Purity – Jonathan Franzen

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„So many Jonathans. A Plague of literary Jonathans. If you read only the New York Times Book Review, you’d think it was the most common male name in America. Synonymous with talent, greatness. Ambition, vitality.”

Jonathan Franzens neuester Trümmer ist nicht nur Ausgleichstraining für einseitig belastete Maßkrug-Athleten, es ist eine wilde Mischung aus jugendlichen kalifornischen Idealisten, Ostdeutschen, Journalisten, dem Internet und der DDR,  Eltern, Kindern und dem ewigen Geschlechterkampf.

Die Hauptgeschichte dreht sich um Purity Tyler, genannt Pip, die auf der Suche nach ihrem Vater ist. Ihre Mutter lässt sich durch nichts erweichen, ihr auch nur die geringste Kleinigkeit zu ihrem Vater zu erzählen. Hauptsächlich möchte sie ihn in der Hoffnung finden, er möge sich vielleicht an der Abzahlung ihrer haushohen Studienschulden beteiligen. An ihm als Person und Teil ihrer Herkunft zeigt sie nur marginales Interesse.

Ihre Mutter ist ziemlich seltsam, lebt abgeschieden und ärmlich in einer Hütte auf dem Land und hypochondert sich durch ihren Lebensabend. In der Geschichte gibt es drei große Handlungsstränge, die im Laufe des Buches zusammentreffen. Die Beziehung von Pip und ihrer Mutter, die Suche nach ihrem Vater und ein ostdeutscher Hacker im Julian Assange Format. Die Geschichte springt zeitlich vor und zurück und von Kalifornien, Südamerika, über Ost-Berlin vor der Wiedervereinigung nach Denver und zurück.

Es ist eine interessante, intelligente Geschichte mit Gehalt und alle Charaktere sind eigentlich durch die Bank weg ziemlich neurotisch (aber das ist irgendwie immer so bei Franzen). Die komplexen Hintergrundgeschichten werden ausführlich beschrieben. Die Komplexität minimiert den Lesefluß aber keineswegs. Franzen lesen ist wie eine richtig gute, ordentliche Mahlzeit zu sich nehmen. Nicht leicht und einfach wie bei Murakami, das sind schon ordentliche Portionen hier, mit Sauce und viel Fleisch 😉

Franzen versteht es einfach, zu erzählen. Immer wieder habe ich innegehalten beim Lesen, nachgedacht, mir einige Sätze wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen und mich insbesondere an seinen Dialogen erfreut. Ich fand insbesondere die Passagen in Ost-Berlin vor dem Mauerfall brilliant und die Beschreibung des Internet-Gurus Andreas Wolf einfach nur großartig.

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Pip lebt in einem besetzen Haus mit allerlei weltverbesserischen Leuten, unter anderem auch ein paar Deutschen, die ihr einen Kontakt zu Andreas Wolfs Enhüllungsorganisation „Sunlight Project“ herstellen.  Sie überreden sie, sich für ein Praktikum in Bolivien zu melden, wo die Organisation ihren Sitz hat und damit nicht nur ihrem dead-end-Job zu entkommen, sondern ggf. auch mit Unterstützung dieser Hacker-Organisation etwas über die Identität ihres Vaters zu erfahren.

“The world was overpopulated with talkers and underpopulated by listeners, and many of her sources gave her the impression that she was the first person who’d ever truly listened to them.”

Andreas Wolf fasziniert sie und sie lässt sich von ihm in die Redaktion des Denver Independent einschleusen. Hier arbeitet Tom, ein Journalist, den Andreas Wolf während des Mauerfalls kennenlernt und dem er damals ein riesiges belastendes Geheimnis anvertraut hat. Wolf hat Sorge, Tom könne dies journalistisch verwerten wollen und hofft, dies mit Pips Hilfe verhindern zu können.

“The mark of a legitimate revolution – the scientific, for example – was that it didn’t brag about its revolutionariness but simply occurred.”

Die große Enhüllungsorganisation ist eigentlich nur eine Atrappe, um Andreas Wolfs dunkles Geheimnis für immer zu schützen. In den Feuilletons war häufig zu lesen, Franzen vertrete in diesem Roman die These, dass Internet sei die wiederauferstandene DDR. Die These finde ich etwas abwegig und ich fand es etwas unglücklich, dass der Whistleblower der eigentliche Bösewicht der Geschichte ist, aber abgesehen davon ist es ein großartiger Roman.

“What happened in the virtual world, where beauty existed for the purpose of being hated and besmirched, was more compelling than what happened in the real world, where beauty seemed to have no purpose at all.”

„Freiheit“ hat mir noch etwas besser gefallen, vielleicht hatte das aber auch mit den Umständen zu tun, unter denen ich das Buch vor ein paar Jahren gelesen habe. Auf dem Firmen-Teamevent den Fuß gebrochen im Moshpit bei Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ und mit Spaltgips bis zum Oberschenkel verfrüht abgereist. Endlich oben in der Wohnung im 4. Stock ohne Aufzug angekommen, sah ich mich schon die nächsten Wochen wie Rapunzel im Turm sitzen und mich langweilen. Steht nicht mitten im Wohnzimmer eine riesige Kiste vom Rowohlt Verlag! Welche eine Freude – Bücherkiste gewonnen, voll mit den wundervollsten Neuerscheinungen, unter anderem Franzens „Freiheit“. Das war wirklich Glück im Unglück.

Abschließend zu Purity – es war nicht perfekt meiner Meinung nach, ein klein wenig zu lang vielleicht, insbesondere das Ende hat sich ein wenig gezogen, aber ein toll erzählter, intelligenter, humorvoller und cleverer Roman, der nicht nur die Hirnzellen trainiert, sondern bei über 1000g auch durchaus die Armmuskulatur.

Ich freue mich auf jedenfall auf seine Lesung im Literaturhaus im Oktober. Eine weitere tolle Rezension findet ihr hier:

Hier ein Interview von Franzen: https://www.youtube.com/watch?v=nGIrNN0k7iU

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Unschuld“ im Rowohlt Verlag erschienen.

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Meine Woche

778

Gesehen: „Les Diaboliques“ von Henri-Georges Clouzot mit Signore Signoret. Verdammt spannend, absolut sehenswert.

The Guest“ Horror-Thriller von Adam Wingard. War besser als erwartet und der Soundtrack war richtig gut.

United 93“ Drama von Paul Greengrass, der die Ereignisse an Bord des Fluges United 93 am 11. September 2001 wiedergibt – einfach nur heftig. .

Gehört:  „Masquerade“ – Clan of Xymox, „Moldavia“ – Front 242, „Anthonio“ – Annie, „Pressure off“ – Duran Duran, „Haunted when the minutes drag“ – Love and Rockets

Gelesen: diesen Artikel im Guardian über Margaret Atwood, diesen Artikel in der Zeit über Frauen im Musikgeschäft, diesen Artikel über das Burning Man Festival und diese Übersicht aus Wired was man 2016 wissen sollte (oder auch nicht)

Getan: Zug gefahren, geflogen, viele Meetings und diesen grandiosen Visualisierungs-Workshop besucht und am Wochenende viel geräumt und weggeworfen

Gegessen: nix gescheites

Getrunken: jede Menge Tee aber das wird sich auf der Wiesn heute sicher ändern 😉

Gefreut: über die tollen Bilder von der Kazuo Ishiguro Lesung – danke Lynn 

Geärgert: das manche Fehler wie Zombies immer wieder auftauchen

Gelacht: Don’t give up on your dreams. Keep sleeping.

Geplant: mein Tattoo in Empfang nehmen,  meine Workshop Flipcharts vorzubereiten, ein paar Artikel schreiben und mit den sketch notes beginnen und mich auf netten Besuch am kommenden Wochenende freuen

Gewünscht: diesen Mantel, diese Lautsprecher und diese Bettwäsche

Gekauft: Johnathan Franzen „Purity“ und Kazuo Ishiguro „The Buried Giant

Geklickt: auf die Voträge der „Falling Walls“ Konferenz

Gewundert: I can draw!