Lektüre Februar 2022

Ein bisschen später als geplant, aber die weltpolitische Lage hat auch mich im doomscrolling (verdammnisblättern? bzw obsessive Konsumieren von schlechten Nachrichten) erstarren lassen und dem Lesen und Schreiben keinen Raum gelassen. Aber ein bisschen Struktur hilft in vielen Lagen, daher hier meine Lektüre aus dem Februar. Es war ein sehr guter und schöner Lesemonat, da wird im März deutlich weniger hinzukommen.

Hier geht’s lang – Mit Büchern von Frauen durchs Leben von Elke Heidenreich, Eisele Verlag

Es waren Bücher von Frauen, die Elke Heidenreich geprägt haben, von frühester Jugend an. Später machte sie das Reden und Schreiben über Bücher zu ihrem Beruf.

Als ich Anfang des Jahres hier verriet, dass ich ein Projekt plane, dann meinte ich dieses damit. Mich auch meiner Lebensbücher zu erinnern und darüber zu schreiben. Ich danke meiner lieben Freundin Barbara in Berlin sehr, mir das Buch nicht nur ans Herz gelegt sondern auch geliehen zu haben. Habe es sehr gerne gelesen und sobald mein Hirn wieder etwas ruhiger ist, beginne ich mal meine eigene Lesebiographie zu erforschen und aufzuschreiben.

… denn Literatur hat immer auch eine unterwandernde Wirkung, sie trägt uns davon aus unserer Umgebung, und mit dem Weg zurück kann es heikel werden

… und die Sonne schien in meinem Kopf und rettete mich vor Armut, Enge, Kleinkariertheit und den üblichen Nöten und Komplexen einer Heranwachsenden.

Maria Stuart – Stefan Zweig erschienen im Fischer Verlag

Sie war Königin von Schottland und Frankreich und hatte Anspruch auf den Thron von England – doch Elizabeth I. ließ Maria Stuart (1542–1587) jahrelang inhaftieren und schließlich hinrichten, um ihre Macht zu wahren. Das Leben der Maria Stuart war geprägt von Intrigen, Verschwörungen und politischen Ränkespielen, denen sie am Ende zum Opfer fiel. Stefan Zweig zeichnet ein Porträt einer Frau, deren Leben bis heute Anlass zu Spekulationen, Verklärung und Mystifizierung gibt.

Stefan Zweig ist einer meiner liebsten Autoren und auch diese Roman-Biografie habe ich sehr gerne gelesen. Gelegentlich merkt man natürlich schon aus welcher Zeit Zweig stammt und wie das seinen Blick auf Frauen geprägt hat, aber eine wirklich lohnende Lektüre, durch die ich immens viel über die schottisch-englische Geschichte und zwei ausgesprochen faszinierende Persönlichkeiten gelernt habe.

Doch eine Natur wie die ihrige kann, wenn auch noch so tief enttäuscht, nicht ohne Vertrauen leben; immer wieder sucht sie nach einem sicheren Menschen, auf den sie sich unbedingt verlassen kann. Lieber wird sie jemanden wählen, der niederem Range entstammt, der nicht die Ansehnlichkeit eines Moray und Maitland besitzt, aber dafür die Tugend, die ihr notwendiger ist an diesem schottischen Hofe, die kostbarste aller Dienergaben: unbedingte Treue und Verläßlichkeit.

The City & The City von China Miéville auf deutsch erschienen unter dem Titel „Die Stadt & Die Stadt“ bei Bastei Lübbe. Übersetzt von Eva Bauche-Eppers

Zwei Städte – geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich.

Ganz warm werden Mr. Miéville und ich irgendwie nicht. Ist mein dritter Versuch, die Prämissen sind immer spannend, seine Romane stecken voller spannender Ideen, aber ich komme nie richtig in die Bücher rein, sie haben auch nicht die richtige Atmosphäre für mich. Definitiv ein gutes Buch, ein spannender Autor, nur eben nicht für mich.

“Is it more childish and foolish to insist that there is a conspiracy or that there is not?” 

Der Verdacht (The Push)- Ashley Audrain erschienen bei Penguin Random House. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. 

Ein Buch das nur schwer auszuhalten ist, emotional alles andere als leichte Kost ist und das mir noch immer nach geht.

Ich erinnerte mich daran, warum wir Violet eigentlich bekommen haben: Du wolltest eine Familie, und ich wollte dich glücklich machen. Aber ich wollte außerdem all meine Zweifel widerlegen. Ich wollte auch meine Mutter widerlegen.

Wenn Männer mir die Welt erklären (Men explain things to me) von Rebecca Solnit erschienen im btb Verlag. Übersetzt von Kathrin Razum und Bettina Münch

Ein Mann, der mit seinem Wissen prahlt, in der Annahme, dass seine Gesprächspartnerin ohnehin keine Ahnung hat – jede Frau hat diese Situation schon einmal erlebt. Rebecca Solnit untersucht die Mechanismen von Sexismus. Sie deckt Missstände auf, die meist gar nicht als solche erkannt werden, weil Übergriffe auf Frauen akzeptiert sind, als normal gelten.

Rebecca Solnit ist eine Autorin die ich sehr schätze. Sie ist klug, warmherzig und hat ein wahninniges Gespür für die Themen unserer Zeit. Dieses Buch hat das Zeug dazu ein Klassiker zu werden. Sie schafft es auf ein paar Seiten, die Geschlechterdebatte auf den Punkt zu bringen.

Every woman knows what I’m talking about. It’s the presumption that makes it hard, at times, for any woman in any field; that keeps women from speaking up and from being heard when they dare; that crushes young women into silence by indicating, the way harassment on the street does, that this is not their world. It trains us in self-doubt and self-limitation just as it exercises men’s unsupported overconfidence.

Vier Tage währt die Nacht von Dorothea S. Baltenstein erschienen im Eichborn Verlag

Dorothea S. Baltenstein ist das Pseudonym von vier Schülerinnen und ihrem Lehrer die im Rahmen eines Unterrichtsprojektes, dem sogenannten Projekt Pegasus, zwischen September 1995 und Mai 1998 das Manuskript für den gleichnamigen Roman entwickelten.

Schottland, im Jahre des Herrn 1817. Jonathan Lloyd erhält von seinem alten Freund Sir Mortimer Pope eine Einladung nach Boroughmore Castle. Ein literarischer Wettstreit ist geplant; man will sich treffen wie einst die Shelleys sich mit Lord Byron in der Schweiz trafen, wo Mary Shelley die Inspiration zu Frankenstein hatte. Aber bereits in der ersten Nacht stürzt die Zugbrücke des Schlosses ein, was ein Todesopfer fordert.

Ein Roman den ich direkt nach Erscheinen gekauft und gelesen habe, denn meine Liebe zu allem Gothic / Dark Academia etc begleitet mich schon ein Leben lang. Ich habe es damals sehr gerne gelesen, war etwas besorgt, wie es wohl gealtert sein mag, aber auch es macht auch in dunklen Wintertagen im Jahr 2022 noch genauso viel Spaß sich in diese dunkel-romantische Schauergeschichte zu versenken.

Während ich am späten Nachmittag des 27. November des Jahres 1817 in einer Kutsche saß, die holpernd über steinige Straßen fuhr, und hoffte, noch vor einbrechender Nacht mein Ziel zu erreichen, breitete sich in mir bereits ein Gefühl der Unsicherheit aus – vielleicht war auch ein wenig Furcht dabei.

Krabat von Otfried Preußler erschienen bei der Büchergilde Gutenberg

Neugier lockt Krabat zur Mühle am Koselbruch, vor der alle warnen. Dort soll es nicht mit rechten Dingen zugehen. Ein leichtes und schönes Leben wird Krabat hier versprochen. Doch der Preis dafür ist hoch. Und aus der Verstrickung mit dem Bösen kann ihn nur die bedingungslose Liebe eines Mädchens retten.

Auch so ein Herzensbuch, das ich gerne alle paar Jahre lese und jedes Mal entdecke ich etwas Neues darin.

Es gibt eine Art von Zauberei, die man mühsam erlernen muß: Das ist die, wie sie im Koraktor steht, Zeichen für Zeichen und Formel um Formel. Und dann gibt es eine, die wächst einem aus der Tiefe des Herzens zu: aus der Sorge um jemanden, den man lieb hat. Ich weiß, daß das schwer zu begreifen ist – aber du solltest darauf vertrauen, Krabat.

Bibliomanie von Gustave Flaubert erschienen im Insel Verlag. Übersetzt von Erwin Rieger.

Der Buchhändler und Antiquar Giacomo lebt zurückgezogen in einer stillen Gasse in Barcelona. Seine Liebe gilt allein den Büchern. Er berauscht sich am Geruch ihres Papiers, dem Einband, der Vergoldung der Lettern und der Druckerschwärze. Sein Traum: der Aufbau einer eigenen Bibliothek. Bei dem Erwerb bibliophiler Schätze steht ihm allerdings sein Rivale Baptisto im Weg, der Buchhändler vom Königsplatz. Allmählich steigert sich Giacomos Leidenschaft zum verbrecherischen Wahn …

Einen einzigen Gedanken hatte er, eine einzige Liebe, eine einzige Leidenschaft: die Bücher! Und diese Liebe, diese Leidenschaft verbrannten sein Inneres, verdarben sein Leben, verschlangen sein Dasein.

The Offing von Benjamin Meyers erschienen auf deutsch unter dem Titel Offene See im Dumont Verlag. Übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. 

Das wurde ganz überraschend für mich ein richtiges Herzensbuch. Jede:r von uns braucht eine Dulcie im Leben. Ein Buch das ich ganz besonders in diesen dunklen Zeiten empfehlen kann. Es macht die Welt ein kleines bisschen besser.

There is poetry in silence but most of us don’t stop to hear it. They must talk, talk, talk, but say nothing because they are afraid of hearing their own heartbeat.

Let poetry and music and wine and romance guide the way. Let liberty prevail.

Welche Bücher davon kennt ihr oder habt ihr vielleicht Lust bekommen auf das Eine oder das Andere? Ich freue mich über Rückmeldung – lasst mal hören…

Hirngymnastik Soziologie

Vielleicht ist man prädestiniert dafür, zur Archäologin oder Soziologin seiner Selbst zu werden, wenn man einigermaßen prekär und bildungsfern aufwächst. Von klein auf haben mich Familien fasziniert (ich wollte unbedingt bei den Waltons leben und an so einem langen Tisch zu Abend essen) und war stets fasziniert von den Bücherregalen, den Klavieren, der Weitläufigkeit der Häuser (die meine Oma putzte), im Gegensatz zu der beengten Sozialwohnung, in der ich mit meinem Bruder bei meiner Oma lebte.

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Herkunft ist eine Frage, die mich seit Jahren endlos fasziniert. Ich habe unermüdlich die Bildungslebensläufe verschiedenster Menschen gescannt, auf der Suche nach Ähnlichkeiten.

Eine der ersten großen Erkenntnisse für mich war, dass nicht alle gebildeten Menschen unbedingt reich an Geld sind, sie aber in der Regel aus bildungsnahen Umfeldern kommen. Also Eltern haben mit „guten Berufen“, die ihre Kinder zum Lernen animieren und die zu Hause Bücher haben.

Unser Viertel war interessant durchmischt. Einige Familien aus Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und viele sogenannte Aussiedler und Deutsche. Insbesondere unter den Deutschen fiel auf, dass viele der alten Leute (wie z.B. meine Oma) zur Gruppe „arm aber bildungs-wertschätzend“ gehörten, viele der jüngeren eher zu den Menschen, über die RTL2 Brennpunkt-Dokus macht und die Bildung eher als etwas lästiges betrachten.

Daher waren viele der Kinder, mit denen ich in der Nachbarschaft unterwegs war, eher der Brennpunkt-Gruppe zuzuordnen. Es war wohl viel Zufall und persönliches Glück (vorlesende Großeltern zum Beispiel) dabei, dass ich mich in der Schule eher zu den bildungsnahen Kindern hingezogen fühlte und somit von klein auf Lust auf Bildung hatte.

Und genau diesen Mikrokosmos finde ich so spannend. Nature vs Nurture – was liegt in den Genen, was im Umfeld und welches Umfeld prägt einen mehr, welches weniger? Was ist mir selbst, meinem IQ, meiner Familie geschuldet und was meinem Milieu?

Die Auswahl der Bücher zu dieser Hirngymnastik ist insofern auch noch mal interessant, als es (wirklich ohne dass ich das vorher wußte) drei Autor*innen sind, die ebenfalls ursprünglich aus der „Arbeiterklasse“ kommen und sich durch Bildung aus diesem Milieu entfernt haben.

Dass der einzige wirkliche Ausweg oft nur über ganz besondere Begabung geht, hat mich oft zur Verzweiflung gebracht. Vielleicht gibt es Ausnahmen die ich noch nicht getroffen habe, aber man hört bzw. liest eigentlich nur von den Bildungsaufsteigern, die wie Bourdieu, Ernaux oder Eribon unfassbar klug sind und/oder sich über Stipendiate etc. auf Elite-Universitäten bugsiert (Tara Westover) haben.

Mich hat es zur Verzweiflung gebracht, weil ich keine Hochbegabung habe. Ich bin in der Realschule gerade mal so mitgekommen, auch – aber nicht nur – weil Lehrer von vorne rein nicht glauben, dass man irgendwas kann, wenn man aus bestimmten Wohngegenden kommt – ich hätte niemals ein Stipendium für irgendeine Uni bekommen und das ist der Punkt, wo ich merkte, es muss sich strukturell etwas ändern, damit Kinder, die jetzt in Brennpunkten aufwachsen, überhaupt eine Chance haben.

Auch dort wird es Kinder geben, die es verdient hätten, in die Bildungsaristokratie aufzusteigen, die aber so weit weg von allem sind, was mit Bildung zu tun hat, dass es nicht einmal teilweise auf ihrem Bildungshorizont auftaucht. Die keine mega Begabung für irgendwas haben, sondern ganz „normal“ intelligent sind.

Die genau so gut Englisch / Spanisch / Französisch sprechen könnten wie ihre Mitschüler, deren Eltern es sich leisten können mit ihnen in den Sommerferien ins entsprechende Land zu fahren und die dann erstaunlicherweise die Sprache so viel besser sprechen, als die, die es sich „nur“ alleine zu Hause beigebracht haben. Die genauso gut in einer Sportart sind, wie die Kinder der Eltern, die sich Sportlager leisten können oder die genauso gut oder schlecht in Mathe / Deutsch etc. sind wie die Kinder, deren Eltern sie auf Internate schicken können, wo man in speziellen kleinen Klassen aufs Abitur vorbereitet wird und das Wissen einem portionsweise zugefüttert wird.

Was mich mein Leben lang schon immens wütend macht, ist der Glaube von ganz vielen „erfolgreichen“ Menschen da draußen, dass es einzig an ihrer harten Arbeit, ihrem IQ und was weiß ich liegt, dass sie da sind, wo sie sind und sie nicht sehen wollen, dass es auch hier, wie so oft, einfach nur Privilegien sind, die sie haben und die ihnen in den meisten Fällen einfach nicht bewusst sind.

Ich habe es rausgeschafft aus meinem Mileu aus einer Brennpunkt-Kindheit durch meine Oma, die uns rausgeholt und bei sich aufgenommen hat, obwohl sie eine Mini-Rente hatte und ich bis heute nicht weiß, wie sie das geschafft hat.

Ich habe es den bildungsnahen Familien meiner Freundinnen in der Kindheit zu verdanken, mit denen ich trotz der bösen Brennpunkt-Herkunft spielen durfte und der Leihbücherei, die mein zweites Zuhause war 🙂

Aber genug von mir und meinem Rant – jetzt doch mal etwas zu den Büchern für diese Hirngymnastik – sie haben nur einfach eine Menge bei mir in Bewegung gesetzt.

„Gesellschaft als Urteil“ von Eribon ist ein großartiges Buch, es gelingt ihm an vielen Stellen Worte zu finden für Erfahrungen, die ich gut kenne, die ich aber nie so hätte benennen können:

„Wenn man als Kind seine Ferien im Landsitz der Großeltern verbringt, wenn man übers Wochenende ins Landhaus der Eltern oder Geschwister fährt, resultiert daraus ein anderer Selbstbezug, ein anderer Bezug zur Welt und zu den anderen, als wenn man eine Kindheit ohne Ferien erlebt oder man die Ferien im Ferienlager, mit den Eltern auf dem Campingplatz oder in einem Wohnmobil verbracht hat.“

„Sie verfügen nicht über das soziale Kapital der Privilegierten, sie beherrschen nicht die notwendigen Codes. Dieser Unterschied spielt in den Details des beruflichen und privaten Lebens eine wichtige Rolle. Man fühlt sich unwohl, wenn man in einem bürgerlichen Haus zu Gast ist, man weiß nicht, wie man im Restaurant mit dem Besteck umzugehen hat, man ignoriert die passenden Redeweisen in bestimmten Situationen usw.“

Das z.B. geht mir heute noch exakt so, bei den Treffen der Freunde des Literaturhauses. Die sind alle wirklich sehr symphatisch, aber wann immer ich sie treffe, fühle ich mich wie eine Außerirdische, umgeheben von all den Studienrät*innen, Professor*innen und einfach sehr vornehm und gebildeten Menschen.

„Es versteht sich von selbst, dass eine aufsteigende soziale Bahn den Aufsteiger nicht zum exakt gleichen Status oder zur exakten Position derjenigen führt, die schon lange oben sind. Füllen zwei Menschen die gleiche Position oder Profession aus, dann unterscheiden sie sich durch die Dauer ihrer Klassenzugehörigkeit. Kumuliertes ökonomisches Kapital (Eigentumswohnungen, Häuser, ererbte Güter usw.) und ein seit der Kindheit verfügbares kulturelles Kapital (mobilisierbare Beziehungen innerhalb des eigenen Milieus, der eigenen Familie und über diese hinaus) können bei einem nominell identischen Status zu großen Wertunterschieden führen. Auch die scheinbar vollständige Gleichheit wird von einer Ungleichheit der Herkunft durchzogen“.

Bei dem letzten Zitat muss ich an einen Abschnitt aus einer Biografie von Marion Gräfin Dönhoff denken. Sie beschreibt darin ihre Flucht aus Ostpreußen und wie sie auf einem Pferd ohne irgendwelches Hab und Gut die Flucht ergreift, an den endlosen Flüchtlingtrecks vorbei reitet und nachts auf der Suche nach Unterkunft für die Nacht schnurstracks aufs nächste Schloß zureitet und ganz selbstverständlich dort ans Tor klopft und die Nacht verbringt. Das hat mich endlos fasziniert, diese Selbstverständlichkeit.

Das perfide an Privilegien ist eben, das man sich ihrer nicht bewusst ist. Einfach dadurch, dass man gewisse Dinge NICHT erlebt, machen sie sich bemerkbar. Wir alle haben Privilegien und je mehr wir uns ihrer bewusst werden, desto sensibler können wir miteinander umgehen und je eher ist uns wichtig, immer mehr Menschen an diesen Privilegien teilhaben zu lassen bzw. strukturell dafür zu sorgen, dass sie eine immer kleinere Rolle spielen.

Eine große Gefahr besteht darin, dass die unterschiedlich wenig privilegierten Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

Annie Ernaux Buch „Die Jahre“ ist ein eindringliches Zeitdokument. Sie erzählt die französische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte anhand von privaten Fotografien, populären Medien und ihren eigenen Erinnerungen.

Damit gelingt ihr, der „Ethnologin ihrer selbst“, ein scharfsinniges Gesellschaftsporträt, in dem sie über ihre Kindheit in der Nachkriegszeit, den Algerienkrieg, ihr Schreiben, ihre Mutterschaft, die 68er, ihre Emanzipation, den Mauerfall bis hin zu ihrem eigenen Altern schreibt.

„Die Geschehnisse überstiegen unsere Vorstellungskraft – also hatte man den Kommunismus für unsterblich gehalten – und unsere Gefühle hielten nicht mit der Wirklichkeit Schritt. Man hinkte den Ereignissen hinterher und beneidete die Osteuropäer, weil sie alles unmittelbar miterlebten. Als sie dann in Westberlin die Geschäfte stürmten, blickte man konsterniert auf ihre katastrophale Bekleidung und die Tüten voller Bananen. Ihre Unerfahrenheit mit dem Konsum war rührend. Dann begann uns ihr kollektiver Hunger nach Materiellem zu ärgern, ihre fehlende Zurückhaltung, ihr mangelnder Stil. Offenbar waren sie der Freiheit, die wir für sie geschaffen hatten, der reinen, abstrakten Freiheit, nicht gewachsen. Das Mitleid, das man jahrelang für die Menschen „unter dem Joch des Kommunismus“ empfunden hatte, schlug in Missbilligung darüber um, wie sie von ihrer neu gewordenen Freiheit Gebrauch machten. Als sie noch um Wurst und Bücher angestanden hatten und es ihnen an allem gefehlt hatte, waren sie uns lieber gewesen, damals hatte man sein Überlegenheitsgefühl und das Glück der „freien Welt“ anzugehören, viel besser auskosten können.“

Was uns final nun zu Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ bringt. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, das 1979 erschienen ist und noch heute selbst gebraucht 26 € kostet. Eribon schwärmt in den höchsten Tönen davon, Goodreads überschlägt sich und ich…

…. habe es einfach nicht verstanden. Ich bin sicher, es ist unfassbar klug, aber es ist kein Buch, dass man abends lesen kann, wenn man 10 Stunden gearbeitet hat. Man muss sich jeden Absatz erkämpfen und das Buch verdient es sicherlich auch so gelesen zu werden, nur habe ich dafür im Moment nicht genug Zeit, Energie und vielleicht bin ich auch einfach nicht gebildet genug für diese Lektüre.

Die Hirngymnastik Soziologie hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe parallel auch den Kurs an der Zeit Akademie besucht und möchte noch das eine oder andere von Aladin El-Mafaalani, Judith Butler, Ulrich Beck und Kate Kirkpatrick z.B. lesen.

Ich hoffe, diese Hirngymnastik war nicht zu persönlich – ich habe beim Schreiben definitiv gemerkt, dass mich das Thema sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht hat.

„Jede etablierte Ordnung neigt dazu, die Naturalisierung ihrer eigenen Willkür zu produzieren“ // Pierre Bourdieu

Gemischte Tüte

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1997 reisen die neunzehnjährige Michelle und ihr gelber Spielzeugroboter Richtung Westen durch ein dystopisches Amerika. Die Ruinen gigantischer Kampfdrohnen liegen verstreut in der Landschaft, zusammen mit dem weggeworfenen Müll einer im Niedergang begriffenen Hightech-Konsumgesellschaft. Während sich ihr Auto dem Rand des Kontinents nähert, scheint sich die Welt vor dem Fenster immer schneller aufzulösen – als ob irgendwo jenseits des Horizonts der hohle Kern der Zivilisation zusammengebrochen wäre.

Großartige Illustrationen, eine ergreifende, fesselnde Geschichte und eine höllisch gute Präsentation machen dieses Buch zu einem absolut perfekten Erlebnis. Es war ein riesiges Vergnügen, dieses wunderbare Buch zu lesen. Es ist nicht gerade günstig, aber es ist sein Geld definitiv wert. Das ist kein Bildband, den man einfach nur so durchblättert, dieses Buch braucht die ganze Aufmerksamkeit und es ist für mich eines der tollsten Bücher die ich bislang dieses Jahr gelesen habe.

In the beginning, God created the neuron, and when electricity flowed through the three-dimensional nerve cell matrix in the brain, there was consciousness.

Simon Stålenhag ist ein schwedischer Künstler, Musiker und Designer, der sich auf retro-futuristische digitale Bilder spezialisiert hat. Die Schauplätze seiner Kunstwerke bildeten unter anderem die Grundlage für die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ (2020).

Eine weitere Rezension findet ihr bei Zeichen & Zeiten.

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Why I’m No Longer Talking to White People About Race ist die Lektüre der Stunde für jeden, dem soziale Gerechtigkeit, der Zustand unserer Gesellschaft und das Miteinander unter den Menschen am Herzen liegen. Reni Eddo-Lodge erzählt die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in Großbritannien und spricht über weiße Privilegien, weißgewaschenen Feminismus, Rassismus, Klassenunterschiede und mehr. Eddo-Lodge ist provokativ, aber jedes Wort fühlt sich notwendig und richtig an und sie verschwendet keinen Platz. Sie schafft eine perfekte Balance zwischen der Vermittlung, wie tief verwurzelt und allumfassend Rassismus wirklich ist, und der Hoffnung, dass wir die Vorherrschaft der Weißen bekämpfen können. Sie weigert sich, weiße Menschen zu verhätscheln, und fordert, die weiße Zerbrechlichkeit zu überwinden. Ich habe mindestens ein Dutzend Passagen angekreuzt, aber diese eine zu Feminismus möchte ich hier teilen:

Feminism is not about equality, and certainly not about silently slipping into a world of work created by and for men. Feminism, at its best, is a movement that works to liberate all people who have been economically, socially, and culturally marginalised by an ideological system that has been designed for them to fail. That means disabled people, black people, trans people, women and non-binary people, LGB people and working-class people. The idea of campaigning for equality must be complicated if we are to untangle the situation we’re in. Feminism will have won when we have ended poverty. It will have won when women are no longer expected to work two jobs (the care and emotional labour for their families as well as their day jobs) by default.

 

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Die alternde und zurückgezogene Hollywood-Filmikone Evelyn Hugo ist endlich bereit, die Wahrheit über ihr glamouröses und skandalöses Leben zu erzählen.

Als sie die unbekannte Magazinreporterin Monique Grant für den Job auswählt, ist in Journalistenkreisen niemand mehr erstaunt als Monique selbst. Warum sie? Warum jetzt? Monique ist beruflich kein Überflieger und macht auch gerade schwere Zeiten durch. Ihr Ehemann David hat sie verlassen, und ihre Karriere stagniert. Unabhängig davon, warum Evelyn sie ausgewählt hat, um ihre Biografie zu schreiben, ist Monique entschlossen, diese Gelegenheit zu nutzen, um ihre Karriere voranzutreiben.

People think that intimacy is about sex. But intimacy is about truth. When you realize you can tell someone your truth, when you can show yourself to them, when you stand in front of them bare and their response is ‚you’re safe with me‘- that’s intimacy.

In Evelyns Wohnung in der Upper East Side hört Monique Evelyns Geschichte zu: von ihrem Weg nach Los Angeles in den 1950er Jahren bis zu ihrer Entscheidung, das Showgeschäft Ende der 80er Jahre zu verlassen, und natürlich erfährt sie viel über die sieben Ehemänner, die Evelyns Weg pflastern. Während Evelyns Leben sich entfaltet – von rücksichtslosem Ehrgeiz, einer unerwarteten Freundschaft, über eine große verbotene Liebe – beginnt Monique eine sehr reale Verbindung zu der Schauspielerin zu spüren. Doch während Evelyns Geschichte die Gegenwart einholt, wird klar, dass sich ihr Leben auf tragische und unumkehrbare Weise mit dem von Monique überschneidet.

Mehr kann man nicht schreiben ohne heftigst zu spoilern. Das ist sehr gute Strandlektüre, die großen Spaß macht und die ich wirklich empfehlen kann. Habe es sehr gerne gelesen und es hat für spannende Diskussionen im Bookclub gesorgt. Wir waren uns einig, hohe Literatur ist was anderes, aber keine von uns konnte das Buch wirklich aus der Hand legen…

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Sollte man jedes Buch beenden, das man beginnt?

Wie hat Deine Familie Deine Art zu lesen beeinflusst?

Was ist literarischer Stil?

Was hat der Nobelpreis mit der Fußballweltmeisterschaft zu tun?

Warum findet du das Buch total doof, das ein Freund dir so empfohlen hat?

Ist Schreiben wirklich wie jeder andere Beruf?

Was passiert mit deinem Gehirn, wenn Du ein gutes Buch liest?

Der Schriftsteller, Übersetzer, Kritiker und Literaturprofessor Tim Parks geht diesen Fragen nach und beschäftigt sich mit all dem, worüber man sich unbewußt oder bewusst schon mal Gedanken gemacht hat mit Blick auf Bücher, Lesen und Literatur. Diese Sammlung an spannenden und teilweise provokanten Essays/Artikeln  ist ein anregender intellektueller Leckerbissen für all die bibliophilen Buchverrückten unter uns.

What wonderful minds we have, even though they don’t seem to get us anywhere, or make us happy.

Eines seiner interessantesten Themen ist „The Dull New Global Novel“. In zunehmendem Maße ist der Markt für neue Romane eher global als lokal oder national. Ein Roman eines bekannten Schriftstellers wird in der Regel in ausländischen Ausgaben gleichzeitig mit der Originalausgabe herausgegeben. Die Bedeutung einer anständigen Übersetzung oder einer einfachen Übersetzung steht an erster Stelle und verändert die Art und Weise, wie manche Romanschriftsteller schreiben – „Kazuo Ishiguro hat davon gesprochen, wie wichtig es ist, Wortspiele und Anspielungen zu vermeiden, um es dem Übersetzer leicht zu machen“. Parks lehrt Übersetzen in Italien und hat hat daher jede Menge interessante Einsichten und Ansichten zu diesem Thema.

Ein Nebeneffekt eines internationalen Marktes für Bücher ist, dass ein bestimmter Stil zu einem unauslöschlichen Merkmal werden kann. Der magische Realismus wurde zu einem solchen Markenzeichen der südamerikanischen Literatur, dass es für südamerikanische Schriftsteller richtig schwierig wurde, veröffentlicht zu werden, wenn sie es wagen sollten nicht das Markenzeichen „magischer Realismus“ zu verwenden.

„Nur wenige Kunstwerke können universelle Anziehungskraft haben“, argumentiert er. Für ihn ist einige der besten Literatur lokal, denn sie verlangt, dass der Leser ein bestimmtes Milieu versteht. Dieser Aspekt der Literatur kämpft gegen den Trend des Globalismus, denn Lokalitäten und kulturelle Besonderheiten lassen sich nicht so gut übersetzen, weder im wörtlichen noch im metaphorischen Sinne. Zu den Schriftstellern dieser Form gehören seiner Ansicht nach Barbara Pym, Henry Green, Natalia Ginzburg – und es gibt durchaus Aspekte dieses Lokalismus/Nichtuniversalismus bei Thomas Hardy, Jane Austen, Shakespeare.

Wer gerne Bücher über Bücher liest und sich grundsätzlich für die Situation der Weltliteratur interessiert, sollte sich dieses Buch keinesfalls entgehen lassen.

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Du bist 82 Jahre alt. Du bist sechs Zentimeter geschrumpft, wiegst nur noch 45 Kilo und bist trotzdem noch schön, anmutig und begehrenswert“ – so beginnt André Gorz‘ „offener Liebesbrief“ an die Frau, mit der er seit 58 Jahren zusammenlebt und die neben ihm im Sterben liegt.
Als einer der führenden Nachkriegsphilosophen Frankreichs schrieb André Gorz viele einflussreiche Bücher, aber nichts von dem, was er schrieb, wurde je so populär oder wird so in Erinnerung bleiben, wie dieser einfache, leidenschaftliche, schöne Brief an seine sterbende Frau.

In einem bittersüßen Postskriptum ein Jahr nach der Veröffentlichung des Briefes an D markierte eine an die Tür geheftete Notiz für die Putzfrau das letzte Kapitel einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte. André Gorz und seine todkranke Frau Dorine fanden sich friedlich nebeneinander liegen, nachdem sie sich gemeinsam das Leben genommen hatten. Sie konnten einfach nicht ohne einander leben.

Der internationale Bestseller „Brief an D“ ist die ultimative Liebesgeschichte – und um so ergreifender, weil sie wahr ist.

Hier noch mal die Bücher im Überblick inklusive der jeweiligen deutschen Übersetzung:

  • Simon Stålenhag – The Electric State erschienen bei Fischer Tor.
  • Reni Eddo-Lodge – Why I’m no longer talking to white people about race erschien auf deutsch unter dem Titel Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche bei Klett-Cotta
  • Taylor Jenkins Reid – The seven husbands of Evelyn Hugo erschienen bei Simon & Schuster
  • Tim Parks – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen erschienen im Kunstmann Verlag
  • André Gorz – Brief an D erschienen im Rotpunktverlag

Women of Letters – Louise Labé

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Es wird Zeit für eine weitere Reihe, denn es braucht einen Scheinwerfer, der sich auf die Femmes de Lettres / Women of Letters richtet, denen ich mit dieser Reihe gerne etwas mehr Aufmerksamkeit widmen möchte. Wie Katharina Herrmann vom Blog Kulturgeschwätz schon in ihrem klugen Text „Frauen lesen ohne Digitalisierung unmöglich“ schreibt, es gibt von vielen Autorinnen keine lieferbaren Editionen (mehr) und „Kein normaler Lesender wird sich unter diesen Bedingungen die Mühe machen, verstorbene Autorinnen als Klassiker wiederzuentdecken. Wenn keine günstigen und gut gemachten Editionen der Werke von Frauen vorliegen, werden sie in der Schule nicht gelesen werden, ich vermute, an der Universität wird es ähnlich sein, denn zumindest in der Schule liegt die Schmerzgrenze für Lektüren bei 10 Euro. Es gibt keine Ausgaben, es gibt keine Erinnerungskultur, es gibt keine Unterrichtsmodelle – jeder Versuch, an verstorbene Autorinnen zu erinnern, wird im Nichts verpuffen, wenn ihre Bücher nicht verfügbar sind.“

Daher mein Wunsch, die Autorinnen vor allem des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu Wort kommen zu lassen, die vergessen oder nie richtig entdeckt wurden und deshalb bislang kaum zugänglich waren.

Den Auftakt mache ich mit Louise Labés „Torheit und Liebe“, einer wunderschönen Ausgabe aus dem Secession Verlag, die meinen Wunsch wunderbarerweise teilen und eben diesen Frauen in ihrer „Femmes des Lettres“ Reihe einen wichtigen Platz in ihrem Programm eingeräumt haben.

Labé wurde etwa 1520 in Lyon geboren. Sie war eine Dichterin, die erstaunlich modern über Verlangen und Lust schrieb und eine kleine nachhaltige Sammlung an Sonneten hinterließ, die sie von anderen Autoren ihrer Zeit deutlich unterscheidet. Sie wurde in eine reiche Familie hineingeboren – ihr Vater war Seiler und sie selbst wurde „La Belle Cordière (die schöne Seilerin) genannt. Der größte Teil ihres Lebens läßt sich nur noch vage rekonstruieren, wie so häufig bei Autoren des 15. oder 16. Jahrhunderts.

Obwohl ihre Eltern selbst nicht lesen konnte, erhielt Labé eine sehr gute klassische Erziehung, vermutlich an der örtlichen Klosterschule. Sie hat ein recht abenteuerliches Leben geführt, die Gerüchteküche brodelte damals. Sie hätte sich als Mann verkleidet, sei der Armee beigetreten und habe in der Schlacht von Perpignan gekämpft. Auch wenn ihre persönliche Geschichte geheimnisumwoben und viel auf Hörensagen und Legenden basiert, so ist doch nicht von der Hand zu weisen, das sie eine der einflußreichsten französischen Dichterinnen ihrer Zeit war.

Ihre Heimatstadt Lyon war der kulturelle Mittelpunkt der Region und Labé begann früh, sich mit anderen Dichtern ihrer Zeit zu treffen. Sie heiratete ihrerseits einen Seiler, den um einiges älteren Ennemond Perrin, der kaum kulturell interessiert war. Die Ehe blieb kinderlos.

1564 brach die Pest in Lyon aus und ein Jahr später erkrankte Louise Labé und starb nach kurzer Zeit, wobei nicht sicher ist, ob sie tatsächlich an der Pest starb. Sie wurde auf ihrem Landgut in Parcieux-en-Dombes außerhalb der Stadt beerdigt.

Auch wenn Lousie Labé nur ein schmales Bändchen hinterlassen hat, ihre Werke werden bis heute in Frankreich aufgelegt. Ihre Sonette gehören zu den schönsten in französischer Sprache. Insbesondere ihr feministisch anmutender Widmungsbrief an Clémence de Bourges ist ein frühes Zeugnis aufklärerischen und emanzipatorischen Denkens und Schreibens und ich konnte fast nicht glauben, dass dieser Brief vor fast 500 Jahren verfasst wurde.

„Da die Zeit gekommen ist, Mademoiselle, wo die strengen Gesetze der Männer die Frauen nicht länger daran hindern, sich der Gelehrsamkeit und den Künsten zu widmen, scheint es mir, dass diejenigen, die in solch günstigen Umständen leben, diese schickliche Freiheit, welche sich unser Geschlecht früher so sehr wünschte, zum Studium nutzen und den Männern das Unrecht vor Augen führen sollten, das sie uns zufügten, indem sie uns die Befriedigung und die Ehre vorenthielten, welche uns hieraus erwachsen konnten…“

Nach dem Erscheinen ihres Œuvres bis zu ihrem Tod scheint Louise Labé recht zurückgezogen gelebt zu haben. Die Blütezeit Lyons entdete ebenfalls kurz darauf mit dem Ausbruch der Religionskriege in Frankreich.

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Bild: Wikipedia

Der leinengebundene Band „Torheit und Liebe“ enthält neben dem Widmungsbrief, das berühmte Streitgespräch zwischen Folie und Amor, sowie Labés Elegien und Sonette jeweils in französisch und deutscher Sprache. Übersetzt aus dem Mittelfranzösischen von Monika Fahrenbach-Wachendorff enthält der Band auch ein sehr informatives Nachwort von Elisabeth Schulze-Witzenrath.

Louise Labé ist definitiv eine Dichterin, die auch in Deutschland bekannter sein sollte und ich hoffe, ich konnte etwas Lust machen, sich mit ihr und ihrem Werk zu beschäftigen.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.

#Women in SciFi (53) Unser Leben in den Wäldern – Marie Darrieussecq

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Ich lese und schaue sehr gerne Dystopien und kürzlich fiel mir auf, dass mich eher Plots interessieren, in denen die Gesellschaft zerbricht oder sich die Welt von einem Schreckensscenario erholen muss, als solche, in denen sich eine totalitäre Gesellschaft ausbildet (z.B. The Handmaid’s Tale). Vielleicht sind mir letztere etwas zu nah an der Wirklichkeit. Marie Darrieussecq hat auf ein paar Seiten eine komplexe, intelligente Geschichte geschaffen, die mich in Teilen an Ishiguros „Never let me go“ erinnerte.

Dieses kleine Büchlein wurde mir vom Verlag unaufgefordert zugeschickt und ich hätte nie gedacht, dass es mich so derart packen würde. Die Protagonistin der Geschichte ist eine Psychotherapeutin mit stark schwächelnder Gesundheit. Sie erzählt in Form eines Tagebuchs, wie es dazu kam, dass sie sich in den Wäldern versteckt, es ist im Grunde ein langer Monolog mit kurzen aktuellen Einschüben:

„Gut. Womit fang ich an. Ich glaube, die elementaren Vorsichtsmaßnahmen , an die wir uns halten, muss ich nicht erläutern, die liegen auf der Hand: das Verwischen unserer Datenspuren, unserer Identitäten usw. Das Organisieren unseres Verschwindens. Wenn jemand verschwindet, und zwar, ohne dass die es entschieden haben, das stört sie am meisten. Wir sind alle verschwunden. Wobei sie schon wissen, wir sind da, in einer Art verkehrten Welt.“

Die Geschichte spielt im frühen 22. Jarhundert. Die Erzählerin erklärt den kulturellen Kontext für die, die eventuell einmal ihre Aufzeichnungen finden sollten. Die meisten Menschen haben sich freiwillig Implantate setzen lassen, mit denen sie jederzeit überwacht werden können. Es gibt Terrorangriffe unbekannter Herkunft und es herrscht insgesamt eine bedrückende Atmosphäre. Die Wohnungen sind in der Regel sehr klein und haben teilweise nicht einmal mehr Fenster. Da die meisten Jobs von Robotern und AI übernommen werden, leben die meisten Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Einer der wenigen einfachen Jobs die übrig sind, ist das emotionale Training und assoziertes Denken von AI für 2$ die Stunde. Psychische und physische Gesundheit wird groß geschrieben, allerdings sind die Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen deutlich kränker.

Die Erzählerin ist Teil DER GENERATION, einer kleinen experimentellen Kohorte an Mittelklasse-Menschen (die jetzt erwachsen und um die 40 Jahre alt sind), für die ein Zwilling geklont wurde, die sogenannten Hälften, deren einzige Aufgabe es ist, als Körperersatzteillager für die Mitglieder DER GENERATION zu fungieren.

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Die Hälften leben sediert in einer krankenhausähnlichen Einrichtung und sind dort in einen künstlichen Schlaf versetzte. Die ärmeren Leute aus den einfacheren Schichten haben nur sogenannte „Krüge“, in denen sie künstlich erzeugte Ersatz-Herzen, Lungen etc. aufgewahren.

Ich will nicht zuviel verraten, aber die Protagonistin wird Teil einer Widerstandsbewegung, die sich mit ihren befreiten Hälften in die Wälder zurückzieht und die gängigen Praktiken in der Gesellschaft in Frage stellt. Die Hälften, die ihr Leben lang sediert vor sich hinvegetiert haben, sind kaum alleine lebensfähig und müssen selbst die fundamentalsten Dinge wie gehen, sprechen etc. beigebracht bekommen.

Ein kurzer, spannender, intensiver Roman der einen noch lange beschäftigt und den man am Ende direkt noch einmal von vorne lesen möchte.

Marie Darrieussecq hat seit 1996 16 Bücher veröffentlicht. Sie arbeitete bis 2017 auch als Psychoanalytikerin und lebt mit ihrer Familie in Paris.

Unser Leben in den Wäldern wird momentan unter der Regie von Magali Magistry verfilmt und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Ich danke dem Secession-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Book-a-Day-Challenge Day 9

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The story feels like a very reduced film script which I think is very typical of her novels. There is a subtle subdued bleakness and very little that could be described as a plot. It takes some time to find your way around the get an idea of the characters and what is really going on. I really enjoyed the heavy dreamlike atmosphere

The only thing that moves in Laos the French said is the river Mekong and following the pregnant girl from Cambodia to India along the Mekong felt like this. There is this simmering slowly burning mystery to the novel only there is not really a mystery. This made me feel a little bit cheated at the end, like when I was a kid and forced my kaleidoscope open, only to be sooo disappointed when I discovered it’s only a tube of mirrors containing some loose coloured beads …

OK so we the young pregnant girl in Cambodia who is rejected by her family and sent off into the wilderness. She is sleeping rough, begging and eating whatever she finds. Eventually she has to give up her baby. The story than moves on to Calcutta to the Vice-Consul and his relation the the French ambassador’s wife. It’s not really clear what this part has to do with the pregnant girl walking out of Cambodia it’s only somehow clear she will also end in Calcutta.

Marguerite Dumas doesn’t give a damn if her readers understand, she tells the story from her perspective and I read somewhere it’s based on an encounter she once had in India. Not everything is revealed and explained but in order to enjoy the book you need to let the writings flow around you, like a wave.

I can understand that some readers will be turned off by her writing style, I enjoyed this weird little book, but would probably have had some issues if it would have been a lot longer…

Have you read anything by Marguerite Dumas before? Anything you would recommend?

Check out JG Ballard’s „The Drowned World“ if you would like to remain in a feverish sticky atmosphere or the diaries of Anaïs Nin.

Eine Liebe Swanns – Marcel Proust

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Eine Liebe Swanns ist eine Liebeserklärung auf 300 Seiten, bei der man irgendwann merkt, dass das Objekt dieser Liebe überhaupt keine Wichtigkeit hat, nur das Lieben an sich ist wichtig.

Ich bin primär einmal froh, dass ich dieses Buch tatsächlich geschafft habe. Es war zu gleichen Teilen ein beglückendes Erlebnis aber auch wahnsinnig frustrierend.

Es ist der erste Teil – wenn ich mich nicht täusche – von Prousts Monumentalwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und kann als Novelle für sich stehen. Dennoch hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, mir fehle der Kontext.

Die Sprache ist natürlich wunderschön, da sind brilliante Sätze, aber ganz ehrlich – Swann ist ein ziemlicher Idiot. Das, was er Liebe nennt, hat für mich nicht wirklich etwas mit Liebe zu tun, es handelt sich eher um eine ungesunde Besessenheit, eine eifersüchtige, unehrliche, ja kranke Liebe.

Mich nervte, dass er von Odette nicht lassen konnte, dass sie beide dieses irrsinnige Spiel permanent weiterführen. Aber gut, dass ist wohl die Macht der Liebe, auch wenn es sich um eine ziemlich korrumpierte Form handelt. Menschen können sich auf abenteuerlichste Weise selbst hinters Licht führen und wenn sie genug Zeit haben, finden sie dennoch rationale Erklärungen für ihr Verhalten.

„Von allen Arten der Erzeugung von Liebe, von allen Wirkkräften zur Verbreitung der heiligen Krankheit, ist sicher dieser gewaltige Erregungssturm, der uns manchmal erfasst, eine der zuverlässigsten. Dann fällt das Los unweigerlich auf die Person, mit der wir im Augenblick gerade gern zusammen sind; sie ist es, die wir lieben werden. Es ist dabei gar nicht nötig, dass sie uns bis dahin mehr oder auch nur ebensosehr wie andere gefiel. Es musste nur dazu kommen, dass unsere Neigung für sie plötzlich ausschließlich wurde.“

Bewundernswert ist Prousts Gabe, die sozialen Feinheiten herauszuarbeiten, die Beschreibung des Salons der Verdurins und die vielen feinen Haarrissen gleichenden Brüchen in den Begegnungen der Salonbesucher, ihrer Konflikte, Geheimnisse und wie er vorsichtig und fast zärtlich ihre jeweiligen Schwächen herausarbeitet.

Proust, der Chirurg mit der Feder, spielt natürlich auch auf vielschichtige Weise mit der Macht der Erinnerung. Mal unabhängig vom berühmten Madeleine Beispiel, ist es in „Eine Liebe Swanns“ die Macht der Musik, die kaum versteckten Tiefen im Bewußtsein des Protagonisten freizulegen. Das Freisetzen von Erinnerungen durch die Kunst ist das eigentliche Herz dieser Geschichte.

Ich freue mich, endlich etwas von Proust gelesen zu haben, brauche jetzt aber dringend etwas Abstand vom „Fin de Siecle“, wobei so einen Salon hätte ich ja schon auch gerne 😉

Habt Ihr Proust gelesen? Wie war euer Leseerlebnis?

Es ist Sarah – Pauline Delabroy-Allard

„Es ist Sarah“ ist ein Bestseller aus Frankreich, geschrieben von der gerade knapp über 30-jährigen Pauline Delabroy-Allard, es ist ihr Debüt und sie kam mit dem Roman immerhin in die zweite Runde des Prix Goncourt.

An einem Silvesterabend verliebt sich die Erzählerin dieses Romans Hals über Kopf in die aufregende Sarah. Die namenlos bleibende Erzählerin ist komplett fasziniert von dieser vor Leben sprühenden Frau, die ihr ruhiges Leben als Lehrerin mit kleinem Kind und Lebensgefährten total aus den Fugen wirft.

Sie liebt es, mir Romane vorzulesen, sie imitiert die verschiedenen Figuren mit verschiedenen Stimmen, fuchtelt bei den Dialogen mit den Händen.“

Die in Paris spielende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen hat mir richtig gut gefallen. Ich bin kein großer Liebesroman-Fan, aber hier ist die Sprache so schön, die Erzählweise interessant. „Es ist Sarah“ legt ein unglaubliches Tempo an dem Tag. Mit Sarah ist es einem keine Minute langweilig und so ganz kann man es der Protoganistin nicht verdenken, dass ihr gelegentlich die Puste ausgeht mit dieser 1000 Volt-Frau.

Warum die beiden nach der anfänglich heftigen Verliebtheit nicht einfach glücklich und zufrieden zusammen in Paris leben können, habe ich nicht ganz verstanden. Aber vermutlich wäre die Hälfte aller Filme nicht gedreht, die meisten Bücher nicht geschrieben, wenn die Menschen alle einfach rational und wenig dramatisch wären 😉

Nicht bei ihr zu sein wird sinnlos nach der ersten Nacht.“

Insbesondere den ersten Teil des Romans mochte ich sehr. Ich habe aber auch definitiv eine Schwäche für Romane mit inkludiertem Soundtrack, den ich beim Lesen ablaufen ließ. Das Schöne an einem selbst zusammengestellten Soundtrack ist auch, dass man entscheiden kann, ob man die Stücke in Allegro oder Andante hören möchte.

„In unserem Sturm ist sie die Kapitänin. Ich werde zur Seemannsfrau.“

Mit Sarah wird es niemals langweilig, sie kann nicht genug bekommen vom Sex, von der Liebe, von der Musik, selbst vom Obst nicht, das sie isst. Ein Roman, der mich wirklich mitgerissen hat und der den Leser genauso verliebt zurücklässt, wie die namenlose Erzählerin.

Wer Lust auf eine spannende intellektuelle Liebesgeschichte hat, bei der man stets versucht ist, einen Nachtzug nach Paris, Venedig oder Triest zu buchen, der macht mit diesem Roman nichts falsch.

 

Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt für das Rezensionsexemplar.

Book-a-Day-Challenge – Day 6

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Today I would like to recommend a classic that I was given as a kid. It actually belonged to my father and both our names are written in their as proud owners. I wasn’t actually planning on re-reading it, I sort of got stuck in it, when I took it from the shelve, reading the first few lines.

Around the World in Eighty Days is the original Steampunk! It was first published by Jules Verne in 1873, and was published in monthly installments.

Each chapter is therefore has its own cliffhanger. The character of Phileas Fogg has become the stoic archetype for the cool gentleman traveller who is facing every adventure with black humour and a stiff upper lipp. The story is of course a little silly and childlike but also fast moving and fun, still a good read over a hundred years later. A interesting aspect of the story is the portrait of the American west in the 1870s from a European perspective.

The idea for the story came from the actual journey of an eccentric guy from Boston. George Francis Train. (He called himself „Citizen Train“). You can check him out on Wikipedia.

Not completely unexpected probably but Verne’s novel is a strong reminder how deeply the book is steeped in colonialist superiority:

„The steamer passed along near the shores, but the savage Papuans, who are in the lowest scale of humanity, but are not, as has been asserted, cannibals, did not make their appearance.“

In a similar way he describes Punjabis, Chinese, and Native Americans 😦 The book is a shameless celebration of the British Empire at its peak and Mr. Verne was quite the Anglophile. He constantly praises Phileas Fogg’s Englishness (his honor and stoicism) and bashes out at Passepartout’s Frenchness (chatty, emotional). There is of course also a love interest, Aouda, a rescued indian lady who keeps being the damsel in distress who the brave Phileas Fogg can rescue over and over again.

When Jules Vernes was a young boy he ran away from home, trying to smuggle himself on board a ship to sail the world and follow the adventures of Robinson Crusoe, a book he had read and admired. He was caught and promised his worried mother that from now on he would only travel in his dreams and that promise he pretty much kept. Not unlike Karl May, he rarely traveled he prefered to surround himself with books and research the maps and countries of his books without ever actually visiting them.

So – reading Jules Verne today can still be fun but the books need to be read within its historical context and with a critical mind.

Accompany „Around the World in 80 days“ with Nelly Bly’s account of her travel around the world, who actually met Jules Verne during her trip.

#WomeninSciFi (41) Das Buch von der Stadt der Frauen – Christine de Pizan

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Ich freue mich sehr, dass diese Reihe jetzt auch mit der Rezension einer waschechten wunderbaren Kunsthistorikerin aufwarten kann. Meine Freundin Moni entführt uns mit ihrer Besprechung aber nicht in die – dem Genre mehr entsprechenden Zeithorizont Zukunft sondern ins späte Mittelalter. Lehnen Sie sich zurück, machen Sie es sich bequem, wenn es jetzt in die vermutliche früheste Ära der Science Fiction Literatur geht:

Wie passt nun eine mittelalterliche Handschrift aus Frankreich in Sabines Reihe „Women in SciFi“?

Wenn die Utopie als Teilbereich von Science Fiction gilt, dann kann und muss man diese Schrift von Christine de Pizan dazu zählen. In einer Utopie verhält sich die Vorstellung dessen, was sein sollte, negativ zu dem, was ist.

 

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Christine de Pizan entwirft eine wünschenswerte zukünftige Gesellschaftsform, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter geprägt ist. Sie schreibt: „Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.“

Wir gehen zurück ins Jahr 1405. ‚Das Buch von der Stadt der Frauen‘ erscheint in Paris. Geschrieben hat es Christine de Pizan. Sie wurde 1365 in Venedig geboren und wuchs in Paris auf. Mehr zu ihrer außergewöhnlichen Biographie findet sich im FrauenMediaTurm.

Da wir uns in der Zeit vor dem Buchdruck befinden, handelt es sich um eine Handschrift. Text und Bild wurden von Hand angefertigt. Insgesamt haben sich 25 Exemplare dieses Buches – allesamt französischsprachig – erhalten.

Die Handschrift mit der Signatur BNF ms. Fr. 607, die in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird, entstand zu Christine des Pizans Lebzeiten und hat die Maße 345 mm x 255 mm. Das Material ist Pergament; der Einband ist aus gelbem, weichem Ziegenleder gefertigt. Dieses Exemplar ist die Grundlage für die Übersetzungen ins moderne Französisch, ins Englische, Niederländische, Italienische und Deutsche.

 

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v

 

Der Text ist regelmäßig in zwei Kolumnen geschrieben; jede zählt zwischen 40 und 42 Zeilen. Auf insgesamt 79 folia ist ausschließlich der Text der Cité des Dames geschrieben (das ist bei Handschriften nicht immer so, Platz war knapp, Pergament wertvoll). Es gibt drei Abbildungen: fol. 2, fol.31v und fol. 67v sind jeweils mit Miniaturen ausgestattet.

Die Dreizahl ist kennzeichnend für den Aufbau des Buches, das ein allegorisch-didaktischer Traktat ist. Die drei unterschiedlich langen Kapitel der Schrift entsprechen den drei Bauabschnitten, in denen die Stadt der Frauen gebaut wird. Zuerst werden die Fundamente ausgehoben, dann die Häuser und Paläste gebaut, vollendet durch die Dächer, Stadttore und die Schlüsselübergabe. Ausgehende von der These, dass Männer und Frauen in intellektueller und moralischer Hinsicht vollkommen gleichwertig sind und deshalb auch so behandelt werden müssen, konstruiert Christine de Pizan eine Stadt, in der die tugendhaften Frauen sich auf ewig aufhalten können und dort Schutz vor den misogynen Angriffen ihrer Zeitgenossen finden. Bärbel Zühlke, die über das Buch von der Stadt der Frauen geforscht hat, schreibt dazu: „Der Prozess des Erbauens einer Stadt wird mit der intellektuell-physischen Tätigkeit des Schreibens eines Buches identifiziert.“ (in: Bärbel Zühlke: Christine de Pizan in Text und Bild. Zur Selbstdarstellung einer frühhumanistischen Intellektuellen, Stuttgart/Weimar 1994 (Ergebnisse der Frauenforschung; 36) S. 100).

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Le Livre de la Cité des Dames, BNF ms. Fr. 607, fol. 67v, Detail

 

Wird heute noch darüber gesprochen?

Leider viel zu wenig. In den jüngsten Spiegel-Artikel über Frauen, die „man heute kennen muss“, hat Christine de Pizan es leider nicht geschafft.

Auch die deutschsprachige Ausgabe des ‚Buches von der Stadt der Frauen‘ ist momentan nur antiquarisch zu haben.

Das Thema an sich ist erfreulicherweise für die koreanische Künstlerin Lee Bul aktuell: „Mich interessiert, wie sich Menschen in der Vergangenheit ihre utopische Zukunft vorstellten.“

Eine umfassende Werkschau, kuratiert von Stephanie Rosenthal, über utopische Sehnsüchte.

Lee Bul: Crash – 29. September 2018 bis 13. Januar 2019 – Gropius Bau in Berlin.