Literatur-Blog für alle, die keine Angst vor heftigen Mischungen haben. Paul Auster, Margaret Atwood, Haruki Murakami treffen auf Simone de Beauvoir, Batman und Orphan Black. Dosenbier auf Oper und St. Pauli auf Crispr, Philosophie, Science und Sci-Fi.
Gesehen: Godland (2022) von Hlynur Pálmason mit Elliott Crosset Hove und Vic Carmen Sonne. Isländisches Drama um einen dänischen Pfarrer der im 19. Jahrhundert eine Kirche ins Island bauen will. Unfassbar tolle Bilder.
Getan: mit dem Bookclub beim Krimi Dinner einen Mordfall gelöst, eine Erkältung auskuriert, mit lieben Freundinnen gegessen, Radl von der Inspektion geholt und in der Sonne spazieren gegangen
Der September ist einer meiner Lieblingsmonate – und auch literarisch war er in diesem Jahr ein voller Erfolg. Besonders geprägt war er vom Erlanger Poetinnenfest, wo ich gleich mehreren der Autor*innen meiner diesmonatigen Lektüren begegnet bin: Ulrike Draesner, Fikri Anıl Altıntaş und Dimitrij Kapitelman. Insgesamt habe ich neun Bücher gelesen – ein wahrer literarischer Roadtrip.
Meine Lektürereise führte mich quer durch Zeiten und Kontinente: nach Mexiko, durch die USA an der Seite von John Steinbeck und seinem Königspudel Charley, bis hinaus aufs Meer, wo Penelope vor Ithaka in See sticht – und ich gleich dortgeblieben bin, denn auch Richard Powers’ „Das große Spiel“ spielt zu weiten Teilen im Ozean. Mit Dimitrij Kapitelman und Fikri Anıl Altıntaş habe ich zudem zwei besondere Familiengeschichten gelesen, die auf sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen berührende Weise von Herkunft und Identität erzählen.
Ein wirklich guter Monat also – vielfältig, nachdenklich, manchmal melancholisch, oft überraschend. Hier kommt nun meine Septemberlektüre im Detail: Bücher, die ich euch wärmstens ans Herz legen möchte.
Ulrike Drasener – penelopes sch()iff erschienen im Penguin Verlag
Dieser Roman in Versform hat mich sehr begeistert und ich habe ihn hier vor Kurzem bereits besprochen.
Travels with Charley – John Steinbeck auf deutsch unter dem Titel „Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika“ in dtv Verlag erschienen, übersetzt von Burkhart Kroeber
Dieses Buch wurde mir von einer lieben Freundin schon vor einer ganzen Weile empfohlen und endlich komme ich dazu, ihrem guten Tipp zu folgen: Selten hat mich ein Buch so sehr dazu gebracht, sofort den Koffer zu packen und einfach loszufahren. Dieses Buch hat in mir ein Fernweh geweckt, das zugleich Freiheit, Abenteuer und Lust auf stille Begegnungen macht. Ganz ohne großes Pathos, ganz ohne literarische Verrenkungen – einfach durch Steinbecks Blick, seine Sprache, seinen Ton.
Worum geht es? 1960, schon ein berühmter und reifer Autor, macht sich Steinbeck auf, sein eigenes Land noch einmal neu zu erkunden. Er will die Vereinigten Staaten nicht aus der Distanz der Zeitungen und Fernseher sehen, sondern mit eigenen Augen und Ohren erleben. Dazu lässt er sich ein Gefährt bauen, das er liebevoll Rocinante nennt, nach Don Quijotes klapprigem Pferd. Mit an Bord: Charley, ein französischer Pudel, der nicht nur Begleiter, sondern fast so etwas wie Gesprächspartner und Spiegel ist. Gemeinsam ziehen sie los, durch Neuengland, den Mittleren Westen, die Weiten Montanas, die Städte und Sümpfe des Südens.
I have always lived violently, drunk hugely, eaten too much or not at all, slept around the clock or missed two nights of sleeping, worked too hard and too long in glory, or slobbed for a time in utter laziness. I’ve lifted, pulled, chopped, climbed, made love with joy and taken my hangovers as a consequence, not as a punishment
Es ist eine Reise voller kleiner Begegnungen: Tankwarte, Farmer, Verkäuferinnen, Städter. Steinbeck hört zu, fragt nach, beobachtet – und hat ein unglaubliches Talent, die Geschichten dieser Menschen in ein paar Seiten lebendig werden zu lassen. Dabei klingt er nie gönnerhaft, nie belehrend. Er schaut hin, er beschreibt, und man spürt seine große Zuneigung zu den Menschen, so unterschiedlich sie auch sind. Genauso eindringlich sind seine Naturbeschreibungen. Wenn Steinbeck durch die Wälder von Maine fährt oder die Ebenen der Dakotas durchquert, dann spürt man diese Landschaften beim Lesen. Er schreibt klar, ungekünstelt, aber immer poetisch – so, dass man glaubt, man säße selbst auf dem Beifahrersitz, mit Charley im Rückspiegel.
Natürlich hat die Reise auch dunkle Seiten. Besonders im Süden stößt Steinbeck auf offene Rassentrennung und Proteste gegen die Integration. Seine Notizen dazu sind von einer Schärfe, der man seine Wut dagegen anmerkt. Er will nicht einfach nur reisen, er will verstehen. Er konfrontiert sich mit dem, was weh tut, und genau darin liegt die Ehrlichkeit dieses Buches.
Travels with Charley ist nicht nur eine Reise durch Amerika, sondern auch eine Reise ins Innere – ein Buch über Begegnungen, Landschaften, Politik, Alltag, über die Sehnsucht nach Freiheit und das Bedürfnis nach Nähe. Vor allem aber ist es ein stilles, wunderschönes Plädoyer dafür, sich immer wieder neu aufzumachen, mit offenen Augen und offenen Ohren. Ein Buch, dass es auf Rezept geben sollte, da es garantiert Blutdruck senkende und stressmindernde Qualitäten hat. Vertraut mir und lest dieses Buch 😊
The Illiac Crest – Cristina Rivera Garza erschienen im Verlag And Other stories, übersetzt von Sarah Booker (eine deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht) und Die Schwerelosen – Valeria Luiselli erschienen im Kunstmann Verlag, übersetzt von Dagmar Ploetz
Diese beiden Bücher habe ich für meine Mexiko Stopp auf der literarischen Weltreise gelesen und meinen Eindruck dazu könnt ihr hier nachlesen.
Zwischen uns liegt August – Fikri Anıl Altıntaş erschienen im C. H. Beck Verlag
Noch ein Autor den ich auf dem Poetinnenfest endeckt habe und ein Roman bei dem ich schon nach wenigen Sätzen dachte: hier jemand schreibt, der genau hinhört – in die Zwischenräume von Sätzen, in die stillen Bewegungen zwischen Mutter und Sohn. Dank an C. H. Beck für das Rezensionsexemplar.
Altıntaş erzählt von den letzten Monaten einer an Krebs erkrankten Mutter und ihres Sohnes – und er tut das ohne Pathos, ohne jedes überflüssige Wort. Während die Krankheit das Ende unausweichlich erscheinen lässt, bleibt der Alltag seltsam standhaft: Krankenhausflure, Fahrten zum Supermarkt, das gemeinsame Kochen, kleine Gesten, die plötzlich mehr Gewicht tragen als große Erklärungen. Diese Alltäglichkeit verleiht dem Buch seine besondere Stärke – es ist kein Roman über das Sterben, sondern über das Weiterleben, bis zuletzt.
Parallel entfaltet sich die Vergangenheit der Mutter: ihre Kindheit in der Türkei, das Aufbrechen nach Deutschland, das Leben zwischen Sprachen, zwischen Erwartungen und Eigenwillen. Der Sohn versucht, zu verstehen, was sie geprägt hat, was sie weitergegeben hat – und was unausgesprochen blieb. Altıntaş beschreibt all das mit großer Empathie und einem genauen Blick für die leisen Brüche, die Generationen und Kulturen voneinander trennen und zugleich verbinden.
Es tut weh, darüber nachzudenken, dass sich Routinen verschieben
Mich hat dieses Buch sehr berührt, vielleicht gerade weil es sich nie übermässig in Emotionen verliert. Es bleibt leise, und gerade darin liegt seine Eindringlichkeit. Zwischen den Zeilen spürt man die Zärtlichkeit dieser Beziehung, aber auch die unausgesprochenen Spannungen, die Scham, die Müdigkeit, das zähe Ringen um Nähe. Besonders stark fand ich den Moment, in dem die Mutter – unerwartet und klar – für sich selbst einsteht, für ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse, die sie so lange zurückgestellt hatte. Dieser Augenblick wirkt wie ein kleines Aufleuchten inmitten des Abschieds.
Altıntaş schreibt ohne große Dramatik, aber mit einem tiefen Wissen um das, was zwischen Menschen unausgesprochen bleibt. Eine eindringliche, zärtliche und zugleich schmerzlich ehrliche Geschichte – und für mich eines der bewegendsten Bücher des Jahres.
Liebe in Zeiten des Hasses – Florian Illies erschienen im S. Fischer Verlag
Florian Illies’ Liebe in Zeiten des Hasses ist ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern in das man hineingezogen wird wie in eine Chronik des taumelnden 20. Jahrhunderts. Diese kurzen, vignetteartigen Miniaturen über Künstler, Dichterinnen, Denker und Verirrte der Zwischenkriegszeit entfalten eine eigentümliche Mischung aus Eleganz, Schmerz und Ironie. Illies beherrscht die Kunst, das Schicksal einer ganzen Epoche in einem einzigen Augenblick, in einer Geste, in einem Blick zwischen zwei Liebenden oder einem Satz aus einem Brief zu verdichten. So entsteht ein Mosaik aus schillernden, verletzlichen Fragmenten, in dem sich die Jahre 1930 bis 1939 wie ein langsames, unausweichliches Abrutschen anfühlen – von der fiebrigen Kreativität der Avantgarde hinein in den Abgrund der Gewalt.
Beim Lesen überkommt einen immer wieder dieses „uncanny“ Gefühl, dass Geschichte keine lineare Bewegung ist, sondern ein Kreisen – dass sich die Gespenster jener Zeit längst wieder in unserer Gegenwart einnisten. Man liest von den Intellektuellen, die sich noch über politische Extreme mokieren, während sie sich schon in deren Bannkreis befinden, und man denkt unwillkürlich an die Rhetorik unserer Tage, an die neuen Fronten, die wieder gezogen werden. Illies’ Stil – halb distanziert, halb zärtlich – verstärkt diese Beklemmung. Er kommentiert kaum, er beobachtet, lässt uns die Ahnung des Kommenden mitempfinden, als säßen wir mit ihm am Rande eines brennenden Jahrzehnts und wüssten, dass der Rauch schon zu uns herüberzieht.
Manchmal ist mir da aber auch zu viel Hektik bei all der Spannung zwischen Schönheit und Entsetzen. Da ist eine fast voyeuristische Lust, in die Salons und Ateliers jener Zeit zu blicken, wo noch getanzt, geliebt, gestritten wird – wissend, dass all das bald zerstört sein wird. Illies zeichnet diese Welt mit feiner Ironie, aber ohne Spott; man spürt seine Melancholie über das, was unwiederbringlich verloren ging, und seine stille Wut darüber, wie blind viele damals in ihr eigenes Verderben liefen.
Man kann kein Licht entdecken, solange man nur die Dunkelheit analysiert.
So liest sich Liebe in Zeiten des Hasses letztlich wie ein Spiegel – ein historischer, aber auch ein existenzieller. Die Figuren dieser Jahre sind uns näher, als wir glauben: in ihrem Wunsch nach Bedeutung, nach Liebe, nach Schönheit trotz der Dunkelheit. Und während man Seite um Seite in diese Welt eintaucht, stellt sich unweigerlich die Frage, ob wir gerade wieder in einer solchen Zwischenzeit leben – in einem Moment, in dem alles noch möglich scheint, aber längst kippt.
Russische Spezialitäten – Dimitrij Kapitelman erschienen im Hanser Verlag
Ich habe Dimitrij Kapitelmans „Russische Spezialitäten“ zuerst gehört, dann erst gelesen – bei seiner Lesung in Erlangen. Kapitelman hat für mich in seiner Stimme schon den Rhythmus seines Schreibens mitschwingen zu lassen: eine Mischung aus Schärfe, Witz und stiller Melancholie. Ich hatte das Buch für einen Bekannten mitgebracht, der unbedingt eine Widmung seines Lieblingsautors wollte – und in der Aufregung zwischen Publikum, Signiertisch und Smalltalk habe ich dann völlig vergessen, ein schönes Cover-Bild für den Artikel hier zu machen.
Gelesen habe ich Russische Spezialitäten schließlich auf der Rückfahrt vom Poetinnenfest, in einer Reihe von Nahverkehrszügen mit reichlich Verspätung und somit genügend Zeit, mich ganz in diese Geschichte zu versenken. Es war die perfekte Lektüre für eine solche Reise: ein Buch über das Unterwegssein, über Herkunft und Zugehörigkeit, über das, was bleibt, wenn man ständig zwischen Welten pendelt.
Kapitelman erzählt von seiner ukrainisch-jüdischen Familie, von Eltern, die sich in der Fremde neu erfinden müssen, und von einem Sohn, der versucht, ihre Vergangenheit zu verstehen, ohne sich darin zu verlieren. Das klingt nach schwerem Stoff, ist es aber nicht. Sein Ton ist leicht, fast tänzerisch. Humor und Schmerz stehen nebeneinander, oft in einem Satz. Er schreibt mit Zärtlichkeit, aber ohne Sentimentalität, mit Ironie, aber ohne Distanz. Gerade diese Balance macht das Buch so besonders – es ist persönlich, politisch und poetisch zugleich. Da ich vor Kurzem erst seinen Roman „Eine Formalie in Kiew“ gelesen habe, kam mir das ganze Setting und seine Protagonist*innen wunderbar vertraut vor.
Seit der Invasion habe ich das Gefühl, kein richtiger Mensch mehr zu sein. Die unerträgliche und unerträglich sinnlose Tragödie, die Russland in mein Geburtsland gebracht hat. Ich blende sie aus, um in meinem friedlichen, vom dummen Glück okkupierten Leben zu funktionieren.
Ich war ehrlich überrascht, Russische Spezialitäten nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden. (Genauso wenig wie meine absolute Favoritin Annett Gröschner mit „Schwere Lasten“ – grrrr) Für mich ist der Roman Literatur, die wirkt, weil sie vertraut klingt – wie ein Gespräch, das man auf einer langen Zugstrecke zufällig beginnt und ungern beendet. Vielleicht war das für die Juror*innen nicht experimentell genug.
Kapitelman schreibt mit einer Wärme, die ich sehr schätze: aufmerksam, witzig, verletzlich. „Russische Spezialitäten“ ist ein Buch, das sich leise entfaltet, das nachwirkt und Lust macht auch weitere Bücher des Autors zu lesen.
Sommer in Lesmona – Marga Berck erschienen im Rowohlt Verlag
Ich wollte mich mit „Sommer in Lesmona“ vom Sommer verabschieden und erwartete eine leichte, nostalgische Geschichte mit Lindenblütenduft und Sonnenschein. Doch schon nach den ersten Seiten merkte ich, dass unter dieser heiteren Oberfläche etwas anderes schwingt: eine Ahnung von Vergänglichkeit, die das ganze Buch durchzieht. Marga Berck – hinter diesem Pseudonym steht Magdalene Pauli, geborene Melchers, Bremer Kaufmannstochter und spätere Frau des Kunsthistorikers Gustav Pauli – hat in „Sommer in Lesmona“ weit mehr hinterlassen als eine charmante Folge von Backfischbriefen die sie mit ihrer besten Freundin austauscht. Sie hat Zeugnis abgelegt über Jugend und Freiheit im Schatten einer Zeit, die noch gar nicht weiß, dass sie vergeht.
Der Roman, der auf einem echten Briefwechsel aus den 1890er Jahren basiert, beginnt als scheinbar harmlose Sommergeschichte: Ein junges Mädchen schreibt ihrer Freundin von Reisen, Festen, Spaziergängen und einer verbotenen Liebe. Diese Briefe atmen eine Unschuld, die von einer leisen Melancholie überlagert sind und eine unerwartete dramatische Wendung nehmen. Denn alles, was Marga erlebt, scheint so hell, so lebendig, und doch weiß man als Leserin: Diese Welt wird verschwinden – nicht nur für sie, sondern für ganz Europa.
Die Eltern trafen viele Bekannte, darunter sehr viele elegante Leute aus Frankfurt und London. Angesichts dieser Welt entdeckte Mama, daß ich angezogen wäre wie ein Mistkäfer. Sie selbst sieht ja immer so vornehm aus. Aber nun sah sie ein, daß ich aussah, als käme ich aus Gröpelingen. Abends waren beide Eltern furchbar zärtlich zu mir und sagten, es wäre doch so nett, daß Du und ich so wenig Wert auf teure Kleider gelegt hätten. Du hättest ja nun als Braut schon sehr schöne Sachen aus Hannover bekommen, und ich sollte jetzt in Wiesbaden ganz neu ausgesteuert werden! Wir haben wirklich beide wenig an unsere Kleider gedacht, und für Bremen hat es ja noch immer genügt.
Hinter dem hellen Licht von Lesmona liegt der Schatten einer Biografie, die fast symbolisch für den Verlust einer ganzen Epoche steht. Magdalene Pauli, die Verfasserin dieser Briefe, führt später ein Leben, das kaum gegensätzlicher sein könnte: aus der Geborgenheit des großbürgerlichen Bremen hinaus in eine Welt der Brüche. Sie heiratet einen Kunsthändler, erlebt die kulturelle Blüte Europas – und wird zugleich Zeugin seines Untergangs. Zwei Weltkriege, wirtschaftliche Krisen, gesellschaftliche Umwälzungen. Sie überlebt all ihre Kinder – und wird zum Glück im hohem Alter überredet diese Jugendbriefe herauszugeben.
Ich habe dieses Buch mit einer zunehmenden Wehmut gelesen. Pauli hat mit Sommer in Lesmona ein Denkmal gesetzt für die Zerbrechlichkeit des Glücks. Ein leises, kluges, vollkommen zeitloses Buch – und, wenn man die Tragik der Autorin kennt, auch ein sehr bewegenden Zeitzeugnis Wer sich mit Sommer in Lesmona vom Sommer verabschiedet, verabschiedet sich zugleich von einer Welt, die es so nie wieder geben wird.
Das große Spiel – Richard Powers erschienen im Penguin Verlag, übersetzt von Eva Bonné
Kennt ihr das? Autorinnen, Bands, Künstlerinnen, die eigentlich komplett eurem Beuteschema entsprechen, alles klingt, als müsse es definitiv passen – aber es wird irgendwie nix. Musikalisch denke ich da gerade an Nine Inch Nails, literarisch ist das bei mir Richard Powers. Schon durch „The Overstory“ habe ich mich sehr gequält, obwohl ich mich auf das Buch gefreut hatte. Mit „Das große Spiel“ ging es mir definitiv besse, denn gequält habe ich mich absolut nicht, ich habe es durchaus flott gelesen, konnte aber trotzdem keine wirkliche Verbindung zu der Geschichte aufbauen.
Inhaltlich erzählt Powers die Geschichte von mehreren Menschen, deren Leben auf komplexe Weise miteinander verwoben sind. Evie, Meeresbiologin, erforscht die Tiefen des Ozeans; Todd, Programmierer, arbeitet an einem Spiel, das Realität und Simulation verschwimmen lässt; Rafi, Künstler, sucht nach neuen Ausdrucksformen in einer zunehmend digitalen Welt. Ihre Wege kreuzen sich auf überraschende und teilweise geheimnisvolle Weise, wobei die Insel Makatea als eine Art Brennpunkt für Neubeginn, Begegnung und persönliche Reflexion dient. Powers verwebt darin Themen wie Wissenschaft, Kunst, menschliche Beziehungen und die Suche nach Sinn in einer komplexen, globalisierten Welt.
Jeder Tanz ist ein Spiel, und jedes Spiel erklärt sich am besten selbst. Denn was tun alle Geschöpfe anderes, als auf dem Erdkreis zu spielen, im Angesicht eines spielenden Gottes?
Evie fand ich als Protagonistin durchaus faszinierend, aber ihre Geschichte verendet irgendwann im Belanglosen, und das Ende des Buches wirkte auf mich merkwürdig. Die erzählerische Struktur, das Verweben der unterschiedlichen Perspektiven und die fast kaleidoskopische Breite des Romans haben mich zeitweise an die letzte Folge von Lost erinnert 😉
Das Bild vom Leben als Spiel fasst die Grundidee des Romans treffend zusammen: eine poetische Reflexion über die Verflochtenheit von Menschen, Handlungen und der Welt, ohne dass Powers dabei versucht ist einfache Antworten zu geben.
Für mich bleibt „Das große Spiel“ ein solides Buch – gut zu lesen, klug und auch ambitioniert, aber insgesamt funkt es einfach nicht zwischen mir und Powers.
Jetzt bin ich gespannt – was waren eure Highlights im September und konnte ich euch vielleicht auf das eine oder andere Buch neugierig machen?
Mexiko ist ein Land voller Gegensätze – faszinierend, widersprüchlich, oft von außen auf Klischees reduziert. Die Bilder reichen von Traumstränden und farbenfrohen Festen bis hin zu Schlagzeilen über Gewalt und Migration. Doch dazwischen liegt ein Land mit einer tief verwurzelten Geschichte, einer vielfältigen Kultur und einer Gegenwart, die nicht in einfachen Erzählungen aufgeht.
Für mich war Mexiko lange ein Ort, den ich vor allem aus Filmen, Musik und Schlagzeilen kannte. Erst mit der Lektüre wurde mir zumindest etwas klarer, wie viele Schichten dieses Land prägen: die Spuren präkolumbischer Hochkulturen, die Brüche der Kolonialisierung, die Hoffnungen und Enttäuschungen der Revolution, die Kämpfe um Gerechtigkeit heute. Ich war noch nie dort und könnte ich mich beamen, würde ich vielleicht mal eine Reise dorthin machen, aber ich fliege immer weniger gern, von daher wird es wohl bei diesem Stopp hier bleiben.
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Ich beginne mal direkt mit den vergleichenden Daten:
Fläche: Mit etwa 1,964 Millionen km² ist Mexiko rund fünfmal so groß wie Deutschland (≈ 357.000 km²).
Bevölkerung: Rund 130 Millionen Menschen leben in Mexiko (Stand 2025), etwa eineinhalb Mal so viele wie in Deutschland (ca. 84 Millionen).
Bevölkerungsdichte: Mexiko ist (abhängig von Region) gemischt besiedelt — in Ballungszentren wie Mexiko-Stadt oder Monterrey sehr dicht, in dünn besiedelten Gebieten im Norden oder im Hochland weit weniger.
Wirtschaft: Mexiko ist eine der größten Volkswirtschaften Lateinamerikas, mit bedeutendem industriellem Sektor (Automobilproduktion, Elektronik, Öl), starkem Dienstleistungssektor und zugleich großen Disparitäten zwischen armen und reichen Regionen und ausgeprägter Abhängigkeit vom Export, z. B. in die USA.
Die Geschichte Mexikos ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Erneuerung. Lange vor der Ankunft der Spanier existierten Hochkulturen wie die Olmeken, Maya, Zapoteken und Azteken — Gesellschaften mit beeindruckender Architektur, Astronomie, Schrift und Religion. Mit der Ankunft der Konquistadoren im 16. Jahrhundert begann eine gewaltsame Kolonialisierung, unter der indigene Bevölkerungen epidemisch dezimiert, Land enteignet und Kulturen unterdrückt wurden.
Im 19. Jahrhundert erkämpfte sich Mexiko die Unabhängigkeit (1821), doch politische Instabilität, Interventionen aus dem Ausland (z. B. der Amerikanisch-Mexikanische Krieg 1846–48) und interne Konflikte prägten das 19. Jahrhundert. Die Revolution von 1910–1920 brachte tiefgreifende soziale Umwälzungen, Landreformen, neue politische Bewegungen – aber auch Gewalt, Machtkämpfe und enttäuschte Hoffnungen.
Im 20. und 21. Jahrhundert ist Mexiko mit Herausforderungen wie Drogenkartellen, Korruption, sozioökonomischen Ungleichheiten, Umweltproblemen und Migration konfrontiert. Gleichzeitig erleben wir eine reiche kulturelle Vitalität. In Gesellschaft und Politik wachsen Spannungen: Indigene Rechte, Landansprüche, Fragen der Identität, Geschlechtergerechtigkeit und Gewalt gegen Frauen sind drängende Themen. Zugleich gibt es Hoffnungsträger*innen – Aktivist*innen, Künstler*innen, Intellektuelle, die mit Mut und Kreativität intervenieren.
Die rechtliche Situation der LGBTQ+ Community hat in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht: 2022 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe in allen Bundesstaaten Mexikos legal, nachdem der letzte Staat (Tamaulipas) ein entsprechendes Gesetz verabschiedete.
Ein weiterer Schritt: Der mexikanische Senat hat ein Gesetz verabschiedet, das sogenannte “Conversion Therapy” untersagen will. Trotz dieser Fortschritte ist die Situation im Alltag für viele LGBTQ+ Menschen weiterhin schwierig. Gewalt, Diskriminierung und Hassverbrechen bleiben ein großes Problem. Besonders Trans-Personen sind überproportional von Morden betroffen: Zwischen Oktober 2023 und September 2024 wurden mindestens 71 Trans- oder gender-diverse Personen getötet.
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Ein Beispiel für ein positives Signal: In Mexiko-Stadt wurde ein Gesetz erlassen, das “Transfemizid” als Verbrechen anerkennt – also gezielte Tötungen von trans Frauen. Das ist ein wichtiger Schritt, um die oft bestehende Straflosigkeit solcher Gewalt besser zu bekämpfen.
Seit dem 1. Oktober 2024 ist Claudia Sheinbaum die Präsidentin Mexikos – die erste Frau, die dieses Amt innehat. Sie bringt eine ungewöhnliche Kombination aus wissenschaftlichem Hintergrund, politischer Erfahrung und sozialem Anspruch mit: Sie hat Energie- und Umweltwissenschaften studiert und war vorher u.a. bereits Regierungschefin von Mexico City.
Ein Bereich, in dem sie besonders aktiv ist, ist ihre Fokussierung auf soziale Programme und Armutsbekämpfung – sie setzt viele der Initiativen ihres Vorgängers fort, mit dem Ziel, Ungleichheiten zu verringern. Gleichzeitig versucht sie, politische Stabilität mit einer gewissen Rationalität und wissenschaftlicher Herangehensweise zu verbinden: Bei Themen wie Klimaschutz, nachhaltiger Entwicklung und öffentlicher Gesundheit sieht man bereits, dass sie nicht nur symbolische Politik macht, sondern versucht, konkrete Strukturen zu etablieren.
Auch in außen- und handelspolitischen Fragen zeigt sie sich selbstbewusst: Sie will Mexiko gegenüber den USA und anderen Partnern stärker vertreten sehen und technologische Innovation fördern. Natürlich gibt es auch Kritik und große Herausforderungen: Gewalt (insbesondere durch Kartelle), Ungleichheiten, Korruption, regionale Unterschiede in der Umsetzung von politischen Maßnahmen. Aber selbst Menschen, die ihre Politik skeptisch sehen, erkennen an, dass sie versucht, das Amt anders zu führen – mit Pragmatismus, mit Blick auf soziale Gerechtigkeit und mit dem Anspruch, Mexiko in seiner Komplexität gerecht zu werden.
Gelesen habe ich für diesen Stopp zwei Bücher, die ich euch vorstellen und beide auch ans Herz legen möchte:
The Illiac Crest – Cristina Rivera Garza erschienen im Verlag And Other stories, übersetzt von Sarah Booker (eine deutsche Übersetzung gibt es bislang nicht)
Cristina Rivera Garza, geboren 1964 in Matamoros im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, ist eine der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen lateinamerikanischen Literatur. Sie studierte Soziologie in Mexiko, promovierte in Geschichte in den USA und lehrt heute Creative Writing in Houston. Rivera Garza ist bekannt für ihre literarischen Experimente, in denen sie Genregrenzen überschreitet und Fragen nach Identität, Sprache und Macht in eindringliche Bilder übersetzt.
Ihr Roman The Iliac Crest ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Die Geschichte beginnt mit einem klassischen, „gothic trope“: In einer stürmischen Nacht taucht eine geheimnisvolle Frau beim Erzähler auf, einem Arzt, der in einem Sanatorium arbeitet. Sie behauptet, die mexikanische Schriftstellerin Amparo Dávila zu sein, eine Autorin, die für ihre unheimlichen und fantastischen Erzählungen bekannt ist. Von diesem Moment an gerät die Realität ins Wanken: Die Besucherin stellt das Leben, die Identität und schließlich das Geschlecht des Erzählers infrage. Je tiefer er in ihr Spiel hineingezogen wird, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, zwischen Normalität und Wahnsinn.
Das Buch entfaltet eine düstere, rätselhafte Atmosphäre, die sich weniger durch spektakuläre Handlung als durch die subtile Verunsicherung trägt, die Rivera Garza meisterhaft erzeugt. Wiederholungen, Andeutungen, fragmentierte Bilder – alles scheint zu bedeuten und doch entzieht sich die Bedeutung. Der titelgebende Hüftknochen wird zum Symbol für Körperlichkeit, Identität und Verletzlichkeit, während das Schweigen und die Leerstellen ebenso viel Gewicht haben wie die Worte. In dieser Zwischenwelt aus Sturm, Nacht und verschobener Wahrnehmung entsteht ein Sog, der mich nicht losgelassen hat.
Besonders eindrucksvoll fand ich, wie Rivera Garza die Frage nach Geschlecht und Identität behandelt: nicht als These oder Statement, sondern als unheimliches, poetisches Gleiten, das den Leser zwingt, vertraute Kategorien infrage zu stellen. Gleichzeitig ist „The Iliac Crest“ eine Hommage an vergessene Schriftstellerinnen, an Stimmen, die aus Archiven und Randbereichen wieder ans Licht geholt werden.
Wer sich auf diese verschattete, vieldeutige Welt einlässt, findet in „The Iliac Crest“ ein Werk von fast schon hypnotischer Intensität – ein Buch, das weniger Antworten gibt als Fragen stellt und gerade darin seine Kraft entfaltet.
Die Schwerelosen – Valeria Luiselli erschienen im Kunstmann Verlag, übersetzt von Dagmar Ploetz
Valeria Luiselli, geboren 1983 in Mexiko-Stadt, gehört ebenfalls zu den spannenden literarischen Stimmen Mexikos. Sie wuchs in Südafrika, Indien und den USA auf, lebt heute in Mexiko und New York und schreibt auf Spanisch sowie auf Englisch. Ihre Werke bewegen sich an der Grenze zwischen Fiktion, Essay und Autofiktion, oft mit einer spielerischen Leichtigkeit im Ton, die sich mit einer präzisen, manchmal fast schon schmerzhaften Beobachtungskraft verbindet.
Die Schwerelosen ist ihr Debütroman – und schon darin zeigt sich, wie souverän Luiselli Sprache und Erzählform handhabt. Erzählt wird aus der Perspektive einer jungen Mutter und Schriftstellerin, die in New York lebt und versucht, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Doch ihr Text öffnet sich in verschiedene Richtungen: hinein in ihre Erinnerungen an ihre Zeit als Lektorin, hinein in das Leben des mexikanischen Dichters Gilberto Owen, der in den 1920er Jahren ebenfalls in New York lebte, und hinaus in eine Art Zwischenraum, in dem Stimmen, Zeiten und Identitäten miteinander verschwimmen.
Der Roman spielt virtuos mit Spiegelungen und Überlagerungen. Die Erzählerin glaubt, Owen im U-Bahn-Fenster gesehen zu haben, während Owen wiederum eine Frau zu erkennen meint, die wie eine Erscheinung durch sein Leben streift. Es entstehen Dopplungen, Durchlässigkeiten, Verschiebungen – als würden Figuren und Erzählerinnen in der Schwebe gehalten, schwerelos, wie der Titel sagt.
Besonders gefallen hat mir auch hier die Atmosphäre des Romans: Sie ist zugleich leicht und melancholisch, schwebend aber auch verwirrend. Luiselli schafft es, in wenigen, fast skizzenhaften Szenen große Stimmungen aufzubauen. Ihr Schreiben ist voller literarischer Anspielungen, aber nie prätentiös, eher verspielt, neugierig, durchlässig.
„Die Schwerelosen“ ist ein Roman über Literatur, Erinnerung und Identität, aber auch über die fragile Balance zwischen Alltag und künstlerischem Schaffen, zwischen Familienleben und imaginativen Räumen. Wer sich auf die fragmentarische, poetische Struktur einlässt, bekommt ein Buch, das nicht linear erzählt, sondern wie in einem Schwebezustand Gedanken und Figuren miteinander verknüpft. Ein vielstimmiges, experimentierfreudiges Debüt, das eine ganz eigene Welt erschafft.
Natürlich dürfen auch musikalische und filmische Tipps nicht fehlen. Eine Band aus Mexiko die ich sehr gerne mag ist Hello Seahorse!
Eine Post-Rock Band darf natürlich auch nicht fehlen. Hier mag ich besonders die Band Austin TV:
Wenn ich jetzt noch meinen Film Tipp loswerde, habe ich es tatsächlich geschafft einen ganzen Artikel über Mexiko zu schreiben, ohne Frida Kahlo zu erwähnen…
„La región salvaje“ / The Untamed (2016) von Amat Escalante hab ich vor ein paar Jahren auf dem Fantasy Filmfest gesehen und sehr gemocht – Tantacle Lovers kommen hier besonders auf ihre Kosten 😉
Ansonsten habe ich tatsächlich bisher erst einen weiteren Roman mexikanischer Autor*innen gelesen und zwar:
Bittersüße Schokolade – Laura Esquivel
Ein Roman der zumindest in Mexiko spielt und sich mit Anna Seghers und ihrer Zeit in Mexiko beschäftigt ist der Roman „Brennendes Licht“ von Volker Weidermann den ich ebenfalls sehr empfehlen kann.
Jetzt seid ihr dran – was verbindet ihr mit Mexiko? Seid ihr schon mal dagewesen, oder plant ihr eine Reise? Welche Bücher / Filme / musikalischen Tipps habt ihr für mich?
Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam, Ukraine, Mauretanien) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.
Gesehen: Amrum (2025) von Fatih Akin mit Jasper Billerbeck, Diane Krüger und Kian Köppke. Verfilmung von Hark Bohms gleichnamigen Roman mit sehr schönen Inselbildern.
Nosferatu (1922) von F. W. Murnau mit Max Schreck und Greta Schröder. Überraschend gruselig und sehr atmosphärisch. Hab ich sehr gemocht.
Gehört: Wird Herbst da draußen – Hildegard Knef, The witches take hold – Madeleine Cocolas, Scorcher – Dirty Knobs, All is violent, all is bright – God is an Astronaut
Gelesen: dieses Gespräch zwischen Yuval Noah Harari, Rory Stewart und Maria Ressa wie man ein gutes Leben führt in schwierigen Zeiten, There’s never been a worse time to be authentic at work
Getan: über 30 Stunden Zug gefahren ohne jegliche Verspätung
Gefreut: über Bücherpost
Geärgert: nö
Getrauert: um Jane Goodall und meine fast 10 Jahre alten Schuhe die nun endgültig kaputt sind
Was für ein Erlebnis! Ein Roman in Versform, in dem Penelope, endlich mehr sein darf als die ewig Webende und Wartende, eine die tatsächlich handelt – klug, entschlossen, regierend und schließlich aufbrechend. Ulrike Draesner hat dafür Altgriechisch gelernt, um die Quellen im Original zu lesen, und zeigt, wie sehr spätere Übersetzungen das Frauenbild des 19. Jahrhunderts mittransportierten. Die vermeintlich „treue“ Penelope, die tags webt und nachts ribbelt, ist nur eine Verengung – in der ursprünglichen Überlieferung aber regiert sie Ithaka, fördert Landwirtschaft, hält klug Verwaltung und Menschen im Gleichgewicht. Draesner lässt dieses verschüttete Bild wieder aufscheinen: Penelope als weise Herrscherin, als gestaltende Kraft.
Penelope – lange gesehen als Inbegriff der treuen Gattin – wird hier in all ihrer Vielschichtigkeit lebendig: klug, freiheitsliebend, leidenschaftlich. Als deutlich wird, dass Odysseus, traumatisiert und brutalisiert, als Herrscher nicht mehr tragbar ist, übernimmt sie das Ruder. Mit List – und in Begleitung von Sirenen, ehemaligen Sklavinnen, Großmüttern und Homer als Schildkröte – entkommen sie den Verfolgern.
Versklavte, freie, junge, alte – die Unterschiede verlieren sich nach und nach, denn auf dem Schiff zählt nur noch, was jede beitragen kann. Keine Titel, keine alten Rollen, sondern Zusammenarbeit. Natürlich ist die Reise kein Honigschlecken: Stürme, Verluste, Zweifel gehören dazu. Manche bleiben unterwegs zurück, andere halten durch. Und am Ende? Gemeinsam gründen sie eine neue Stadt – Venedig, das bis heute keinen richtigen Gründungsmythos hatte. Was für ein Einfall!
nur wer keine geradeausherkunft hat wird eine neue heimat erzähle
Das gemeinsame Treffen mit Ulrike Draesner beim Poet*innenfest in Erlangen, erst beim Mittagessen mit Bloggerinnen und später bei ihrer Lesung, war für mich ein Höhepunkt – denn penelopes sch()iff muss man hören. Die Verse entfalten ihre ganze Kraft im Klang, man schließt die Augen, spürt den Wind und wi Ich fragte mich sofort: Welche Rolle hätte ich auf diesem Schiff übernommen? So begegnet man einem der größten Mythen der abendländischen Kulturgeschichte angemessen: indem man ihn neu verpackt, transportabel macht und uns als notwendige Utopie überlässt.
Das Schiff ist mehr als ein Fortbewegungsmittel, es ist Medium und Metapher, eine Gemeinschaft in der Schwebe, eine Form demokratischer Neugründung.
Alles in allem: Dieses Buch hat mich nicht nur beeindruckt, es hat mich bewegt. Poetisch, wild, witzig, manchmal auch sperrig – ein Roman den man sich ein bißchen erarbeiten muss, der aber soviel zurückgibt. Ein Versroman, der einen mitnimmt aufs Meer und zeigt, dass man alte Mythen wirklich neu erzählen kann.
Und ehrlich gesagt wünsche ich mir jetzt nur noch ein Hörbuch – gelesen von Ulrike Draesner selbst, damit ich mir penelopes sch()iff jederzeit wieder in See stechen kann.
Ich danke dem Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.
Gesehen: Jackie Brown (1997) von Quentin Tarantino mit Pam Grier, Samuel Jackson und Robert de Niro. Ich mag Pam Grier aber ich werde mit Gangsterfilmen irgendwie nicht warm.
Gehört: Oath – Mono, Farewell – AtonaLita, Bright lights and tired streets – Pictures from Nadira, Leaving the garden – Daina Dieva, In these dying times – Suzan Köcher’s Suprafon, Math Euqation – Austra
Gelesen: You Have Reached the End of Your Free-Trial Period of America, darüber wie Menschen nach dem Vulkanausbruch in Pompeij weiterlebten, How Spain put up wealth taxes – without chasing away the billionaires
Getan: Gelaufen, geschwommen, mit dem kleinen Neffen im Zoo gewesen, ein Haus gehütet, beim Optiker eine neue Lesebrille bestellt und mit lieben Freundinnen lecker gegessen
Gefreut: über Bücherpost
Geärgert: nö
Getrauert: um die Verstorbenen des Seilbahnunglückes in Lissabon
Mein August war wieder ein ziemlich bunter Lesemonat – mit teils großer Begeisterung, einer wunderbaren (Wieder-)Entdeckung, aber auch ein, zwei Bücher, die mich nicht wirklich gepackt haben. Lasst uns ohne lange Vorrede direkt starten – es gibt viel zu besprechen 🙂
James – Percival Everett erschienen im Hanser Verlag, übersetzt von Nikolaus Stingl
Percival Everett gelingt mit James ein außergewöhnlicher Roman, der gleichzeitig Klassiker und Neuschöpfung ist. Ausgangspunkt ist Mark Twains Huckleberry Finn, doch Everett gibt der Figur James – bei Twain meist nur „Jim“ genannt – die eigene Stimme zurück. Diese Stimme ist klar, reflektiert, voller Intelligenz und Würde. Damit dreht sich die Perspektive radikal: Wir sehen nicht mehr den Abenteuerroman aus der Sicht des Jungen, sondern erleben die Geschichte durch die Augen eines Mannes, der im System der Sklaverei ums Überleben kämpft und Sprache als Schutz, Waffe und Identität nutzt.
Der Roman ist sprachlich brillant, oft von dunklem Humor getragen, zugleich erschütternd in seiner Darstellung von Gewalt, Abhängigkeit und Überlebensstrategien. Everett zeigt, wie unterdrückte Menschen oft absichtlich gebrochen oder „falsch“ sprachen, um Erwartungen weißer Gesellschaft zu erfüllen und sich so einen Spielraum zu verschaffen. Diese doppelte Ebene der Sprache ist das Herzstück des Buches.
James überzeugt sowohl literarisch als auch emotional. Der Roman ist hochintelligent komponiert, ohne ins Theoretische zu verfallen. Er erzählt eine mitreißende Geschichte, die man nicht aus der Hand legen möchte, und schafft eine Figur, mit der man noch lange innerlich im Gespräch bleibt. Kein Wunder also, dass unser Bookclub nahezu einhellig Höchstnoten vergeben hat.
Halbe Leben – Susanne Gregor erschienen im Zsolnay Verlag
Schon die erste Szene, ein tötlicher Sturz, setzt den Grundton dieses Romans. Kein großer Knall, kein Drama, eher ein dumpfes Nachhallen, das einen durch das ganze Buch begleitet.
Paulina, die gelernte Krankenschwester lebt tatsächlich zwei halbe Leben: einmal in der Slowakei als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen, dann in Österreich als helfende Hand in einer fremden Familie. Sie bewegt sich wie ein Chamäleon zwischen diesen Welten, passt sich an, übernimmt, trägt, macht möglich – und verliert dabei immer mehr von sich selbst. Ich habe beim Lesen oft gedacht: Wie viel von uns allen steckt in dieser Haltung, „immer funktionieren zu müssen“, auch wenn es einen innerlich zerreißt?
Besonders bedrückend fand ich die Szenen in der Gastfamilie. Klara, die Architektin, so zielstrebig, so selbstsicher, hat Paulina an ihrer Seite fast wie ein zweites Fundament ihres Erfolges. Ihr Mann dagegen wirkt wie ein schwebender Luftballon, frei von den Lasten des Alltags. Und Paulina fängt das alles auf. Man spürt förmlich, wie sie immer tiefer in ein Leben hineingleitet, das nicht ihres ist, bis die Grenze zwischen Dienen und Ausgenutztwerden verschwimmt. Das Beklemmende daran: Es ist kein offener Missbrauch, kein Skandal – sondern eine Reihe kleiner, leiser Verschiebungen, die sich summieren.
Ihre Mutter war zu einem defekten Rädchen im Uhrwerk ihrer Tage geworden, das alle anderen durcheinanderbrachte, und Klara der Zeiger, der sich nonstop im Kreis drehte
Was mich an Gregors Schreibweise beeindruckt hat ist diese leise Eindringlichkeit. Die Sprache ist schlicht, fast zurückhaltend, und gerade dadurch entsteht eine enorme Spannung. Vieles bleibt ungesagt, aber man fühlt es umso stärker zwischen den Zeilen. Es gibt keine plakativen Appelle, keine moralischen Zeigefinger – und doch schleicht sich die Kritik an unserer perfekt organisierten, aber zutiefst ungleichen Welt unübersehbar ein.
Ein Roman in dem das sozialkritische nicht plakativ im Vordergrund steht, sondern als stilles Kammerspiel, beklemmend klar die Rolle einer Frau zeigt, die immer gebraucht wird – und nie ankommt.
Das Narrenschiff – Christoph Hein erschienen im Suhrkamp Verlag
Christoph Heins „Das Narrenschiff“ hat mich von Anfang an gepackt und gleichzeitig auf Abstand gehalten. Ein seltsamer Zwiespalt, denn auf der einen Seite war ich komplett absorbiert, habe Seite um Seite verschlungen, unfassbar viel über die DDR gelernt und mich an vieles wieder erinnert – an Gespräche, an Stimmungen, an diesen ganz eigenen gesellschaftlichen Tonfall. Und trotzdem: Die Figuren, so klar sie gezeichnet sind, blieben mir fern. Das liegt sicherlich auch an Heins Schreibstil – nüchtern, analytisch, oft beinahe kühl. Emotional andocken war schwer, was aber wohl auch Teil seines literarischen Konzepts ist. Hein will nicht rühren, er will verstehen machen – und das gelingt ihm auf fast schon unheimlich präzise Weise.
Der Roman öffnet mit der Rückkehr prominenter Antifaschisten im April/Mai 1945 aus Moskau – der berüchtigten „Gruppe Ulbricht“ – und begleitet sie, darunter Karsten Emser, Johannes Goretzka und Benaja Kuckuck, auf ihrem Aufstieg in den DDR-Apparat.
… was ist aus unseren Hoffnungen und Träumen geworden? Wir wollten ein anderes Land, einen anderen Staat aufbauen, friedlicher, solidarischer und vor allem gerechter.
Der Fokus liegt klar auf dem Machtpersonal, auf Politikern und Funktionären, die die Gründungsjahre des Staates markieren und später dessen Strukturen mittragen – stets mit einem Blick für ihre eigene Ideologie und ihr oft tragisches Scheitern.
Was ich dabei allerdings ein wenig vermisst habe – und das ist ein Punkt, der mir beim Lesen immer wieder durch den Kopf ging – war ein breiteres Panorama der DDR-Gesellschaft. Die Figuren, die Hein porträtiert, stammen allesamt aus einem eher elitären, privilegierten Milieu. Intellektuelle, Funktionäre, Parteikader. Mir fehlte das kulturelle Leben, das so viel zur Identität der DDR beigetragen hat – Literatur, Theater, Musik – und auch das Leben der „normalen“ Leute, der Arbeiter*innen, derjenigen, die mit dem System auf andere Weise rangen oder es schlichtweg ignorierten. Ich hätte gerne mehr über diese Facetten gelesen, über das, was jenseits des Apparats existierte. Heins Fokus liegt klar auf den Strukturen der Macht, auf den Mechanismen der inneren Systemlogik.
Der Roman war eine gute Ergänzung für mich zu Erpenbecks „Kairos“ das ich schlußendlich etwas gelungener fand.
Ich habe einen Anschlag auf sie vor. Der Briefwechsel – Christpoph Hein & Elmar Faber erschienen im Faber & Faber Verlag
Der Briefwechsel „Ich habe einen Anschlag auf Sie vor“ zwischen Christoph Hein und Elmar Faber ist weit mehr als ein literarisches Dokument – er ist eine Begegnung zweier starker Persönlichkeiten, die sich über mehr als dreißig Jahre hinweg mit Witz, Ernst und unverstellter Offenheit austauschen. Die Korrespondenz, die 1983 beginnt und bis kurz vor Fabers Tod 2017 reicht, schlägt dabei einen Ton an, der gleichermaßen respektvoll wie pointiert ist. Man spürt in jedem Schreiben die Freude am geistigen Schlagabtausch, das Bedürfnis, die eigenen Beobachtungen zu teilen, und den Mut, auch unbequeme Wahrheiten nicht zu verschweigen.
Thematisch öffnet sich ein Panorama, das weit über Privates hinausgeht: der literarische Alltag in der DDR, der ständige Balanceakt zwischen Kunst und Zensur, die Brüche und Herausforderungen nach der Wiedervereinigung, dazu persönliche Fragen nach dem Älterwerden, nach Krankheit, nach dem Platz der eigenen Arbeit im größeren Zusammenhang. Hein erscheint darin als genauer, oft spöttischer Beobachter, während Faber die Rolle des streitbaren, humorvollen Verlegers verkörpert. Beide aber eint der Wille, Kultur nicht nur zu gestalten, sondern sie als lebendiges, widerständiges Element einer Gesellschaft zu begreifen.
So liest sich dieser Briefwechsel nicht nur als Zeugnis einer Freundschaft, sondern auch als literarisches Zeitdokument, das Einblicke in Denk- und Arbeitsweisen zweier wichtiger Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur bietet. Dass ausgerechnet dieser Band 2019 der erste Titel des wiederbelebten Leipziger Verlages Faber & Faber wurde, hat Symbolkraft: Elmar Faber, der den Verlag 1990 gemeinsam mit seinem Sohn Michael gegründet hatte, wird hier nicht nur als Verleger, sondern auch als Mensch sichtbar. Das Buch ist damit Hommage, Geschichtsbuch und kurzweilige Lektüre in einem – eine Einladung, sich in den Dialog zweier kluger Köpfe hineinziehen zu lassen.
War eine gute Begleitlektüre für „Das Narrenschiff“ kann diesen Briefwechsel sehr empfehlen.
Alltagsmenschen – Carry Brachvogel erschienen im Allitera Verlag
Carry Brachvogels „Alltagsmenschen“ habe ich auf dem Blog bereits kürzlich in meiner Reihe „Stimmen, die bleiben“ vorgestellt. Hier geht es zum Beitrag. Brachvogel (1864–1942) war eine deutsch-jüdische Schriftstellerin, die in ihren Werken besonders das Leben und die Herausforderungen von Frauen eindrucksvoll schilderte.
Freie Menschen kann man nicht zähmen – Yayou Ekhou erschienen im Alibri Verlag
Yayou Ekhou’s „Freie Menschen kann man nicht zähmen“ habe ich bereits im Rahmen meiner Reihe „Read around the world“ für Mauretanien vorgestellt. Hier geht’s zum Beitrag. Ekhou ist ein mauretanische Autor und Aktivist, der in seinen Texten eindrücklich von Freiheit, Identität und gesellschaftlichem Wandel erzählt.
Ein Bericht für eine Akademie – Franz Kafka sowie Mikromegas – Voltaire beide erschienen in der Edition Hibana
Über die beiden von Florian L. Arnold illustrierten Bücher habe ich in meiner Reihe „Illustrierte Klassiker“ geschrieben, den link dazu findet ihr hier.
Stone Yard Devotional – Charlotte Wood auf deutsch unter dem Titel „Tage mit dir“ im Kein & Aber Verlag erschienen, übersetzt von Michaela Grabinger
Charlotte Woods Stone Yard Devotional ist ein leises, zugleich aber unglaublich eindringliches Buch. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die sich nach einer Ehe in Sydney in ein Kloster zurückzieht – nicht, weil sie eine religiöse Berufung verspürt, sondern weil sie Ruhe, Rückzug und einen neuen Rhythmus sucht.
Mich hat der Anfang komplett hineingezogen. Diese leicht bedrohliche, schwer greifbare Atmosphäre war so packend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Als die Protagonistin dann aber nicht mehr nur Besucherin, sondern Teil der religiösen Gemeinschaft wurde, war der Zugang für mich schwieriger.
Die Handlung verlagert sich zunehmend auf das Leben innerhalb der Gemeinschaft, die während der Covid-Beschränkungen auf die Rückkehr der Überreste einer ermordeten Mitschwester wartet. Parallel dazu bricht eine unfassbar drastische Mäuseplage über das Kloster herein – ein Ereignis, das tatsächlich in New South Wales stattgefunden hat. Wood beschreibt Szenen von Ausmaß und Grausamkeit (inklusive kannibalistischen Verhaltens der Tiere), die mühelos jedem Stephen-King-Roman das Wasser reichen. Das war wirklich krass und hat mich nachhaltig verstört.
Zwischen der Rückkehr einer Ordensschwester, die mit der Ermordeten im Ausland gearbeitet hat, den Knochen, die schließlich eintreffen, und dieser biblisch anmutenden Mäuseplage türmen sich Belastungen auf, die die Gemeinschaft fast zu zerreißen scheinen.
Stone Yard Devotional ist ein leises Buch – keines, das man einfach wegliest. Eher eines, das nachhallt, das mich zwingt, über Schuld, Verlust und Gemeinschaft nachzudenken. Und gleichzeitig ist es ein Buch, mit dem ich auf eine bestimmte Weise noch immer hadere. Vielleicht genau deshalb denke ich so oft daran zurück.
Stone Yard Devotional landete 2024 auf der Booker Shortlist – kein Buch für zwischendurch, aber durchaus lohnend, wenn man sich darauf einläßt.
Sister Europe – Nell Zink erschienen im Rowohlt Verlag, übersetzt von Tobias Schnettler
Ich habe Sister Europe als Hörbuch gehört – und leider bin ich damit nicht warm geworden. Immer wieder fanden sich kluge Sätze und tolle Bilder, aber die eigentliche Geschichte hat mich überwiegend eher genervt. Besonders schwierig fand ich die Struktur des Romans: Die Handlung spielt innerhalb weniger Stunden – einen einzelnen Abend und die darauffolgende Nacht – und führt eine Vielzahl von Figuren ein. Beim Hören habe ich die Protagonist*innen immer wieder durcheinandergebracht, was den Zugang zusätzlich erschwert hat.
Der Roman spielt in Berlin im Februar 2023 und beginnt mit einer Literaturpreisverleihung in einem Hotel, bei der ein arabischer Autor geehrt wird. Rund um diese Veranstaltung begegnen wir einer bunten, zum Teil exzentrischen Gruppe: Der Kunstkritiker Demian, seine transgender Tochter Nicole, ein amerikanischer Verleger namens Toto mit seiner schwer fassbaren Begleitung Avianca, eine privilegierte Livia, ein arabischer Prinz und ein verdeckter Polizist namens Klaus, der ihnen folgt. Gemeinsam streifen sie durch die Berliner Nacht – vom Interconti über eine U-Bahn-Party bis hin zu Burger King – und führen Dialoge, die gleichermaßen bissig, witzig und kritisch sind. Themen wie Identität, Privileg, Einsamkeit, politische Debatten und gesellschaftliche Leere spielen eine zentrale Rolle.
Nell Zink ist eine US-amerikanische Autorin die seit vielen Jahren in Deutschland lebt und schreibt. Ihre Romane sind bekannt für ihre witzige, scharfzüngige Prosa, ihren gesellschaftlichen Tiefgang und ihr Gespür für das Abgründige im Alltäglichen.
Leider kann ich für dieses Buch keine Empfehlung aussprechen – trotz der glitzernden, scharfsinnigen Dialoge, die Nell Zink wie gewohnt liefern kann. Der Stil ist zweifellos clever, ironisch und geistreich, aber für mich fehlte die erzählerische Struktur, die Figuren blieben zu flach, um nachhaltig zu fesseln.
Das war mein Lesemonat August – wie war eurer? Was waren eure Highlights? Habt ihr schon das eine oder andere hier vorgestellte Buch gelesen? Besonders würde mich eure Meinung zu Stone Yard Devotional und den Büchern von Nell Zink interessieren, falls ihr die gelesen habt.
Gesehen: Hotel (2004) von Jessica Hausner mit Franziska Weisz. Atmosphärischer Folk-Horror aus Österreich, schöne Bilder aber wenig gruselig.
Inspiration (1949) von Karel Zeman. Ganz bezaubernder poetischer Kurzfilm über die Tagträumereien eines Glasbläsers.
Gehört: Red Storm – Dorit Chrysler & Galina Ozeran, The whole woman – Anna von Hausswolff ft Iggy Popp, Vostok – 65daysofstatic, Obsession – Oliver Sim, die Fuck ICE Playlist von Rage against the machine
Gelesen: dieses Interview von Lea Ypi und Elif Shafak, How did Deutsche Bahn go off the rails?, die Moomins erobern Amerika, What is required to save our democracy?
Getan: das Poet*innenfest besucht und wunderbare Autor*innen und andere Buchverrückte getroffen, den Augenarzt besucht, gelaufen und beim Treffen der Adoptierten-Gruppe gewesen
Gefreut: über die Abschiedsworte von Robert Habeck (auch wenn ich ihn sehr vermissen werde)
Mauretanien. Wenn ihr euch auch kurz fragt, auf welchem Kontinent dieses Land eigentlich zu verorten ist – und dann, sobald das geklärt ist, in welcher Ecke – dann seid ihr nicht allein. Mir war es auch völlig fremd. Als Kind habe ich Briefmarken gesammelt, und bei anderen mir unbekannten Ländern habe ich dadurch wenigstens ein Gesicht oder Gebäude im Gedächtnis; bei Mauretanien war selbst das nicht der Fall: Keine Marke, kein Buch, keine Erinnerung. Das sollte sich ändern, als mir der Zufalls Generator bei meiner „Read around the world“-Challenge gleich ziemlich am Anfang Mauretanien zuloste. Auf Sandras Blog „Literarische Abenteuer“ war ich schon kurz davor auf ein passendes Buch gestoßen, ich begab mich also direkt zur Bayrischen Staatsbibiothek, bestellte mein Buch und dann warte ich und wartete und wartete – stolze zwölf Monate vergingen, bis ich es endlich abholen konnte – mein persönlicher Rekord.
Fotos: Wikipedia
Mauretanien ist gewaltig: über eine Million Quadratkilometer – fast dreimal so groß wie Deutschland und dennoch leben dort nur rund fünf Millionen Menschen, was es zu einem der am dünnsten besiedelten Staaten weltweit macht. Die Hauptstadt Nouakchott allein beherbergt etwa ein Fünftel aller Menschen des Landes.
Historisch ist Mauretanien von Berbervölkern und arabischen Einflüssen ab dem 8. Jahrhundert geprägt, später dann jahrzehntelang von Frankreich kolonisiert bis zur Unabhängigkeit 1960. Bis heute ist die politische Landschaft geprägt von autoritären Strukturen, Putschen, systemisch eingeschränkter Demokratie, begrenzter Presse- und Oppositionstoleranz sowie einer Justiz ohne echte Unabhängigkeit.
Religiös ist Mauretanien durch und durch islamisch. Fast die gesamte Bevölkerung bekennt sich zum sunnitischen Islam der malikitischen Rechtsschule, der öffentliche und private Bereiche tief prägt. Der Islam ist Staatsreligion und Religionsfreiheit im westlichen Sinne gibt es nicht – Abfall vom Glauben wird als Apostasie geahndet und kann gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen. Kleinstgemeinschaften, insbesondere christliche Ausländer, praktizieren ihren Glauben meist nur im Verborgenen. Religiöse Rituale, Feste wie Ramadan oder das Opferfest Tabaski strukturieren das gesellschaftliche Leben.
Die kulturelle Vielfalt ist beeindruckend: Nomadische Traditionen, Poesie, Musik und Handwerk verflechten sich zu einem lebendigen Geflecht. Lieder mit Oud, Trommeln, Tende, Gesänge der Griots und arabisch-afrikanische Dichtung vermitteln soziale Bindungen und Geschichte. Schriftsteller*innen setzen sich zunehmend mit Identität, Religion und postkolonialer Erfahrung auseinander. Kunsthandwerk – Lederarbeiten, Teppiche, Schmuck, Webkunst – wird auf Märkten in Nouakchott und Oasen präsentiert. Festivals in der Wüste, in denen Musik und Tanz zentral sind, bieten seltenen Einblick in den kulturellen Reichtum.
Hier ein Lied von Malouma Mint El Meida einer Sängerin und eine der wenigen Politikerinnen des Landes. Ihr erster Titel Habibi Habeytou kritisierte die Art und Weise, in der Frauen in der Ehe behandelt werden.
Und noch ein Stück der Musikerin Noura Mint Seymali, eine bekannte Ardin-Spielerin und Sängerin, die in der Tradition der Griots aufgewachsen ist und mit ihrer Winkelharfe moderne Klanglandschaften mit tiefer Tradition verbindet.
Einer der bekanntesten Autoren des Landes ist Mbarek Ould Beyrouk. Sein Roman „The Desert and the Drum“ wurde 2017 mit dem English PEN Translate-Preis ausgezeichnet und war der erste mauretanische Roman, der international veröffentlicht wurde.
Die Gesellschaft ist multiethnisch etwa 40 % der Menschen gehören zu den Haratin (schwarze Moors), etwa 30 % zu den weißer Hautfarbe zugeordneten Beydane (arabisch-berberische Moors), und die restlichen circa 30 % gehören zu sub-saharischen Volksgruppen wie Halpulaar, Fulani, Soninke, Wolof oder Bambara. Historisch wurden Haratin als ehemalige Sklaven charakterisiert und sind trotz zahlenmäßiger Bedeutung noch immer marginalisiert – politische Macht und Ressourcen bleiben den Beydane vorbehalten. Diese soziale Hierarchie fußt auf dem Erbe der Sklaverei, die formal erst 1981 abgeschafft, 2007 kriminalisiert und 2015 mit Anpassungen versehen wurde – doch viele Formen bestehen fort.
Mauretanien ist ein ausgesprochen junges Land. Etwa 41 % sind unter 15 Jahre alt. Die Bevölkerungsentwicklung liegt bei fast 2 % pro Jahr, die Lebenserwartung beträgt etwa 65 Jahre.
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Wirtschaftlich dominieren Rohstoffe: Bergbau mit Eisen, Gold, Kupfer – sowie Fischverarbeitung – tragen entscheidend zum Export bei. Ein Großteil der Einnahmen stammt aus der Rohstoffförderung. Mit einem kürzlich begonnenen Gasfeldprojekt setzt das Land seine Hoffnungen auf eine neue Energiesparte, die das Land langfristig verändern könnte. Weitere geplante Offshore-Felder und Investitionen in Gas- und Strominfrastruktur sollen die Wirtschaft diversifizieren. Zugleich gibt es Initiativen zur Nutzung erneuerbarer Energien wie Biomasse, sowie für Infrastruktur wie die Modernisierung des Hafens von Nouakchott zur Stärkung der Fisch-Exporte.
Die Situation der Frauen ist prekär. Frauen sind politisch und rechtlich massiv benachteiligt: In Parlamentssitzen sind sie unterrepräsentiert, Bildung und Zugang zu Arbeitsmarkt oder Gesundheit limitiert. Kinderehen, Verstümmelung, Polygamie, Leblouh (Zwangsfütterung junger Mädchen zur Vorbereitung auf die Ehe) sind weit verbreitet. Gewalt gegen Frauen – inklusive sexuellem Missbrauch – wird durch eine justizielle Infrastruktur gehemmt: Der Gesetzgeber hinkt hinterher, viele Fälle werden familiär geregelt. Eine Änderung der Gesetzgebung zur Gleichstellung oder zum Schutz bei geschlechtsspezifischer Gewalt wurde mehrmals zurückgewiesen, mit Verweis auf islamische Normen.
Das Engagement von Frauenrechtlerinnen wie Zeinebou Mint Taleb Moussa ist darum umso bedeutender: Als Hebamme gründete sie Hilfsprogramme wie ein Zentrum für Überlebende sexueller Gewalt in Nouakchott – kämpft gegen den Stillstand, wo staatliches Handeln fehlt.
Fotos: Wikipedia
Die politische Stabilität wirkt im Vergleich zu Nachbarstaaten relativ hoch, doch dieses Bild ist trügerisch. Wirtschafts-Partner loben Kooperationsbereitschaft, während Menschenrechts-organisationen Repressionen gegenüber Migrant*innen, Minderheiten und Opposition kritisieren. Insbesondere die Rechte von LGBTQ+-Personen sind extrem gefährdet: Homosexualität ist gesetzlich streng verboten, in bestimmten Fällen drohen Todesstrafe und hohe Gefängnisstrafen. In der gesellschaftlichen Realität herrschen tief verwurzelte Tabus, und ein offenes Leben als queere Person ist praktisch unmöglich.
Mein Filmtipp für Mauretanien ist ein Werk des mauretanisch-französischen Regisseurs Abderrahmane Sissako. Er gilt als einer der bekanntesten Filmschaffenden aus dem subsaharischen Afrika. Wichtige Themen seiner Filme sind Globalisierung und Exil. „Heremakono“ erzählt in ruhigen, poetischen Bildern vom Leben in der mauretanischen Küstenstadt Nouadhibou. Der Film begleitet den jungen Abdallah, der vor seiner Weiterreise nach Europa in die Heimat seiner Mutter zurückkehrt und dort – fremd in seiner eigenen Kultur – alltägliche Szenen von Migration, Abschied und leiser Hoffnung beobachtet.
Und jetzt kommen wir auch endlich zum Buch das ich für diese Challenge gelesen habe:
Yahya Ekhou – Freie Menschen kann man nicht zähmen erschienen im Alibri Verlag
Yahya Ekhou, geboren 1991 in Mauretanien, wuchs in einer Gesellschaft auf, die stark von einem rigiden Kastensystem, patriarchalen Strukturen und religiösem Konservatismus geprägt ist. Als Angehöriger einer benachteiligten sozialen Gruppe und Atheist war sein Alltag von Diskriminierung, sozialer Kontrolle und der ständigen Erfahrung von Ausgrenzung geprägt. Früh begann er, sich für Menschenrechte, Säkularismus und die Aufhebung gesellschaftlicher Schranken einzusetzen – ein Engagement, das ihn in seiner Heimat in Lebensgefahr brachte und schließlich zur Flucht nach Deutschland führte.
Unterdrückung, Verfolgung und Diktatur entstehen, wenn der Peitschenträger freigesprochen und der Wortträger angeklagt wird.
Sein Buch ist eine Mischung aus autobiographischem Bericht, essayistischer Reflexion und politischem Manifest. Ekhou beschreibt eindringlich die Verflechtung von Religion, Tradition und Politik in Mauretanien, die individuelle Freiheit massiv einschränkt. Er schildert seine Kindheit in einem Umfeld, in dem Herkunft über Lebenschancen entscheidet, und erzählt von seinem Ringen um Selbstbestimmung, das ihn in Opposition zu einer Gesellschaft stellte, die Abweichung nicht duldet. Besonders nahe gehen die Passagen, in denen er von der Enge des Alltags berichtet und gleichzeitig den unbeugsamen Drang nach Freiheit spürbar macht – nach einem Leben, das nicht durch Herkunft, Geschlecht oder Glaube definiert ist, sondern durch eigene Entscheidungen.
Erschütternd fand ich auch, dass Ekhou selbst nach der Flucht nach Deutschland nicht völlig von Verfolgung befreit war. In Flüchtlingsunterkünften wurde er wiederholt von muslimischen Mitbewohnern angegriffen, die ihn wegen seines Atheismus bedrängten und bedrohten. Diese Erfahrungen zeigen, dass seine Suche nach Freiheit und Sicherheit ein globales, nicht nur lokales Ringen war.
Bei vielen in Deutschland lebenden Arabern und Muslimen, mit denen ich zu tun habe, fällt mir folgender Widerspruch auf: Auf der einen Seite fordern sie das Recht ein, vor den diktatorischen Richtlinien und Gesetzen, vor denen sie geflohen sind, geschützt zu werden. Gleichzeitig wollen sie, dass ihr Glaube respektiert wird. Und alle europäischen Verfassungen garantieren das. Doch dieselben Menschen unterdrücken und schließen Araber und Muslime aus, wenn diese andere religiöse Übezeugungen haben oder ihren Glauben sogar abgelegt haben. Dieselben, die Respekt für ihren Glauben fordern und auf ihre Entscheidungsfreiheit pochen, beleidigen, unterdrücken und schlagen Personen, die eigentlich Asyl und Schutz erhalten sollen. Sie hetzen auf schlimmste Weise gegen Atheisten und Homosexuelle und fordern deren Verfolgung.
Das Buch ist zugleich Anklage und Hoffnungsschrift. Es wirft einen ungeschönten Blick auf Menschenrechtsverletzungen, auf die Lage von Frauen, Minderheiten und Freidenker*innen in Mauretanien. Aber es ist auch ein Zeugnis von Widerstand und Überlebenswillen. Freie Menschen kann man nicht zähmen ist daher nicht nur ein wichtiges Zeitdokument, sondern auch ein bewegender Aufruf, sich gegen jede Form von Unterdrückung zu stellen.
Die Heimat, auch wenn es nur ein Zelt in einer kargen Wüste ist, bleibt ein Ort, der mit positiven Werten und Erinnerungen verbunden ist. Jeder von uns hat einen Ort, an dem er sich zu Hause fühlt. Und trotz all der negativen Eigenschaften und Probleme bleibt es unsere Heimat.
Das war er unser Stop in Mauretanien, einem Land, das vermutlich fast niemand von uns bisher besucht hat. Habt ihr irgendwelche Assoziationen? Kennt ihr Musiker*innen, Filme etc?
Ich freue mich auf eure Rückmeldungen und wohin es als nächstes geht, verrate ich nicht, denn ab und an muss ich doch schieben wie man sieht, weil Bücher länger auf sich warten lassen. Wer noch mal zu den vorherigen Stationen (Sri Lanka, Italien, Trinidad & Tobago, Nigeria, Südkorea, China, Israel, Belarus, Japan, DR & Republik Kongo, USA, Polen, Chile, Afghanistan, Vietnam, Ukraine) zurückreisen möchte wird in meiner Kategorie „Read around the World“ fündig.
Manchmal stolpert man auf kleinen Buchmessen über echte Schätze – so ging es mir kürzlich in München. Zwischen den vielen unabhängigen Verlagen bin ich beim Edition Hibana Verlag hängen geblieben und habe dort Florian L. Arnold kennengelernt – Verleger und zugleich Illustrator. Arnolds Stil erkenne ich inzwischen sofort: eigenwillig, kraftvoll, poetisch – und so schön, dass ich mir jede einzelne seiner Illustrationen auch gerahmt an die Wand hängen könnte. Zwei Bände durfte ich als Rezensionsexemplare mitnehmen – meine Meinung dazu bleibt natürlich unabhängig und unbeeinflusst. Voltaires „Mikromegas“ und Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ wurden von Arnold neu bebildert – und genau diese spannende Verbindung von Text und Bild möchte ich euch hier näher vorstellen.
Man schlägt dieses Büchlein auf und hat sofort das Gefühl: Hier spricht einer, der uns irgendwie immer noch durchschaut. Franz Kafka ist der große Entfremder der Moderne, der Analytiker der Macht, der feinsinnige Seismograph für alle Schräglagen zwischen Mensch und System. Und mit seiner 1917 entstandenen Erzählung Ein Bericht für eine Akademie liefert er ein Meisterstück der Verdichtung: die Geschichte eines Affen, der zum Menschen wird – und doch nicht heimisch in dieser Rolle.
Ein gefangener Affe erzählt vor einer gelehrten Akademie von seiner „Menschwerdung“. Nicht aus Sehnsucht nach Kultur oder Geist, sondern aus blankem Pragmatismus: Der Käfig ist eng, die Flucht unmöglich, also bleibt nur ein Weg – Anpassung. Schritt für Schritt imitiert er das Menschliche, erlernt Sprache, Manieren, die bürgerliche Fassade. Was als Erfolgsgeschichte verkauft wird, entlarvt Kafka als bittere Satire auf Fortschritt und Zivilisation: Der Affe ist frei von Gitterstäben, aber gefangen in Konventionen.
Warum das heute noch elektrisiert? Weil sich in diesem Text die Frage nach Identität, Freiheit und Assimilation spiegelt, die nichts von ihrer Brisanz verloren hat. Wer passt sich wem an? Wie viel Selbstverrat steckt im gesellschaftlichen Aufstieg? Und was bleibt vom Eigenen übrig, wenn die Maske des Angepassten so festsitzt, dass man eigentlich gar nicht mehr von einer Maske sprechen kann. Kafka schreibt in dieser schneidenden Mischung aus Nüchternheit und Grauen, die einem komplett unter die Haut geht.
Und dann Florian L. Arnold. Seine Illustrationen sind nicht bloß Begleitung, sie sind Kommentar und Verstärker. Mit seinen versponnenen, expressiven Radierungen holt er das Groteske, das Körperliche, das Unausweichliche der Verwandlung in die Bildwelt. Man meint das Zucken des Fells, das Ringen zwischen Tier und Mensch zu spüren. Arnolds Striche sind mal tastend, mal eruptiv – und genau das macht sie zum idealen Gegenüber dieses Kafkaschen Textes. Illustration und Literatur treten in einen Dialog. Der Affe spricht, Arnold antwortet, Kafka schweigt – und wir Leser*innen stehen mittendrin, irritiert, bewegt, fasziniert.
Für mich ist dieses Buch ist kein bloßer Nachdruck, sondern ein kleines Gesamtkunstwerk. Kafka in seiner pointierten Grausamkeit, Arnold in seiner bildnerischen Eindringlichkeit – zusammen ergibt das ein bibliophiles Juwel, das ich immer wieder gerne aus dem Regal nehme.
Von Kafkas Affe, der sich mühsam in die Welt der Menschen einfügt, geht es nun weiter ins weite Universum – zu Voltaires ‚Mikromegas‘, das Florian L. Arnold ebenso eindrucksvoll bebildert hat. Und was man von der ersten Seite spürt: hier funkelt etwas Altes ganz neu. Voltaire – 1694 geboren, 1778 in Paris gestorben, Aufklärer mit scharfer Zunge, Menschenfreund und Menschenkritiker in Personalunion – liefert mit Mikromegas (1752 erschienen) einen kompakten Urknall der Science-Fiction, denn dieses Büchlein gilt als einer der ersten SciFi Romane ever.
Der Plot ist einfach aber auch grandios: Ein acht Meilen großer Reisender aus dem All (mit fast tausend Sinne im Gepäck!) stromert mit einem Saturnier-Kumpan durchs Universum, landet auf der Erde – und staunt. Zunächst über einen Wal, dann über uns. Und wie es Voltaire eben kann, wird aus dem Staunen rasch eine glänzende Plauderei über Krieg und Erkenntnis, Liebe und Hybris, Religion und Ratio. Wir Erdlinge sind zugleich klug und unglaublich töricht – und vor allem unfassbar überzeugt von uns selbst.
Warum das heute noch knallt? Weil Voltaire die Perspektive radikal verrückt. Er rückt uns – höflich, aber unmissverständlich – aus dem Mittelpunkt. Plötzlich sind wir die Winzlinge auf dem Staubkorn, die sich mit großen Worten trösten. Diese Relativierung ist nicht altmodisch, sie ist elektrisierend. Man liest, lacht, nickt – und erwischt sich beim Nachdenken.
Und auch in diesem Band sind Arnolds Radierungen und Zeichnungen keine bloße Dekoration, sie sind versponnen, leicht surreal, dabei treffsicher in der Stimmung: sie liefern Schatten, in denen Voltaires Ironie noch dunkler schimmert, und Lichtblitze, die den Text neu beleuchten. Man blättert vor und zurück, liest Bild und Text im Pingpong – genau so sollen Illustration und Literatur miteinander spielen.
Sehr gefallen hat mir auch das Vorwort„Über die verheerenden Folgen des Lesens“. Der Titel ist ein Augenzwinkern, das Programm ist ernst: Lesen macht gefährlich – für Dogmen, für Bequemlichkeit, für geistige Schwerkraft. Das passt so gut zu Voltaire, dass man fast vergisst, wie selten Einleitungen wirklich Lust auf den Haupttext machen.
Vielleicht noch ein paar Worte zu Voltaire: er war der unermüdliche Aufklärer, der Fanatiker entzauberte, Autoritäten anzählte und in Briefen, Traktaten, Dramen, Märchen eine ganze Epoche in Schwung hielt. Mikromegas ist sein kompaktes elegantes Destillat.
Wer sich bisher vielleicht nicht an den einen oder anderen großen Klassiker herangewagt hat, kann mit den Ausgaben der Edition Hibana einen idealen Zugang finden. Hier werden Texte von Weltrang durch die Illustrationen von Florian L. Arnold nicht nur begleitet, sondern auf eine besondere Weise geöffnet: Sie laden ein, sich ohne Scheu auf das Abenteuer der Literatur einzulassen – da gibt es auch für mich noch einiges zu entdecken. Lasst uns gemeinsam auf Endeckungsreise gehen 🙂