Existentialisten im Cafe, Meursault und eine Maschine die stoppt

Die Reihenfolge war eher zufällig, aber sie haben dann thematisch sehr gut zusammengepasst die drei Bände, die ich heute kurz vorstellen möchte. Den Anfang machte Sarah Bakewells „Das Café der Existentialisten“ – ein Buch auf das ich mich schon lange gefreut habe und das ich ganz langsam und genüsslich lesen wollte, denn ich hatte schon so eine Ahnung, dass das ein ganz besonderes Buch für mich sein würde.

existentialismus

Bakewell zeigt, wie sehr sich die Grundideen der Phänomenologie und des Existentialismus in Kultur, Kunst, Literatur, Widerstandsbewegungen wiederfinden, häufig ohne das der eigentliche Ursprung der Ideen explizit klar ist. Sie glaubt, dass wir die Ideen der Phänomenologie und des Existentialismus unbedingt aus dem Archiv holen und abstauben sollten, weil die Fragen und Ideen dieser Philosophie-Fragen besonders geeignet sind, die Menschen zum Denken zu bringen.

Die Beschäftigung mit dem Existentialismus kann uns in der aktuellen Situation helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Begriffe wie Freiheit, Handlungsfähigkeit und freier Wille haben schon die Besucher des Cafés in ihrem Roman umgetrieben und wir können uns an ihnen reiben, mit ihnen streiten oder übereinstimmen, wenn wir bei der Lektüre des Buches am Leben von Philosophen wie Simone de Beauvoir, Sartre, Camus, Heidegger, Merleau-Ponty, Murdoch und anderen teilhaben.
“…freedom may prove to be the great puzzle for the early twenty-first century…Science books and magazines bombard us with the news that we are out of control: that we amount to a mass of irrational but statistically predictable responses, veiled by the mere illusion of a conscious, governing mind…Reading such accounts, one gets the impression that we actually take pleasure in this idea of ourselves as out-of-control mechanical dupes of our own biology and environment. We claim to find it disturbing, but we might actually be taking a kind of reassurance from it—for such an idea lets us off the hook. They save us from the existential anxiety that comes with considering ourselves free agents who are responsible for what we do. Sartre would call that bad faith. Moreover, recent research suggests that those who have been encouraged to think they are unfree are inclined to behave less ethically, again suggesting that we take it as an alibi.”

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Wir sollten uns mit diesen Leuten beschäftigen, nicht weil sie immer Recht hatten, das wirklich nicht, aber weil sie unermüdlich versuchten, unsere Anwesenheit und unsere Handlungen in der Welt zu erklären. Mit außergewöhnlicher Klarheit und Dichte schafft sie es, die Kernpunkte der Phänomenologie und des Existentialismus herauszuarbeiten. Sie bringt den Leser dazu, sich mit sich selbst und seiner Rolle und Verantwortung in der Welt zu beschäftigen, gerade auch mit Blick auf die Technologie.

Bakewell bringt uns Menschen näher, die sich nicht einfach nur mit Philosophie beschäftigt haben, sondern die sie gelebt, damit gerungen, geatmet haben und nicht einfach nur darüber gesprochen oder geschrieben.

Sie ist durch und durch Philosophie-Fan und ihre Lust ist ansteckend. Sie schreibt so mitreissend, ich habe es nicht einmal bei Husserl oder Heidegger geschafft, mich zu langweilen, auch wenn ich immer mal wieder ein „???“ oder „So ein Quatsch“ an die Seite schrieben musste.

Unsere Philosophen-Freunde aus dem Buch durchlebten schwierige Zeiten und wir gucken ihnen dabei über die Schulter, wie sie sich so geschlagen haben, an den verschiedenen Weggabelungen der Geschichte. Heidegger, der den Nazis nicht widerstehen konnte, Sartre, der erst Stalin und die Gulags verteidigte und später Mao Tse Tung unterstützte, fast alle trafen schwere Fehlentscheidungen auf der Suche nach ihrer Rolle in der Welt.

“It is perfectly true, as philosophers say, that life must be understood backwards. But they forget the other proposition, that it must be lived forwards. And if one thinks over that proposition it becomes more and more evident that life can never really be understood in time because at no particular moment can I find the necessary resting-place from which to understand it.“

Ich könnte ellenlang weiterschreiben über dieses Buch, das ich so sehr mochte, ich hätte zu gerne mit der Autorin bei einem Aprikosen-Cocktail die Nacht durchdiskutiert, daraus wird leider nichts, obwohl eine theoretische Chance dazu bestünde, denn Ms Bakewell ist im März im Literaturhaus München, nur ich beruflich leider unterwegs und somit wird das leider nix.

Existentialistisch ging es im übrigen mit unserer Januar-Lektüre des Bookclubs weiter:

„The Meursault Investigation“ – Kamel Daoud

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Daoud hat, so habe ich es im Bookclub gelernt, eine Pallinade geschrieben. Also eine Antwort auf Camus „The Outsider / Der Fremde“. Daoud ein algerischer Autor und Journalist hat mit der Veröffentlichung einiges in Kauf genommen, da er zumindest zeitweise mit einer Fatwa belegt wurde, da das Buch recht religionskritisch ist.

„I’ll go so far as to say I abhor religions.“

„As for death, I got close to it years ago, and it never brought me closer to God.“

„I keep quiet here in the city, and my neighbors don’t like my independence, though they envy it and would be happy to make me pay for it.“

Ich hatte mich sehr auf „The Mersault Investigation“ gefreut, war sehr gespannt darauf, aber wir sind nicht wirklich warm geworden. Die ständigen Wiederholungen waren ermüdend, von Plot kann man eigentlich wenn überhaupt erst ab Seite 50 oder so sprechen, haben das Buch für mich zu Schwerstarbeit werden lassen.

Ich hatte erwartet, dass sein Buch Jean Rhys‘ „Wide Sargasso Sea“ ähneln würde, das wir vor ein paar Jahren im Bookclub gelesen hatten, die wirklich gute Nacherzählung von Jane Eyre aus der Sicht der verrückten in einer Kammer eingesperrten Ehefrau. Die Bücher haben durchaus ein paar Parallelen: Beide beschäftigen sich mit Fremdenfeindlichkeit, Kolonialismus und dem was aktuell „white-washing“ genannt wird, dennoch erreicht Daouds „The Meursault Investigation“ nicht annähernd Rhys‘ Klasse.

Vielleicht auch, weil der Autor sich einfach nicht recht entscheiden kann, was es sein soll. Eine Novelle, ein Meta-Roman oder eine Mischung?

Und insbesondere der erste Teil ist einfach irre langatmig, ohne jeglichen Plot und nervenzerrüttend repetitiv. Immer wieder habe ich mich beim Lesen dabei erwischt, wie die Gedanken total abschweifen, weil einfach überhaupt nix passiert ist. Das einem in einem so kurzen Buch so derart langweilig werden kann, hätte ich nicht geglaubt.

Eine Rezensentin auf Goodreads der es anscheinend ähnlich ging wie mir, hat die ersten 75 Seiten des Buches so zusammengefasst:

My brother is dead.
He was murdered.
He was murdered by a guy who wrote a famous book.
So now everyone cares about the murderer instead of my brother.
Who is dead.
Because he was murdered.
Specifically, by a guy who wrote a book about it.
And now the book is famous and nobody cares about my brother.
You know, the dead guy.
Who was murdered.

Ich möchte daher niemanden aktiv davon abhalten das Buch zu lesen, es ist definitiv interessant und es war spannend“Der Fremde“ und „The Meursault Investigation“ parallel zu lesen.

Nach soviel Existentialismus komme ich zum letzten Buch in der Runde, auf das ich bei Birgit von Sätze & Schätze aufmerksam wurde, wofür ich ihr sehr dankbar bin, denn das ist ein ganz besonderes kleines Juwel:

„The Machine stops“ – E. M. Forster

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Interessanterweise wird in Sarah Bakewells „Café der Existentialisten“ ebenfalls auf das Buch hingewiesen und daraus zitiert, also der typische Fall von erst hört man nie von etwas und nun sehe ich es überall.

E. M. Forster dürfte den meisten eher durch seine realistischen modernen Klassiker wie „A Passage to India“, „Howards End“ oder „A Room with a view“ bekannt sein. Science-Fiction, Dystopien etc gehörten nicht eigentlich zu seinem Genre. Um so gespannter war ich auf diese knapp 60-seitige Geschichte.

Forster berichtet im Vorwort das die Geschichte eine Reaktion auf Wells Zeitmaschine sei.  Im Gegensatz zu Wells‘ politischem Kommentar stellt Forster die Technik selbst als äußerste kontrollierende Instanz hin.

Die sollte man man auf gar keinen Fall lesen ohne vorher noch mal das Veröffentlichungsdatum zu überprüfen. „The Machine stops“ hat über 100 Jahre auf dem Buckel und ich habe die Geschichte glaube ich die ganze Zeit über mit erstaunt aufgerissenem Mund gelesen, so wenig konnte ich glauben, dass Forster unser Internet-Zeitalter so derart exakt vorhersehen konnte.

Um noch mal den Zeitstrahl zu bemühen: Forster hat „The machine stops“ 1909 geschrieben, also fast 25 Jahre vor Huxleys „Schöne neue Welt“ zum Beispiel und über 40 Jahre vor Orwells 1984. Meine einzige Erklärung ist – er hatte Zugriff auf HG Wells Zeitmaschine, denn die gab es immerhin seit 1895 bereits.

Die Geschichte erzählt von einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche leben können, da die Luft verseucht ist, sondern unterirdisch isoliert in standardisierten wabenförmigen Räumen. Alle ihre Bedürfnisse werden durch eine omnipotente globale Maschine befriedigt (man denkt unweigerlich an Facebook, itunes, Kindle, Online-Vorlesungen etc)

Sie sind im Grunde völlig isoliert und leben wunschlos glücklich allein mit dem Internet. Reisen sind erlaubt, aber unnötig und äußerst unbeliebt, wie überhaupt jeglicher tatsächlicher Kontakt mit den Mitmenschen der als unsauber und unmodern gilt.

“Few travelled in these days, for, thanks to the advance of science, the earth was exactly alike all over. Rapid intercourse, from which the previous civilization had hoped so much, had ended by defeating itself. What was the good of going to Peking when it was just like Shrewsbury? Why return to Shrewsbury when it would all be like Peking? Men seldom moved their bodies; all unrest was concentrated in the soul.”

Die „Maschine“ wird mit nahezu religiösem Eifer verehrt und wie der Titel des Büchleins schon vermuten lässt, irgendwann ist die Kacke am Dampfen und die Maschine droht zu stoppen.

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Ich will hier gar nicht weiter viel verraten, denn ich wünsche dieser Geschichte so viele Leser wie möglich. Wird die Maschine unser Ende besiegeln, wenn wir es nicht schaffen ein vernünftiges Verhältnis zu Technologie zu entwickeln? Sie nicht komplett verteufeln, uns aber auch nicht vollkommen abhängig machen davon.

Abwägen, wann ich mir mit Google Maps den schnellsten und direktesten Weg zu einem Ziel anzeigen lasse und wann es vielleicht viel spannender und schöner ist, mich treiben zu lassen, unbekannte Umwege zu gehen und mich vielleicht auch mal zu verlaufen.

Und mit diesen Worten beende ich mein Wort zum Sonntag und höre mal in das neue Album „The Machine Stops“ von Hawkwind rein, die sich von der Geschichte haben inspirieren lassen:

Sarah Bakewell – Das Cafe der Existentialisten erschienen im Beck Verlag
Kamel Daoud – Der Fall Meursault; Eine Gegendarstellung erschienen bei KiWi
E. M. Forster – Die Maschine steht still erschienen bei Hoffmann & Campe

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Short but sweet – Damenwahl

Heute stelle ich euch in „Short but Sweet“ vier Ladies vor, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich liebe die Vorstellung, die vier könnten gemeinsam in einer Hotelbar sitzen und sich miteinander unterhalten und trinken. Madame de Salm serviere ich ein Glas Champagner, Ms Mitford einen Gin & Tonic, Andreas Burnier vielleicht ein Heineken und Caitlin Moran bekommt einen Cider von mir. Los geht’s in chronologischer Order

Constance de Salm – 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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Ich merke, dass ich Briefromane überaus faszinierend finde. Egal ob es ein tatsächlich stattgefundener oder ein fiktiver ist – ich lese einfach gerne Briefe und noch einmal mehr, wenn es sich um ein sprachlich so kunstfertiges und poetisches Büchlein handelt.

Der Inhalt ist schnell erzählt und wird jedem, der einmal unglücklich verliebt war oder vor Eifersucht brannte, ganz und gar bekannt vorkommen. Auch wenn es heute vielleicht keine Briefe sind, die von Dienern und Boten hin und hergeschickt werden, ist die Situation doch absolut die gleiche und wer hat nicht schon ungeduldig aufs Handy-Display gestarrt, um endlich die ersehnte Antwort zu bekommen.

Madame de xxx schreibt ihrem Geliebten, nachdem sie zu Hause angekommen ist. Er hat sich nach einem gemeinsamen Theaterbesuch flüchtig von ihr verabschiedet und ist mit einer anderen Dame verschwunden. Die Eifersucht bringt sie fast zum Durchdrehen und sie versucht alles, um Klarheit zu bekommen, selbst vor einem Einbruch in sein Haus schreckt sie nicht zurück.

Das ist komplett egal, dass die Dame vor 200 Jahren lebte, ihre Gedanken und Gefühle sind so aktuell wie eh und je und daher kann ich diesen Briefroman uneingeschränkt empfehlen. Eine Frau, die trotz ihrer verliebten, eifersüchtigen Art nie unterwürfig wird, sondern ihren Schmerz und ihre Sorge zeigt, ohne sich zu erniedrigen.

„Guten Morgen, mein Freund; da bin ich, und meine Nacht war Grauen. Dein Bild und das ihre standen allzeit vor meinen Augen. Ich sah dich, hörte dich; sprach mit dir, geliebter, grausamer Freund; und wohl zwanzigmal erwachte ich mit schweißbedeckter Stirn und in schrecklicher Beklommenheit, ich wollte, ich könnte sie für dich malen. Soll ich es versuchen? Ich weiß nicht: Wir Frauen haben doch in unserer Seele unendlich viele Empfindungen, die auch der zärtlichste Geliebte kaum verstehen kann: für ihn gleichen sie einem Delirium; aber wäre selbst dieses Delirium der eigentliche Fehler der Liebe, ist es doch gleichwohl etwas Heiliges.“

Constance Marie zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1767 – 1845) war eine französische Dichterin und Schriftstellerin. Sie genoss eine für Frauen ihrer Zeit exzellente Ausbildung und und leitete einen angesehenen literarischen Salon, in dem u. a. Alexander von Humboldt, Stendhal und Alexandre Dumas verkehrten. “ 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau “ war ihr einziger Roman und zugleich größter Erfolg ansonsten schrieb sie noch die Tragödie Sappho. Sie engagierte sich leidenschaftlich für die Emanzipation der Frau und wurde erstes weibliches Mitglied in einer der Pariser Akademien.

Mich hat der Roman an Marcelle Sauvageots „Ganz die Deine“ erinnert, die Rezension findet ihr hier. Da sind schon Parallelen, oder ?

Hier findet ihr bei Sätze und Schätze eine weitere Rezension.

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Nancy Mitford – The Pursuit of Love

Was für eine Familie! Die Oktober-Lektüre unseres Bookclubs hat uns einen sehr unterhaltsamen Roman präsentiert, über den wir wunderbar diskutieren konnten und der ausnahmslos jedem in unserer Runde gefallen hat. Eine Satire auf die  „NOCD“ (Not our class dear)-Flausen, die englische Upper Class und Familienmitglieder, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Britsh Humour at its best. Habe selten so häufig gekichert beim Lesen, seitenweise Sätze unterstrichen und mich einfach bestens amüsiert. Mitford schafft es ,in ihrer nahezu-Biografie selbst tragische Momente humorvoll zu verpacken. Viel interessanter jedoch als der Roman (der durchaus interessant ist) ist die Familie Mitford an sich.

“Always either on a peak of happiness or drowning in black waters of despair they loved or they loathed, they lived in a world of superlatives”

“My dear Lady Kroesig, I have only read one book in my life, and that is ‘White Fang.’ It’s so frightfully good I’ve never bothered to read another.” 

“Linda’s presentation of the ‚facts‘ had been so gruesome that the children left Alconleigh howling dismally, their nerves permanently impaired, their future chances of a sane and happy sex life much reduced.” 

Wir fragten uns, ob sie das damalige Äquivalent zu den heutigen Kardashians waren in deutlich intellektueller, aber vermutlich ist, wenn überhaupt ein Vergleich zur Familie Mann passender. Nancy Mitford war die älteste von 6 Schwestern und einem Bruder und fast jeder aus dieser Familie ist nahezu einen eigenen Roman wert. Besondere Aufmerksamkeit finden dabei Unity. Sie wurde 1914 geboren und von ihren Eltern zu Ehren des beendeten 1. Weltkriegs so optimistisch benannt. Sie verfällt noch in England in jüngsten Jahren dem Nationalsozialismus und reist mit gerade einmal 18 Jahren nach München, in der Hoffnung auf ihr Idol Hitler zu treffen. Sie schafft das sogar sehr schnell, die beiden freunden sich an, sie verfällt ihm ziemlich und schießt sich aus Kummer aufgrund der Kriegserklärung an England im englischen Garten eine Kugel in den Kopf – mit einer Pistole, die Hitler ihr geschenkt hatte. Aufgrund des kleinen Kalibers überlebt sie allerdings, geht zurück nach England und verstirbt nur wenige Jahre später an den Spätfolgen des Schusses. Peng.

Eine weitere Schwester, Diana, heiratet einen englischen Faschisten-Führer, Jessica wird Kommunistin, Nancy und Deborah wurden bekannte Schriftstellerinnen, einzig Pamela schien ein relativ aufsehensfreies Leben zu führen. Der Bruder, Tom, stirbt 1945 in Burma.

Ich kann die Lektüre von Nancy Mitfords Büchern nur empfehlen. Vor einer Weile las ich „Wigs on the Green“ ebenfalls richtig gut und es gibt eine sehr interessante Biografie von Susanne Kippenberger über die Familie, die ich unbedingt noch einmal lesen möchte.

Eine Bookclub-Freundin fand noch diese beiden interessanten Dokumentationen einmal über Unity,  https://youtu.be/Z9kBH47Ohlg sowie ein Interview mit der jüngsten Mitford Tochter Deborah. https://youtu.be/25IO32AxGq4

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Andreas Burnier – Knabenzeit

Bin gar nicht sicher, ob Andreas Burnier eigentlich glücklich wäre, hier als Frau genannt zu werden, geboren wurde sie als Catharina Irma Dessaur, sie nahm das Pseudonym Andreas Burnier an und wurde unter diesem Namen in den Niederlanden auch recht bekannt. Pünktlich zum Buchmessen-Schwerpunkt habe ich das kurze nur 112 Seiten lange Büchlein von Birgit von Sätze und Schätze erhalten und habe am gleichen Abend noch begonnen es zu lesen.

Der Titel „Knabenzeit“ bezieht sich auf die getrennten Schwimmzeiten für Mädchen und Jungen in öffentlichen Schwimmbädern. Die Protagonistin Simone musste sich mit 9 Jahren als Kind jüdischer Eltern verstecken. Die Geschichte wird chronologisch rückwärts erzählt und wir erleben Simone an den verschiedenen Stationen an denen sie für eine Weile unterkommen konnte. Das Mädchen ist häufig isoliert, ängstlich und alleine und beschäftigt sich neben den großen Themen wie Krieg, Verfolgung, Sorge um die Eltern auch noch mit ihrer eigenen Transsexualität/Homosexualität. Immer wieder werden ihr die Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Jungen und Mädchen / Männern und Frauen bewusst.

Die Sprache ist karg und realistisch, ich hatte das Gefühl als würde sich Burnier an ein jugendliches Publikum wenden. Eine dunkle melancholische Geschichte, deren stellenweiser Sarkasmus vielleicht nicht für jeden etwas ist.

  „Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, gleich als Junge zur Welt zu kommen. Man würde sich nicht darüber wundern. Es wäre selbstverständlich, daß mit dem Körper alles in Ordnung war. Daß man Fußball spielen konnte, abends durch die Stadt gehen und Mädchen ansprechen, schwimmen, wenn Knabenzeit war. Einen Beruf wählen und in diesem Beruf weiter arbeiten, wenn man heiratete und Kinder bekam. Daß man keine öden Sachen zu tun brauchte wie Handarbeiten oder Tischdecken. Daß man zu den Menschen gehörte, die im Leben etwas leisteten: Soldaten, Wissenschaftler, Minister, Entdeckungsreisende , Ingenieure, Direktoren, und nicht zu der unbedarften Hälfte, die, ob arm oder reich, die gleiche Hausarbeit verrichten mußte. Zu denen, die selbst kein Geld verdienten und sich wie Pfauen aufputzen mußten, um der anderen Hälfte zu gefallen.“

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Caitlin Moran – How to be a Woman

Witzig wie Nancy Mitford, aber deutlich unterschiedlichen Klassen angehörig. Auch Moran kommt aus einem Haushalt mit einer unüberschaubaren Anzahl an Geschwistern, aber statt in einem Schloss wohnen sie in einem Sozialbau und auch sonst gibt es im Alltag von Nancy und Caitlin vermutlich wenig überschneidende Elemente.

Mich hat an dem Buch etwas irritiert, dass es sich als feministisches Buch präsentierte „Feminism–now with jokes!“ tatsächlich ist es ist aber eigentlich vielmehr eine Biografie und man erfährt eine Menge über Caitlin Moran. Was gar nicht so schlimm ist, wenn man weiß, worauf man sich einläßt. Ich kenne Caitlin Moran aus meiner Zeit in London in den späten 90ern /Anfang 2000 und ich glaube, je besser man sie kennt, oder selbst in den 90ern in Großbritannien aufgewachsen ist, desto eher kann man mit ihrer Biografie etwas anfangen, denke ich. Sie ist unglaublich witzig und stellenweise fremdschämend ehrlich. Es geht ihr weniger um theoretische Implikationen des Feminismus, sondern sie schaut dem Feminismus knallhart unter den Rock und ins Gesicht.

Sie berichtet von ihrer Teenagerzeit, ihrem Übergewicht, stört sich an Haaren die an den immer falschen Stellen wachsen und im späteren Teil des Buches mit dem Verlieben, Kinderkriegen, Abtreibungen und warum es auch für Feministinnen vollkommen in Ordnung ist, sich eine Putzfrau zu engagieren.

“It’s difficult to see the glass ceiling because it’s made of glass. Virtually invisible. What we need is for more birds to fly above it and shit all over it, so we can see it properly.” 

Viele interessante Gedanken in dem Buch, die es für mich insgesamt zu einer witzigen und interessanten Lektüre machten, würde es aber wohl in meinem Bekanntenkreis eher British Natives empfehlen.
“No one has ever claimed for a moment that childless men have missed out on a vital aspect of their existence, and were the poorer, and crippled by it. Da Vinci, Van Gough, Newton, Faraday, Plato, Aquinas, Beethoven, Handel, Kant, Hume, Jesus. They all seem to have managed childlessness quite well.”

Sehr cool fand ich ihren Test mit dem man herausfinden kann, ob man eine Feministin ist: “Put your hand in your underpants. a. Do you have a vagina? and b. Do you want to be in charge of it? If you said ‚yes‘ to both, then congratulations! You’re a feminist“

Und eine Erklärung dafür, was Feminismus eigentlich bedeutet hat sie auch: “What is feminism? Simply the belief that women should be as free as men, however nuts, dim, deluded, badly dressed, fat, receding, lazy and smug they might be. Are you a feminist? Hahaha. Of course you are.” 

Konnte ich Euch jetzt auf eines der Bücher Lust machen ? Mit welcher Autorin würdet ihr am ehesten was trinken gehen?

Constance de Salm – „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ erschienen im Hoffmann & Campe Verlag
Nancy Mitford – „Englische Liebschaften“ erschienen im Ullstein Verlag
Andreas Burnier – „Knabenzeit“ erschienen im Wagenbach Verlag
Caitlin Moran – „How to be a Woman: Wie ich lernte eine Frau zu sein“ erschienen im Ullstein Verlag

The Susan Sontag Read-athon

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Vor ein paar Wochen habe ich mich auf einen Susan Sontag Read-athon begeben, eine Autorin, Essayistin, Welt-Intellektuelle die ich schon sehr lange bewundere und über die ich nach einer kürzlich gesehenen Dokumentation gerne noch mehr erfahren wollte. Als mir Daniel Schreibers Biografie „Susan Sontag. Geist und Glamour“ in die Hände fiel, beschloss ich dieses „Mehr erfahren“ großflächig in Angriff zu nehmen.

Neben der Biografie besorgte ich mir die Tagebücher „Reborn. Early Diaries 1947 – 1963“ und „As Consciousness is Harnessed to Flesh: Diaries 1964 – 1980“ sowie das Rolling Stone Interview „The Doors and Dostojewski“ und begann, diese parallel zu lesen.

Ein sehr intensives Eintauchen in das Leben und die Gedanken eines anderen Menschen.

Besonders fasziniert hat mich in den frühen Tagebüchern (von 14 bis 30) wie unglaublich reif und erwachsen Sontag schon als Jugendliche denkt und schreibt. Sie scheint sich direkt aus ihrem Hirn heraus entwickelt zu haben und die Kindheit einfach wie eine lästige Hülle abgestreift zu haben, um sich voll und ganz ihrem Lebensziel, der Intellektualisierung ihrer selbst, zu widmen. Ernsthaftigkeit ist bei ihr Programm und unnachgiebig sich selbst und anderen gegenüber treibt sie ambitioniert ihr Ziel, eine ernstzunehmende Intellektuelle zu werden, voran.

Neben dem intellektuellen Erwachen zeugen ihre frühen Tagebücher auch von ihrer sexuellen Erweckung und ihrer Erkenntnis mit sechzehn in Berkely:  „I feel that I have lesbian tendencies (how reluctantly I write this).“

Viele der Einträge sind extrem persönlich, teilweise Beichten ähnlich und ich habe mich des Öfteren beim Lesen gefragt, ob sie wirklich gewollt hätte, dass diese Tagebücher in der Form veröffentlicht werden. Viele Einträge sind kurze Notizen, viele Listen (wooohooo – noch ein Listomaniac), die es nicht immer einfach machen, sie zu verstehen und es ist auch nicht immer einfach, sie zu mögen.

Sie ist eine herausfordernde Liebende, sie erwartet 100% Aufmerksamkeit, sie ist unglaublich „needy“ und anstrengend. Sie liebt heftig und hat einen Hang zu desaströsen Beziehungen.

Der erste Band ihrer Memoiren folgt ihrer intellektuellen und emotionalen Entwicklung vom Schulmädchen zur cleveren Studentin, von New York nach Paris und von ersten lesbischen Affären, über ihre Heirat und die Geburt ihres Sohnes bis hin zu Liebhaberinnen während und nach ihrer Ehe. Beruflich folgt ihrem Studium die Professur an der Columbia University und der Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit.

Der Band endet 1961 – ein Jahr, in dem sie den Eindruck hat, sich selbst nicht zu mögen und auch dem Leser fällt das nicht immer leicht. Aber man ist stets und ständig fasziniert. Ihr Sohn kommt verhältnismässig wenig vor in ihren Tagebüchern. Mich hätte das wahrscheinlich ziemlich verletzt an seiner Stelle.

Susan Sontag. Reborn: Early Diaries 1947 – 1963

Der zweite Tagebuch-Band beginnt mit Sontags Abkehr von der akademischen Welt. In ihren Dreissigern lebt sie hauptsächlich in einer Welt des Schreibens und dem rauschhaften Kultur-Konsum, den New York im Überfluss zu bieten hat. Die Tagebücher sind endlose Auflistungen von Filmen, Büchern, „Happenings“ Besuchen in Kunstgalerien usw.

Sie hat eine unglaubliche Energie, sieht teilweise 3 Filme an einem Tag und schafft es nahezu täglich ein Buch zu lesen. Das ist im übrigen etwas was ich unglaublich mag, denn ich leide ja auch unter diesem nie stillbaren Kulturhunger, der einem auch oft genug den Vorwurf einhandelt, man lese nicht tief genug, könne doch unmöglich „richtig“ lesen und verstehen.

Ihre Einträge beschäftigen sich häufig mit ihren Betrachtungen, Analysen ihrer Umwelt. Diese Band ist noch weitaus fragmentierter, kürzere Notizen, Buchzitate und wieder jede Menge Listen. Listen der gesehen oder noch zu sehenden Filme oder der Bücher die sie gelesen hat oder lesen will und Bemerkungen über ihre Therapie.

Nach ihrer schmerzvollen Trennung von der kubanischen Dramatikerin Maria Irene Fornés („I am frozen, paralysed, the gears are jammed … „) stürzt sie sich in eine Beziehung mit Carlotte del Pezzo, einer italienischen Adligen mit großem Appetit auf Heroin. Die Affäre dauert nur etwa 10 Monate, aber im Tagebuch nimmt sie viel Platz ein und bringt Sontag fast an den Rand eines Zusammenbruchs “God help me – help me – to stop loving her if she doesn’t love me any more.

Sontag liebt hart, heftig und häufig mit großem psychischen und physischen Einsatz, wenngleich häufig mit wenig Glück.

“It hurts to love. It’s like giving yourself to be flayed and knowing that at any moment the other person may just walk off with your skin.”

“Being in Love means being willing to ruin yourself for the other person.”

“I have always been full of lust – as I am now – but I have always been placing conceptual obstacles in my own path.”

Beruflich ist sie wesentlich erfolgreicher. In dieser Zeit entsteht ein Großteil ihres essayistischen Werks, unter anderem auch der in der Partisan Review erschienene Essay „Notes on Camp“, der wohl Sontags bekannteste Arbeit ist und zu einer Zeit entstand, als sie vom intellektuellen „It-Girl“ zu einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts wurde.

Eine Zeit auch, in der sie viel reist, sich mit Politik beschäftigt und dank schmerzhafter Chemotherapien eine Stage4-Brustkrebs-Diagnose überlebt.

“My library is an archive of longings.”

Ich denke, egal wieviel und was man über Sontag erfährt, am Ende bleibt, dass es ihre Arbeit und ihr publiziertes Werk ist, das zählt und die wichtigste Grundlage kritischer Beurteilungen sein muss.

“I am only interested in people engaged in a project of self-transformation.”

Susan Sontag – As Consciousness is harnessed to Flesh

Eine weitere spannende Besprechung ihrer Tagebücher findet ihr auch hier.

Daniel Schreiber, der sechs Jahre lang in New York lebte und dort auch die erste umfassende Biografie zu Susan Sontag schrieb, wirft einen distanzierten Blick auf ihr Leben. Schreiber beschäftigt sich überwiegend mit dem öffentlichen Bild Sontags, hat für seine Recherche mit vielen Freunden, Bekannten und Weggefährten Sontags gesprochen und stark ihr publiziertes Werk analysiert.

Sontag ist ein Mensch, der immer auf Mission ist. Sie hat einen Bildungsauftrag und nimmt diesen Ernst. Ihre Texte haben große Kraft. Sie ist ein Mensch, der sich gleichzeitig ständig in den Mittelpunkt stellt und doch wichtige Seiten ihrer selbst im Hintergrund lässt. Sie ist ein extrem privater Mensch, der meines Erachtens schon zu verstehen gibt, ich kann mich erst zeigen, wenn ihr als Gesellschaft toleranter wärt. Sie macht sich immer wieder angreifbar und zeigt sich auch verletzlich in ihren Selbstwidersprüchen, die ihr Werk durchziehen.

Er zeigt Sontag in all ihren Widersprüchen, nur der Mensch Sontag ist mir nach dem Buch irgendwie etwas fremd geblieben. Trotzdem kann ich die Biografie empfehlen, würde aber gerne noch eine Biografie lesen, die weniger den öffentlichen Menschen in den Mittelpunkt stellt, als die Person hinter der bekannten Intellektuellen.

Daniel Schreiber – Susan Sontag. Geist und Glamour

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Das Rolling-Stone Interview, das Jonathan Cott 1978 mit Susan Sontag führte, ist ein absolutes faszinierendes, vielseitiges Gespräch, das einem das Gefühl gibt, als Mäuschen bei einem Dinner-Date mit zwei extrem intelligenten Menschen dabeizusein und fasziniert mit offenem Mund sitzenzubleiben und zu hoffen, nicht entdeckt zu werden.

„Die meisten meiner Gedanken entwickle ich im Gespräch.“

Allein für diesen Satz liebe ich sie, denn mir geht es ganz genauso. Leider entwickel ich auch im Gespräch niemals auch nur annähernd so clevere Gedanken 😉

Das Interview entstand nicht in einer Sitzung, erst in Sontags Pariser Wohnung, dann einige Zeit später in ihrem New Yorker Loft. Das Gespräch zeigt ihre intellektuelle Spannkraft, ihr Interesse an den unterschiedlichsten Themen. Von Fotografie, Ästhetik, Politik, Nietzsche über Feminismus zu den Doors und zurück. Die weitverbreitete Trennung von Hoch- und Popkultur interessiert sich nicht im geringsten. Sie hat auf Kategorien verzichtet, alles gleich und zugleich behandelt, genau hingesehen einzig entscheidend ist der Qualitätsanspruch.

Jonathan Cott – The complete Rolling Stone Interview

Neben dem Read-a-thon hat zeitgleich in München ein dreitägiges Symposium zur Aktualität Susan Sontags stattgefunden. Im Rahmen dessen besuchte ich eine Forumsdiskussion zum Thema „Ethik des Sehens“, an der Daniel Schreiber, Carolin Emcke, Juliane Rebentisch und Stefan Hunstein teilnahmen.

Die Diskussion beschäftigte sich mit der Frage was zeigen wir? Wie zeigen wir Bilder? Mit der Ästhetik in der Ethik oder dem Fehlen von Ästhetik und Ethik?

Es kamen sehr interessante Fragen auf, ob es möglich ist, die affektive und emotionale Kraft in Bildern zu kanalisieren und zu kontrollieren. Sontag war der Ansicht, das Fotografien immer selektiv und interpretierbar und daher konstruiert sind. Sie hat Partei ergriffen für den Kontext und den narrativen Text, ohne den Bilder nicht verständlich sind. Bilder zeigen immer nur Fetzen von Wirklichkeit. Wer hat die Bedeutungskontrolle über Bilder?

Ihr Essay „Das Leiden anderer betrachten“ birgt Sontags Aufforderung in sich, genau hinzusehen und die Verpflichtung, sich moralisch kundig zu machen. Bilder nicht einfach zu konsumieren, sondern über das Gesehene nachzudenken und vom Nachdenken ins Handeln zu kommen.

Fotografie ist eine Waffe um Interesse zu manifestieren.

Als großer Fan von Sontag und der Electroband „Fischerspooner“ habe ich mich riesig gefreut zu erfahren, das Sontag kurz vor ihrem Tod einen Song für Fischerspooners Album „Odyssee“ geschrieben hat. Mit diesem Video beende ich jetzt erst einmal meinen Sontag-Marathon und widme mich meiner anderen Leseleidenschaft: Murakami. Aber keine Sorge, nur ein Roman, keine Read-a-thons momentan zu befürchten.

Hier noch mal in der Übersicht:

Susan Sontag – The Doors und Dostojewski, Hoffmann & Campe Verlag
Susan Sontag – Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963, Hanser Verlag
Suan Sontag – Ich schreibe, um herauszufinden was ich denke. Tagebücher 1964-1980
Daniel Schreiber – Susan Sontag. Geist und Glamour, Aufbau Verlag