On the Road – Jack Kerouac

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„Because the only people that interest me are the mad ones, the ones that are mad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time, the ones that never yawn or say a commonplace thing… but burn, burn, burn like roman candles across the night.“

Was mich mit am meisten beeindruckt hat bei „On the Road“ war die Tatsache, das Jack Kerouac das Buch innerhalb von 3 Monaten einfach so – wie im Rausch – runtergetippt hat, auf einer langen Rolle. Stell mir das so vor: Zigarette an, Rolle rein, losgetippt und nicht mehr aufgehört, bis die Geschichte oder die Rolle zu Ende war. Zwischendrin höchstens mal Pipi gemacht oder neue Kippen geholt. Genau weiß ich es natürlich nicht.

„On the Road“ ist ein Buch über das man soviel gehört hat, dass man manchmal den Eindruck hat, man habe es schon gelesen. Hatte ich aber nicht. Die Verfilmung von 2012 hatte ich gesehen und die fand ich nicht schlecht, aber anstrengend. Was aber gar nicht mal so sehr an der Verfilmung lag, obwohl die von der Kritik nicht sonderlich gelobt wurde. Es war schon auch ein wenig das grundsätzliche Konzept, dieses kaum waren sie endlich da, wo sie hinwollten, wollten sie auch schon wieder weiter. Restless. Ich meine das gar nicht negativ, ich hab das durchaus auch in mir, aber wenn ich solche Bücher lese oder Filme sehe, dann verschlimmert sich das und macht mich kirre.

Wahrscheinlich ist das mit ein Grund, warum ich gerne eher ruhigeres höre, wie z.B. Trip Hop, Dark Electronica oder auch gerne „langsame“ Bücher mag wie Haruki Murakami. Aber genug Selbstanalyse und zurück zum Buch.

Jack Kerouac (1922 – 1969) hat sich ein Denkmal gesetzt mit der Beschreibung seines Road Trips , die er mit seinem Kumpel Neal Cassady in den späten 40er und frühen 50er Jahren in den USA und Mexiko unternommen hat. Es ist außerdem ein Buch über seine Beziehungen zu den anderen Beatniks, seinen Schriftstellerkumpeln und deren Freunde.

Jack (Sal) will unbedingt weg, will was erleben, will auf die Straße und dieses Sehnen spürt man auf jeder Seite, mit jeder Zeile und macht dieses Buch so zeitlos und einzigartig. Seine poetischen Beschreibungen der Landschaft sind das perfekte Sehnsuchtsmittel, man will gleichfalls loslaufen, frei sein und sich selbst begegnen irgendwo unterwegs.

So ein Roadtrip ist was ganz Einzigartiges. Es ist eine ganz besondere Form des Reisens. Meine einzigen Vergleiche kommen von Fernwanderungen durch Schottland, wenn das Gefühl der Bewegung, diese Sucht immerzu einen Schritt vor den nächsten zu setzen, jeden Abend ein Ziel zu haben und am Morgen doch wieder aufzubrechen. Einfach nur zu gehen, ist etwas, das einen in einen ganz besonderen Bewusstseinszustand versetzt, glaube ich. Thomas Espedal hat ein sehr schönes, gleichnamiges Buch zum Gehen verfasst – ich kann es auf jeden Fall empfehlen.

Diese Sehnsucht nach Freiheit und dem ewigen Versprechen der Straße ist eine der Sachen die Kerouac so wunderbar beschreibt.

“There was nowhere to go but everywhere, so just keep on rolling under the stars.”

Das Gehen und das Reisen sind auch das was Jack (Sal) und Neal (Dean) zusammenhält. Wenn sie anhalten, selbst für kurze Zeit, dann bekommen sie Probleme miteinander. Ihre Beziehung braucht den Kontext des Reisens, dann kann sie nichts aufhalten. Sie brauchen diesen absoluten Gegenpol zu allem, was den meisten heilig ist, sie wollen keine Sicherheit, keine Stabilität sie wollen weiter.

„…ad to live, mad to talk, desirous of everything at the same time.“

Die beiden brechen immer wieder aus aus ihrer engen Welt. Der Realität die bevölkert ist von vernünftigen Arbeitnehmern, die auf einen Kleinwagen sparen, in einer Gesellschaft, die gerade dem zweiten Weltkrieg entkommen ist und unter McCarthys Dauerbeobachtung stets vom nächsten Atomkrieg bedroht sind.
Dem entfliehen die beiden, auf der Straße wo der Horizont stets eine bessere, nie erreichbare Zukunft verspricht.

Das Zeitlose scheint auch die immerwährende Suche nach Wahrheit und Authentizität zu sein. In den 50er Jahren war das ganz ausgeprägt so, die Kriegsgeneration war auf der Suche nach der Essenz, die allem inne ist, nach dem Echten um jeden Preis. Ob Kerouac, Camus oder Holden Caulfield, der Zorn auf alles was „phony“ ist, war heftig. Dieser Wunsch nach Authentizität ist zeitlos, jede Generation muss sich von seinen eigenen „Phonies“ befreien.

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Das Buch schafft es, den Rhythmus der Straße, des Gehens zu vermitteln. So anstrengend und egozentrisch sie oft sind, „On the Road“ besitzt eine Energie, eine Dynamik und eine Authentizität die ich mit dem Wort „Beatnik“ verbinde.

Interessant finde ich auch, dass Jack so unkonventionell gar nicht ist, wie man denkt und wie er vielleicht auch gerne selbst wäre. Er liebt einfach die Gesellschaft der Außenseiter, der Abenteurer, er selbst bleibt gerne am Rand, es zieht ihn auch immer wieder in die „normale“ Realität zurück, im Gegensatz zu seinem Kumpel Neal.

In der Szene, in der Carlo (Allen Ginsberg) und Dean (Neal Cassady) die ganze Nacht diskutieren, zeigt sich Jacks Zuschauerrolle für mich am besten:

“If you keep this up, you’ll both go crazy, but let me know what happens as you go along.”

Er mag nicht unbedingt mittendrin sein, aber er will wissen was passiert. Bei den Landschaftsbeschreibungen oder den Begegnungen mit den Arbeitern auf den Baumwollfeldern zum Beispiel, hat mich Kerouac an Steinbeck erinnert, die beide zeitlos sind für mich in ihren Erzählungen.

Ich fand „On the Road“ im übrigen viel weniger skandalös als erwartet, aber das ist sicherlich der Blick aus dem 21. Jahrhundert. Ja, gibt schon ne Menge Sex und Drogen, aber nix sonderlich explizit. Für die 50er Jahre kann das allerdings schon recht gewagt gewesen sein.

„On the Road“ ist wunderbar bittersüss – eine Wolke der Melancholie hängt über den Protagonisten, die immer dunkler wird, je hektischer sie versuchen ihr mit Alkohol, durchfeierten Nächten und Drogen zu entkommen. Sie können nicht für immer „On the Road“ bleiben und dieses Wissen wird ihnen immer schmerzlicher bewusst, je länger die Reise dauert.

“And for just a moment I had reached the point of ecstasy that I always wanted to reach and which was the complete step across chronological time into timeless shadows, and wonderment in the bleakness of the mortal realm, and the sensation of death kicking at my heels to move on, with a phantom dogging its own heels, and myself hurrying to a plank where all the Angels dove off and flew into infinity.”

Definitiv ein Buch, das mal wieder eine dazugehörige Playlist verdient hat:

Morrissey – Neal Cassidy drops dead
Tom Waits – Home I’ll never be
Ella Fitzgerald – I’ve got the world down on a string
Belle & Sebastian – Le Pastie de la Bourgeoisie
10,000 Maniacs – Hey, Jack Kerouac
The Smith – Pretty Girls make graves
Echo & The Bunnymen – Nothing lasts forever
Cannonball Adderly – Autumn Leaves
Jack Kerouac – On the Road

Stolz und Vorurteil und Zombies – Seth Grahame-Smith & Jane Austen

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Was für ein wundervoll abgefahrenes Erlebnis. Als ich „Stolz und Vorurteil und Zombies“ aus einem norddeutschen Ramschtisch in einem Supermarkt (!!!) rettete, hätte ich mir nie träumen lassen, wie gut Zombies sich in Austens Welt einbetten lassen. Manchmal so gut, dass ich mir gelegentlich überlegt habe, ob Jane Austen dieses Buch nicht tatsächlich selbst geschrieben hat, am Ende Muffensausen bekommen hat und die Zombies nachträglich wieder rausgeschrieben hat 😉

“The business of Mr. Bennett’s life was to keep his daughters alive. The business of Mrs. Bennett’s was to get them married.”

 

Eine mysteriöse Plage befällt England und damit auch das ruhige kleine Dorf Meryton. Hordenweise Untoter erheben sich aus ihren Gräbern und plötzlich sind Etiquette und Anstand, Einladungen zum Tee und mögliche Heiratskandidaten die geringsten Probleme, mit denen sich die Protagonisten dieses Romans herumschlagen müssen.

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Elizabeth Bennet und ihre Schwestern sind in der ganzen Nachbarschaft berühmt-berüchtigt für ihr hervorragendes Training in einem Shaolin-Kloster und ihre dort erworbenen hervorragenden Zombie Kampfkünste. Wenn die 5 Schwestern sich Kill-Bill-artig zum Todesstern zusammenfinden, fliegen sofort Gliedmaße durch die Gegend, Blut fließt literweise und zuckende abgeschlagene Zombie-Köpfe zieren das vornehme Parkett.

“Elizabeth lifted her skirt, disregarding modesty, and delivered a swift kick to the creature’s head.”

Miss Bennet, I am quite aware of your superior talent for cutting down the Lord’s forsaken flock. I merely mean to spare your gown.‘
Thank you,‘ said Elizabeth, composing herself, ‚but I should rather my gown be soiled than my honor.”

Viele Horror-Geschichten (und auch Filme) sind in der Regel nicht gerade von grandioser Qualität und oft einfach nur beschissen geschrieben. Daher ist es eine ziemlich clevere Idee, den erstklassigen Austen-Text zu nehmen, diesen zum Großteil unangetastet zu lassen und ihn mit einer guten Prise frisch auferstandener blutdürstiger Zombies zu versehen. Wäre ich Englisch-Lehrerin, ich würde das Buch in der Schule lesen und wenn sie etwas angefixt sind, gleich noch ein paar Austens und Brontes hinter her schieben.

Das Buch ist richtig blutig und nix für Zartbesaitete, hat aber auch eine Menge Humor. Meine liebste Passage war die, in der Elizabeth so wütend ist auf Mr Darcy nach seinem Antrag, dass sie ihn erstmal ordentlich verdrischt und er leicht lädiert am Kaminsims landet.

“Of all the weapons she had commanded, Elizabeth knew the least of love; and of all the weapons in the world, love was the most dangerous.”

Bislang hatte ich Mr. Darcy immer für ein ziemliches Weichei gehalten, in dieser Variante der Geschichte kommt er für mich deutlich besser weg.

“Elizabeth: „Your balls, Mr. Darcy?“
Darcy: „They belong to you, Miss Bennett.”

“Elizabeth, having rather expected to affront him, was amazed at his gallantry; and Darcy had never been so bewitched by any woman as he was by her. He really believed, that were it not for the inferiority of her connections, he should be in some danger of falling in love, and were it not for his considerable skill in the deadly arts, that he should be in danger of being bested by hers–for never had he seen a lady more gifted in the ways of vanquishing the undead.”

Es war übrigens reiner Zufall, dass ich „Stolz und Vorurteil und Zombies“ jetzt gelesen habe. Das Buch hatte sich in meinem SUB einfach gerade nach oben gearbeitet, trotzdem ein witziger Zufall, dass während meiner Lektüre die Verfilmung des Buches Premiere hatte. Den werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

 

Carmilla – Joseph Sheridan Le Fanu

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Le Fanu hat mit seiner Vampirin „Carmilla“ nicht nur Stoker zum wohl berühmtesten Vampir der Welt „Dracula“ animiert, in vielerlei Hinsicht hat er mit Carmilla auch das absolute Gegenstück zum heterosexuellen, adretten Grafen erschaffen.

„Carmilla“ ist eine von Frauen dominierte Geschichte, sie ist homoerotisch, mehrdeutig, vielschichtig und rätselhaft. Bei Le Fanu ist der Vampir nicht das absolut böse, verblühte Etwas, sondern eine wunderschöne, geheimnisvolle Fremde, die überall gerne nach Hause eingeladen wird und die Herzen ihrer Gastgeber gewinnt.

Carmilla wird ähnlich wie in Mulholland Drive ein Spiegelbild der jungen Laura, die sich mehr und mehr zu Carmilla hingezogen fühlt, wodurch eine ganz andere Art von Horror entsteht, wenn es eben nicht um die Zerstörung eines abgrundtief bösen verwelkten Monsters geht, sondern jemanden, den man irgendwie auch liebt.

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Foto: Rawgraff

Die letzten Jahre haben uns mit Vampirgeschichten ziemlich überrollt. Von Buffy über Twilight zur wundervollen Jim Jarmusch Verfilmung „Only Lovers left alive“ und daher erscheint einem vieles schnell als Cliché. Eine junge Frau wird Tag für Tag schwächer, sie schläft schlecht, ist nervös – klar, da muß ein Vampir in der Nähe sein. Daher musste ich mich gelegentlich daran erinnern, dass all das für Le Fanus Leser absolut neu war und nichts mit Cliché zu tun hatte.

“But to die as lovers may – to die together, so that they may live together.”

Überrascht hat mich, dass es durchaus richtig gruselig zugeht in dem Buch. Da waren ein paar Absätze, die fand ich wirklich unheimlich. Nicht das ich Autoren des 19. Jahrhunderts das nicht zutraue, aber einige Szenen hatte ich so nicht erwartet. Die Szenen wenn Carmilla Blut saugt, waren gleichzeitig erotisch, aber auch verdammt krass.

Was mich aber vielleicht am meisten überrascht hat war die, wenn überhaupt nur äußerst knapp verstecke, homoerotische Sexualität. Das muß beim Erscheinen des Buches für ziemliches Aufsehen gesorgt haben. Le Fanu gehört ja doch eher zu den englischsprachigen Mainstream Autoren und bei Sätzen wie hier

… my strange and beautiful companion would take my hand and hold it with a fond pressure, renewed again and again; blushing softly, gazing in my face with languid and burning eyes, and breathing so fast that her dress rose and fell with the tumultuous respiration. It was like the ardour of a lover; it embarrassed me; it was hateful and yet overpowering; and with gloating eyes she drew me to her, and her hot lips travelled along my cheek in kisses; and she would whisper, almost in sobs, „You are mine, you shall be mine, and you and I are one for ever“

dachte ich einfach nur – Wow. Hätte nicht erwartet, dass ich in dem Buch die Jagd- und Verführungstechniken weiblicher Vampire von jungen Frauen präsentiert zu bekommen. Oder Le Fanus Erklärung, dass, wie bei dieser Art von Liebe und Lust nicht anders zu erwarten sei, der Vampir nicht allein nach dem Blut, sondern auch nach Körperlichkeiten hungert. Noch mal wow.

Jetzt aber auch nicht falsch verstehen, anzüglicher als in dem Zitat oben wird es nicht, aber für die Zeit denke ich trotzdem eine kleine Sensation.

„Carmilla“ ist eine wundervolle unheimliche, verführerische kleine Novelle, die sich meines Erachtens hinter Bram Stoker’s Dracula nicht verstecken muß. Mir tat Carmilla ein wenig leid. Aber gut, man kann wohl nicht unbegrenzt junge Edeldamen aussaugen, auch wenn die noch so abgelegen leben, ohne das irgendwann das Gerede anfängt …

„Carmilla“ ist mehrfach verfilmt worden. Die vielleicht beste Verfilmung dürfte die von Roger Vadim aus dem Jahr 1961 sein:

Things Fall Apart – Chinua Achebe

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„Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer,
Things fall apart; the center cannot hold
Mere anarchy is loosed upon the world.

– W. B. Yeats, „The Second Coming“

Chinua Achebe’s „Things Fall Apart“, ein Buch das fast jeder kennt, aber das in meinem Bekanntenkreis zumindest noch niemand gelesen hatte, war die Januarlektüre des Buchclubs.

„Things Fall Apart“ erzählt die Geschichte von Okonkwo. Ein junger Mann, der ziemliche Probleme mit seinem Vater hat, den er schwach und ambitionslos findet. Auf keinen Fall will er einmal so werden wie er. Daher gilt es, um jeden Preis jedes Anzeichen von Schwäche und Herzlichkeit im Keim zu ersticken.

Okonkwo ist ein ziemlicher Tyrann, der seine Ehefrauen und Kinder über das seiner Kultur und Zeit übliche Mass traktiert. Er ist erfolgreich und angesehen, doch das Blatt scheint sich für ihn zu wenden, als er sich mit der geplanten Ermordnung eines Jungen konfrontiert sieht, der wie ein Sohn seit ein paar Jahren in seiner Familie lebt.

Die britische Kolonialisierung und insbesondere die Missionare bringen immer größere Veränderungen mit sich. Achebe macht diesen Effekt sehr deutlich, ohne je in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Denn es gibt niemals nur Verlierer durch Veränderungen. In einer Gesellschaft, in der Stärke irgendwann nicht mehr das Einzige ist, das zählt, haben auch Frauen irgendwann die Möglichkeit, sich durch mehr auszuzeichnen als durch Schönheit und Gehorsam. Auch Zwillinge wären in der Kultur der Igbo irgendwann nicht mehr automatisch zum Tode verurteilt.

“The white man is very clever. He came quietly and peaceably with his religion. We were amused at his foolishness and allowed him to stay. Now he has won our brothers, and our clan can no longer act like one. He has put a knife on the things that held us together and we have fallen apart.”

Ich fand das Buch interessant, aber mehr wie beim Lesen eines Artikels im National Geographic, wirklich gefesselt hat es mich nicht. Der Roman enthält relativ viele unübersetzte Igbo-Worte, was sicherlich zur Authentizität der Geschichte beigetragen hat, für mich hat es den Fluß der Geschichte allerdings wieder und wieder unterbrochen.

„The world has no end, and what is good among one people is an abomination with others.”

Ich bin den Protagonisten nicht wirklich näher gekommen, das liegt aber vielleicht mehr an mir als an Achebe.

Passend zum Buch wurde beim Bookclub-Dinner Yam serviert – schmeckt interessant. Hier ein Bild vom Rest der Wurzel, vor der Zubereitung:

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Bin über die Crash Course Videos auf YouTube (die ich nur empfehlen kann) auf das „Things Fall Apart“-Video von John Green gestolpert, das ich sehr sehenswert fand:

 

Michael Kohlhaas – Heinrich von Kleist

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Nein, mit Herrn Kohlhaas sollte man sich besser nicht anlegen. Eigentlich der absolute Musterbürger des 16. Jahrhunderts. Gläubig, fleißig, aufrichtig, gütig – bis er es eines Tages nicht mehr ist. Bis er einfach nicht mehr kann, sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ihn so antreibt und aufreibt, bis er gar zum Räuber und Mörder wird. So kann es gehen. Er möchte doch nur zwei Pferde transportieren, wird vom Junker, dem Landeigentümer, gestoppt, der eine Steuer von ihm verlangt für das Betreten seines Landes. Kohlhaas kann nicht zahlen, die Pferde müssen beim Junker bleiben als Pfand. Aber diese Steuer, von der Kohlhaas noch nie gehört hat, die gibts auch gar nicht, die hat sich der Junker einfach einfallen lassen und dann richtet er die armen Pferde auch noch so zugrunde, kein Wunder, dass Kohlhaas versucht, dagegen auf juristischem Wege vorzugehen.

Dabei könnte man es fast schon belassen, der Inhalt dieser kurzen Novelle ist schnell wiedergegeben, aber ich würde dieser Geschichte damit nicht gerecht werden. Denn so banal es vielleicht klingt, dass einer irgendwann durchdreht, vor lauter Ausgeliefertsein und dem Gefühl der Ungerechtigkeit, so großartig und zeitlos hat Kleist das beschrieben.

Er hat ja Recht, der Kohlhaas, mit seinen Anschuldigungen und das Recht wird ihm verweigert. Die spannende Frage für mich ist, was hätte ich getan, wenn ich alle legalen Wege versucht hätte und ich einfach kein Recht bekommen hätte. Wäre ich eventuell auch einfach irgendwann stur ins Unglück gerannt und hätte alle mitgerissen, die mir in den Weg kommen? Hätte ich die Sache einfach auf sich beruhen lassen, der Klügere gibt nach, Ende der Geschichte oder hätte ich mich auch vollkommen reingesteigert und darin verbissen wie der Kohlhaas?

Er lässt die Geschichte nicht auf sich ruhen, er beginnt eine unermüdliche Schlacht gegen seinen Feind, den Junker Wenzel von Tronka (sehr cooler Name by the way), und als er ihn einfach nicht erwischt, dann kämpft er irgendwann gleich gegen den ganzen Staat Sachsen. Kohlhaas wird zum Staatsfeind. Er stellt eine Armee auf, überfällt Dörfer und selbst Martin Luther versucht, zwischen der Kirche, dem Staat und Kohlhaas zu vermitteln.

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Foto: horsesofgrassdale.com

Kleists Kunst liegt für mich darin, wie er es schafft nachvollziehbar zu machen, wie eine eigentlich triviale Sache wie die Auseinandersetzung um zwei Pferde einen immensen Schneeballeffekt verursachen kann und riesige unabsehbare Folgen haben kann. Kleist ist ein Meister in der Darstellung menschlicher Beweggründe.

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr, für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können….“

Ich war überrascht wie actionreich diese Novelle ist, habe ich partout nicht erwartet. Kleist habe ich mir immer als zartes Kerlchen vorgestellt, der leise Gedichte vor sich hinmurmelt. Weit gefehlt. Die Geschichte ist so spannend, verblüffend und regt lange nach Beendigung der Lektüre zum Nachdenken an.

Ich würde mich nicht wundern, wenn Michael Kohlhaas demnächst ein „Buch als Magazin“ wird. Mark my words 😉

Es gibt eine interessante Verfilmung aus dem Jahr 2013 mit Mads Mikkelsen, habe bislang nur den Trailer gesehen, der sieht sehr vielversprechend aus:

 

Alice’s Adventures in Wonderland -Lewis Carroll

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Yep schon klar, das ist einer der ganz großen Kinderbuch-Klassiker und vermutlich bekomme ich ordentlich die Hucke voll, aber das ist eines der Bücher, das mich schon als Kind in den Wahnsinn getrieben hat.

Etwa 150 Jahre später dachte ich, es sei jetzt an der Zeit, es einfach noch mal zu versuchen, mit dem Brokkoli hat es ja auch irgendwann geklappt und ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Ich habe eine wunderschöne gebundene Ausgabe bei Oxfam gefunden, ich habe nur entzückte Kritiken bei Goodreads gelesen, ich war sicher, jetzt hab ich sie – die sittliche Reife die es braucht, um Alice frohen Mutes in den Kaninchenbau zu folgen.

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Nur ging es der erwachsenen BingeReaderin wieder genauso wie der kleinen. Es ist eines der wenigen Bücher die mir zutiefstes Unbehagen bescheren. Es macht einfach überhaupt nichts Sinn, ich fühlte mich damals wie heute beim Lesen ständig, als hätte ich 40 Fieber.

“She generally gave herself very good advice, (though she very seldom followed it).”

Ich mag Naturwissenschaft, das Buch soll ja vor mathematischen Symbolen nur so wimmeln, aber mein erschreckt-zitterndes Inneres kommt gar nicht dazu, diese zu sehen, weil ich mich beim Lesen einfach in diesem Strudel befinde mit Alice. Nichts macht Sinn, Alice hat auch nicht einen Moment lang Spaß bei ihren Abenteuern, sie hat die ganze Zeit eigentlich nur Angst und alle, die ihr in diesem Buch begegnen, sind unfreundlich, gruselig und überhaupt nicht hilfsbereit. Sie wollte da einfach nur raus und konnte den Augang nicht finden.

Vielleicht ist es ein Kinderbuch, das man gut Kindern geben kann, die behütet aufwachsen und denen vor lauter Stabilität und Sicherheit etwas Unruhe und Abenteuer gut tut, aber ich hatte das nicht. Ich war als Kind ständig auf der Suche nach Sicherheit und Erwachsene, die sich nicht kümmerten und unberechenbar waren, hatte ich genug im Leben, die brauchte ich nicht noch in der Literatur.

Wenn es nirgendwo Sicherheit gibt, dann ist das ein Buch, das einen in keinster Weise stärkt.

Ich weiß schon, das Buch kann dafür nichts und ich bin selbst erstaunt, wie sehr es mich auch als Erwachsene noch mitnimmt, ich glaube einfach nur, dass es nicht automatisch ein Buch für jedes Kind ist, nur weil es ein Klassiker ist.

Brokkoli – Alice
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DON’T FOLLOW THE WHITE RABBIT

Geliebtes Wesen…Briefe von Vita Sackville-West an Virginia Woolf – Louise DeSalvo / Mitchell A. Leaska

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Die Briefe anderer zu lesen hat immer etwas voyeuristisches. Häufig lässt die Spannung allerdings nach einer Weile nach, wenn der Kitzel des Verbotenen nachlässt und gelegentlich langweilt man sich nach einer Weile sogar wenn der Kontext fehlt oder man die Personen nicht einordnen kann, über die geschrieben wird.

Nicht bei diesen beiden. Nicht eine Sekunde lang habe ich mich gelangweilt, ich war gerührt, gespannt, verzweifelt und habe diese tiefe Liebe, Verbundenheit und Leidenschaft bewundert, die diese beiden erstaunlichen Frauen füreinander empfunden haben.

„I am reduced to a thing that wants Virginia.
I composed a beautiful letter to you in the sleepless nightmare hours of the night, and it has all gone: I just miss you, in a quite simple desperate human way. You, with all your undumb letters, would never write so elementary a phrase as that; perhaps you wouldn’t even feel it. And yet I believe you’ll be sensible of a little gap. But you’d clothe it in so exquisite a phrase that it should lose a little of its reality. Whereas with me it is quite stark: I miss you even more than I could have believed; and I was prepared to miss you a good deal. So this letter is really just a squeal of pain. It is incredible how essential to me you have become. I suppose you are accustomed to people saying these things. Damn you, spoilt creature; I shan’t make you love me any more by giving myself away like this — But oh my dear, I can’t be clever and stand-offish with you: I love you too much for that. Too truly. You have no idea how stand-offish I can be with people I don’t love. I have brought it to a fine art. But you have broken down my defenses. And I don’t really resent it.“

Nachdem Vita Sackville-West und Virginia Woolf sich 1922 trafen, begannen sie kurz darauf eine leidenschaftliche Beziehung, die bis zu Woolf’s Selbstmord im Jahr 1941 andauern sollte.

Vita, verheiratet mit dem englischen Diplomaten Harold Nicholson, war zehn Jahre jünger als die ebenfalls verheiratete Virginia Woolf. Ihre Korrespondenz beleuchtet sämtliche Aspekte ihres Lebens, das sie überwiegend getrennt voneinander verbrachten. Es sind innige Liebesbriefe, die aber auch ernsthafte Kritik am literarischen Werk der jeweils anderen beinhalten, Gedanken um ganz alltägliche Dramen, innere Zwiespälte, Auseinandersetzungen, die häufig durch Eifersucht ausgelöst waren, das Ringen um Anerkennung und immer wieder das gemeinsame Glück, wenn sie Zeit und Nähe miteinander verbringen konnten.

Die starke extrovertierte Vita, die ihre Energie kaum im Zaum halten kann, und die zarte, kränkliche, brilliante Virginia hätten nicht gegensätzlicher sein können. Vitas überschäumende Lebenslust reicht nicht nur für einen Ehemann, zwei Kinder und Virginia, immer wieder hat sie Affären mit anderen Frauen, denen sie ebenfalls viel zu geben hat. Keine diese Affären reicht je an die Bedeutung ihrer Beziehung mit Virginia heran, aber sie stillen ihren Appetit, sie holt sich bei anderen, was Virginia ihr nicht geben kann. „Vitas Bedürfnis nach Zuneigung lag stets im Kampf mit ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Virginias Zerbrechlichkeit weckt ihr Gefühl nach Stärke.“

Auch für diese Frauen schreibt sie leidenschaftliche Gedichte und pflegt diese Freundschaften und Korrespondenzen und man fragt sich wirklich, wo sie die Energie hernimmt. Und neben all diesen emotionalen Höchstleistungen schafft sie es noch, mit ihrem Mann die halbe Welt zu bereisen und einige Bücher und Gedichtbände zu veröffentlichen.

Vita, der Lebenssaft, steht ganz für das Fleischliche, das Hier und Jetzt. Die ätherische Virginia verkörpert die stets Unerreichbare, die ganz Intellekt ist und doch so romantisch sein kann.

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Diese romantischen Seiten haben mich sehr überrascht an Virginia. Ich hatte sie mir kühler vorgestellt, viel distanzierter und gänzlich über solch gemeinen Dingen wie Eifersucht stehend.

In diesem Band, der über 500 Briefe enthält aus ihrer knapp 20 jährigen Korrespondenz, bringen DeSalvo und Leaska Konturen und Kontext und lassen uns sehr nah an die beiden heran. Ich hätte gerne mehr Briefe von Virginia gelesen, um diese besondere Beziehung, die soviel mehr als eine einfache Affäre war, noch besser zu verstehen.

Parallel zu den Briefen habe ich das Stück  „Vita & Virginia“  von Eileen Atkins gelesen (Danke an dieser Stelle an Barbara aus Berlin, die die grandiose Idee hatte mir das Stück als auch die Korrespondenz zu leihen), dem dieser Briefwechsel zu Grunde liegt und das in seiner Kürze noch einmal mehr die Intensität vermittelt und die immense intellektuelle Stimulation, die zwischen den beiden herrschte.

“Is it better to be extremely ambitious, or rather modest? Probably the latter is safer; but I hate safety, and would rather fail gloriously than dingily succeed.”

Je mehr ich mich dem Ende des Buches näherte, desto mehr fühlte es sich an „Titanic“ zu schauen, man hofft dieses eine Mal möge es anders enden, möge Virginia sich gegen den Selbstmord entscheiden. Vita war überzeugt davon, dass sie Virginia hätte retten können, wenn sie bei ihr gewesen wäre.

„Ich glaube immer noch, ich hätte sie retten können, wenn ich nur dort gewesen wäre und gewußt hätte, in welche Geistesverfassung sie geriet“.

Vielleicht hatte sie Recht …

Auf jeden Fall möchte ich jetzt unbedingt „Orlando“ lesen und diese BBC-Verfilmung „Portrait of a Marriage“ ist sicherlich auch sehenswert: