wir hörten uns gegenseitig zu, lächelten uns an, aber gefühlsmäßig gab es da immer noch ein Unterschied zwischen denen von uns, die aus wackeligen oder verwundeten Demokratien, und denen, die aus stabilen Demokratien kamen.

Im letzten Jahr habe sich das geändert, immer mehr Autoren treten dem Team der Deprimierten bei und diese kommen jetzt Europa: aus Ungarn, Polen, selbst aus Österreich, Holland und Frankreich. Und sogar Schriftsteller aus dem Vereinigten Königreich, wo ich lebe – plötzlich waren da immer mehr von uns, die sich um das Schicksal ihrer Länder und das der Welt Sorgen machten“, sagt Shafak.

Eigentlich hätten wir die Gelegenheit haben sollen, ein persönliches Interview mit Elif Shafak zu führen, doch leider hatte ihr Flug zwei Stunden Verspätung und daher hat es leider nicht geklappt. Ich bin mit meiner Freundin Aslihan nach Berlin geflogen, die der vermutlich weltgrößte Fan von Elif Shafak ist und die auch die ganzen wunderbaren Fotos hier aufgenommen hat.

Elif Shafak hat nach sich Abschluss ihrer Rede wahnsinnig viel Zeit für all die Menschen genommen, die sich ein (oder mehrere) ihrer Bücher signieren oder ein Foto mit ihr machen lassen wollten. Die Schlange war ewig lang, sehr sehr viele junge Türkinnen und Türken, die Elif Shafak aufs Höchste verehren.

Ein kurzer Austausch war uns möglich mit Elif Shafak und auch wenn ich vorher schon Symphatien hatte für diese unglaublich kluge und interessante Autorin, nach dieser Rede und dem kurzen Kennenlernen bin ich noch einmal mehr Fan.

In ihrem neuesten Roman „Three Daughters of Eve“ geht es um drei Frauen, die in Oxford studieren und sich anfreunden. Shirin, Mona und Peri : The sinner, the believer and the confused.

Der Roman nimmt Bezug auf die aktuelle tiefe Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft. Wenn unterschiedliche Gruppen von der absoluten Richtigkeit ihrer Meinungen überzeugt sind, ist Konflikt unausweichlich. Religion ist auch weiterhin im Zentrum der meisten dieser Debatten. Elif Shafak erschafft in ihrem Roman die Figur von Azur, einem kontroversen Oxforder Professor, der seine Studenten ermuntert, in seinem Seminar über unterschiedliche Glaubenssysteme zu debatieren, um der Unsitte der „Malady of Certainty“ Einhalt zu gebieten. Zu seinem Seminar kann man sich nicht einfach anmelden, man wird von ihm eingeladen und ausgewählt, die philosophische Bedeutung Gottes zu diskutieren.

Neben der Protagonistin Peri, die mit einem sekulären Kemalisten als Vater und einer tiefgläubigen Mutter aufwächst und mit Bezug auf Gott eher verwirrt ist, nimmt ihre politisch aktive und gläubige Muslimin Mona und die freizügige, bisexuelle atheistische Shirin teil, eine Iranerin.

Teile des Buches spielen im heutigen Istanbul und insbesondere während der Dinnerparty gibt es wahnsinnig gute Passagen und ich kam aus dem Unterstreichen kaum heraus.

„Frankly, I don’t believe in democracy“, said an architect with a crew cut and perfectly groomed goatee… Take Singapore, success without democracy. China. Same. It’s a fast-moving world. Decisions must be implemented like lightning. Europe wastes time with petty debates while Singapore gallops ahead. Why? Because they are focused. Democracy is a loss of time and money“.

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Teile des Buches haben mir sehr gefallen, andere fand ich ein wenig zu konstruiert und für eine, die auch ein bisschen zu sehr davon überzeugt ist, zu wissen was sie glaubt, war die pausenlose Auseinandersetzung mit Religion ein bisschen viel.

Vor der Eröffnungsrede gab es im Foyer der Berliner Festspiele eine Inszenierung in der die Darstellerin Zoran Volantes im Käfig sitzend, Texte der inhaftierten Autorin Aslihan Erdogan und anderen inhaftierten oder gefährdeten türkischen Autoren vorlesend.

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Mich hat das Treffen mit Elif Shafak sehr beeindruckt und ihre Rede hat mich sehr bewegt. Wie fragil die Demokratie momentan ist, ist mir danach noch einmal mehr bewusst geworden und wie wichtig es ist, sie nicht als etwas selbstverständliches zu sehen, sondern um sie zu kämpfen und sich mit den progressiven liberalen Menschen weltweit noch viel stärker zu solidarisieren.

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Elif Shafaks TED Talk „The revolutionary power of diverse thought“:

„Three Daughters of Eve“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Der Geruch des Paradieses“ im Kein & Aber Verlag.

Short but sweet – Damenwahl

Heute stelle ich euch in „Short but Sweet“ vier Ladies vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich liebe die Vorstellung, die vier könnten gemeinsam in einer Hotelbar sitzen und sich miteinander unterhalten und trinken. Madame de Salm serviere ich ein Glas Champagner, Ms Mitford einen Gin & Tonic, Andreas Burnier vielleicht ein Heineken und Caitlin Moran bekommt einen Cider von mir. Los geht’s in chronologischer Order

Constance de Salm – 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Ich merke, dass ich Briefromane überaus faszinierend finde. Egal ob es ein tatsächlich stattgefundener oder ein fiktiver ist – ich lese einfach gerne Briefe und noch einmal mehr, wenn es sich um ein sprachlich so kunstfertiges und poetisches Büchlein handelt.

Der Inhalt ist schnell erzählt und wird jedem, der einmal unglücklich verliebt war oder vor Eifersucht brannte, ganz und gar bekannt vorkommen. Auch wenn es heute vielleicht keine Briefe sind, die von Dienern und Boten hin und hergeschickt werden, ist die Situation doch absolut die gleiche und wer hat nicht schon ungeduldig aufs Handy-Display gestarrt, um endlich die ersehnte Antwort zu bekommen.

Madame de xxx schreibt ihrem Geliebten, nachdem sie zu Hause angekommen ist. Er hat sich nach einem gemeinsamen Theaterbesuch flüchtig von ihr verabschiedet und ist mit einer anderen Dame verschwunden. Die Eifersucht bringt sie fast zum Durchdrehen und sie versucht alles, um Klarheit zu bekommen, selbst vor einem Einbruch in sein Haus schreckt sie nicht zurück.

Das ist komplett egal, dass die Dame vor 200 Jahren lebte, ihre Gedanken und Gefühle sind so aktuell wie eh und je und daher kann ich diesen Briefroman uneingeschränkt empfehlen. Eine Frau, die trotz ihrer verliebten, eifersüchtigen Art nie unterwürfig wird, sondern ihren Schmerz und ihre Sorge zeigt, ohne sich zu erniedrigen.

„Guten Morgen, mein Freund; da bin ich, und meine Nacht war Grauen. Dein Bild und das ihre standen allzeit vor meinen Augen. Ich sah dich, hörte dich; sprach mit dir, geliebter, grausamer Freund; und wohl zwanzigmal erwachte ich mit schweißbedeckter Stirn und in schrecklicher Beklommenheit, ich wollte, ich könnte sie für dich malen. Soll ich es versuchen? Ich weiß nicht: Wir Frauen haben doch in unserer Seele unendlich viele Empfindungen, die auch der zärtlichste Geliebte kaum verstehen kann: für ihn gleichen sie einem Delirium; aber wäre selbst dieses Delirium der eigentliche Fehler der Liebe, ist es doch gleichwohl etwas Heiliges.“

Constance Marie zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1767 – 1845) war eine französische Dichterin und Schriftstellerin. Sie genoss eine für Frauen ihrer Zeit exzellente Ausbildung und und leitete einen angesehenen literarischen Salon, in dem u. a. Alexander von Humboldt, Stendhal und Alexandre Dumas verkehrten. “ 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau “ war ihr einziger Roman und zugleich größter Erfolg ansonsten schrieb sie noch die Tragödie Sappho. Sie engagierte sich leidenschaftlich für die Emanzipation der Frau und wurde erstes weibliches Mitglied in einer der Pariser Akademien.

Mich hat der Roman an Marcelle Sauvageots „Ganz die Deine“ erinnert, die Rezension findet ihr hier. Da sind schon Parallelen, oder ?

Hier findet ihr bei Sätze und Schätze eine weitere Rezension.

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Nancy Mitford – The Pursuit of Love

Was für eine Familie! Die Oktober-Lektüre unseres Bookclubs hat uns einen sehr unterhaltsamen Roman präsentiert, über den wir wunderbar diskutieren konnten und der ausnahmslos jedem in unserer Runde gefallen hat. Eine Satire auf die  „NOCD“ (Not our class dear)-Flausen, die englische Upper Class und Familienmitglieder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Britsh Humour at its best. Habe selten so häufig gekichert beim Lesen, seitenweise Sätze unterstrichen und mich einfach bestens amüsiert. Mitford schafft es ,in ihrer nahezu-Biografie selbst tragische Momente humorvoll zu verpacken. Viel interessanter jedoch als der Roman (der durchaus interessant ist) ist die Familie Mitford an sich.

“Always either on a peak of happiness or drowning in black waters of despair they loved or they loathed, they lived in a world of superlatives”

“My dear Lady Kroesig, I have only read one book in my life, and that is ‘White Fang.’ It’s so frightfully good I’ve never bothered to read another.” 

“Linda’s presentation of the ‚facts‘ had been so gruesome that the children left Alconleigh howling dismally, their nerves permanently impaired, their future chances of a sane and happy sex life much reduced.” 

Wir fragten uns, ob sie das damalige Äquivalent zu den heutigen Kardashians waren in deutlich intellektueller, aber vermutlich ist, wenn überhaupt ein Vergleich zur Familie Mann passender. Nancy Mitford war die älteste von 6 Schwestern und einem Bruder und fast jeder aus dieser Familie ist nahezu einen eigenen Roman wert. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei Unity. Sie wurde 1914 geboren und von ihren Eltern zu Ehren des beendeten 1. Weltkriegs so optimistisch benannt. Sie verfällt noch in England in jüngsten Jahren dem Nationalsozialismus und reist mit gerade einmal 18 Jahren nach München, in der Hoffnung auf ihr Idol Hitler zu treffen. Sie schafft das sogar sehr schnell, die beiden freunden sich an, sie verfällt ihm ziemlich und schießt sich aus Kummer aufgrund der Kriegserklärung an England im englischen Garten eine Kugel in den Kopf – mit einer Pistole, die Hitler ihr geschenkt hatte. Aufgrund des kleinen Kalibers überlebt sie allerdings, geht zurück nach England und verstirbt nur wenige Jahre später an den Spätfolgen des Schusses. Peng.

Eine weitere Schwester, Diana, heiratet einen englischen Faschisten-Führer, Jessica wird Kommunistin, Nancy und Deborah wurden bekannte Schriftstellerinnen, einzig Pamela schien ein relativ aufsehensfreies Leben zu führen. Der Bruder, Tom, stirbt 1945 in Burma.

Ich kann die Lektüre von Nancy Mitfords Büchern nur empfehlen. Vor einer Weile las ich „Wigs on the Green“ ebenfalls richtig gut und es gibt eine sehr interessante Biografie von Susanne Kippenberger über die Familie, die ich unbedingt noch einmal lesen möchte.

Eine Bookclub-Freundin fand noch diese beiden interessanten Dokumentationen einmal über Unity,  https://youtu.be/Z9kBH47Ohlg sowie ein Interview mit der jüngsten Mitford Tochter Deborah. https://youtu.be/25IO32AxGq4

 

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Andreas Burnier – Knabenzeit

Bin gar nicht sicher, ob Andreas Burnier eigentlich glücklich wäre, hier als Frau genannt zu werden, geboren wurde sie als Catharina Irma Dessaur, sie nahm das Pseudonym Andreas Burnier an und wurde unter diesem Namen in den Niederlanden auch recht bekannt. Pünktlich zum Buchmessen-Schwerpunkt habe ich das kurze nur 112 Seiten lange Büchlein von Birgit von Sätze und Schätze erhalten und habe am gleichen Abend noch begonnen es zu lesen.

Der Titel „Knabenzeit“ bezieht sich auf die getrennten Schwimmzeiten für Mädchen und Jungen in öffentlichen Schwimmbädern. Die Protagonistin Simone musste sich mit 9 Jahren als Kind jüdischer Eltern verstecken. Die Geschichte wird chronologisch rückwärts erzählt und wir erleben Simone an den verschiedenen Stationen an denen sie für eine Weile unterkommen konnte. Das Mädchen ist häufig isoliert, ängstlich und alleine und beschäftigt sich neben den großen Themen wie Krieg, Verfolgung, Sorge um die Eltern auch noch mit ihrer eigenen Transsexualität/Homosexualität. Immer wieder werden ihr die Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Jungen und Mädchen / Männern und Frauen bewusst.

Die Sprache ist karg und realistisch, ich hatte das Gefühl als würde sich Burnier an ein jugendliches Publikum wenden. Eine dunkle melancholische Geschichte, deren stellenweiser Sarkasmus vielleicht nicht für jeden etwas ist.

  „Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, gleich als Junge zur Welt zu kommen. Man würde sich nicht darüber wundern. Es wäre selbstverständlich, daß mit dem Körper alles in Ordnung war. Daß man Fußball spielen konnte, abends durch die Stadt gehen und Mädchen ansprechen, schwimmen, wenn Knabenzeit war. Einen Beruf wählen und in diesem Beruf weiter arbeiten, wenn man heiratete und Kinder bekam. Daß man keine öden Sachen zu tun brauchte wie Handarbeiten oder Tischdecken. Daß man zu den Menschen gehörte, die im Leben etwas leisteten: Soldaten, Wissenschaftler, Minister, Entdeckungsreisende , Ingenieure, Direktoren, und nicht zu der unbedarften Hälfte, die, ob arm oder reich, die gleiche Hausarbeit verrichten mußte. Zu denen, die selbst kein Geld verdienten und sich wie Pfauen aufputzen mußten, um der anderen Hälfte zu gefallen.“

 

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Caitlin Moran – How to be a Woman

Witzig wie Nancy Mitford, aber deutlich unterschiedlichen Klassen angehörig. Auch Moran kommt aus einem Haushalt mit einer unüberschaubaren Anzahl an Geschwistern, aber statt in einem Schloss wohnen sie in einem Sozialbau und auch sonst gibt es im Alltag von Nancy und Caitlin vermutlich wenig überschneidende Elemente.

Mich hat an dem Buch etwas irritiert, dass es sich als feministisches Buch präsentierte „Feminism–now with jokes!“ tatsächlich ist es ist aber eigentlich vielmehr eine Biografie und man erfährt eine Menge über Caitlin Moran. Was gar nicht so schlimm ist, wenn man weiß, worauf man sich einläßt. Ich kenne Caitlin Moran aus meiner Zeit in London in den späten 90ern /Anfang 2000 und ich glaube, je besser man sie kennt, oder selbst in den 90ern in Großbritannien aufgewachsen ist, desto eher kann man mit ihrer Biografie etwas anfangen, denke ich. Sie ist unglaublich witzig und stellenweise fremdschämend ehrlich. Es geht ihr weniger um theoretische Implikationen des Feminismus, sondern sie schaut dem Feminismus knallhart unter den Rock und ins Gesicht.

Sie berichtet von ihrer Teenagerzeit, ihrem Übergewicht, stört sich an Haaren die an den immer falschen Stellen wachsen und im späteren Teil des Buches mit dem Verlieben, Kinderkriegen, Abtreibungen und warum es auch für Feministinnen vollkommen in Ordnung ist, sich eine Putzfrau zu engagieren.

“It’s difficult to see the glass ceiling because it’s made of glass. Virtually invisible. What we need is for more birds to fly above it and shit all over it, so we can see it properly.” 

Viele interessante Gedanken in dem Buch, die es für mich insgesamt zu einer witzigen und interessanten Lektüre machten, würde es aber wohl in meinem Bekanntenkreis eher British Natives empfehlen.
“No one has ever claimed for a moment that childless men have missed out on a vital aspect of their existence, and were the poorer, and crippled by it. Da Vinci, Van Gough, Newton, Faraday, Plato, Aquinas, Beethoven, Handel, Kant, Hume, Jesus. They all seem to have managed childlessness quite well.”

Sehr cool fand ich ihren Test mit dem man herausfinden kann, ob man eine Feministin ist: “Put your hand in your underpants. a. Do you have a vagina? and b. Do you want to be in charge of it? If you said ‚yes‘ to both, then congratulations! You’re a feminist“

Und eine Erklärung dafür, was Feminismus eigentlich bedeutet hat sie auch: “What is feminism? Simply the belief that women should be as free as men, however nuts, dim, deluded, badly dressed, fat, receding, lazy and smug they might be. Are you a feminist? Hahaha. Of course you are.” 

Konnte ich Euch jetzt auf eines der Bücher Lust machen ? Mit welcher Autorin würdet ihr am ehesten was trinken gehen?

Constance de Salm – „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ erschienen im Hoffmann & Campe Verlag
Nancy Mitford – „Englische Liebschaften“ erschienen im Ullstein Verlag
Andreas Burnier – „Knabenzeit“ erschienen im Wagenbach Verlag
Caitlin Moran – „How to be a Woman: Wie ich lernte eine Frau zu sein“ erschienen im Ullstein Verlag

How To Be A Heroine – Samantha Ellis

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What I learned from reading too much is, that at some stage the dog comes round and tries to get you out of the bathtub for a walk 😉

Samantha Ellis hat sich in ihrer literaturverliebten Biografie mit den Beziehungen und Verhältnissen beschäftigt die sie zu verschiedenen fiktiven Literaturheldinnen im Laufe ihres Lebens entwickelt hat. Ein Gespräch mit einer Freundin über „Wuthering Heights“ und „Jane Eyre“ bringt die Frage auf, ob die nicht eher die mutige Jane Eyre als feministisches Vorbild taugt, als die hitzköpfige freiheitsliebende Cathy Earnshaw die am Ende alle unglücklich macht.

Die Diskussion bringt Ellis zum Nachdenken und dazu ihre weiblichen literarischen Vorbilder genauer unter die Lupe zu nehmen und mit ihrer eigenen Entwicklung in Einklang zu bringen. Sie beschließt alle Bücher noch einmal zu lesen die sie geprägt haben und sich der mutigen Frage zu stellen, ob ihre literarischen Heldinnen standhalten können oder ob sie sie tatsächlich eigentlich auf Abwege geführt haben.

Das Ergebnis dieser Wiederentdeckungsreise sind sehr amüsante und oft auch sehr bewegende Erinnerungen. Mir gefiel dieser Mix aus Biografie und dem persönlichen Blick auf das Leben mit dem ihren Romanheldinnen.

Ellis wuchs in England als Teil einer Irakisch-Jüdischen Familie auf. Es gab jede Menge Erwartungshaltungen an sie, häuftig versucht sie der klaustrophobischen Enge des Familienclans zu entkommen. Ellis zieht oft ihre Romanheldinnen als Orientierungshilfe zu Rate. Ich denke lesen ist für die meisten nicht nur eine Form der Unterhaltung, sondern wir lesen um Geschichten zu finden die uns Wege aufzeigen wie wir leben können oder wollen.

Für Ellis beginnt die Reise mit Andersens kleiner Meerjungfrau, geht über Anne of Green Gables mit der sie ihre erste Enttäuschung erlebt, als sie feststellt, dass die kluge Anne das Schreiben aufgibt nachdem sie verheiratet ist.  Mit ihrer Teenagerzeit-Heldin Lizzy Bennet aus Austens „Pride and Prejudice“ teilt sie mit 12 Jahren die Hoffnung irgendwann vielleicht auch einmal einen Mann zu heiraten der ihr und ihrer Familie gefällt. Mit 17 ist es Scarlett O’Hara mit deren Hilfe sie den Mut aufbringt, ihre Eltern davon zu überzeugen sie in Cambridge studieren zu lassen.

“My parents wanted me to get a degree, but they wanted me to do it at home, where they could keep an eye on me, and send me on dates with their friends’ sons. They didn’t want me to risk my safety, health and reputation to go God-knew-where, and study God-knew-what.”

In Cambridge ist ihre Heldin dann natürlich Sylvia Plaths Esther Greenwood von der sie ziemlich besessen ist

“For a while I didn’t really see the city, just ran around recognising places she’d been.”

20 Jahre später glaubt sie nicht mehr, dass Plath das Leiden angepriesen hat, sondern dass sie den Versuch es zu bekämpfen bevorzugte, selbst wenn der Kampf (noch) nicht gewonnen werden kann.

Desweiteren beschäftigt sie sich noch mit den folgenden Damen:

Lucy Honeychurch
The Dolls (from the Valley)
Cathy Earnshaw
Flora Poste
Scheherazade

Samantha Ellis‘ biographische Reise an der Hand ihrer Romanheldinnen ist spannend und unterhaltsam. Einige kenne ich auch, ein paar wollte ich danach kennenlernen, um andere weiterhin einen Bogen machen. Während der Lektüre beginnt man sich zwangsläufig mit den eigenen literarischen Vorbildern zu beschäftigen.

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Foto: www.gleichartig.wordpress.com

Wer Lust auf eine solche Reise hat, vielleicht auch als Anstoß für seinen eigenen Trip, dem kann ich Samantha Ellis‘ Buch „How to be a Heroine“ nur ans Herz legen. Es macht riesige Lust sich mit seiner eigenen Lese-Biografie zu beschäftigen.

Wer würde auch heute noch Bestand haben und wem würde ich wohl in heutiger Facebook-Manier das „Like“ entziehen?

Hier ein paar meiner Heldinnen und Helden, ja ja wieder eine Liste und ganz sicher nicht komplett. Ich werde mit Sicherheit bei der einen oder anderen die Tage mal wieder reinlesen:

Johnny Trotz aus „Das fliegende Klassenzimmer“
Pippi Langstrumpf
George von den 5 Freunden
Die Rote Zora
Trixie Belden
Laura Ingalls aus „Little House on the Prairie“
„Scout“ Finch aus „To Kill a Mockingbird“
Jeannette aus „Oranges are not the only fruit“
Franny Glass aus „Franny and Zooey“
Esther Greenwood aus „The Bell Jar“
Lisbeth Salander aus „The Girl with the Dragon Tattoo“
Hermione Granger aus „Harry Potter“
Kafka Tamura aus „Kafka on the Shore“

Mehr fallen mir gerade nicht ein, aber da waren noch mehr, bin ganz sicher. Und ihr so ?

 

The Susan Sontag Read-athon

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Vor ein paar Wochen habe ich mich auf einen Susan Sontag Read-athon begeben, eine Autorin, Essayistin, Welt-Intellektuelle die ich schon sehr lange bewundere und über die ich nach einer kürzlich gesehenen Dokumentation gerne noch mehr erfahren wollte. Als mir Daniel Schreibers Biografie „Susan Sontag. Geist und Glamour“ in die Hände fiel, beschloss ich dieses „Mehr erfahren“ großflächig in Angriff zu nehmen.

Neben der Biografie besorgte ich mir die Tagebücher „Reborn. Early Diaries 1947 – 1963“ und „As Consciousness is Harnessed to Flesh: Diaries 1964 – 1980“ sowie das Rolling Stone Interview „The Doors and Dostojewski“ und begann, diese parallel zu lesen.

Ein sehr intensives Eintauchen in das Leben und die Gedanken eines anderen Menschen.

Besonders fasziniert hat mich in den frühen Tagebüchern (von 14 bis 30) wie unglaublich reif und erwachsen Sontag schon als Jugendliche denkt und schreibt. Sie scheint sich direkt aus ihrem Hirn heraus entwickelt zu haben und die Kindheit einfach wie eine lästige Hülle abgestreift zu haben, um sich voll und ganz ihrem Lebensziel, der Intellektualisierung ihrer selbst, zu widmen. Ernsthaftigkeit ist bei ihr Programm und unnachgiebig sich selbst und anderen gegenüber treibt sie ambitioniert ihr Ziel, eine ernstzunehmende Intellektuelle zu werden, voran.

Neben dem intellektuellen Erwachen zeugen ihre frühen Tagebücher auch von ihrer sexuellen Erweckung und ihrer Erkenntnis mit sechzehn in Berkely:  „I feel that I have lesbian tendencies (how reluctantly I write this).“

Viele der Einträge sind extrem persönlich, teilweise Beichten ähnlich und ich habe mich des Öfteren beim Lesen gefragt, ob sie wirklich gewollt hätte, dass diese Tagebücher in der Form veröffentlicht werden. Viele Einträge sind kurze Notizen, viele Listen (wooohooo – noch ein Listomaniac), die es nicht immer einfach machen, sie zu verstehen und es ist auch nicht immer einfach, sie zu mögen.

Sie ist eine herausfordernde Liebende, sie erwartet 100% Aufmerksamkeit, sie ist unglaublich „needy“ und anstrengend. Sie liebt heftig und hat einen Hang zu desaströsen Beziehungen.

Der erste Band ihrer Memoiren folgt ihrer intellektuellen und emotionalen Entwicklung vom Schulmädchen zur cleveren Studentin, von New York nach Paris und von ersten lesbischen Affären, über ihre Heirat und die Geburt ihres Sohnes bis hin zu Liebhaberinnen während und nach ihrer Ehe. Beruflich folgt ihrem Studium die Professur an der Columbia University und der Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit.

Der Band endet 1961 – ein Jahr, in dem sie den Eindruck hat, sich selbst nicht zu mögen und auch dem Leser fällt das nicht immer leicht. Aber man ist stets und ständig fasziniert. Ihr Sohn kommt verhältnismässig wenig vor in ihren Tagebüchern. Mich hätte das wahrscheinlich ziemlich verletzt an seiner Stelle.

Susan Sontag. Reborn: Early Diaries 1947 – 1963

Der zweite Tagebuch-Band beginnt mit Sontags Abkehr von der akademischen Welt. In ihren Dreissigern lebt sie hauptsächlich in einer Welt des Schreibens und dem rauschhaften Kultur-Konsum, den New York im Überfluss zu bieten hat. Die Tagebücher sind endlose Auflistungen von Filmen, Büchern, „Happenings“ Besuchen in Kunstgalerien usw.

Sie hat eine unglaubliche Energie, sieht teilweise 3 Filme an einem Tag und schafft es nahezu täglich ein Buch zu lesen. Das ist im übrigen etwas was ich unglaublich mag, denn ich leide ja auch unter diesem nie stillbaren Kulturhunger, der einem auch oft genug den Vorwurf einhandelt, man lese nicht tief genug, könne doch unmöglich „richtig“ lesen und verstehen.

Ihre Einträge beschäftigen sich häufig mit ihren Betrachtungen, Analysen ihrer Umwelt. Diese Band ist noch weitaus fragmentierter, kürzere Notizen, Buchzitate und wieder jede Menge Listen. Listen der gesehen oder noch zu sehenden Filme oder der Bücher die sie gelesen hat oder lesen will und Bemerkungen über ihre Therapie.

Nach ihrer schmerzvollen Trennung von der kubanischen Dramatikerin Maria Irene Fornés („I am frozen, paralysed, the gears are jammed … „) stürzt sie sich in eine Beziehung mit Carlotte del Pezzo, einer italienischen Adligen mit großem Appetit auf Heroin. Die Affäre dauert nur etwa 10 Monate, aber im Tagebuch nimmt sie viel Platz ein und bringt Sontag fast an den Rand eines Zusammenbruchs “God help me – help me – to stop loving her if she doesn’t love me any more.

Sontag liebt hart, heftig und häufig mit großem psychischen und physischen Einsatz, wenngleich häufig mit wenig Glück.

“It hurts to love. It’s like giving yourself to be flayed and knowing that at any moment the other person may just walk off with your skin.”

“Being in Love means being willing to ruin yourself for the other person.”

“I have always been full of lust – as I am now – but I have always been placing conceptual obstacles in my own path.”

Beruflich ist sie wesentlich erfolgreicher. In dieser Zeit entsteht ein Großteil ihres essayistischen Werks, unter anderem auch der in der Partisan Review erschienene Essay „Notes on Camp“, der wohl Sontags bekannteste Arbeit ist und zu einer Zeit entstand, als sie vom intellektuellen „It-Girl“ zu einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts wurde.

Eine Zeit auch, in der sie viel reist, sich mit Politik beschäftigt und dank schmerzhafter Chemotherapien eine Stage4-Brustkrebs-Diagnose überlebt.

“My library is an archive of longings.”

Ich denke, egal wieviel und was man über Sontag erfährt, am Ende bleibt, dass es ihre Arbeit und ihr publiziertes Werk ist, das zählt und die wichtigste Grundlage kritischer Beurteilungen sein muss.

“I am only interested in people engaged in a project of self-transformation.”

Susan Sontag – As Consciousness is harnessed to Flesh

Eine weitere spannende Besprechung ihrer Tagebücher findet ihr auch hier.

Daniel Schreiber, der sechs Jahre lang in New York lebte und dort auch die erste umfassende Biografie zu Susan Sontag schrieb, wirft einen distanzierten Blick auf ihr Leben. Schreiber beschäftigt sich überwiegend mit dem öffentlichen Bild Sontags, hat für seine Recherche mit vielen Freunden, Bekannten und Weggefährten Sontags gesprochen und stark ihr publiziertes Werk analysiert.

Sontag ist ein Mensch, der immer auf Mission ist. Sie hat einen Bildungsauftrag und nimmt diesen Ernst. Ihre Texte haben große Kraft. Sie ist ein Mensch, der sich gleichzeitig ständig in den Mittelpunkt stellt und doch wichtige Seiten ihrer selbst im Hintergrund lässt. Sie ist ein extrem privater Mensch, der meines Erachtens schon zu verstehen gibt, ich kann mich erst zeigen, wenn ihr als Gesellschaft toleranter wärt. Sie macht sich immer wieder angreifbar und zeigt sich auch verletzlich in ihren Selbstwidersprüchen, die ihr Werk durchziehen.

Er zeigt Sontag in all ihren Widersprüchen, nur der Mensch Sontag ist mir nach dem Buch irgendwie etwas fremd geblieben. Trotzdem kann ich die Biografie empfehlen, würde aber gerne noch eine Biografie lesen, die weniger den öffentlichen Menschen in den Mittelpunkt stellt, als die Person hinter der bekannten Intellektuellen.

Daniel Schreiber – Susan Sontag. Geist und Glamour

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Das Rolling-Stone Interview, das Jonathan Cott 1978 mit Susan Sontag führte, ist ein absolutes faszinierendes, vielseitiges Gespräch, das einem das Gefühl gibt, als Mäuschen bei einem Dinner-Date mit zwei extrem intelligenten Menschen dabeizusein und fasziniert mit offenem Mund sitzenzubleiben und zu hoffen, nicht entdeckt zu werden.

„Die meisten meiner Gedanken entwickle ich im Gespräch.“

Allein für diesen Satz liebe ich sie, denn mir geht es ganz genauso. Leider entwickel ich auch im Gespräch niemals auch nur annähernd so clevere Gedanken 😉

Das Interview entstand nicht in einer Sitzung, erst in Sontags Pariser Wohnung, dann einige Zeit später in ihrem New Yorker Loft. Das Gespräch zeigt ihre intellektuelle Spannkraft, ihr Interesse an den unterschiedlichsten Themen. Von Fotografie, Ästhetik, Politik, Nietzsche über Feminismus zu den Doors und zurück. Die weitverbreitete Trennung von Hoch- und Popkultur interessiert sich nicht im geringsten. Sie hat auf Kategorien verzichtet, alles gleich und zugleich behandelt, genau hingesehen einzig entscheidend ist der Qualitätsanspruch.

Jonathan Cott – The complete Rolling Stone Interview

Neben dem Read-a-thon hat zeitgleich in München ein dreitägiges Symposium zur Aktualität Susan Sontags stattgefunden. Im Rahmen dessen besuchte ich eine Forumsdiskussion zum Thema „Ethik des Sehens“, an der Daniel Schreiber, Carolin Emcke, Juliane Rebentisch und Stefan Hunstein teilnahmen.

Die Diskussion beschäftigte sich mit der Frage was zeigen wir? Wie zeigen wir Bilder? Mit der Ästhetik in der Ethik oder dem Fehlen von Ästhetik und Ethik?

Es kamen sehr interessante Fragen auf, ob es möglich ist, die affektive und emotionale Kraft in Bildern zu kanalisieren und zu kontrollieren. Sontag war der Ansicht, das Fotografien immer selektiv und interpretierbar und daher konstruiert sind. Sie hat Partei ergriffen für den Kontext und den narrativen Text, ohne den Bilder nicht verständlich sind. Bilder zeigen immer nur Fetzen von Wirklichkeit. Wer hat die Bedeutungskontrolle über Bilder?

Ihr Essay „Das Leiden anderer betrachten“ birgt Sontags Aufforderung in sich, genau hinzusehen und die Verpflichtung, sich moralisch kundig zu machen. Bilder nicht einfach zu konsumieren, sondern über das Gesehene nachzudenken und vom Nachdenken ins Handeln zu kommen.

Fotografie ist eine Waffe um Interesse zu manifestieren.

Als großer Fan von Sontag und der Electroband „Fischerspooner“ habe ich mich riesig gefreut zu erfahren, das Sontag kurz vor ihrem Tod einen Song für Fischerspooners Album „Odyssee“ geschrieben hat. Mit diesem Video beende ich jetzt erst einmal meinen Sontag-Marathon und widme mich meiner anderen Leseleidenschaft: Murakami. Aber keine Sorge, nur ein Roman, keine Read-a-thons momentan zu befürchten.

Susan Sontag – The Doors und Dostojewski, Hoffmann & Campe Verlag
Susan Sontag – Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963, Hanser Verlag
Suan Sontag – Ich schreibe, um herauszufinden was ich denke. Tagebücher 1964-1980
Daniel Schreiber – Susan Sontag. Geist und Glamour, Aufbau Verlag