Gemischte Tüte

u1_978-3-596-70379-1

1997 reisen die neunzehnjährige Michelle und ihr gelber Spielzeugroboter Richtung Westen durch ein dystopisches Amerika. Die Ruinen gigantischer Kampfdrohnen liegen verstreut in der Landschaft, zusammen mit dem weggeworfenen Müll einer im Niedergang begriffenen Hightech-Konsumgesellschaft. Während sich ihr Auto dem Rand des Kontinents nähert, scheint sich die Welt vor dem Fenster immer schneller aufzulösen – als ob irgendwo jenseits des Horizonts der hohle Kern der Zivilisation zusammengebrochen wäre.

Großartige Illustrationen, eine ergreifende, fesselnde Geschichte und eine höllisch gute Präsentation machen dieses Buch zu einem absolut perfekten Erlebnis. Es war ein riesiges Vergnügen, dieses wunderbare Buch zu lesen. Es ist nicht gerade günstig, aber es ist sein Geld definitiv wert. Das ist kein Bildband, den man einfach nur so durchblättert, dieses Buch braucht die ganze Aufmerksamkeit und es ist für mich eines der tollsten Bücher die ich bislang dieses Jahr gelesen habe.

In the beginning, God created the neuron, and when electricity flowed through the three-dimensional nerve cell matrix in the brain, there was consciousness.

Simon Stålenhag ist ein schwedischer Künstler, Musiker und Designer, der sich auf retro-futuristische digitale Bilder spezialisiert hat. Die Schauplätze seiner Kunstwerke bildeten unter anderem die Grundlage für die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ (2020).

Eine weitere Rezension findet ihr bei Zeichen & Zeiten.

36494117._SY475_

Why I’m No Longer Talking to White People About Race ist die Lektüre der Stunde für jeden, dem soziale Gerechtigkeit, der Zustand unserer Gesellschaft und das Miteinander unter den Menschen am Herzen liegen. Reni Eddo-Lodge erzählt die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in Großbritannien und spricht über weiße Privilegien, weißgewaschenen Feminismus, Rassismus, Klassenunterschiede und mehr. Eddo-Lodge ist provokativ, aber jedes Wort fühlt sich notwendig und richtig an und sie verschwendet keinen Platz. Sie schafft eine perfekte Balance zwischen der Vermittlung, wie tief verwurzelt und allumfassend Rassismus wirklich ist, und der Hoffnung, dass wir die Vorherrschaft der Weißen bekämpfen können. Sie weigert sich, weiße Menschen zu verhätscheln, und fordert, die weiße Zerbrechlichkeit zu überwinden. Ich habe mindestens ein Dutzend Passagen angekreuzt, aber diese eine zu Feminismus möchte ich hier teilen:

Feminism is not about equality, and certainly not about silently slipping into a world of work created by and for men. Feminism, at its best, is a movement that works to liberate all people who have been economically, socially, and culturally marginalised by an ideological system that has been designed for them to fail. That means disabled people, black people, trans people, women and non-binary people, LGB people and working-class people. The idea of campaigning for equality must be complicated if we are to untangle the situation we’re in. Feminism will have won when we have ended poverty. It will have won when women are no longer expected to work two jobs (the care and emotional labour for their families as well as their day jobs) by default.

 

51JZHP7WfsL

Die alternde und zurückgezogene Hollywood-Filmikone Evelyn Hugo ist endlich bereit, die Wahrheit über ihr glamouröses und skandalöses Leben zu erzählen.

Als sie die unbekannte Magazinreporterin Monique Grant für den Job auswählt, ist in Journalistenkreisen niemand mehr erstaunt als Monique selbst. Warum sie? Warum jetzt? Monique ist beruflich kein Überflieger und macht auch gerade schwere Zeiten durch. Ihr Ehemann David hat sie verlassen, und ihre Karriere stagniert. Unabhängig davon, warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihre Biografie zu schreiben, ist Monique entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen, um ihre Karriere voranzutreiben.

People think that intimacy is about sex. But intimacy is about truth. When you realize you can tell someone your truth, when you can show yourself to them, when you stand in front of them bare and their response is ‚you’re safe with me‘- that’s intimacy.

In Evelyns Wohnung in der Upper East Side hört Monique Evelyns Geschichte zu: von ihrem Weg nach Los Angeles in den 1950er Jahren bis zu ihrer Entscheidung, das Showgeschäft Ende der 80er Jahre zu verlassen, und natürlich erfährt sie viel über die sieben Ehemänner, die Evelyns Weg pflastern. Während Evelyns Leben sich entfaltet – von rücksichtslosem Ehrgeiz, einer unerwarteten Freundschaft, über eine große verbotene Liebe – beginnt Monique eine sehr reale Verbindung zu der Schauspielerin zu spüren. Doch während Evelyns Geschichte die Gegenwart einholt, wird klar, dass sich ihr Leben auf tragische und unumkehrbare Weise mit dem von Monique überschneidet.

Mehr kann man nicht schreiben ohne heftigst zu spoilern. Das ist sehr gute Strandlektüre, die großen Spaß macht und die ich wirklich empfehlen kann. Habe es sehr gerne gelesen und es hat für spannende Diskussionen im Bookclub gesorgt. Wir waren uns einig, hohe Literatur ist was anderes, aber keine von uns konnte das Buch wirklich aus der Hand legen…

31565366

Sollte man jedes Buch beenden, das man beginnt?

Wie hat Deine Familie Deine Art zu lesen beeinflusst?

Was ist literarischer Stil?

Was hat der Nobelpreis mit der Fußballweltmeisterschaft zu tun?

Warum findet du das Buch total doof, das ein Freund dir so empfohlen hat?

Ist Schreiben wirklich wie jeder andere Beruf?

Was passiert mit deinem Gehirn, wenn Du ein gutes Buch liest?

Der Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und Literaturprofessor Tim Parks geht diesen Fragen nach und beschäftigt sich mit all dem, worüber man sich unbewußt oder bewusst schon mal Gedanken gemacht hat mit Blick auf Bücher, Lesen und Literatur. Diese Sammlung an spannenden und teilweise provokanten Essays/Artikeln  ist ein anregender intellektueller Leckerbissen für all die bibliophilen Buchverrückten unter uns.

What wonderful minds we have, even though they don’t seem to get us anywhere, or make us happy.

Eines seiner interessantesten Themen ist „The Dull New Global Novel“. In zunehmendem Maße ist der Markt für neue Romane eher global als lokal oder national. Ein Roman eines bekannten Schriftstellers wird in der Regel in ausländischen Ausgaben gleichzeitig mit der Originalausgabe herausgegeben. Die Bedeutung einer anständigen Übersetzung oder einer einfachen Übersetzung steht an erster Stelle und verändert die Art und Weise, wie manche Romanschriftsteller schreiben – „Kazuo Ishiguro hat davon gesprochen, wie wichtig es ist, Wortspiele und Anspielungen zu vermeiden, um es dem Übersetzer leicht zu machen“. Parks lehrt Übersetzen in Italien und hat hat daher jede Menge interessante Einsichten und Ansichten zu diesem Thema.

Ein Nebeneffekt eines internationalen Marktes für Bücher ist, dass ein bestimmter Stil zu einem unauslöschlichen Merkmal werden kann. Der magische Realismus wurde zu einem solchen Markenzeichen der südamerikanischen Literatur, dass es für südamerikanische Schriftsteller richtig schwierig wurde, veröffentlicht zu werden, wenn sie es wagen sollten nicht das Markenzeichen „magischer Realismus“ zu verwenden.

„Nur wenige Kunstwerke können universelle Anziehungskraft haben“, argumentiert er. Für ihn ist einige der besten Literatur lokal, denn sie verlangt, dass der Leser ein bestimmtes Milieu versteht. Dieser Aspekt der Literatur kämpft gegen den Trend des Globalismus, denn Lokalitäten und kulturelle Besonderheiten lassen sich nicht so gut übersetzen, weder im wörtlichen noch im metaphorischen Sinne. Zu den Schriftstellern dieser Form gehören seiner Ansicht nach Barbara Pym, Henry Green, Natalia Ginzburg – und es gibt durchaus Aspekte dieses Lokalismus/Nichtuniversalismus bei Thomas Hardy, Jane Austen, Shakespeare.

Wer gerne Bücher über Bücher liest und sich grundsätzlich für die Situation der Weltliteratur interessiert, sollte sich dieses Buch keinesfalls entgehen lassen.

43698056._SY475_

Du bist 82 Jahre alt. Du bist sechs Zentimeter geschrumpft, wiegst nur noch 45 Kilo und bist trotzdem noch schön, anmutig und begehrenswert“ – so beginnt André Gorz‘ „offener Liebesbrief“ an die Frau, mit der er seit 58 Jahren zusammenlebt und die neben ihm im Sterben liegt.
Als einer der führenden Nachkriegsphilosophen Frankreichs schrieb André Gorz viele einflussreiche Bücher, aber nichts von dem, was er schrieb, wurde je so populär oder wird so in Erinnerung bleiben, wie dieser einfache, leidenschaftliche, schöne Brief an seine sterbende Frau.

In einem bittersüßen Postskriptum ein Jahr nach der Veröffentlichung des Briefes an D markierte eine an die Tür geheftete Notiz für die Putzfrau das letzte Kapitel einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. André Gorz und seine todkranke Frau Dorine fanden sich friedlich nebeneinander liegen, nachdem sie sich gemeinsam das Leben genommen hatten. Sie konnten einfach nicht ohne einander leben.

Der internationale Bestseller „Brief an D“ ist die ultimative Liebesgeschichte – und um so ergreifender, weil sie wahr ist.

Hier noch mal die Bücher im Überblick inklusive der jeweiligen deutschen Übersetzung:

  • Simon Stålenhag – The Electric State erschienen bei Fischer Tor.
  • Reni Eddo-Lodge – Why I’m no longer talking to white people about race erschien auf deutsch unter dem Titel Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche bei Klett-Cotta
  • Taylor Jenkins Reid – The seven husbands of Evelyn Hugo erschienen bei Simon & Schuster
  • Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen erschienen im Kunstmann Verlag
  • André Gorz – Brief an D erschienen im Rotpunktverlag

Women of Letters – Louise Labé

IMG_3931

Es wird Zeit für eine weitere Reihe, denn es braucht einen Scheinwerfer, der sich auf die Femmes de Lettres / Women of Letters richtet, denen ich mit dieser Reihe gerne etwas mehr Aufmerksamkeit widmen möchte. Wie Katharina Herrmann vom Blog Kulturgeschwätz schon in ihrem klugen Text „Frauen lesen ohne Digitalisierung unmöglich“ schreibt, es gibt von vielen Autorinnen keine lieferbaren Editionen (mehr) und „Kein normaler Lesender wird sich unter diesen Bedingungen die Mühe machen, verstorbene Autorinnen als Klassiker wiederzuentdecken. Wenn keine günstigen und gut gemachten Editionen der Werke von Frauen vorliegen, werden sie in der Schule nicht gelesen werden, ich vermute, an der Universität wird es ähnlich sein, denn zumindest in der Schule liegt die Schmerzgrenze für Lektüren bei 10 Euro. Es gibt keine Ausgaben, es gibt keine Erinnerungskultur, es gibt keine Unterrichtsmodelle – jeder Versuch, an verstorbene Autorinnen zu erinnern, wird im Nichts verpuffen, wenn ihre Bücher nicht verfügbar sind.“

Daher mein Wunsch, die Autorinnen vor allem des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu Wort kommen zu lassen, die vergessen oder nie richtig entdeckt wurden und deshalb bislang kaum zugänglich waren.

Den Auftakt mache ich mit Louise Labés „Torheit und Liebe“, einer wunderschönen Ausgabe aus dem Secession Verlag, die meinen Wunsch wunderbarerweise teilen und eben diesen Frauen in ihrer „Femmes des Lettres“ Reihe einen wichtigen Platz in ihrem Programm eingeräumt haben.

Labé wurde etwa 1520 in Lyon geboren. Sie war eine Dichterin, die erstaunlich modern über Verlangen und Lust schrieb und eine kleine nachhaltige Sammlung an Sonneten hinterließ, die sie von anderen Autoren ihrer Zeit deutlich unterscheidet. Sie wurde in eine reiche Familie hineingeboren – ihr Vater war Seiler und sie selbst wurde „La Belle Cordière (die schöne Seilerin) genannt. Der größte Teil ihres Lebens läßt sich nur noch vage rekonstruieren, wie so häufig bei Autoren des 15. oder 16. Jahrhunderts.

Obwohl ihre Eltern selbst nicht lesen konnte, erhielt Labé eine sehr gute klassische Erziehung, vermutlich an der örtlichen Klosterschule. Sie hat ein recht abenteuerliches Leben geführt, die Gerüchteküche brodelte damals. Sie hätte sich als Mann verkleidet, sei der Armee beigetreten und habe in der Schlacht von Perpignan gekämpft. Auch wenn ihre persönliche Geschichte geheimnisumwoben und viel auf Hörensagen und Legenden basiert, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, das sie eine der einflußreichsten französischen Dichterinnen ihrer Zeit war.

Ihre Heimatstadt Lyon war der kulturelle Mittelpunkt der Region und Labé begann früh, sich mit anderen Dichtern ihrer Zeit zu treffen. Sie heiratete ihrerseits einen Seiler, den um einiges älteren Ennemond Perrin, der kaum kulturell interessiert war. Die Ehe blieb kinderlos.

1564 brach die Pest in Lyon aus und ein Jahr später erkrankte Louise Labé und starb nach kurzer Zeit, wobei nicht sicher ist, ob sie tatsächlich an der Pest starb. Sie wurde auf ihrem Landgut in Parcieux-en-Dombes außerhalb der Stadt beerdigt.

Auch wenn Lousie Labé nur ein schmales Bändchen hinterlassen hat, ihre Werke werden bis heute in Frankreich aufgelegt. Ihre Sonette gehören zu den schönsten in französischer Sprache. Insbesondere ihr feministisch anmutender Widmungsbrief an Clémence de Bourges ist ein frühes Zeugnis aufklärerischen und emanzipatorischen Denkens und Schreibens und ich konnte fast nicht glauben, dass dieser Brief vor fast 500 Jahren verfasst wurde.

„Da die Zeit gekommen ist, Mademoiselle, wo die strengen Gesetze der Männer die Frauen nicht länger daran hindern, sich der Gelehrsamkeit und den Künsten zu widmen, scheint es mir, dass diejenigen, die in solch günstigen Umständen leben, diese schickliche Freiheit, welche sich unser Geschlecht früher so sehr wünschte, zum Studium nutzen und den Männern das Unrecht vor Augen führen sollten, das sie uns zufügten, indem sie uns die Befriedigung und die Ehre vorenthielten, welche uns hieraus erwachsen konnten…“

Nach dem Erscheinen ihres Œuvres bis zu ihrem Tod scheint Louise Labé recht zurückgezogen gelebt zu haben. Die Blütezeit Lyons entdete ebenfalls kurz darauf mit dem Ausbruch der Religionskriege in Frankreich.

500px-Louise_Labé

Bild: Wikipedia

Der leinengebundene Band „Torheit und Liebe“ enthält neben dem Widmungsbrief, das berühmte Streitgespräch zwischen Folie und Amor, sowie Labés Elegien und Sonette jeweils in französisch und deutscher Sprache. Übersetzt aus dem Mittelfranzösischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff enthält der Band auch ein sehr informatives Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath.

Louise Labé ist definitiv eine Dichterin, die auch in Deutschland bekannter sein sollte und ich hoffe, ich konnte etwas Lust machen, sich mit ihr und ihrem Werk zu beschäftigen.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.

#Women in SciFi (53) Unser Leben in den Wäldern – Marie Darrieussecq

IMG_3703

Ich lese und schaue sehr gerne Dystopien und kürzlich fiel mir auf, dass mich eher Plots interessieren, in denen die Gesellschaft zerbricht oder sich die Welt von einem Schreckensscenario erholen muss, als solche, in denen sich eine totalitäre Gesellschaft ausbildet (z.B. The Handmaid’s Tale). Vielleicht sind mir letztere etwas zu nah an der Wirklichkeit. Marie Darrieussecq hat auf ein paar Seiten eine komplexe, intelligente Geschichte geschaffen, die mich in Teilen an Ishiguros „Never let me go“ erinnerte.

Dieses kleine Büchlein wurde mir vom Verlag unaufgefordert zugeschickt und ich hätte nie gedacht, dass es mich so derart packen würde. Die Protagonistin der Geschichte ist eine Psychotherapeutin mit stark schwächelnder Gesundheit. Sie erzählt in Form eines Tagebuchs, wie es dazu kam, dass sie sich in den Wäldern versteckt, es ist im Grunde ein langer Monolog mit kurzen aktuellen Einschüben:

„Gut. Womit fang ich an. Ich glaube, die elementaren Vorsichtsmaßnahmen , an die wir uns halten, muss ich nicht erläutern, die liegen auf der Hand: das Verwischen unserer Datenspuren, unserer Identitäten usw. Das Organisieren unseres Verschwindens. Wenn jemand verschwindet, und zwar, ohne dass die es entschieden haben, das stört sie am meisten. Wir sind alle verschwunden. Wobei sie schon wissen, wir sind da, in einer Art verkehrten Welt.“

Die Geschichte spielt im frühen 22. Jarhundert. Die Erzählerin erklärt den kulturellen Kontext für die, die eventuell einmal ihre Aufzeichnungen finden sollten. Die meisten Menschen haben sich freiwillig Implantate setzen lassen, mit denen sie jederzeit überwacht werden können. Es gibt Terrorangriffe unbekannter Herkunft und es herrscht insgesamt eine bedrückende Atmosphäre. Die Wohnungen sind in der Regel sehr klein und haben teilweise nicht einmal mehr Fenster. Da die meisten Jobs von Robotern und AI übernommen werden, leben die meisten Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Einer der wenigen einfachen Jobs die übrig sind, ist das emotionale Training und assoziertes Denken von AI für 2$ die Stunde. Psychische und physische Gesundheit wird groß geschrieben, allerdings sind die Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen deutlich kränker.

Die Erzählerin ist Teil DER GENERATION, einer kleinen experimentellen Kohorte an Mittelklasse-Menschen (die jetzt erwachsen und um die 40 Jahre alt sind), für die ein Zwilling geklont wurde, die sogenannten Hälften, deren einzige Aufgabe es ist, als Körperersatzteillager für die Mitglieder DER GENERATION zu fungieren.

logo-scifi3

Die Hälften leben sediert in einer krankenhausähnlichen Einrichtung und sind dort in einen künstlichen Schlaf versetzte. Die ärmeren Leute aus den einfacheren Schichten haben nur sogenannte „Krüge“, in denen sie künstlich erzeugte Ersatz-Herzen, Lungen etc. aufgewahren.

Ich will nicht zuviel verraten, aber die Protagonistin wird Teil einer Widerstandsbewegung, die sich mit ihren befreiten Hälften in die Wälder zurückzieht und die gängigen Praktiken in der Gesellschaft in Frage stellt. Die Hälften, die ihr Leben lang sediert vor sich hinvegetiert haben, sind kaum alleine lebensfähig und müssen selbst die fundamentalsten Dinge wie gehen, sprechen etc. beigebracht bekommen.

Ein kurzer, spannender, intensiver Roman der einen noch lange beschäftigt und den man am Ende direkt noch einmal von vorne lesen möchte.

Marie Darrieussecq hat seit 1996 16 Bücher veröffentlicht. Sie arbeitete bis 2017 auch als Psychoanalytikerin und lebt mit ihrer Familie in Paris.

Unser Leben in den Wäldern wird momentan unter der Regie von Magali Magistry verfilmt und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Book-a-Day-Challenge Day 9

IMG_3375

The story feels like a very reduced film script which I think is very typical of her novels. There is a subtle subdued bleakness and very little that could be described as a plot. It takes some time to find your way around the get an idea of the characters and what is really going on. I really enjoyed the heavy dreamlike atmosphere

The only thing that moves in Laos the French said is the river Mekong and following the pregnant girl from Cambodia to India along the Mekong felt like this. There is this simmering slowly burning mystery to the novel only there is not really a mystery. This made me feel a little bit cheated at the end, like when I was a kid and forced my kaleidoscope open, only to be sooo disappointed when I discovered it’s only a tube of mirrors containing some loose coloured beads …

OK so we the young pregnant girl in Cambodia who is rejected by her family and sent off into the wilderness. She is sleeping rough, begging and eating whatever she finds. Eventually she has to give up her baby. The story than moves on to Calcutta to the Vice-Consul and his relation the the French ambassador’s wife. It’s not really clear what this part has to do with the pregnant girl walking out of Cambodia it’s only somehow clear she will also end in Calcutta.

Marguerite Dumas doesn’t give a damn if her readers understand, she tells the story from her perspective and I read somewhere it’s based on an encounter she once had in India. Not everything is revealed and explained but in order to enjoy the book you need to let the writings flow around you, like a wave.

I can understand that some readers will be turned off by her writing style, I enjoyed this weird little book, but would probably have had some issues if it would have been a lot longer…

Have you read anything by Marguerite Dumas before? Anything you would recommend?

Check out JG Ballard’s „The Drowned World“ if you would like to remain in a feverish sticky atmosphere or the diaries of Anaïs Nin.

Eine Liebe Swanns – Marcel Proust

IMG_2724

Eine Liebe Swanns ist eine Liebeserklärung auf 300 Seiten, bei der man irgendwann merkt, dass das Objekt dieser Liebe überhaupt keine Wichtigkeit hat, nur das Lieben an sich ist wichtig.

Ich bin primär einmal froh, dass ich dieses Buch tatsächlich geschafft habe. Es war zu gleichen Teilen ein beglückendes Erlebnis aber auch wahnsinnig frustrierend.

Es ist der erste Teil – wenn ich mich nicht täusche – von Prousts Monumentalwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und kann als Novelle für sich stehen. Dennoch hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, mir fehle der Kontext.

Die Sprache ist natürlich wunderschön, da sind brilliante Sätze, aber ganz ehrlich – Swann ist ein ziemlicher Idiot. Das, was er Liebe nennt, hat für mich nicht wirklich etwas mit Liebe zu tun, es handelt sich eher um eine ungesunde Besessenheit, eine eifersüchtige, unehrliche, ja kranke Liebe.

Mich nervte, dass er von Odette nicht lassen konnte, dass sie beide dieses irrsinnige Spiel permanent weiterführen. Aber gut, dass ist wohl die Macht der Liebe, auch wenn es sich um eine ziemlich korrumpierte Form handelt. Menschen können sich auf abenteuerlichste Weise selbst hinters Licht führen und wenn sie genug Zeit haben, finden sie dennoch rationale Erklärungen für ihr Verhalten.

„Von allen Arten der Erzeugung von Liebe, von allen Wirkkräften zur Verbreitung der heiligen Krankheit, ist sicher dieser gewaltige Erregungssturm, der uns manchmal erfasst, eine der zuverlässigsten. Dann fällt das Los unweigerlich auf die Person, mit der wir im Augenblick gerade gern zusammen sind; sie ist es, die wir lieben werden. Es ist dabei gar nicht nötig, dass sie uns bis dahin mehr oder auch nur ebensosehr wie andere gefiel. Es musste nur dazu kommen, dass unsere Neigung für sie plötzlich ausschließlich wurde.“

Bewundernswert ist Prousts Gabe, die sozialen Feinheiten herauszuarbeiten, die Beschreibung des Salons der Verdurins und die vielen feinen Haarrissen gleichenden Brüchen in den Begegnungen der Salonbesucher, ihrer Konflikte, Geheimnisse und wie er vorsichtig und fast zärtlich ihre jeweiligen Schwächen herausarbeitet.

Proust, der Chirurg mit der Feder, spielt natürlich auch auf vielschichtige Weise mit der Macht der Erinnerung. Mal unabhängig vom berühmten Madeleine Beispiel, ist es in „Eine Liebe Swanns“ die Macht der Musik, die kaum versteckten Tiefen im Bewußtsein des Protagonisten freizulegen. Das Freisetzen von Erinnerungen durch die Kunst ist das eigentliche Herz dieser Geschichte.

Ich freue mich, endlich etwas von Proust gelesen zu haben, brauche jetzt aber dringend etwas Abstand vom „Fin de Siecle“, wobei so einen Salon hätte ich ja schon auch gerne 😉

Habt Ihr Proust gelesen? Wie war euer Leseerlebnis?

Es ist Sarah – Pauline Delabroy-Allard

„Es ist Sarah“ ist ein Bestseller aus Frankreich, geschrieben von der gerade knapp über 30-jährigen Pauline Delabroy-Allard, es ist ihr Debüt und sie kam mit dem Roman immerhin in die zweite Runde des Prix Goncourt.

An einem Silvesterabend verliebt sich die Erzählerin dieses Romans Hals über Kopf in die aufregende Sarah. Die namenlos bleibende Erzählerin ist komplett fasziniert von dieser vor Leben sprühenden Frau, die ihr ruhiges Leben als Lehrerin mit kleinem Kind und Lebensgefährten total aus den Fugen wirft.

Sie liebt es, mir Romane vorzulesen, sie imitiert die verschiedenen Figuren mit verschiedenen Stimmen, fuchtelt bei den Dialogen mit den Händen.“

Die in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen hat mir richtig gut gefallen. Ich bin kein großer Liebesroman-Fan, aber hier ist die Sprache so schön, die Erzählweise interessant. „Es ist Sarah“ legt ein unglaubliches Tempo an dem Tag. Mit Sarah ist es einem keine Minute langweilig und so ganz kann man es der Protoganistin nicht verdenken, dass ihr gelegentlich die Puste ausgeht mit dieser 1000 Volt-Frau.

Warum die beiden nach der anfänglich heftigen Verliebtheit nicht einfach glücklich und zufrieden zusammen in Paris leben können, habe ich nicht ganz verstanden. Aber vermutlich wäre die Hälfte aller Filme nicht gedreht, die meisten Bücher nicht geschrieben, wenn die Menschen alle einfach rational und wenig dramatisch wären 😉

Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“

Insbesondere den ersten Teil des Romans mochte ich sehr. Ich habe aber auch definitiv eine Schwäche für Romane mit inkludiertem Soundtrack, den ich beim Lesen ablaufen ließ. Das Schöne an einem selbst zusammengestellten Soundtrack ist auch, dass man entscheiden kann, ob man die Stücke in Allegro oder Andante hören möchte.

„In unserem Sturm ist sie die Kapitänin. Ich werde zur Seemannsfrau.“

Mit Sarah wird es niemals langweilig, sie kann nicht genug bekommen vom Sex, von der Liebe, von der Musik, selbst vom Obst nicht, das sie isst. Ein Roman, der mich wirklich mitgerissen hat und der den Leser genauso verliebt zurücklässt, wie die namenlose Erzählerin.

Wer Lust auf eine spannende intellektuelle Liebesgeschichte hat, bei der man stets versucht ist, einen Nachtzug nach Paris, Venedig oder Triest zu buchen, der macht mit diesem Roman nichts falsch.

 

Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

Book-a-Day-Challenge – Day 6

IMG_4211

Today I would like to recommend a classic that I was given as a kid. It actually belonged to my father and both our names are written in their as proud owners. I wasn’t actually planning on re-reading it, I sort of got stuck in it, when I took it from the shelve, reading the first few lines.

Around the World in Eighty Days is the original Steampunk! It was first published by Jules Verne in 1873, and was published in monthly installments.

Each chapter is therefore has its own cliffhanger. The character of Phileas Fogg has become the stoic archetype for the cool gentleman traveller who is facing every adventure with black humour and a stiff upper lipp. The story is of course a little silly and childlike but also fast moving and fun, still a good read over a hundred years later. A interesting aspect of the story is the portrait of the American west in the 1870s from a European perspective.

The idea for the story came from the actual journey of an eccentric guy from Boston. George Francis Train. (He called himself „Citizen Train“). You can check him out on Wikipedia.

Not completely unexpected probably but Verne’s novel is a strong reminder how deeply the book is steeped in colonialist superiority:

„The steamer passed along near the shores, but the savage Papuans, who are in the lowest scale of humanity, but are not, as has been asserted, cannibals, did not make their appearance.“

In a similar way he describes Punjabis, Chinese, and Native Americans 😦 The book is a shameless celebration of the British Empire at its peak and Mr. Verne was quite the Anglophile. He constantly praises Phileas Fogg’s Englishness (his honor and stoicism) and bashes out at Passepartout’s Frenchness (chatty, emotional). There is of course also a love interest, Aouda, a rescued indian lady who keeps being the damsel in distress who the brave Phileas Fogg can rescue over and over again.

When Jules Vernes was a young boy he ran away from home, trying to smuggle himself on board a ship to sail the world and follow the adventures of Robinson Crusoe, a book he had read and admired. He was caught and promised his worried mother that from now on he would only travel in his dreams and that promise he pretty much kept. Not unlike Karl May, he rarely traveled he prefered to surround himself with books and research the maps and countries of his books without ever actually visiting them.

So – reading Jules Verne today can still be fun but the books need to be read within its historical context and with a critical mind.

Accompany „Around the World in 80 days“ with Nelly Bly’s account of her travel around the world, who actually met Jules Verne during her trip.

#WomeninSciFi (41) Das Buch von der Stadt der Frauen – Christine de Pizan

logo-scifi3

Ich freue mich sehr, dass diese Reihe jetzt auch mit der Rezension einer waschechten wunderbaren Kunsthistorikerin aufwarten kann. Meine Freundin Moni entführt uns mit ihrer Besprechung aber nicht in die – dem Genre mehr entsprechenden Zeithorizont Zukunft sondern ins späte Mittelalter. Lehnen Sie sich zurück, machen Sie es sich bequem, wenn es jetzt in die vermutliche früheste Ära der Science Fiction Literatur geht:

Wie passt nun eine mittelalterliche Handschrift aus Frankreich in Sabines Reihe „Women in SciFi“?

Wenn die Utopie als Teilbereich von Science Fiction gilt, dann kann und muss man diese Schrift von Christine de Pizan dazu zählen. In einer Utopie verhält sich die Vorstellung dessen, was sein sollte, negativ zu dem, was ist.

 

Christine-books

Christine de Pizan entwirft eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaftsform, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter geprägt ist. Sie schreibt: „Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.“

Wir gehen zurück ins Jahr 1405. ‚Das Buch von der Stadt der Frauen‘ erscheint in Paris. Geschrieben hat es Christine de Pizan. Sie wurde 1365 in Venedig geboren und wuchs in Paris auf. Mehr zu ihrer außergewöhnlichen Biographie findet sich im FrauenMediaTurm.

Da wir uns in der Zeit vor dem Buchdruck befinden, handelt es sich um eine Handschrift. Text und Bild wurden von Hand angefertigt. Insgesamt haben sich 25 Exemplare dieses Buches – allesamt französischsprachig – erhalten.

Die Handschrift mit der Signatur BNF ms. Fr. 607, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird, entstand zu Christine des Pizans Lebzeiten und hat die Maße 345 mm x 255 mm. Das Material ist Pergament; der Einband ist aus gelbem, weichem Ziegenleder gefertigt. Dieses Exemplar ist die Grundlage für die Übersetzungen ins moderne Französisch, ins Englische, Niederländische, Italienische und Deutsche.

 

Christine-cite-des-dames-f

Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v

 

Der Text ist regelmäßig in zwei Kolumnen geschrieben; jede zählt zwischen 40 und 42 Zeilen. Auf insgesamt 79 folia ist ausschließlich der Text der Cité des Dames geschrieben (das ist bei Handschriften nicht immer so, Platz war knapp, Pergament wertvoll). Es gibt drei Abbildungen: fol. 2, fol.31v und fol. 67v sind jeweils mit Miniaturen ausgestattet.

Die Dreizahl ist kennzeichnend für den Aufbau des Buches, das ein allegorisch-didaktischer Traktat ist. Die drei unterschiedlich langen Kapitel der Schrift entsprechen den drei Bauabschnitten, in denen die Stadt der Frauen gebaut wird. Zuerst werden die Fundamente ausgehoben, dann die Häuser und Paläste gebaut, vollendet durch die Dächer, Stadttore und die Schlüsselübergabe. Ausgehende von der These, dass Männer und Frauen in intellektueller und moralischer Hinsicht vollkommen gleichwertig sind und deshalb auch so behandelt werden müssen, konstruiert Christine de Pizan eine Stadt, in der die tugendhaften Frauen sich auf ewig aufhalten können und dort Schutz vor den misogynen Angriffen ihrer Zeitgenossen finden. Bärbel Zühlke, die über das Buch von der Stadt der Frauen geforscht hat, schreibt dazu: „Der Prozess des Erbauens einer Stadt wird mit der intellektuell-physischen Tätigkeit des Schreibens eines Buches identifiziert.“ (in: Bärbel Zühlke: Christine de Pizan in Text und Bild. Zur Selbstdarstellung einer frühhumanistischen Intellektuellen, Stuttgart/Weimar 1994 (Ergebnisse der Frauenforschung; 36) S. 100).

Christine-cite-des-dames-detail

Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v, Detail

 

Wird heute noch darüber gesprochen?

Leider viel zu wenig. In den jüngsten Spiegel-Artikel über Frauen, die „man heute kennen muss“, hat Christine de Pizan es leider nicht geschafft.

Auch die deutschsprachige Ausgabe des ‚Buches von der Stadt der Frauen‘ ist momentan nur antiquarisch zu haben.

Das Thema an sich ist erfreulicherweise für die koreanische Künstlerin Lee Bul aktuell: „Mich interessiert, wie sich Menschen in der Vergangenheit ihre utopische Zukunft vorstellten.“

Eine umfassende Werkschau, kuratiert von Stephanie Rosenthal, über utopische Sehnsüchte.

Lee Bul: Crash – 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 – Gropius Bau in Berlin.

The Black Tulip – Alexandre Dumas

IMG_0624.JPG

Zweimal im Jahr erscheint mein heißgeliebter „Happy Reader“ aus dem Penguin Classics Verlag und als virtueller Bookclub wird gemeinsam ein Roman gelesen, der im folgenden Heft dann ausführlich besprochen wird. Das Buch für den Sommer 2018 war Dumas‘ „The Black Tulip“, der gelegentlich sein letzter großer Roman genannt wird und der stets im Schatten der deutlich berühmteren „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“ steht.

Wer das erste Kapitel übersteht, das etwas hölzern mit Einblicken in die niederländische Politik beginnt, wird mit einem verwegenen, spannenden Pageturner belohnt. Die Geschichte bietet einen ganzen Fächer an Themen, die Dumas wunderbar miteinander verbindet: Liebe, Mut, Ehrlichkeit und Neid.

Die Brüder Cornelius und Johann de Witt (hochrangige Politiker im damaligen Holland) werden des Hochverrats beschuldigt und des Landes verwiesen. Cornelius wurde gefoltert in der Hoffnung, er würde zugeben mit dem französischen König gemeinsam eine Verschwörung gestartet zu haben.

Was Cornelius weder getan hat, noch unter Folter gestand.

Er hat mit dem französischen König zwar korrespondiert, die Briefe waren aber harmloser Natur und Cornelius hinterlegte diese bei seinem Neffen Cornelius Baerle aus Angst, diese Briefe würden Anlass genug sein, ihn und seinen Bruder Johann aufs Schafott zu bringen.

Im Rückblick muss man sagen, wären sie doch nur so glücklich gewesen auf dem Schafott zu landen. Stattdessen wurden sie auf dem Weg ins Exil vom Mob auf der Straße aufgehalten. Dieser Mob, also die sogenannten braven Bürger von denen man das Obst, Gemüse und Brot kauft, bei denen man sich Kleider anfertigen lässt oder Schränke herstellen, die waren mit dem Urteil Exil nicht happy. Die wollten Blut und Köpfe rollen sehen. Durch finstere Machenschaften des William von Orange bekommt der Mob die Chance, die beiden Brüder in die Finger zu bekommen.

”And everyone wanted to strike a blow with a hammer, a sword or a knife, everyone wanted to have his drop of blood and tear off his scrap of clothing.
When the two bodies were thoroughly beaten, thoroughly dismembered, and thoroughly stripped, the mob dragged them naked and bleeding, to an improvised gibbet, where amateur executioners hung them up by the feet.”

Der gleichnamige ahnungslose Neffe Cornelius kümmert sich in der Zeit nichtsahnend um seine geliebten Tulpen, während ein böser neidischer Nachbar, der selbst kein Glück mit seinen Tulpen hat, ihm die Zuchterfolge nicht gönnt und ihn hinterrücks bei der Obrigkeit als Mitverschwörer verpfeift. Der arme Cornelius landet lebenslang hinter Gittern, gerade als er begonnen hatte, sich an einem Wettbewerb zu beteiligen, der einen großen Preis auslobte für den, dem es zuerst gelang, eine schwarze Tulpe zu züchten.

Die Geschichte dreht sich um den unglaublichen Mut und das Durchhaltevermögen des Cornelius van den Baerle bei der Verwirklichung seines Traums, eine schwarze Tulpe zu züchten. Er wird dabei von der mutigen und cleveren Rosa Gryphus unterstützt, der Tochter seines Kerkermeisters, in die sich Cornelius verliebt.

IMG_0951

Man mag nicht glauben, wie spannend das Schicksal von drei Tulpenablegern sein kann und wie sehr man mitfiebert in der Hoffnung, eine davon möge es schaffen und nicht dem neidischen Schurken Boxtel in die Finger geraten. Rosa gerät in einen Mahlstrom an Tulpen-Obsession, die man so seit dem Zerplatzen der Tulpenblase im Jahr 1637 nicht mehr gesehen hat. Sie liebt Cornelius und hilft ihm, wo sie kann, kann sich aber nie ganz sicher sein, ob sie nicht immer erst an zweiter Stelle nach seiner Liebe zu den Tulpen kommen wird.

“Sometimes one has suffered enough to have the right to never say: I am too happy.” 

Mir hat dieser dunkle, floristische, etwas blutige Thriller durchaus Spaß gemacht. Der schon zu Lebzeiten unglaublich berühmte Alexandre Dumas hat im Übrigen satte 650 Bücher geschrieben in jedem nur vorstellbaren Genre: Belletristik, historische Romane, Reisebeschreibungen, „True Crime“ und Kochbücher. Ich bin schwer beeindruckt…

Auf deutsch ist der Roman unter dem Titel „Die schwarze Tulpe“ im Belle Epoque Verlag erschienen.

Books & Booze – Die Mandarins von Paris

DSC_0343

Wer in unserer illustren Runde der fröhlich pichelnden Schriftsteller natürlich nicht fehlen darf, ist Simone de Beauvoir, die berühmte Autorin, Philosophin und Frauenrechtlerin. Philosophie und Cocktails haben eine ganz intime Beziehung. Es war sogar ein Cocktail, der den französischen Existentialismus letztendlich inspiriert hat.

Eines abends im Jahr 1932 saß Simone mit Jean-Paul Sartre und ihrem gemeinsamen Freund Raymond Aron in einer chicen Pariser Bar, dem Bec de Gaz. Aron sinnierte so vor sich hin, dass Phenomenologisten sogar über Aprikosen-Cocktails philosophieren könnten. Sartre und Beauvoir wurden berühmt dafür, eine Philosophie der alltäglichen Dinge geschaffen zu haben, eben jenen französischen Existentialismus. Berüchtigt waren sie eher, wenn es um ihre Trinkgewohnheiten ging. Beauvoir flirtete stets recht hingebungsvoll mit Gin Fizzes und hat als Morgenroutine erstmal zwei Vodka getrunken und ein paar Whiskies über den Tag verteilt.

Einen besonderen Stellenwert hatte aber in der Tat der Aprikosen-Cocktail, den sie in ihrem Buch „In den besten Jahren“ erwähnt:

“I had a weakness for two specialities – mead cocktails at the Vikings’ Bar, and apricot cocktails at the Bec de Gaz on the Rue Montparnasse: what more could the Ritz Bar have offered us?”

Cocktailbars sind die perfekten Foren für philosophische Untersuchungen, weil sie einen ruhigen Hafen bieten im Trubel und Chaos der Welt, wo man Beziehungen anbahnen, erkunden und vertiefen kann und nie lässt sich die Welt erfolgreicher verändern als mit einem Cocktailglas in der Hand.

Wer Lust auf tiefe Gedanken und süßen Genuss hat, der sollte es mit der Variante der Münchner Küchenexperimente von Simone de Beauvoirs Lieblingscocktail versuchen. Die ist so gut, da kommen nicht nur Philosophen ins Schwärmen.

Man nehme

  • 1 TL Vodka
  • 4 EL Aprikosenpürree
  • mit Champagner aufgiessen

Santé!

Am besten genießt man den Cocktail im Übrigen mit meinem Lieblingsbuch von Simone de Beauvoir den „Mandarins von Paris“ oder dem wunderbaren „Das Café der Existentialisten“ von Sarah Bakewell.