#WomeninSciFi (26) Lagune – Nnedi Okorafor

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Eine Weile lang war ich ganz überrascht, dass niemand über Nnedi Okorafor schreiben wollte und nun gibt es kurz hintereinander zwei Beiträge über Bücher der afrikanischen Autorin. Ich freue mich sehr, dass Kathrin von Phantásienreisen dabei ist! Wie der Blogname vermuten lässt findet man hier Besprechungen von Phantasie-Romanen, aber das ist lange nicht alles. Insbesondere ihre Besprechungen von besonderen Buch-Schmuckausgaben sind sehr gefährlich für mich und ich liebe die wöchentliche Rubrik „Sonntagsleserin“. Jetzt aber ab in die „Lagune“:

Nnedi Okorafor spaltet mit ihrer Science Fiction immer wieder die Meinungen der Leserinnen und Leser: Die einen empfinden ihre Geschichten als innovativ und loben die Einflechtung afrikanischer Mythen und Schauplätze, andere bemängeln, dass Okorafors Geschichten hinsichtlich Handlung und Charakteren schwächeln. Daher nahm ich #WomeninSciFi zum Anlass, mich Nnedi Okorafors Roman „Lagune“ zu widmen und herauszufinden, woher all das Lob und die Kritik rühren.

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In „Lagune“ entführt uns die US-Autorin in die Heimat ihrer Eltern: Nigeria. Genauer gesagt nach Lagos, die Lagunen-Stadt, die – nach Ansicht der Autorin – so viel Schönes und Hässliches vereint wie kein anderer Ort dieser Welt. Okorafors Liebe zu dieser Stadt wird in jeder Zeile des Buches spürbar. Sie fängt gekonnt die Stimmung und das Leben in dieser Stadt auf, ohne auf detaillierte Beschreibungen zurückgreifen zu müssen. Als Leserin fühlte ich mich zeitweise, als befände ich mich mitten unter den Einwohnern diese Stadt. Ich spürte die Hitze auf meiner Haut, roch das salzige Meer und atmete die schmutzige Luft ein, welche die „Fahr-Lahms“[1] verursachten. In der Schaffung von Atmosphäre liegt dabei Nnedi Okorafors größte Stärke. Das zeigt sich bereits im Prolog, in dem sie einen Schwertfisch erzählen lässt. Wir sehen, denken und bewegen uns wie der Fisch durch das Meer vor Lagos, werden wütend angesichts der Menschen, die mit ihrem Öl unseren Lebensraum verseuchen und fühlen uns plötzlich magisch angezogen zu etwas Neuem, Fremden im Meeresgrund, etwas, das uns und die anderen Meeresbewohner größer und stärker macht und uns damit etwas schenkt, womit wir uns den Menschen zur Wehr setzen können. Dieser intensive, alle Sinne ansprechende Prolog gehört wohl zu den besten Buchbeginnen, die ich je gelesen habe und setzte damit die Messlatte für den Rest des Romans hoch.

Leider ist es Okorafor jedoch nicht gelungen, dieses Niveau zu halten. Das fängt bereits bei der dürftigen Handlung an, die uns Altbekanntes an einem lediglich neuen Schauplatz präsentiert: Außerirdische sind in den Tiefen des Ozeans gelandet, um auf unserem Planeten eine neue Heimat zu finden. Eine von ihnen, die später unter dem Namen Ayodele bekannt sein wird, nimmt den Erstkontakt zur Menschheit auf. Sie führt drei Menschen am Strand von Lagos zusammen, die zwischen den Außerirdischen und der nigerianischen Bevölkerung vermitteln sollen. Zu ihnen gehören die Meeresbiologin Adaora, der erfolgreiche, ghanaische Rapper Anthony und der Soldat Agu. Drei Menschen, die durch ihren Sachverstand, ihre Wortgewandtheit und ihre Kontakte zu Militär und Politik auf verschiedenen Ebenen agieren können. Doch die Menschen reagieren, wie sie dies fast immer bei etwas Fremdem, Unbekannten tun: mit Panik, Angst und Vorurteilen. Binnen 24 Stunden versinkt Lagos in Chaos und Gewalt, während gleichzeitig verschiedene Institutionen und Personenkreise versuchen, aus diesen Entwicklungen einen Vorteil zu ziehen. Man kennt das. Nur ist der Schauplatz dieses Mal nicht Nordamerika, sondern Afrika. Lässt sich dadurch das schon tausendfach durchgespielte Szenario einer Begegnung zwischen Menschheit und außerirdischen Lebensformen neu erzählen? Theoretisch ja. Praktisch hat Nnedi Okorafor diese Chance aber vertan. Stellt man sich die Frage, ob Okorafors Geschichte in dieser Weise auch an jedem beliebigen anderen Ort der Welt hätte spielen können, muss man diese leider eindeutig mit Ja beantworten.

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Foto: Litnet

Dabei hätten afrikanische Erzähltraditionen und Mythen durchaus zu einer neuen Perspektive und individuellen Umsetzung der Erstkontaktthematik führen können. Okorafor hat dies im Laufe des Buches ein paar Mal versucht, in dem sie Gottheiten oder übernatürliche Wesen einführt. Leider sind diese zu lose mit der Geschichte verflochten; ihre Handlungsstränge werden kurz aufgegriffen und anschließend für lange Zeit oder gar für immer fallen gelassen. Ähnlich verhält es sich mit anderen Grundgedanken und Ideen, die sich in „Lagune“ finden lassen, beispielsweise der schmale Grat zwischen Glauben und Fanatismus, die Eigendynamik gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen oder der Hang der Menschheit zur Zerstörung. „Lagune“ hätte somit leicht als Spiegel aktueller politischer und gesellschaftlicher Missstände wie Xenophobie fungieren können: Obwohl die Menschen in Lagos noch nichts über die Absichten der Außerirdischen wissen, sehen sie sie direkt als Bedrohung an – aus Angst vor den Fremden, aus Sorge darüber, dass ihre Ankunft Nachteile für die in Lagos lebenden Menschen mit sich bringt. Doch Nnedi Okorafor greift diese Parallelen nicht weiter auf. Sie lässt auf episodenhafte Weise verschiedene Figuren zu Wort kommen, um uns einen breitgefächerten Überblick über die Ereignisse in der Stadt zu geben, springt  dabei allzu oft hin- und her und verstrickt sich in einem Potpourri aus Figuren und gut gemeinten Ideen, für die in diesem Ausmaß auf den rund 400 Seiten nicht genug Platz ist. Nnedi Okorafor hat viel gewollt und genau deshalb zu viele Abstriche gemacht, um alles zumindest kurz einbinden zu können.

Das geht nicht nur auf Kosten der spärlichen Handlung, sondern auch auf Kosten der Charaktere, die zu einem großen Teil recht blass oder gar stereotyp bleiben und deren tiefer liegende Beweggründe kaum deutlich werden. So sieht sich Meeresbiologin Adaora nach über zehn Jahren ihrem radikal veränderten Ehemann gegenüber: Einst ein liebevoller Mensch, der sie in all ihren Zielen und Träumen unterstützte, agiert er scheinbar aus dem Nichts heraus zornig, gewalttätig und intolerant. Okorafor begründet diesen Wandel mit einem traumatischen Erlebnis während eines Fluges und einem dadurch erweckten religiösen Fanatismus. Eine Erklärung, mit der es sich die Autorin einfach gemacht hat und die im Ausmaß der Veränderungen doch noch zu dürftig erscheint, insbesondere da Adaoras Ehemann im weiteren Verlauf des Buches noch einmal einen solchen Wandel um 180 Grad vollzieht.

Kann „Lagune“ dann wenigstens hinsichtlich der Science Fiction-Elemente überzeugen? Nicht, wenn man wirklich Wert auf die Science legt. „Lagune“ ist ein Roman über uns Menschen an sich, in dem zufällig auch Außerirdische und eine Meeresbiologin eine Rolle spielen. Wissenschaftliche Konzepte, Phänomene oder Ideen werden quasi gar nicht aufgegriffen, weshalb auch Adaoras Profession der Meeresbiologin überflüssig ist und sie jeden anderen Beruf hätte ausüben können, ohne dass dies Auswirkungen auf die Geschichte gehabt hätte.

Für den ein oder anderen Lesenden mag es erfrischend wirken, Altbekanntes und Bewährtes an einem Schauplatz zu erleben, der in der Literatur noch verhältnismäßig wenig bedient wird. Wer jedoch gezielt auf der Suche nach etwas wirklich Neuem und Innovativem ist oder sich auch nur eine Handlung mit Tiefgang und wissenschaftlichen Schwerpunkten wünscht, ist mit Nnedi Okorafors „Lagune“ falsch bedient. Für mich entpuppte sich „Lagune“ daher nach einem starken Start und hohen Erwartungen zu einer großen Enttäuschung

[1] Staus bzw. stockender Verkehr durch zu stark befahrene Straßen

 

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Things Fall Apart – Chinua Achebe

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„Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer,
Things fall apart; the center cannot hold
Mere anarchy is loosed upon the world.

– W. B. Yeats, „The Second Coming“

Chinua Achebe’s „Things Fall Apart“, ein Buch das fast jeder kennt, aber das in meinem Bekanntenkreis zumindest noch niemand gelesen hatte, war die Januarlektüre des Buchclubs.

„Things Fall Apart“ erzählt die Geschichte von Okonkwo. Ein junger Mann, der ziemliche Probleme mit seinem Vater hat, den er schwach und ambitionslos findet. Auf keinen Fall will er einmal so werden wie er. Daher gilt es, um jeden Preis jedes Anzeichen von Schwäche und Herzlichkeit im Keim zu ersticken.

Okonkwo ist ein ziemlicher Tyrann, der seine Ehefrauen und Kinder über das seiner Kultur und Zeit übliche Mass traktiert. Er ist erfolgreich und angesehen, doch das Blatt scheint sich für ihn zu wenden, als er sich mit der geplanten Ermordnung eines Jungen konfrontiert sieht, der wie ein Sohn seit ein paar Jahren in seiner Familie lebt.

Die britische Kolonialisierung und insbesondere die Missionare bringen immer größere Veränderungen mit sich. Achebe macht diesen Effekt sehr deutlich, ohne je in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Denn es gibt niemals nur Verlierer durch Veränderungen. In einer Gesellschaft, in der Stärke irgendwann nicht mehr das Einzige ist, das zählt, haben auch Frauen irgendwann die Möglichkeit, sich durch mehr auszuzeichnen als durch Schönheit und Gehorsam. Auch Zwillinge wären in der Kultur der Igbo irgendwann nicht mehr automatisch zum Tode verurteilt.

“The white man is very clever. He came quietly and peaceably with his religion. We were amused at his foolishness and allowed him to stay. Now he has won our brothers, and our clan can no longer act like one. He has put a knife on the things that held us together and we have fallen apart.”

Ich fand das Buch interessant, aber mehr wie beim Lesen eines Artikels im National Geographic, wirklich gefesselt hat es mich nicht. Der Roman enthält relativ viele unübersetzte Igbo-Worte, was sicherlich zur Authentizität der Geschichte beigetragen hat, für mich hat es den Fluß der Geschichte allerdings wieder und wieder unterbrochen.

„The world has no end, and what is good among one people is an abomination with others.”

Ich bin den Protagonisten nicht wirklich näher gekommen, das liegt aber vielleicht mehr an mir als an Achebe.

Passend zum Buch wurde beim Bookclub-Dinner Yam serviert – schmeckt interessant. Hier ein Bild vom Rest der Wurzel, vor der Zubereitung:

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Bin über die Crash Course Videos auf YouTube (die ich nur empfehlen kann) auf das „Things Fall Apart“-Video von John Green gestolpert, das ich sehr sehenswert fand:

Auf deutsch ist es unter dem Titel „Alles Zerfällt“ bei Fischer Klassik erschienen.