Dezember Lektüre

Inspiriert von meiner momentanen Kulisse habe ich mich diesen Monat durch viele winterige und bergige Geschichten gelesen, inklusive eines echten Doorstoppers: Das achte Leben (Für Brilka) von Nino Haratischwili für meine Read Around the World Challenge (Georgien-Beitrag kommt asap).
Für den Bookclub gab’s Muriel Spark, und Weihnachten ist für mich einfach nicht Weihnachten ohne ein oder zwei Cosy Crimes.

Alles großartige Bücher, durch die Bank weg würde ich sagen 4 – 4,5 Sterne.

Vardø – Kiran Millwood Hargrave übersetzt von Carola Fischer erschienen im Diana (Penguin) Verlag

Kiran Millwood Hargraves „Vardø“ ist ein gut lesbarer interessanter Roman, Geschichten über Hexenverfolgungen nehmen mich emotional extrem mit habe ich gemerkt.

Die Geschichte beginnt im Winter 1617 im abgelegenen Vardø im Norden Norwegens, wo ein gewaltiger Sturm nahezu alle Männer der kleinen Fischergemeinde tötet. Zurück bleiben die Frauen, die sich dann gegen alle damaligen Regeln notgedrungen selbst versorgen lernen. Achtzehn Monate später haben sie sich eine fragile Unabhängigkeit erarbeitet, doch diese wird jäh zerstört, als Absalom Cornet aus Schottland eintrifft: ein fanatischer, gottesfürchtiger Mann, der die Frauen „auf den rechten Weg“ bringen soll – und in Wahrheit als Hexenjäger kommt.

Im Zentrum stehen Maren, die in Vardø aufgewachsen ist und Familie im Sturm verloren hat, und Ursa, Absaloms Frau, die aus dem vergleichsweise komfortablen Bergen stammt und in einer lieblosen Ehe gefangen ist. Ihre vorsichtige Annäherung ist einer der wenigen warmen Lichtblicke in diesem ansonsten sehr düsteren Roman.

Was mich besonders getroffen hat, ist die Erkenntnis, dass nicht einmal die letzte Ecke der Welt sicher war vor religiösem Fanatismus, Denunziation und Gewalt. Millwood Hargrave zeigt gnadenlos, wie schnell Gemeinschaften kippen können, wenn Angst, Macht und Ideologie zusammenkommen. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt: Sind das wirklich „andere Menschen“ gewesen? Oder hätten viele von ihnen in anderen Zeiten Sklaven gehalten, im Nationalsozialismus jüdische Menschen verraten, heute vielleicht wieder bereitwillig Ausgrenzung und Gewalt unterstützt? Der Gedanke, dass wahrscheinlich ein signifikanter Teil jeder Gesellschaft anfällig für autoritäre, faschistische Denkmuster ist, ist zutiefst deprimierend und beschäftigt mich nach der Lektüre noch immer.

Sprachlich gefiel mir Vardos Roman gut: roh, poetisch und oft brutal, passend zur lebensfeindlichen Landschaft und den entbehrungsreichen Lebensumständen. Die Kälte, der Hunger, die Angst – all das ist fast körperlich spürbar.

Dass der Roman auf realen Ereignissen basiert, dem Sturm von Vardø und den Hexenprozessen von 1621, macht das Gelesene noch schwerer zu ertragen. Man weiß im Grunde von Anfang an, worauf alles hinausläuft, und genau das macht es so quälend: Man möchte eingreifen, warnen, etwas verhindern – und kann es nicht.

So bleibt Vardø für mich ein atmosphärisch dichtes Buch, dass ich aber nicht wirklich an mich ran lassen wollte. Wer sich auf diese Thematik einlässt, bekommt eine erschütternde Geschichte – sollte aber wissen, dass sie einen emotional nicht unberührt lässt.

Das finstere Tal – Thomas Willmann erschienen im Liebeskind Verlag

Ein einsamer Reiter zieht in ein abgelegenes Tal, die Berge ragen bedrohlich auf, unausgesprochene Gewalt liegt in der Luft. Zack hat man ein Bild im Kopf. Das finstere Tal ist ohne Zweifel ein Roman, der denkt wie ein Film und sich auch genauso liest. Totale, Schnitt, Nahaufnahme: Thomas Willmann inszeniert sein literarisches Debüt mit der Präzision eines Regisseurs. Dass er sich im Filmhandwerk gut auskennt, merkt man auf jeder Seite.

Der sogenannte Alpenwestern ist klug gebaut, atmosphärisch dicht und handwerklich sehr souverän. Ein Fremder kommt in ein hochgelegenes Bergdorf, das von einer Bauernfamilie brutal kontrolliert wird. Lange passiert wenig, dann nimmt die Geschichte Fahrt auf und entwickelt einen ziemlichen Sog. Ab der zweiten Hälfte wird das Buch zu einem Pageturner an dem es spannungs-technisch wenig auszusetzen gibt.

Und doch bin ich mit diesem Roman nicht so recht warm geworden. Ich kann nicht einmal genau sagen warum. Die starke Cinematografie, das sehr bewusst eingesetzte Western-Vokabular und die klar gezogenen Rollen haben bei mir glaube ich eher Distanz als Nähe erzeugt. Ich habe bewundert, was hier gemacht wird, mich aber emotional selten wirklich hineingezogen gefühlt.

Sie hatten Waffen. Sie haben sich verteidgt. Viel geholfen hat es ihnen nicht.“ ….
„Sie wollen nicht, dass er vorbereitet ist, im Fall des Zweifels?“ bohrte er nach.
Die Frau überlegte eine Weile. Diesmal rang sie um eine ernst gemeinte Antwort. „Es ist nicht das Vorbereiten. Es ist das Suchen danach, wo man das Vorbereitete anbringen könnte.

Die Sprache ist historisch gefärbt, teilweise sperrig, aber expressiv und konsequent durchgezogen. Das funktioniert gut und trägt viel zur Stimmung bei. Auch die zahlreichen filmischen und literarischen Referenzen von Sergio Leone bis Cormac McCarthy, sind reizvoll manchmal fast ein bisschen zu viel.

Unterm Strich ist Das finstere Tal ein sehr gelungenes Debüt, ein Roman, der völlig zu Recht fast durchweg gute Kritiken bekommt. Für Fans von Western, Heimatroman mit dunkler Kante ist das sicher ein Volltreffer. Für mich persönlich blieb es eher eine beeindruckende Übung in Stil und Atmosphäre als eine Geschichte, die mich wirklich gepackt hat.

Das Buch wurde 2014 auch unter dem gleichen Titel von Andreas Prochaska verfilmt.

Das Schneemädchen – Eowyn Ivey erschienen im Kindler (Rowohlt) Verlag übersetzt von Claudia Arlinghaus

Eowyn Iveys Debütroman „Das Schneemädchen“ führt ins Alaska der 1920er Jahre, eine Landschaft von großer Schönheit und Härte, die für mich definitiv eine der Hauptfigur ist. Im Zentrum stehen Mabel und Jack, ein Ehepaar in den Fünfzigern, das nach einer Totgeburt und vielen Jahren unerfüllten Kinderwunsches insgesamt noch einmal neu beginnen möchte. Der Umzug in die Abgeschiedenheit Alaskas soll ein einfaches, selbstbestimmtes Leben ermöglichen, fern von schmerzhaften Erinnerungen und sozialen Erwartungen. Doch der Alltag als Siedler*innen ist entbehrungsreich: körperliche Erschöpfung, Isolation und unverarbeitete Trauer lasten schwer auf beiden, besonders auf Mabel.

Ein seltener spielerischer Moment im frischen Schnee bringt Bewegung in ihr erstarrtes Leben. Als das gemeinsam gebaute Schneemädchen am nächsten Morgen verschwunden ist und Spuren in den Wald führen, beginnt sich ihr Leben mit einer gewissen Magie zu füllen. Mit Faina tritt ein Mädchen in ihr Leben, dessen Herkunft bewusst unklar bleibt. Ob sie ein wildlebendes Kind oder eine märchenhafte Erscheinung ist, lässt der Roman offen. Gerade dieses Schweben zwischen Realität und Möglichkeit macht für michden Reiz der Geschichte aus.

Lose inspiriert vom russischen Märchen der Schneejungfrau, bleibt Ivey stets nah an einer realistischen Erzählweise. Der magisch-realistische Aspekt bleibt zurückhaltend. Stattdessen stehen der Alltag der Siedler*innen, ihre Arbeit und die langsame Entstehung von Gemeinschaft im Vordergrund. Mich hat das teilweise sehr an Laura Ingalls „Unsere kleine Farm“ erinnert, eine Buchreihe die ich wahnsinnig gern gelesen habe.

Iveys Sprache ist ruhig, atmosphärisch und sehr sicher für ein Debüt. Die Beziehung zwischen Mabel und Jack wird feinfühlig und ohne Sentimentalität erzählt, und die Natur Alaskas wirkt als emotionaler Resonanzraum der Handlung. Das Schneemädchen ist ein stiller, poetischer Roman mit zeitloser Anmutung. Eine klare Leseempfehlung für winterliche Tage, für Schneeferien in der Berghütte oder als stimmungsvolle Lektüre in der Weihnachtszeit. Ein starkes Debüt und ich wünsche uns allen eine Freundin wie Esther 🙂

Eine klare Leseempfehlung für winterliche Tage – ideal für Schneeferien in der Berghütte oder als stimmungsvolle Lektüre unterm Weihnachtsbaum.

Das achte Leben (Für Brilka) – Nino Haratischwili erschienen im Ullstein Verlag

Für mein Read around the world Projekt war Das achte Leben für Brilka mein literarischer Abstecher nach Georgien und ich hätte mir kein passenderes Buch wünschen können. Dieser Roman ist ein echter Koloss und ich hatte anfangs Respekt vor seinem Umfang, aber sobald ich im Leben dieser Familie angekommen war verlor sich das schnell. Haratischwili erzählt eine Geschichte über ein ganzes Jahrhundert georgischer und sowjetischer Vergangenheit und zeigt dabei wie Politik und Ideologie ganz unmittelbar in das Leben einzelner Menschen eingreifen.

Besonders beeindruckt hat mich wie sie das Große und das Kleine verbindet. Revolutionen, Diktatur und Unabhängigkeitskämpfe laufen hier nicht abstrakt im Hintergrund ab sondern zeigen ihre Spuren in Alltag, Beziehungen und Selbstbildern. Die Familie mit ihrer geheimnisumwobenen Schokoladenrezeptur wird im Laufe der Jahrzehnte in alle Schichten der Gesellschaft gespült und die Figuren tragen ihre Hoffnungen und Verletzungen sichtbar mit sich herum. Ich mochte sehr wie sich einzelne Charaktere über viele Jahre entwickeln und wie vertraut sie einem beim Lesen werden.

Im Kreml wusste man, dass man mit Gesetzen und Zwängen allein die neuen Bürger nicht schlagartig zu musterhaften Sowjetbürgern machen konnte, und doch musste man die Jahre der „Umerziehung“ in den neuen Gebieten im Schnelldurchlauf durchführen. Ethnische Konflikte sollten auch in diesen Gebieten zugespitzt werden – schließlich hatte sich dieses Rezept in so vielen anderen Regionen bewährt.

Ich mochte auch wie der Roman über die alten Ost West Narrative nachdenkt. Gerade die Figuren die Georgien verlassen und im Westen Fuß fassen müssen erleben eine Art doppelte Entfremdung. Sie sehnen sich nach Heimat und merken gleichzeitig wie sehr sie von außen auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Ich mochte diese Perspektive weil sie differenziert und menschlich erzählt ist und weil sie einen Blick auf den postsowjetischen Raum ermöglicht der jenseits der üblichen Klischees bleibt.

Dass Haratischwili viele weibliche Stimmen in den Mittelpunkt stellt gefällt mir besonders. Sie zeigt wie wenig dokumentiert die Erfahrungen dieser Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung sind und wie viel Kraft nötig ist um trotz Gewalt, Verlust und politischer Willkür weiterzugehen. Niza die Erzählerin schreibt ihre Familiengeschichte für ihre Nichte auf und schafft damit einen ganz besonderes Erinnerungsraum.

Bin immer noch ein bißchen in Georgien und würde das Land sehr gerne mal besuchen. In den nächsten Tagen poste ich hier meinen Read around the world „Georgien“ Beitrag dazu.

A far cry from Kensington – Muriel Spark auf deutsch unter dem Titel „Weit weg von Kensington“ im Diogenes Verlag erschienen, übersetzt von Otto Bayer

Muriel Sparks „A far cry from Kensington“ ist eine feinsinnige, zugleich bissige literarische Satire auf die Londoner Verlagswelt der 1950er Jahre, die Mrs Hawkins mit sichtbarem Vergnügen seziert. Lektoren, Verleger, Möchtegern-Autoren und literarische Hochstapler bevölkern diesen Kosmos auf der einen Seite, die eher ärmeren Bewohner aber mindestens genauso schlagfertigen Bewohner ihres Boarding Houses auf der anderen Seite.

Im Zentrum steht Mrs Hawkins: klug, unabhängig, moralisch standfest und mit einem bemerkenswerten Talent für gute Ratschläge. Viele von uns nahmen sie auf den ersten Seiten als deutlich älter wahr, als sie tatsächlich ist. In ihrer ruhigen Art und ihrem klaren Blick auf menschliche Schwächen erinnerte sie mich stellenweise an Olive Kitteridge.

In the end I concluded it was better to belong to the ordinary class. For the upper class could not live, would disintegrate, without the ordinary class, while the latter can get on very well on its own.

Unübersehbar finde ich, ist die Nähe zwischen Figur und Autorin. Spark kannte das literarische Milieu aus eigener Erfahrung, und die Frage, ob A Far Cry from Kensington als (teilweiser) Schlüsselroman zu lesen ist, liegt nahe. Dass es womöglich reale Vorbilder für den berüchtigten pisseur de copie gab, ist nie eindeutig bestätigt worden doch gerade diese Schwebe zwischen Fiktion und persönlicher Abrechnung verleiht dem Roman seine besondere Schärfe und wunderbaren Witz.

Muriel Spark zählt zu den großen Stimmen der britischen Nachkriegsliteratur. Ihr Stil ist präzise, ironisch und von einer fast unbestechlichen moralischen Klarheit geprägt. Privat galt sie als ziemlich eigenwillig und kompromisslos. Über drei Jahrzehnte lebte sie mit der Künstlerin Penelope Jardine zusammen, der sie ihr gesamtes Vermögen sowie die Rechte an ihren Büchern vermachte. Das Verhältnis zu ihrem Sohn Robin Spark hingegen war zerrüttet.

„I began to remind myself that I was Mrs Hawkins and didn’t need a dinner at the Savoy, while Hugh Lederer proceeded with his protest to the effect that in a privileged job like publishing one didn’t care about the pay.“

Aktuell gibt es gerade zwei neu erschienene Biografien zu Muriel Spark auf die ich sehr neugierig bin und ich freue mich auf weitere Bücher der Autorin.

Habt ihr neben „The Prime of Miss Jean Brodie“ noch Empfehlungen?

Berghütte – Fanny Desarzens erschienen im Atlantik Verlag, übersetzt von Claudia Steinitz

Manchmal liest man ein Buch genau im richtigen Moment. Ich habe „Berghütte“ auf der Rückfahrt aus den Bergen gelesen, unterwegs zum Weihnachtsfest nach Hause. Als ich die letzte Seite umblätterte, rollte der Zug in den Münchner Hauptbahnhof ein. Dieser Übergang von der Höhe zurück ins Tal, von der Stille in den Alltag hätte kaum besser zu diesem kleinen Roman passen können.

Fanny Desarzens erzählt von drei Männern, die ihr Leben den Bergen verschrieben haben. Zwei von ihnen führen Wandergruppen, der dritte lebt und arbeitet in einer Hütte hoch oben. Dort treffen sie sich immer wieder, teilen Brot, Wein, Feuer und Geschichten. Die Berge sind für sie mehr als Landschaft: Sie sind ein Zustand, ein Versprechen von Freiheit und Einfachheit, ein Ort, an dem alles Wesentliche greifbar scheint.

Doch diese scheinbare Selbstverständ-lichkeit beginnt zu bröckeln. Nach überstandenem Drama, dann aber beinahe unmerklich, verändert sich einer der Freunde. Desarzens wählt für diese Entwicklung einen leisen Ton, der umso eindringlicher wirkt. Sie interessiert sich weniger für das Ereignis selbst als für das Davor und Danach: für das Schweigen, das Aushalten, das Unvermögen, über Angst und Verlust zu sprechen.

Besonders gelungen fand ich die Art, wie Desarzens Nähe und Distanz zugleich beschreibt. Die Freundschaft der drei Männer ist tief, getragen von gemeinsamen Ritualen und einer stillen Loyalität und doch bleibt vieles unausgesprochen. Gerade darin liegt die Melancholie dieses Textes.

Mit einer poetischen, klaren Sprache und präzisen Bildern entfaltet Berghütte auf wenigen Seiten eine große emotionale Wirkung. Die Landschaftsbeschreibungen sind eindrucksvoll und spiegeln teilweise das Innenleben der Freunde. Beim Lesen stellte sich eine stille Sehnsucht ein: nach Höhe und Weite, nach Bergwanderungen und frisch gebackenem Brot.

Ein sehr schönes Debüt, das ich wirklich gerne gelesen habe und das 2023 sehr verdient den Schweizer Literaturpreis gewonnen hat.

Er nimmt den Pickel in die rechte Hand. Einen Moment sagt er sich, dass er auch gern einen Abdruck hinterlassen will. Er würde gern mit dem Metall in den Felsen kratzen, Linien zeichnen, Buchstaben bilden. Er würde gern seinen Namen schreiben. Doch er hängt den Pickel wieder an seinen Gürtel. Die Sonne steht hoch, sie strahlt auf den Uvarose und färbt ihn rosa. Bei diesem Licht wäre es unmöglich, Galel dort zu sehen. Man würde höchstens etwas wahrnehmen, das sich bewegt. Dann kommt eine enge Schlucht wie eine Ader.

The Adventure of the Christmas Pudding – Agatha Christie auf deutsch unter dem Titel „Das Geheimnis des Weihnachtspuddings“ im Hoffmann & Campe Verlag erschienen

Das Geheimnis von Dower House – Nicholas Blake übersetzt von Jobst-Christian Rojahn erschienen im Klett-Cotta Verlag


Weihnachten ohne Christie? Unvorstellbar. Diese Sammlung kurzer Poirot-Geschichten ist cosy Crime in Reinform: englische Herrenhäuser, familiäre Spannungen, kleine Gemeinheiten, ab und an mal ein Mord – und natürlich Hercule Poirot mit seinen „little grey cells“. Die titelgebende Geschichte spielt zur Weihnachtszeit und wurde ursprünglich für wohltätige Zwecke geschrieben. Nach Jahren der Abstinenz möchte ich jetzt sehr unbedingt mal wieder einen klassischen englischen Christmas Pudding essen.

Das Geheimnis von Dower House ist ein klassischer englischer Whodunit mit Landhaus-Setting, verschrobenen Figuren und einer Prise Understatement. Nicholas Blake ist übrigens das Pseudonym des Lyrikers Cecil Day-Lewis, der später britischer Poet Laureate wurde – ein schönes Beispiel dafür, wie sich literarischer Anspruch und Crime perfekt verbinden lassen. Elegant, clever und herrlich oldschool.

Habe beide glücklich unterm Weihnachtsbaum gelesen.

Wie war euer Lese-Dezember? Welche Bücher haben euch am meisten begeistert und kennt ihr von meinen vorgestellten Büchern welche?

September Lektüre

Der September hat sich als Lesemonat auch wirklich nicht lumpen lassen. 9 Bücher und ein Hörbuch – das kann sich sehen lassen und wieder kein wirklicher Ausfall dabei. Wie schön. Lasst uns loslegen, ich möchte euch auf ein paar wirklich schöne Bücher neugierig machen und bin auch sehr gespannt wie euer Lesemonat war. Was hat euch begeistert? Oder enttäuscht? Und ich bin gespannt, welche meiner Vorstellungen ihr bereits kennt oder auf welche ich euch Lust machen kann. Freue mich auf eure Rückmeldungen.

Artful – Ali Smith auf deutsch unter dem Titel „Wem erzähle ich das“ im Luchterhand Verlag erschienen, übersetzt von Silvia Morawetz

Ali Smiths Artful hat mich auf eine Weise bewegt, die ich nur schwer in Worte fassen kann. Es ist eines dieser Bücher, die einen sofort in ihren Bann ziehen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es sich jeder klaren Kategorisierung entzieht. Es ist weder ein Roman noch eine einfache Sammlung von Essays, sondern eine seltsame, faszinierende Mischung aus beidem. Die vier Kapitel basieren auf Vorlesungen, die Smith ursprünglich an der Universität Oxford gehalten hat, und doch fühlt sich das Buch eher wie ein poetischer, manchmal sogar traumähnlicher Dialog an – zwischen Leben und Tod, zwischen Kunst und Denken.

Die Erzählung, die sich durch das Buch zieht, handelt von einer Frau, die nach dem Tod ihrer Geliebten trauert und plötzlich von deren Geist heimgesucht wird. Diese Tote ist nicht nur ein vages Gespenst; sie ist chaotisch, unordentlich, sie spricht in Rätseln, stiehlt Gegenstände und verbreitet einen Geruch, der die Nachbarn beunruhigt. Was mich daran so fasziniert hat, war, wie natürlich und zugleich verstörend Smith diesen Übergang zwischen Leben und Tod beschreibt. Es ist nicht das Drama eines tragischen Verlustes, sondern eher eine leise, seltsam humorvolle Akzeptanz des Unerwarteten.

“We do treat books surprisingly lightly in contemporary culture. We’d never expect to understand a piece of music on one listen, but we tend to believe we’ve read a book after reading it just once.”

Gleichzeitig spielt Smith meisterhaft mit den Themen Zeit, Form und Kunst. Manchmal fühlte es sich an, als wäre ich in einem wilden Gedankenspiel gefangen, das von einem intellektuellen Abendessen zu stammen schien, bei dem Figuren wie Virginia Woolf, Freud und Shakespeare zusammenkommen. Die ständige Bewegung zwischen intellektuellem Diskurs und ganz persönlichen, emotionalen Momenten hat mich tief beeindruckt. Es ist, als würde Smith mit Leichtigkeit zwischen den Ebenen von Gedanken und Gefühlen hin- und herspringen und dabei eine emotionale Tiefe erreichen, die mich oft unvorbereitet getroffen hat.

Recitatif – Toni Morrison erschienen unter dem Titel „Rezitativ“ im Rowohlt Verlag übersetzt von Tanja Handels

Toni Morrisons „Rezitativ“ ist eine unglaubliche Geschichte, die mich einfach nicht loslässt. Sie erzählt von zwei Mädchen, Twyla und Roberta, die in einem Heim aufwachsen. Eine ist weiß, die andere schwarz – doch Morrison gibt uns nie klar zu erkennen, wer welche Hautfarbe hat. Und genau das macht den Reiz der Geschichte aus: Man glaubt ständig, die Lösung zu wissen, doch dann zweifelt man wieder. Die Vorurteile, die man selbst mitbringt, werden dabei auf subtile Weise herausgefordert.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie Morrison es schafft, unsicher zu bleiben. Jede Szene scheint Hinweise zu liefern, und doch bleibt man bis zum Ende ratlos. Es geht dabei nicht nur um die Hautfarbe der Protagonistinnen, sondern um viel mehr: um Vorurteile, um Machtstrukturen und um die Art und Weise, wie wir Menschen in Schubladen stecken. Diese Unsicherheit zieht sich durch die gesamte Geschichte und sorgt dafür, dass man sie auch lange nach dem Lesen nicht aus dem Kopf bekommt.

“Difficult to “move on” from any site of suffering if that suffering goes unacknowledged and undescribed.”

Interessant fand ich auch das Nachwort von Zadie Smith, das mir nochmal eine neue Perspektive eröffnet hat: Weiße Leserinnen und Leser neigen dazu, die Protagonistin als weiß zu lesen, während schwarze Leserinnen und Leser sie oft als schwarz interpretieren. Es zeigt, wie stark unsere Wahrnehmung von den eigenen Erfahrungen geprägt ist.

„Rezitativ“ ist viel mehr als nur eine Geschichte über zwei Mädchen – es ist ein intensives Spiel mit Wahrnehmung und Identität. Es zwingt einen dazu, sich selbst und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Für mich war es eine Lektüre, die nachhallt und die ich sicher noch mehrmals lesen werde. Ganz große Klasse von Toni Morrison!

So long, see you tomorrow – William Maxwell auf deutsch unter dem Titel „Also dann bis morgen“ im Hanser Verlag erschienen, übersetzt von Benjamin Schwarz

Maxwells Roman, der nur 134 Seiten umfasst, beginnt mit einer außerehelichen Affäre und einem Mord in einer kleinen Stadt in Illinois zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler schildert die Ereignisse um den Mord, versucht aber gleichzeitig, sich emotional davon zu distanzieren. Während er sich erinnert, reflektiert er über den Wandel der Welt seit seiner Kindheit.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist Maxwells Fähigkeit, die Charaktere so lebendig und vielschichtig darzustellen. Obwohl die Handlung eher ruhig verläuft, sind es diese fein ausgearbeiteten Figuren, die das Buch tragen. Vor allem die Beziehung des Erzählers zu seinem Freund Cletus, dessen Vater den Mord beging, bleibt im Gedächtnis. Der Erzähler quält sich bis ins hohe Alter mit Schuldgefühlen, weil er Cletus nach dem Mord ignorierte, als sie sich in der Schule begegneten.

Maxwell erzählt eine leise Geschichte, die tief bewegt, die zeigt, wie stark Kindheitserinnerungen und Schuld das Leben eines Menschen prägen können. Für alle, die langsame, tiefgründige Romane mögen, ist So Long, See You Tomorrow absolut empfehlenswert.

„I had to find an explanation other than the real one, which was that we were no more immune to misfortune than anybody else, and the idea that kept recurring to me…was that I had inadvertently walked through a door that I shouldn’t have gone through and couldn’t get back to the place I hadn’t meant to leave.“

William Maxwell (1908–2000) war ein amerikanischer Schriftsteller und über 40 Jahre Lektor beim New Yorker. Neben seinen Romanen schrieb er auch Kurzgeschichten und Kinderbücher, und seine Werke sind bekannt für ihre sensible Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen.

The Last Supper – Rachel Cusk erschienen im Picador Verlag – bislang nicht auf deutsch übersetzt

Rachel Cusks „The Last Supper“ ist ein ungewöhnliches, persönliches Reisebuch, das mich auf eine eigenwillige und charmante Reise durch Italien mitgenommen hat. Es ist kein klassischer Reisebericht, in dem schöne Landschaften und sonnige Tage im Vordergrund stehen. Stattdessen widmet sich Cusk der Kunst, dem Alltag und ihren inneren Beobachtungen, und sie tut dies mit einer Sprache, die oft poetisch und metaphorisch ist. Ihre Beschreibungen der Renaissance-Kunstwerke, die sie mit ihrer Familie betrachtet, wirken oft fast spirituell, als ob die Figuren auf den Gemälden ihr eigene Geschichten zuflüstern.

Es geht in diesem Buch jedoch nicht nur um Kunst und Architektur. Was mich besonders faszinierte, ist, wie Cusk ihre Umgebung und ihre Erlebnisse durch ihre eigene, kritische Linse betrachtet. Sie hinterfragt die touristischen Klischees von Italien, die Vorstellung von der „italienischen Lebensart“ und auch die Simplizität des Essens, die oft romantisiert wird. Wiederholt essen sie und ihre Kinder dasselbe einfache Essen – Tomaten, Schafskäse, grobes Brot – und beginnen, die Vielfalt des Essens in ihrer Heimat als etwas fast Groteskes zu empfinden.

„I wish I could learn how to read the structure of life as a weathermen read the structure of clouds, where the future must be written, if only you knew what to look for“

Interessanterweise wird in The Last Supper Cusks Ehemann nicht ein einziges Mal erwähnt, obwohl ihre beiden Töchter eine wichtige Rolle in der Erzählung spielen. Sie sind präsent, sie reisen mit, sie reagieren auf die fremde Umgebung – aber der Mann, mit dem sie in Italien unterwegs ist, bleibt unsichtbar. Es wirkt fast so, als wäre er in ihrer Wahrnehmung bereits verblasst, obwohl das Buch während der Ehe geschrieben wurde. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung ließen sich die beiden tatsächlich scheiden. Die Tatsache, dass er nicht auftaucht, verleiht der Geschichte eine subtile Spannung und lässt Raum für Spekulationen.

Rachel Cusk wurde 1967 in Kanada geboren, zog aber im Alter von acht Jahren mit ihrer Familie nach Großbritannien. Sie studierte Englische Literatur in Oxford und veröffentlichte 1993 ihren ersten Roman Saving Agnes, für den sie den Whitbread First Novel Award gewann.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull – Thomas Mann erschienen im S. Fischer Verlag

Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ hat mich total überrascht. Eigentlich hatte ich erwartet, dass mich der Stil überfordern könnte, oder ich wie beim Zauberberg kurz vor Schluß einfach nicht mehr mag, aber genau das Gegenteil war der Fall: Die Sprache ist ein reiner Genuss! Mann schreibt mit einer Eleganz und Leichtigkeit, die mich sofort in die Geschichte hineingezogen hat.

Manns Sprache ist ein Hochgenuss – elegant, ironisch und dabei erstaunlich leicht zugänglich. Schon nach wenigen Seiten war ich ganz im Bann von Felix Krull, einem Hochstapler mit so viel Charme und Witz, dass man ihm einfach alles verzeihen will. Er stiehlt sich durch die Gesellschaft mit einer Leichtigkeit, die mich fasziniert hat, und gleichzeitig ist er so sympathisch, dass ich mich fast ertappt fühle, wie ich ihm innerlich zujubelte.

Felix Krull selbst ist eine faszinierende Figur. Er ist ein Hochstapler, ja, aber einer mit so viel Charme und einem goldenen Herz, dass man ihm seine Täuschungen fast schon verzeiht. Die Art, wie er sich durch die Gesellschaft bewegt, immer mit einem Augenzwinkern, ist so unterhaltsam, dass ich mir fast wünsche, ihm mal im echten Leben zu begegnen – idealerweise bei einem Glas Champagner. Trotz seiner Betrügereien bleibt er durchweg sympathisch, was vor allem an der Art liegt, wie Mann ihn darstellt: als jemanden, der die Regeln der Gesellschaft geschickt ausnutzt, ohne dabei wirklich boshaft zu sein.

„Es war der Gedanke der Vertauschbarkeit. Den Anzug, die Aufmachung gewechselt, hätten sehr vielfach die Bedienenden ebensogut Herrschaft sein und hätte so mancher von denen, welche, die Zigarre im Mundwinkel, in den tiefen Korbstühlen sich rekelten – den Kellner abgeben können. Es war der reine Zufall, daß es sich umgekehrt verhielt – der Zufall des Reichtums; denn eine Aristokratie des Geldes ist eine vertauschbare Zufallsaristokratie.“

Interessant ist auch, dass Felix Krull schon früh in Manns Leben eine Rolle spielte. Bereits 1911 tauchte die Figur erstmals in einer Erzählung auf, und Mann kehrte später zu ihr zurück, als er sich mehr dem Humor und der Leichtigkeit zuwandte. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Werke, die oft von existenziellen Themen durchzogen sind, ist „Felix Krull“ ein eher heiteres und spielerisches Werk – fast so, als hätte Mann hier eine Pause vom Ernst des Lebens machen wollen. Ich kann im Übrigen auch die Verfilmung aus dem Jahr 1957 von Kurt Hoffmann mit Horst Buchholz in der Hauptrolle empfehlen – hat mir sehr gefallen.

Unbedingte Empfehlung – jetzt hab ich richtig Lust auf die Buddenbrocks bekommen.

Wie sieht es bei euch aus? Thomas Mann – yeahhh oder mehhh?

Brian – Jeremy Cooper erschienen bei Fitzcarraldo Editions, bislang nicht auf deutsch übersetzt

Ich hatte eigentlich nur vor, mal kurz in Jeremy Coopers Roman Brian reinzulesen, bin aber direkt hängengeblieben. Das Buch hat mich einfach reingezogen. Der Fitzcarraldo Verlag ist ein faszinierender Verlag aus London mit interessanten Romanen oft in Übersetzung bei dem ich oft fündig werde.

Cooper erzählt die Geschichte von Brian, einem einsamen Mann, der sein Leben um seine täglichen Routinen herum gebaut hat – ein Job im Camden Council, Mittagessen im Café Il Castelletto und zurück in seine kleine Wohnung. Alles läuft in geordneten Bahnen, bis Brian eines Tages das BFI (British Film Institute) entdeckt und das Kino zu einem festen Teil seines Lebens wird. Ab da sieht er sich fast jeden Abend Filme an, von Ozu über Fellini bis zu Varda, und findet so endlich eine Gemeinschaft, eine Gruppe von gleichgesinnten Filmfans. Es ist eine so schöne Idee, wie das Kino für ihn zu einem Zufluchtsort wird, wo er Freundschaft und Zugehörigkeit erlebt – etwas, das ihm sein bisheriges Leben nicht bieten konnte.

Die Art, wie Cooper die innere Welt von Brian beschreibt, ist so nah und gleichzeitig distanziert, dass man den Charakter förmlich vor sich sieht. Und ja, ich ertappe mich jetzt schon dabei, dass ich mich im Kino umsehe, ob Brian vielleicht irgendwo sitzt. Es ist ein Charakter, der einem einfach nicht aus dem Kopf geht.

„All his life, everywhere he went, Brian had shunned attention, the scars unhealed from being singled out at school in Kent as different and blamed for being so, by teachers, by other boys and by his mother. To ease his hurt he had made himself an expert at forgetting, a skill now matured, able most of the time to erase unwelcome thoughts and happenings. It did mean that he needed to hold himself on constant altert, ready to combat the threat of being taken by surprise, a state-of-being he had managed to achieve without the tension driving him crazy. There had been costs, by now discounted and removed from memory.“

Ich finde, das Buch macht auf eine sanfte, unaufgeregte Weise klar, wie stark Kunst – und in diesem Fall eben Filme – unser Leben bereichern und uns zu uns selbst führen kann. Brian erlebt das durch seine Filmleidenschaft, und ich denke, das ist etwas, womit sich viele identifizieren können, die im Kino einen besonderen Ort gefunden haben.

Wer Filme liebt und sich für das Zwischenmenschliche interessiert, sollte Brian unbedingt lesen. Es ist ein leises, aber nachhallendes Buch, das riesige Lust aufs Kino macht und meine Filmliste ist um etliches länger geworden. Große Empfehlung!

Wandering Souls – Cecile Pin erschienen im Atlantik Verlag, übersetzt von Maria Hummitzsch

Cecile Pins Debütroman Wandering Souls ist ein bewegender Roman, der die vietnamesische Flüchtlingserfahrung und die psychischen Belastungen der Assimilation einfängt. Es war mir in der Buchhandlung ins Auge gefallen, habe kurz reingelesen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Pin nimmt uns mit auf die Reise der 16-jährigen Anh und ihrer jüngeren Brüder Minh und Thanh, die sich nach dem Vietnamkrieg auf die gefährliche Flucht nach Hongkong begeben. Die Familie ist gezwungen, auf zwei verschiedenen Booten zu reisen, und nur die drei älteren Geschwister erreichen ihr Ziel. Ihre Eltern und vier weitere Geschwister kommen auf tragische Weise ums Leben.

„Die Vietnamesen haben diese Tradition“, sagte er. „Sie glauben, dass man die Toten angemessen in ihrem Heimatort beerdigen muss. Tut man das nicht, sind Ihre Seelen dazu verdammt, als Geister auf der Erde herumzuirren.“

Die Geschichte setzt drei Jahre nach dem Abzug der US-Truppen ein, als Vietnam in politischem und wirtschaftlichem Chaos versinkt. Anh, Minh und Thanh landen nach vielen Stationen – darunter Flüchtlingslager und Ablehnung durch die US-Einwanderungsbehörde – in London. Dort kämpfen sie in den 1980er Jahren mit den Herausforderungen des Lebens in einer neuen, oft feindseligen Umgebung. Besonders Anh trägt als älteste Schwester die Last der Verantwortung, während Minh in Schwierigkeiten gerät und Thanh versucht, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Der Roman schafft es, sowohl die emotionalen Wunden der Flucht als auch die Herausforderungen der Assimilation in einer neuen Gesellschaft eindrucksvoll darzustellen. Dabei setzt Pin nicht nur auf emotionale Tiefe, sondern auch auf historische Genauigkeit. Man merkt wie sehr sie für diesen Roman recherchiert hat. Es gibt Momente großen Schmerzes, schrecklicher Grausamkeiten und der Verzweiflung, aber auch Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung.

Und was hat das mit mir zu tun? – Sacha Batthyany erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag

Der Autor begibt sich auf eine tiefgründige und bewegende Spurensuche, die mir noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleiben wird. Das Buch erzählt die erschütternde Geschichte eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Österreich – das Massaker von Rechnitz – und verbindet diese düstere Vergangenheit mit Batthyanys eigener Familiengeschichte.

Was mich an diesem Buch besonders berührt hat, ist die Ehrlichkeit, mit der Batthyany die Geschehnisse aufarbeitet. Er scheut sich nicht, sich selbst und seine Familie kritisch zu hinterfragen. Auf eindringliche Weise erzählt er, wie er erst als Erwachsener von dem Massaker erfuhr und wie er sich daraufhin entschloss, der Wahrheit über seine eigene Familie auf den Grund zu gehen. Diese Recherche zieht sich über sieben Jahre und führt ihn an verschiedene Orte, von Ungarn über Sibirien bis nach Buenos Aires. Dabei werden Fragen aufgeworfen, die oft unbeantwortet bleiben – das macht die Geschichte umso eindringlicher und verstörender.

Besonders die Darstellung der Gräfin Margit Thyssen-Batthyány, Batthyanys Großtante, hat mich zum Nachdenken angeregt. Ihre Rolle in der Nacht des Massakers bleibt unklar, doch der Autor macht deutlich, dass sie eine Mitwisserin war, die mit den Tätern feierte. Diese Ambivalenz zwischen Festlichkeit und Grauen ist ein starkes Motiv des Buches. Es ist erschreckend zu sehen, wie das Schweigen über die Vergangenheit selbst in der eigenen Familie weitergegeben wurde, und Batthyanys Entschlossenheit, das zu durchbrechen, ist inspirierend.

„Die Schweiz war für sie immer nur ein Spieleland, das Leben kein echtes, jedenfalls keines mit Höhen und Tiefen, mit Glück und Leid. Denn wer nicht mindestens ein paar Verwandte im Krieg verloren, wer nie miterlebt hatte, wie eine fremde Besatzungsmacht, seien es Deutsche oder Russen, alles umstürzte, der durfte nicht von sich behaupten, wirklich etwas vom Leben zu verstehen.“

Sacha Batthyany wurde 1972 in Zürich geboren und ist Journalist und Autor. Heute arbeitet er als Korrespondent in Washington. Seine journalistische Laufbahn umfasst eine Vielzahl von Themen, wobei er oft gesellschaftliche und historische Fragestellungen aufgreift. „Und was hat das mit mir zu tun?“ ist sein Debüt in der literarischen Sachbuchszene, und es zeigt eindrucksvoll, wie persönliche Geschichte und historische Ereignisse miteinander verwoben sind.

„Und was hat das mit mir zu tun?“ ist nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern auch eine tiefgreifende persönliche Auseinandersetzung mit Schuld, Verantwortung und dem Umgang mit der Vergangenheit. Batthyanys ehrlicher und verletzlicher Schreibstil zieht einen in seinen Bann. Es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte, um die schmerzhaften Wahrheiten über die eigene Geschichte und die Geschichte der anderen nicht zu vergessen.

Lessons – Ian McEwan erschienen unter dem Titel „Lektionen“ im Diogenes Verlag, übersetzt von Bernhard Robben

Die Geschichte um Roland Baines, dessen Leben sich durch Zufälle und historische Ereignisse immer wieder in unerwartete Bahnen lenkt hat mich sehr begeistert. Die Art, wie McEwan über das Leben, die Liebe und die Last der Vergangenheit schreibt, ist mir stellenweise richtig nah gegangen – ich hätte so viele Sätze am liebsten direkt unterstrichen! Die philosophischen Gedanken und feinen Beobachtungen über menschliche Beziehungen und politische Umbrüche wirken nie aufgesetzt, sondern weben sich organisch in Rolands Lebensweg ein. Ich hatte das Gefühl, mit ihm gemeinsam durch die Jahrzehnte zu reisen und die Welt aus seiner Perspektive zu erleben.

Besonders gut gefallen hat mir McEwans Fähigkeit, alltägliche Momente so zu beschreiben, dass sie plötzlich eine ganz neue Bedeutung erhalten. Es sind oft die kleinen, beiläufigen Szenen, die einem noch lange im Kopf bleiben. Gleichzeitig stellt das Buch aber auch große Fragen: Wie beeinflussen uns die großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit? Wie sehr bestimmt die Vergangenheit unser Handeln in der Gegenwart? Ich habe das Gefühl, dass ich das Buch irgendwann unbedingt noch einmal lesen muss, weil man sicher viele Details erst beim zweiten Mal so richtig erfasst.

“His accidental fortune was beyond calculation, to have been born in 1948 in placid Hampshire, not Ukraine or Poland in 1928, not to have been dragged from the synagogue steps in 1941 and brought here. His white-tiled cell – a piano lesson, a premature love affair, a missed education, a missing wife – was by comparison a luxury suite. If his life so far was a failure, as he often thought, it was in the face of history’s largesse.”

Die Stimme des Sprechers hat perfekt zur Stimmung gepasst und die melancholischen, aber auch hoffnungsvollen Töne des Romans wunderbar transportiert. Insgesamt ist „Lektionen“ für mich ein nachdenkliches und intensives Werk, das lange nachhallt.

Ian McEwan mausert sich immer mehr zu einem meiner Lieblings-Autoren zu dessen Werken man fast blind greifen kann und man einfach sicher sein kann, nicht nur gut unterhalten zu werden, eine Menge zu lernen sondern die einem auch noch lange im Gedächtnis bleiben und mit deren Fragestellungen man sich noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Read Around the World: Vietnam

Habt Ihr Lust auf eine Weltreise? In meiner neuen Reihe werde ich ein Buch aus jedem Land der Erde lesen und vorstellen, ein Projekt auf das ich schon lange Lust habe. Mithilfe eines Zufallsgenerators lose ich die jeweils nächsten drei Länder aus, sodass ich genügend Zeit habe, die passende Lektüre zu besorgen. Wo immer möglich ein Buch eine*r Autor*in aus dem jeweiligen Land. Da ich aber außerdem meinen SUB (Stapel ungelesener Bücher) abarbeiten möchte, werde ich in wenigen Ausnahmefällen ein Buch wählen dass sich bereits in meinem Regal befindet, auch wenn der/die Autor*in nicht ursprünglich aus dem Land kommt. Darüber hinaus werde ich auch zu jedem Land weitere kulturelle Elemente einbauen: ein Film, eine lokale Band, ein typisches Gericht zum Nachkochen sowie – wenn möglich – persönliche Erfahrungen und Fotos. Im Fall von Vietnam füge ich Bilder unserer Reise 2011 hinzu, als wir dieses faszinierende Land erkundeten. Alles klar? Dann kann es ja losgehen:

Wandering Souls – Cecile Pin auf deutsch unter dem gleichnamigen Titel im Atlantik Verlag erschienen, übersetzt von Maria Hummitzsch


Cecile Pins Debütroman Wandering Souls ist ein bewegender Roman, der die vietnamesische Flüchtlingserfahrung und die psychischen Belastungen der Assimilation einfängt. Es war mir in der Buchhandlung ins Auge gefallen, habe kurz reingelesen und konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Pin nimmt uns mit auf die Reise der 16-jährigen Anh und ihrer jüngeren Brüder Minh und Thanh, die sich nach dem Vietnamkrieg auf die gefährliche Flucht nach Hongkong begeben. Die Familie ist gezwungen, auf zwei verschiedenen Booten zu reisen, und nur die drei älteren Geschwister erreichen ihr Ziel. Ihre Eltern und vier weitere Geschwister kommen auf tragische Weise ums Leben.

Die Geschichte setzt drei Jahre nach dem Abzug der US-Truppen ein, als Vietnam in politischem und wirtschaftlichem Chaos versinkt. Anh, Minh und Thanh landen nach vielen Stationen – darunter Flüchtlingslager und Ablehnung durch die US-Einwanderungsbehörde – in London. Dort kämpfen sie in den 1980er Jahren mit den Herausforderungen des Lebens in einer neuen, oft feindseligen Umgebung. Besonders Anh trägt als älteste Schwester die Last der Verantwortung, während Minh in Schwierigkeiten gerät und Thanh versucht, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden.

Der Roman schafft es, sowohl die emotionalen Wunden der Flucht als auch die Herausforderungen der Assimilation in einer neuen Gesellschaft eindrucksvoll darzustellen. Dabei setzt Pin nicht nur auf emotionale Tiefe, sondern auch auf historische Genauigkeit. Man merkt wie sehr sie für diesen Roman recherchiert hat. Es gibt Momente großen Schmerzes, schrecklicher Grausamkeiten und der Verzweiflung, aber auch Zusammenhalt, Liebe und Hoffnung.

Die Vietnamesen haben diese Tradition“, sagte er. „Sie glauben, dass man die Toten angemessen in ihrem Heimatort beerdigen muss. Tut man das nicht, sind Ihre Seelen dazu verdammt, als Geister auf der Erde herumzuirren.

Ich mochte Pins präzisen ungeschnörkelten Stil. Es ist eine vielschichtige Erzählung, die sowohl das persönliche Schicksal der Charaktere als auch die größere historische Tragödie des Vietnamkriegs und seiner Nachwirkungen umfasst. Es ist ein beeindruckendes Debüt das 2023 auf der Longlist des Women’s Prize for Fiction landete, das auf sensible Weise den Verlust und die Anpassung an eine neue Realität beleuchtet.

Cecile Pin ist eine britisch-vietnamesische Autorin, die in Paris geboren und in London aufgewachsen ist. Sie studierte Philosophie und Politik und arbeitete in der Verlagsbranche, bevor sie sich dem Schreiben widmete.

Mir hat der „Wandering Souls“ richtig gut gefallen und freue mich schon auf weitere Romane von Cecile Pin.

Vietnam wird für uns immer einen besonderen Platz im Herzen haben, da wir dort 2011 unsere Hochzeitsreise verbracht haben. Unsere Reise begann in Hanoi, einer faszinierenden Stadt, die wie ein lebendiger Bienenstock summt. Besonders die Altstadt mit ihren labyrinthartigen Gassen hat uns beeindruckt, und das Gedränge aus Fahrrädern und Mopeds machte selbst einen einfachen Straßenspaziergang zu einem kleinen Abenteuer. Wir standen am ersten Tag gefühlt 15 Minuten am Straßenrand bis wir uns trauten uns einfach todesmutig in den Verkehr zu stürzen und irgendwie zwischen all den Millionen Fahrzeugen auf die andere Straßenseite zu gelangen.

Von Hanoi aus fuhren wir zur Halong-Bucht, wo wir eine traumhafte dreitägige Bootstour auf einer traditionellen Dschunke unternahmen. Die zerklüfteten Kalksteinfelsen und die mystische Atmosphäre der Bucht gehören zu den schönsten Erinnerungen, die wir von dieser Reise mitgenommen haben. Zum Programm gehörte auch eine Kanufahrt, bei der wir uns nicht wirklich talentiert anstellten. Wir hatten Sorge wir machen die Halong Bay kaputt, als wir ziemlich heftig an einen der ikonischen Felsen rammten und die Vietnames*innen in den Booten um uns rum die auf dem Weg zum floating Market waren, haben glaube ich um ihr Leben gebangt und einen großen Bogen um unser Kanu-from-Hell gemacht.

Die Halong Bay war wirklich eine einzigartige Erfahrung, eines der schönsten Erlebnisse unserer Reisen war wirklich diese Bootstour, danach ging es weiter nach Hoi An, einer wirklich hübschen Stadt, die für ihre gut erhaltene Altstadt und die bunten Lampions bekannt ist. Dort nahmen wir an einem Kochkurs teil und entdeckten einen sehr charmanten Second-Hand-Buchladen, bei dem wir Reiselektüre nachkaufen konnten.

Die letzte Etappe unserer Reise führte uns nach Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt), das uns leider weniger begeisterte. Nach zwei bis drei Tagen waren wir froh, auf die Insel Phu Quoc zu reisen, wo wir in einer malerischen kleinen Hütte am Strand übernachteten. Es war fast perfekt – wenn nicht eine Ratte nachts ins Zimmer gekommen wäre!

Foto: Amy

Die Geschichte Vietnams ist geprägt von Kriegen und Kolonialismus, besonders durch die französische Kolonialzeit und den verheerenden Vietnamkrieg. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1954 wurde Vietnam in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden geteilt. Der Vietnamkrieg (1955–1975) brachte großes Leid und Zerstörung, und nach dem Sieg der kommunistischen Kräfte wurde das Land wiedervereinigt. Heute ist Vietnam eine sozialistische Republik, die sich wirtschaftlich öffnet und einen bemerkenswerten Wandel erlebt hat.

Die vietnamesische Küche ist bekannt für ihre frischen Zutaten und ihre zarten Aromen. Im Gegensatz zur thailändischen Küche beispielsweise wird in Vietnam in der Regel nicht übermässig scharf gegessen. Wir haben stets phänomenal gegessen, oft am besten an den winzig kleinen Straßenständchen in denen ein riesiger Topf über offenem Feuer hing und wo es Phở, eine herzhafte Nudelsuppe mit Rind- oder Hühnerfleisch gab, ein Klassiker der vietnamesischen Küche der traditionell zum Frühstück gegessen wird. Das war überhaupt mein Highlight für mich alte Suppentante. Suppe zum Frühstück ist für mich der perfekte Start in den Tag.

Zu den weiteren bekanntesten Gerichten gehört Bánh Mì, ein knuspriges Baguette, gefüllt mit Fleisch oder Tofu, eingelegtem Gemüse, Kräutern und einer pikanten Sauce oder auch Wasserspinat (Rau Muống) den wir auch sehr sehr gerne gegessen haben. Ein weiteres Highlight ist der vietnamesische Kaffee (Cà Phê), der mit süßer Kondensmilch serviert wird – ein perfekter Abschluss für eigentlich jede Mahlzeit.

Filmempfehlung: The Scent of Green Papaya (1993)
Für Vietnam möchte ich den Film The Scent of Green Papaya von Regisseur Tran Anh Hung empfehlen. Der Film spielt im Saigon der 1950er Jahre und erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens namens Mùi, das als Dienerin in einer wohlhabenden Familie arbeitet. Der Film besticht weniger durch eine komplexe Handlung, sondern durch seine visuelle Poesie und die subtile Darstellung des Alltagslebens in Vietnam. Die Sinnlichkeit des Films liegt in den alltäglichen Details: das Schälen der grünen Papaya, das leise Geräusch des Regens und die ruhigen, fast meditativen Bilder. Ich habe den Film vor ein paar Tagen gerade wieder geschaut und er ist und bleibt einer meiner allerliebsten Filme – ich kann ihn euch nur ans Herz legen.

Musiktipp: Timekeeper
Vietnam hat eine dynamische und vielfältige Musikszene, die weit über traditionelle Töne hinausgeht. Eine spannende Band, die ich vorstellen möchte, ist Timekeeper. Diese Post-Rock-Band aus Ho-Chi-Minh-Stadt erschafft atmosphärische Klanglandschaften die eine ganz besondere Stimmung erzeugen. Nicht nur für Post-Rock-Fans ein echter Leckerbissen. Hört mal rein:

https://timekeeper.bandcamp.com/album/2014

Wer jetzt Lust hast noch ein bißchen länger in Vietnam zu verweilen bzw mehr von vietnamesischen Autor*innen zu lesen, dem empfehle ich:
Monique Truong – Das Buch vom Salz
Ocean Vuong – On Earth we are briefly gorgeous
Mai Phan Que – Nguyen – Der Gesang der Berge

Noch ein paar Fakten über Vietnam:
Vietnam ist etwa 8% kleiner als Deutschland, hat dabei aber knapp 20% mehr Einwohner*innen. Das bedeutet, die Bevölkerungsdichte in Vietnam ist auch höher, besonders in städtischen Gebieten wie Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt.

OK – das war der erste Beitrag meiner Reihe „Read Around the World“. Habt ihr Lust auf die Reihe? Fehlt euch was? War es zu lang, zu kurz und möchtet ihr vorab wissen wohin es als nächstes geht, oder wollt ihr euch überraschen lassen?

Freu mich auf euer Feedback!

Day 23 Penguin Book-a-Day-Challenge (The best present)

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Great to already have presents before Christmas. Got this one a few days ago from a very good friend, and sooo happy about it 🙂 This is the perfect Holiday read before the upcoming festivities. It is pretty „arschkalt“ up here in the North, torrential rain and gale-force winds are the best excuse ever to not leave the bed and cuddle up with this book that is a wonderful little gem for every book lover.

New York, 1919. Roger Mifflin turned his biggest passion reading into his job. Wouldn’t we all want to do that? In his small little second-hand bookshop in Brooklyn, called „The Haunted Bookshop“ you will always find him hunched over a book with his pipe and his cute little dog „Bock“ named after Boccacio. Books are his life, luckily Mrs Mifflin is pretty down-to-earth and takes care of the financial and food side of business.

Spooky things go on in the bookshop. Aubrey Gilbert a young man from an advertising agency hopes to convince Roger to spend some money on ads for the bookshop, failing that he takes a strong interest in Rogers cute assistant Ms Titania. Books appear and disappear in the shop and somehow there might be a German spy conspiracy behind all this. Or not ?

“There is indeed a heaven on this earth, a heaven which we inhabit when we read a good book.”

There even is talk about Bibliotherapy – who would have thought ????

„A doctor is advertised by the bodies he cures. My business is advertised by the minds I stimulate. And let me tell you that the book business is different from other trades. People don’t know they want books. I can see just by looking at you that your mind is ill for lack of books but you are blissfully unaware of it!”

This book will warm every book lover’s heart, so I highly recommend you dare to go outside to your own favourite little haunted bookshop and get yourself a copy. Then you are good to cuddle up with it on the sofa or the bed and wait for Santa Claus 🙂

“Printer’s ink has been running a race against gunpowder these many, many years. Ink is handicapped, in a way, because you can blow up a man with gunpowder in half a second, while it may take twenty years to blow him up with a book. But the gunpowder destroys itself along with its victim, while a book can keep on exploding for centuries.”

“The beauty of being a bookseller is that you don’t have to be a literary critic: all you have to do to books is enjoy them.”

The Murder of Roger Ackroyd – Agatha Christie

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Mord in der Bibliothek 😉

Früher habe ich tonnenweise Agatha Christie’s verschlungen und bin eigentlich nie so ganz sicher, welche ich schon gelesen habe und welche nicht. Deutsche Titel, Englische Titel, Verfilmungen, Miss Marple und M Poirot – alles durcheinander. Aber eigentlich ist das auch ganz egal. So wirklich geht es doch bei einem Agatha Christie Krimi um das Feeling. Cozy Krimis nennt man sie auch oder Häkelkrimi.

Idealerweise liest man diese Krimis an einem verregneten Sonntag, einen Pott Tee neben sich auf dem Sofa liegend und sich bei einbrechender Dunkelheit so ein ganz ganz klein wenig wohlig schauernd rekelt, während man die kleinen grauen Zellen mit der Lösung des Kriminalfalls betätigt.

Diesen speziellen Krimi habe ich vorgekramt, weil er als einziger Christie-Roman auf der berühmten Liste der 1001 Bücher gelandet war und ich mehrfach gelesen habe, der sei nun Christie’s Meisterwerk gewesen und ein Meilenstein der Kriminalliteratur.

Der Inhalt ist einigermaßen schnell erzählt und er enthält so die typischen Zutaten eines guten Häkelkrimis. Die Geschichte spielt in einem fiktiven englischen Ort und wir treffen hier im Laufe der Geschichte zum allerersten Mal auf Hercule Poirot, der sich als Frührentner zum Gemüseziehen in selbigen Ort zurückgezogen hat, aber beim ersten Anzeichen eines Verbrechens natürlich auf den Plan gerufen wird. Dr. Sheppard, der Dorfarzt, erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive und er agiert wie sein berühmter Kollege Dr. Watson als Poirot’s Assistent. Eine Rolle, die in späteren Krimis zumeist Arthur Hastings übernimmt. Alles beginnt mit dem Selbstmord einer reichen Witwe, die Dr. Sheppard’s Patientin war. Über sie wird gemunkelt ihren gewalttätigen Ehemann vergiftet zu haben. Sie war mit dem reichen Witwer Roger Ackroyd verlobt, der kurz nachdem er den Abschiedsbrief der Verstorbenen in den Händen hält, der ihn davon in Kenntnis setzt, sie sei aufgrund dieses Giftmordes erpresst worden, halte es nicht mehr aus und scheide daher aus dem Leben, ebenfalls ermordet wird.

Der Brief scheint den Erpresser zu nennen, doch bevor Ackroyd diesen publik machen kann wird auch er ermordet, man findet ihn erdolcht in seiner Bibliothek. Nun gibt es einen ganzen Reigen an Verdächtigen: eine neurotische und verschuldete Schwägerin, einen Großwildjäger (die Captains und Majors aus ehemals Indien, die immer unverheiratet sind und aus irgendwelchen Gründen stets und ständig bei irgendwelchen Familien mithausen, ohne mit denen verwandt zu sein – seltsames Konzept – die gibts echt in jedem ihrer Krimis), snobistische Butler und schlitzorige Sekretäre, ebenfalls verschuldete Stiefsöhne und undurchsichtige Hausmädchen – ach seufz – alles so schön wie immer 🙂
Ein jeder verbirgt etwas und fast jeder hat eigentlich auch ein Motiv aber ein Hercule Poirot lässt sich nicht beirren und findet am ende natürlich die Lösung.

Dr. Sheppard hat eine wahnsinnig neugierige jungfernhafte Schwester namens Caroline Sheppard, die M Poirot in kriminalistischen Dingen annähernd das Wasser reichen kann. Eine sehr spannende, witzige Figur und man bekommt den Eindruck, hier taucht der Prototyp der späteren Miss Marple auf.

Der Plot ist gut, das Ende absolut überraschend und ich kann den Krimi nur jedem ans Herz legen, der Lust auf gute, einfache Unterhaltung hat, die sich anfühlt wie eine Spritztour ins England der 20er Jahre.

Als der Roman 1926 erschien hat er für ziemliches Aufsehen gesorgt, aufgrund seines sehr ungewöhnlichen Endes. Die Leser liebten oder hassten den Roman dafür. Frau Christie hat damit aber auf jeden Fall eine literarische Spezialität zumindest miterfunden.

Das Ms Christie der Todesstrafe nicht abgeneigt war, zeigt sich häufig in ihren Krimis, wo man es den überführten Tätern am Ende gerne überläßt, sich doch bitte fein säuberlich selbst aus dem Weg zu räumen. Diskret und ohne Aufssehen und natürlich mit einer stiff upper lipp 😉

Poirot’s allererster Auftritt ist einfach so wunderschön beschrieben:

„I demand of you a thousand pardons, monsieur. I am without defense. For some months now I cultivate the marrows. This morning suddenly I enrage myself with the marrows. I send them to promenade themselves – alas! not only mentally but physically. I seize the biggest. I hurl him over the wall. Monsieur, I am ashamed. I prostrate myself.“

Und noch ein schönes Zitat:

“The truth, however ugly in itself, is always curious and beautiful to the seeker after it.”

Auf deutsch erschien das Buch unter dem Titel „Alibi“ im Atlantik Verlag.