Japan by the Book

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Japan ist ein Bücherland. In keinem der asiatischen Länder, die wir bislang bereisten, waren Bücher so allgegenwärtig wie in Japan. Die Menschen schlafen in der U-Bahn nicht nur in den verrücktesten Positionen, sie lesen auch im größten Gedränge und, wenn die Bücher häufig eher kleinformatig sind, so werden doch immer wieder auch Mangas in der Größe des früheren Quelle-Kataloges mitgeschleppt.

Mangas sind natürlich etwas, das wohl jeder mit Japan assoziiert. Und sie sind tatsächlich auch überall. In der Ubahn werden auch Romane gelesen, aber doch überwiegend Mangas und das vom Schulkind über schicke Business-Menschen bis hin zu älteren Damen.

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Schaut man seinen Mitfahrern in der U-Bahn über die Schulter, kann man auch schnell mal schamviolett werden. Die haben es teilweise wirklich in sich. Da wird geschnackselt was das Zeug hält, hetero und homosexuell, auf freiwilliger Basis, aber Vergewaltigungen z.B. kommen durchaus auch vor, alles recht explizit. Neben den sexuell freizügigen, gibt es auch einige, die recht düster sind, aber im Grunde genommen ist hier für wohl für jeden Geschmack etwas dabei. Man könnte sicherlich ganze Abhandlungen schreiben, möchte hier aber nur einen kurzen Einblick in den japanischen Manga-Alltag geben, den wir erlebt haben. Eine wunderbare Facette sind natürlich auch die vielen Cosplayer, die in einen spannenden Kontrast bieten, zu den monochromen Business-Menschen.

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Japan nimmt wenig Rücksicht auf nicht-japanische Besucher. Das ist deutlich weniger negtiv gemeint, als das jetzt klingt. Ob im Alltag, oder wenn es um den Tourismus geht, das Angebot richtet sich eben in der Regel an die einheimische Bevölkerung und ausländische Gäste werden höflich und sehr sehr freundlich inkludiert, aber es wird keine Extrawurscht gebraten. Uns hat das weniger gestört, da man so deutlich mehr vom alltäglichen Leben in einem Land mitbekommt, aber natürlich kann es einem das Leben auch mal schwerer machen.

Ich hatte damit gerechnet, mir im Urlaub Bücher kaufen zu können und bin ziemlich in Panik geraten, als ich in Tokyo die ersten 3-4 riesigen Buchläden abgeklappert hatte und keiner davon eine Abteilung mit englischsprachigen Büchern hatte. Ich bin dann in Kyoto fündig geworden und das war dann auch ein wundervoller Laden, bestens sortiert mit einer riesigen Auswahl, aber man muss schon ein wenig danach suchen. Zeitungen, Zeitschriften habe ich gar nicht gefunden, wobei die normalen Tageszeitungen ab und an 1-2 englischsprachige Seiten enthielten.

In Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha waren an jeder Ecke Läden in denen man gebrauchte englische Bücher kaufen konnte, das findet man in Japan eigentlich überhaupt nicht. Um so glücklicher war ich, in einer kleinen Straße in Kobe ziemlich ab vom Schuss, einen winzig kleinen entzückenden Second-Hand-Bookshop „Wantage“zu entdecken. Der Besitzer, ein sehr herzlicher, älterer Engländer öffnet seinen Laden nur am Wochenende. Ich hätte da gut und gerne ein paar Stunden drin verloren gehen können.

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Meine Urlaubslektüre bestand natürlich unter anderem aus einem Haruki Murakami. Geht ja gar nicht ohne und nach Japan reisen ohne ein Buch von ihm – völlig undenkbar. Ich hatte mich für „Hard-Boiled Wonderland“ entschieden, einer der Romane, die ich bisher noch nicht gelesen hatte und der seit dem Haidhausener Flohmarkt auf seinen Auftritt wartet.

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„Hard-Boiled Wonderland“ ist ein ziemlich komplexer Roman, den ich sehr langsam lesen musste, manche Kapitel benötigten gar eine zweite Runde, bis ich mich wieder zurechtgefunden habe. Die Geschichte spielt im Tokyo der nahen Zukunft. Dank wundersamer fortschrittlicher Technologien wird einem schüchternen, intelligenten Datenanalysten etwas ins Hirn implantiert, das es ihm ermöglicht, geheime Daten zu „waschen“ und zu „shuffeln“.

Ein verrückter Wissenschaftler, die Datenmafia und die Semiotecs, eine rivalisierende Intelligence Unit, sind ihm auf den Fersen und dabei, in sein Unterbewusstsein eine komplett andere Welt zu implantieren. Nach und nach verwischen die Grenzen der beiden Welten und es entbrennt eine Jagd um dem Ende der Welt zu entkommen, oder nicht ?

Einer der abgefahreneren Murakamis, der einen an Kafka und Orwell denken läßt. Keine einfache Lektüre, aber eine lohnende, die perfekt nach Tokyo passt. Die perfekte Überschrift für eigentlich fast jeden seiner Romane könnte dieses Zitat sein:

„Everyone may be ordinary but they’re not normal“

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Mit Yasushi Inoues „Der Tod des Teemeisters“ begab ich mich auf unsere Wanderung und gleichzeitig ein paar Jahrhunderte zurück in das Japan der Samurais. Unser Weg führte uns drei Tage lang auf dem Nakasendo Trail entlang, ein über 500km langer uralter Handelsweg, der von den Shoguns zum Reisen genutzt wurde. Es gibt 69 Stationen, die zumeist aus winzig kleinen Örtchen bestehen. Unsere Wanderung führte uns damit drei Tage lang durch die japanischen Alpen. Wir haben uns allerdings mehr als einmal verlaufen, da wir die ganze Zeit über wirklich niemanden getroffen haben auf den Wanderung und sämtliche Schilder natürlich in japanisch waren. Am zweiten Tag haben wir daher einen ordentlichen Umweg eingebaut und statt der geplanten 18km waren wir 25km unterwegs. Puh, da hing uns doch die Zunge auf Halbmast und wir wurden irgendwann etwas panisch. Aber am Ende haben wir unser Ryokan doch noch gefunden.

Übernachtet haben wir in Ryokans, den traditionellen Herbergen der Edo-Periode. Die Zimmer bestehen aus den am Boden liegenden Tatami Matten und den mit Washi bespannten Schiebetüren.

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Abendessen und Frühstück sind im Übernachtungspreis enthalten und werden im Gemeinschaftsraum eingenommen, man trägt Yukata und faltet die Beine irgendwie unter den niedrigen Tisch. Serviert wird in der Regel ein einheitliches, typisches sehr reichhaltiges Abendessen, das aus sehr vielen gleichzeitig servierten kleineren Portionen besteht. Miso-Suppe, eingelegtes Gemüse, geräucherter Fisch gehören eigentlich zu jeder Mahlzeit. Das Essen ist wahnsinnig gut, sehr frisch, aber teilweise auch gewöhnungsbedürftig. Sashimi, roher Fisch in dünne Scheiben geschnitten, kennt man und mag ich auch sehr gerne, lebt der Fisch allerdings noch und man schneidet ihm bei Bewußtsein Scheiben raus, das ist dann noch mal eine andere Geschichte. Auch Fleisch wird gern roh gegessen, wie Sushi und so haben wir uns dann auch rohem Pferd gegenüber gesehen, die gegrillten Grashüpfer waren für mich da die einfachere Herausforderung.

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Nach dem Abendessen macht man üblicherweise einen Abstecher ins Gemeinschaftsbad Onsen. Wir haben diesen Abstecher nur zweimal geschafft, denn auf Tattoos ist man in Japan gar nicht gut zu sprechen, sind diese doch so untrennbar mit der japanischen Mafia der Yakuzi verbunden. Schafft man es hinein in ein Onsen, ist das schon ein phantastisches Erlebnis. Nach ausgiebiger gründlicher Reinigung gehts dann ins große Becken, in dem meist auch andere Leute schon vor sich hin kochen. Seit dem Onsen habe ich eine ungefähre Idee, wie sich Hummer fühlen mögen, wenn sie ins heiße Wasser fliegen. Krass war das heiß. Japan hat Unmengen heißer Quellen und es tut schon gut so ein Bad, nach einer langen Wanderung.

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Seitenschläfer haben es auf den Tatami Matten nicht leicht. Ich mußte mich morgens origamimäßig erst einmal wieder auseinanderfalten und hab ein paar blaue Flecken davon getragen, wer üblicherweise auf dem Rücken schläft und es hart mag, dem dürften Tatami Matten gut gefallen.

Nun aber zu „Der Tod des Teemeisters“ – es war die perfekte Wahl für die Wanderung und unsere Übernachtung im Ryokan, die ganze Stimmung und der Inhalt der Erzählung haben einfach wunderbar gepasst.

Die Geschichte handelt davon, was aus der Kunst der Teezeremonie wird, wenn sein Meister verschwindet. Es ist nicht wirklich ein Thriller, wie der Umschlagtext vermuten ließ, sondern eher eine Suche nach Antworten darauf, warum der Master of Tea „Rikyu“ seinen angeordneten ritualen Suizid ohne Kampf akzeptierte. Sein letzter Schüler, Honkakubo versucht die Umstände, die zum Tod seines Meisters führen, zu verstehen und nachzuvollziehen.

Die Sprache ist karg und spröde, aber auch poetisch fein. Könnte man ein Buch schmecken, so wäre dieses ganz eindeutig ein Matcha-Tee. Ein kleines Wunderwerk, das aber sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen wird.

Dieses Zitat trifft die Essenz des Buches für mich, ohne das es aus diesem Buch ist. Woher ich es habe, weiß ich leider nicht mehr:

„…we find beauty not in the thing itself but in the patterns of shadows, the light and the darkness, that one thing against another creates.“

Vom Rest unserer Reise und der dazugehörigen Lektüre berichte ich im zweiten Teil. So stay tuned for more adventures …

Haruki Murakami „Hard-boiled Wonderland“ ist im Dumont Verlag erschienen
Yasushi Inoue „Der Tod des Teemeisters“ ist im Suhrkamp Verlag erschienen

Paris – Coup de Chapeau

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Mit dem TGV direkt von München nach Paris – bequemer und perfekter geht es gar nicht. Draußen zischt die Welt vorbei und drinnen bin ich in meiner Lese-Bubble und tauche ein in meinen Bücherkoffer. Ganz bin ich nicht durchgekommen, aber für einen Coup de Chapeau hat es immerhin gereicht.

Begonnen habe ich mit Roland Barthes „Der Eiffelturm“ – ein dünnes wunderschönes Bändchen, das einen perfekt einstimmt auf die Paris-Woche. In seinem Essay betrachtet Barthes liebevoll eines der beliebtesten Symbole der Welt. Er entdeckt den Eiffelturm für uns auf ganz neue Art, macht ihn sicht- und greifbar.

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Es macht Spaß, mit Barthes gemeinsam die Welt zu entdecken, macht mir mit diesem Essay Lust, noch mehr von der Welt durch seine Augen zu entdecken. Er schreibt charmant, bleibt zugänglich bei gleichbleibend hohem Niveau und hat Humor . Ich liebe Barthes‘ Exaktheit in der Betrachtung und seine Ästhetik.

Der Eiffelturm ist so sehr Sinnbild für Paris geworden, dass man sich partout nicht vorstellen kann, wie groß die Ablehnung war, als der Turm anlässlich der Weltausstellung 1887 gebaut wurde. Es gab unzählige Proteste, eine Gruppe Künstler entwarf gar einen Protestbrief der in der Zeitschrift „Le Temps“ veröffentlicht wurde und der die Welt vor der unfranzösischen „tragischen Straßenlaterne“ bewahren sollte:

„Wir, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Architekten und leidenschaftliche Liebhaber der bis jetzt noch intakten Schönheit von Paris, protestieren hiermit mit all unserer Kraft und aus all unserer Empörung, im Namen des falsch verstandenen französischen Geschmacks, im Namen der Kunst und der bedrohten französischen Geschichte, gegen die Errichtung des nutzlosen und monströsen Eiffelturms im Herzen unserer Hauptstadt, den die Bösartigkeit der Öffentlichkeit – die oft über gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeitssinn verfügt –, bereits den ‚Turm zu Babel‘ nennt.“

Das zeigt einem noch einmal deutlich, wie sehr Menschen dazu neigen, alles Neue erst einmal abzulehnen, um es ein paar Jahre später ganz selbstverständlich zu nutzen und noch ein paar Jahre später verzweifelt darum zu kämpfen, wenn sie es bedroht sehen. Daher versuche ich stärker ein UND zu propagieren statt einem ODER. Taxis UND Uber, Hotels UND AirBnB, Bücher UND Kindle, Treppen UND Rolltreppen etc 😉

Es hätte die perfekte Länge gehabt, das Büchlein in der Schlange zum Aufgang des Eiffelturms zu lesen, aber ich bin so gar kein Schlangesteher. Möche gar nicht wissen, was mir im Leben alles schon entgangen ist, weil ich mich einfach nicht anstellen mag. Entweder ich schlupfe irgendwo durch wie bei der Sagrada Familia in Barcelona oder ich bleibe draußen. Schön blöd vielleicht, aber mei nen kleinen Schaden hat jeder. Deswegen fahre ich auch lieber Zug als zu fliegen, wann immer möglich. Das ständige überall dumm rumstehen macht mich kirre.

Wer aber gelegentlich nicht abgeneigt ist, in einer Schlange zu stehen, dieses Büchlein hat die perfekte Anstehlänge und ist sicherlich das beste und anspruchsvollste, womit man sich die Zeit vertreiben kann.

Hat Barthes vielleicht auch einen Essay über das Warten geschrieben ? Falls ja, dann bräuchte ich den wohl.

Eine sehr schöne Besprechung, die mich überhaupt erst  zum Kauf des Buches animierte findet ihr hier:
https://phileablog.wordpress.com/2016/02/21/roland-barthes-theorie-praxis/

Mit Djuna Barnes Biografie bin ich dann ins Paris der 20er Jahre durchgebrannt. Das ist die Zeit, die ich wohl wählen würde, sollte mich eine Zeitreisemaschine mal per Anhalter mitnehmen.

Djuna Barnes (1892 – 1992) war eine bekannte Persönlichkeit der Pariser Left Bank und in lesbischen Kreisen der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Fields Autobiografie beschäftigt sich ausführlich mit Barnes Familienleben, ihrer Herkunft und es ist vielleicht auch notwendig, soviel über ihre Wurzeln zu erfahren, um die Schriftstellerin, Journalistin, Dichterin besser verstehen zu können.

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Foto: Rhys Tranter

Heute ist sie hauptsächlich für ihren Roman „Nightwood“ bekannt, den ich ehrlich gesagt nie fertig gelesen habe, da ich damals zumindest partout keinen Zugang zu dem Werk gefunden habe. Bei einem der vielen Umzüge ist mir „Nightwood“ leider abhanden gekommen, es wäre die passende Begleitlektüre gewesen. Trotz meiner Schwierigkeiten mit ihrem Werk (bei ihren Gedichten tue ich mich sichtlich leichter) übt Barnes auch heute noch eine ziemliche Faszination auf mich aus.

Die Biografie ist die faszinierende Dokumentation einer inspirierenden Persönlichkeit, die eine Vorreiterin des modernen Feminismus war in vielerlei Hinsicht. Die Frauen der Left Bank, zu denen auch Djuna Barnes gehörte, glaubten an ihr Recht auf kreative Selbstbestimmung und auf ihr Recht so zu leben, wie sie es für richtig hielten.

Besonders überrascht hat mich, dass Djuna Barnes nie irgendeine Form von formaler Schulbildung genossen hat, sondern komplett autodidaktisch unterwegs war. Ich sags ja, lieber literarische und oder Science-Salons statt universitäre Massenabfertigung 😉

Wer speziell an Djuna Barnes interessiert ist, dem kann ich Andrew Fields‘ Biografie empfehlen, wobei ich ihn stellenweise dröge fand. Zugänglicher und spannender geschrieben fand ich Andrea Weiss‘ Buch „Paris was a Woman„, das ich vor einigen Jahren gelesen habe.

Meine dritte und letzte Paris Lektüre war „Never any End to Paris“ von Enrique Vila-Matas, das Buch mit einem der schönsten Cover überhaupt. Wer in Paris den Buchladen „Shakespeare & Co.“ besucht, kann innerhalb von Minuten sein erstes Kreuzchen auf seiner Bookshop-Bingo-Karte machen, denn länger als vielleicht 5-7 Minuten dauert es nicht, bis der erste nach einer Ausgabe von Hemingways „A moveable Feast“ fragt. Da ich mich nicht auf andere verlassen wollte und das Kärtchen ja unbedingt voll werden muss, habe ich das gleich selbst in die Hand genommen und mir ebenfalls Lemming-mässig mein Exemplar gekauft 😉

Der Protagonist das Alter Ego des Autors gibt sich mit solchen Devotionalien allerdings nicht zufrieden, er steigert sich ziemlich hinein in seinen Glauben, ein absoluter Doppelgänger Hemingways zu sein und reflektiert über die Parallelen seiner und Hemingsways Zeit in Paris als jeweils junger Schriftsteller.

Was für Hemingway Gertrud Stein war, war für Vila-Matas Margarete Dumas. „Never any End to Paris“ ist weniger durchgehender Roman, eher eine Aneinanderreihung von Erinnerungen auf verschiedenen Ebenen. Das Buch hat fast durchgehend gute Kritiken bekommen, mich hat es zwischendrin immer mal wieder verloren und ein Vila-Matas Fan bin ich nicht geworden. Ich bleibe beim Original und freue mich auf das Wiederlesen von „A moveable Feast“.

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Ich könnte direkt schon wieder losfahren, gibt noch soviel zu entdecken in Paris und der Koffer war ja auch noch nicht fertiggelesen 😉

Roland Barthes „Der Eiffelturm“ erschienen im Suhrkamp Verlag
Andrew Field „Djuna Barnes“ erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt
Enrique Vila-Matas „Paris hat kein Ende“ erschienen im Nagel + Kimche Verlag

Wild – Cheryl Strayed

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Heute mal wieder ein Gruß aus dem Bucharchiv. Gelesen habe ich Cheryl Strayed „Wild“ auf der großen Südost-Asien-Tour im Januar letzten Jahres. Hatte das Buch auf dem Radar durch die positive Besprechung in der NY Times und war sehr überrascht, es in einem kleinen Second-Hand-Buchladen in Kambodscha zu finden. Genau wie Cheryl mit einem Rucksack unterwegs, der viel zu voll war und mit viel zu vielen unnützen Dingen (wie Büchern) bepackt, war es natürlich vollkommen unsinnig, so einen dicken Trümmer einzupacken – aber hey, irgendwie hab ich ihn in den Rucksack bekommen und das Buch hat mich wunderbar auf unseren Wanderungen begleitet und auch wenn ich anfangs dachte, ich würde es zurücklassen, wenn ich es ausgelesen habe, war nix zu machen, es hat mich so bewegt, ich habe es noch die ganze weitere Reise mitgeschlörrt und jetzt steht es hier zu Hause und beim Durchblättern rieselt noch immer Sand heraus.

Schade – ein „Unterwegs“-Foto hab ich nicht finden können, daher musste ich heute nochmal nachstellen. Sonst hätten wir hier eher Palmen, einen Street-Food-Stand, einen Bootstrip auf dem Mekong oder irgendeine andere Szene gesehen, in der ich das Buch gelesen habe.

„Wild“ ist die Geschichte einer jungen Frau, die mit Mitte 20 so ziemlich am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen zu sein scheint. Sie ist allein, der Tod der Mutter die mit Mitte Vierzig an Krebs gestorben ist, noch lange nicht verarbeitet, vor den Scherben einer zerbrochenen Ehe stehend, verschuldet und ohne Perspektive rutscht sie auch noch in eine unglückliche Affäre mit der großen Trösterin Miss Heroin, als sie beschließt, einen Rucksack zu packen, nach Kalifornien zu fliegen und eine sehr sehr lange Wanderung zu machen, um sich wiederzufinden.

„Hiking the PCT, …was my way back to the person I used to be.“

Sie ist eine vollkommen unerfahrene Hikerin, packt viel zu viel und vollkommen falsche Sachen ein, ist nicht vorbereitet und läuft einfach los. Es hat mir eine diebische Freude bereitet, mir die vielen pragmatischen, stets übervorbereiteten Leute mit Schaum vorm Mund vorzustellen, wie sie vor lauter Empörung über die Naivität der Progagonistin den Kopf schütteln und sich fragen, ob sie überhaupt weiterlesen sollen 😉

Ich mag das ja, das happy-go-lucky und habe auch meist die Erfahrung gemacht, am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es halt noch nicht zu Ende.

Cheryl macht diesen Trip, die ganzen 1100km des Pacific Crest Trails. Sie wandert bei 40 Grad im Schatten auf dem Modoc Plateau erlebt Rekord-Schneefälle in den High Sierras, trifft auf Bären, Klapperschlangen, Skorpione, vertrocknete Wasserstellen. Sie verliert unzählige Fußnägel, kann sich manchmal Ewigkeiten lang nicht waschen, ist oft hungrig und irgendwann verliert sie sogar ihre Wanderschuhe. Und selbst da gibt sie nicht auf. Diese vollkommen unvorbereitete nicht übermässig starke blonde, junge Frau kicks ass. Sie beisst sich durch. Sie bastelt sich Ersatzschuhe aus Klebeband und wandert darin weiter, bis ihre neuen Wanderschuhe irgendwo in der nächsten Kurierbox im Nirgendwo auftauchen. Zusammen mit dem nächsten Geld, ein paar Vorräten und dem nächsten Satz Bücher.

Ich habe Cheryl unglaublich für ihren Mut bewundert. Ich hätte ihn wohl nicht. Eine so lange Wanderung ganz alleine, ohne wirkliche Navigationskenntnisse, in Gegenden wo mir jederzeit Bär, Skorpion, Schlangen oder andere gefährliche Viecher begegnen können. Wow. Ich halte mich schon nicht für ein Weichei, aber ich glaube ich wäre beim ersten Skorpion im Zelt umgehend umgedreht.

“I knew that if I allowed fear to overtake me, my journey was doomed. Fear, to a great extent, is born of a story we tell ourselves, and so I chose to tell myself a different story from the one women are told. I decided I was safe. I was strong. I was brave. Nothing could vanquish me.

Beim Lesen ist man komplett bei ihr, man leidet mit ihr, man freut sich ähnlich ekstatisch über die Dusche und selbst einen Schokoriegel essen beim Lesen fand ich schwierig, weil ich mich schuldig fühlte, wenn sie dabei so hungrig war 😉

Es gibt keine ellenlangen Naturbeschreibungen, es ist viel mehr eine Reise durch ihre innere Landschaft und das machte das Buch so überaus lesenwert für mich. Die Verwandlung die sie durchlebt, die Stärke die sie gewinnt, aber auch die vielen Momente der Schwäche und Einsamkeit.

Cherly Strayed ist meistens alleine gewandert, hat ab und an ein paar Tage lang die Gesellschaft von Mitwanderern genossen, mit ihnen gegessen, das Essen und die Erfahrungen geteilt und am Lagerfeuer wurden die wichtigsten Trail-Neuigkeiten ausgetauscht.

“The thing about hiking the Pacific Crest Trail, the thing that was so profound to me that summer—and yet also, like most things, so very simple—was how few choices I had and how often I had to do the thing I least wanted to do. How there was no escape or denial. No numbing it down with a martini or covering it up with a roll in the hay. As I clung to the chaparral that day, attempting to patch up my bleeding finger, terrified by every sound that the bull was coming back, I considered my options. There were only two and they were essentially the same. I could go back in the direction I had come from, or I could go forward in the direction I intended to go.”

Besonders gefallen haben mir die Passagen in denen sie über ihre Beziehung zu Büchern und dem Geschriebenen schreibt, wie es ist, wenn man so alleine wandert und abends beim Lagerfeuer mit der Stirnlampe am Kopf dasitzt und ein paar Seiten liest, während man sein Essen auf den Knien balanciert. Die Wanderung macht sie stärker und die Bücher helfen ihr dabei. Sie liest sich selbst raus aus ihrem Loch, ihrer Schwäche, ihrer Depression. Die Bücher helfen ihr auf dem Weg zu bleiben, nicht mehr davon abzukommen, to become Cheryl „Un-Strayed“.

“What if I forgave myself? I thought. What if I forgave myself even though I’d done something I shouldn’t have? What if I was a liar and a cheat and there was no excuse for what I’d done other than because it was what I wanted and needed to do? What if I was sorry, but if I could go back in time I wouldn’t do anything differently than I had done? What if I’d actually wanted to fuck every one of those men? What if heroin taught me something? What if yes was the right answer instead of no? What if what made me do all those things everyone thought I shouldn’t have done was what also had got me here? What if I was never redeemed? What if I already was?”

Dieses Buch ist mit Vorsicht zu geniessen – es macht „itchy feet“, erzeugt Fernweh. Man will sofort seine Wanderschuhe schnüren und loslaufen. Ich werde es garantiert mitnehmen, wenn ich noch einmal den West Highland Way laufe. Viel weniger gefährlich und viel kürzer, aber auch eine wunderbare Gelegenheit viel Zeit mit sich, seinem Kopf und seinen Füßen zu verbringen.

Ich bin gespannt auf die Verfilmung, auch wenn ich eher Taylor Schilling in der Hauptrolle sehe, Reese Witherspoon ist schon ok.

Hier eine Liste der Bücher die den PCT nicht überlebt haben – nach Verzehr verbrannt 😉

The Pacific Crest Trail, Vol. 1 California – Jeffrey P. Schaffer
Staying Found – June Fleming
The Dream of a Common Language – Adrienne Rich*
As I Lay Dying – William Faulkner
**The Complete Stories – Flannery O’Connor
The Novel – James Michener
A Summer Bird-Cage – Margaret Drabble
Lolita – Vladimir Nabokov
Dubliners – James Joyce
Waiting for the Barbarians – J. M. Coetzee
The Pacific Crest, Vol 2 Oregon and Washington – Jeffrey P. Schaffer
The Best American Essays 1991 – Robert Atwan, Joyce Carol Oates (Editors)
The Ten Thousand Things – Maria Dermout

*nicht verbrannt unterwegs – die ganze Strecke getragen
** nicht verbrannt, sondern eingetauscht gegen „The Novel“