Kopenhagen by the book

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Kopenhagen wird regelmässig zur glücklichsten Stadt der Welt gewählt und auf Instagram kann man den Bildern aus der Stadt gar nicht mehr ausweichen. Den Nordic-Virus hatten wir uns dieses Jahr schon heftig  in Stockholm eingefangen und wir nutzten das lange November Wochenende, um dem Virus weiter Futter zu geben und die Straßen der dänischen Hauptstadt unsicher zu machen.

Die Stadt ist wunderschön, gehört aber eindeutig zu den teuersten Hauptstädten Europas. Wir waren von Kopenhagen total begeistert – hier ein kurzer Überblick was diese Stadt so einzigartig macht:

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Die Københavener. Sie sind nicht nur wahnsinnig freundlich und offen, sie sind alle auch verdammt gutaussehend. Man kommt sich unweigerlich wie der Glöckner von Notre Dame vor. Und sie sind riesig. Wir kamen gelegentlich wie die Minions vor und mussten ab und an Hilfestellung von den großen Dänen bekommen, wenn irgendwelche Knöpfe oder Dinge außerhalb unserer Reichweite waren.

Design & Architektur. Die Dänen können nicht nur hygge, das ist auch wirklich alles wahnsinnig stylisch, die Architektur ganz oft ein sehr gelungener Mix aus alt und neu. Besonderes Highlight die Oper und die Königliche Bibliothek „The Black Diamond“.

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Eines der besten Abendessen unseres Lebens hatten wir im Høst, ein Restaurant das ihr Euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet bei einem Besuch in Kopenhagen.

Der Vergnügungspark Tivoli versprüht wunderbar altmodischen Charme, gerade zu Halloween war das ein großer Spaß. Weniger spannend fanden wir die Freistadt Christiana, eine alternative Wohnsiedlung und vom Staat geduldete autonome Gemeinde. Man bekommt dort legal Drogen jeglicher Art, aber ansonsten hat es uns sehr an das Münchner Tollwood erinnert.

Buchläden gibt es reichlich in der Stadt, meist groß, hell und einladend und dänische und englische Bücher stehen bunt gemischt in den Regalen.

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Unbedingt ans Herz legen würden wir euch auf jeden Fall einen Besuch in der Cisterne einem ehemaligen Wasserspeicher, in dem das ganze Jahr über eine Ausstellung des dänischen Künstlerkollektivs Superflex stattfindet. Mit Sci-Fi Elementen haben die Künstler eine dystopische Welt geschaffen, in dem der Klimawandel die Gesellschaft drastisch verändert hat. Wirklich großartig.

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Foto: Cisterne

Wer mir an jeder Ecke der Stadt begegnete war die wohl bekannteste Schriftstellerin Karen Blixen. Geboren wurde sie 1885 etwa 20km außerhalb Kopenhagens in Rungstedlund, wo sie 1962 auch starb. Sie lebte 17 Jahre lang als Kaffeefarmerin in Kenia. Sie wurde berühmt durch ihr Buch „Out of Africa“, das 1985 unter dem Titel „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep und Robert Redford verfilmt wurde.

Ihr Leben in Afrika war von außergewöhnlicher Liebe und Schönheit, aber auch von fürchterlichen Verlusten geprägt. Ihre Kaffeeplantage ging pleite, ihre Ehe war am Ende und ihr Liebhaber mit dem Flugzeug abgestürzt.

Sie kehrte nach Dänemark zurück und versuchte des Öfteren, Afrika zu besuchen, doch ihre Pläne zerschlugen sich immer wieder. Sie stürzte sich in ihre Karriere als Autorin. 1934 veröffentlichte sie ihr Debüt „Seven Gothic Tales“ unter dem Pseudonym Isak Dinesen. Die Geschichten hatte sie während ihres Aufenthaltes in Afrika geschrieben. Ihr zweites Buch wurde ihr erfolgreichstes – ihre Erinnerungen an Afrika.Als Reiselektüre hatte ich mir ihre Erzählungen „Nordische Nächte“ mitgenommen, die eine ihrer berühmtesten Erzählungen „Babettes Fest“ enthält.

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Die Geschichten haben etwas leicht beunruhigendes, ohne dass ich den Finger darauf legen könnte, was diese Unruhe bei mir auslöst. Das sind keinesfalls kuschelige Hygge-Geschichten, die man warm auf dem Sofa eingepackt kurz vorm Eindösen lesen könnte. Bei Blixen muss man stets aufmerksam und wach sein, denn hier zählt jedes Wort.

„Babettes Fest“ war auch zugleich meine Lieblingsgeschichte. Eine junge Frau namens Babette, ein Flüchtling vor dem Krieg in Frankreich, schlüpft bei zwei älteren religiösen Schwestern unter und bleibt bei ihnen jahrelang hängen. Sie kocht und sorgt für die beiden Damen. Irgendwann äußert sie die Bitte, ein Fest für die zwei und ihre Freunde veranstalten zu dürfen… Eine geheimnisvolle Geschichte gespickt mit leisem Humor, poetisch und provokant. Ein echter Leckerbissen, der mir große Lust auf die gleichnamige Verfilmung machte.

Neben „Babettes Fest“ finden sich noch 6 weitere Geschichten in der Sammlung. Den Geschichten merkt man Blixens Sehnsucht nach einer aristokratischen Weltordnung an. Ihre Geschichten sind nie ganz Teil der wirklichen Welt, sie lesen sich oft wie Märchen. Blixen ist eine Autorin, die einen Schritt zurücktritt, die Welt betrachtet und sie sorgsam destilliert. Ihre Geschichten sind stark formalisiert und man schwebt stets ein wenig im Ungewissen.

Ich habe die Erzählungen gerne gelesen, aber ich hatte häufig das Gefühl, als würde die Autorin kurz den Vorhang öffnen, der Leser sieht eine Weile dem Treiben der Geschichte zu und irgendwann macht sie den Vorhang wieder zu und die Geschichte ist vorbei. Große Bindung zu den Figuren oder Interesse hatte ich außer zu Babette eigentlich nicht.

Spannender noch als ihre Erzählungen ist das Leben der Autorin und ich mache mich umgehend auf die Suche nach einer Biografie. Eine Autorin, die gleich zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert war, zu deren Fans neben Ernest Hemingway auch Truman Capote, Pearl S Buck und Arthur Miller zählte und die großen Spaß hatte, ihren Mythos der geheimnisvollen Gräfin zu pflegen, ist definitiv eine gute Kandidatin für eine spannende Biografie.

Ich danke dem Random House Verlag für das Rezensionsexemplar.

Habt ihr schon etwas von Karen Blixen gelesen oder könnt vielleicht eine Biografie empfehlen?

Stockholm by the Book

Mit vielem habe ich in Stockholm gerechnet, aber nicht mit diesem perfekten fast schon sommerlichen Wetter, mit dem uns die schwedische Hauptstadt begrüßte. Das war die zweite schöne Überraschung nach der Lektüre des SZ Magazins bei der Anreise, in der tatsächlich ausgerechnet das Hotel vorgestellt wurde, in dem wir gebucht hatten. Das Story Hotel war auch in der Tat ein wunderbar zentral gelegener und insgesamt sehr schöner Ausgangspunkt für unseren Ausflug.

Unsere „must sees“ für Stockholm hat Wonnie hier wunderbar auf den Münchner Küchenexperimenten zusammengefasst – inklusive eines kulinarischen Rückblicks. Ich werde mich hier mit den literarischen Seiten dieser tollen Stadt beschäftigen.

Ein paar Impressionen will ich aber auch da lassen:

 

Literarisch gibt es einiges zu entdecken.  Allen voran natürlich Astrid Lindgren, die jahrelang in Stockholm lebte und dort 2002 verstarb. Ihre Wohnung in der Dalagatan 46 kann mit vorheriger Anmeldung besichtigt werden. Über die Ostertage waren leider alle Termine vergeben.

Eine Statue der Autorin findet sich vor dem Kindermuseum Junibacken, in dem sich eine Pippi Langstrumpf Ausstellung befindet.

 

Skandinavien ist ja bekanntermassen ein Thrillerland und es hätte sicherlich zig Möglichkeiten gegeben, den diversen Tatorten in der Stadt zu folgen. Vor vielen Jahren las ich mit Begeisterung die Sjöwall-Wahlöö Romane und ich bin sicher, es hätte einen entsprechenden Spaziergang dazu gegeben. Wir entschieden uns aber für die Lisbeth Salander Tour, bei der wir mit einem entspechenden Plan ausgerüstet durch Södermalm düsten und die Schauplätze der Millennium Reihe von Stieg Larsson unter die Lupe nahmen.

Von der Millennium Redaktion über die Wohnung von Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander über deren Lieblingscafes erwanderten wir einen sehr interessanten und wunderschönen Teil Stockholms. Es gibt auch eine offizielle geführte Tour, die man zB hier buchen kann, wir entschieden uns aber, das ganze auf eigene Faust zu machen und ohne Gruppe im Schlepptau ist das finde ich auch deutlich netter. Abends im Hotel haben wir dann nochmal „The Girl who played with fire“ geschaut und uns wie Bolle gefreut, wenn wir Locations entdeckten, die wir tagsüber gefunden hatten.

Dieses hier ist garantiert Salanders Lieblingsbuchladen. Der war sehr cool und ganz in der Nähe ihrer Wohnung – also bin ganz sicher 😉

Ein Theaterbesuch im Kungliga Dramatiska Teatern, im Volksmund einfach Dramaten genannt wäre schon sehr schön gewesen, aber zum Einen waren wir nicht organisiert genug, uns im Vorfeld um Tickets zu kümmern und unser nicht vorhandenes Schwedisch wäre auch ein Problem gewesen. Das Theater ist ein wunderschöner Jugendstil-Bau und hat so manche berühmte Persönlichkeit hervorgebracht. Dort spielten neben Bibi Andersson und Max von Südow zB auch Ingrid Bergmann und Greta Garbo.

Hier findet man auch eine Büste des wohl berühmtesten schwedischen Dramatikers August Strindberg:

Natürlich bin ich nicht ohne entsprechende Reiselektüre nach Stockholm gefahren. Es war meines Erachtens dringend an der Zeit, ein Werk der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf zu lesen. Habe als Kind natürlich Nils Holgersson verschlungen, aber sonst kannte ich gar nichts von ihrem literarischen Werk. Ich habe mich für den Happy Reader Tipp „The saga of Gösta Berling“ entschieden. Ich mag die Penguin Klassikausgaben ganz besonders, da sie immer eine sehr gute Einführung in das jeweilige Werk bieten.

Der Roman liest sich eher wie eine lose Sammlung an Kurzgeschichten, die sich stets um den seines Priesteramtes enthobenen Gösta Berling drehen. Er spielt im Värmland in den 1820er Jahren und Gösta wird zum Anführer der Kavaliere auf Ekeby. Das abenteuerliche Leben dieser Kavaliere, ehemalige Offiziere und verarmte Adlige, die auf Gut Ekeby eine Freistatt gefunden haben und ihre Tage mit Liebesabenteuern, Musizieren, Kartenspielen und ähnlichen Vergnügungen verbringen, wird in zahlreichen recht selbständigen Kapiteln vorgestellt. Die Geschichte Gösta Berlings, der nach mancherlei Erlebnissen und Erfahrungen zu einem besseren Menschen geläutert wird, bildet hierbei die Rahmenhandlung für eine Reihe eher lose verknüpfter Episoden.

Die Kritik war nach Veröffentlichung des Romans zunächst eher negativ, dennoch wurde dieser Roman ihr Durchbruch und fand auch sehr prominente Verfechter wie beispielsweise Thomas Mann.

In Gösta Berling schlägt die Autorin viele Themen an, die sie ihr Leben lang begleiten werden: Die Landschaft, in der Gösta Berling spielt, ist auch der Schauplatz späterer Romane, die segenreiche Wirkung der Arbeit und der Sieg der Liebe ein ohnehin durchgehendes Thema bei Selma Lagerlöf.

In stilistischer Hinsicht blieb Gösta Berling allerdings ein Einzelgänger. Ihre nächsten Romane sind von einem deutlich schlichteren Stil gepräg, den sie im Laufe ihres Lebens immer weiter vereinfachte.

An unserem Abreisetag machten wir einen Ausflug in das Freilichtmuseum Skansen und ich fühlte mich dort die ganze Zeit in Selma Lagerlöfs Roman hineinversetzt:

Der magische Realismus in „Gösta Berling“ war nicht ganz meins, ich glaube ich würde sehr gerne noch mehr über Selma Lagerlöf lesen, bin aber nicht sicher, ob ich noch unbedingt weitere Romane von ihr lesen möchte. Ihr Leben war allerdings richtig spannend. „Gösta Berling“ wurde 1924 mit Greta Garbo verfilmt, die es sich auch nicht nehmen ließ, die Autorin privat zu besuchen, Frau Garbo war ein sehr großer Fan von Selma Lagerlöf.

Hier ein Ausschnitt aus dem Film:

Stockholm ist eine tolle Stadt, die wir zusammen mit den unglaublich symphatischen Menschen sehr lieb gewonnen haben. Es ist glücklicherweise auch nicht mehr ganz so teuer, wie bei meinem ersten Besuch dort vor einigen Jahren. Die paar Tage haben uns auf jeden Fall Appetit auf mehr Schweden gemacht, ich könnte mir gut vorstellen, mal so ein kleines rotes Häuschen zu mieten und Astrid Lingdrens Rat zu beherzigen:

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

 

 

#WomeninSciFi (52) Kallocain – Karin Boye

Ich freue mich mich, dass es bei #Women in SciFi heute um einen sehr interessanten dystopischen Klassiker aus Skandinavien geht. Karin Boyes Roman ist immer wieder auf meinem Radar aufgetaucht – und wieder verschwunden. Um so glücklicher bin ich, dass ihn Jana vom Blog „Wissenstagebuch“ aufgestöbert und im Rahmen einer Twitter-Leserunde besprochen hat. Dem „Wissenstagebuch“ müßt ihr im Übrigen unbedingt einen Besuch abstatten – so viele spannende Reihen die Jana da präsentiert: über die Philosophische Hintertreppe und Klassiker zu #WirlesenFrauen und vielem mehr. Aber jetzt lasst uns nach Skandinavien reisen, gemütlich wird es allerdings nicht:

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Karin Boyes 1940 erschienener Roman „Kallocain“ gilt als Klassiker der dystopischen Literatur und wird mit Werken wie Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“ in eine Reihe gestellt. Im Rahmen der Twitter-Leserunde von 54books (#54readsKB) habe ich mir die schwedische Dystopie näher angeschaut.

Der Chemiker Leo Kall entwickelt ein Wahrheitsserum, das wirklich jeden zum Reden bringt. Nicht uneitel benennt er das Mittel nach sich selbst „Kallocain“. Als treuer Staatsbürger stellt er es sogleich dem herrschenden Regime zur Verfügung – mit fatalen Folgen für alle, deren Gedanken nicht im Gleichschritt marschieren.

Karin Boyes „Kallocain“ wurde zwar schon 1947 einmal ins Deutsche übersetzt, aber erst die Neuübersetzung 2018 durch Paul Barf – verbunden mit dem allgemeinen Interesse an dystopischer Literatur – hat den Roman zumindest in der Bloggosphäre stärker ins Bewusstsein gerückt. Die Geschichte nimmt viele Elemente von Orwells unermüdlich zitiertem Roman „1984“ vorweg (hier 10 Gründe, warum 1984 immer noch aktuell ist), reicht in seiner Bekanntheit aber bei Weitem nicht an den später erschienenen Roman heran. Warum?

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Vielleicht liegt es daran, dass Boye ihren Schwerpunkt nicht auf die Beschreibung und Ausgestaltung der von ihr erfundenen Welt, auf das Worldbuilding, legt. Bis weit in die Geschichte hinein hat der Leser nur eine vage Vorstellung davon, wie der Heimatstaat Leo Kalls organisiert ist, welche Machtstrukturen und politischen Seilschaften es gibt und was eigentlich das erklärte Staatsziel sein soll. Anachronistisch wirkt, dass die Institution der Familie sich bis zum Zeitpunkt der Geschichte bewährt hat und dass das Staatsleben trotz völliger Informationsabschottung seiner Bewohner (sogar geografische Informationen sind verboten) funktioniert.

Was Boye nicht in den Entwurf der von ihr geschaffenen Welt steckt, investiert sie in das Innenleben ihres Protagonisten Kall. Als Leser sieht man die Geschehnisse nach Erfindung des Kallocains durch seine Augen. Anfangs fühlt man sich so gar nicht wohl im Kopf des perfekten „Mitsoldaten“, der keinen Dienst verpasst und seine Frau Linda dafür hasst, dass kein offenes Gespräch mit ihr möglich ist, während er selbst jederzeit zum Denunzieren bereit ist. Langsam setzt dann ein Wandel in Kalls Denken ein; leise Zweifel melden sich an, bis er schließlich zum ersten Mal eigenen, frischen Gedanken Einlass in sein Bewusstsein gestattet.

Der Kopf des Einzelnen ist zweifellos der spannendste Ort im totalitären System. Boye gelingt es, ein Abbild des möglichen Denkens und Fühlens im nationalsozialistischen Deutschland und im Stalinismus zu schaffen. Beide Systeme kannte sie aus eigener Anschauung. Und doch fehlte es für meinen Geschmack an einer pointierten Darstellung. Einige der Figuren wagen es, über die Fehler des Systems zu sprechen, doch bleibt dies immer seltsam nebulös, geschieht nie in griffigen Worten. Insbesondere beim Scharfprozess gegen Kalls Kollegen Rissen hat Boye aus meiner Sicht die Gelegenheit verpasst „einen Punkt zu machen“. Vielleicht war dieses Verweilen im Unscharfen auch nötig, um das Manuskript durch die selbstauferlegte Zensur des nicht besetzten Schwedens der 40er Jahre zu schleusen. Etwas besser gelingt Boye der Drahtseilakt bei Lindas Reflexion über ihre Rolle als Frau, Mutter und Mitsoldatin – für mich die stärksten Worte im Roman.

Kallocain verdient sicher seinen Platz in der Reihe klassischer Dystopien/Romane mit dystopischen Elementen. In seiner Mahnwirkung reicht es für mich an „Brave New World“ und „1984“ aber nicht heran.

Karin Boye, Kallocain, 1940 (2018).

Die Geschichte der Bienen – Maja Lunde

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Die Pestizide lassen die Bienen sterben, ohne Bienen keine befruchteten Pflanzen und dann sind wir so gut wie tot. Man könnte Maja Lundes Roman „speculative fiction“ nennen, aber in dem Fall spiegelt der Roman erschreckenderweise fast die Realität wider und liest sich stellenweise wie ein Sachbuch, das Vorgänge beschreibt, die (noch) nicht passiert sind.
Maja Lunde gibt uns das Gefühl, dass wir schon zu zweidritteln über dem Abgrund hängen und damit ist sie leider nicht weit von der Realität entfernt. Das beunruhigende Gefühl von fast schon Wirklichkeit hat vielleicht auch damit zu tun, dass zwei der drei Erzählstränge in der Vergangenheit liegen.
Im Jahr 1852 treffen wir auf William, einen Samenhändler mit vielen Kindern, der depressiv im Bett liegt und es nicht mehr schafft seine Familie zu ernähren.

Die Ursache für seine Depressionen scheinen in der Tatsache zu liegen, dass der einst erfolgversprechende Biologe sich genötigt sah, seine zahlreiche Familie zu ernähren und seine Ambitionen, ein berühmter Biologe zu werden, den Bach runtergehen sieht. Symphatisch fand ich ihn nicht und man würde meinen, ein Biologe hätte mehr Ahnung davon, wie man der zum Teil zumindest unerwünschten Kinderschar Einhalt gebietet.

Seinen Durchbruch hat er dann mit einem neuartigen effizienten Bienenkorb. Die einzige symphatische in dem Teil der Geschichte ist seine Tochter, die später in seine Fußstapfen tritt und nach Amerika auswandert.

Foto: Louis Masai

 

155 Jahre später sind wir in Ohio und treffen auf einen anderen Vater, George, der sein Leben als traditioneller Farmer und Imker verbracht hat und all seine Hoffnung darauf setzt, dass sein Sohn Tom, sein Leben in der gleichen Weise weiterführt. Tom hat allerdings andere Ideen und als sei diese Abfuhr nicht genug, verschwinden eines Tages auch noch Georges Bienen während eines landesweiten Bienenkolonie-Kollaps.

Noch einmal 100 Jahre weiter erleben wir die drastischere Seite dieses Kollapses in China. Insekten sind mittlerweile ausgestorben, was zu weltweiten Hunger-Katastrophen führt. Menschen haben als menschliche Bienen das Bestäuben von Pflanzen übernommen, eine knochenharte Arbeit, die gerade so das Überleben sichert. Tao erhofft sich für ihren dreijährigen Sohn ein besseres Leben, doch in wenigen Jahren wird er genau wie sie als menschliche Arbeitsbiene im Akkord Blüten bestäuben müssen.
Foto: Savethebeesproject

An einem der seltenen Ruhetage wandert der kleine Junge für einen Moment davon und wird bei einem schrecklichen, mysteriösen Unfall schwer verletzt. Die Behörden bringen ihn nach Bejing, ohne die Eltern auf dem Laufenden zu halten. Tao folgt ihrem Sohn in die Stadt, die sehr an Cormac McCarthys Welt erinnert, in der Hoffnung ihn zu finden…

Lunde hat bislang Kinderbücher und Drehbücher geschrieben, was man eventuell an der Klarheit und Einfachheit der Sprache erkennen kann und dem soliden Verknüpfen sämtlicher loser Enden in der Geschichte.

Ich fand „Die Geschichte der Bienen“ stellenweise etwas klebrig-süß, aber dennoch ganz interessant, auch wenn ich den mega Trubel um das Buch nicht ganz nachvollziehen kann. Wobei ihr wahrscheinlich zurecht hauptsächlich wichtig ist, dass bei möglichst vielen Menschen die Message ankommt, dass wir uns um die Bienen und alle anderen Insekten kümmern müssen, wenn wir nicht demnächst vor die Hunde gehen wollen.

Die Gelegenheit nutzte ich im Übrigen, um noch ein weiteres Bienen-Buch aus meinem Bestand zu lesen und zwar den Thriller „The Prophecy of Bees“ von R. S. Pateman.

Der Autor hat einen atmosphärischen schaurigen und spannenden Thriller um alte Landhäuser, kleine englische Dörfer, Aberglaube, Prophezeiungen, Familien und Bienen geschrieben.

Als Lindy, eine kürzlich verwitwete Amerikanerin, die schon lange in England lebt, ein großes altes Landhaus in den Cotswolds kauft, erhofft sie sich damit einen Neuanfang für sich und ihre schwierige Tochter Izzy. Stagcote Manor ist ein großes Haus voller Geschichte und Lindy freut sich auf diesen Neuanfang.

Ihre Tochter Izzy ist da weniger überzeugt. Sie will zurück in den Trubel der Londoner Großstadt, zu ihren Freunden und den Goth-Clubs, in denen sie rumhängt. Außerdem ist da irgendetwas beunruhigendes am Haus, auch wenn Izzy noch nicht wirklich sagen kann was es genau ist. Als Izzy dann doch beginnt, sich mehr und mehr auf das Leben in Stagcote und die Dorfgemeinschaft einzulassen, merkt sie nach und nach, was für seltsame und beunruhigende abergläubische Ideen in den Köpfen der Einheimischen spuken und viele davon hängen direkt mit ihrem Landhaus zusammen.

Als Izzy beginnt, die Geschichte des Hauses zu erforschen, wird ihre Unruhe noch um einiges heftiger als die dunkle Vergangenheit des Landhauses und die Prophezeiungen der Bienen ans Licht kommt…

 

Foto: savethebees

 

Day 23 Book-a-Day Challenge: Favorite fictional Character

… and the winner is: Lisbeth Salander 🙂

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I would love to be a Hacker like her and the dragon tattoo is also cool. I prefer books where I can identify with somebody in the book. It doesn’t have to be the main protagonist and it is not so much that they need to be very similar to me, but something needs to resonate with me.

Either the way they think, the way they act or their ideas.

To learn more about Lisbeth I recommend Stig Larssons trilogy who died far too young a few years ago and the follow-up by David Lagercrantz „The Girl in the Spider Web“. You can find my review here:

https://bingereader.org/2015/10/01/the-girl-in-the-spiders-web-david-lagercrantz/

What is your favorite fictional character ?

Connection with Reader could not be established…

Nein, ich habe weder einen Igel noch rosafarbene Bettwäsche aber ich habe einen Herren-Hattrick hingelegt, drei Autoren zu denen ich wenig bis gar keine Bindung aufbauen konnte. Bei Herrn Saunders war es anscheinend so arg, ich habe gar vergessen ein Foto des Buches zu machen, so dass ich jetzt hier auf Kreta sitzend das Internet bemühen muss (Bild von thebooksmith).

„Tenth of December“ – George Saunders

Vielleicht hätte so ein kleiner bezaubernder Igel mir Herrn Saunders zugänglicher gemacht, ohne war ich einfach etwas lost. Dabei war ich so freudig gespannt. Die Kurzgeschichten wurden überall und ausnahmslos hochgelobt doch der hoffnungsfrohe Höhenflug wurde jäh gestoppt, Ich habe 3 Geschichten lang durchgehalten, fand die weder humorvoll (aber ok mir fehlt glaube ich auch zu weiten Teilen das Humorgen) noch interessant, noch irgendwas. Wir haben einfach etwas aneinander vorbeigelebt der Herr Saunders und ich. Stream of Conciousness oder auch Unconciousness, ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich ihm mehr Zeit geben müssen, es ist so ein hübsches Buch. Rough cut und so ein wunderbares schwarz-weißes Cover, aber nope wurde nichts.

Es flog in die Ecke, vielleicht versuchen wir es irgendwann noch einmal miteinander. Hat hier jemand ähnliche oder ganz andere Erfahrungen mit Herrn Saunders gemacht?
Soll ich ihm noch mal eine Chance geben ?

Auf zum nächsten Problemkandidaten, den habe ich immerhin zu Ende gelesen.
ABER

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Cryptonomicon – Neal Stephenson

1152 (!!!) Seiten – ich hatte schon Committment-Issues, bevor es los ging, dass ich das durchgehalten habe, grenzt an ein Weltwunder, das war mehr als harte Arbeit. Ein Tech-Cyperpunk Klassiker und Information-Dump vom Feinsten. Er spiegelt die Realität in der Tech-Welt deutlich wider, denn in dem Buch gibt es so gut wie keine Frauen, wenn, sind sie Randfiguren die keine größere Rolle spielen. Am Ende des Buches mußte ich wirklich mal kurz checken, ob ich mich nicht selbst beim Lesen in einen Mann verwandelt hatte.

Das Buch ist interessant, aber zu lang, zu viele Informationen, zu wenig wirklich spannende Handlung. Selbst eine Kurz-Zusammenfassung hat es in sich. Fast jede Seite enthält Mathematik für Fortgeschrittene und das ganze dann auf zwei Zeitebenen.

Zweiter Weltkrieg und eine Menge Kryptographie rund um Alan Turing und ein Sonderkommando der Alliierten, die versuchen, die Kommunikationscodes der Achsenmächte zu knacken.

Der andere Teil spielt in der Gegenwart, in der sich teilweise die Enkel der Helden aus dem zweiten Weltkrieg darum bemühen, in Südostasien eine Offshore-Datenoase zu schaffen.

Ich hab einiges gelernt und werde mich irgendwann auch an den Stephenson wagen, der hier noch rumsteht (Anathem), aber wirklich warm wurden wir beide nicht.

Ich wage mich jetzt an den nächsten Herren mit dem es nicht so recht klappen wollte und fürchte, hier werde ich eventuell die meiste Haue bekommen:

„Sterben“ – Karl Ove Knausgard

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So viele Menschen, deren Meinung ich schätze, haben ihn mir ans Herz gelegt und ich wollte auch so gerne, war so gespannt, aber es klappte einfach nicht. Ich konnte mich einfach nicht hineinfinden in die Knausgardsche Welt, fand es nicht spannend, wollte soviel über ihn nicht wissen und habe daher irgendwann einfach aufgegeben.

Ich stelle es mal auf Seite, vielleicht irgendwann nochmal, auf einer Reise nach Skandinavien oder so, eventuell packt es mich ja noch mal – aber für den Moment müssen Herr Knausgard und ich getrennte Wege gehen.

Er ist sicherlich ein interessanter Typ und ich würde auch durchaus mal ein Bier mit ihm trinken und eine Nacht durchdiskutieren, aber Hunderte und Hunderte von Seiten möchte ich glaube ich nicht über ihn lesen.

So, gibt es hier Stephenson’sche Leidensgenossen ? Knausgard Fans – könnt ihr mir verzeihen? Leute, die ihn nicht mögen gibt es glaube ich gar nicht, aber ich freue auf Euer Feedback.

Mit wem konntet ihr keine Verbindung aufbauen?

  • George Saunders – „Tenth of December“ ist auf deutsch unter dem Titel „Zehnter Dezember“ im Luchterhand Verlag erschienen.
  • Neal Stephenson – „Cryptonomicon“ ist auf deutsch unter dem gleichen Titel bei Goldmann erschienen
  • Karl Ove Knausgard – Sterben ist im Luchterhand Verlag erschienen

The Girl in the Spider’s Web – David Lagercrantz

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”Shut up and listen,” she said.

Das war die Stelle, an der ich wusste, ahhh alles gut. Das ist meine Lisbeth. Wie wir sie kennen und lieben. Die Stieg Larsson Trilogie hat mich vor ein paar Jahren wirklich umgehauen und ziemlich süchtig gemacht. Als ich hörte, es gibt eine Fortsetzung, habe ich in etwa so reagiert:

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Als Fan von Stieg Larssons schrägem Ermittlerduo, der genialen Punk Hackerin Lisbeth Salander und ihrem Ermittlungspartner Mikael Blomkvist, dem investigativen Journalisten des Magazins Millenium, wird man absolut nicht enttäuscht von dieser Fortsetzung, die aufgrund von Larssons Herztod im Jahr 2004 vom schwedischen Journalisten David Lagercrantz weitergeschrieben wurde und es hätte ja durchaus auch ordentlich in die Hose gehen können.

In „The Girl in the Spider’s Web“ werden die beiden in den Fall des geheimnisvollen Informatikers Frans Balder verwickelt. Er ist ein Experte auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, der in eine globale Verschwörung verstrickt wird, die von der schwedischen Geheimpolizei, über die russische Mafia und Industriespione aus dem Silicon Valley bis zur NSA reicht.

Lisbeth hackt wieder und nicht irgendwen, sondern als stolze Hackerin natürlich niemand geringeren als die NSA. Als gäbe es nichts einfacheres und als sei die NSA der Kegelverein von gegenüber, gleitet sie durch deren Abwehrsysteme wie ein Messer durch die Sahnetorte. Das hetzt ihr erwartungsgemäss die Höllenhunde der  NSA auf den Hals und der Roman nimmt ordentlich Fahrt auf.

Auch Balder gerät in das Fadenkreuz der NSA und einer zwielichtigen Firma namens Solifon, die an sein Computerprogramm heran wollen, das auf seiner Forschung zur künstlichen Intelligenz basiert. Balder ist alleinerziehender Vater, der sich um seinen kleinen autistischen Sohn mit Savant-Syndrom kümmert. Der kleine August ist ein mathematisches Genie und zusätzlich noch in der Lage, unglaublich präzise Zeichnungen anzufertigen, die eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen.

Erwartungsgemäß denkt man das Salander, die super-intelligente Hackerin/Problemlöserin in der Geschichte, alles auflösen wird, aber es ist dann tatsächlich August, der den entscheidenden Hinweis geben kann. Die Interaktion zwischen August und der wahrscheinlich selbst irgendwo auf dem autistischen Spektrum angesiedelten Lisbeth gehören zu den berührensten Momenten im Roman.

Salander und Blomkvist treffen lange nicht aufeinander. Zehn Jahre sind seit ihrem letzten Zusammentreffen vergangen und es dauert bis etwa zum Ende des ersten Drittel des Buches, bis es ein Aufeinandertreffen der beiden gibt. Im ersten Teil geht es um Mikael und sein Magazin „Millenium“, das er mitgegründet hat und das in Schwierigkeiten gerät. Er ist die Art Journalist, die einem wirklich Hoffnung für diesen Berufsstand gibt.

Lisbeth hat dann mit „Shut up and listen“  ihren Auftritt und das macht er dann auch der Herr Blomkvist. Lange bleibt es bei kurzen email-Sequenzen und Telefonaten und lange fragt man sich, ob sie überhaupt aufeinander treffen werden in der Geschichte.

David Lagercrantz versteht es meiner Ansicht nach ganz ausgezeichnet, sich in Stieg Larssons Charaktere hineinzuversetzen. Er erfasst ihre Verletzlichkeiten, ihren Widerwillen und ihre Müdigkeit. Beide wollen Gerechtigkeit, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen. Salander aufgrund ihrer unbändigen Entschlossenheit, sich an denen zu rächen, die unterdrücken und missbrauchen. Typen, die es sexuell erregt, wenn sie Frauen oder Kinder schlagen, sollten hoffen, dass Salander niemals dahinter kommt, denn es könnte sonst schnell mit einem Stiefel am Hals oder einem Messer am Brustkorb enden und ihnen wird unweigerlich die Frage durch den Kopf gehen, wie zur Hölle ausgerechnet ein so zierliches Wesen ihnen das antun konnte.

Blomkvist dagegen kämpft für Gerechtigkeit, weil er einfach ein idealistischer Mensch ist, jemand der aus intrinsischen Motiven handelt und stets so, als hätte er nichts zu verlieren.  Das Millennium und sein Erfolg bei schönen Frauen entschädigen ihn für seinen Mut gelegentlich.

“we live in a twisted world where everything, both big and small, is subject to surveillance, and where anything worth money will always be exploited.”

“it’s always the wrong people who have the guilty conscience. Those who are really responsible for suffering in the world couldn’t care less. It’s the ones fighting for good who are consumed by remorse.”

Einige Kritiken beschweren sich über den Techie-Jargon im Buch und den vielen verschiedenen Hacker-Typen, die man nur schwer auseinanderhalten könnte, dies war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Lagercrantz hat meiner Meinung nach alles gut erklärt, den Kontext dargelegt und man erfährt eine Menge über künstliche Intelligenz, Autismus, das Savant-Syndrom, White und Dark Hat Hacking und vieles mehr.

Hier ein link zu „White Hat Hacking for Beginners“ falls ihr auf den Geschmack gekommen seid 😉

“Money talks, bullshit walks.”

Habe das Buch in nur zwei Tagen verschlungen. Tolle Geschichte, gut geschrieben, Lisbeth ist einfach nur verdammt cool und ich bin weiterhin ein bisschen verliebt 😉
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Foto: Weheartit

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Verschwörung“ im Heyne Verlag erschienen.