Nizza – Le weekend dans les livres

So ein verlängertes Wochenende kann sich im Glücksfall anfühlen wie eine ganze Woche Urlaub.Handgepäck mit Badehose, Sonnenbrille und nem kleinen Stapel Bücher und ab ging es am Freitag Abend ins wundervolle sonnig-warme Nizza.

Neben Strand und gutem Essen stand auch Kultur auf dem Programm. Eine Ausstellung des Streetart Künstlers Ernest Pignon Ernest und ein Besuch im Matisse Museum.

Ernest Pignon Ernests Ausstellung war richtig gut. Bin immer etwas zwiegespalten bei Streetart, die im Museum hängt, aber hier hat es wirklich gut funktioniert. Das vielleicht bekannteste Motiv von ihm ist ein Porträt von Rimbaud, das wir uns auch gleich als Poster gekauft haben. Mal schauen, ob wir ein schönes Plätzchen dafür finden:

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Neben ein paar sehr schönen Buchläden hatte Nizza auch eine Open Library zu bieten, bei der im Park Stühle und Bücherregale zum Schmökern einluden.

Ich bin in das Frankreich-Wochenende mit Marcelle Sauvageots „Fast ganz die Deine“ (Commentaire) eingestiegen. Ein wundervoller poetischer kleiner Brief-Roman. Marcelle Sauvageot wurde 1900 in Frankreich geboren und litt Zeit ihres Lebens an Tuberkulose. Als sie 1930 von Paris nach Hauteville ins Sanatorium zurückkehrt, erhält sie einen Brief ihres Geliebten, indem er ihr mitteilt: „Ich heirate… Unsere Freundschaft bleibt.

Melancholisch schön beschreibt Sauvegeot ihr Leiden, ihre Einsamkeit und denkt über die verschiedenen Formen der romantischen und sexuell motivierten Liebe nach. Sie schreibt einen Antwortbrief, den sie nie abschicken wird, analysiert ihre Verletzungen, ihre Wut, ihr Loslassen, bei dem sie wieder und wieder von einem Gefühl ins nächste taumelt. Es hat mich sehr beeindruckend wie treffend sie den ihren Liebeskummer beschreibt ohne jegliche Sentimentalität.

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„Das erste von einer Frau geschriebene Buch, aus dem nicht Unterwerfung spricht… Ein Buch voll erhabener Traurigkeit; ein Buch voller Würde! Großartig!“, schieb die Lyrikerin Clara Malraux sehr treffend.

Ein Abschied ohne Neuanfang. Unbedingt lesen !

„Die Theorie vom Marmeladenbrot“ von Titiou Lecoq sollte danach für etwas Leichtigkeit sorgen. Das Buch wurde mir dankenswerterweise von Herrn Brasch überlassen, dessen Rezension mich auf das Buch aufmerksam machte.

So ganz warm sind wir allerdings nicht miteinander geworden. Vielleicht hatte ich mir zuviel versprochen von einem Buch, das sich mit den Anfängen des Internets beschäftigte, die Entwicklung der Digital Natives, aber zum Teil verliefen die Erzählstränge für mich ins Leere und die Protagonisten blieben schablonenhaft.

Es war dennoch anregende Café-Lektüre und trotz der deprimierenden Theorie, die hinter dem Marmeladenbrot steckt, das schief geht, was schief gehen kann, hatte der Roman durchaus humorvolle Momente.

Der Roman beginnt 2006 und erzählt die miteinander verwobene Geschichte des rechtschaffenen Online-Journalisten Christophe, der Bloggerin Marianne, die als Opfer eines Sex-Videos unerwünschte Popularität erlangt, und dem jungen Hacker Paul, der gemeinsam mit Christophe versucht, Marianne zu helfen.

Alle drei versuchen, die Anonymität des Internets zu bewahren, ahnen aber bereits von der Ausweglosigkeit ihres Vorhabens. Wir treffen die drei im Jahr 2015 wieder. Sie sind noch immer befreundet, etwas erwachsener geworden vielleicht, aber nach wie vor gleicht ihr Leben dem Marmeladenbrot. Christophe hat nach wie vor Ärger im Job, wo Clicks mehr zählen als journalistische Qualität und seine Ehe ist am Zerbrechen.

Paul betreibt weiterhin im Internet sein lukratives halbseidenes Penis-Vergrößerungs-Geschäft, kann sich aber aufgrund einer Angststörung kaum aus der Wohnung bewegen und hat ebenfalls ordentliche Beziehungsprobleme.

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Marianne hat nach wie vor keinen Job und hält sich mit Botendiensten für Pauls Internetgeschäft über Wasser. Sie bloggt weiter ein wenig, hat mittlerweile eine Tochter mit ihrem schwulen Kumpel und dümpelt antriebslos durchs Leben.

Alle drei kommen an einen „Swim or Sink“ Moment in ihrem Leben, ob sie es schaffen, verrät das Buch uns nicht. Die Charaktere fand ich jetzt nicht weiter liebens- oder bemerkenswert, die Themen wie Netzanonymität, Big Data und der Wandel, den das Internet durchlaufen hat, waren ganz interessant.

Der Roman ist ganz unterhaltsam, unbedingt gelesen haben muss man ihn nicht.

Bringt mich zum letzten Roman „Ausweitung der Kampfzone“ von Michel Houellebecq. Auf meinen ersten Houellebecq war ich mächtig gespannt. Im Englischen wurde der Titel wohl mit „Whatever“ übersetzt, das würde es für mich ehrlich gesagt schon treffen.

Sicher habe ich auch den Fehler gemacht, das Buch am Strand zu lesen, es ist derart trost- und hoffnungslos, dass man durchaus Lust bekommt, sich im Meer zu ertränken. Ich fand es nicht schlecht, aber wirklich vom Hocker gehauen hat es mich nicht.

Die „Ausweitung der Kampfzone“ beschäftigt sich mit den (fehlenden?) Abenteuern eines 30jährigen IT Spezialisten (den ich eher für Mitte 50 gehalten hätte, wäre sein Alter nicht explizit genannt worden).

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Er verkauft langweile IT Programme an Kunden, die diese eigentlich nicht brauchen oder wollen, gibt gelangweilten Angestellten entsprechende IT Schulungen in der Provinz und nimmt an noch langweiligeren Abendveranstaltungen teil.

Er ist sexuell frustriert und ist dabei mit Raphael, einem  ziemlich hässlichen IT Kollegen, in bester Gesellschaft.  Der ist Mitte 20 nicht sehr charmant und wenig attraktiv und daher noch immer ein Jungmann. Jeglicher Versuch, sich dem weiblichen Geschlecht zu nähern schlagen fehl.

Aus irgendeinem Grund habe ich immer damit gerechnet, unser IT Protagonist würde Raphael nun zum Selbstmord animieren, war aber nicht so.

Es wird viel geraucht, getrunken und gekotzt, es gibt ein paar interessante Gedanken aber alles in allem kein so guter Start für mich. Hier stehen noch die „Elementarteilchen“ rum – kann mir das jemand empfehlen, oder soll ich aufgeben? Eine sehr interessante Rezension (die ich eben noch einmal nachgelesen habe findet man bei Sätze und Schätze)

Wären uns am Montag nachmittag nicht noch unsere strahlend blauen Leihräder gestohlen worden vor dem Restaurant, es wäre ein perfektes Wochenende gewesen. Aber mit diesem einen kleinen Wermutstropfen kann ich leben.

Nizza ist eine sehr schöne Stadt und wir hatten ein wundervolles Wochenende. Die Narben des kürzlich verübten Attentats an der Promenade kann man noch immer sehen und spüren, aber glücklicherweise schaffen die Terroristen es nicht, den Menschen den Lebensmut zu nehmen – wir sind und bleiben „en terrasse“

Liberte-egalite-fraternite-Fuck-terrorism

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20 Kommentare zu “Nizza – Le weekend dans les livres

  1. Mit Michel Houellebecq hatte ich bislang nur einen Versuch, ich legte das Buch irgendwann entnervt zur Seite, es war mir zu sperrig, zu intellektuell, zu wenig Herzblut, ich weiss noch nicht einmal mehr den Titel. Frau Sauvegeot interessiert mich nun sehr, danke für den Tipp.
    Strassenkunst im Museum, ja, das wirft Fragen auf, schön, dass es für euch passte!
    Deinen letzten 4 Zeilen in Grossbuchstaben kann ich nur zustimmen.
    Geniesse das Wochenende
    herzliche Grüsse
    Ulli

  2. Neid, seufz 🙂
    Schöner Text, schöne Bilder, schöne Empfehlung (denn auch mich machte „Fast die Deine“ jetzt arg neugierig). Mit dem Houellebäckchen kann ich auch herzlich wenig anfangen – ist in meinen Augen ein überschätzter Blender.
    Jedenfalls danke für den schönen Reisebericht!

  3. Den Houllebeqc hast du sehr treffend beschrieben. Ich halte ihn für überschätzt. Intellektuelles Misantrophentum und Geseier. Und ein widerwärtiger Sexist. Für mich mittlerweile unlesbar. Das muss ich mir nicht geben.

    • Wäre ich sofort dabei 🙂
      Zumal ich eben gerade in den Tagebüchern von Helmut Krausser lese: … „Ausweitung der Kampfzone“ – öde Scheiße, die Elementarteilchen waren wenigstens noch stilistisch passabel. Und im Forum der 13, im Internet, beklagen sich junge Literaten, daß es in Deutschland eben keinen Houellebecq gegeben habe. Wenn ich da nur an Thomas Palzers „Pony“ denke – der hat, was Houellebecq zu sagen versucht, hundertmal poetischer und komplexer aufs Papier gebracht. Ein großes Buch, das 1993 beinah jeder übersah …
      Also: Wir sind nicht allein 🙂

  4. Elementarteilchen fand ich gut, ist aber schon sehr lange her, dass ich das Buch gelesen habe. Danach übrigens kein anderes mehr von Hollebecq, vielleicht war das Erste wirklich das Beste auch in dem Sinn von genug. Ansonsten finde ich es toll, dass Du nach Nizza fährst und Dich nicht von einem Anschlag abhalten lässt.

  5. In Nizza war ich auch schon Mal, habe es in fast traumhafter Erinnerung behalten und bekomme gerade etwas Fernweh 😉 Deine Kurzrezensionen waren sehr witzig zu lesen – aber der Houellebecq (dieser Name, werde ich den je aus dem Gedächtnis richtig schreiben?) macht mir Sorgen. Die Elementarteilchen stehen bei mir auch im Regal. Aber deine Leser klingen ja nicht total abgeneigt …

  6. „Fast ganz die Deine“ habe ich vor vielen Jahren gelesen, aber dank deiner schönen Besprechung ist es nun wieder ganz präsent!
    Und meine Bilder von Nizza im Kopf, die finde ich ebenfalls bei dir bestätigt. Habe vor wenigen Tagen von der ebenfalls französischen Autorin Francoise Frenkel den wiederentdeckten Roman „Nichts um sein Haupt zu betten“ aus dem Jahr ’45 gelesen. Er spielt ebenfalls zu großen Teilen in Nizza. Die Thematik ist zwar eine traurige, aber das Buch absolut empfehlenswert! Schöne Grüße

  7. Pingback: Short but sweet – Damenwahl | Binge Reading & More

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