Read around the world meets Italy be the Book II

Procida. Schon beim Aussteigen aus dem Boot hatte ich das Gefühl, dass man hier nicht nur ankommt, sondern irgendwie… ein bisschen verschwindet. Die Insel ist winzig, eng, lautlos und lebendig zugleich. Es gibt diese verwitterten Hausfassaden in Rosa, Gelb, Blau, in allen denkbaren Pastelltönen, und dazwischen Gassen, durch die man sich wie in einer Choreografie mit Menschen, Mopeds, E-Bikes und den wunderbaren Apes bewegt. Niemand hat es eilig, aber alles ist in Bewegung und irgendwann werde ich Postbotin auf Procida und liefere mit meiner Ape Briefe und Pakete aus – so!

Wir wohnten in einem kleinen Gartenhäuschen unter Zitronenbäumen. Unsere Gastgeberin vermietet auf ihrem Grundstück vier kleine Häuschen, jedes mit Hängematte, Terrasse und eigenen Eidechsen. Ich lag stundenlang zwischen duftenden Zweigen, las Elsa Morantes „Arturos Insel“, pflückte Zitronen direkt vom Baum, und hatte dabei immer wieder das Gefühl, dass das, was ich las, und das, was ich sah, irgendwie ineinanderfloss.

Die Insel hat etwas Zeitloses. Sie ist nicht besonders stylisch oder herausgeputzt, eher das Gegenteil. Aber genau das macht ihren Reiz aus. Nichts hier ist für Tourist*innen inszeniert. Man findet Cafés, die nur geöffnet sind, wenn die Besitzer*innen Lust haben, Läden, in denen man auf Zetteln anschreiben kann, und Strände, an denen man abends wirklich allein ist. Am liebsten waren wir am Il-Postino-Strand, der nach dem gleichnamigen Film benannt ist, da auf der Insel einige Szenen des Films gedreht wurden. Tagsüber verirren sich ein paar Familien her, aber ab dem späten Nachmittag gehört er nur noch den Möwen – und uns. Kein Lärm, kein geöffneter Kiosk, einfach ein leerer, weicher, schwarzer Sandstrand, an dem wir picknickten, lasen, herumschauten. Es gibt kaum etwas Wohltuenderes als ein selbstgemachtes Panini mit Blick auf ein leeres Meer.

Wenn man Lust auf mehr Trubel hat, geht man einfach rüber zum Corricella-Hafen – ein Ort, der aussieht, als hätte jemand ein Kinderbuch illustriert und dann vergessen, dass echte Menschen da wohnen. Hier sitzt man mit Teller Spaghetti alle vongole oder Spaghetti limone, trinkt einen kühlen Weißwein und schaut den Fischern beim Putzen ihrer Boote zu. Und spätestens wenn die Sonne untergeht und das Licht alles in Gold taucht, versteht man, warum hier Filme wie „Il Postino“ und „Der talentierte Mr. Ripley“ gedreht wurden. Diese Farben kann man sich nicht ausdenken.

Apropos Filmkulisse: Wer bereit ist, ein bisschen (?!) zu schwitzen, sollte den Weg hinauf zur Terra Murata nicht scheuen. Oben angekommen erwartet einen eine Mischung aus mittelalterlicher Festung, leergefegten Gassen, windigen Aussichtspunkten und dem ehemaligen Gefängnis, das heute ganz harmlos daliegt, als wäre es nie etwas anderes gewesen. Der Palazzo d’Avalos war einst Heimat für Schwerverbrecher und Mafiosi – heute blühen dort Kräuter zwischen den Steinen, und man sieht den ganzen Golf von Neapel, den Vesuv inklusive.

Ein kleines Highlight war definitiv unser Bootsausflug mit Julio – einem Freund unserer Vermieterin, der das Boot gelegentlich sogar mit den Füßen steuerte (!), zwischendurch Seeigel vom Meeresgrund holte, die wir direkt an Bord löffelten, und mit uns die Insel umrundete. An mehreren Stellen sprangen wir ins Wasser – kein Strand, keine Menschen, nur Meer, Sonne, Boot. Für mich ist das das schönste Schwimmen: direkt vom Boot ins tiefe, klare Blau.

Und natürlich: Marina Grande. Der Hauptanleger, der erste Eindruck, das geschäftigste Eckchen der Insel. Hier kommen die Fähren an, hier sitzt man mit einem Limoncello Sprizz und beobachtet das Kommen und Gehen. Zwischen all dem Gewusel versteckt sich mit dem Istituto Nautico auch die älteste Seefahrtschule Europas – ein stilles Monument an eine Zeit, in der fast jede Familie auf Procida jemanden zur See geschickt hat.

Was ich besonders mochte: Procida ist ganz und gar nicht aufgebrezelt, sondern einfach da. Die meisten anderen Tourist*innen, die wir getroffen haben, waren Italiener*innen vom Festland, die das Feiertagswochenende für einen Ausflug nutzten. In Chiaiolella badet man mit Blick auf Segelboote und das offene Meer, Kinder spielen im flachen Wasser, der Sand ist schwarz und weich und wärmt noch abends die Fußsohlen. Und wenn man keine Lust mehr auf Sand hat, geht man eben auf ein Boot.

Ein weiteres Highlight war unser geführter Ausflug auf die kleine Halbinsel Vivara, ein Naturschutzgebiet, das man nur mit Anmeldung und Begleitung betreten darf. Über einen schmalen Steg gelangt man auf die Insel, wo ein ruhiger Pfad durch alte Bäume, blühende Wiesen, verfallene Mauern und immer wieder beeindruckende Ausblicke aufs Tyrrhenische Meer führt. Überall zwitschert und flattert es, manchmal sieht man Reiher, manchmal einfach nur Licht zwischen den Zweigen. Es war einer dieser Spaziergänge, nach denen man ein bisschen das Gefühl hat, wirklich weg gewesen zu sein – im besten Sinne.

Und wie überall in Italien gibt es natürlich auch hier eine lokale Spezialität: die „Lingua di Procida“ – ein zungenförmiges Gebäck aus Blätterteig, gefüllt mit Zitronencreme. Wir haben es bewundert, aber nicht probiert, aber den lokalen Zitronensalat dafür um so häufiger gegessen. Selbstgemacht mittags auf der Terrasse mit den Zitronen die gerade runtergepurzelt waren. Zitrone filettieren, Olivenöl drüber, ein paar Minzblätter zupfen und direkt essen – auf keinen Fall stehen lassen, sonst oxidieren die Zitronen. So So lekcer. Ein Gericht das zu Procida gehört wie die Hängematte unter den Zitronenbäumen, die salzigen Haare nach dem Schwimmen, das Glitzern auf dem Wasser, das niemand fotografieren kann, ohne dass es kitschig wirkt.

Lektüre durfte natürlich auch nicht fehlen und es gibt wirklich Bücher, die man zur richtigen Zeit am richtigen Ort lesen sollte. Arturos Insel gehört definitiv dazu. Ich hatte den Roman ohne große Erwartungen im Gepäck, lediglich mit dem Wissen, dass er auf Procida spielt. Und kaum jemand hätte besser zu meinem Aufenthalt dort gepasst. Man kann man sich übrigens ganz direkt auf Arturos Spuren begeben: Im Rahmen der Kulturhauptstadt-Initiative wurde ein Percorso Elsa Morante angelegt – ein literarischer Spazierweg mit mehreren Stationen, an denen Schautafeln Auszüge aus dem Roman zeigen und Bezüge zu den jeweiligen Orten herstellen. Mein Buch war eine sehr alte Ausgabe aus der Bibliothek, aber man kann es aktuell auch in einer deutlich schöneren Ausgabe bekommen:

Arturos Insel – Elsa Morante erschienen im Verlag Klaus Wagenbach, übersetzt von Susanne Hurni-Maehler

Elsa Morante, 1912 in Rom geboren, zählt zu den bedeutendsten italienischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war eine unabhängige, oft eigensinnige Stimme in einer Männerwelt, bekannt für ihre politischen Überzeugungen und ihr Engagement. Ihr Werk ist geprägt von einer tiefen Beschäftigung mit menschlichen Abgründen und sozialen Konflikten. Morante war mit dem Schriftsteller Alberto Moravia verheiratet und bewegte sich in linken intellektuellen Kreisen Roms – dennoch blieb sie stets eine Eigenständige, die sich nicht vereinnahmen ließ.

Arturos Insel erschien 1957 und brachte Morante als erste Frau den prestigeträchtigen Premio Strega ein – ein Zeichen für die literarische Kraft dieses Werks. Die Geschichte folgt dem Jungen Arturo, der auf Procida, eben jener Insel, aufwächst. Allein mit seinem stillen Vater lebt er in einem alten Haus, seine Mutter ist verstorben. Das Leben auf der Insel ist zugleich Freiheit und Gefängnis: eine Mischung aus Einsamkeit, kindlicher Sehnsucht und dem schweren Versuch, die Erwachsenenwelt zu verstehen.

Morantes Darstellung ist dabei alles andere als romantisch verklärt. Die Insel wird zur Metapher für das Leben selbst – schön, rau, widersprüchlich und manchmal erdrückend. Arturo ist kein Held in konventionellem Sinne, sondern ein verletzlicher Beobachter, dessen inneres Chaos sich durch die Sprache zieht wie ein roter Faden. Die Ankunft der neuen Frau im Haus, die das fragile Gefüge aus Routine und Stille zerstört, führt ihn an die Grenzen seiner Kindheit und bringt auch die dunklen Seiten von Liebe und Loyalität zum Vorschein.

Das Buch verzichtet auf einfache Antworten oder Wohlfühlmomente. Stattdessen konfrontiert Morante den Leser mit der Wucht von Gefühlen, die oft widersprüchlich sind – Liebe und Schmerz, Bewunderung und Enttäuschung, Nähe und Isolation. Ihre Sprache ist präzise und zugleich poetisch, mal knapp, mal fast lyrisch, und schafft es, das Lebensgefühl einer ganzen Generation einzufangen. Für mich war Arturos Insel ein intensives Leseerlebnis, das mich nicht nur durch die Geschichte, sondern auch sprachlich gefesselt hat.

Besonders spannend fand ich, wie Morante die Insel nicht nur als geografischen Raum nutzt, sondern als Charakter, der das Geschehen mitprägt und reflektiert. Procida wird zur Bühne für menschliche Dramen, aber auch für die einfachen, kleinen Momente, die das Leben ausmachen. Man spürt in jeder Zeile die Liebe der Autorin für diesen Ort – und gleichzeitig die Härte, mit der das Leben hier gelebt wird.

Wer Arturos Insel liest, sollte keine leichte Urlaubslektüre erwarten. Es ist ein Buch, das nachhallt, das Fragen stellt und in seiner Intensität auch unbequem sein kann. Aber gerade das macht es so wertvoll. Für alle, die sich auf Procida oder eine ähnliche Insel einlassen wollen, bietet der Roman eine unerwartete Tiefe und Perspektive – ein literarisches Gegenstück zu der Realität, die man dort erlebt.

Ich weiß nicht, was es mit Inseln auf sich hat – aber meine liebsten Orte auf der Welt sind fast immer Inseln. Skye, Kreta, Procida – so verschieden sie auch sind, verbindet sie etwas, das ich nicht ganz greifen kann. Vielleicht ist es die Abgeschiedenheit, vielleicht das Licht, vielleicht einfach die Ruhe. Für mich sind sie jedenfalls einzigartig – und wunderbar.

Wer jetzt Lust bekommen hat auf mehr Lektüre aus Italien, ich verlinke mal vorher besprochene Bücher hier: Elizabeth von Arnim – Verzauberter April, Bernard Berenson – One year of reading for fun, Paolo Cognetti – Acht Berge, Rachel Cusk – The Last Supper, Umberto Eco – Der Name der Rose, Elena Ferrante – Lästige Liebe, EM Forster – A room with a view, Christine Frohmann – Vier Wochen, Jumpha Lahiri – Roman stories, Mercedes Lauenstein – Blanca, Thomas Mann – Der Tod in Venedig, Hisham Matar – A month in Siena, Maugham W. Somerset – Up at the villa, Ian McEwan – The comfort of strangers, Ali Smith – How to be both, Muriel Spark – The Driver Seat und meine einzige Sachbuch-Empfehlung dich hier einschmuggel: Gabriel Zuchtriegel – Vom Zauber des Untergangs

Ich hoffe ich konnte euch ein bißchen Lust auf Procida, Il Postino und Elsa Morante machen. Habt ihr schon mal etwas von der Autorin gelesen?

Read around the World meets Italy by the Book I

Zugfahren in Italien ist für mich jedes Mal ein großes Vergnügen – und unsere Anreise von München an die Amalfiküste bildete da keine Ausnahme. Mit einem entspannten Umstieg in Bozen, der gerade noch für einen Spritz reichte, ging es weiter Richtung Salerno. Die italienischen Züge, diese roten Raketen, liebe ich sehr. Kein Gedränge, keine vollgestopften Gänge, da es nur Sitzplatzkarten gibt. Und mit gerade mal fünf Minuten Verspätung erreichten wir Salerno, das kleine Städtchen am Tyrrhenischen Meer, das für die erste Woche unser Ausgangspunkt wurde. Zwei Wochen später ging es übrigens genauso reibungslos zurück: von Neapel über Bologna zurück nach München, sogar zwei Minuten zu früh angekommen. Ein Wunder in Zeiten des allgegenwärtigen Bahnchaos in Deutschland.

Salerno selbst überraschte mich. Kleiner und ruhiger als Neapel, aber voller Charme. Es gibt dort überraschend viele große Buchläden mit einer grandiosen Auswahl, man fühlt sich fast wie in Paris bei den Bouquinisten, nur dass hier statt am Seine-Ufer bunte Stände auf den Straßen der Altstadt Schallplatten und Taschenbücher anbieten. Die Stadt war die perfekte Basis für unsere Ausflüge, denn gleich am ersten Tag starteten wir mit einer Bootstour Richtung Amalfi und Positano. Zwei Städtchen, so berühmt wie überlaufen. Kaum hatten wir uns durch die schönen, aber mit Touristen überfüllten Gässchen gekämpft, reichte ein kleiner Abstecher um die Ecke – und schon war man im nächsten, menschenleeren Ort, ebenso malerisch, nur ohne Instagram-People und Souvenirshops. Ein kleiner Trick, der uns durch die ganze Woche begleiten sollte: Immer ein paar Schritte weiter gehen.

Ein Highlight der Woche war die Wanderung auf dem Sentiero dei Limoni, dem Zitronenweg, von Maiori nach Minori. Mit Blick über das Meer und vorbei an Zitronenhainen ging es gemächlich dahin, bis wir in Minori eine wohlverdiente Pause mit Limoncello-Spritz einlegten. Danach wartete der Aufstieg über den 1000-Stufen-Weg nach Ravello auf uns. Eine schweißtreibende, aber lohnenswerte Etappe. Ravello empfing uns mit seinem stillen Charme, abseits des Trubels, hoch oben auf dem Bergkamm. Hier lebten und arbeiteten schon literarische Größen wie D.H. Lawrence und Virginia Woolf, die sich in den verwunschenen Gärten und der inspirierenden Ruhe des Ortes wiederfanden.

Ein Tagesausflug führte uns nach Herculaneum. Die kleine Schwester von Pompeji, ebenfalls verschüttet beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr., aber inmitten der modernen Stadt Ercolano gelegen. Nur ein Bruchteil ist bisher freigelegt, etwa 10 bis 15 Prozent, da der Rest unter der heutigen Stadt liegt. Pompeji, das ich im Vorjahr besucht hatte, war in dieser Hinsicht spektakulärer, auch landschaftlich eindrucksvoller mit seiner Einbettung in den Nationalpark. Herculaneum aber war intimer, da deutlich weniger Besucher und man sah noch verkohlte Holzbalken, Fresken in erstaunlichem Zustand, und man bekam eine durchaus gute Vorstellung vom Leben in einer römischen Hafenstadt die dann vom Schlamm des Vulkans förmlich konserviert wurde.

Meinen Geburtstag verbrachten wir in Paestum, einst Poseidonia genannt, gegründet um 500 v. Chr. von griechischen Kolonisten. Heute stehen dort drei der besterhaltenen griechischen Tempel außerhalb Griechenlands. Der Tempel der Hera, der Tempel der Athene und ein dritter, lange fälschlich Poseidon zugeschrieben, beeindrucken durch ihre Monumentalität. Es ist still dort, weitaus leerer als in Pompeji oder gar dem Kolosseum in Rom. Nach dem Tempelbesuch wurden wir von einem älteren Herrn am Bahnhof abgeholt und 45 Minuten in die Berge nach Trentinara gefahren. Oben angekommen, erwartete uns der Bruder eines der Betreiber des Weinguts Tredaniele mit seiner Kollegin. Wir machten eine kleine Radtour durch die Weinberge, rasten die Serpentinen hinunter und ließen uns anschließend bei einer Weinverkostung verwöhnen. Der Wein war großartig, fein, komplex, nicht ganz günstig, aber jeden Euro wert.

Den Abschluss bildete ein Kochkurs bei Giannis Zia. Wir machten Pasta von Hand und frittierten Pizza, lachten viel, tranken mehr, und erlebten einen richtig magischen Abend, der wirklich in Erinnerung bleibt. Zia Caroline war sehr herzlich, ihr Mann sprach ein paar Brocken Deutsch mit Aschaffenburger Dialekt, Erinnerungen an seine Zeit als Gastarbeiter in den Sechzigern. Als wir den Zug zurück nach Salerno verpassten, mussten wir anderthalb Stunden warten – ein Ärgernis, das sich dann tatsächlich als Geschenk entpuppte. Wir spazierten zurück zu den Tempeln und sahen sie diesmal im warmen Licht des Sonnenuntergangs. Ich würde sagen: perfekter hätte man den Tag nicht inszenieren können.

Ein anderer Ausflug führte uns mit dem Zug nach Vietri sul Mare, das für seine Keramiken berühmt ist. Bunte Kacheln, handbemalte Teller, kleine Werkstätten und Galerien reihen sich aneinander. Wir aßen hervorragenden Fisch in einem kleinen Restaurant und spazierten stundenlang durch die engen Gässchen.

Auch Neapel ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Diese verrückte, laute, chaotische, dreckige aber wunderbare Stadt. Wir sahen Caravaggios letztes Werk, die „Sieben Werke der Barmherzigkeit“, in der Kirche Pio Monte della Misericordia, ein Künstler auf den ich durch die Serie „Ripley“ aufmerksam wurde und der mich seitdem echt bewegt. Danach streiften wir durch die Altstadt, saßen ein Gewitter im Literaturcafe am Piazza Bellini aus, einem meiner liebsten Orte, lasen und beobachteten Menschen und eine Hochzeit mitten in der Altstadt. Am Abend besuchten wir spontan ein Konzert der Abschlussklasse einer Musikschule, direkt neben der Caravaggio-Kirche. Zwischen stolzen Eltern saßen wir in der Aula und ließen uns von nervösen aber unfassbar begabten Jugendlichen verzaubern. Ein wirklich besonderer Abend.

Nach einer Woche hieß es Abschied nehmen vom bezaubernden Salerno in dem wir uns überaus wohl gefühlt hatten. Man kann an der Amalfi Küste im Übrigen wirklich überall wirklich gut essen und mir hatte es dort insbesondere eine kleine Salumieria angetan bei der man sehr gut essen konnte, mitten in der Nachbarschaft saß und feine Lebensmittel einkaufen konnte, die hätte ich am liebsten eingepackt.

Eingepackt hätte ich auch gerne die kleine Insel Procida auf der wir die zweite Woche verbrachten, von der erzähle ich euch aber im zweiten Teil der Reise.

Aber bevor ich es vergesse: Natürlich war auch Literatur mit im Gepäck. Alles, was die heimische Bibliothek momentan an bislang ungelesenen Italien-Romanen und Krimis hergab: „Hotel Portofino“ von J.P. O’Connell zB, ein solider Krimi rund um ein britisches Hotel an der ligurischen Küste in den 1920ern, mit Familiendramen und politischen Spannungen, nett, aber nichts besonderes. Luca Venturas „Mitten im August“ und „Bittersüße Zitronen“ führen auf die Insel Capri und bieten Krimikost mit viel Lokalkolorit, sympathisch, aber eher leichte Lektüre, hat mich sehr an Brunetti erinnert, nur eben auf Capri statt in Venedig. „Margaritha“ von Jana Revedin erzählt die Geschichte einer Frau in der Zeit des italienischen Faschismus die aus einfachsten Verhältnissen kommt, sich aber von jeher für Kultur begeisterte und die Gründerin der Biennalen wurde. Ein Roman der mich durchaus stellenweise berührt hat, aber nicht ganz mitreißt. Mein absolutes Highlight aber war „Still Life“ von Sarah Winman. Eine Geschichte voller Farben, Leben, Kunst, Diversität und Florenz, die sich über Jahrzehnte spannt. Auf Instagram habe ich das Buch etwas ausführlicher besprochen.

Wir sind noch ganz und im Italien-Fieber und haben den Kopf voll mit Zitronendüften und Meeresrauschen, leider auch mit einer mitgebrachten Erkältung, aber wir haben ja ne Menge Zitronen mitgenommen und langsam wirds auch schon wieder. Uns ging es wie Frau Frohmann in ihrer Novelle „Vier Wochen“ wir liebten alles an Italien und alles ist dort schön und wahr und gut, außer ihrer Neigung zum Faschismus, aber die haben wir hier ja leider auch.

Dieser Doppelschlag Italien gilt dann auch direkt als Stopp für die literarische Weltreise. Ich glaube allzu viel muß man über Italien auch nicht schreiben, das Sehnsuchtsland der Deutschen dürfte den meisten bekannt sein. Aber ein paar Vergleichszahlen reiche ich doch mal an:

Deutschland ist flächenmäßig etwas größer als Italien – mit rund 349.000 km² ist es etwa 1,2-mal so groß und in Deutschland leben deutlich mehr Menschen: etwa 84 Millionen gegenüber rund 59 Millionen in Italien.

Das führt auch zu einer höheren Bevölkerungsdichte: In Deutschland leben im Schnitt rund 241 Menschen pro Quadratkilometer, während es in Italien etwa 201 sind. Beide Länder gehören damit zu den dichter besiedelten Staaten Europas, wobei Deutschland nochmals kompakter bewohnt ist.

Wirtschaftlich ist Deutschland deutlich stärker aufgestellt. Das Bruttoinlandsprodukt liegt bei rund 4,14 Billionen Euro (2024), während Italien etwa 1,89 Billionen Euro erwirtschaftet. Auch beim Pro-Kopf-BIP zeigt sich der Unterschied: In Deutschland liegt es bei rund 49.700 Euro pro Person, in Italien bei etwa 31.900 Euro.

Die Wirtschaftsstruktur unterscheidet sich ebenfalls: Deutschlands Wirtschaft ist stark industriell geprägt – mit Schwerpunkt auf Automobilbau, Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik. Italien hingegen setzt stärker auf Mode, Maschinenbau, Nahrungsmittelproduktion, Tourismus und Design – Sektoren, die nicht zuletzt durch den kulturellen Reichtum und das mediterrane Lebensgefühl des Landes getragen werden.

Read around the world: Japan

Im Jahr 2016 reisten wir für drei unvergessliche Wochen durch Japan – ein Land, das uns immer wieder überrascht und manchmal auch vor Herausforderungen gestellt hat. Taxifahren war zum Beispiel jedes Mal ein kleines Abenteuer. Aus irgendeinem Grund schien es, als wären sämtliche Taxifahrer mindestens 80 Jahre alt. Sie trugen stets makellose weiße Handschuhe, und die Autos waren mit weißen Häkeldeckchen auf den Sitzen dekoriert. Schon das Einsteigen war besonders, da die Türen automatisch öffneten – ein Detail, das uns jedes Mal aufs Neue verblüffte.

Was die Navigation anging, wurde es allerdings kurios: Statt moderner Navigationssysteme griffen die Fahrer zu Papierkarten und teilweise riesigen Lupen, um die Adressen zu finden. In Kyoto erlebten wir gleich zwei skurrile Taxifahrten hintereinander: Der erste Fahrer war so verloren, dass er uns höflich wieder aus dem Auto bat. Der zweite machte sich immerhin auf den Weg, hielt aber nach kurzer Zeit bei einer Polizeistation an, um sich den Weg zu unserem AirBnB erklären zu lassen. Dieser Mischung aus Höflichkeit, Improvisation und Entschlossenheit begegneten wir des Öfteren auf unserer Reise

Kulinarisch gesehen war Japan eine Offenbarung. Wir haben durchweg gut gegessen – von Sushi, Kobe Rind und Ramen bis hin zu weniger bekannten lokalen Spezialitäten. Allerdings mögen die Japaner ihr Essen offensichtlich sehr frisch. So frisch, dass es uns manchmal die Sprache verschlug.

Ein Erlebnis, das wir nicht so schnell vergessen werden, war in einem Restaurant, in dem am Nachbartisch ein noch lebender Fisch serviert wurde. Der Fisch war in einer speziellen Halterung fixiert und zappelte noch, während ihm bei lebendigem Leib Sushi-Stücke herausgeschnitten wurden. Wir saßen mit offenem Mund da und mussten uns wirklich zusammenreißen, nicht ohnmächtig zu werden. Es war ein Moment, der uns tief verstörte – kulturelle Unterschiede hin oder her.

Auch die Auswahl an Snacks war… eigenwillig. Das rosafarbene Zeug, das auf einem Bild oben zu sehen ist, waren vermutlich dünn geschnittene und getrocknete Quallen, die in Bars oft als kleine Häppchen auf der Theke standen. Der Geschmack? Fischig-würzig, nicht schlecht, aber definitiv gewöhnungsbedürftig.

Die Bars in Japan sind oft winzig – manche kaum größer als ein Handtuch – und haben eine unverwechselbare Atmosphäre. Besonders beeindruckt hat uns die Auswahl an hochwertigen lokalen Whiskys, die an vielen Orten serviert wurde. Einzig der ständig dudelnde Jazz, der oft recht chaotisch klang, ging mir manchmal ein bisschen auf den Zwirn. Es war, als ob die Musik das Gegenteil der japanischen Perfektion widerspiegelte, die wir in anderen Bereichen des Lebens erlebten.

Eine weitere Entdeckung, die uns faszinierte, waren die Buchläden. Egal, welche Stadt wir besuchten – Tokio, Kyoto oder Kobe – Buchhandlungen waren allgegenwärtig, und noch beeindruckender war die schiere Größe der Manga-Abteilungen. Mangas sind in Japan ein Massenphänomen, das sich durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten zieht. Manche Manga-Bände waren so dick wie Telefonbücher, und in der U-Bahn konnte man leicht einen Blick über die Schulter der anderen Passagiere werfen, die in ihre Geschichten vertieft waren.

Allerdings waren wir überrascht, wie brutal und explizit viele der Mangas sind – sowohl was Gewalt als auch Sexualität betrifft. Manche Inhalte hätten bei uns wahrscheinlich ganze Debatten ausgelöst, in Japan gehören sie jedoch zum Alltag.

Ein Highlight der Reise war eine mehrtägige Wanderung im Hinterland von Kyoto. Die üppige Natur, die uralten Wälder und die ruhige Atmosphäre entlang der Wege boten einen faszinierenden Kontrast zu den pulsierenden Städten. Übernachtet haben wir in traditionellen Ryokans, den japanischen Herbergen, die einen tiefen Einblick in die Kultur des Landes geben. Der Aufenthalt in einem Ryokan folgt einem festen Ritual: Nach der Ankunft nimmt man ein heißes Bad in einem Onsen, legt anschließend den bereitgelegten Yukata (eine Art leichter Kimono) an und genießt das Abendessen zusammen mit anderen Gästen. Dabei sitzt man auf den klassischen niedrigen Tatami-Matten, die zunächst ungewohnt, aber erstaunlich bequem sind. Die Mahlzeiten, ein Kunstwerk aus regionalen Spezialitäten, waren durchweg köstlich – bis auf das rohe Pferdefleisch, auf das wir rückblickend gerne verzichtet hätten. 😉

Was uns besonders überraschte, war die Tatsache, dass selbst in einer kosmopolitischen Stadt wie Tokio nur wenige Menschen Englisch sprechen. Außerhalb der Hauptstadt war es fast unmöglich, sich verbal zu verständigen. Und doch klappte alles erstaunlich gut, denn in Japan scheint alles darauf ausgelegt zu sein, intuitiv verstanden zu werden. Das U-Bahn-Netz in Tokio ist beispielsweise so gut durchdacht, dass man sich mit etwas Orientierungssinn selbst ohne Sprachkenntnisse zurechtfindet. Auch die Plastikmodelle der Gerichte vor den Restaurants waren ein wahrer Segen: Man wusste immer, was man bestellte – zumindest, wie es aussehen würde!

Ein unerwartetes kulturelles Hindernis stellten Tätowierungen dar. In Japan sind sie nach wie vor stark stigmatisiert, da sie traditionell mit der Yakuza (japanische Mafia) assoziiert werden. Viele Onsen verweigern daher den Zutritt, wenn man sichtbare Tätowierungen trägt. Auch wenn es nachvollziehbar ist, dass diese Regel tief in der Geschichte verwurzelt ist, fanden wir es dennoch etwas befremdlich, dass keinerlei Unterschiede zwischen harmlosen Touristen und Mitgliedern der Unterwelt gemacht werden. Aber gut – andere Länder, andere Sitten.

Eine Sache, die uns nachhaltig beeindruckt hat, war der unglaubliche Perfektionismus, der in so vielen Aspekten des japanischen Alltags sichtbar wird. Der Shinkansen, der Hochgeschwindigkeitszug, fährt buchstäblich auf die Sekunde genau ab und bringt einen in Windeseile von Tokio nach Kyoto. Dabei ist er nicht nur effizient, sondern auch durchdacht: Die Sitze lassen sich drehen, sodass man stets in Fahrtrichtung sitzt, und der Service an Bord ist makellos. Auch der Umgang mit Müll war bemerkenswert: Die Menschen nehmen ihren Abfall überall selbstverständlich mit nach Hause oder händigen ihn auf dem Bahnsteig dem warttenden Personal aus.

Japan fasziniert durch seine Gegensätze: die pulsierende Hektik in Tokio und die meditative Ruhe eines Ryokans; die futuristische Technologie des Shinkansen und die zeitlose Tradition der Teezeremonie. Es ist ein Land, das uns nicht nur zum Staunen brachte, sondern auch eine Lektion darin lehrte, wie harmonisch Gegensätze miteinander koexistieren können.

Japan besteht aus insgesamt 6.852 Inseln, von denen die vier größten – Honshu, Hokkaido, Kyushu und Shikoku – etwa 97% der Gesamtfläche ausmachen. Eine Besonderheit Japans ist seine Gebirgslandschaft: Rund 75% der Landesfläche sind von Bergen oder Wäldern bedeckt. Der höchste Gipfel, der ikonische Mount Fuji, ragt 3.776 Meter in die Höhe und wird von Einheimischen und Besuchern gleichermaßen verehrt.

Mit einer Bevölkerung von etwa 126 Millionen Menschen (Stand 2023) ist Japan das 11. bevölkerungsreichste Land der Welt. Die Bevölkerungsdichte liegt bei etwa 333 Einwohnern pro Quadratkilometer, was deutlich über der Dichte Deutschlands liegt, die bei etwa 232 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt. Japan ist allerdings auch von einem demografischen Wandel geprägt: Die Bevölkerung schrumpft und altert rapide, was Herausforderungen für die Wirtschaft und das soziale Gefüge des Landes mit sich bringt.

Japan blickt auf eine über 2.000-jährige Geschichte zurück, die von Kaiserdynastien, Samurai-Traditionen und einer außergewöhnlichen Mischung aus Isolation und Offenheit geprägt ist. Im 19. Jahrhundert gelang Japan mit der Meiji-Restauration ein beispielloser Modernisierungssprung, der das Land zu einer der führenden Industrienationen der Welt machte.

Traditionen spielen trotz des technologischen Fortschritts eine zentrale Rolle. Rituale wie die Teezeremonie oder das Hanami (Betrachten der Kirschblüte) sind tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Auch die japanische Religion, eine Mischung aus Shintoismus und Buddhismus, prägt den Alltag vieler Japaner.

Japan gehört zu den größten Volkswirtschaften der Welt und ist insbesondere für seine Technologie- und Automobilindustrie bekannt. Marken wie Toyota, Sony und Nintendo haben das Land zu einem Synonym für Innovation gemacht. Trotz dieser Modernität bewahrt Japan eine starke Verbindung zu seinen handwerklichen Traditionen, sei es in der Herstellung von Katana-Schwertern, Keramik oder Seide.

Trotz seiner dichten Besiedlung hat Japan atemberaubende Naturlandschaften zu bieten. Neben dem Mount Fuji sind die heißen Quellen (Onsen), die Wälder von Yakushima und die malerischen Dörfer in den japanischen Alpen besonders sehenswert. Japan ist auch ein Land der Extreme: Es liegt am sogenannten Pazifischen Feuerring und ist regelmäßig von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis betroffen.

Japan ist ein Land der Gegensätze und Harmonie: Moderne Megastädte wie Tokio und Osaka stehen im Kontrast zu den stillen Schreinen und Tempeln, während die Hightech-Wirtschaft durch tiefe Traditionen ergänzt wird. Mit seiner reichen Kultur, faszinierenden Geschichte und beeindruckenden Natur ist Japan nicht nur ein beliebtes Reiseziel, sondern auch ein Land, das in vielerlei Hinsicht einzigartig ist.

Hier noch ein paar Fakten:

  • Fläche: Japan (377.975 km²) ist etwas größer als Deutschland (357.022 km²).
  • Bevölkerung: Japan hat etwa 125 Millionen Einwohner, während Deutschland rund 84 Millionen zählt.
  • Bevölkerungsdichte: Japan (334 Personen/km²) ist dichter besiedelt als Deutschland (233 Personen/km²).
  • Wirtschaft: Japan ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt (nach den USA und China), während Deutschland auf Platz 4 folgt.

Die japanische Literaturszene ist vielfältig und reich an Stimmen, die weltweit Anerkennung finden. Ich lese wahnsinnig gerne Literatur aus Japan und sie ist auch weit verbreitet in deutschen Buchläden. Ich würde sagen Literatur aus Japan erlebt einen wahnsinnigen Boom (neben Südkorea) und Autor*innen wie Haruki Murakami, Banana Yoshimoto, Yogo Ogawa, Syaka Murate, Fuminori Nakamura um nur ein paar zu nennen, sind auch aus der deutschen Literaturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Literatur hat in Japan einen hohen Stellenwert; Buchhandlungen und Lesekultur sind tief in der Gesellschaft verankert, und Autoren genießen großes Ansehen, insbesondere für ihre Fähigkeit, die menschliche Erfahrung in poetischer Klarheit darzustellen.

Da ich ein Buch vorstellen wollte, das ich bisher noch nicht gelesen habe, entschied ich mich für Butter von Asako Yuzuki.

Butter – Asako Yuzki erschienen im Blumenbar Verlag, übersetzt von Ursula Gräfe

Ich habe Butter von Asako Yuzuki fast in einem Rutsch gelesen – was irgendwie passend ist, wenn man bedenkt, wie sehr Essen und Genuss im Mittelpunkt dieses Romans stehen. Die Geschichte kombiniert Elemente eines Krimis mit tiefgehender Sozialkritik und ich bewundere jeden, der es schafft diesen Roman zu lesen ohne permanent hungrig zu sei. Ich mußte sogar die Lektüre unterbrechen um mir Reis mit Butter zu kochen.

Die Handlung dreht sich um Rika Machida, eine ehrgeizige Journalistin, die sich an einem spektakulären Fall die Zähne ausbeißt: die mysteriöse Manako Kajii, die mehrere Männer umgebracht haben soll. Kajii ist eine faszinierende Figur – talentierte Köchin, Femme fatale und zugleich Ziel von unerbittlicher medialer Hetze wegen ihres Aussehens und ihrer Lebensweise.

Was mich besonders an Butter beeindruckt hat, ist, wie Yuzuki den Fokus auf die Themen Misogynie, Körperbild und gesellschaftliche Erwartungen richtet. Während Rika Kajii immer wieder im Gefängnis besucht, verschwimmen die Grenzen zwischen Recherche und persönlicher Obsession. Die Gespräche der beiden Frauen sind mal provokativ, mal tiefsinnig, und sie zeigen, wie Essgewohnheiten und Selbstwahrnehmung oft von Kindheitstraumata und gesellschaftlichen Zwängen geprägt sind.

Essen war ein zutiefst persönliches und egoistisches Verlangen. Gourmets waren im Prinzip Suchende. Sie waren Tag für Tag mit ihren Bedürfnissen beschäftigt und auf Entdeckungsreise. Je aufwändiger sie kochten, desto besser gelang es ihnen, die Außenwelt auszuschließen und eine innere Festung zu errichten. Mit Klingen und Flammen rückten sie den Zutaten zu Leibe, um sie nach ihrem Willen zu formen.

Die Parallelen zwischen Rika und Kajii fand ich dabei spannend, aber auch beklemmend. Während Rika immer tiefer in die Welt von Kajii eintaucht, wird sie selbst zur Zielscheibe ähnlicher Kritik: Ihr wachsender Appetit und die Gewichtszunahme werden von ihrem Umfeld kommentiert und abgewertet – ein Spiegel dessen, was Kajii erlebt hat. Das macht die Geschichte nicht nur persönlich, sondern auch universell, denn es geht um viel mehr als einen Mordfall: Es geht darum, wie Frauen in Japan (und weltweit) zwischen widersprüchlichen Erwartungen zerrieben werden. Ich konnte es gar nicht fassen, dass die Protagonistin mehrfach als unfassbar fett betitelt wird und dabei kaum 60kg auf die Waage bringt.

Asako Yuzuki, geboren 1981 in Tokio, ist eine recht bekannte japanische Autorin, die sich durch ihre scharfsinnigen gesellschaftlichen Analysen einen Namen gemacht hat. Bevor sie ihre Karriere als Schriftstellerin begann, arbeitete sie selbst als Journalistin, was man in Butter spürt: Die Recherche, die Tiefe und die Präzision in ihrer Darstellung von Medien und Gesellschaft wirken authentisch und fundiert. Butter wurde in Japan zu einem Bestseller und zeigt, wie Yuzuki mit feministischen Themen auf leise, aber eindringliche Weise umgeht.

Mir hat der Roman gefallen, er hätte aber gut und gerne 1/3 kürzer sein können, er war stellenweise etwas repetitiv.

Mein Filmtipp für Japan dürfte wenig überraschend sein für alle, die mich ein bißchen kennen, denn ich habe diesen Film schon massig empfohlen und hochgelobt: „Perfect Days“ von Wim Wenders – einer meiner absoluten Lieblingsfilme 2024:

Perfect Days von Wim Wenders ist ein ruhiges, poetisches Porträt eines introvertierten Toilettenreinigers in Tokio, der durch die kleinen Momente des Alltags und seine Liebe zu Büchern und Musik die Schönheit des Lebens feiert.

Musikalisch kann es für mich nur eine Band aus Japan geben: MONO – eine ikonische Post-Rock-Band bekannt für ihre epischen, emotionalen Klanglandschaften. Seit ihrer Gründung im Jahr 1999 haben sie zahlreiche Alben veröffentlicht und ich hatte auch schon das Glück sie live zu erleben. Alben wie Hymn to the Immortal Wind (2009), eine Mischung aus orchestralen Arrangements und intensiven Gitarrenwänden, und You Are There (2006), ein Meisterwerk voller melancholischer Schönheit, gehören zu ihren wichtigsten Werken. Ihre Musik ist introspektiv, dramatisch und zeitlos – ein Erlebnis, das unter die Haut geht.

Habt ihr jetzt vielleicht Lust bekommen, euch noch mal auf die anderen Stationen der Weltreise zu begeben? Dann bitte hier entlang:

Großen Applaus für alle, die bis hier hin durchgehalten haben. Ich hoffe euch hat der Ausflug nach Japan Spaß gemacht – ich habe auf jeden Fall riesige Lust mal wieder hinzufahren. Eines meiner aufregensten Reiseerlebnisse bisher.

Möchtet ihr noch ein bißchen in Japan bleiben? Hier sind weitere japanische Bücher die ich hier rezensiert habe: Tatsuki Fujimoto – Goodbye Eri, Waka Hirako – My broken Mariko, Yasushi Inoue – Der Tod des Teemeisters, Natsu Miyashita – Der Klang der Wälder, Lucy Fricke – Takeshis Haut, Haruki Murakami – Mr. Aufziehvogel, Erste Person Singular, Von Beruf Schriftsteller, Sayaka Murata – Convenience Store Woman, Fuminori Nakamura – The Thief, Die Maske, Sosuke Natsukawa – The cat who saved books, Yoko Ogawa – The Memory Police, Marion Poschmann – Die Kieferninseln, Franka Potente – Zehn, Natsume Soseki – Der Bergmann, Rin Usami – Idol Burning, Edmund de Waal – Der Hase mit den Bernsteinaugen, Banana Yoshimoto – NP, Ein seltsamer Ort

Seid ihr schon mal nach Japan gereist? Wie hat es euch gefallen? Welche japanischen Autor*innen / Bands / Filme könnt ihr empfehlen? Ich freue mich sehr von euch zu hören.

Der nächste Stopp ist etwa 8000km entfernt – kommt ihr wieder mit?

Cornwall by the Book

Cornwall – wild, ungezähmt, und ehrlich gesagt hatten wir uns in Sachen Wetter auf so ziemlich alles eingestellt. Aber das, was dann kam, war so viel besser als erwartet: Bis auf einen Tag strahlender Sonnenschein! Doch selbst die wenigen Wolken konnten unsere Stimmung nicht trüben – was auch daran liegen könnte, dass wir uns in einer sehr hübschen Ferienwohnung in Penzance einquartiert hatten. Der perfekte Ausgangspunkt für unsere täglichen Erkundungstouren.

Penzance hat einen rustikalen Charme, und die an Piraten reiche Geschichte Cornwalls konnte man nur ein paar Häuser weiter von unserer Unterkunft im sehr urigen seit 1695 bestehenden Admiral Bentow Pub bestens erkunden. Unser kulinarisches Highlight der Reise erlebten wir allerdings im „Cork & Fork“, wo wir eine richtig gute Seezunge gegessen haben. Empfehlenswert!

Ein anderer schöner Ort war der „The Edge of the World Bookshop“. Allein der Name verspricht schon ein kleines Abenteuer. Und genau so fühlt es sich an, wenn man erstmal durch die Tür tritt. Gemütlich, einladend, und – Achtung – unglaublich schwer, ohne mindestens drei Bücher unter dem Arm wieder rauszugehen. Sogar der Duft der Seiten hatte etwas Magisches. Man möchte fast glauben, dass ein paar dieser Bücher direkt aus Narnia stammen.

Kleine Anekdote am Rande: In Penzance haben wir auch die Morrab Library entdeckt. Ein echter Geheimtipp! Die Bibliothek befindet sich in einem alten Landhaus, das aussieht, als sei es einem Jane-Austen-Roman entsprungen. Über 70.000 Bücher, und das Beste: Die werden alle noch mit Papier-Karteikarten verwaltet! Ich fühlte mich sofort in die öffentliche Bibliothek meiner Kindheit zurückversetzt – wir wurden mit einem Lächeln empfangen, wir durften jeden Räum erkunden und sie haben sogar ein Foto mit uns gemacht, weil sie sich sehr über internationale Besucher freuen 🙂

Im Treppenhaus hängt ein großes Porträt von John le Carré Er lebte lange in Cornwall und war ein großer Fan der Morrab Library und unterstütze sie auch großzügig. Le Carré, der eigentlich David Cornwell hieß, fand in Cornwall nicht nur ein Refugium, sondern auch Inspiration. Seine Liebe zur Region und ihre Verbindung zur Natur spiegeln sich in vielen seiner Werke wider. Es wird gesagt, dass er sich von den Küsten Cornwalls ebenso zu seinen Spionageromanen inspirieren ließ wie von den politischen Spannungen seiner Zeit. Ein Mann voller Widersprüche – einerseits mit der Welt der Geheimdienste vertraut, andererseits mit einem Rückzugsort, der idyllischer nicht sein könnte. Cornwall und le Carré – das ist eine Verbindung von Kontrast und Harmonie und ich muss endlich mal meinen Le Carré Roman aus dem Bücherregal vorholen und endlich lesen.

Es ist übrigens überhaupt kein Problem ohne Auto in Cornwall unterwegs zu sein. Wahrscheinlich ist es sogar die bequemere Variante, denn die Single Track Roads sind tückisch und bei unseren Busfahrten haben wir so manche Autofahrer*in rückwärts manövrierend fast im Graben landen. Das Busnetz ist gut ausgebaut und sehr günstig – 2 GBP pro Strecke, und für 7 GBP gab’s ein Tagesticket, mit dem man sich kreuz und quer durch die Landschaft bewegen konnte.


Einer unserer ersten Ausflüge führte uns zu einem Treffen mit Freundinnen ins schöne St Ives, die dort zufällig auch gerade urlaubten. St. Ives ist ein wirklich niedliches Fischerstädtchen berühmt für sein gutes Licht und daher seit Jahrhunderten Anziehungspunkt für eine Menge Maler*innen. Wir schlenderten durch die Gassen, aßen abends richtig guten Chowder – diese fabelhafte, cremige Fischsuppe, die man in Cornwall überall findet – und genossen am Nachmittag einen richtig guten Cornish Cream Tea. Scones, clotted cream und Marmelade – da der Tag in St. Ives auch gleichzeitig der kühlste und regnerischste unserer Reise war, waren heißer Tee und süße Scones die perfekte Antidote dafür.


Ein weiteres Highlight unserer Reise war Mousehole. Nein, das ist kein Tippfehler. Mousehole (ausgesprochen „Mauzl“) ist ein winziges Fischerdorf, das wirklich charmant und zauberhaft ist. Die Häuser kleben an den Klippen, und die Boote im kleinen Hafen schaukeln gemütlich in der Sonne. Kein Wunder, dass Dylan Thomas, der walisische Dichter, Mousehole als „das schönste Dorf Englands“ bezeichnet hat. Finde ich total nachvollziehbar. Nach einem guten Mittagessen mit Blick auf den Hafen, packten wir uns mit unseren Büchern an den kleinen Strand im Ort und ließen uns die Sonne auf den gut gefüllten Bauch brennen.


Dann war da noch Mount St. Michael – diese märchenhafte Inselburg, die bei Ebbe zu Fuß erreichbar ist. Allein die Überquerung über den trockengelegten Meeresboden fühlte sich an, als ob wir Teil eines Fantasy-Abenteuers wären. Ein bisschen wie „Der Herr der Ringe“, nur ohne Orks, dafür mit einer imposanten Burg. Besonders angetan hatte es uns der riesige Blumengarten, soooo schön und der Ausblick – mir fehlen wirklich ein bißchen die Worte. Man hatte an dem Tag definitiv das Gefühl irgendwo im Süden zu sein.

Natürlich stand auch ein Besuch bei Lands End, dem westlichsten Punkt Englands, auf dem Plan. Die Klippen dort sind der Hammer! Das tosende Meer, das gegen die Felsen schlägt, und der Wind, der einem die Haare zerzaust – Cornwall in seiner wildesten und schönsten Form. Ich hätte stundenlang da sitzen und einfach nur aufs Wasser starren können. Oder Rebecca lesen. Was mich jetzt auch langsam aber sicher zum „by the Book“-Teil der Reise bringt. Da ich zwar eine ganze Menge du Mauriers zu Hause habe, mir die alle aber zu schade waren im Rucksack durch die Gegend geschlörrt zu werden, entschied ich mich für ein Hörbuch und zwar die Biografie von Daphne du Maurier.

Ein bisschen wehmütig wurden wir jedoch, als uns klar wurde, dass wir Manderley nicht besuchen konnten. Warum? Weil es nur in unserer Fantasie existiert! Aber auch das echte Vorbild, Menabilly House, konnten wir nicht besichtigen, da es sich in Privatbesitz befindet. Via Hörbuch tauchte ich ein in ihr du Mauriers faszinierendes Leben und insbesondere ihre mehrwöchtigen Wanderungen zu dem nahezu verfallenen Menabilly House und wie sie die damaligen Besitzer dazu überreden konnte es ihr zu vermieten. Maurier verbrachte einen Großteil ihres Lebens in Cornwall, und viele ihrer Bücher sind von dieser dramatischen Landschaft geprägt. Mit ihren düsteren Geschichten und mysteriösen Figuren hat sie Cornwall auf die literarische Landkarte gesetzt. Jeder noch so kleine Buchladen und Souvenirshop hat ihr gesamtes Angebot stets in verschiedensten Ausgaben im Angebot. Bei unserem nächsten Besuch in Cornwall wollen wir unbedingt den Jamaica Inn Pub besuchen, den sie in ihrem Roman unsterblich gemacht hat.

Ein Filmtipp den ich noch unterbringen möchte ist der sehr atmosphärisch-verstörende Film „Enys Men“ der wunderschöne Bilder hat und am Rande auf die Bergwerks-Vergangenheit Cornwalls eingeht. Sehr sehenswert!


Cornwall war früher ein Hotspot für Schmuggler. Die zerklüfteten Küsten und versteckten Buchten waren ideal für den illegalen Handel mit Brandy, Tabak und anderen Schmuggelwaren. Parallel dazu war Cornwall auch ein Zentrum des Bergbaus, besonders für Zinn und Kupfer. Heute? Heute ist der Bergbau weitestgehend Geschichte, aber der Tourismus boomt, wobei es höchstens in St. Ives für meinen Geschmack ein wenig überlaufen war.

Cornwall ist eine wunderschöne Gegend, wir kommen wieder und dank des „The Edge of the World Bookshops“ bin ich jetzt auch mit einer langen Liste von spannenden Büchern ausgestattet die dort spielen und die mal nicht von Daphne du Maurier geschrieben wurden.

Es gibt jetzt noch einen finalen Stopp – dann kommt unsere literarische Englandreise aus dem Frühsommer dieses Jahres zu seinem Ende. Kommt ihr mit nach Oxford? Habt ihr eine Idee was ich dafür an Literatur im Gepäck hatte und wie hat euch mein Cornwall Bericht gefallen? Seid ihr schon dort gewesen? Mögt ihr Daphne du Maurier – ich freue mich sehr von euch zu hören.


The English Riviera by the Book

Als großer Fan von Agatha Christie, Literatur im Allgemeinen und atemberaubenden Landschaften war ich ganz besonders gespannt auf diese Ecke Großbritanniens. Schon die Anreise nach Devon war ein Highlight für sich. Mit dem Zug fuhren wir entlang der Küste, wobei die Gleise stellenweise so nah am Meer verliefen, dass man den Strandspaziergängern fast die Hand geben konnte. Die Aussicht aus dem Fenster war atemberaubend – so eine Zugfahrt hatten wir tatsächlich noch nie erlebt!

Torquay selbst ist zwar ein Ort, der seine besten Tage hinter sich hat. Einst ein elegantes Seebad, wo die Londoner ihre Sommer verbrachten, hat sich das Bild seit den 80er und 90er Jahren stark gewandelt. Heute ist Torquay eher ein Ziel für englische Touristen, die auf der Suche nach günstigen Partys sind. Stag- und Hen-Night-Tourismus prägen das Stadtbild, was leider viel vom alten Charme der Stadt überdeckt. Dennoch gibt es in Torquay viel zu entdecken, besonders für Fans von Agatha Christie. Wir haben uns die paar Tage in unserer kleinen Ferienwohnung sehr wohl gefühlt und die Landschaft um den Ort herum hat alles wett gemacht.

Agatha Christie wurde 1890 in Torquay geboren als Agatha Mary Clarissa Miller. Sie ist nach wie vor ist eine der bekanntesten und meistgelesenen Autorinnen der Kriminalliteratur weltweit. Sie wurde in eine wohlhabende und behütete Familie hineingeboren. Ihre Kindheit in Torquay war geprägt von einer engen Beziehung zu ihrer Mutter, Clara Miller. Clara spielte eine entscheidende Rolle in Agathas Leben und Entwicklung. Sie förderte die Vorstellungskraft ihrer Tochter und erzählte ihr oft fantasievolle Geschichten, was Agathas Kreativität anregte und sie dazu inspirierte, selbst Geschichten zu schreiben. Clara glaubte fest daran, dass Kinder nicht zu früh lesen lernen sollten, und ließ Agatha deshalb weitgehend ohne formelle Ausbildung aufwachsen, was ihr reichlich Zeit zum Spielen und Träumen ließ.

Die enge Bindung zu ihrer Mutter zeigte sich auch später im Leben. Nach dem Tod von Agathas Vater übernahm Clara die Rolle der Hauptverantwortlichen und Unterstützerin in der Familie. Diese starke Mutter-Tochter-Bindung war eine Quelle der Stabilität und Ermutigung für Agatha, insbesondere während der schwierigen Phasen ihres Lebens und ihrer Karriere.

Agathas frühe Jahre waren geprägt von vielen Reisen, darunter längere Aufenthalte in Frankreich, wo sie eine Internatsschule besuchte. Diese Erfahrungen machten sie früh zu einer Kosmopolitin und fanden später ihren Weg in viele ihrer Romane.

Christie begann ihre schriftstellerische Karriere während des Ersten Weltkriegs, als sie in einem Krankenhaus und einer Apotheke arbeitete, was ihr umfangreiches Wissen über Gifte vermittelte – ein wiederkehrendes Thema in ihren Romanen. Ihr erster Roman, „Das fehlende Glied in der Kette“ (The Mysterious Affair at Styles), erschien 1920 und führte den legendären Detektiv Hercule Poirot ein.

Sie schrieb insgesamt 66 Kriminalromane und 14 Kurzgeschichtensammlungen. Darüber hinaus verfasste sie 6 Romane unter dem Pseudonym Mary Westmacott. Ihre bekanntesten Figuren sind Hercule Poirot und Miss Marple, die wir überraschend händchenhaltend in Torquay trafen!

Gleich am ersten Morgen ging es auf zu unserer vorab gebuchten privaten Agatha Christie Tour durch Torquay. Unsere Tour begann am Grand Hotel, wo Agatha Christie 1914 ihre Flitterwochen verbrachte. Weiter ging es zur Torre Abbey, einem historischen Gebäude, das im 1. Weltkrieg zur Unterbringung belgischer Kriegsgefangener genutzt wurde und ihr dort die Idee zur Figur des Hercule Poirot kam. Besonders beeindruckend ist der langgestreckte Princess Pier, wo die junge Agatha oft spazieren ging oder mit ihren Freundinnen Rollschuh fuhr und die vornehmen Bad-Besucher*innen nervte 😉 Meadfoot Beach war ein weiterer wichtiger Ort in ihrem Leben, ein Strand an dem sie regelmässig schwimmen ging, während ihr Vater im Segelclub oberhalb des Strandes saß, einen kleinen Cocktail trank oder zwei und dabei von oben auf Agatha beim Schwimmen „aufpasste“. Anfangs ging Agatha noch mittels einer „Bathing Machine“ ins Wasser; sie war eine immens sportliche Frau und es gibt tolle Bilder von ihr die sie zB beim Surfen zeigen. Sie war insgesamt eine sehr mutige, unkonventionelle wenn auch teilweise ziemlich konservative Frau – wer mehr über sie erfahren möchte, dem würde ich auf jeden Fall die Biografie von Barbara Sichtermann ans Herz legen.

Torquay und die umliegende Region haben nicht nur Agatha Christie inspiriert. Viele andere große Autoren haben hier Zeit verbracht und ihre Spuren hinterlassen. Mary Shelley, die Autorin von „Frankenstein“, verbrachte einige Zeit in Torquay, ebenso wie James Joyce, der berühmte irische Schriftsteller. Elisabeth Barrett-Browning erholte sich in der milden Seeluft von Torquay, und Oscar Wilde fand hier Inspiration für einige seiner Werke. Die Englische Riviera war und ist ein Magnet für kreative Köpfe.

Einer der Höhepunkte unserer Reise war die Wanderung entlang des South West Coast Path von Torquay nach Babbacombe. Die Strecke bot uns einige der schönsten Ausblicke, die wir je gesehen haben. Die steilen Klippen und das tiefblaue Meer erinnerten uns an die Küstenlandschaften Griechenlands. Während unserer Wanderung konnten wir auch einige Manöver der jährlich in Paignton stattfindenden Flugshow sehen. Die Flugakrobatik über unseren Köpfen war ziemlich spektakulär und wir haben so manches Mal die Luft angehalten. Unsere Fotos sind leider nix geworden, bei Interesse kann man mal hier vorbeiklicken.

Von Torquay aus unternahmen wir einen Tagesausflug nach Dartmouth, einem putzigen kleinen Ort, bei dem ich permanent das Gefühl hatte, gleich kommen die 5 Freunde samt Timmy um die Ecke. Die Anreise mit dem Dampfzug war phänomenal! Ich liebe Züge und Dampfzüge noch mal mehr. Ich fühlte mich wie Agatha Christie im Orientexpress, es war der perfekte nostalgische Rahmen für unseren Devon Trip.

Nicht weit von Dartmouth entfernt liegt Greenway, Agatha Christies Sommerresidenz. Leider konnten wir die Villa nicht besichtigen, die Anreise geht nur per Boot und Fußweg und es war uns alles doch einen Hauch zu aufwendig, so dass ich hier nur ein Wikipedia-Bild zeigen kann und zur Webseite von Greenway verlinke. Angeschaut hätte ich mir das natürlich schon sehr gerne.

Den Tag ließen wir in einer kleinen italienischen Bar am Hafen ausklingen. Bei einem Glas Wein und mit Blick auf die anmutigen Segelboote war es leicht zu verstehen, warum dieser Ort so viele Schriftsteller inspiriert hat.

Die Englische Riviera/Devon ist ein Reiseziel, das ich wärmstens empfehlen kann – man sollten in jedem Fall ein Stück des South West Coast Path’s gehen – das war einer unserer absoluten Highlights im Urlaub. Die literarische Reiselektüre liegt hier klar auf der Hand denke ich 😉

Der nächste Stop ist dann Cornwall und ich hoffe, ihr habt weiterhin Lust dabei zu sein?

Bath by the Book

Unsere England Reise Ende Mai begann in München, und nach einem kurzen Zwischenstopp in London landeten wir in Bath, einer Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur ihre weltberühmten römischen Bäder. Bath, mit seiner beeindruckenden Architektur, seinen wunderschönen Parks und Gärten und den vielen Ecken, die man aus Film und Fernsehen kennt, ist ein echtes Juwel im Herzen Englands.

Schon bei unserer Ankunft waren wir von der Eleganz, den gemütlichen Pubs und den vielseitigen Restaurants beeindruckt. Bath ist bekannt für seine georgianische Architektur, die sich in den honigfarbenen Sandsteinbauten widerspiegelt, die die Stadt schmücken. Ein Spaziergang durch die Straßen von Bath fühlt sich an wie eine Reise in die Vergangenheit, und man kann sich leicht vorstellen, wie Jane Austen, die wohl berühmteste Bewohnerin der Stadt, hier ihre Inspiration fand. Austen lebte von 1801 bis 1806 in Bath und einige ihrer Romane, darunter „Northanger Abbey“ und „Persuasion“, spielen hier.

Unser erster Halt war die imposante Bath Abbey, ein prächtiges gotisches Bauwerk, das sich majestätisch im Zentrum der Stadt erhebt. Die Abbey, die im 7. Jahrhundert gegründet wurde, ist ein wunderbarer Ort, um die reiche Geschichte Baths zu erleben. Gleich nebenan befinden sich die römischen Bäder, ein beeindruckendes Zeugnis der römischen Präsenz in Großbritannien. Die gut erhaltenen Thermalbäder und der faszinierende Museumskomplex bieten einen tiefen Einblick in das Leben und die Kultur der Römer.

Ein weiteres architektonisches Highlight ist der Royal Crescent, eine halbmondförmige Reihe von 30 Stadthäusern, die zu den besten Beispielen georgianischer Architektur in Großbritannien zählt. Man glaubt jeden Moment kommt Jane Austen um die Ecke, und es ist leicht zu verstehen, warum dieser Ort so oft als Kulisse für historische Dramen genutzt wird. Auch die Pulteney Bridge, eine der wenigen Brücken weltweit, die mit Geschäften bebaut ist, hat einen ganz einzigartigen Charme und ist ein beliebter Drehort für Filme. Ich möchte hier unbedingt auch noch mal auf die kostenlosen großartigen Stadtführungen der Stadt Bath hinweisen. Der Spaziergang ging etwa 2,5 Stunden und hat wirklich Spaß gemacht.

Während unseres Aufenthalts in Bath besuchten wir auch das Jane Austen Centre, das einen interessanten Einblick in das Leben und die Werke der Autorin bietet. Die Ausstellung ist nicht nur für eingefleischte Austen-Fans interessant, sondern für jeden, der mehr über die literarische Geschichte der Stadt erfahren möchte. Ein weiteres literarisches Highlight ist das jährliche Jane Austen Festival. Wie man sieht war Ms Austen aber nicht wirklich an mir interessiert 😉

Bath ist eine Literatur-Stadt, die nicht nur wahnsinnig tolle Buchläden hat wie zum Beispiel Persephone Books, Mr B’s Emporium of Reading Delights oder auch Topping & Company. Wir stöberten stundenlang in diesen Buchläden in den Regalen, fanden besondere Ausgaben und ließen uns von den Empfehlungen des freundlichen Personals inspirieren und ich weinte bitterlich über den viel zu kleinen Koffer in den ich kaum etwas unterbrachte zumal es ja erst unser erster Stopp der Reise war. Diese Läden sind ein Muss für jeden Bücherwurm, der nach Bath kommt.

All diese Bücher machten uns dann irgendwann ziemlich durstig und wir entdeckten einen Pub, der umgehend in unsere Top 10 der besten Pubs der Welt aufstieg: The Raven mit eigen gebrautem Bier und einer unfassbar tollen Bibliothek im oberen Stockwerk, wo man sich lesend und weiter „book browsing“ betreibend ein Pint oder zwei schmecken lassen konnte.

Von Bath aus unternahmen wir einen Tagesausflug nach Stonehenge und in die Cotswolds, eine wirklich schöne Landschaft mit malerischen Dörfern, Steinkreisen, Kathedralen etc bekannt. Unser erster Halt war Avebury, ein charmantes Dorf, das inmitten eines der größten steinzeitlichen Monumente Europas liegt. Die mächtigen Steinkreise von Avebury sind mindestens genauso beeindruckend wie Stonehenge und es gab dort sehr viele super süße kleine Lämmchen zu sehen.

Weiter ging es nach Lacock, ein weiteres hübsches Dorf, das auch oft als Drehort wird. Die gut erhaltenen mittelalterlichen Gebäude und die wunderschöne Lacock Abbey, die im 13. Jahrhundert gegründet wurde, machen einen Abstecher dorthin auf jeden Fall lohnenswert. Fans der Harry-Potter-Filme werden Lacock bestimmt wiedererkennen, da mehrere Szenen in den Gängen der Abbey gefilmt wurden.

Unser letzter Halt in den Cotswolds war Castle Combe, das oft als das schönste Dorf in England bezeichnet wird. Mit seinen putzigen Cottages, wunderschönen Gärten und Pubs fühlt man sich definitiv ins vorige Jahrhundert zurückversetzt. Irgendwann möchten wir noch mal in die Cotswolds zurück und ein paar Tage dort verbringen, zum wandern und ausspannen. Allerdings wird man an einigen Stellen von Influencern ein bisserl totgetreten, aber verrückterweise immer nur ganz punktuell an bestimmten Stellen in Bath oder auch in den Cotswolds, zack einmal um die Ecke rum und alle waren weg. Seltsam 😉

Stonehenge ist ein prähistorisches Monument in Wiltshire, England, das vermutlich zwischen 3000 und 2000 v. Chr. errichtet wurde und das man nun wirklich nicht näher vorstellen muss. Die monumentalen Steine, die in konzentrischen Kreisen angeordnet sind, sind das Ergebnis mehrerer Bauphasen wurden ursprünglich als Grabanlage genutzt. Stonehenge wird oft mit rituellen und astronomischen Funktionen in Verbindung gebracht, da es möglicherweise als Kalender oder Tempel diente. Die genauen Gründe für den Bau und die Nutzung des Ortes bleiben bis heute ein Rätsel – ich liebe mysteriöse Rätsel und fand den Ort trotz aller Touristen sehr beeindruckend. Rund um Stonehenge gibt es eine ganze Reihe Menschen die dorthin pilgern, dort übernachten und sich von der Spiritualität der Gegend beeinflussen lassen wollen.

Passend zu Stonehenge hatte ich als Reiselektüre „Sarum“ von Edward Rutherford eingepackt. Ein Roman, der die Geschichte der Region um Salisbury, von der Urgeschichte bis in die Moderne erzählt. Im Mittelpunkt steht der Ort Sarum (heute Salisbury), und Rutherfurd verwebt fiktive Erzählungen mit realen historischen Ereignissen. Besonders ich die Teile um Stonehenge, dessen Errichtung in prähistorischer Zeit thematisiert wird. Rutherfurd zeigt, wie Stonehenge im Laufe der Jahrtausende eine zentrale Rolle im Leben der Menschen in der Region spielte und wie es sowohl als religiöses als auch als gesellschaftliches Symbol diente.

Wir wohnten in Bath in der Nähe des Stadtzentrum in einer kleinen Ferienwohnung die wir ganz bezaubernd fanden. Auch wenn unser Aufenthalt in Bath nur der erste Teil unserer Reise war, hat uns die Stadt mit ihrem Charme und ihrer reichen literarischen Tradition sehr beeindruckt. Ich bin ganz sicher, dass wir irgendwann noch einmal hinfahren, denn man kann auch rund um die Stadt tolle Wanderungen machen und wir haben noch lange nicht alles gesehen.

Meine Literaturempfehlungen für Bath, Stonehenge und die Cotswolds:

  • Northanger Abbey – Jane Austen
  • Persuasion – Jane Austen
  • Cider with Rosie – Laurie Lee
  • The White Cottage Mystery – Margery Allingham
  • Sarum – Edward Rutherford

Falls Ihr Lust habt dabei zu sein: Nächste Woche geht es dann weiter an die Englische Riviera und dort treffen wir the Queen of Crime: Agatha Christie. Kommt ihr mit?

Neapel by the Book

Neapel ist eine Stadt voller Kontraste und Eindrücke, die uns auf verschiedenste Weise überrascht hat. Die Geschichte Neapels reicht zurück bis in die Antike, als die Stadt als wichtiger Hafen und Handelszentrum des Römischen Reiches florierte. Später, im Mittelalter, wurde Neapel zu einem bedeutenden Zentrum des byzantinischen und normannischen Königreichs, was seine reiche kulturelle Vielfalt erklärt.

Wir wohnten in einem Apartment nahe des Hafens, in einem imposanten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Der Zugang zu unserem Apartment gestaltete sich durch zwei antiquierte käfigartige, recht enge Aufzüge die ich bislang überwiegend aus alten Filmen kannte.

Während unseres Aufenthalts waren die phlegräischen Felder wieder recht aktiv, und ich muss zugeben, dass mir bei dem Gedanken, im siebten Stock oder höher während eines Vulkanausbruchs, Erdbebens oder Tsunamis zu sein, ein wenig mulmig wurde. Man fragt sich, ob diese Gedanken auch bei den rund 300.000 Menschen in der Gefahrenzone gelegentlich Ängste auslösen oder ob sie diese komplett ausblenden.

Nach unserem Besuch in Pompeij und Sorrento stand am Sonntag dann endlich eine ausführliche Neapel Tour auf dem Programm. Unser Highlight war die Gegend um das Archäologische Museum, insbesondere das Literaturcafe am Bellini-Platz. Den Bohemian-Flair und die entspannte Atmosphäre dort haben wir bei einem Aperol in der Sonne sehr genossen . Das Archäologische Museum selbst beherbergt eine beeindruckende Sammlung antiker Artefakte aus den nahegelegenen Ausgrabungsstätten Pompeji und Herculaneum, die einen faszinierenden Einblick in das Leben der antiken Bewohner bieten.

Ein paar Straßen weiter in der Altstadt erlebten wir das pulsierende Leben Neapels. Besonders an einem sonnigen Sonntagnachmittag fühlte es sich an, als ob die ganze Stadt auf den Beinen wäre. Überall Menschen, Stände mit leckerem Essen und Trinken – ein bunter Mix aus Touristen und Einheimischen, die das Leben in vollen Zügen genießen. Die engen Gassen der Altstadt sind gesäumt von historischen Gebäuden, traditionellen Handwerksläden und kleinen Trattorien. Unter anderem kann man hier die prächtige Kathedrale von Neapel bewundern, ein beeindruckendes Beispiel der neapolitanischen Barockarchitektur, sowie die prunkvolle Kapelle Sansevero.

Beeindruckend fand ich auch die Street Art, die überall in der Altstadt zu finden war und einen faszinierenden Einblick in die kreative Szene Neapels bietet.

An Diego Maradona und die hellblauen Vereinsfarben des SSC Neapel kommt man nicht vorbei. Die Fußballbegeisterung ist in der Stadt ist überall zu sehen und zu spüren. Ich bin nicht sicher, ob ich mehr Madonnen oder Maradonna Bildnisse in der Stadt gesehen habe, es dürfte sich die Waage gehalten haben.

Was uns allerdings wirklich wunderte, waren die nächtlichen Feuerwerke in unserer Straße. Jeden Abend gab es laute Auto-Corsos und eben Feuerwerke – ein Phänomen, das ich gerne ergründet hätte. Zumal die Neapolitaner immer genau den Moment abwarteten an dem ich am Einschlafen war, um genau dann das erste von teilweise 2-3 Feuerwerken pro Nacht zu starten 😉

Krass fand ich den Gegensatz von auf der einen Seite überwiegend elegant gekleideten Menschen, dem überdurchschnittlich guten Essen (und Kaffee!) und den prächtigen Gebäuden und auf der anderen Seite konnte ich nicht umhin, das unfassbare Müllproblem zu bemerken, mit dem die Stadt zu kämpfen hat.

Unsere Tour durch Neapel fand ihren Abschluss im spanischen Viertel, das sich, wenn das überhaupt möglich ist, als noch belebter, lauter und verwinkelter erwies als die engen Gassen der Altstadt rund um den Bellini-Platz. In einem Gedränge, das mich stark ans Oktoberfest erinnerte, wurden wir durch die Straßen geschoben. Schließlich waren wir erschöpft von der Masse an Menschen und dem Trubel, also suchten wir Zuflucht in der erstbesten Pizzeria, die uns mit ihren Plastikblumen auf den ersten Blick nicht sonderlich beeindruckte.

Ursprünglich hatten wir nur geplant, ein Glas zu trinken, uns auszuruhen und in Ruhe nach einem Restaurant für den Abend zu suchen. Doch allmählich füllten sich die Tische um uns herum, und die Gerichte, die serviert wurden, sahen so köstlich aus, dass wir spontan beschlossen, ebenfalls dort zu essen. Und es stellte sich heraus, dass es eine ausgezeichnete Entscheidung war. Als wir das Lokal später gut gesättigt verließen, staunten wir nicht schlecht, als wir eine unglaublich lange Schlange vor dem Restaurant sahen, die sich gebildet hatte.Egal wo und was wir in Neapel gegessen haben, es war stets von überdurchschnittlicher Qualität und dennoch erschwinglich.

Und welche Autorin darf natürlich nicht fehlen, wenn man Reiselektüre nach Neapel einpackt? Richtig – Elena Ferrante. An den 5-bändigen Zyklus habe ich mich nicht gewagt (habe Committment issues bei solchen Reihen) – aber ihr Debüt „Lästige Liebe“ eingepackt und vor Ort gelesen.

„Elena Ferrante“ ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin, deren wahre Identität bis heute ein gut gehütetes Geheimnis ist. Ihre Romane setzen sich häufig mit Themen wie weiblicher Freundschaft, Familienbeziehungen und dem Leben im südlichen Italien auseinander.

Ihr Debütroman „Lästige Liebe“ (Originaltitel: „L’amore molesto“), veröffentlicht im Jahr 1992, ist eine eindringliche, ziemlich beklemmende Geschichte über eine Frau namens Delia, die nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter Amalia deren Tagebuch entdeckt. Während Delia versucht, die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter aufzudecken, taucht sie immer tiefer in deren geheimnisvolle Vergangenheit ein.

„Lästige Liebe“ ist ein Roman, der mich mit seiner düsteren Atmosphäre und den komplexen Charakteren stellenweise durchaus in seinen Bann ziehen konnte, bin aber nicht wirklich warm geworden mit den Figuren und ich war bei der Lektüre eigentlich abwechseln verwirrt oder ein bißchen verstört. Durchaus ein gelungener Debütroman, Frau Ferrante kann wirklich schreiben – aber ich kann nicht sagen, dass ich unbändige Lust bekommen habe noch weitere Romane von ihr zu lesen.

Neapel ist laut, leidenschaftlich, chaotisch und ein bisserl abgeranzt hat aber immens viel Charme, liebenswerte Menschen und unfassbar leckeres Essen.

Kennt und mögt ihr Neapel? Was haben wir verpasst? Konnte ich euch Lust auf die Stadt machen?

Pompeij by the book

Es ist eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung, Pompeji zu erkunden, wo die Zeit vor fast zweitausend Jahren plötzlich stillzustehen schien. Begleitet von mindestens genauso Archäologie-verrückten Bookclub Freundin aus dem Bookclub, begaben wir uns auf die Spuren von Mary Beard und Gabriel Zuchtriegel, dem Direktor des Archäologischen Parks von Pompeji, die uns zur Reise inspirierten und deren Bücher wir als Lotsen durch die Stadt nutzten.

Unsere Reise begann früh morgens von unserer Unterkunft nahe dem Hafen von Neapel aus. Bereits am Bahnhof von Neapel stiegen unzählige Reisende zu, und wir konnten erahnen, wie überfüllt (und heiß!) es erst im Sommer sein muss, wenn die Touristenzahlen ihren Höhepunkt erreichen.

Die Ankunft am Bahnhof Pompeji führte uns erst einmal unbewußt in die Schlange für eine geführte Tour, was sich jedoch als ganz gute Entscheidung herausstellte. Mit der Tour konnten wir die lange Warteschlange am Eingang umgehen und erhielten gleichzeitig einen ersten faszinierenden Einblick und Überblick auf das Gelände. Bis zum Forum hin war es dicht gedrängt, doch dann öffneten sich die Straßen, und wir waren oft allein unter in den Straßen, den Garküchen oder im Schatten alter Gebäude. Ein seltsames Gefühl der Einsamkeit hab ich oft empfunden inmitten einer Stadt, die einst pulsierendes Leben beherbergte.

Pompeji, eine blühende Stadt im antiken Rom, war einst ein wichtiges Zentrum für Handel und Kultur am Golf von Neapel. Gegründet im 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr. von den Oskern, wurde es später von den Römern erobert und zu einem florierenden Handelszentrum ausgebaut. Durch seine Lage am Fuße des Vesuvs profitierte Pompeji von seiner Nähe zum Meer und den Handelsrouten, die durch die Stadt verliefen.

Im Jahr 79 n. Chr. wurde Pompeji von einer der verheerendsten Naturkatastrophen der Geschichte heimgesucht. Der Vesuv aus und schleuderte Asche, Gestein und glühende Lava in die Luft. Die Eruption war so gewaltig, dass sie die Umgebung in Dunkelheit hüllte und Pompeji innerhalb weniger Stunden unter einer meterdicken Schicht aus vulkanischer Asche und Gestein begrub.

Die Bewohner von Pompeji hatten nur wenig Zeit, um zu fliehen. Viele wurden von den herabstürzenden Gesteinsbrocken erschlagen oder von der Asche erstickt, während andere versuchten, sich in ihren Häusern zu verstecken oder zu fliehen. Die Stadt wurde von der Katastrophe komplett verschüttet und blieb für fast 1.700 Jahre unter der Ascheschicht verborgen. Es ist bis heute nicht ganz klar wie viele Einwohner die Stadt zum Zeitpunkt des Ausbruches tatsächlich hatte. Die Zahlen schwanken gewaltig, da nicht klar ist, wie beengt oder nicht die Menschen dort lebten. Bis heute hat man ca 2000 Tote gefunden, es wird angenommen, dass viele schon Tage vorher flohen, da die Stadt vermutlich schon Tage vor dem Ausbruch von Erdbeben erschüttert wurde.

Etwa 17 Jahre zuvor, im Jahr 62 n. Chr. gab es bereits ein großes Erdbeben in der Stadt. Es war ein verheerendes Ereignis, das große Schäden in der Stadt verursachte und zahlreiche Gebäude zerstörte oder beschädigte. Dieses Erdbeben war ein wichtiger Vorläufer des späteren Ausbruchs des Vesuvs und wird oft als Teil der Vorzeichen für die Katastrophe betrachtet, die Pompeji ereilte. Während des Vulkanausbruchs war die Stadt noch immer dabei die Schäden des Erdbebens zu beheben und es wurden viele Baugerüste gefunden, die man für Reparaturarbeiten nutzte.

Erst im 18. Jahrhundert wurden die Überreste von Pompeji wiederentdeckt, als Bauarbeiten in der Gegend durchgeführt wurden. Archäologen begannen mit der systematischen Freilegung der antiken Stadt, und im Laufe der Zeit wurden zahlreiche gut erhaltene Gebäude, Straßen, Mosaike und Kunstwerke ans Tageslicht gebracht.

Wir durchstreiften die antiken Villen, Thermopolien (Garküchen), Gärten, Geschäfte und Bordelle, und es fällt mir schwer, die Überwältigung in Worte zu fassen, die einen überkommt, wenn man sich vor Ort befindet. Vieles kannte man aus Büchern und Dokumentationen, doch die Präsenz vor Ort ist von einer überwältigenden Kraft. Die Straßen, ausgestattet mit reflektierenden Steinen für nächtliche Orientierung, und die geniale Planung der Stadt, die mit einer anderen Breite innerhalb und außerhalb der Stadtmauern eine kluge Verkehrsführung ermöglichte, hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Das Archäologische Museum in Neapel, in dem die Schätze von Pompeji aufbewahrt werden, beeindruckte uns zutiefst. Hier fanden wir nicht nur eine Vielzahl von „Pompenissen“, wie meine liebe Freundin es treffend nannte, sondern auch eine Fülle von Kunstwerken, die die tabulosen Sitten der antiken Welt zeigen. Von Statuen bis hin zu Bildern von Geschlechtsakten in allen erdenklichen Positionen, es war eine Offenbarung der menschlichen Natur.

Die Fahrrillen in den Straßen, die Schuhsohlen und das erhaltene Brot aus einem der Backöfen haben mich vermutlich am meisten berührt und natürlich die vielen menschlichen Überreste, von Asche umhüllt und in ihren letzten Momenten erstarrt.

Plinius der Ältere war ein römischer Autor, Naturforscher und Militärbefehlshaber, der den Vulkanausbruch in Pompeij als Zeitzeuge beschrieb. Als hochrangiger Beamter der römischen Marine wurde er zu Hilfe gerufen, um die Menschen in der Region zu evakuieren. Plinius begab sich mutig in die Gefahrenzone, um den Ausbruch zu beobachten und Hilfe zu leisten. Dabei wurde er jedoch von den giftigen Gasen und Aschewolken überrascht und erstickte schließlich an den Dämpfen. Sein Tod wurde von seinem Neffen Plinius dem Jüngeren in einem berühmten Brief an den Historiker Tacitus beschrieben, der zu einer wichtigen Quelle für das Verständnis des Vulkanausbruchs und seiner Auswirkungen wurde. Plinius der Ältere starb als Held, der sein Leben riskierte, um anderen zu helfen, und sein Vermächtnis lebt bis heute in seinen Schriften und seinem mutigen Einsatz weiter.

Jetzt kommen wir aber endlich mal zu den bereits eingangs erwähnten Büchern, auf die ich euch unbedingt Lust machen möchte.

Gabriel Zuchtriegels Buch „Vom Zauber des Untergangs war die perfekte vorbereitende Reiselektüre auf meinen Besuch in Pompeij letzte Woche. Das Buch bietet nicht nur einen faszinierenden Einblick in die archäologischen Schätze Pompejis, sondern spannt auch einen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart.

Er leitet seit 2021 den Archäologiepark Pompeji in Italien. Sein Buch reflektiert nicht nur die Geschichte der antiken Stadt, sondern wirft auch einen neuen Blick auf ihre Bedeutung für unsere heutige Zeit. Als ich durch die gut erhaltenen Überreste von Garküchen, Sklavenzimmern und Tempeln wanderte, wurde mir klar, dass diese vergangenen Zivilisationen mehr mit unserer Gegenwart zu tun haben, als wir oft glauben.

Zuchtriegel beschreibt in seinem Buch nicht nur die archäologischen Ausgrabungen und Restaurierungen, sondern auch die neuen Forschungsergebnisse, die ständig ans Licht kommen. Dabei schlägt er immer wieder eine Brücke zwischen der antiken Welt und unserer modernen Gesellschaft. Er stellt Fragen nach dem Wandel der Gesellschaft und der Bedeutung von Kultur und Erbe für unsere Identität.

Während man die beeindruckenden Überreste der antiken Villen und Theater bewundert, kommt man nicht umhin, darüber nachzudenken, wie sich das Leben in Pompeji vor dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs abspielte. Doch Zuchtriegel erinnert uns daran, dass Pompeji nicht nur eine historische Stätte ist, sondern auch eine Quelle der Inspiration und Reflexion für unsere heutige Zeit.

Zuchtriegels Buch ist nicht nur eine Sammlung von Fakten und Daten über Pompeji, sondern auch eine persönliche Reise durch die Geschichte und Kultur einer vergangenen Zivilisation. Seine Leidenschaft für die Archäologie und sein Engagement für den Schutz und die Bewahrung des kulturellen Erbes sind in jedem Wort spürbar und ansteckend.

Pompeji ist nicht nur eine historische Stätte, sondern auch ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens und die Notwendigkeit, unser kulturelles Erbe zu schützen und zu bewahren.

Gabriel Zuchtriegel lädt uns ein, Pompeji mit neuen Augen zu sehen und die versteckten Geschichten und Geheimnisse dieser faszinierenden antiken Stadt zu entdecken. Eine Lektüre, die nicht nur für Archäologen und Geschichtsinteressierte, sondern für alle, die sich für die menschliche Geschichte und Kultur interessieren, von Interesse ist. Ganz große Empfehlung – unbedingt lesen 🙂

Natürlich darf die Grand Dame der Altertumswissenschaften, Mary Beard, hier nicht fehlen:

Mary Beards Buch „Pompeii: The Life of a roman town“ ist ein faszinierender und humorvoller Streifzug durch die Stadt und die Geschichte. Sie liebt es gängige Annahmen über Pompeij zu widerlegen und kann dabei im Text ordentlich austeilen anderen Kolleg*innen gegenüber.

Beard betont immer wieder die Grenzen unseres Wissens und die Unbeständigkeit unserer Konstrukte. Sie widerlegt die Vorstellung, dass Pompeji eine „eingefrorene Stadt in der Zeit“ sei, wie es oft behauptet wird. Vielmehr zeigt sie auf, dass Pompeji von verschiedenen historischen Ereignissen geprägt wurde, angefangen von einem verheerenden Erdbeben bis hin zu Plünderungen und Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg.

Das Buch bietet einen überraschenden Blick hinter die Kulissen von Pompeji und beleuchtet das tägliche Leben der Menschen, ihre Häuser, ihre Bäder und sogar ihre Bordelle. Beard führt uns durch die Straßen, in die Häuser und öffentlichen Gebäude und lässt uns die Stadt mit all ihren Gerüchen und Geräuschen erleben.

Besonders bemerkenswert ist Beards Fähigkeit, komplexe Themen auf eine zugängliche und unterhaltsame Weise zu präsentieren. Man kann förmlich spüren, wie sie durch die Ruinen von Pompeji spaziert und uns dabei mit ihrem Wissen und ihrer Begeisterung mitreißt.

Pompeij bleibt es ein faszinierendes Zeugnis der römischen Geschichte und Kultur und wird auch noch Generationen künftiger Besucher*innen begeistern, falls der Vesuv nicht – wie befürchtet wird – in nicht allzu ferner Zukunft wieder einmal ausbricht und ggf die Stadt wieder unter sich begräbt. Während wir in Neapel waren hat es in der Gegend tagelang wieder ganz schön gebebt und ich möchte mir gar nicht ausmalen was in dem Fall eines Ausbruchs in der Region in der 300.000 Menschen in der Gefahrenzone leben passieren würde. Ich hoffe der Krug geht noch lange an der Region vorbei.

Ich hoffe ihr hattet Spaß an diesem Ausflug in die Vergangenheit und ich konnte Euch Lust auf eine Reise nach Pompeij machen oder zumindest auf eines oder beide Bücher, die definitiv einen sehr guten Einstieg bieten oder notfalls als Ersatzdroge dienen können für all die, die nicht selbst in die Stadt reisen können oder wollen.

Neben den beiden Sachbüchern war aber auch noch Platz für Robert Harris‘ Pompeij, ein faszinierender historischer Roman, der des verheerenden Ausbruchs des Vesuvs und der Zerstörung der Stadt erzählt. Mit einer Mischung aus akribischer historischer Recherche und fesselnder Erzählung entführt Harris die Leser in die Welt des antiken Roms und verwebt geschickt Fakten mit Fiktion.

Die Geschichte folgt dem jungen Ingenieur Marcus Attilius Primus, der nach Pompeji kommt, um die Wasserleitungen der Stadt zu reparieren. Doch bald entdeckt er Anzeichen für ungewöhnliche Aktivitäten des Vesuvs und wird in ein Netz aus Intrigen, Machtspielen und persönlichen Dramen verstrickt. Während Attilius verzweifelt versucht, die Bewohner vor der bevorstehenden Katastrophe zu warnen, bahnt sich das Unheil unaufhaltsam an.

Harris gelingt es richtig gut, die Atmosphäre und das Leben im antiken Pompeji zum Leben zu erwecken. Durch seine detaillierte Darstellung der Stadt, ihrer Bewohner und ihrer Bräuche entsteht ein lebendiges Bild dieser Tage und es hat was sehr beklemmendes wenn man schon von der ersten Seite an weiß, dass sehr bald unweigerlich eine Katastrophe passieren wird.

Man spürt die intensive Recherche, die in den Roman eingeflossen ist, und die Liebe zum Detail, mit der Harris die Welt von Pompeji zum Leben erweckt.

„Pompeji“ ist ein packender historischer Roman, der nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Er wirft Fragen nach der Natur der Macht, dem Verhalten in Krisensituationen und der Fragilität menschlicher Existenz auf.

Das war jetzt aber wirklich die gesamte Lektüre die ich mitgeschleppt hatte – danke an Barbara aka Kulturbowle, die mich mit ihrem Kommentar daran erinnerte, dass ich komplett vergessen hatte mein drittes Buch der Reise zu erwähnen 😉

Seid ihr schon mal dort gewesen? Was hat euch am meisten beeindruckt?

Habt ihr Lust in ein paar Tagen noch mit mir nach Neapel zu reisen?

Skopje by the book – Kultur, Denkmäler und Kaffeekunst

Dieses Jahr fand unser jährliches People & Culture Europe Lead Meeting in Skopje statt, und ich habe mich sehr auf die Reise in die Hauptstadt Mazedoniens gefreut. Ich freute mich liebe Kolleg*innen wieder zu treffen und auf die Gelegenheit, eine Stadt und Literatur zu erkunden, von der ich bisher nur wenig wusste.

Skopje, eine Stadt, die nicht nur durch ihre Geschichte und Kultur fasziniert, sondern auch durch die starken Kontraste, die sich in ihren Straßen und ihrer Architektur widerspiegeln. Mazedonien ist ein Land, das mit finanziellen Herausforderungen kämpft, wie der Durchschnittslohn von etwa 600 Euro pro Monat zeigt. Doch trotz dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten strahlt Skopje eine besondere Energie aus.

Alexander wurde um 356 v. Chr. in Pella, der antiken Hauptstadt Makedoniens, geboren, die sich in der Nähe des heutigen Skopje befand. Sein Vater, König Philipp II. von Makedonien, hatte große Ambitionen für sein Reich, und Alexander setzte diese Ambitionen fort, als er nach dem Tod seines Vaters den Thron bestieg.

Alexander der Große war bekannt für seine militärischen Eroberungen, die das makedonische Reich zu einem der größten Imperien der antiken Welt machten. Seine Feldzüge erstreckten sich von Griechenland über den Nahen Osten bis nach Indien und hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf die Geschichte und Kultur der Regionen, die er eroberte.

In Bezug auf Skopje und Nordmazedonien bleibt Alexander der Große eine wichtige historische Figur, die die Identität und das kulturelle Erbe der Region prägt. Sein Erbe wird oft durch Denkmäler und Gedenkstätten in der Stadt gewürdigt, und sein Vermächtnis dient als Inspirationsquelle für die Bewohner und Besucher von Skopje.

Der Konflikt um den Namen „Mazedonien“ zwischen Griechenland und Nordmazedonien ist ein langjähriges und komplexes politisches Thema. Griechenland hat lange Zeit Einwände gegen die Verwendung des Namens „Mazedonien“ durch das ehemalige Jugoslawien und später durch die unabhängige Republik Mazedonien erhoben. Der Hauptstreitpunkt lag in der Befürchtung Griechenlands, dass die Verwendung dieses Namens durch einen Nachbarstaat implizieren könnte, dass dieses Gebiet historische Ansprüche auf die griechische Region Mazedonien erhebt.

Für Griechenland hat die Region Mazedonien eine tiefe historische Bedeutung, da sie die Heimat des antiken Königreichs Makedonien war, das von Alexander dem Großen regiert wurde. Griechenland befürchtete, dass die Verwendung des Namens „Mazedonien“ durch das Nachbarland Nordmazedonien territoriale Ansprüche oder revisionistische Bestrebungen signalisieren könnte.

Der Konflikt hat sich über Jahrzehnte hingezogen und hat zu diplomatischen Spannungen und politischen Hindernissen geführt. Erst 2018 wurde eine Einigung erzielt, als sich Nordmazedonien bereit erklärte, seinen Namen in „Republik Nordmazedonien“ zu ändern. Diese Vereinbarung öffnete den Weg für eine Annäherung zwischen den beiden Ländern und für Nordmazedonien, seine Beziehungen zur Europäischen Union und zur NATO zu stärken.

Trotz dieser Einigung bleibt der Konflikt um den Namen Mazedonien ein Beispiel für die komplexen politischen und historischen Dynamiken in der Region und verdeutlicht die Bedeutung von Diplomatie und Kompromissbereitschaft bei der Lösung solcher Streitigkeiten.

Unser Hotel lag direkt am Fluss – an der Vardar, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Auf der linken Seite erstreckt sich die islamische Seite, wo während des Ramadans der Muezzin zum Gebet ruft und mit zunehmender Lautstärke zu provozieren versucht und wo gläubige Männer überall auf Gebetsteppischen auf den Straßen im Basar beten. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die mazedonisch-orthodoxe Seite, die mit überdimensionalen Kreuzen provoziert. Diese religiösen Spannungen erinnern an ein Pulverfass, das jederzeit explodieren könnte.

Beim Kaffee trinken in der Altstadt habe ich zufällig einen jungen Mann getroffen, der ursprünglich aus Skopje kommt, alle 2-3 Jahre wieder hinfährt um seine alten Freunde und Familie zu besuchen und der seit einigen Jahren in München lebt. Er war selbst komplett überrascht von der immer prominenteren Ausübung der Religion, was wohl vor Jahren noch eher selten war. Auch sind überall in der Altstadt riesige Plakate von Erdogan zu sehen.

Skopje ist auch bekannt für seine regelmäßigen Erdbeben, und das letzte große Beben ereignete sich 1963, das 90% der Stadt zerstörte. Die Stadt wurde danach schnell wieder aufgebaut, jedoch nicht ohne Kritik. Korrupte Politiker nutzten die Gelegenheit, um eine Art Kaufhauskatalog für den Wiederaufbau zu verwenden. Sie bestellten Brücken aus Prag, Nachbildungen des Arc de Triomphe aus Paris und sogar eine Miniaturausgabe des Weißen Hauses. Das Ergebnis ist eine Stadt, die von Denkmälern übersät ist, man könnte den Eindruck haben, es gibt mehr Denkmäler als Einwohner.

Doch trotz dieser Herausforderungen ist Skopje eine Stadt voller Leben und Energie. Die Menschen sind herzlich und einladend, und das Essen ist richtig lecker. Die mazedonische Küche ist reich an Geschmack und Vielfalt, und ich hatte das Glück, ein paar sehr feine Gerichte zu probieren. Überrascht war ich, dass in allen Restaurants stark geraucht wurde, meine Kolleginnen aus Skopje meinten, das das wieder der Fall sein. Einige Jahre lang wurde das Rauchverbot in Innenräumen beachtet und auch stark kontrolliert, aber seit einer Weile scheine sich niemand mehr um das Verbot zu kümmern.

Wer einem übrigens auch an jeder Ecke begegnet ist die wohl berühmteste Tochter der Stadt: Mutter Theresa. Ich hätte mich von Kopf bis Fuß mit ihrem Konterfei schmücken können 😉

Und dann ist da noch der Kaffee, der auf heißem Sand gekocht wird, eine Tradition, die mich wirklich faszinierte. Der türkische Kaffee wird traditionell in einer speziellen Kaffeekanne namens „Cezve“ oder „Ibrik“ zubereitet. Zuerst wird feiner Sand in einem speziellen Behälter erhitzt. In die Cezve werden gemahlene Kaffeebohnen, Wasser und gegebenenfalls Zucker oder Gewürze gegeben. Die Cezve wird dann in den heißen Sand gestellt, wodurch der Kaffee langsam erhitzt wird. Der Kaffee beginnt zu schäumen und aufzusteigen. Sobald er kurz vor dem Kochen steht, wird er vom Sand genommen und in kleine Tassen oder Gläser gegossen. Die langsame Zubereitung über dem heißen Sand verleiht dem Kaffee einen intensiven Geschmack und ein reiches Aroma.

Die Literatur durfte natürlich auch nicht zu kurz kommen: Nordmazedonien, insbesondere die Hauptstadt Skopje, hat eine reiche literarische Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Ich habe ein paar sehr schöne Buchläden entdeckt und fliegende Händler die auf der Straße und auf Märkten mit Büchern handeln. Es war gar nicht so einfach ein Buch eines nordmazedonischen Autors zu finden, aber ich hatte dann doch Glück und habe ein wirklich interessantes und spannendes Buch von Luan Starova gelesen. Er ist ein bedeutender albanisch-mazedonischer Autor, der für seine literarischen Werke bekannt ist, die sich mit Themen Identität, Kultur und Geschichte auseinandersetzen. Seine Arbeiten, darunter Romane wie „Die Sterne in Bunker Nr. 3“ und „Die Reise nach Amerika“ oder auch das von mir gelesene „Zeit der Ziegen“ haben ihm sowohl national als auch international Anerkennung eingebracht. Starova hat sich als wichtige Stimme in der albanischen und mazedonischen Literatur etabliert und sein Werk trägt zur Förderung des kulturellen Verständnisses und des Dialogs bei.

Spannend fand ich auch das jährlich stattfindende Internationale Literaturfestival – eine bedeutende kulturelle Veranstaltung in Skopje, die Autor*innenn und Literaturliebhaber*innen aus der ganzen Welt zusammenbringt. In der Vergangenheit haben namhafte Teilnehmer*innen wie Orhan Pamuk, Herta Müller, Mario Vargas Llosa oder auch Salman Rushdie an diesem Festival teilgenommen. Es bietet eine Plattform für den interkulturellen Austausch, literarische Diskussionen und Lesungen und trägt zur Förderung der internationalen Literatur und des kulturellen Dialogs bei. Irgendwann würde ich da wirklich gerne mal dabei sein.

„Zeit der Ziegen“ ist ein Roman von Luan Starova, übersetzt von Roberto Mantovani, erschienen im Unionsverlag, der die Geschichte einer albanischen Familie im ehemaligen Jugoslawien während des Zweiten Weltkriegs und der kommunistischen Ära erzählt. Der Roman konzentriert sich auf das Leben der Familie Gjonbalaj, die sich mit den Herausforderungen und Veränderungen in ihrem Land während dieser turbulenten Zeiten auseinandersetzen muss. Dabei werden Themen wie Identität, politische Unterdrückung und die Suche nach Freiheit behandelt. „Zeit der Ziegen“ ist ein berührender und fesselnder Roman, der die Leser*innen durch die historischen Ereignisse und persönlichen Geschichten einer Familie führt, die um ihr Überleben und ihre Selbstbestimmung kämpft. Der Roman hat mir richtig gut gefallen, würde auf jeden Fall auch noch weitere Romane von Starova lesen.

Leider hatte ich keine Gelegenheit die Landschaft und die Natur in Nordmazedonien kennenzulernen. Außerhalb der Saison fahren wenige Busse und man hatte mich auch ein bißchen gewarnt alleine in die Wälder und zu den Seen zu fahren. Ich muss also auf jeden Fall noch mal hin irgendwann.
Seid ihr schon mal in Skopje oder Nordmazedonien gewesen, oder habt noch weitere Literaturempfehlungen für mich?