Women in Science (13) – Sandra Aamodt

Sandra Aamodt ist die Autorin zweier populärwissenschaftlicher Bücher „Welcome to your Brain“ und „Other Puzzles of Everyday Life“ (beide in Zusammenarbeit mit Sam Wang). Beide Bücher wurden in über 10 Sprachen übersetzt. Sandra Aamodt schreibt seit Jahren für die Science Seiten der New York Times, Washington Post, El Mundo und der London Times. Sie war Chefredakteurin der Zeitschrift „Nature Neuroscience“, ein führendes Magazin im Bereich der Hirnforschung. Aamodt hat einen Abschluß in Biophysik von der John Hopkins Universität und machte ihren Doktor in Neurowissenschaften an der Universität Rochester.

Zu ihrem Buch „Welcome to your Brain“ animierte mich vor einiger Zeit ihr  TED Talk. Wir nutzen unser Hirn praktisch in jedem Moment unseres Lebens und doch haben die Wenigsten von uns eine Idee, wie es überhaupt funktioniert. Vieles von dem, was wir glauben über das Hirn zu wissen, beruht auf irgendwelchen Legendenbildungen: das wir nur 10 Prozent unseres Hirns überhaupt nutzen, dass der Genuss von zuviel Alkohol Hirnzellen abtötet etc. Diese und andere Mythen über das Hirn sind falsch, wie die Heerscharen an Neurowissenschaftlern in ihrer Forschung in den letzten Jahrzehnten herausgefunden haben.

Was sie aber tatsächlich über die Funktionsweise des Hirns gelernt haben, davon dringt erstaunlich wenig aus den Forschungslaboren. In diesem gut lesbaren und unterhaltsamen Buch räumen Aamodt und Wang mit einigen dieser Mythen auf und bieten einen umfangreichen, nützlichen Überblick darüber, wie das Hirn tatsächlich funktioniert. Sie zeigen auf, wie man mit Jet Lag umgehen sollte, was das Hirn mit Religion zu tun hat und wie sich die Hirne von Männern und Frauen unterscheiden. Mit viel Witz und Charme machen sie die Materie überaus zugänglich. Der Text wird durch eine Reihe von Charts, Illustrationen, kleinen Quizzes und wissenswerten Kleinigkeiten unterstützt.

women-science-logo@2x

 

Den Autoren sind Fakten und sorgfältig durchgeführte Studien wichtig und sie wollen den Leser dazu animieren, weniger auf Emotion und verbreitete Mythen über das Gehirn zu hören, als kritischer nachzufragen und zu recherchieren. Sie räumen im Buch mit einigen der Mythen auf, beispielsweise mit den sagenumwobenen 10% des Hirns, die wir angeblich nur nutzen, dass Mozart hören Babys klüger macht oder das Impfstoffe Autismus auslösen.

Daneben geben sie praktische Tipps wie man z. B. mit Videospielen sein Gehirn schulen kann oder wie man das Hirn am besten überlistet, wenn man abnehmen will.

 

Für Film-Freaks vielleicht besonders interessant ist die Liste an Filmen, die neurologische Krankheitsbilder besonders gut beschrieben haben (z.B. Memento, A Beautiful Mind und Awakenings) oder auch eher ungenau, wie z.B. Total Recall und 50 First Dates.

Dieser respektlose Führer durch die Welt unseres Gehirns von Samuel Wang und Sandra Aamodt gibt einen guten Überblick über unser Gehirn und seine Funktionen. Es geht nicht sonderlich in die Tiefe, ist aber gut geschrieben, leicht lesbar und somit ein empfehlenswerter Einstieg in die Neurowissenschaften.

#WomeninSciFi (23) Ein Tropfen Zeit – Daphne Du Maurier

logo-scifi3

Daphne du Maurier, der Meisterin des dunklen Suspense und tiefer seelischer Abgründe, wird in dieser Ausgabe mit Illustrationen von Kristina Andres ein wundervolles Denkmal gesetzt. Hitchcocks „Die Vögel“, „Rebecca“ sowie Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gehen auf ihre Erzählungen zurück und auch „Ein Tropfen Zeit“ hätte durchaus Verfilmungs-Potential.

„Ein Tropfen Zeit“ erschien bereits 1969 und wurde jetzt von der Büchergilde Gutenberg neu aufgelegt. Der Protagonist Dick Young (von du Maurier als sehr unsympathischer Zeitgenosse angelegt – ein echter Dick, sorry for the pun) läßt sich von seinem alten Studienfreund Magnus, in dessen Cornwaller Strandhaus er seine Ferien verbringt, dazu überreden eine Zeitdroge zu testen, die dieser entwickelt hat.

du-maurier

Natürlich hat diese Droge auch so ihre Nebenwirkungen. Er landet immer wieder im 14. Jahrhundert, stets in naher Umgebung des Strandhauses, in dem er für einige Zeit lebt. Er beobachtet die Geschehnisse, Intrigen, Geheimnisse um Isolda Carminowe, ihren heimlichen Liebhaber Otto Bodrugan, dessen böse Schwester Joanna und den Verwalter Roger Kylmerth. Allerdings kann er weder den genauen Zeitpunkt bestimmen, an den er transportiert wird, noch kann er die Geschehnisse in irgendeiner Weise beeinflussen. Berührungen, auch zufällige mit den Personen im 14. Jahrundert, haben heftige Nachwirkungen. Er wird sofort in seine Zeit zurückgeschleudert und Übelkeit, Desorientierung und zeitweilige Paralyse sind die unangenehmen Folgen.

Während er auf der Droge ist, bewegt er sich benommen durch die Gegend und ist für die äußeren Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr zugänglich, was durch Züge, Autos etc. durchaus gefährlich werden kann. Zudem macht die Droge natürlich auch noch süchtig und Dick wird der Gegenwart und auch seiner Familie gegenüber immer gleichgültiger. Der nächste Zeitreisetrip ist alles, was ihn noch interessiert, und dass das alles nicht gut enden wird, wird einem ziemlich bald klar.

Die beiden Erzählstränge waren für mich jetzt keine absoluten „page-turner“. Ich habe nicht vor lauter Spannung und Atemlosigkeit ins Kopfkissen gebissen, aber die Atmosphäre und die Stimmung des Buches haben mich voll und ganz eingefangen.

Neben den in du Mauriers Werk immer wiederkehrenden Themen Wahnsinn, Manie, Besessenheit, Sucht und wissenschaftliche Experimente, spürt man auch den Einfluß Carl Jungs, den sie sehr schätzte, und der sich stark mit dem „kollektiven Unbewussten“ beschäftigt hat.

 

Man spürt in „Ein Tropfen Zeit“ du Mauriers große Liebe zu Cornwall, der Landschaft, der Geschichte und den Menschen dieser Region. Der Roman heißt im englischen „The House on the Strand“. Die Vorlage für Magnus‘ Haus „Kilmarth“ war ihr eigenes, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, nachdem sie gezwungen war, ihr geliebtes „Menabilly“ 1967 zu verlassen.

Diese Ausgabe ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen. Im englischen Original heißt das Buch: „The House on the Strand“.

Schmale Schönheiten I

Die fette Erkältung, die mich kürzlich lahmlegte, führte dazu, dass ich eine ganze Reihe dünner Bücher aus dem Regal holte. Ich mag das Gefühl nicht, den ganzen Tag nix zu schaffen und ein Buch durchzulesen gibt einem zu mindest ein Minimum an „erledigt“ am Tag, wenn man auch sonst nur wenig von der To Do Liste abgearbeitet bekommt.

Ob das Gefühl des immer „beschäftigt sein müssens, um sich nützlich zu fühlen“ so das Vernünftigste ist, steht auf einem anderen Blatt – auf jeden Fall habe ich mich in letzter Zeit durch eine Reihe dünnerer Bände gefräst. Hier der erste Teil derer, die ich zu den schmalen Schönheiten zähle, davon wird es sogar noch einen zweiten Teil geben. Es gab aber auch wieder Futter für die Rubrik „Connection with Reader could not be established“ – die kommen aber demnächst separat. Hier jetzt erst einmal zu denen, die ich eher zu den Schönheiten zählen würde.

Den Anfang macht „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ – Peter Stamm

Stamm

Vom Titel her hätte das auch ein Kettcar Album sein können, ich bin zumindest entsprechend darauf angesprungen. Die schönste Kurzzusammenfassung las ich in der Zeit, die dazu schrieb: „In seinem Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm erneut, wie Literatur so lange ins Leben eingreift, bis Realität und Fiktion verschmelzen.“

Bäm – genau so. Die Idee des Buches fand ich genial, die Umsetzung war nicht perfekt. Die Figuren haben mich überraschenderweise seltsam kalt gelassen und so schön ich auch den einen oder anderen Satz fand und ihn herausgeschrieben habe, ich fürchte das ist – trotz aller definitiv vorhandener Schönheit – ein Buch an das ich mich bald nicht mehr wirklich erinnern kann.

Christoph und Chris, Magdalena und Lena – zwei Paare in Dopplung, das jeweilige Paar mit seinem Gegenbild. Der heutige Christoph trifft sein jüngeres Ich sowie die Partnerin seines früheren Ichs und die Frage ist, könnte man sein eigenes Leben mit dem Wissen von heute rückwirkend in andere Bahnen lenken?

Ein Buch, das einen definitiv zum Nachdenken bringt, wunderschön erzählt wird, nur die Nachhaltigkeit der Geschichte, die stelle ich ein wenig in Frage. Trotzdem zähle ich das Buch definitiv zu den schmalen Schönheiten, ich habe es mit großem Genuß gelesen und wieviel ich davon in ein paar Monaten tatsächlich noch weiß, das werde ich ja sehen.

„Ich denke an mein Leben, das noch gar nicht stattgefunden hat, unscharfe Bilder, Figuren im Gegenlicht, entfernte Stimmen. Seltsam ist, dass mir diese Vorstellung schon damals nicht traurig vorkam, sondern angemessen und von einer klaren Schönheit und Richtigkeit wie dieser Wintermorgen vor langer Zeit.“

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ – Ernest van der Kwast

IMG_9471

Vor einer ganzen Weile sahen wir in einem Restaurant einen mega-schicken Herrn – sehr extravagant und cool gekleidet, der gleichzeitig intellektuell, cool und lässig wirkte, allein an einem Tisch sitzen und lesen. Wir waren beide so fasziniert von seiner Ausstrahlung, das wir unbedingt wissen wollten, was er wohl liest. Es war Ernest van der Kwasts Buch und es hat uns umgehend in den Buchladen geführt, wo wir das Buch suchten und kauften, er hatte uns wirklich neugierig gemacht 😉

Ist das schon Leser-Stalking? Auf jeden Fall habe auch ich jetzt endlich geschafft, mich dem dünnen Büchlein zu widmen. Ich bin jetzt nicht so der Liebesgeschichten-Typ, aber es wirkte spannend, der interessante Typ hat es gelesen, die Bingereader-Gattin war sehr angetan davon und ganz ehrlich – bislang hab ich noch kein wirklich schlechtes Buch aus dem Mare-Verlag gelesen. Keine Ahnung, warum es dennoch einige Zeit dauerte, bis ich mich endlich daran machte, mich in „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ ins Italien der Nachkriegszeit zu begeben.

Die beiden Brüder Ezio und Alberto liegen im Nachkriegssommer am Meer und beobachten Mädchen, als die 20jährige Giovanna Berlucci eines Tages in einem Zweiteiler – dem ersten Bikini – aus dem Meer steigt. Ezio verliebt sich auf der Stelle und Hals über Kopf in das junge Mädchen und es gelingt ihm auch, für kurze Zeit ihr Herz zu erobern.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“

Nach nur kurzer Partnerschaft und im Rausch der ersten Liebe macht Ezio ihr einen Heiratsantrag, doch Giovanna liebt nicht nur das Meer, sondern auch ihre Freiheit und ohne zu antworten läuft sie aufs Meer zu und verschwindet in den Fluten. Ezio kann mit dieser Schmach nicht leben, er flieht nach Südtirol, wird Apfelpflücker und tut alles, um Giovanna zu vergessen, doch nach 60 Jahren bekommt er auf einmal einen Brief von Giovanna …

„Die schöne Schrift“ – Rafael Chirbes

IMG_9472

Das Buch habe ich meinem Bruder irgendwann mal aus dem Regal gemopst und wenn ich recht drüber nachdenke, das nächste auch (und noch nicht wieder zurückgegeben – uiuiiiiuiiii….)

Ich habe das Buch direkt nach den „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ gelesen und der verrückte Effekt war, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die „Fünf Viertelstunden“ noch einmal zu lesen nur dieses Mal aus Giovannas Sicht, was ihr in diesen sechs Jahrzehnten so passiert ist.

Ist natürlich Quatsch, das Buch hat damit überhaupt nix zu tun, dennoch fiel es mir regelrecht schwer, mir immer wieder beim Lesen vor Augen zu halten, dass das hier ein komplett anderes Buch ist und die Lebensgeschichte einer ganz anderen Frau erzählt.

Eine einfach ältere Dame erzählt ihrem erwachsenen Sohn in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von ihrem bewegten Leben, von ihren seltenen Momenten des Glücks und den häufigeren Augenblicken des Schmerzes, der Sorge, der Liebe und der Verletzungen. Die Familie hielt zusammen während der Zeit des spanischen Bürgerkrieges und den Jahren danach, doch dieser Familienzusammenhalt brach zusammen durch die Heirat ihres Sohnes mit einer überaus hübschen und ehrgeizigen Frau. Ihr wird klar wie sehr sie sich auch von ihrem eigenen Sohn entfernt hat, denn sonst würde er sie nicht aus ihrem eigenen Haus vertreiben, um an desssen Stelle ein lukratives Mietshaus zu errichten. Die Protagonistin Ana erklärt nicht nur ihrem Sohn, sondern vielmehr sich selbst, warum ihr Leben verlaufen ist, wie es verlaufen ist und was das alles für sie bedeutet.

Ein Rückblick auf ein schweres Leben voller Entbehrungen.

Ich mochte Chirbes kargen, prägnanten Schreibstil sehr, der mit sparsamen Worten so viel mehr erzählt als andere auf hunderten von Seiten. Eindrucksvoll und ganz ohne Pathos.

Air Mail – Jeffrey Eugenides

IMG_9473

Eugenides ist nicht nur auf der Langstrecke klasse, er überzeugt mich definitiv auch auf der Sprint-Strecke. Drei Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ersten treffen wir auf Mitchell, der in Thailand aufgrund eines heftigen Magen-Darm-Virus mit entsprechender Diarrhö zu fasten beginnt. Dieses Fasten in einem thailändischen Backpacker-Camp nimmt immer extremere Ausmaße an wird fast zum esoterischen Spiel um Leben und Tod. Die Grenzen zwischen der realen und der spirituellen Welt zerfließen immer mehr, bis sie für Mitchell irgendwann nicht mehr wirklich von einander zu unterscheiden sind…

In der zweiten Geschichte sucht eine verzweifelte Frau mehr oder weniger nach einem Begatter, von dem sie auf einer Party ganz zwanglos etwas Samen abzapfen kann. „Bratenspritze“ ist wunderbar ironisch und vielleicht hat fast jeder von uns eine Tomasina im Bekanntenkreis, die man sich nur zu gut mit der Bratenspritze vorstellen kann.

Auf der Party erhält sie wie gewünscht den Samen, aber da ist auch Wally, der etwas klein geratene Geschäftsmann, mit dem sie vor Jahren mal zusammen war und der sie irgendwie immer noch liebt …

In der letzten Geschichte geht es um den Sohn wohlhabender Eltern, die ihr gesamtes Vermögen in eine abgewirtschaftete Hotelanlage gesteckt haben und die der Vater verzweifelt versucht, zu renovieren. So marode wie die Hotelanlage ist, ist auch die Gesundheit der Eltern und der Sohn wird sich bewusst, dass auch er irgendwann einmal seinen eigenen Wunschbildern zum Opfer fallen wird.

Kurzgeschichten auf höchstem Niveau, rasant erzählt mit spannenden Wendungen.

Hier noch mal im Überblick:

Welche Bücher für ein zwar schnelles aber dennoch tiefgründigen „Quickie“ könnt ihr empfehlen?

Mensch sein – How to be human

 

The Humans – Matt Haig

“I know that some of you reading this are convinced humans are a myth, but I am here to state that they do actually exist. For those that don’t know, a human is a real bipedal life form of midrange intelligence, living a largely deluded existence on a small waterlogged planet in a very lonely corner of the universe.”

 

 

Matt Haig erzählt die Geschichte eines Aliens, der vom Planeten Vonnadoria zur Erde geschickt wurde, um jeglichen Nachweis zu vernichten, dass die Riemann Hypothese tatsächlich gelöst wurde. Diese Lösung würde der Menschheit nämlich einen riesigen technologischen Fortschritt bescheren und die Vonnadorians fürchten sich vor einer derart primitiven und gewalttätigen Rasse wie den Menschen, die dann vermutlich das Weltall unsicher machen würden. Der Mathematiker, dem die Lösung gelungen ist, ist Andrew Martin. Einer der Vonnadorians wird zur Erde geschickt, er tötet den Mathematiker, schlüpft in dessen Körper, um ungesehen dessen Leben zu infiltrieren und alle Nachweise der mathematischen Lösung zu vernichten, auch alle Menschen, denen er von der Lösung des Riemann Problems erzählt haben könnte.

Insbesondere der erste Teil des Buches ist stellenweise irre komisch (und wer mich kennt weiß, ich finde komisch meistens schwierig, hier funktioniert es für mich wunderbar). Der Alien hat keine Ahnung von menschlichen Leben und findet sich zunächst splitternackt und sprachlos auf einer Autobahn, während er mit jeder Minute mehr begreift und über die Menschen lernt.

“Humans, as a rule, don’t like mad people unless they are good at painting, and only then once they are dead. But the definition of mad, on Earth, seems to be very unclear and inconsistent. What is perfectly sane in one era turns out to be insane in another. The earliest humans walked around naked with no problem. Certain humans, in humid rainforests mainly, still do so. So, we must conclude that madness is sometimes a question of time, and sometimes of postcode. 

Basically, the key rule is, if you want to appear sane on Earth you have to be in the right place, wearing the right clothes, saying the right things, and only stepping on the right kind of grass.”

Haig hält sozusagen ein Vergrößerungsglas auf die Menschen und durch die Augen des außerirdischen Andrew Martins sehen wir, wie haarsträubend irrational und absurd wir Menschen häufig sind.

Im Verlauf des Buches wird die Geschichte ernster. Martin lernt was es bedeutet, ein Mensch zu sein, ironischerweise teilweise durch den Hund der Familie, durch die Entdeckung von Erdnußbutter und Emily Dickinson. Er lernt nach und nach die Frau und den Sohn Andrew Martins tatsächlich zu lieben, Haig gelingt es aber, durch die gekonnte Mischung aus Humor und Emotionalität jede Zuckrigkeit zu vermeiden.

Am Ende des Buches gibt uns der Alien noch ein paar Ratschläge für Menschen, wie z.B.:

1. Shame is a shackle. Free yourself.
2. Don’t worry about your abilities. You have the ability to love. That is enough.
3. Be nice to other people. At the universal level, they are you.
4. Technology won’t save humankind. Humans will.
5. Be curious. Question everything. A present fact is just a future fiction.

Für mich war es eine der leisesten und persönlichsten Alien-Geschichten, die ich bislang so gelesen habe. Trotz aller Aliens ist das keine wirkliche Science Fiction, die er hier schreibt, sondern ein Roman, in dem Haig sein profundes Verständnis des menschlichen Befindens zeigt.

Er zeigt uns wie „alien“ wir Menschen eigentlich sind und wie gegenseitiges Kennenlernen und Vertrautheit der einzige Weg sind, mit den vielen Widersprüchlichkeiten des menschlichen Befindens umzugehen.

Ein Roman, der auf den ersten Blick harmlos/humorig rüberkommt, den ich aber recht philosophisch empfunden habe. Auch wenn der Plot vielleicht etwas vorhersehbar ist, der feine britische Humor und die vielen wunderschönen kleinen Details machen den Roman zu einem unterhaltsamen, nachdenklichen Buch.

Haig zeigt, warum die Menschheit es vielleicht doch verdient, bewahrt zu werden, ob ihr am Ende zum gleichen Schluss kommt, müsst ihr entscheiden. Unsere Bookclub Februar-Lektüre hat für spannende Diskussionen gesorgt, das Buch fand großen Anklang und mir hat es auf jeden Fall auch Lust auf mehr Matt Haig gemacht.

Schnappt euch also diesen Roman und holt euch gleich noch einen Emily Dickinson Gedichtband dazu, den werdet ihr danach ohnehin lesen wollen, schmiert euch ein Erdnussbutter-Sandwich und beim Lesen unbedingt diese dazu gehörige Playlist hören:

Earth Control to Andrew Martin: eat your peanut butter sandwich and we are now over and out.

Euphoria – Lily King

IMG_9231

Diesen Roman hatte mir meine sehr belesene Chefin schon vor Ewigkeiten empfohlen und ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum es derart lange gedauert hat, bis ich ihn endlich in Angriff nahm.

Die Anthropologin Margaret Mead stand Patin für diesen Roman, der auf ihren Erlebnissen am Sepik Fluß in Neu Guinea basiert, wo sie mit ihrem Ehemann Reo Fortune und dem britischen Anthropologen Gregory Bateson, der später ihr zweiter Ehemann wurde, die Eingeborenenstämme untersuchte. Die Geschichte selbst ist allerdings von der Autorin frei erfunden, auch die im Roman genannten Stämme. Dieser Roman vermischt ganz meisterhaft genaue Recherche, Phantasie, Leidenschaft, Zurückhaltung und Abenteuer zu einem grandiosen Leseerlebnis.

Schon in den ersten Absätzen schwingt eine gewisse leise Bedrohung in diesem fast klassisch anmutenden Abenteuerroman. In den frühen 1930er Jahren fliehen Nell Stone, eine amerikanische Anthropologin und ihr australischer Ehemann Fen vor dem aggressiven Mumbanyo Stamm. Die Mumbanyo werfen ihnen etwas hinterher, doch Nell kann nicht erkennen, was es ist, da Fen in einem Wutanfall Nells Brille zerbrochen hat und sein hingeworfenes „wieder ein totes Baby“ ist unglaublich herzlos, wenn man später erfährt, wie sehr Nell unter ihren Fehlgeburten und etwaiger Unfruchtbarkeit leidet.

Keine glückliche Ehe, die die beiden führen.  Beide sind begabte Anthropologen, doch Nell ist die deutlich erfolgreichere, die die den Ruhm und das Geld nach Hause bringt und das nagt immens an Fen. Sie beschließen, Neu Guinea zu verlassen und in Australien die Aborigines zu studieren, als sie auf Andrew Bankson treffen, einen Engländer, der ebenfalls seit Jahren als Anthropologe am Sepik Fluß lebt und den Kiona Stamm untersucht.

Bankson ist durch den Tod seiner Brüder, seiner ihn erdrückenden Mutter und vor Einsamkeit am Rande des Selbstmords, als er das Ehepaar trifft und er versucht alles, um sie an „seinem“ Fluß zu halten und verspricht zu helfen, einen spannenden Stamm zu finden, den sie erforschen können. Sie geben Bankson eine Chance, er findet den Tam Stamm für sie und sie lassen sich dort nieder und beginnen mit ihrer Arbeit. Hatten sie anfangs noch Sorge vor einem Konkurrenzkampf mit einem anderen Anthropologen ,werden die drei innerhalb kürzester Zeit zu einer intellektuellen Menage a trois.

Die Erzählung ist aus Bankson’s Sicht geschrieben, Nells in der dritten Person. Die wechselnden Stimmen, Zeitsprünge und Rückblicke erhöhen die Spannung und Bankson deutet immer mal wieder an, dass etwas schlimmes passiert ist, aber die Autorin offenbart immer nur gerade soviel, dass man das Buch nicht weglegen kann und man in dieser schwül-fiebrigen Atmosphäre festhängt, bis man zu spät zur Arbeit kommt, weil man nachts viel zu lange gelesen hat.

Die drei Anthropologen entwickeln ein ziemlich geniales Koordinatensystem, in dem sie sämtliche menschlichen Kulturen einsortieren, sind aber komplett unfähig, ihre eigenen Emotionen zu verstehen.

Lily King beschreibt geradezu genial, wie die drei westlichen Forscher mit einer ihrer Unwissenheit geschuldeten Arroganz die Rolle der Wissenschaftler einnehmen und ihre Versuchsobjekte unter die Lupe nehmen. Die Anthropologie ist zu der Zeit eine noch neue Wissenschaft, die sich noch beweisen muss und die drei sind ganz scharf darauf, große Entdeckungen zu machen und sich in ihrem Forschungsgebiet einen Namen zu machen.

Lily King hatte wohl Unmengen an Recherchematerial zusammengetragen, sie hätte locker einen Riesenwälzer füllen können, stattdessen hat sie ein perfektes kleines Buch geschrieben, vielleicht gerade aufgrund dieser Zurückhaltung. Sie hat ein exzellentes Buch geschrieben, das in meinen Augen das weibliche Pendant zu Conrads „Heart of Darkness“ ist.

Maus II – Art Spiegelman

“No matter what I accomplish, it doesn’t seem like much compared to surviving Auschwitz.”

IMG_9006

Teil II ist für mich noch heftiger gewesen als der erste Teil. Am Ende von Maus I verlassen wir Vladek und seine Frau Anja am Eingangstor nach Auschwitz, der zweite Band knüpft direkt daran an und wir bekommen einen Einblick in das Leben der beiden im Inneren des Konzentrationslagers.

Das diese Biografie ein Comic ist, macht die Geschichte in keinster Weise weniger schrecklich. Die Zeit im Lager ist für die Insassen wie eine sich ewig hinziehende Todesstrafe. Es gibt keinerlei Menschlichkeit in diesen Lagern, jeder kämpft für sich allein und nur die Stärksten überleben. Vladek ist irgendwie zufällig eine von diesen intelligenten starken Mäusen.

22090872

Die Geschichte beschäftigt sich in der Gegenwart mit der schwierigen Beziehung die Art mit seinem Vater Vladek hat. Der Leser beginnt nachzuvollziehen, wie aus Vladek ein so egoistischer, zwanghafter Geizhals wurde. Überlebte er gerade wegen dieser Eigenschaften oder hat das Lager ihn erst zu dem gemacht was er heute ist?

Ein Buch das einen nie wieder los lässt – es ist schrecklich, herzzerreißend, großartig und absolut einzigartig.

Der Abfall der Herzen – Thorsten Nagelschmidt

IMG_9727

Unter den Namen „Nagel“ erschienen bereits ein paar Bücher des Autors, dies ist das erste Buch, das unter seinem richtigen Namen erscheint. Zudem scheint es auch gut möglich, dass die Geschichte auch einen Teil seiner eigenen Geschichte widerspiegelt.

Das Buch beginnt mit dem Ende und der Frage, wann Sascha eigentlich aufgehört hat, Nagel zu hassen. Ein Thema, dass sich durch das ganze Buch ziehen wird. Nagel, der von Beruf Autor geworden ist, versucht sich an einer Kuba-Geschichte, merkt jedoch schnell, dass es da noch Ungereimtheiten in seiner Vergangenheit gibt, die er vorrangig aufarbeiten muss.

Wir machen einen Sprung zurück ins Jahr 1999, in dem der Protagonist noch spät pubertierend in einer WG lebt und sein Leben alles andere als geregelten Bahnen läuft. Von Liebeskummer geläutert und nur pro forma in der Universität eingeschrieben, verdient er sich nebenbei etwas Geld im Lager einer Deko-Firma oder tritt mit seiner mehr oder minder erfolgreichen Band im Umkreis von Rheine, seiner Heimatstadt, auf. Der Rest der Zeit wird gefüllt mit Alkohol und Drogen. Als Nagel dann etwas mit der Freundin von Sascha anfängt, nimmt das Drama seinen Lauf.

Nagels Erinnerungen an diese Zeit decken sich kaum mit seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er damals führte. Etwas, was jeder von uns sicherlich schon einmal erlebt hat – rückblickend werden die Dinge von unserer Erinnerung häufig beschönigt und plausibilitiert. Was aber nun ist tatsächlich passiert? Wie erinnern sich Nagels damalige Freunde? Dieser Frage geht Nagel auf die Spur, indem er eine Tour quer durch die Lande macht, um jeden einzelnen von ihnen abzuklappern und ihre Version der Geschichte zu hören.

Sprachlich ist das Buch Thorsten Nagelschmidt gut gelungen, es fehlte mir zuweilen jedoch etwas an Spannung. Ein wenig vorhersehbar war das ganze schon. Jedenfalls dann, wenn man aus dem spät pubertären Alter schon heraus ist. 😉

Ich danke dem Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier noch mal die Bücher im Überblick:

  • „The Humans“ von Matt Haig erschien auf deutsch unter dem Titel „Ich und die Menschen“ im DTV Verlag.
  • „Euphoria“ von Lily King erschien im C. H. Beck Verlag und in der Büchergilde
  • „Maus“ von Art Spiegelmann unter dem gleichen Titel  im Fischer Verlag.
  • „Der Abfall der Herzen“ erschien im Fischer Verlag

Düstere Schönheit

 


Veronique Olmi – Meeresrand

Dieses Buch war ein Zufallskauf der Büchergilde und ich wollte eigentlich nur mal kurz reinblättern und schon mit dem ersten Satz „Wir fuhren mit dem Bus, dem letzten Bus am Abend, damit uns niemand sah“ hing ich in der Geschichte fest und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, bis ich irgendwann wie aus einem düsteren Traum ziemlich verstört die letzte Seite umblätterte und mich erst einmal auf dem Balkon kurz durchpusten lassen musste.

Das hier ist harter Tobak, aber so unglaublich gut geschrieben, auch wenn man beim Lesen manchmal fast Beklemmungen verspürt. Eine alleinerziehende Mutter und ihre zwei Söhne, die eine Reise ans Meer unternehmen vom letzten bisschen Geld, das überhaupt noch vorhanden ist, damit die beiden wenigstens einmal das Meer gesehen haben. Von Anfang an spürt man, dass etwas nicht ganz in Ordnung ist. Die Mutter entgleitet, fällt schon seit einer Weile immer mehr aus der „Normalität“ heraus. Vage Andeutungen auf ihre Vorgeschichte, bevor die kleine Familie zu ihrem Ausflug aufbricht.

Die Autorin packt den Leser mitten in das Hirn und das Gemüt der Protagonistin, die ihre beiden Söhne über alles liebt, gleichzeitig aber immer mehr aus der Realität rutscht. Das gesamte Buch ist der innere Monolg einer depressiven, von Ängsten gepeinigten Mutter und diese kurze Novelle ist, trotz aller Klaustrophobie die man spürt, von einer düsteren poetischen Schönheit.

Die Mutter empfindet ihre gesamte Umwelt als schwierig, feindlich und nicht händelbar und die Autorin versteht es meisterhaft und überzeugend, den Leser diese Atmosphäre spüren zu lassen. Die Geschichte besticht durch unzählige Details und hervorragend herausgearbeitete Beschreibungen. Man spürt die Liebe der Mutter zu ihren zwei kleinen Jungen Stan und Kevin, die alles versucht haben, ihrer Mutter zu helfen.

„Hatte ich die letzte Nacht verbracht wie alle anderen? War es das, was die anderen jeden Abend erwartete, eine Belohnung, weil sie gut durch den Tag gekommen waren? Auf mich wartete nie eine Belohnung, mein Schlaf ist wie ein scharfes Messer, das die Seile durchtrennt, an die ich mich tagsüber klammere. Nachts werde ich losgemacht, abgeschnitten.“

Ein Buch, das einem wirklich weh tut beim Lesen und man möchte in das Buch hineinkriechen und dieser unglücklichen verlorenen Familie helfen. Das Buch ist absolut großartig, aber nicht für jeden. Ich halte nix von Trigger-Warnungen, aber ich weiß nicht, ob ich das Buch Menschen mit Depressionen empfehlen würden.

Zuletzt noch ein Wort über das Buch selber. Da hat die Büchergilde mal wieder ein wunderschönes kleines Büchlein hinbekommen. Das Cover ist wunderschön, elegant und einfach – ein echtes Schmuckstück.

 

Jürgen Bauer – Ein guter Mensch

„Ein guter Mensch“ ist ein heftiger, fesselnder Roman über eine mögliche Zukunft, in der uns in Europa das Wasser nahezu ausgegangen ist und die Menschheit kurz vor dem Ende steht. Und mitten in diesem Untergangsszenario treffen wir auf Marko, der versucht nicht aufzugeben und das Richtige zu tun.

„Ein kleines Leben. Ein einfaches Leben. Meinen Hass könnt ihr haben. Meine Verzweiflung wolltet ihr ja nicht.“

Die sozialen Strukturen brechen weg, die Kriminalität steigt und die Politik scheint vollkommen überfordert. Ein düsteres Zukunftszenario, in dem sich Jürgen Bauer überwiegend mit der philosophischen Frage beschäftigt, was einen guten Menschen ausmacht.

„Wie nennt man einen Fatalisten der immer Recht hat?“ fragt Aleksander. Und als keiner antwortet: „Na Realist.“

Ganz langsam verursacht das Buch ein schwüles Grauen, das ganz langsam in die Blutbahn gerät, wie ein heimtückisches Gift. Der krasse Horror in einer Welt gelandet zu sein, in dem jeder Schluck Wasser zur existentiellen Notwendigkeit wird, erscheint einem plötzlich so real wie das Licht, das beim Lesen des Buches durchs Fenster fällt.

Es hat mich ziemlich mitgenommen, wie nahezu unsichtbar die Trennlinie verläuft zwischen einer fiktiven und einer tatsächlich möglicherweise eintretenden Dystopie ist.

Das Buch läßt einen noch eine ganze Weile danach jedes Glas Wasser voller Dankbarkeit trinken, insbesondere, wenn solche Artikel einem zeigen, wie nah ein solches Zukunftszenario sein könnte:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/suedafrika-und-die-duerre-katastrophe-kapstadt-droht-das-wasser-abzustellen-a-1185541.html

Großes Lob auch an Jürgen Schütz vom Septime Verlag für das wunderschöne Cover, ein echter Hingucker. Überhaupt ein kleiner Verlag, den ich auf dem Radar behalten sollte.

Albert Sanchez Pinol – Im Rausch der Stille

Was ich eigentlich sehr gerne mag und in letzter Zeit viel zu selten getan habe, ist mich von einem Buch zum Nächsten treiben zu lassen. Immer habe ich schon eine ganze Reihe Bücher neben dem Bett liegen, die schnellstens gelesen werden „müssen“ und da verkneife ich mir viel zu oft, mich einfach das sorglose Weitertreiben zum nächsten.

Bei der Lektüre der „Area X“ Trilogie hat mich die Atmosphäre allerdings so sehr an ein anderes Buch erinnert, das ich vor einigen Jahren gelesen habe, dass ich sämtliche Lesezwänge über Bord geworfen habe und mich erneut dem „Rausch der Stille“  hingegeben habe.

Ich habe eine ziemliche Schwäche für Bücher mit wohlig-gruseliger melancholischer Atmosphäre. Dieses Buch ist bizarr, unheimlich und hat durchaus was von Lovecraft finde ich. Eine großartige Erkundung der Angst vor Unbekanntem, ein philosophischer Blick in die dunklen Ecken der Sehnsüchte und Triebe und das Ganze mit einem Schuß Abenteuerstory.

Ich habe das Buch glaube ich 2005 oder so gelesen und habe auch vor der erneuten Lektüre häufiger daran gedacht, was vielleicht am deutlichsten zeigt wie nachhaltig dieser Roman nachwirkt. Ich glaube man genießt die Geschichte am meisten, je weniger man vorab weiß, daher will ich nicht allzu viel verraten:

Der namenlose Protagonist landet auf einer winzigen Insel wo er einen Wetterbeobachter ablösen soll und seine Stelle für ein Jahr übernehmen. Nur findet sich keine Spur von ihm und das Schiff fährt ohne ihn zurück, der namenlose Protagonist bleibt. Der vorherige Wetterbeobachter bleibt nicht nur verschwunden, seine Behausung ist in kompletter Unordnung und verwahrlost. Er findet statt dessen im angrenzten Leuchtturm, dem einzigen anderen Gebäude auf der Insel einen Mann namens Gruner, seines Zeichens Leuchtturmwärter, der sich jedoch weigert auch nur eine einzige Frage zu beantworten.

Unser Protagonist lässt sich nicht beirren, bringt seine Behausung in Ordnung, packt aus und wird noch in der ersten Nacht angegriffen von seltsamen Wesen die absolut nicht menschlich zu sein scheinen….

„Die haben vielleicht mehr Verstand als Sie!“ sagte ich und tippte mit dem Finger an meinen Kopf. „Ja, vielleicht sind wir die einzigen Tiere auf dieser Insel! Wir beide und unsere Flinten und Gewehre und Munitionen und Explosionen? Töten ist sehr leicht, aber es ist sehr schwer, sich auf den Feind einzulassen!“

Ich habe übrigens darüber nachgedacht, ob ich aufgrund meiner gelegentlichen Vorliebe für Horrorfilme bereits so abgestumpft bin, dass auch beim zweiten Lesen das Schrecklichste für mich nach wie vor der Moment ist, wo unser Protagonist sich gezwungen sieht seine mitgebrachten Bücher abzufackeln, um sich vor den Eindringlingen zu schützen. An der Stelle muß ich jedes Mal fast ein bißchen weinen …

Eine skurille Mischung aus Abenteuer und Liebesroman mit einem Hauch von „Tentacle Sex“? 😉

Das Buch ist übrigens 2017 unter dem Titel „Cold Skin“ von dem französischen Regisseur Xavier Gens verfilmt worden. Hier der Trailer:

Den Abschluß der Mini-Reihe „Düstere Schönheit“ bildet Laura van den Bergs „Find Me“

IMG_8902

 

Das war eine ziemlich surreale außergewöhnliche Dystopie. Ein aggressiver Virus bricht in den USA aus, der bei den Infizierten in kürzester Zeit zu komplettem Gedächtnisverlust, silbernem Ausschlag auf der Haut, rapidem Verlust jeglicher motorischer und kognitiver Funktionen und nach etwa 10 Tagen schließlich zum Tod führt.

Joy scheint als eine der Wenigen immun gegen den Virus zu sein und sie nimmt in einem Krankenhaus in Kansas an einer medizinischen Studie teil, die das Ziel hat ein Gegengift zu entwickeln. Sie wartet an diesem Ort gemeinsam mit anderen Patienten isoliert von der Außenwelt auf das Ende der Epidemie.

Joy wurde als Baby von ihrer Mutter im Stich gelassen und sie wächst in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kinderheime und Pflegefamilien auf. In einem dieser Familien trifft sie auf Marcus, einen Jungen den sie liebt, der immer eine Maske trägt um sein vernarbtes Gesicht zu verstecken. Der Roman ist keine typische Dystopie mehr eine Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Identität die für Joy vor und während der Epdemie gleichbedeutend wichtig sind.
“Is there any greater mystery than the separateness of each person?”
Auch nachdem sie das Krankenhaus irgendwann verlässt um sich auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter zu machen, hat sie stets das Gefühl das ein Teil von ihr immer eingesperrt sein wird.
„Find Me“ ist ein Roman den man in kleinen Portionen genießen sollte. Eine Geschichte voller Geheimnisse und Dunkelheit. Das Buch fühlte sich für mich fast wie zwei unterschiedliche Romane an. Eine dunkle Dystopie die in dem bizarren abgeschiedenen Krankenhaus spielt und die Geschichte eines Road Trips durch ein seltsames zerbrochenes Land.

“Hope is a seductive thing,“ he says. „Hope can make people lose all sense.”

Hier die Bücher noch mal im Überblick:

Veronique Olmi – Meeresrand, Büchergilde Gutenberg
Jürgen Bauer – Ein guter Mensch, Septime Verlag
Albert Sanchez Pinol – Im Rausch der Stille, Fischer Verlag
Laura van den Berg – Find Me – bislang nicht auf deutsch erschienen

Hirngymnastik – Meeresbiologie

“Before we existed, and after we are gone, the ocean will continue to whisper to the atmosphere.” (Kate Marvel)

Die Hirngymnastik findet dieses Mal unter Wasser statt, wir begeben uns in tiefste Tiefen und befassen uns mit der Meeresbiologie und der Geschichte unserer Ozeane. Schon immer hat mich dieses unbekannte Universum ähnlich stark fasziniert wie die unendlichen Weiten des Weltalls. Beim Schwimmen im Meer bin ich eine ziemliche Schissbüx und nehme schnell beim kleinsten Fisch Reissaus, aber ich hätte große Lust, mich mal mit Kapitän Nemo in seinem Unterseeboot auf Tauchstation zu begeben.

Wir starten mit einem ganz besonderen Buch:

Rendezvous mit einem Oktopus – Sy Montgomery

Oktopoden habe ich schon immer geliebt, ich finde diese hochintelligenten Tiere einfach wahnsinnig spannend und als ich das Cover von Sy Montgomerys Buch sah, war mir sofort klar, dieses Buch möchte ich lesen, haben, inhalieren. Der Inhalt des Buches konnte auch locker mit dem wunderschönen Cover mithalten. Das Buch liest sich wunderbar, ganz unmerklich wird man schlauer, erfährt mehr und mehr über Oktopoden und zum Ende der Lektüre beschäftigt man sich sehr intensiv mit Fragen rund um Bewußtsein, Interaktion und Kommunikation zwischen unterschiedlichen Spezies und unser noch sehr eingeschränktes Wissen um die unterschiedlichen Arten von Intelligenz.

Das Buch ist sehr erfolgreich, aber nichts für Menschen auf der Suche nach streng wissenschaftlichen Texten. Montgomery erzählt in dem Buch über ihre persönlichen Erfahrungen beim Erforschen von Oktopoden. Sie ist eine Wissenschaftlerin, die sich tief mit ihren Studienobjekten beschäftigt und zwar „hands-on“ und nicht in einem Labor oder Elfenbeinturm. Sie lernt unglaublich viel über den Oktopus „Octavia“ gleich am Anfang des Buches und umgekehrt lernt auch der Oktopus viel über Montgomery, da diese Tiere über ihre Tentakeln die Haut der Menschen schmecken und darüber die entsprechenden Emotionen lesen. Der Geschmackssinn ist einer der wichtigsten für Oktopoden und es verwundert vielleicht nicht, dass sie sich sehr schnell von Leuten zurückziehen, die beispielsweise heftige Raucher sind.

Montgomery ist von Anfang an mehr als fasziniert von den Oktopoden die sie kennenlernt und sie bringt uns die Tiere, die sie in der Zeit ihrer Studie kennenlernt, wahnsinnig nahe. Sie persönlich glaubt, dass Oktopoden Bewußtsein und vielleicht sogar eine Seele haben, eine finale Antwort kann das Buch auf diese Frage natürlich nicht geben. Sie beschreibt die Tiere als Individuen mit eigenen Persönlichkeiten, Erfahrungen, Wünschen etc.

 

Wir lernen neben Octavia auch Kali und Karma kennen. Wir erleben, wie sie mit den Mitarbeitern im Aquarium interagieren, wir erleben, wie einer der Oktopoden sich liebevoll um ihre unbefruchteten Eier kümmert, lernen schmerzhaft, wie kurz die Lebensdauer von Oktopoden ist und erleben teilweise ihren Tod, aber auch, wie manche zurück in die Freiheit entlassen werden.

„Eine andere Gefahr wäre, dass ein Oktopus aus Langeweile versuchen könnte, auf Wanderschaft zu gehen, um sich einen interessanteren Ort zum Leben zu suchen. In ihrer Fähigkeit, ihren Gefängnissen zu entfliehen, sind die Kraken dem berühmten Entfesselungskünstler Houdini vergleichbar. L. R. Brightwell von der Meeresbiologischen Station im englischen Plymouth traf einmal nachts um halb drei auf einen Oktopus, der gerade die Treppe hinunterkrabbelte. Er war aus seinem Bassin im Labor der Forschungsstation ausgebüxt. Auf einem Fischtrawler, der im Ärmelkanal unterwegs war, gelang es einem frisch gefangenen, auf Deck abgelegten kleinen Oktopus, die Mannschaftsleiter hinunterzugleiten und bis in die Kajüte zu gelangen. Stunden später fand man ihn wieder, er hatte sich in einer Teekanne versteckt.“

Die Oktopoden pushen manche Menschen weg, einige lassen sie sehr nah an sich heran, sie können sehr gefährlich sein und Menschen verletzen, sind unglaublich schlau, wahnsinnige Gestaltwandler, die sich durch die kleinste Lücke pressen um auszubrechen, Tiere die ständig Stimulanz brauchen, da sie sich sehr schnell langweilen. Sie wechseln ihre Gestalt, ihre Farbe, zeigen Freude, Einsamkeit und Sehnsucht.

Montgomery bringt uns auch die Aquariums-Gemeinschaft näher. Menschen, die auf unglaubliche Art und Weise mit den Oktopoden verbunden sind. Von Oktopoden berührt, geschmeckt und „gelesen“ zu werden, scheint fast jeden der Menschen im Buch auf ganz besondere Weise zu berühren und zu beruhigen.

Es gibt nach wie vor viele Leute die glauben, der Mensch ist das einzig intelligente Tier, was mir nicht so wahnsinnig intelligent erscheint 😉 Ich hoffe das Buch kann ein wenig helfen, nicht nur den Oktopoden mehr Aufmerksamkeit zu widmen, sondern auch dem Thema Verbundenheit über die Grenzen verschiedener Spezies hinweg und wie wichtig es für uns Menschen ist, unseren Mitlebewesen gegenüber mehr Respekt zu zeigen.

 

Nachrichten aus einem unbekannten Universum – Frank Schätzing

Auf dieses Buch hatte ich mich sehr gefreut. Ich habe vor Jahren mal bei einer über Tage dauernden unangenehmen Wurzelzahnbehandlung Schätzings „Der Schwarm“ als Hörbuch gehört und war sehr begeistert davon. Als ich vor einiger Zeit die illustrierte Ausgabe von „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ auf einem Grabbeltisch entdeckte mußte ich sofort zuschlagen und mir war klar, das wird mal Teil einer Hirngymnastik.

Es macht auch großen Spaß das Buch durchzublättern, hineinzustöbern, die Bilder anzuschauen, nur das Buch von vorne bis hinten durchlesen, das fand ich ziemlich anstregend. Entweder war es mir bei der Zahnbehandlung aufgrund der Betäubung nicht aufgefallen oder er hat es im „Schwarm“ noch nicht so exzessiv betrieben, aber sein permanentes antropomorphisieren (gibts das Wort?) ging mir sehr auf den Keks und auch die super flapsige Sprache hat mir den Spaß am Buch ein wenig genommen. Ab und an ist das vollkommen ok für mich, aber nicht bemüht in jedem Satz, manchmal hatte ich den Eindruck Mario Barth war der Ghostwriter des Buches.

Man liest über die Gefühle und Entscheidungen von Hummern, Pflanzen, Haien oder auch ganzen Kontinenten. Selbst die Evolution kommt nicht ungeschoren davon und wird permanent als „Miss Evolution“ betitelt, was mich schier in den Wahnsinn getrieben hat.

Im Buch geht es um die Evolution und die Entwicklung der Erde mit speziellem Fokus auf das Meer. Er startet mit der Entstehung der Erde und arbeitet sich dann zeitgeschichtlich in die Gegenwart und gibt dann einen Ausblick in die Zukunft der Meere.

Ein paar interessante Fakten habe ich mitgenommen, die Bilder haben mir gefallen, daher ist das Buch kein kompletter Ausfall für mich, aber etwas enttäuscht war ich schon.

Abgrund – Bernhard Kegel

Richtig glücklich bin ich mit „Abgrund“ auch nicht geworden. Es ist definitiv ein wunderschönes Buch, ich liebe Haie und es spielt auf den Galapagos-Inseln, die Zutaten waren also richtig gut, dennoch hat es mir letztlich nicht wirklich geschmeckt. Das Buch ist ein Wissenschaftsroman und damit eine Mischung aus Sachbuch, Krimi und Reportage.

Sehr gelungen fand ich den Prolog des Buches, der einen spannenden Rückblick in Darwins Galapagos-Reise und das Sammeln seiner Finken durch seinen Begleiter Syms Covington gibt. Entsprechend aufgewärmt und freudig stürzte ich mich dann auf die eigentliche Lektüre des Romans, fand die Story aber recht schwach und alles andere als spannend.

Habe vor vielen Jahren mal „Das Ölschieferskelett“ vom gleichen Autor gelesen und war damals ganz begeistert. Hier wollte der Funke aber partout nicht überspringen. Die Tauchgänge, die im Roman beschrieben werden, bei denen eine neue Haiart entdeckt wird, wirken wie mühsam herbeigezogenes Beiwerk, um dem Leser die Gefahren des globalen Klimawandels nahe zu bringen, was an sich ja sehr löblich ist, hier aber einfach nicht wirklich gut gemacht ist.

Etwas subtiler hätte das sein dürfen und Spannung wollte bei mir überhaupt nicht aufkommen. Letztlich behalte ich das Buch (für den Moment) wegen des schönen Covers, werde es sicherlich nicht noch einmal lesen und kann es nicht wirklich empfehlen.

Ich mag Haie sehr gerne und hätte große Lust, mal einen Roman zu lesen, in dem diese stets unterschätzten und weitestgehend ungeliebten Tiere im Mittelpunkt stehen. Kann mir da jemand was empfehlen?

Alles in allem also eine durchwachsene Hirngymnastik. Die Meeresbiologie finde ich nach wie vor spannend, bin dabei aber bei der Auswahl entsprechender Dokumentationen deutlich erfolgreicher gewesen als bei 2/3 meiner Buchauswahl.

Ich kann die Dokumentation „Planet Ocean“ sehr empfehlen:

Hier noch mal im Überblick die Bücher der Hirngymnastik Meeresbiologie:

  • Rendezvous mit einem Octopus – Sy Montgomery (ich danke dem Mare Verlag für das Rezensionsexemplar)
  • Nachrichten aus einem unbekannten Universum – Frank Schätzing (Kiepenheuer & Witsch)
  • Abgrund – Bernhard Kegel (Büchergilde Gutenberg)

Short but sweet – Tierisch viel los

Herz auf Eis – Isabelle Autissier

IMG_4423

Eindeutig zur falschen Jahreszeit gelesen, dickster Winter hätte sein müssen, damit ich ein Bild von Buch auf zugefrorener Eisscholle machen kann. Hab auch eigentlich nur kurz reingeguckt, nachdem die Bingereader Gattin so begeistert war und zack hängengeblieben. Eine spannende, dramatische, melancholische Geschichte, die mir noch immer nachgeht.

Perfekte „was wäre wenn“ Lektüre. Zwei Pariser Hipster, denen ihr Leben zu angenehm und langweilig geworden ist, gönnen sich ein Sabbatjahr, kaufen sich ein Boot und reisen um die Welt. Bei einem Ausflug auf eine unbewohnte Insel reißt ein Sturm ihre Jacht fort und sie stranden ohne jede Möglichkeit, die Außenwelt zu kontaktieren.

Die kleine Alltagsflucht entwickelt sich zu einem existentiellen Drama ums Überleben. Was wird aus der Liebe, wenn man jeden Tag ums Überleben kämpfen muss?

Die französische Autorin, Isabelle Autissier, wurde bekannt, als sie im Rahmen einer Segelregatta alleine die Welt umrundete. Dabei hatte sie vermutlich eine Menge Zeit, sich vorzustellen wie es wohl wäre, wenn man auf einer Insel festsitzt ohne Kontakt zur Außenwelt, mit wenig mehr als den Klamotten am Leib, ohne vernünftige Unterkunft, hungernd und frierend.

„Unter den Decken versinken sie in er warmen Feuchtigkeit der Kleider, die sie nicht ausgezogen haben. An Rücken, Hals und Kopf spüren sie die Kälte, die sie umgibt, unangenehm und aggressiv. Alles ist so schnell gegangen gestern. Kopf und Körper sind noch ganz erschöpft davon. Die Zeit vergeht, vergeht nicht, sie wissen es nicht mehr. Sie tauchen in unterschiedlichen Momenten aus ihrer Benommenheit auf und lassen sich dazu hinreißen, wieder abzutauchen. Draußen ist alles zu kalt, zu schwer.“

Mir hat das Buch sehr gefallen, ich fand es spannend und intensiv. Habe mit den Protagonisten mitgefiebert und ihren erbarmungslosen Kampf ums Überleben begleitet. Die Sprache ist karg, die Geschichte schnell erzählt. Das ist einigen Menschen durchaus zu knapp ausgefallen und ich kann diese Kritik gut verstehen. Die Charaktere und die Entwicklung der Beziehung des Paares hätte durchaus vertieft werden können.

Mir hat es gefallen, es lässt viel Raum für eigenen Gedanken und eigene Fragen denen man nachgehen kann. Wie behält man die Menschlichkeit in solch einer Situation? Wie verändern sich (Liebes)beziehungen in ständiger existentieller Bedrohung und wie geht der moderne Mensch damit um, plötzlich auf archaische Bedingungen zurückgeworfen zu sein?

Ich kann das Buch für ein paar spannend-nachdenklich Stunden im kommenden Winter absolut empfehlen. Tierliebhabern möchte ich vielleicht eine kleine Warnung gegenüber aussprechen, das Pinguin-Massaker fand ich schon recht heftig.

 

How to teach Quantum Physics to your dog – Chad Orzel

FullSizeRender

Auf ganz andere Art wurde mein Hirn von Chad Orzel gefordert. Sein Buch passt bestens in unsere Reihe „Der Hund in der Literatur“ (Sachliteratur gilt auch, bin sehr sicher) oder auch in meine Hirngymnastik Physik.

Ein Einstieg in die Quantenphysik für Hundefreunde, der aber auch als Katzenmensch funktionieren sollte. Emmy ist ein verdammt kluger Hund, die Orzel immer wieder auf den rechten Weg bringt, wenn er zu sehr in den Science Sprech abzudriften drohte.

Ich mochte auch ihre klugen Kommentare zu den Parallelen von Quantenmechanik und Postmodernismus 😉 Beide Themen ähnlich schwer zu verstehen und für beide gilt: gar nichts ist irgendwie absolut definiert.

Um die „Viele-Welten-Theorie“ wurde nicht viel Federlesen gemacht, da wäre ich gerne noch etwas tiefer eingestiegen, aber Emmy hat uns auch da wieder in die Spur gebracht.
“Dogs come to quantum physics in a better position than most humans. They approach the world with fewer preconceptions than humans, and always expect the unexpected. A dog can walk down the same street every day for a year, and it will be a new experience every day. Every rock, every bush, every tree will be sniffed as if it had never been sniffed before. If dog treats appeared out of empty space in the middle of a kitchen, a human would freak out, but a dog would take it in stride. Indeed, for most dogs, the spontaneous generation of treats would be vindication—they always expect treats to appear at any moment, for no obvious reason.”
Grundsätzlich ein guter Einstieg in die Quantenphysik für Leute, die wenig über Physik wissen oder auch (wie ich) immer wieder Einstiegsbücher lesen können und mit jedem Mal ein bisschen mehr verstehen, aber deswegen noch lange nicht gelangweilt sind,  Leute mit abgeschlossenem Physik-Studium brauchen das Buch nicht.
Thomas Pyczak – Nachtigall
IMG_7963
Tiere spielen auch eine große Rolle in diesem Kurzgeschichten-Band von Thomas Pyczak, insbesondere in der titelgebenden Geschichte, die auch mein großer Favorit dieser Sammlung ist. Schon in seinem Roman „Ende der Welt“, der in Feuerland spielt, gefiel mir die fiebrig-dunkle Atmosphäre, die ich auch in „Nachtigall“ wiedergefunden habe. Die elektrisierende Luft in heißen dunklen Sommernächten kurz vor einem Gewitter…
„Als sie 16 war, befahl er ihr, eine Nachtigall zum Schweigen zu bringen.“
Katzen und Hunde kommen neben der Nachtigall reichlich vor in den Geschichten, aber auch ein Moskito, ein Schattenvogel und eine Taube. Einzig mit der Lederhose wurde ich nicht wirklich warm, die anderen Geschichten sind stärker, voller zu entschlüsselnder Symbole und kleinen Bösartigkeiten.
Drei sehr unterschiedliche Empfehlungen insbesondere für Tierfreunde 😉
„Herz auf Eis“ erschien bei der Büchergilde Gutenberg
„How to teach Quantum Physics to your dog“ erschien auf deutsch unter dem Titel „Schrödingers Hund“ im Springer Verlag.
Nachtigall“ von Thomas Pyczak ist hier erhältlich.

Her mit den schönen Büchern

Schönheit liegt ja immer im Auge des Betrachters, aber bei diesen kleinen Schmuckstücken kann man nicht anders als schwach zu werden und zuzugreifen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne Bücher, damit hat mich die Büchergilde schon vor gefühlten 100 Jahren zur Mitgliedschaft überzeugen können.

Ich habe hier schon des Öfteren Bücher vorgestellt, die nicht nur inhaltlich schön waren, sondern die auch optisch etwas Besonderes waren, deswegen wurde es höchste Zeit für eine eigene Rubrik auf dem Blog, die ich hiermit feierlich eröffne und in meinem gewohnten Anglizismus-Wahn „Bookporn“ nenne.

Als ich kürzlich (zum ersten Mal im Übrigen) in der Buchhandlung Perthel am Gasteig in München war, wollte ich eigentlich nur ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin kaufen (zu stepanini winkt) und konnte mich dann absolut nicht mehr von gleich mehreren Schmuckstücken trennen und schwer bepackt verließ ich einen neuen „Liebling“. Die Ausbeute möchte ich euch hier kurz vorstellen.

Anfangen möchte ich aber mit dem Buch, das ich vorab schon zum Geburtstag bekam, Franz Kafkas „Ein Landarzt“ mit Illustrationen von Kat Menschik, zu der ich glaube ich nicht mehr viel sagen muss. Der Band erhält ein paar sehr schön ausgewählte kleine Erzählungen von Kafka, wobei nur die erste, „Der neue Advokat“, neu für mich war, vielleicht habe ich sie deshalb zu meinem Favoriten in dieser Ausgabe erklärt.

Galliani ist ein Verlag, der immer wieder wunderschöne Bücher herausbringt und bei diesem Bändchen und der Zusammenarbeit mit der wunderbaren Kat Menschik handelt es sich um ein ganz besonderes Schmuckstück, das in keiner Sammlung fehlen sollte.

Hier eine Übersicht der Erzählungen:

  • Der neue Advokat
  • Ein Landarzt
  • Auf der Galerie
  • Ein altes Blatt
  • Vor dem Gesetz
  • Schakale und Araber
  • Ein Besuch im Bergwerk
  • Das nächste Dorf
  • Eine kaiserliche Botschaft
  • Die Sorge des Hausvaters
  • Elf Söhne
  • Ein Brudermord
  • Ein Traum
  • Ein Bericht für eine Akademie

Bei der übrigen Beute aus dem Buchladen handelte es sich um drei Bände aus der Insel-Bücherei.

Mario Vargas Llosa: „Sonntag“

Vargas Llosa erzählt in dieser kleinen Novelle von den typischen „Rites of Passage“, die junge Peruaner der Oberklasse durchlaufen, bevor sie zum Mann werden. Miguel, der Protagonist der Geschichte, erlebt seinen Männlichkeitstest, wenn er mit einem Rivalen um das Herz seiner Angebeteten Flora um die Wette schwimmt. Es ist eine zarte melancholische Geschichte voll beklommener Langeweile um jugendliche Unsicherheit, Verzweiflung und Mutproben, die Llosa erzählt und die wiederum von Kat Menschik wunderbar illustriert wurde.

DSC_1142

In Stanislaw Lems „Professor A. Donda“ geht um einen Wissenschaftler der vermutet, es gäbe eine Äquivalzenz zwischen Information und Materie ähnlich der von Energie und Materie. Information ist ein Ordnungszustand von Materie und um diese zu ordnen braucht man Energie.

Das ganze wird in einer atemlos durchgeknallten Geschichte erzählt, perfekt für Freunde satirischer Sci-Fi. Der Illustrator Benjamin Courtault hat mich sehr beeindruckt, den behalte ich mal auf dem Radar, seine Arbeiten gefallen mir sehr:

Max Frischs „Questionnaire“ kann zwar nicht mit Illustrationen aufwarten, aber mit schlichtem Design und vor allen Dingen einfach die unglaublich guten Fragen. Ich liebe Fragen. Ich war immer schon deutlich mehr an Fragen als an Antworten interessiert und diese 10 Fragebogen kreisen jeweils um ein konkretes Thema: Ehe, Frauen, Humor, Geld, Freundschaft, Vatersein, Heimat, Eigentum und die Erhaltung des Menschengeschlechts.

Meine Lieblingsfrage war: „Are you disconcerted by an intelligent Lesbian“ ?!?

DSC_1126

Natürlich geht Inhalt vor Optik, aber es gibt keinen Grund, warum gute Bücher nicht auch schön sein sollten und diese vier sind ein paar wunderbare Beispiele dafür.

Ein paar weitere besonders schöne Bücher findet ihr hier auf meinem Blog:

 

Welche Eurer Bücher findet ihr am schönsten oder welches hättet ihr noch gerne?

 

Trick or Treat ?

halloween

Dieses Jahr hatte ich Lust, mich Halloween thematisch stärker zu widmen. Mir ist gerade unabhängig von diesem „Feiertag“ gerade nach einer Prise Horror, Grusel, Düsterkeit. Daher gibt es bei momentan nicht nur mehr Vampir- und Horrorfilme als sonst, sondern auch entsprechende Lektüre.

Vampire dürfen zu Halloween nicht fehlen, auch wenn ich dieses Jahr keinen gelesen habe, filmisch habe ich mich von ihnen verführen lassen. Listen sind immer gut (habe ich auch gerade wieder bei Emily the Strange gemerkt, dazu aber später). Hier also eine Liste mit meinen liebsten Vampirfilmen:

  1. Only Lovers left alive von Jim Jarmusch
  2. The Hunger von Tony Scott
  3. Let the Right One in von Tomas Alfredson
  4. A Girl walks home alone at night von Ana Lily Amirpour
  5. Dracula von Francis Ford Coppola
  6. Interview with a Vampire von Neil Jordan
  7. Underworld von Len Wiseman
  8. From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez
  9. The Lost Boys von Joel Schumacher
  10. Gothic von Ken Russell
  11. Blade von Stephen Norrington
  12. Twilight von Catherine Hardwicke (ja ja I know, aber ich mag Kristen Stewart)
  13. Daybreakers von den Spierig Brothers

Neben Bram Stokers „Dracula“ darf bei einem Halloween-Special keinesfalls „Carmilla„, von Joseph Sheridan Le Fanu fehlen, den ich bereits Anfang des Jahres gelesen hatte. Würde ich jedem Vampirfreund ans Herz legen, ist mittlerweile auch als Web-Serie verfilmt worden.

Auch ohne Vampire habe ich es dunkel-schaurig angehen lassen und habe den dunklen Marathon mit der ausgezeichneten Graphic Novel „Black Hole“ von Charles Burns gestartet.

burns

Black Hole beschäftigt sich mit einer Gruppe Jugendlicher, die sich mit einer Art Virus anstecken, der sexuell übertragbar ist und die sie auf krasse Art mutieren lässt (den einen wachsen Schwänze, ein Mädchen häutet sich wie eine Schlange etc). Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Außenseitern umgeht und wie der Virus die Jugendlichen beeinflusst, die ohnehin überaus gehemmt und unsicher sind, was ihren Pubertätskörper so betrifft.

Ich fand die Frage spannend was passiert, wenn irgendwann keiner mehr makellos und selbstsicher ist.

Eine ziemlich düstere Graphic Novel mit phantastischen wuchtigen Bildern. Unbedingt lesen.

Die schwarz-weiß Zeichnungen erinnerten mich beim Lesen an eine ganz alte Liebe: „Emily the Strange“ von Rob Reger und zack waren alle literarisch-wertvollen Anwandlungen erstmal aus dem Fenster und ich habe mich Stunden am Stück Emily und ihren Abenteuern gewidmet.

In „Die verschwundenen Tage“ taucht Emily in einer Stadt namens Blackrock auf und kann sich an absolut nichts erinnern. Nicht wie sie heißt, wo sie wohnt – gar nix. Sie hat einzig ein Notizbuch und einen Stift und versucht zu rekonstruieren, was ihr wohl passiert sein könnte und warum sie in Blackrock ist.

Das Buch hat mich wirklich überrascht. Einfach, weil ich nicht wirklich großartig was erwartet hatte, außer etwas exzentrischer Unterhaltung, aber das Buch ist ein richtiger Roman mit spannender Story und interessanten Charakteren und Listen. Jede Menge davon. Ich hatte solchen Spaß mit dem Buch, mit den Listen und Emily, ich habe mir in der Bibliothek gleich zwei weitere Bände ausgeliehen, die große Literatur muss also noch ein paar Tage warten, ich muss erst noch ein paar Abenteuer mit Emily bestehen, dann bin ich wieder bereit.

emily

13 Elements you will find in the first Emily the Strange novel:
1. Mystery
2. A beautiful golem
3. Souped-up slingshots
4. Four black cats
5. Amnesia
6. Calamity Poker
7. Angry ponies
8. A shady truant officer
9. Top-13 lists
10. A sandstorm generator
11. Doppelgängers
12. A secret mission
13. Earwigs

img_1848

Bevor ich jetzt aber Vorwürfe bekomme, dass weder „Emily the Strange“ noch „Black Hole“ gruselig genug seien und man für Halloween schon andere Kaliber benötigt, den versuche ich jetzt mit einem Klassiker der amerikanischen Horror- und Gruselliteratur zu besänftigen. Schon seit ein paar Jahren befindet sich die wunderschöne Büchergilden-Ausgabe von Ambrose Bierce „Hinter der Wand“ in meinem Besitz.

bierce

Ambrose Bierce ist neben Edgar Allen Poe der Meister des amerikanischen Gothics und war wohl nicht wirklich ein heiterer Zeitgenosse. Bekannt als „Bitter Bierce“ und Misanthrop erster Güte sind seine düsteren, schrägen Geschichten auch heute noch zeitgemäß. Sie haben einen sehr amerikanischen Touch, der Bürgerkrieg spielt in einigen Geschichten eine Rolle, die Expansion Richtung Westen und ab und an hatte ich Bilder aus dem Film „There will be Blood“ vor den Augen.

Die Büchergilden-Ausgabe ist ein absolutes Schmuckstück. Die Zeichnungen von Klaus Böttger geben dem Buch eine ganz besondere morbide Note. Hier passen Illustrationen und Geschichten perfekt zueinander.

Die Geschichten werden nahezu immer aufgeklärt, man fühlt sich gelegentlich an Sherlock Holmes erinnert, auch wenn diese Erklärungen weitaus weniger von Logik und Deduktion bestimmt sind, als von Horror, Übersinnlichem und Unerklärbarem.

Bierce eigenes Ende könnte einer seiner düsteren Kurzgeschichten entsprungen sein. Mit 70 unternimmt er noch einmal eine Reise nach Mexiko, gerät dort in die Revolution und scheint sich dem Revolutionär Pancho Villa angeschlossen zu haben. Um die Jahreswende 1913/14 verliert sich jede Spur von ihm, in seinem letzten erhaltenen Brief rechnet er mit seiner standrechtlichen Erschießung. Aber genaues weiß man nicht. Man hat nie eine Spur von ihm finden können.

Am besten haben mir die Geschichten „Der Tod Halpin Fraysers“, „Moxons Meister“, „Das Verfluchte Ding“ und „Die mondhelle Straße“ gefallen.

 

Zum Abschluss noch ein wunderschön illustriertes Märchen von Neil Gaiman.

gaiman

Ich bin kein großer Märchen-Fan. Der ganze niedliche Prinzessinnen-böse Stiefmütter-treudoofe Königinnen war nie meins, daher hatte ich keine übergroßen Erwartungen  für „Der Fluch der Spindel“, Neil Gaiman als Autor und die wunderschönen Zeichnungen waren allerdings Grund genug, dem ganzen zumindest eine Chance zu geben.

Die Geschichte ist eine Mischung aus Schneewittchen und Dornröschen. Die junge Königin erfährt von ihren drei treuen Gefolgsleuten , den Zwergen, dass das Nachbar-Königreich schon von Jahrzehnten von einer seltsamen Schlafkrankheit heimgesucht wurde, die sich jetzt auch in ihrem Königreich ausbreitet.

Im Gegensatz zu den ganzen Weichei-Königinnen bekannter Märchen nimmt diese junge Königin die Lösung des Problems selbst in die Hand und zieht mit den Zwergen los, um der Seuche Einhalt zu gebieten und ihrem Ursprung auf den Grund zu kommen.

Gaiman mischt hier die ursprünglich deutliche dunkleren Töne alter Märchen mit einigen progressiveren Elementen und bastelt daraus ein wunderbar melancholisch unheimliches  Märchen mit zauberhaften Bildern.

Ein letzter Tipp, weil ich sie euch einfach nicht vorenthalten kann: Shirley Jackson, die sowas wie die Urmutter des finsteren Horror/Gruselromans, was einem irgendwie ulkig vorkommt, wenn man bedenkt, dass sie eine Mittelklasse-Hausfrau aus Vermont war, deren erster Roman 1948 erschien. Besonders bekannt wurde sie mit ihre Kurzgeschichte „The Lottery“, die erstmals in der New York Times erschien und bergeweise Leserpost bescherte, die die Bedeutung der Geschichte zu erfassen versuchten. Sie hat nach wie vor großen Einfluss in diesem Genre, die „Tribute von Panem“-Trilogie zeigt beispielsweise große Parallelen zu der Kurzgeschichte auf.

31

Ihr Roman „The Haunting of Hill House“ ist eines meiner Lieblingsbücher, unbedingt lesen, meine Rezension dazu findet ihr hier.

Hoffe ich konnte Euch etwas Lust machen auf die etwas dunkler melancholisch gruseligeren Seiten des Oktobers. Von wem lasst ihr euch gerne gruseln?

Trick or Treat? Happy Halloween allerseits 🙂

396251_10151115391555823_828247993_n-1

Charles Burns – „Black Hole“ erschienen im Reprodukt Verlag
Rob Reger – „Emily the Strange: Die verschwundenen Tage“ erschienen im cbj Verlag
Ambrose Bierce – „Hinter der Wand“ erschienen bei der Büchergilde Gutenberg
Neil Gaiman – „Der Fluch der Spindel“ erschienen im Knesebeck Verlag

Das hündische Herz – Michail Bulgakow

Bulgakow

Ein angesehener Chirurg schnappt sich einen Straßenköter, um diesem in seiner Wohnung einer Operation zu unterziehen, bei dem er dem Hund die Hoden und die Hirnanhangsdrüse eines toten Mannes transplantiert. Er erschafft dabei ein Monster, ein agressives, betrunkenes, selbstsüchtiges Wesen. Er scheint die schlimmsten Charaktereigenschaften des unfreiwilligen Spenders gleich mit transplantiert zu haben. Seine vorab so geregeltes wohltemperiertes Bourgouis-Zuhause gleitet in Chaos und Anarchie ab und der gute Arzt sieht keinen anderen Weg, als die Transplantation rückgängig zu machen.

So eine Geschichte um einen durchgeknallten Wissenschaftler und sein Frankendog-Experiment, das komplett schiefläuft, muss man einfach lieben. Der feinnervige, opernliebende Doktor ist natürlich komplett überfordert mit der ätzenden Kreatur, doch repräsentiert diese vielleicht den „Homo Sowjeticus“, der ganz und gar dem Zeitgeist entspricht und ist nicht vielleicht der Arzt derjenige, der seinen Platz in der Gesellschaft nicht (mehr) findet?

Die Büchergilden Ausgabe ist wunderschön. Ein echtes Sammlerstück, ich kann sie jedem ans Herz legen. Die Ästhetik der Illustrationen erinnert in seiner Bild- und Formensprache an wissenschaftliche Bücher, Baupläne und technische Zeichnungen.

Auch diese Novelle Bulgakovs hat eine gute Prise Faust in sich, ist vielleicht noch wilder, komischer und absurder als „Der Meister und Margarita.“ Es ist einerseits eine Kritik an den Zuständen im Russland der 1920er Jahre und gleichzeitig eine Satire auf die menschliche Natur.

„Begreifen Sie doch, das Furchtbare ist, dass er kein hündisches Herz mehr hat, sondern eben ein menschliches.“

Was bedeutet es, ein Mensch zu sein oder ein Invididuum ? Egal wie viel wir vielleicht an uns herumschnippeln, uns zu optimieren versuchen, wir bleiben doch wer wir sind. Wir können uns nicht akzeptieren, wie wir sind, sind dadurch in der Regel unseres eigenen Unglücks Schmied und zeitgleich unsere eigenen schlimmsten Albträume.

Bulgakow reißt jede Menge Ideen an auf diesen knapp 100 Seiten. Er warnt vor unkontrollierten Eingriffen von Menschen und Regierungen auf andere, davor, wie sehr es schief gehen kann, wenn die Priviligierten sich an den Unterpriviligierten vergreifen, um deren Leben zu verändern.

Auch dieser Bulgakow hat mich wieder absolut überzeugt, mich in seinen Bann gezogen mit seiner einzigartigen, erschreckenden, beißenden Stimme. Eine Stimme, die heute noch genauso relevant ist wie vor knapp 100 Jahren.

215c6b95dd5131dd1b5267189af9eae0

„Das hündische Herz“ macht Spaß, es ist sehr unterhaltsam. Der Doktor kann einem irgendwann einfach nur noch leid tun, statt Ruhm und Aufstieg in den wissenschaftlichen Olymp hat er ein Monster geschaffen, das weder auf ihn hört, ihn schlecht behandelt und ihm seine Unzulänglichkeiten auch noch ständig aufs Butterbrot schmiert.

Es gibt eine italienisch-deutsche Verfilmung des hündischen Herzens aus dem Jahr 1976 „Warum bellt Herr Bobikow“ mit Max von Sydow in der Hauptrolle, die ich mir gerne ansehen würde, so ich ihn denn irgendwo zumindest mit Untertiteln finde:

 

Mehr über den Autor Michail Bulgakow findet ihr in meiner Besprechung seiner Biografie „Ich bin zum Schweigen verdammt.“

„Das hündische Herz“ erschienen bei der Büchergilde Gutenberg.