Es geht wieder weiter, diesmal in den Iran. Ein Land, das seit Jahren im Mittelpunkt geopolitischer Spannungen steht und in den letzten Wochen wieder besonders stark in den Nachrichten war. Kaum ein Staat wird im westlichen Diskurs so häufig erwähnt und gleichzeitig so selten in seiner inneren Vielfalt betrachtet. Iran erscheint oft als Synonym für Konflikt, Atomprogramm oder religiöse Führung. Doch hinter diesen Schlagworten steht eine Gesellschaft mit langer Geschichte, großer kultureller Tiefe und einer Gegenwart, die von starken inneren und äußeren Spannungen geprägt ist.
Politisch ist Iran eine Islamische Republik, entstanden nach der Revolution von 1979. Damals wurde der Schah gestürzt und ein System geschaffen, das gewählte Institutionen mit religiöser Kontrolle verbindet. Es gibt Präsident und Parlament, doch die entscheidende Macht liegt beim religiösen Oberhaupt und bei Institutionen, die nicht demokratisch gewählt werden. Dieses Spannungsverhältnis prägt das Land bis heute.




Gleichzeitig versteht sich Iran nicht nur als islamischer Staat, sondern auch als Erbe einer sehr viel älteren persischen Zivilisation. Namen wie Persepolis, Hafez oder Rumi gehören für viele Iraner*innen ebenso zur Identität wie religiöse Traditionen. Diese Gleichzeitigkeit von antiker Geschichte, moderner Gesellschaft und religiösem Staat macht das Land schwer einzuordnen, vor allem aus europäischer Perspektive.
Die Spannungen im Land sind in den letzten Jahren immer wieder offen sichtbar geworden. Besonders prägend waren die Proteste nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr 2022, die landesweite Demonstrationen gegen das politische System auslösten. Viele Menschen forderten mehr persönliche Freiheit, ein Ende der Zwangsvorschriften und politische Reformen. Die Proteste wurden niedergeschlagen, doch die gesellschaftlichen Konflikte bestehen weiter.Hinzu kommt eine schwierige wirtschaftliche Lage. Iran verfügt zwar über große Öl- und Gasreserven, leidet aber seit Jahren unter internationalen Sanktionen, Inflation und Währungsabwertung, was den Alltag vieler Menschen stark belastet. Studien zeigen, dass Sanktionen deutliche Auswirkungen auf Wachstum, Beschäftigung und Lebensstandard haben
Im Moment steht Iran jedoch vor allem wegen der jüngsten militärischen Eskalation im Fokus. Ende Februar 2026 begannen USA und Israel Luftangriffe auf iranische Ziele, darunter militärische Anlagen und Einrichtungen des Atomprogramms. Ziel war laut westlichen Angaben, Irans militärische Fähigkeiten zu schwächen und den Einfluss der Führung zu brechen. Seitdem hat sich der Konflikt ausgeweitet. Berichte sprechen von gegenseitigen Angriffen, Drohnenattacken und Angriffen auf Infrastruktur in der Golfregion. Auch wichtige Handelsrouten und Energieanlagen wurden getroffen, was weltweit Sorgen um Ölversorgung und wirtschaftliche Folgen auslöste.




Besonders brisant ist, dass sich der Konflikt nicht nur auf Iran beschränkt, sondern den gesamten Nahen Osten betrifft. Angriffe auf Schiffe, Raketenbeschuss und die Drohung, die Straße von Hormus zu blockieren, zeigen, wie schnell ein regionaler Konflikt globale Auswirkungen haben kann.Damit steht Iran heute gleichzeitig unter innerem Reformdruck und äußerem militärischem Druck, eine Kombination, die die Zukunft des Landes schwer vorhersehbar macht.
Auch jenseits der Politik ist Iran komplexer, als es von außen oft wirkt. Das Land ist ethnisch und sprachlich vielfältig, mit großen Minderheiten von Aserbaidschanern, Kurden, Arabern oder Belutschen. Persisch ist Amtssprache, doch im Alltag werden viele Sprachen gesprochen.
Die vergleichenden Daten
- Bevölkerung: ca. 88 Mio. Menschen
- Fläche: rund 1,65 Mio. km²
- Bevölkerungsdichte: sehr unterschiedlich, starke Konzentration in großen Städten
- Sprachen: Persisch (Farsi) als Amtssprache, daneben viele Minderheitensprachen
- Politisches System: Islamische Republik mit religiösem Oberhaupt und gewählten Institutionen
Ein Blick auf die Karte relativiert auch hier europäische Maßstäbe: Mit rund 1,65 Millionen Quadratkilometern ist Iran etwa viereinhalb mal so groß wie Deutschland. Große Teile des Landes bestehen aus Gebirgen, Hochebenen und Wüsten, während sich das Leben stark auf einige wenige Metropolregionen konzentriert. Ich selbst war noch nie dort. Gerade deshalb ist dieser Halt auf der Reise besonders spannend. Iran ist ein Land, das sich meinem unmittelbaren Erleben entzieht und das ich vor allem über Nachrichten, Literatur und Gespräche wahrnehme.
Kaum ein anderes Land steht so sehr im Spannungsfeld zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Realität. Nach außen wirkt Iran oft wie ein starrer, religiöser Staat. Im Inneren zeigt sich eine junge, widersprüchliche und dynamische Gesellschaft. In Fragen von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität zeigt sich die Repression noch deutlicher. Homosexualität ist im Iran strafbar, und das Strafrecht sieht je nach Auslegung schwere Strafen bis hin zur Todesstrafe vor. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden rechtlich nicht anerkannt, und es gibt keinen Schutz vor Diskriminierung. Viele queere Menschen leben daher im Verborgenen oder verlassen das Land, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Gleichzeitig existiert eine paradoxe Situation: Geschlechtsangleichende Operationen sind erlaubt und werden teilweise sogar staatlich unterstützt, während gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert bleiben. Für viele Betroffene bedeutet das, dass ihre Identität nicht als Ausdruck persönlicher Freiheit, sondern als medizinisches Problem behandelt wird.
Frauen spielen eine große Rolle im Bildungswesen und im öffentlichen Leben, gleichzeitig unterliegen sie strengen gesetzlichen Regeln. Viele gesellschaftliche Veränderungen passieren deshalb nicht offen politisch, sondern im Alltag durch Kleidung, Musik, soziale Medien oder kulturelle Ausdrucksformen.Iran ist zudem ein sehr junges Land. Ein großer Teil der Bevölkerung ist nach der Revolution geboren und hat andere Erwartungen an Freiheit, Lebensstil und Zukunft als die Generation der politischen Führung. Diese Spannung zwischen Staat und Gesellschaft gehört zu den wichtigsten Faktoren, um die Gegenwart des Landes zu verstehen.
Und im Moment kommt noch etwas hinzu: ein Konflikt, der sich jederzeit weiter ausweiten kann.
Iran ist damit ein Land, in dem Geschichte, Gegenwart und Weltpolitik gleichzeitig spürbar sind – und genau deshalb ein besonders intensiver Halt auf dieser Weltreise.
Zur Musikszene im Iran
Die Musikszene im Iran steht im Spannungsfeld zwischen kultureller Vielfalt, staatlicher Regulierung und lebendiger Underground-Kultur. Seit der Islamischen Revolution 1979 unterliegt populäre Musik, insbesondere Rock, Metal oder alternative Genres, strengen Genehmigungsverfahren durch das Kulturministerium, weshalb viele Bands ihre Musik ohne offizielle Erlaubnis produzieren oder im Ausland veröffentlichen. Dadurch hat sich eine starke unabhängige Szene entwickelt, die häufig im Internet, in kleinen privaten Konzerten oder im Ausland sichtbar wird.
Ein Beispiel für diese alternative Szene ist die Post-Rock-Band Crows in the Rain aus Teheran, die 2014 gegründet wurde und zu den ersten Gruppen dieses Genres im Iran zählt. Ihre Musik verbindet Post-Rock mit Ambient- und neo-klassischen Elementen und wird oft instrumental gehalten, was in einem restriktiven Umfeld auch praktische Vorteile hat. Die Band beschreibt selbst, dass nicht-mainstream Musik im Iran nur schwer gefördert wird und es kaum offizielle Plattformen für solche Genres gibt, weshalb sie ihre Veröffentlichungen weitgehend unabhängig organisiert.
Auch die Gruppe Moonhead steht für diese Entwicklung. Die 2011 in Rasht gegründete Band kombiniert Post-Rock mit psychedelischen und elektronischen Einflüssen und orientiert sich stilistisch an internationalen Künstlern wie Pink Floyd oder Radiohead. Wie viele iranische Alternative-Bands arbeitet Moonhead kollektiv und veröffentlicht Musik außerhalb der kommerziellen iranischen Musikindustrie.
Insgesamt zeigen Bands wie Crows in the Rain und Moonhead, dass sich trotz politischer und kultureller Einschränkungen eine kreative und experimentelle Musikszene im Iran entwickelt hat, die stark vom Underground geprägt ist und ihre Öffentlichkeit vor allem über digitale Medien und internationale Netzwerke findet.
Der Film im Iran
Für den Filmbereich habe ich mir wunderbare Unterstützung geholt von zwei sehr filmkundigen und -begeisterten Menschen, die ab jetzt ab und an an bei den unterschiedlichen Länder-Stopps mitwirken und auf die filmischen Gegebenheiten und interessante Filme aufmerksam machen. Vielen lieben Dank an Sabrina und Marius Schaub für den folgenden Bericht über die Filmszene im Iran:
Iran heute
Marius: Als ich in der Prüfung zum Abschluss meines Studiums über die politischen Verhältnisse zwischen Deutschland und Iran sprach, hatte das islamische Regime gerade eingestanden, dass es über fast 20 Jahre hinweg ein geheimes Nuklearprogramm verfolgt hat. Das war 2008.
Seitdem hat sich an der grundliegenden Situation in Iran wenig geändert. Immer noch strebt die politische Führung danach, Nuklearmacht zu werden (und Israel auszulöschen). Nach wie vor unterdrückt, foltert und mordet das Regime im Inneren und unterstützt Terror im Ausland. Mehrere Protestbewegungen kamen und gingen, und es ist unsicher, ob der jüngste amerikanische Angriff eine Wende bringen wird.
Unter diesen Umständen Kunst zu erschaffen, ist schwer bis unmöglich. Staatliche Zensur, Repressionen und strenge Produktionsauflagen führen dazu, dass heute viele iranische Filme deshalb zwar das Land zum Thema haben oder dort spielen, aber vollständig im Ausland und von Exiliranerinnen produziert werden.
Sabrina: Das war nicht immer so. Nach der Eröffnung erster Kinos 1904 entwickelte sich eine eigenständige Filmindustrie, die in den 1960er Jahren zunehmend Arthouse-Züge annahm. Doch 1979 erlebte das Land mit der „Islamischen Revolution“ einen kulturellen Umbruch, der mit einem Brandanschlag auf ein Kino begann und buchstäblich niederbrannte, was Filmschaffende mühsam aufgebaut hatten. Seitdem fördert das Ministerium für Kultur nur Filme, die zur Erziehung des Volkes dienen. Um weiter Themen wie Krieg und Kritik an patriarchalen Strukturen zu verarbeiten, müssen iranische Filmschaffenden die Zensur kreativ umgehen – oder ins Exil gehen. In den letzten Jahren sind so einige Genrefilmen entstanden, die einen spannenden Einstieg ins iranische Kino bieten.
Under The Shadow (2016)
Der iranisch-britische Regisseur Babak Anvari verarbeitet in dem Horrorfilm Under The Shadow seine Kindheit in Teheran, wo er in den 1980er Jahren den Ersten Golfkrieg miterlebte. Der Film spielt 1988 und begleitet Sideh, die aus politischen Gründen vom Medizinstudium ausgeschlossen wird, und ihre Tochter Dorsa. Während ihr Mann an der Front ist, muss Sideh sich und ihre Tochter vor einer übernatürlichen Bedrohung beschützen, die als Symbol für politische Repressionen gelesen werden kann. Neben klassischen Horrorelementen und Einblicken in das Leben während des Kriegs bietet der Film auch eine feministische Botschaft. Er kritisiert patriarchale Strukturen und zeichnet Sideh als eine Heldin, die sich bis zum bitteren Ende nicht unterdrücken lässt.
Holy Spider (2022)
Bevor Ali Abbasi Donald Trump mit The Apprentice – The Trump Story (2024) verärgerte, veröffentlichte der in Dänemark lebende Regisseur 2022 Holy Spider. In dem Neo-Noir geht es um den iranischen Serienmörder Saeed Hanaei, der Anfang der 2000er Jahre Sex-Workerinnen in Maschhad ermordete. Abbasi studierte damals in Teheran und verfolgte mit Entsetzen die schleppenden Ermittlungen und die öffentliche Reaktion auf den Fall. In dem Film muss sich die Journalistin Arezu Rahimi mit Hanaeis Gräueltaten und mit Sexismus auseinandersetzen. In seiner Gewaltdarstellung ist Holy Spider oft nur schwer zu ertragen und ich persönlich sehe die Darstellung von Saeed Hanaei kritisch. Sehenswert ist der Film trotzdem – denn er zeigt eine tief zerrüttete Gesellschaft und richtet den Blick auf Frauen, die sonst unsichtbar sind.
Marius: Tatami (2023)
Wie schwer es ist, Sport und Politik voneinander zu trennen, hat sich gerade wieder beim Asien-Cup gezeigt. Mehrere Spielerinnen der iranischen Fußballnationalmannschaft hatten in Australien Asyl beantragt, nachdem sie gegen die Politik ihres Landes demonstriert hatten. Inzwischen haben einige von ihnen ihre Asylanträge wieder zurückgezogen – mutmaßlich wegen politischem Druck und aus Angst um ihre Familien zu Hause.
Um ähnliche Vermischungen von Politik und Sport geht es in Tatami, ein Film der iranischen Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi und des israelischen Regisseurs Guy Nattiv. Die fiktive iranische Judoka Leila Hosseini erkämpft sich darin Chancen auf eine Goldmedaille – doch ihre Trainerin hält sie an, eine Verletzung vorzutäuschen, um nicht der israelischen Konkurrentin zu begegnen. Eine Niederlage gegen eine Kämpferin des jüdischen Staats wäre aus Sicht des Regimes eine zu große Schmach. Reale Vorlage des Films ist die Geschichte des iranischen Judoka Saeid Mollaei, der 2018 bei der Weltmeisterschaft antrat. Statt persönliche Leistungen in den Mittelpunkt zu stellen, wird auf dem Rücken der Sportlerinnen Politik ausgetragen und antisemitische Stimmung verbreitet – in diesem Spannungsfeld erzählt Tatami eine beklemmende Geschichte, die besonders das Verhältnis der Judoka Hosseini und ihrer Trainerin intensiv beleuchtet.
Literatur im Iran
Die Literaturszene im Iran ist bis heute stark von staatlicher Kontrolle, Zensur und politischen Spannungen geprägt. Veröffentlichungen müssen in der Regel vom Kulturministerium genehmigt werden, und viele Werke werden wegen politischer, religiöser oder moralischer Inhalte verboten oder nur gekürzt zugelassen. Zahlreiche Autor*innen konnten ihre Texte im eigenen Land nicht veröffentlichen oder gingen ins Exil, während gleichzeitig unabhängige Schriftsteller immer wieder gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit protestieren. Trotz dieser Bedingungen bleibt die literarische Produktion lebendig: Besonders jüngere Autor*innen greifen gesellschaftliche Konflikte, Protestbewegungen und Fragen von Identität und Freiheit auf, wodurch Literatur im Iran weiterhin eine wichtige Rolle als Ausdruck von Kritik und kulturellem Widerstand spielt.
Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag
Gelesen habe ich für den Iran „Nachts ist es leise in Teheran“, ein Buch, auf das ich mich eigentlich sehr gefreut hatte. Umso mehr, weil der Roman gerade auf der Longlist des International Booker Prize 2026 steht und ich mit einiger Begeisterung festgestellt habe, dass ich eines der nominierten Bücher bereits im Regal stehen hatte. Die Voraussetzungen waren also ziemlich gut. Leider bin ich mit dem Roman am Ende trotzdem nicht wirklich warm geworden.
Der Aufbau ist eigentlich genau mein Ding: Eine iranische Familie über mehrere Jahrzehnte hinweg, erzählt aus wechselnden Perspektiven. 1979 erleben wir die Revolution mit Behsad, einem kommunistischen Aktivisten. 1989 folgt seine Frau Nahid im westdeutschen Provinzalltag. 1999 steht Tochter Laleh im Mittelpunkt, die als Teenager mit ihrer Mutter in den Iran reist und dabei merkt, wie groß die Distanz zu dem Land geworden ist, aus dem ihre Familie stammt. 2009 kommt Sohn Mo als Student zu Wort, bevor ein kurzer Epilog noch einmal zur jüngsten Tochter zurückkehrt.
Alle Kapitel sind im Stream of Consciousness geschrieben und funktionieren für mich eher als einzelne Momentaufnahmen denn als zusammenhängende Handlung. Die Perspektiven stehen nebeneinander, ohne wirklich aufeinander aufzubauen. Man liest weniger eine Familiengeschichte als eine Reihe melancholischer Innenansichten.
Am besten gefallen hat mir vielleicht der Teil über Laleh. Auch Nahids Kapitel hat starke Momente, vor allem beim Ankommen in Deutschland. Interessant fand ich hier besonders die Begegnung mit der westdeutschen linken Szene. Die politischen Überzeugungen mögen ähnlich klingen, aber kulturell liegen Welten dazwischen. Während die deutschen Aktivisten in WGs leben, über Feminismus diskutieren und ein eher chaotisches Alltagsleben führen, definiert sich Nahid stark über ihre Rolle als Mutter und Hausfrau. Eine der fast schon komischen Szenen ist die, in der sie ihre Kinder nach einem Besuch bei Ulla erst einmal in die Badewanne steckt, um Hundehaare, Schmutz und „Bazillen“ aus diesem für sie völlig verwahrlosten Haushalt abzuwaschen. Diese Momente zeigen sehr schön, wie wenig selbstverständlich gemeinsame politische Begriffe tatsächlich sind, wenn die Lebenswirklichkeit eine ganz andere ist. Gerade solche Beobachtungen gehören für mich zu den gelungensten Stellen des Buches.
Trotzdem hat mich der Roman insgesamt deutlich weniger berührt, als ich erwartet hatte. Ich lese schon gern Familiengeschichten, gerade wenn sie mit politischen Umbrüchen verbunden sind, aber hier blieb vieles für mich erstaunlich flach. Ein großes Problem war für mich der Stil. Alle Figuren klingen nahezu gleich. Ob Revolutionär, Mutter oder Teenager die Stimme klingt immer gleich: ruhig, schwermütig, leicht entrückt.
Auch inhaltlich bleibt der Roman für mich überraschend vorsichtig. Revolution, Exil, Migration, Identität, all das ist ständig präsent und ich. habe auch das eine oder andere noch mal viel besser verstanden, trotzdem bleibt es distanziert. Konflikte werden angedeutet, nicht ausgetragen. Gespräche finden kaum statt, stattdessen kreisen die Figuren um ihre eigenen Gedanken, Erinnerungen und Stimmungen. Dazu kommt, dass viele Figuren und Konstellationen sehr vertraut wirken. Themen wie Migration, linke Milieus oder kulturelle Identität sind präsent, bleiben aber ohne Kontur. Ich hatte öfter das Gefühl, bekannte Bilder zu sehen, ohne dass daraus eine wirklich neue Perspektive entsteht.
Am Ende bleibt für mich ein Roman mit einem interessanten Konzept und einzelnen starken Momenten, der mich als Ganzes aber nicht überzeugen konnte. Ich habe dem Buch freundliche drei Sterne gegeben, vor allem, weil ich sehe, was es sein wollte, und weil einige Passagen wirklich gut sind. Aber emotional erreicht hat es mich deutlich weniger, als ich gehofft hatte. Gerade bei einem Titel, auf den ich mich so gefreut hatte und der nun sogar auf der Booker-Longlist steht, ist das ein bisschen schade.
Das war ein langer Artikel dieses Mal und ich hoffe, ihr habt bis hier durchhalten können. Unser nächster Halt ist Estland und endlich mal wieder ein Land, das ich (bis dahin) dann auch selbst bereist habe. Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen: seid ihr schon mal im Iran gewesen? Habt ihr literarische, musikalische oder filmische Tipps für mich?


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