Alles was ich bin – Anna Funder

Funder

Eine Ungarin, eine Deutsche und eine Tasmanierin sitzen in einer Bar in Luang Prabang morgens um 1, trinken Liquid Cocaine und unterhalten sich über …. ja genau, Ernst Toller ! Und die Deutsche muss hier gesagt werden, hatte leider die wenigste Ahnung von allen, da sie noch nie etwas von ihm gelesen, zumindest aber schon von ihm gehört hatte.

Ein großes Indianerehrenwort folgte, dieses schnellstmöglich nachzuholen, aber auch gut 2-3 Jahre später muß ich zu meiner Schande gestehen, it just hasn’t happened yet. Aber zumindest habe ich mit Anna Funders „Alles was ich bin“ einen Roman gelesen, in dem Ernst Toller eine sehr große Rolle spielt, ich nähere mich ihm also langsam, aber stetig. Das wird noch mit Ernst und mir – ich schwöre!

Das Buch handelt von einer Gruppe deutscher Dissidenten rund um Ernst Toller und ihren Aktivitäten in den Anfangsjahren von Hitlers Machtübernahme. Ihre Aktivitäten führen dazu, dass sie schließlich aus Deutschland flüchten müssen und sich größtenteils in London niederlassen, wo sie ihre Widerstandsaktivitäten im Untergrund weiterführen. Funder hat über diese Gruppe Freunde und deren Aktivitäten hauptsächlich durch Ruth Blatt erfahren, der einzigen Überlebenden aus der Gruppe, die nach Australien ausgewandert war und sich in Sydney mit Anna Funder anfreundete.

Schon Toller ist jemand, mit dem ich vage einen Namen und seine Rolle im Widerstand in Verbindung brachte, die anderen Protagonisten, wie zum Beispiel die Politikerin Mathilde Wurm, Anna Blatts Ehemann, der Journalist Hans Wesemann oder die charismatische Journalisten Dora Fabian, sie noch viel tiefer ins Dunkel der Geschichte abrutscht und ich bin froh, dass dieses Buch sie zumindest ein Stückchen weit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt macht.

„Als Hitler an die Macht kam, lag ich in der Badewanne“. (was für ein erster Satz …)

Mir hat diese persönliche Verbindung eher gefallen, auch die Vermischung von Biografie und Roman, könnte mir aber vorstellen, dass es einige Menschen gibt, denen der Sinn nach mehr Sortenreinheit steht. Ich hatte das Gefühl, dass das Persönliche schnell in den Hintergrund geraten ist und die fiktive Dramatisierung von Ruths Leben und ihren Freunden im Mittelpunkt steht.

Ruth Blatt und ihre Freundin Dora Fabian, die sie von Kindesbeinen an kennt, sind unglaublich mutig in ihren Bemühungen, sich den überall schnell aufsteigenden Nazis zu widersetzen. Ihre Gruppe besteht überwiegend aus Intellektuellen, deren berühmtestes Mitglied der Dramatiker Ernst Toller ist. Sie bekämpfen die Nazis durch Zeitungsartikel und lassen sich durch physische und psychische Gewalt nicht von ihrer Arbeit abhalten. Auch nach ihrer Flucht nach London stellen sie ihre Bemühungen nicht ein, obwohl ihnen die Abschiebung nach Deutschland droht, machen sie unermüdlich weiter. Sie leben in einer unerträglichen Atmosphäre aus Angst, Verrat, Einsamkeit und Unsicherheit, die langsam aber sicher die Feundschaften und Liebschaften der Freundesgruppe untergräbt.

Diese Sorgen und Ängste sind keineswegs unbegründet. Einige werden aufgrund ihrer Aktivitäten zurück nach Deutschland geschickt, es gibt Verräter innerhalb der Gruppe und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Das Ruth diese Torturen und Gefahren tatsächlich überlebt hat, grenzt für mich an ein Wunder.

Dora und ihre Freundin Mathilde Wurm fand man 1935 tot in ihrer Londoner Wohnung. Ein höchstwahrscheinlich von der Gestapo inszenierter „Selbstmord“. Die britischen Untersuchungsbehörden beschäftigten sich eher oberflächlich mit den Ermittlungen und bestätigen am Ende den vermeintlichen Selbstmord.

Die Geschichte bildet sich aus zwei Erzählsträngen. Da ist einmal Ruth und die Geschichte ihrer Freundschaft mit Dora, erzählt aus heutiger Sicht und Tollers Geschichte seiner Beziehung zu Dora erzählt in New York im Jahr 1939 kurz vor seinem Selbstmord.

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Aus heutiger Sicht und mit dem Wissen was geschehen würde, kann man nur schwer nachvollziehen, dass die mutigen Menschen, die schon so früh vor Hitler warnten und die das Nazi-Regime von Anbeginn an bekämpften, international so wenig Gehör erhielten.

Ein wirklich schön geschriebener Roman, die Sprache einfach und von leiser Melancholie durchzogen. Spannend wie ein Thriller, eine Geschichte über Mut, Selbstlosigkeit, Beharrlichkeit, Verrat, Einsamkeit und Exil, die ich so schnell nicht werde vergessen können. In extremen Situationen sind manche Menschen zu Erstaunlichem fähig, bringen Mut auf, den sie sich wohl selbst so nicht zugetraut hätten. Anna Funder hat diesen heute nahezu vergessenen Menschen ein verdientes Denkmal gesetzt.

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Jetzt gibt wirklich keine Entschuldigung mehr. Ernst Tollers „Eine Jugend in Deutschland“ wird jetzt bestellt und gelesen, mit tasmanischen Teufeln ist nicht zu spaßen und ich bin auch noch neugieriger auf diesen mutigen Toller geworden, als ich es in Laos schon war.

„Am Ende unseres Lebens erinnern wir uns am lebhaftesten an jene, die wir geliebt haben, weil sie es sind, die uns geformt haben. Mit ihrer Hilfe sind wir zu dem geworden, was wir sind, wie eine Pflanze mit der Hilfe eines stützenden Pfahls wächst.“

„Toller beherrschte keinen Smalltalk, keine Kommunikationsebene für Bekannte. Er fixierte dich ein wenig zu lang mit diesen dunklen Augen. Seine einzige Umgangsart, mit jedem, war die vertrauliche. Die Frauen liebten ihn dafür. Er übersprang das ganze quälende Geplänkel, das vage Flirten, und redete, als kenne er sie und sei schon intim mit ihnen gewesen. Wer möchte sich nicht voll und ganz einem Mann hingeben, der sich jederzeit aufopfern würde, um die Welt zu retten?“

„Schmerz ist ebenso egoistisch wie Liebe. Er überwältigt Körper und Geist und nimmt Besitz von ihnen: du bist der Fleisch gewordene Schmerz – es bleibt nichts von dir übrig, das an einen anderen denken kann.“

„Behalte den Kopf oben. Lass die Schweine nicht sehen, wie fertig du bist.“

„Alles was ich bin“ ist im Fischer Verlag erschienen.

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Das Licht zwischen den Meeren – M. L. Stedman

Stedman

Das Juni-Buch für den Buchclub. Schon an Weihnachten im Bücherregal der Schwiegermama entdeckt und umgehend ausgeliehen.

Die Diskussion im Buchclub zu „Das Licht zwischen den Meeren“ war ausgesprochen lebhaft. Wer das Buch noch lesen will, sollte den Text hier nur vorsichtig geniessen, ich verpasse gleich mal einen Spoiler-Alert. Es ist schwierig über meine Reaktion auf das Buch zu schreiben, ohne zuviel zu verraten.

Erst einmal es liest sich wirklich gut. Insbesondere die erste Hälfte des Buches vergeht wie im Flug. Es ist M. L. Stedman’s erster Roman und ursprünglich startete das Buch als Kurzgeschichte. Das merkt man meiner Meinung nach. Der zweite Teil fühlt sich stellenweise etwas zäh an. Mir ging es mit dem Roman wie gelegentlich mit Fast-Food. Im Moment schmeckt es richtig gut, aber man merkt kurz drauf, es ist nicht so wahnsinnig nachhaltig. So war das hier auch. Bei der Diskussion merkten wir, da gäbe es schon das eine oder andere das wir anders gemacht hätten.

Die Geschichte selbst ist eigentlich kurz erzählt. Ein Ehepaar lebt kurz nach dem ersten Weltkrieg auf einer Insel in einem Leuchtturm vor West-Australien. Die beiden sind sehr glücklich miteinander, aber mehrere aufeinander folgende Fehlgeburten zehren an ihren Nerven. Eines Tages wird ein Boot angespült mit einem toten Mann darin und einem gesunden kleinen Baby. Die Frau überredet ihren eigentlich sehr prinzipientreuen Mann das Kind behalten zu dürfen, sie ziehen es auf und irgendwann kommt es natürlich dazu, dass sie bei einem Besuch auf dem Festland von der Mutter des Kindes hören, die noch am Leben ist und nicht wie die beiden vermuteten ebenfalls ertrunken. Die Frau ist wahnsinnig unglücklich und Tom, der Leuchtturmwärter wird von diesem Tage an von einem unglaublich schlechten Gewissen geplagt. Sie hätte das Kind nicht behalten dürfen und sollten sie es nicht zurückgeben ?

Im Buchclub hatten die meisten großes Verständnis für Tom und auch dafür das er sich dafür entscheidet sein Gewissen zu erleichtern und die Frau wissen läßt, dass ihr Kind lebt und das obwohl er damit zumindest in Kauf genommen hat, das ihr Betrug herauskommt und sie das Kind zurückgeben müssen. Mir ging Tom eher auf die Nerven. Der war mir einfach viel zu gut und brav und prinzipientreu. Er hat sich in die lebenslustige, fröhliche Isabel verliebt, ist dann aber genervt von ihr, wenn sie durch ihre leichtlebigere Art gegen seine Prinzipien verstößt. Sein Gewissen ist ihm wichtiger als Isabel’s Lebensglück und das des Kindes.

Eine spannende Frage – was hätte ich getan ? Vermutlich hätte ich mich eher wie Isabel als wie Tom verhalten. Ich bin anscheinend einfach nicht wirklich ein guter Mensch 😉

Oh mal eine Statistik am Rande – 50% der Buchclubteilnehmerinnen (also 5 in diesem Monat) haben bei dem Buch geweint. Was meint ihr – war ich eine davon ?