Polarexpedition – Teil II

Ich hoffe, alle sind aufgewärmt und bereit für die finale Etappe unserer Polarexpedition. Pünktlich zum Ende der Expedition hat es auch ordentlich geschneit in München und so für echtes Polarfeeling gesorgt.

Wir starten unsere Reise heute mit einem Buch über den Hjalmar Johansen, den stets im Schatten stehenden Begleiter berühmter Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen.


Die Geschichte von Nansens und Johansens Reise an den Rand des Pols ist spannend wie ein Krimi. Vielleicht, weil es um etwas so Grundlegendes wie das Überleben geht. Mensch gegen Natur. Der Kampf des Menschen gegen sich selbst. Hjalmar Johansen hat es verdient, aus dem Schatten von Nansen und Amundsen herauszukommen. Johansen hatte seine Schwächen, aber er hatte die Behandlung von Amundsen nach der Südpol-Expedition nicht verdient.

Amundsen wollte sein Gesicht wahren und konnte nicht riskieren, dass seine fragwürdigen Entscheidungen nach der Expedition in Frage gestellt wurden. Er beschuldigte Johansen der Meuterei und sorgte damit für dessen unaufhaltsamen Niedergang.

Hjalmar Johansen teilte Rückschläge, Entbehrungen und Gefahren mit Amundsen und Nansen. Mit letzterem überwinterte er neun Monate in einer Hütte am Nordpol und rettete auf der Südpolexpedition gar einen Kameraden vor dem Tod. Doch all das zählte nichts mehr, auf ewig sollte ihm die nachgesagte Meuterei nachhängen.

Das Buch ist eine gelungenen Mischung aus Biografie und Abenteuerroman, in dem Johansens Leben und Schicksal erzählt wird. Spannend und traurig zugleich.

Nach der zum Ende hin doch recht deprimierenden Lektüre wurde mir beim Einblick des 580 Seiten Wälzers von Hampton Sides doch etwas mulmig. Würde ich noch mal soviel Geduld aufbringen, mich über Tage in ein weiteres Polar-Abenteuer zu stürzen?

Erfreulicherweise hat Hampton Sides es mir einigermaßen einfach gemacht. Das Buch liest sich leicht und flüssig und es dauert auch einige Hundert Seiten, bis die eigentliche Polarfahrt beginnt. Ein Umstand, der andere vielleicht stört, ich fand die interessanten Erzählungen rund um die eigentliche Geschichte ganz interesant.

„Die Polarfahrt“ erzählt die wahre Geschichte der Polarexpedition der U.S.S. Jeanette aus dem Jahr 1897. Die Expedition wurde von der U.S. Navy geleitet, aber von dem wohlhabenden, unkonventionellen James Gordon Bennett Jr. finanziert, dem der New York Herald gehörte. Bennett war es, der seinerzeit Stanley ausgesandt hatte, um Livingstone zu finden, ein Zeitungsmann, der zu den Mitbegründern des Sensationsjournalismus zählen kann.

Die Expedition stach von San Francisco aus unter dem Kommando von Lieutenant Commander George De Long in See, der bereits seinen Mut und seine Geschicklichkeit auf den Eisschollen der Arktis bewiesen hatte. Das Schiff kam nicht weit, bevor es nordöstlich der Wrangel-Insel im Packeis festsaß.

Fast zwei Jahre lang driftete die Jeanette dann in nordwestlicher Richtung. Das Schiff war für das Eis konstruiert, gut ausgerüstet und die Männer meisterten die Situation mit bemerkenswerter Souveränität. Die größte Prüfung, der sie in dieser Zeit ausgesetzt waren, waren Irritation und Genervtheit untereinander.

Dann, am 12. Juni 1881, wurde die Jeanette vom unerbittlichen Druck des Eises zerdrückt und sie sank auf den Meeresgrund. Alle 33 Besatzungsmitglieder überlebten den Untergang. Es gelang ihnen auch, einen ordentlichen Vorrat an Proviant und drei kleine Boote zu bergen. Nun begann das eigentliche unerbittliche Abenteuer. Eine Reise von Hunderten von Meilen über ein zugefrorenes Meer, durch ein endloses Eislabyrinth. Sie überwanden Hunger und Stürme, Blindheit und Verzweiflung. Einer hatte sogar eine fortschreitende Syphilis, was wahrscheinlich schon auf dem Festland und in der Zivilisation schlimm genug ist, ich mag mir gar nicht vorstellen, wie man es aushält, wenn man damit in einer Eiswüste unterwegs ist. Die meisten schafften es nie wieder nach Hause.

Sides erzählt diese Geschichte überaus spannend. Das fängt schon bei seinen Charakterisierungen an, die meiner Erachtens tiefgründig und rund sind. Zum Beispiel Bennett, dem Organisator der Expedition. Das Wort Exzentriker wird ihm nicht wirklich gerecht, er ist ein Mann, der einen Fake-Artikel brachte über Tiere, die aus dem Zoo entkommen und Amok laufen, der seine Verlobte loswurde, weil er in ihren Flügel urinierte. Oder auch August Petermann, der ziemlich seltsame deutsche Kartograph, der glaubte, dass warme Meeresströmungen für ein offenes Polarmeer sorgen, der endlose Vorträge hielt und Schriften veröffentlichte zum Thema Polarexpeditionen, ohne jemals groß aus Deutschland herausgekommen zu sein (außer einem kurzen Ausflug zur Weltausstellung nach Chicago) und nicht zuletzt Emily De Long, die Frau des Kommandanten, die zahllose ergreifende Briefe schrieb, ohne einen sicheren Bestimmungsort zu haben, an den sie geschickt werden konnten. Eine sehr intelligente interessante Frau, die ihren Mann immens unterstützte.

USS Jeanette

Die Besatzung der Jeanette kommt einem nach über 500 Seiten vor wie alte Kumpel. Da ist Melville, der Chefingenieur, eine Art MacGyver des 19. Jahrhunderts; Nindemann, der herzliche Quartiermeister oder Jerome Collins, ein Meteorologe, Herald-Korrespondent und Meister des Wortspiels. Das ruhige Zentrum dieses Sturms ist jedoch Commander De Long. Auf Fotos wirkt er nicht unbedingt imposant; eher gelehrt und intellektuell, aber er war unfassbar mutig und zäh wie die Hölle.

Die Schilderung des Lebens an Bord, nachdem sich die Jeanette im Eis verkeilt hat, ist wirklich faszinierend. Tage, Monate, Jahre vergingen und die Männer blieben an Ort und Stelle, jagten, machten wissenschaftliche Messungen, trainierten, feierten Urlaub und bewegten sich langsam wie im Rhythmus des Meeres. Der Treck der Besatzung nach dem Untergang der Jeanette wird in quälenden Details erzählt. Man ist hautnah dabei, wie ihre Überlebenschancen schwinden.

Es hilft, dass Sides eine gute historische Grundlage hat, mit der er arbeiten kann. Als die Franklin-Expedition verschwand, gab es keine Überlebenden, die die Geschichte erzählen konnten, und nur wenige Beweise. Hier überlebten ein paar Männer, die erklären konnten, was genau passiert war. Bücher wurden von den Überlebenden geschrieben und der Kapitän De Long hatte ganz außergewöhnliche Anstrengungen unternommen, um die Logbücher und Tagebücher der Expedition zu retten – selbst in Kauf nehmend, dass es seine Rettung behindern könnte. Daher gab es eine Fülle von Augenzeugenberichten, die dieser Geschichte große Tiefe verleihen.

De Longs Mission hat etwas fast Perverses an sich. Sie segelten nach Norden, wohl wissend, dass sie im Eis stecken bleiben würden, aber sie taten es trotzdem, auf der Suche nach einer Chimäre, einem von Eis umgebenen Warmwasser-Ozean. Der Drang, unbedingt auch etwas Großes zu leisten, die Panik, dass fast jede Ecke der Welt schon entdeckt, der amerikanische Bürgerkrieg beendet und Männer wie De Long Sorge haben, mit ihren tapferen Vätern und älteren Brüdern nicht mithalten zu können.

Die Jeanette-Expedition widerlegte die Idee des Warmwasser-Ozeans, kartographierte einige Inseln, aber nichts von dem, was sie taten oder entdeckten, war es wert, dafür sein Leben zu lassen.

Nach diesen zwei eher deprimierenden, wenn auch spannenden Büchern über vergangene Polarexpeditionen, hoffte ich bei meinem letzten Abenteuer, dem einzigen Roman in meiner Sammlung, auf etwas mehr Leichtigkeit.

Zwei Antarktis-Expeditionen, die ein Jahrhundert auseinander liegen. Die erste, die in einer Katastrophe endete, ist der Stoff, aus dem Legenden und Jokes unter einer Gruppe moderner Forscher sind, die auf der Aegeus, einer fiktiven Antarktisbasis, stationiert sind.

Im Jahr 1913 brechen drei Männer in einem Beiboot vom Hauptschiff aus auf, um die Insel Everland zu erforschen: der hartgesottene, berechnende Erste Offizier Napps, der geradlinige, furchtlose Millet-Bass und der zarte Dinners, der so unbedarft ist wie ein frischgeschlüpfter Welpe. Ein Sturm lässt sie auf der Insel stranden, und nur Dinners wird Wochen später lebend gefunden, als die Rettungsmannschaft sie endlich erreichen kann. Napps‘ Tagebücher überleben, aber die Wahrheit, die sie enthüllen, ist umstritten. Was wirklich auf der Everland-Expedition geschah, bleibt auf der Insel und wird erst 100 Jahre später teilweise ans Licht kommen.

Einhundert Jahre später brechen drei weitere Abenteurer zu einer Jubiläumsexpedition nach Everland auf: Decker, der auf seiner letzten Antarktis-Reise ist; er ist müde, aber unbestreitbar der Anführer. Dann ist da Jess, eine zähe, super kompetente Feldassistentin und Brix, eine Forscherin, die zu Ungeschicklichkeiten neigt.

Der Roman bewegt sich zwischen diesen beiden Expeditionen hin und her und lässt Spannungsbögen entstehen, die das Buch zu einem kalten und verzweifelten Thriller werden lassen. Die körperliche Anstrengung des Überlebens wird anschaulich geschildert und die Qualen der Isolation am eisigen Ende der Welt, wenn man nicht einmal den Menschen wirklich traut, die das eigene Überleben in den Händen halten, wird nervenaufreibend und herzzerreißend von Rebecca Hunt erzählt.

Noch fesselnder sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Expeditionen und wie wenig sich auf Everland in den dazwischen liegenden Jahren verändert hat: Eine Flechte, auf die beide Teams gestoßen sind, ist tausend Jahre alt und wächst in einem Jahrhundert um einen Millimeter, ein Stück Butter behält seine Messerabdrücke über Jahrzehnte hinweg, ein eingefrorener Körper, der nach all den Jahren unheimlich unverändert ist.

Rebecca Hunts Sprache ist spartanisch und unaufgeregt. Ihr schräger Humor und ihre straffen Dialoge passen verleihen der Geschichte einen Hauch von verzweifelter Schönheit. Auch das letzte Buch meiner Polarexpedition stellt sich als hervorragende und spannende Lektüre raus.

So – wir haben es gemeinsam geschafft. Alle Expeditionsmitglieder sind wieder heil zu Hause angekommen. Wer noch immer nicht genug hat, den lade ich ein, meinen kurzen eisigen Trip vom letzten Jahr anzuschauen. Dafür bitte hier entlang.

Ich habe bereits einen tollen Tipp für die nächste Expedition bekommen (The Terror von Dan Simmons), ich sehe mich auch zwischen Ende des Jahres 2021 wieder in eisige Fernen aufbrechen. Wenn euch also sonst noch entsprechende Buchtipps einfallen – gerne her damit.

#WomeninScience (9) Monica Kristensen

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Foto: forfatterforeningen

Ich freue mich sehr, dass es erneut eine Wiederholungstäterin gibt 😉 Esther von Esthers Bücher war schon bei #Women in SciFi dabei und stellt uns heute das Buch einer Glaziologin (!) vor, mit der wir eine Reise an den Südpol unternehmen:

Monica Kristensen: Amundsens letzte Reise

Die 1950 geborene norwegische Glaziologin und Meteorologin Monica Kristensen schreibt seit 2007 sehr erfolgreiche Kriminalromane, Bücher hat sie aber auch vor dieser Zeit geschrieben, nämlich Expeditionsberichte und Sachbücher. An der Universität Tromsø hat sie Physik studiert und sie wurde 1983 in Cambridge promoviert. Zu dieser Zeit nahm sie bereits an Expeditionen in die Arktis und Antarktis teil. Bei ihren Expeditionen trat sie wortwörtlich in die Fußstapfen Roald Amundsens, so zum Beispiel 1986/87 als sie dem Weg Amundsens zum Südpol gefolgt ist. Die mit Schlittenhunden unternommene Expedition musste zwar abgebrochen werden, einige Jahre später erreichte sie aber doch den Südpol. Eine andere Expedition hat sich vorgenommen, Amundsens Zelt am Südpol zu finden, hierbei sind mehrere Teilnehmer in Gletscherspalten gefallen, einer von ihnen verlor dabei sein Leben.

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Monica Kristensen weiß also aus eigener Erfahrung, wie es ist, in der eisigen Kälte der Polarregionen unterwegs zu sein und dabei Kameraden zu verlieren. Und auf die Rettung zu warten. In ihrem Anfang 2019 erschienen Buch Amundsens letzte Reise folgt er wieder einmal den Spuren Amundsens, und versucht eine Erklärung dafür zu finden, wie der erfahrenste Polarforscher der Zeit ohne Spur verschwinden konnte.

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Er war der berühmteste Entdecker Norwegens, der als erster am Südpol war, als erster die Nordwestpassage und als erster die Nordostpassage durchfuhr. Und der als erster mit einem Luftschiff über dem Nordpol war. Roald Amundsen verschwand am 18. Juni 1928, und bis heute wissen wir nicht, was damals mit ihm passiert ist, warum er nach so vielen an Wunder grenzenden überlebten Expeditionen diesmal mit seinem Leben für seine Kühnheit bezahlen musste.

Zu dieser Zeit lag seine letzte Expedition (mit dem Luftschiff Norge) bereits zwei Jahre zurück. Der Konflikt mit dem italienischen Kapitän der Norge, Umberto Nobile, war jedoch noch nicht abgeklungen. Amundsen hielt Nobile für ungeeignet, Polarexpeditionen zu leiten, und er hielt sich mit seiner Meinung auch öffentlich nicht zurück. Nobile ergriff nun die Möglichkeit, mit dem Schwesterschiff der Norge, der Italia, nun in eigener Regie den Nordpol zu erreichen, was ihm auch gelang. Auf dem Rückflug vom Nordpol stürzte die Italia jedoch ab, die Mannschaft galt als verschollen.

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Obwohl kein Norweger als Mitglied der italienischen Expedition unterwegs war, leiteten die Norweger sofort eine Suchaktion ein, zu dem sie natürlich auch gleich den höchsten Experten der Polarregion einluden:

„Er war von höchster Stelle gebeten worden, in den Norden zu fahren, um einen Mann zu retten, von dem alle wussten, dass er sein Feind war – eine äußerst edle Aufgabe.“

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Als wäre die Situation so noch nicht pikant genug, kommt es bald auch zu weiteren interessanten Wendungen. Die italienische Regierung zögert nämlich, sich an der Rettungsaktion zu beteiligen (sie sind überzeugt, dass die Mannschaft der Italia tot ist), und die bescheidenen Mittel der norwegischen Regierung erlauben es nicht, die Aktion in dem Ausmaß durchzuführen, der es ermöglichen würde, Amundsen mit einem Flugboot daran beteiligen zu lassen. Die deutlich kleinere Aktion wird in die Hände des erfahrenen Piloten, Hjalmar Riiser-Larsen gegeben, Amundsen muss von der Seitenlinie zusehen, wie er übergangen wird.

Letztendlich, nach etlichen Schwierigkeiten, kommt er doch an ein Flugboot, und macht sich auf den Weg, Nobile zu finden und zu retten. Was an diesem Punkt genau passiert, ist bis heute unklar. Er fliegt mit dem französischen Flugzeug, der Latham 47 Richtung Bäreninsel, es gibt noch diverse Funksprüche von der Latham, Amundsen und die Mannschaft des Flugzeugs werden aber nie wiedergesehen. Es wurden Spuren des Flugzeugs gefunden, die darauf hindeuten, dass die Mannschaft in Schwierigkeiten geraten ist und versucht hat, sich zu retten, aber weder Flugzeug, noch Mannschaft wurden je gefunden.

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Monica Kristensen erzählt in diesem Sachbuch sehr detailliert die Umstände, die zum Verschwinden Amundsens geführt haben, und erzählt auch die packende Geschichte der Italia-Expedition. Es ist ein spannendes Buch, das am Ende auch noch mit einer interessanten und glaubwürdigen Theorie aufwartet, die ein neues Licht auf Amundsens Schicksal wirft. Dass Monica Kristensen auch Kriminalromane schreibt, lässt sich am Schreibstil merken – was hier auf jeden Fall positiv gemeint ist. Sie bleibt sachlich und spart nicht mit technischen Details, sorgt aber auch dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Eine klare Leseempfehlung!

Amundsens siste reise/Amundsens letzte Reise erschien im btb Verlag.