The Power – Naomi Alderman

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Da hatte Margaret Atwood tatsächlich recht. Dieser Roman hat mich aus den Socken gehauen. „The Power“ ist die außergewöhnliche Geschichte, wie sich das Kräfteverhältnis in der Welt verändern würde, wenn Frauen plötzlich diejenigen wären, die die „Power“ hätten und es ist gleichzeitig ein provokant-feministischer Blick auf unsere gegenwärtige Welt.

Die Geschichte beginnt in etwa 2000 Jahren, in der unsere Gegenwart als die „Cataclysm Era“ bezeichnet wird, denn sie endete mit einem weltweiten katastrophalen Krieg, aus der neue Zivilisationen hervorgingen. Zu Beginn des Buches leben sie in einer Gesellschaft, die der unseren ähnlich ist. Der einzige große Unterschied ist, dass nach der Katastrophe alle Frauen mit einem Skein geboren werden. Einem internen Organ, das Energiestöße freisetzen kann, die so heftig sein können, das man jemanden damit verletzen, kontrollieren, töten aber auch heilen kann – genannt „the Power“.

Frauen wurden durch diese Entwicklung immer mächtiger und alle Gesellschaften, die ab dem Zeitpunkt historisch erwähnt werden, sind Matriarchate. Wir erfahren all das über die Zukunft, über den Email-Austausch zwischen dem Autor des „historischen Textes“und der Redakteurin jeweils am Anfang und Ende des Romans. Der Roman selbst beschäftigt sich mit dem, was der Autor (ein Mann) als Auslöser für die Katastrophe annimmt. Der Roman den wir lesen spielt also zu unserer Zeit in unserer patriarchalischen Welt und beginnt mit dem Moment, in dem die ersten Frauen mit einem Skein und somit der Power geboren werden und wie zeigt, wie schnell sich das Kräfteverhältnis in der Welt von den Männern zu den Frauen hin verschoben hat.

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Alderman beschäftigt sich mit der Idee, das Power immer eine korrumpierende Sache ist, die Menschen dazu bringt schlimme Dinge zu tun, einfach nur weil sie können, unabhängig, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Auch wenn man sich vielleicht erhoffen würde, Frauen würden mit einer solchen Power besser umgehen, hat Aldermanwahrscheinlich recht. Wer Power hat, der nutzt sie wohl meistens auch, obwohl es auch immer Ausnahmen gibt.

Frauen sind Männern nicht moralisch überlegen und zu schrecklichen Dingen ganz genauso befähigt. All die schrecklichen Dinge, die Frauen in diesem Roman Männern antun, passieren jeden Tag auf unseren Straßen. Männer, die Angst haben alleine durch dunkle Straßen zu gehen, die es vermeiden, Frauen in die Augen zu sehen aus Angst, sie zu provizieren, Frauen, die die Arbeit von Männern als die ihre ausgeben oder Guerilla-Frauen, die die Geschlechtsteile von Männern verstümmeln oder Männer vergewaltigen und es filmen – all das sind „normale“ Geschehnisse für Frauen, die irre provakant wirken, wenn die Rollen dabei vertauscht sind.

“This is the trouble with history. You can’t see what’s not there. You can look at an empty space and see that something’s missing, but there’s no way to know what it was.”

“It doesn’t matter that she shouldn’t, that she never would. What matters is that she could, if she wanted. The power to hurt is a kind of wealth.”

Wer jetzt Sorge hat, dass es sich hierbei um ein durch und durch dunkel-verstörendes Buch handelt, den kann ich beruhigen. Es gibt eine Menge Humor im Buch, insbesondere im Email-Austausch zwischen dem Autor und der Redakteurin.

“The truth has always been a more complex commodity than the market can easily package and sell.”

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Naomi Alderman ist eine der interessantesten Persönlichkeiten, die ich bislang so kennenlernen durfte. Sie ist unglaublich intelligent, witzig und charismatisch. Ich hatte das Glück, sie ein Wochenende lang auf dem Reading Weekend in Tilton House zu erleben und ich war mega beeindruckt von ihr. Sie studierte Philosophie, Politik und Ökonomie in Oxford und ihr Vater ist ein bekannter jüdischer Historiker. Naomis Debutroman „Ungehorsam“ ist eine Geschichte über die lesbische Tochter eines Rabbis und wird aktuell mit Rachel McAdams und Rachel Weisz verfilmt.

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Foto: Rolexmentorprotege.com

2012 war sie ein Jahr lang Protege von Margaret Atwood im Rahmen des Rolex-Mentor-Programmes, in dem erfahrene Meister ihres Faches mit jungen Talenten für ein Jahr one-on-one Austausch zusammengebracht werden. Der Roman „The Power“ ist unter anderem Resultat dieses fruchtbaren Austausches.

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In Tilton House las sie aus ihrem Roman „The Liars Gospel“, in der es um die Geschichte der Belagerung von Jerusalem geht, erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven (Maria der Mutter von Jesus, Judas Ischariot, Kaiphas und Barabbas).

Neben all dem fand sie auch noch die Zeit, an der Running-App von „Zombie Run“ mitzuarbeiten. She’s got the Power 😉

Auf deutsch ist es unter „Die Gabe“ im Heyne Verlag erschienen.

 

Jacob’s Room – Virginia Woolf

 

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Man beginnt Rezensionen ja am besten mit einem Knaller-Einstieg, also haltet euch fest. Virginia und ich, also wir haben schon –  zu unterschiedlichen Zeiten natürlich –  im gleichen Raum gesessen. Jaaahaaa, jetzt werdet ihr knallgrün im Gesicht vor Neid oder nicht? 😉

Tilton House in Sussex war der einstige Wohnsitz des Ökonomen John Maynard Keynes, der sich bekanntermassen im Bloomsbury Circle herumtrieb und für einen Ökonomen ein überaus spannendes Leben hatte. Sein Haus ist ganz in der Nähe von „Monks House„, in dem Virginia Woolf mit ihrem Mann Leonard lebte und nur wenige Kilometer entfernt von Charleston House, dem Haus ihrer Schwester Vanessa Bell.  Es herrschte ein munteres Hin- und Her zwischen den Häusern, man besuchte sich untentwegt und ging sehr viel spazieren, um die vielen Briefe wegzuschicken, die man sich damals ständig schrieb und die nach Firle zum Post Office gebracht werden mußten. Nur wenige Kilometer entfernt liegt auch das kleine Flüsschen Ouse, in dem sich Virgina Woolfe 1941 ertränkte.

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Tilton House

Ich war zum Reading Weekend dort, einem der wunderbarsten Wochenenden überhaupt. Ich werde demnächst einmal ausführlicher davon berichten. Als Einschlafgeschichte des Gastgebers, Damian Barr, gab es neben einem Schlummertrunk ein paar spannende Ausschnitte aus „The History of Tilton House“ und am nächsten Tag ein Besuch in Monks House.

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Monks House (Foto Caroline Arber)
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Virginia Woolfs Schlafzimmer

Nun aber zum Buch. „Jacob’s Room“ wurde 1922 geschrieben und ist einer ihrer weniger bekannten Romane, wobei er mit seinen knapp 175 Seiten wohl eher eine Novelle ist. Die Einführung von Sue Roe zu Beginn des Buches macht gefühlt fast ein Drittel des Buches aus, ist aber jede Seite wert und ausgesprochen informativ. Hier erfährt man, dass „Jacob’s Room“ ein sehr wichtiges Buch in Woolfs Entwicklung als Schriftstellerin war, da sie dort zum ersten Mal die traditionelle Erzählweise hinter sich lässt und mit dem Experimentieren beginnt. Hier entwickelt sie die Techniken, die sie später in Büchern wie „Mrs Dalloway“ und „To the Lighthouse“ perfektioniert .

Es ist sehr schwer zusammenzufassen, worum es in der Geschichte geht, denn das Buch hat nicht wirklich eine stringente Handlung, keine echte Story. Es ist eigentlich mehr die Charakterstudie eines jungen Mannes, Jacob Flanders, wobei er selbst eigentlich mehr durch seine Abwesenheit gekennzeichnet ist. Wir lernen ihn durch die Augen der anderen kennen. Einige dieser Menschen kennen ihn sehr gut, wie z.B. seine Mutter, sein Mentor, seine Freunde, das Mädchen, das ihn liebt, andere kennen ihn weniger, sind mehr oder weniger zufällige Bekanntschaften. Wir lernen ihn nicht wirklich kennen in diesen Begegnungen und Beschreibungen. Wir erfahren eigentlich nur 100% sicher, dass er Jacob heißt und das er existiert. Alles andere ist subjekiv. Welche beschriebenen Eindrücke richtig sind, welche nicht, wird nicht deutlich. Die Beschreibungen sind fast immer auf eine bestimmte Art und Weise schon richtig, aber dann auch wieder komplett falsch. Jeder einzelne gibt seine Beschreibung aus einer leicht anderen Perspektive ab.

„Melancholy were the sounds on a winter’s night. „

Jacob hinterlässt bei den Menschen einen Eindruck, so viel ist klar. Aber wo er für den einen ein potentieller Schurke ist, ist er für seine Mutter ein neugieriges Bürschlein, für seine Freunde an der Uni ein interessanter Intellektueller und für seine Freundin ein Mann, in den sie sich verliebt. Er ist ein Jedermann ohne ein bestimmtes Profil, wie eine Figur in einem Malbuch, dass die Leute mit den Farben füllen, die sie passend finden.

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Gamekeepers Tower

“It seems that a profound, impartial, and absolutely just opinion of our fellow-creatures is utterly unknown. Either we are men, or we are women. Either we are cold, or we are sentimental. Either we are young, or growing old. In any case life is but a procession of shadows, and God knows why it is that we embrace them so eagerly, and see them depart with such anguish, being shadows. And why, if this — and much more than this is true — why are we yet surprised in the window corner by a sudden vision that the young man in the chair is of all things in the world the most real, the most solid, the best known to us–why indeed? For the moment after we know nothing about him. Such is the manner of our seeing. Such the conditions of our love.”

Das Buch zu lesen war für mich wie die letzten Sommertage erhaschen. Leicht und filigran ist es, Farben spielen eine große Rolle. Ich habe mir bei der Lektüre vorgestellt, mit Barclay, dem wunderbaren Weimaraner aus Tilton House, im Garten zu sitzen und den Bloomsbury Circle beim Picknick zu beobachten oder so. Habe die wechselnden Farben des Meeres gesehen, das sie beschrieben hat, das Grün der Kleider,  den Sonnenuntergang und das wechselnde Licht vor den Londoner Geschäften.

“Every face, every shop, bedroom window, public-house, and dark square is a picture feverishly turned–in search of what? It is the same with books. What do we seek through millions of pages?”

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Ein Buch ist kein Gemälde, aber dieses hier kommt einem Bild schon relativ nahe. Ich muß in der Stimmung sein für „stream of consciousness“-Literatur. Das geht nicht immer. Hier und zu diesem Zeitpunkt hat es wunderbar funktioniert für mich. Es ist leicht und wunderschön, nicht praktisch, hat keine Botschaft. It just is. Wir lernen über Jacob eigentlich am meisten durch die Gegenstände in den Zimmern, die er bewohnt, durch die Bücher die er liebt, seine Möbel, jedoch nicht so sehr durch die Beschreibungen anderer über ihn. Es sind ja in der Tat die Gegenstände und Räume die bleiben, wenn der Mensch selbst längt fort ist.

Der Roman war zu seiner Zeit hoch experimentell, eine absolute Sensation. Virginia Woolf hat sich sehr für Zeit und Raum interessiert, wie wir uns in diesen Dimensionen bewegen. Das Zeit sich immer bewegt, aber eben nicht nur linear, sondern um die Menschen herum. Das wir nie komplett erfasst werden können, dass man immer nur Ausschnitte eines Menschen kennenlernt.

„It is no use trying to sum people up.“ “Nobody sees any one as he is, let alone an elderly lady sitting opposite a strange young man in a railway carriage. They see a whole–they see all sorts of things–they see themselves…” “I am what I am, and intend to be it,‘ for which there will be no form in the world unless Jacob makes one for himself.”

Woolf beschreibt eine melancholische poetische Landschaft, die man am besten in Gummistiefeln durchquert, während man die Briefe zur Post bringt oder die Sonntagszeitungen kauft. Ein kleiner Zwischenstopp im Ram Inn für einen klitzekleinen Whisky ist sehr zu empfehlen.

Das Titelfoto ist natürlich ein ziemlicher Bruch. Die feinsinnige Virginia auf der Wiesn – es gibt wohl kaum einen Ort an dem man sie sich schlechter vorstellen kann. Aber Humor hatte sie, dessen bin ich mir sicher und wer weiß, vielleicht hätte sie ja alles Feinsinnige für einen Nachmittag mal abgeworfen und mit Conchita (die eine Tischgruppe weiter saß) auf den Bänken getanzt. OK – in einem Paralleluniversum in einer anderen Zeit-Dimension vielleicht.

Eine sehr interessante Dokumentation über Virginia Woolf findet ihr hier:

Das Buch erschien auf deutsch unter dem Titel „Jacobs Zimmer“ im Fischer Verlag.