Stories Of Your Life – Ted Chiang

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Ted Chiang ist technischer Redakteur in der Software Industry und publiziert immer mal wieder Kurzgeschichten, die so unglaublich gut sind und fast immer umgehend die fettesten Sci-Fi Awards absahnen. Er stand schon eine ganze Weile auf meinem Wunschzettel, ich saß zeternd im Kino bei „Arrival“ und habe mich ausgeschimpft, es nicht vor Filmbeginn geschafft zu haben, seinen Kurzgeschichtenband zu lesen, um dann umgehend wieder ewig nicht dazu zu kommen. Es ist manchmal ein Kreuz mit mir und all dem, was ich lesen will und der wenigen Zeit die einem dafür bleibt.

Da kam mir das gemeinsame #StoriesofChiang Leseprojekt von Miss Boolena genau recht. Zu Viert haben wir (Miss Booleana, Kathrin und Voidpointer) gelesen und unsere Eindrücke auf Twitter geteilt. Das hat riesigen Spaß gemacht – ABER alle anderen waren sowohl im Zwischenfazit schreiben, auf Twitter und überhaupt deutlich aktiver als ich. Asche auf mein Haupt.

 

 

 

 

 

 

Ich habe die Geschichten vielleicht zu schnell verschlungen, habe danach aber auch einfach noch Zeit gebraucht, das Gelesene zu verdauen und für Zwischenfazits auf dem Blog hat es bei mir gar nicht gelangt. Hier aber jetzt mein finaler Eindruck zu Chiangs Geschichten und ich empfohle euch auf jeden Fall, bei den anderen Ladies vorbeizuschauen, die haben da richtig toll resümiert und Lust gemacht aufs Buch.

Ich habe selten (Sci-Fi)Kurzgeschichten gelesen, die gleichzeitig so spannend und auf so hohem Niveau geschrieben sind. Jede dieser Geschichten wäre eine verdammt gute Black Mirror Episode. Sie sind allesamt kleine Juwelen mit rasiermesserscharfer Intelligenz, die einen so sehr zum Nachdenken bringen, dass man glaubt seine Hirnwindungen heiß laufen zu spüren. Mir gefiel, dass Chiang am Ende jeder Geschichte kurz erläutert, was ihn jeweils dazu inspiriert hat.

 

Tower of Babylon: 5/5
Was für ein Auftakt. Die alttestamentarische  Geschichte von der Erbauung des Turmes zu Babylon sehr kreativ weitergesponnen, es geht hier nicht nur um die Erbauung, sondern auch die Reise bis zum höchsten Punkt, der weit über den Himmel, die Sonne und die Sterne hinausgeht. Kein Wunder, dass es hier Awards gehagelt hat. Richtig gut.

Understand: 5/5
Eine meiner liebsten Geschichten, bei der ich mich ertappt habe, dass ich vielleicht ähnlich wie der Protagonist handeln würde. Spannender Einblick in das Bewußtsein eines Menschen, der übermenschliche Intelligenz entwickelt. Interessant auch, wie sich Vokabular und Sprache mit der Intelligenz des Protagonisten weiterentwickeln.

Division By Zero: 4/5
Eine Geschichte über psychische Erkrankungen, Mathematik und Selbstmord. Was passiert, wenn alles, wofür du jemals gearbeitet hast und an dass du fundamental geglaubt hast, sich auf einmal als falsch herausstellt?

Story of Your Life: 6/5
Ernsthaft. Eine der besten Geschichten die ich jemals gelesen habe und dann auch noch eine Linguistin. Yeah! Lesen und dann nochmal „Arrival“ schauen.

Seventy-Two Letters: 2/5
Das Konzept war ganz interessant, aber die Story selbst fand ich nicht ganz so stark wie die anderen. Eine Interpretation des Golem-Mythos plus Steampunk spielt in viktorianischen Zeiten, die Geschichte habe ich nicht zu Ende gelesen. Zwei mal begonnen, aber irgendwie sind wir nicht miteinander warm geworden.

The Evolution of Human Science: 3/5
Das war eine extrem kurze Geschichte einer wissenschaftlichen Entdeckung. Hätte mir länger glaube ich besser gefallen. Mehr ein Schnipsel, als eine Kurzgeschichte.

Hell is the Absence of God: 4/5
Das war eine ziemlich abgefahrene Story in der Gott ein ziemlich durchgeknallter Scheißkerl ist, der sich null um die Menschen kümmert, trotzdem erwartet, bedingungslos geliebt zu werden. Für Atheisten vielleicht angenehmer zu lesen?

Liking What You See: A Documentary: 5/5
Was wäre, wenn ein Mensch einen sehen und identifizieren kann, einen aber nicht als schön oder häßlich empfindet, sondern jeden gleich neutral? Da waren ein paar hervorragend spannende Argumente auf beiden Seiten der Diskussion, in der es um die Nutzung der entsprechenden Technologie ging.

Hier findet ihr die wunderbaren Berichte meiner Kolleginnen:

20.08. Ankündigung von Kathrin

21.08. Ankündigung Miss Booleana

28.08. Erstes Zwischenfazit Miss Booleana

03.09. Erstes Zwischenfazit Kathrin

06.09. Zweites Zwischenfazit Miss Booleana

17.09. Zweites Zwischenfazit Kathrin

22.09. Gesamtfazit von Miss Booleana

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ im Golkonda Verlag erschienen.

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The Left Hand of Darkness – Ursula LeGuin

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Ich habe diese Rezension hier mehrfach angefangen, alles wieder gelöscht, wieder gestartet, ich finde es so schwierig, eine Besprechung zu schreiben, die diesem tiefgründigen und bewegenden Buch Rechnung trägt.

Vordergründig geht es in „The Left Hand of Darkness“ um einen Botschafter eines intergalaktischen Planetenverbandes, Genly Ai, die einen weiteren Planeten in ihre Union aufnehmen wollen. Die Welt, um die es geht, ist dabei recht einzigartig. Abgesehen davon, dass es sich um einen Planeten handelt, auf dem extreme Kälte herrscht, die es fast unmöglich macht, dass Leben auf dem Planeten existiert und der informell als Planet „Winter“ bezeichnet wird, die dort lebenden Humanoiden sind darüber hinaus ambisexuell. Den größten Teil des Monats sind sie weder weiblich noch Mensch, nur für einige Tage pro Monat, in denen sie sexuell aktiv sind, können sie weibliche oder männliche Attribute und Eigenschaften wählen.

Genly wird bei seiner diplomatischen Mission in politische Intrigen um Estraven verstrickt, ein ehemals enger Vertrauter des Königs. Genly landet im Gefängnis, ohne wirklich zu verstehen, was er eigentlich getan haben soll, Estraven wird vogelfrei gesprochen und des Landes verwiesen. Estraven rettet Genly aus dem Gefängnis und die beiden machen sich auf eine lange gefährliche Reise über das Eis aus zurück nach Karhide in eine ungewisse Zukunft hinein.

Es war gar nicht unbedingt der Plot, der mich so gefesselt hat bei dem Buch, den fand ich sogar ehrlich gesagt stellenweise etwas langatmig. Es war mehr die Intensität, die dahinterliegende Philosophie, der atemberaubende „Weltenbau“, all das zusammen fand ich ziemlich umwerfend.

Die Art und Weise wie Le Guin Gender, Sex, platonische Beziehungen und Gesellschaften durch die Augen des Botschafters erkundet, ist richtig richtig gut.

„There is no unconsenting sex, no rape. As with most mammals other than man, coitus can be performed only by mutual invitation and consent; otherwise it is not possible. 
Consider: There is no division of humanity into strong and weak halves, protective/protected, dominant/submissive, owner/chattel, active/passive. In fact the whole tendency to dualism that pervades human thinking may be found to be lessened, or changed, on Winter.“

Interessant fand ich, dass Le Guin das Pronomen „er“ wählt, wenn sie von einem Charakter spricht, wodurch der Roman trotz aller Androgynheit eine sehr männliche Welt in der Vorstellung der Leser kreiert.

”Do you know that sign?”
He looked at is a long time with a strange look, but he said, “No.”
“It’s found on Earth… It is yin and yang Light is the left hand of darkness… Light, dark. Fear, courage. Cold, warmth. Female, male. It is yourself. Both and one. A shadow on snow.”

Der Titel „Left Hand of darkness“ ist eine Zeile eines genthenischen Gedichtes das die Ganzheit einer Gesellschaft ohne Geschlechter ausdrückt, die isoliert und abseits am Rande des Universums existiert. Die Gethenians haben währen des „Kemmer“, der Phase sexueller Aktivität zwei Geschlechter, sind aber absolut gleichwertig. Es ist einzig das Geschlecht das teilt, nicht die Dualität.

In diesem Buch spürt man finde ich den Einfluss von Le Guins Eltern, in dem Thema des Erstkontaktes zwischen zwei komplett unterschiedlichen Kulturen. Ihr Vater war der Anthropologe Alfred Kroeber, ihre Mutter Theodora Schriftstellerin. Ihr Vater kümmerte sich um den letzten Überlebenden des Yahi Stammes in Amerika und ihre Mutter schrieb ein Buch darüber „Ishi in Two Worlds“. Le Guin hat des Öfteren gesagt, ihr Vater habe richtige Kulturen studiert und sie erfinde sie, was gar nicht so unterschiedlich sei.

The Left Hand of Darkness ist eine tiefgründige Geschichte voller Menschlichtkeit, Liebe, Entfremdung, Betrug und Akzeptanz. Es ist kein einfaches Buch, man muss sich ein wenig reinfinden und bereit sein sich draufeinzulassen, nachzudenken und zu reflektieren. Als ich drin war, konnte ich es gar nicht mehr aus der Hand legen und es ist ein Buch, bei dem man am Ende mehr Fragen hat als Antworten ,was in diesem Zusammenhang eine wirklich gute Sache ist.

„And I saw then again, and for good, what I had always been afraid to see, and hat pretended not to see in him: that he was a woman as well as a man. Any need to explain the sources of that fear vanished with the fear; what I was left with was, at last, acceptance of him as he was“

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Die linke Hand der Dunkelheit“ im Heyne Verlag erschienen.

#Lithund: Timbuktu – Paul Auster

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Timbuktu ist kein typischer Auster-Roman, wir leben im Kopf des Hundes Mr. Bones und Mr. Bones wiederum ist kein typischer Hund. Er lebt zwar in der Welt der Gerüche, liebt sein Herrchen Willie und seine Spaziergänge, doch ist er ein ziemlich nachdenklicher Geselle und verdammt clever. Er versteht jedes Wort und ist frustriert, dass er nicht antworten kann.

Willie G. Christmas ist ein herzensguter lädierter Mann, Sohn von Holocaust-Überlebenden. Er schreibt Gedichte, leidet an gelegentlichen Wahnvorstellungen, ist obdachlos und mit seiner Gesundheit geht es stetig bergab.

Der Leser begleitet die beiden auf einem Road Trip nach Baltimore, wo Willie Bea Swanson, seine geliebte High School Lehrerin, zu finden hofft. Ihr will er nicht nur seinen riesigen Stapel unveröffentlichter Manuskripte überreichen, sondern sondern idealerweise auch Mr Bones, wenn Willie den Swan Song hört und nach Timbuktu geht. Timbuktu ist laut Willie auf der anderen Seite des Todes, ein Ort an dem alles wunderbar ist und jeder seinen Frieden findet.

Es verläuft nicht alles so, wie Willie es sich erhofft. Während Mr Bones durch die Straßen wandert und immer wieder wechselnde Eigentümer hat, kommentiert er scharf und kompromisslos die grausame und heuchlerische Gesellschaft. Hier ist der Hund der wirkliche Underdog, eine glückliche Familie eine Utopie und echte Freunde selten, aber dafür um so wichtiger.

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“That’s all I’ve ever dreamed of, Mr. Bones. To make the world a better place. To bring some beauty to the drab humdrum corners of the soul. You can do it with a toaster, you can do it with a poem, you can do it by reaching out your hand to a stranger. It doesn’t matter what form it takes. To leave the world a little better than you found it. That’s the best a man can ever do.”

Paul Auster hat eine melancholische, poetische Geschichte geschrieben über den universellen Bund zwischen Mensch und Hund. Auster erinnerte mich in dieser „Stream-of-Conciousness“-Erzählung an Virginia Woolf in ihren zugänglicheren Werken.

“Was this what life was going to be like around here?, he wondered. Were they simply going to abandon him in the morning and expect him to fend for himself all day? It felt like an obscene joke. He was a dog built for companion ship, for give-and-take of life with others, and he needed to be touched and spoken to, to be part of a world that included more than just himself. Had he walked to the ends of the earth and found this blessed haven only to be spat on by the people who had taken him in? They had turned him into a prisoner. They had chained him to this infernal bouncing wire, this metallic torture device with its incessant squeaks and echoing hums and every time he moved, the noises moved with him”

Bonnie war sehr angetan von dieser Geschichte und verteilte vier großzügige Knochen an Mr Bones 🙂

Short and Sweet – Gemischte Tüte

Short and Sweet kommt ja oft, wenn ich ein bisschen faul bin für elaborierte Rezensionen, das soll gar nicht wertend sein den Büchern gegenüber, die ich dann nur kurz bespreche. Habe mal die liegengebliebenen der letzten Wochen (und einmal fast schon Monate) zusammengesucht, damit ich sie endlich ins Regal räumen kann und sie aufhören, mich so vorwurfsvoll anzuschauen.

Mein großes Highlight in diesem Stapel war „Night Film“ von Marisha Pessl, eine Autorin, die mit ihrem Debut „Special Topics in Calamity Physics“ vor ein paar Jahren für ordentlich Aufsehen in der Literaturbranche sorgte. Zusammen mit Jonathan Safran Foer galt sie als literarisches Wunderkind, wurde aber gleich auch mit ihm als Vertreterin der „Streber-Literatur“, der show-offs, in einen Topf geworfen.

Ich mochte ihr Debut sehr, mag auch Safran Foer und daher haben mich diese Spitzen überrascht, habe sie aber weitestgehend ignoriert und war erfreut, dass ein weiterer Roman von ihr erschienen ist, der sich dann auch noch mit dem Genre Horror-Film beschäftigt. Die Aufmachung erinnert entfernt an Mark Z Danielewskis „House of Leaves“ und die Geschichte um den Selbstmord der Tochter des mysteriösen Horrorfilm-Regisseurs Stanislav Cordova, der seit über 30 Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde, hatte für mich definitiv Pageturner-Qualitäten.

“Mortal fear is as crucial a thing to our lives as love. It cuts to the core of our being and shows us what we are. Will you step back and cover your eyes? Or will you have the strength to walk to the precipice and look out?“

Nicht wirklich gruselig, aber düster und atemberaubend spannend, ein Thriller der Extraklasse, der Lust aufs Gruseln macht.

„Solitaire“ von Kelly Eskridge entführt uns in eine nicht all zu weit entfernte Zukunft, in der es tatsächlich endlich Weltfrieden gibt. Als Symbol der Hoffnung wurden alle Kinder, die genau in der Sekunde geboren wurden, als die Friedensverhandlungen beendet wurden, zu „Hopes“ ernannt und werden auf ihre Rolle als künftige Aushängeschilder der globalen Administration vorbereitet.

Die „Hope“ des weltweit einzigen Konzernstaates ist Ren „Jackal“ Seguara. Als Ren für eine fürchterliche Katastrophe die Schuld gegeben wird, bricht die Ko Corporation, ihr Heimatland sozusagen, jegliche Verbindung mit ihr ab und verurteilt sie zu einer fürchterlichen Strafe. Sie wird im Rahmen eines Experiments in eine Virtual Reality Isolationshaft gebracht, wo sie die nächsten 8 Jahre allein in ihrem Geist eingesperrt wird, ohne jeglichen Kontakt von außen.

„When we are left all alone is that when we find out who we truly are?“

Was mir an diesem stylischen Sci-Fi Roman unter anderem gut gefallen hat, war die absolute Selbstverständlichkeit mit der Ren eine Freundin hat und das auch ohne große Liebesdramen oder Dreiecksgeschichten, sondern von der ersten Seite an war klar, dass sie mit Snow zusammen ist. Eine willkommene Abwechslung.

Richtig kaugummibunt wird es dann bei „Knallmasse“ von Ulrich Holbein, einem durchgeknallten Science-Fiction Märchen. Klingt als hätte es George Orwell mit Lewis Carroll geschrieben, nachdem sie sich durch Aldoux Huxleys komplette LSD-Vorräte gearbeitet hatten.

Eine Zusammenfassung erscheint mir ziemlich unmöglich daher kupfer ich mal die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken ab um hier ordentlich Appetit auf diesen Roman zu machen, der im Übrigen bereits 1993 erschienen und liebevoll illustriert vom Humunculus Verlag wieder aufgelegt wurde.

„Es knallt und zwischt. Roboter Knallmasse lebt mit seinesgleichen im Staat des Dröhnens DeziBel, wo man das Klobige, Harte schätzt und das Weiche, Runde verabscheut. Als sich jedoch durch einen Sportunfall siene Weltsicht verkehrt und er dem Organischen plötzlich zugetan ist, hat er den Platz in sienem bisherigen Lebensraum verwirkt. Der Staatsapparat macht unterbittlich Jagd auf den Abweichler. Mit zwei menschenähnlichen Wulwiletten gelingt Knallmasse die Flucht ins kunterbunte Weltall, wo ein Abenteuer komischen Ausmaßes auf sie wartet.“

Ich danke dem Humunculus-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen aus dem Elisabeth Sandmann Verlag ist eine Hommage an die lesende Frau und ich habe darin für meine Serie „Awesome People (Binge)Reading auf Facebook noch ein paar sehr schöne Motive gewonnen. Die Bilder sind wunderbar, zeigen überwiegend eher unbekanntere Leserinnen in abgefahrenen Positionen, das ganze wird von literaturbezogenen Zitaten geschmückt. Ein Buch das man gerne durchblättert und dass das perfekte Coffee-Table-Büchlein für die lesende Frau von Welt ist 😉

Einzig die Auswahl der Zitate fand ich gelegentlich etwas einseitig, einige Autorinnen sind dutzenfach vorhanden, ein paar, die gut gepasst hätten, fehlen leider gänzlich. Aber das ist jammern auf hohem Niveau, wer noch ein passendes Geschenk für eine Freundin oder sich selbst sucht, der kann hier beruhigt zugreifen.

Mein letztes Buch für heute hätte ganz wunderbar in die Short and Sweet – Illustre Runde gepasst, da hatte ich es allerdings noch nicht, aber so ein Geburtstag sorgt ja immer wieder für Neuzugänge und somit habe ich jetzt auch Haruki Murakamis „Schlaf“ in meiner Sammlung.

„Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. Bei einem Windstoß, glaubte ich, würde mein Körper bis ans Ende der Welt geweht, an einen Flecken am Ende der Welt, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört hatte. Ewig wären mein Körper und mein Bewusstsein voneinander getrennt.“

Illustriert wurde es wieder mehr als genial von der wunderbaren Kat Menschik. Die Geschichte handelt von einer Frau, die seit siebzehn Tagen absolut kein Auge zumachen kann. Während Mann und Sohn nachts schlafend in ihren Betten liegen, beginnt für die namenlose Erzählerin ihr zweites Leben, das bald deutlich aufregender ist, als ihre immer gleichförmigen Tage.

Die 30jährige erzählt niemandem von ihrer Schlaflosigkeit, einzig der Leser erfährt davon. Es gibt keine Anzeichen von einsetzendem Wahnsinn oder anderen üblichen Symptomen nach einer derart langen Zeit der Schlaflosigkeit. Murakami hat sich ganz sicher intensiv mit dem Thema beschäftigt, ich fand die Idee unglaublich spannend, muss aber sagen, es handelt sich meines Erachtens um eine etwas schwächere Geschichte vom Meister. Aber auch hier jammern auf hohem Niveau. Ein Buch das jeder Murakami-Fan in seiner Sammlung braucht und spätestens in der nächsten schlaflosen Nacht werde ich es noch einmal hervorholen…

Das wars für heute meine Lieben. Hier noch mal kurz in der Übersicht die besprochenen Bücher dieser Short und Sweet Folge:

  • Marisha Pessl – Night Film. Im deutschen unter dem Titel „Die amerikanische Nacht“ im Fischer Verlag erschienen
  • Kelley Eskridge – Solitaire. Bislang nicht auf deutsch erschienen. Ansonsten im Small Bear Verlag.
  • Ulrich Holbein – Knallmasse. Erschienen im Homunculus Verlag
  • Kluge Gedanken für Leserinnen in allen Lebenslagen. Erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag
  • Haruki Murakami – Schlaf. Erschienen im Dumont Verlag.

Short and Sweet

Es wird mal wieder Zeit für eine Short and Sweet Session, jedes Einzelne der Bücher hätte eine ausführliche Rezension verdient, die Binge Readerin ist aber zu faul und möchte ihren Stapel wegbekommen, daher hier kurz und knackig die Kurzrezensionen der gelesenen und bisher noch nicht rezensierten Bücher der letzten Wochen.

Ich lasse dem wunderbaren Dandy Fritz J Raddatz den Vortritt, dessen Erinnerungen „Unruhestifer“ mich sehr begeistert haben. Habe ihn ehrlich gesagt erst seit kürzerer Zeit auf dem Radar, ausgelöst meine ich durch ein Interview in „druckfrisch“ vor ein paar Jahren, aber wow – was für eine spannende Persönlichkeit.

Er war meine passende Reisebegleitung nach Hamburg.

Raddatz

Seine Erinnerungen sind eine actionreiche, glamouröse Tour de Force durch den Kulturbetrieb der BRD. Der ehemalige Programmchef des Rowohlt-Verlages und ehemalige Feuilleton-Chef der Zeit hat als Literaturkritiker, Autoren-Entdecker und Feuilletonist überall mächtig Staub aufgewirbelt und kein Stein auf dem anderen gelassen. Für mich waren insbesondere der Anfang, seine Wurzeln, Familienhintergründe und seine späten Erinnerungen von besonderem Interesse, da ich doch mit einigen Namen aus dem früheren Kulturbetrieb nicht wirklich etwas anfangen konnte. Herr Raddatz schaut dem Feuilleton unter den Rock und wir ihm voyeuristisch dabei über die Schulter. Unbedingt kaufen und lesen.

„Unsere Beziehung, die wir – und wir beide wissen, warum – sachlich gehalten haben, weil Nähe nur aus Distanz möglich ist, weil man sich nicht duzt, wenn man sich per Sie näher ist – diese Beziehung sollte erlauben, auch spontan für den anderen da zu sein, ohne sich Intimitäten breit auszuwalzen.“

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Von meiner entzückenden Buchmessen-Begleiterin Birgit von Sätze und Schätze habe ich kürzlich passenderweise Raddatz‘ „Bestarium der deutschen Literatur“ geschenkt bekommen, das bot sich natürlich gleich als Anschlusslektüre an. Die literarischen Fabeltiere der Gegenwartsliteratur sind ausgesprochen charmant und die Zeichnungen von Klaus Ensikat absolut meisterhaft.

Jane Jacobs – The Godmother of the American City ist die legendäre Autorin des einflussreichen Buches „The Death and Life of Great American Cities“ das seit seinem Erscheinen 1961 ununterbrochen wieder verlegt wurde und die maßgeblich Einfluss auf die Disziplinen Stadtplanung und städtische Architektur genommen hat.

jane Jacobs

In der „Last Interview„-Reihe umfasst ihre Interview aus den Jahren 1962, 1978, 2001 und das letzte aus dem Jahr 2005.  Die Gespräche beleuchten die einzigartige Karriere der beliebten und einflussreichen Intellektuellen und Aktivistin, die sich schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für eine organische nachhaltige Stadtplanung eingesetzt hat.

Jane Jacobs ist in Deutschland noch recht unbekannt, als Einstieg kann ich diesen Band absolut empfehlen. Eine brilliante Analystin, Ökonomin und politische Kommentatorin, die sich lohnt kennenzulernen.

„Jacobs has probably bludgeoned more old songs, rallied more support, fought harder, caused more trouble, and made more enemies than any other American woman … She is the terror of every politican in town“

Eine unterhaltsame Zugfahrt bereitete mir vor einer ganzen Weile schon Daniel Kehlmanns „F“ – der Roman erzählt von drei Brüdern, die – jeder auf seine Weise – Betrüger, Heuchler, Fälscher sind. Das „F“ hängt von Anfang an schicksalsschwer über ihren Köpfen in Form von Familie, Fälschung, Fehlentscheidungen und das Kapitel mit dem Hypnotiseur war einfach nur brilliant, zum Ende hin ist es etwas abgefallen, aber Kehlmann ist eigentlich immer ein Garant für Unterhaltung auf hohem Niveau.

Kehlmann

„Keiner konnte einem helfen. Kein Buch, kein Lehrer. Alles Entscheidende musste man aus eigener Kraft lernen, und gelang es nicht, hatte man sein Leben verfehlt. Iwan fragte sich oft, wie Leute, die nichts Besonderes konnten, das Dasein eigentlich ertrugen.“

Vladimir NabokovsInvitation to a Beheading“ verkörpert die reichlich bizarre Vision einer komplett irrationalen und absurden Welt. In der März-Lektüre unseres Bookclubs geht es um einen jungen Mann namens Cincinnatus, der in einem nicht genannten Land im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Seine Begegnungen dort sind komplett irrational und reichen von Henkern, die sich als Gefangene maskieren, bis hin zu phantastischen Gefängniswärtern und künstlichen Spinnen.

Im Inneren des Traumzustandes herrscht jedoch eine gewisse Logik, die der Erzählung seine Glaubwürdigkeit verleiht: Wir glauben, dass in einem totalitären Staat das Schicksal eines Cincinnatus nur allzu real ist. Das erinnert an die Megalomanie der Tyrannen, die ja leider gerade wieder Hochkonjunktur haben.

Nabokov

“But then I have long since grown accustomed to the thought that what we call dreams is semi-reality, the promise of reality, a foreglimpse and a whiff of it; that is they contain, in a very vague, diluted state, more genuine reality than our vaunted waking life which, in its turn, is semi-sleep, an evil drowsiness into which penetrate in grotesque disguise the sounds and sights of the real world, flowing beyond the periphery of the mind—as when you hear during sleep a dreadful insidious tale because a branch is scraping on the pane, or see yourself sinking into snow because your blanket is sliding off.”

Die Angst eines Sträflings in der Todeszelle wirkt unglaublich beklemmend und man teilt seine Unglauben über seine Umstände, seine Reue für nicht wirklich begangene Verstöße und Misserfolge und seine falsche Hoffnung auf Rettung. Wenn Cincinnatus am Ende auf dem Weg zur Hinrichtung ist, lässt er seinen Henker durch die Kraft seiner Gedanken verschwinden und mit ihm zerfällt die gesamte Welt um ihn herum. Oder nicht?

Cincinnatus hätte sich sicherlich gut mit Kafkas K oder Figuren aus Becketts Stücken verstanden, das Absurde hat nicht jedem in unserem Bookclub zugesagt, auf die wunderschöne Sprache Nabokovs konnten wir uns hingegen absolut einigen. Ich kam aus dem Unterstreichen gar nicht mehr hinaus. „Lolita“ ist nach wie vor mein absoluter Lieblingsroman von Nabokov, aber dieses kleine Büchlein hat es absolut in sich – große Empfehlung von mir.

“What are these hopes, and who is this savior?” “Imagination,” replied Cincinnatus.”

  • Fritz J. Raddatz – „Unruhestifter“ ist im Ullstein Verlag erschienen
  • Fritz J. Raddatz – „Bestarium der deutschen Literatur“ ist im Rowohlt Verlag erschienen
  • Jane Jacobs – „The Last Interview“ ist bei Melville House erschienen
  • Daniel Kehlmann – „F“ ist im Rowohlt Verlag erschienen
  • Vladimir Nabokov – „Invitation to a Beheading“ ist auf deutsch unter dem Titel „Einladung zur Enthauptung“ im Rowohlt Verlag erschienen

4 3 2 1 – Paul Auster

Auster

Diese Schrankwand von einem Buch, im Englischen so wunderbar „Doorstopper“ genannt, ist schon ein Projekt, auf das man sich als Leser einlassen muss, aber eines, das sich in meinen Augen absolut lohnt. Umfangreich ja, aber der Stil ist unkompliziert und sobald man sich auf die vier parallel verlaufenden Handlungstränge eingeschwungen hat und vielleicht ab und an mal ein paar Notizen macht, hat dieses Buch absolut nichts Unnahbares an sich.

Fans oder zumindest vorherige Leser werden mit seinem Ideenreichtum und seiner unglaublichen Vorstellungskraft vertraut sein. Es gibt soviele spannende Einsichten und Gedanken, ich weiß gar nicht wo ich mit dem Zitieren beginnen soll.

“The world wasn’t real anymore. Everything in it was a fraudulent copy of what it should have been, and everything that happened in it shouldn’t have been happening. For a long time afterward, Ferguson lived under the spell of this illusion, sleepwalking through his days and struggling to fall asleep at night, sick of a world he had stopped believing in, doubting everything that presented itself to his eyes.”

4 3 2 1 ist ein wunderbarer und sehr intelligenter Einblick in die vier verschiedenen Leben des jüdischen Ferguson, der 1947 in New York geboren wird. Wir erleben das Kennenlernen der Eltern Stanley und Rose und mit der Geburt ihres Sohnes Ferguson nehmen die parallel verlaufenden Lebenslinien ihren Lauf.

Auster verbindet die unterschiedlichen Entscheidungen und Erlebnisse in Fergusons Leben in Verbindung mit realen Erlebnissen aus der amerikanischen sozialen und politischen Gesichte der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zeitgleich mit den Fergusons nehmen wir an der Bürgerrechtsbewegung, dem Vietnam-Krieg und den Protesten dagegen teil.

Ab und an war ich mal etwas verwirrt, welcher Ferguson gerade am Start war, aber nix was mit ein paar Markern im Buch und schnellem Zurückblättern nicht zu entwirren wäre. Auster lässt Charaktere aus früheren Romanen auftauchen und die Leben seiner Fergusons haben eine stark autobiographische Färbung, es ist ihm wunderbar gelungen, sein Leben mosaikartig in den Roman einzuweben.

3 feb Paul Auster

„Everything always happens for the best — in this, the best of all possible worlds.“

Alle Fergusons (und Paul Auster) lieben Romane, Gedichte, Filme und Baseball und haben den großen Wunsch, Schriftsteller oder Journalisten zu werden. Seine Zeit in Paris und seine Universitätszeit an der Columbia University haben ihn stark geprägt, ebenso wie der Blitzschlag, der einen Jungen direkt neben ihm tötete, als er vierzehn Jahre alt war.

Besonders spannend fand ich die Parallelen der verschiedenen Leben, wie ähnlich und doch verschieden diese verlaufen sind. Einige der Protagonisten im Buch tauchen in ähnlichen Rollen in den verschiedenen Kapiteln auf, die Beziehungen untereinander sind teilweise jedoch deutlich anders und auch der Einfluss, den sie aufeinander und auf Ferguson haben.

Ich habe dieses Buch mit wachsender Euphorie gelesen. Auster kann einfach schreiben. Ich würde so gerne einmal in meinem Leben zu einem Abendessen in Austers &  Hustvedts Haus eingeladen werden und die ganze Nacht mit Ihnen über Literatur, Filme, Paris und Musik zu sprechen (Baseball würde ich auslassen). Hey, man wird doch wohl noch träumen dürfen.

Ich versuche nicht zu inflationär mit dem Begriff um mich zu werfen, aber dieses Buch ist ein Meisterwerk und ein ziemliches Highlight für mich im jungen Jahr 2017. Ein Roman, der Sehnsucht weckt an eine literarische Welt, der für mich das liberale und intellektuelle New York verkörpert, das aktuell als elitär und abgehoben gilt. Mir egal, heute Elite, morgen Proletariat – darauf ein Dosenbier 😉

Auf deutsch erschien das Buch unter dem gleichen Titel im Rowohlt Verlag.