From Paris with Love

Der Club der Optimisten

Ich kann nicht nach Paris reisen ohne die passende Lektüre. Panisch stellte ich fest, dass ich das Wochenende literarisch gar nicht wirklich geplant hatte und fürchtete schon, ohne passendes Buch fahren zu müssen, da ließ sich in der heimischen Bibliothek doch noch ein Buch auftreiben, dass ich noch nicht gelesen hatte und welches in Paris spielt.

„Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ saß unverständlicherweise schon ganz schön lange im Regal, ein Spontankauf im Tollwood-Bücherzelt vor ein paar Jahren. Die Geschichte spielt im Paris der 1960er Jahre und folgt überwiegend dem Teenager Michel Marin, ein Junge der leidenschaftlich gerne liest und Tischfußball spielt in den Cafés und Bars der Stadt.

Seine Eltern heirateten 1946, nachdem sein Vater aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, der erst zu dem Zeitpunkt erfuhr, überhaupt Vater geworden zu sein. Die Familie seiner Frau schaut auf den ärmlichen Mann mit algerischen Wurzeln herab.

Als er eines Tages in einem Cafe, das auch sein älterer Bruder frequentiert, in ein Hinterzimmer gerät, lernt Michel die Schachspieler rund um Jean-Paul Sartre, Joseph Kessel und andere Geistesgrößen des intellektuellen und existentialistischen Paris kennen. Die meisten Clubmitglieder sind Exilanten aus Osteuropa und wir erfahren durch Michel die Hintergründe einiger dieser Menschen. Überwiegend Künstler, Intellektuelle, Ärzte, die allesamt ein ähnliches Schicksal teilen und von Berufsverbot, Einsamkeit, Armut und dem Verlust der Heimat betroffen sind.

Guenassia packt viele Themen an in diesem Buch. Neben dem Schicksal der Exilanten geht es um den Algerien-Konflikt, die Auseinandersetzungen zwischen Proletariat und Kapital, der Enttäuschung der Mutter gegenüber dem Vater, der ihr nicht ambitioniert genug ist und die Tragödie um Michels älteren Bruder.

Michel versucht zwischen den verschiedenen Parteien zu vermitteln. Zwischen seinen Eltern, seinem Bruder Franck und dessen Verlobten und stürzt sich kopfüber in die Literatur, um den Schwierigkeiten der Gegenwart zu entfliehen. Er freundet sich mit den älteren Freunden seines Bruders an, hört deren Musik und hängt mit ihnen in den Cafés und Bars herum.

„Jetzt werden keine Rechnungen mehr beglichen. Es wird nicht Bilanz gezogen. Wir sind alle gleich, und wir haben alle unrecht.“

 

Das Buch fängt die Atmosphäre der Zeit gut ein, es wird viel politisiert, getrunken und die Figuren sind hervorragend gezeichnet. Ich kann daher keine wirkliche Erklärung dafür finden, warum das Buch mir dennoch nicht so gut gefallen hat, wie erwartet. Vielleicht hatte ich etwas mehr Philosophie erwartet? Ich habe selten das Bedürfnis, ein Buch mir selbst gegenüber zu verteidigen. Ich möchte es empfehlen, auch wenn ich selbst nicht komplett warm geworden bin mit diesem Buch.

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Existentialisten im Cafe, Meursault und eine Maschine die stoppt

Die Reihenfolge war eher zufällig, aber sie haben dann thematisch sehr gut zusammengepasst die drei Bände, die ich heute kurz vorstellen möchte. Den Anfang machte Sarah Bakewells „Das Café der Existentialisten“ – ein Buch auf das ich mich schon lange gefreut habe und das ich ganz langsam und genüsslich lesen wollte, denn ich hatte schon so eine Ahnung, dass das ein ganz besonderes Buch für mich sein würde.

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Bakewell zeigt, wie sehr sich die Grundideen der Phänomenologie und des Existentialismus in Kultur, Kunst, Literatur, Widerstandsbewegungen wiederfinden, häufig ohne das der eigentliche Ursprung der Ideen explizit klar ist. Sie glaubt, dass wir die Ideen der Phänomenologie und des Existentialismus unbedingt aus dem Archiv holen und abstauben sollten, weil die Fragen und Ideen dieser Philosophie-Fragen besonders geeignet sind, die Menschen zum Denken zu bringen.

Die Beschäftigung mit dem Existentialismus kann uns in der aktuellen Situation helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Begriffe wie Freiheit, Handlungsfähigkeit und freier Wille haben schon die Besucher des Cafés in ihrem Roman umgetrieben und wir können uns an ihnen reiben, mit ihnen streiten oder übereinstimmen, wenn wir bei der Lektüre des Buches am Leben von Philosophen wie Simone de Beauvoir, Sartre, Camus, Heidegger, Merleau-Ponty, Murdoch und anderen teilhaben.
“…freedom may prove to be the great puzzle for the early twenty-first century…Science books and magazines bombard us with the news that we are out of control: that we amount to a mass of irrational but statistically predictable responses, veiled by the mere illusion of a conscious, governing mind…Reading such accounts, one gets the impression that we actually take pleasure in this idea of ourselves as out-of-control mechanical dupes of our own biology and environment. We claim to find it disturbing, but we might actually be taking a kind of reassurance from it—for such an idea lets us off the hook. They save us from the existential anxiety that comes with considering ourselves free agents who are responsible for what we do. Sartre would call that bad faith. Moreover, recent research suggests that those who have been encouraged to think they are unfree are inclined to behave less ethically, again suggesting that we take it as an alibi.”

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Wir sollten uns mit diesen Leuten beschäftigen, nicht weil sie immer Recht hatten, das wirklich nicht, aber weil sie unermüdlich versuchten, unsere Anwesenheit und unsere Handlungen in der Welt zu erklären. Mit außergewöhnlicher Klarheit und Dichte schafft sie es, die Kernpunkte der Phänomenologie und des Existentialismus herauszuarbeiten. Sie bringt den Leser dazu, sich mit sich selbst und seiner Rolle und Verantwortung in der Welt zu beschäftigen, gerade auch mit Blick auf die Technologie.

Bakewell bringt uns Menschen näher, die sich nicht einfach nur mit Philosophie beschäftigt haben, sondern die sie gelebt, damit gerungen, geatmet haben und nicht einfach nur darüber gesprochen oder geschrieben.

Sie ist durch und durch Philosophie-Fan und ihre Lust ist ansteckend. Sie schreibt so mitreissend, ich habe es nicht einmal bei Husserl oder Heidegger geschafft, mich zu langweilen, auch wenn ich immer mal wieder ein „???“ oder „So ein Quatsch“ an die Seite schrieben musste.

Unsere Philosophen-Freunde aus dem Buch durchlebten schwierige Zeiten und wir gucken ihnen dabei über die Schulter, wie sie sich so geschlagen haben, an den verschiedenen Weggabelungen der Geschichte. Heidegger, der den Nazis nicht widerstehen konnte, Sartre, der erst Stalin und die Gulags verteidigte und später Mao Tse Tung unterstützte, fast alle trafen schwere Fehlentscheidungen auf der Suche nach ihrer Rolle in der Welt.

“It is perfectly true, as philosophers say, that life must be understood backwards. But they forget the other proposition, that it must be lived forwards. And if one thinks over that proposition it becomes more and more evident that life can never really be understood in time because at no particular moment can I find the necessary resting-place from which to understand it.“

Ich könnte ellenlang weiterschreiben über dieses Buch, das ich so sehr mochte, ich hätte zu gerne mit der Autorin bei einem Aprikosen-Cocktail die Nacht durchdiskutiert, daraus wird leider nichts, obwohl eine theoretische Chance dazu bestünde, denn Ms Bakewell ist im März im Literaturhaus München, nur ich beruflich leider unterwegs und somit wird das leider nix.

Existentialistisch ging es im übrigen mit unserer Januar-Lektüre des Bookclubs weiter:

„The Meursault Investigation“ – Kamel Daoud

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Daoud hat, so habe ich es im Bookclub gelernt, eine Pallinade geschrieben. Also eine Antwort auf Camus „The Outsider / Der Fremde“. Daoud ein algerischer Autor und Journalist hat mit der Veröffentlichung einiges in Kauf genommen, da er zumindest zeitweise mit einer Fatwa belegt wurde, da das Buch recht religionskritisch ist.

„I’ll go so far as to say I abhor religions.“

„As for death, I got close to it years ago, and it never brought me closer to God.“

„I keep quiet here in the city, and my neighbors don’t like my independence, though they envy it and would be happy to make me pay for it.“

Ich hatte mich sehr auf „The Mersault Investigation“ gefreut, war sehr gespannt darauf, aber wir sind nicht wirklich warm geworden. Die ständigen Wiederholungen waren ermüdend, von Plot kann man eigentlich wenn überhaupt erst ab Seite 50 oder so sprechen, haben das Buch für mich zu Schwerstarbeit werden lassen.

Ich hatte erwartet, dass sein Buch Jean Rhys‘ „Wide Sargasso Sea“ ähneln würde, das wir vor ein paar Jahren im Bookclub gelesen hatten, die wirklich gute Nacherzählung von Jane Eyre aus der Sicht der verrückten in einer Kammer eingesperrten Ehefrau. Die Bücher haben durchaus ein paar Parallelen: Beide beschäftigen sich mit Fremdenfeindlichkeit, Kolonialismus und dem was aktuell „white-washing“ genannt wird, dennoch erreicht Daouds „The Meursault Investigation“ nicht annähernd Rhys‘ Klasse.

Vielleicht auch, weil der Autor sich einfach nicht recht entscheiden kann, was es sein soll. Eine Novelle, ein Meta-Roman oder eine Mischung?

Und insbesondere der erste Teil ist einfach irre langatmig, ohne jeglichen Plot und nervenzerrüttend repetitiv. Immer wieder habe ich mich beim Lesen dabei erwischt, wie die Gedanken total abschweifen, weil einfach überhaupt nix passiert ist. Das einem in einem so kurzen Buch so derart langweilig werden kann, hätte ich nicht geglaubt.

Eine Rezensentin auf Goodreads der es anscheinend ähnlich ging wie mir, hat die ersten 75 Seiten des Buches so zusammengefasst:

My brother is dead.
He was murdered.
He was murdered by a guy who wrote a famous book.
So now everyone cares about the murderer instead of my brother.
Who is dead.
Because he was murdered.
Specifically, by a guy who wrote a book about it.
And now the book is famous and nobody cares about my brother.
You know, the dead guy.
Who was murdered.

Ich möchte daher niemanden aktiv davon abhalten das Buch zu lesen, es ist definitiv interessant und es war spannend“Der Fremde“ und „The Meursault Investigation“ parallel zu lesen.

Nach soviel Existentialismus komme ich zum letzten Buch in der Runde, auf das ich bei Birgit von Sätze & Schätze aufmerksam wurde, wofür ich ihr sehr dankbar bin, denn das ist ein ganz besonderes kleines Juwel:

„The Machine stops“ – E. M. Forster

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Interessanterweise wird in Sarah Bakewells „Café der Existentialisten“ ebenfalls auf das Buch hingewiesen und daraus zitiert, also der typische Fall von erst hört man nie von etwas und nun sehe ich es überall.

E. M. Forster dürfte den meisten eher durch seine realistischen modernen Klassiker wie „A Passage to India“, „Howards End“ oder „A Room with a view“ bekannt sein. Science-Fiction, Dystopien etc gehörten nicht eigentlich zu seinem Genre. Um so gespannter war ich auf diese knapp 60-seitige Geschichte.

Forster berichtet im Vorwort das die Geschichte eine Reaktion auf Wells Zeitmaschine sei.  Im Gegensatz zu Wells‘ politischem Kommentar stellt Forster die Technik selbst als äußerste kontrollierende Instanz hin.

Die sollte man man auf gar keinen Fall lesen ohne vorher noch mal das Veröffentlichungsdatum zu überprüfen. „The Machine stops“ hat über 100 Jahre auf dem Buckel und ich habe die Geschichte glaube ich die ganze Zeit über mit erstaunt aufgerissenem Mund gelesen, so wenig konnte ich glauben, dass Forster unser Internet-Zeitalter so derart exakt vorhersehen konnte.

Um noch mal den Zeitstrahl zu bemühen: Forster hat „The machine stops“ 1909 geschrieben, also fast 25 Jahre vor Huxleys „Schöne neue Welt“ zum Beispiel und über 40 Jahre vor Orwells 1984. Meine einzige Erklärung ist – er hatte Zugriff auf HG Wells Zeitmaschine, denn die gab es immerhin seit 1895 bereits.

Die Geschichte erzählt von einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche leben können, da die Luft verseucht ist, sondern unterirdisch isoliert in standardisierten wabenförmigen Räumen. Alle ihre Bedürfnisse werden durch eine omnipotente globale Maschine befriedigt (man denkt unweigerlich an Facebook, itunes, Kindle, Online-Vorlesungen etc)

Sie sind im Grunde völlig isoliert und leben wunschlos glücklich allein mit dem Internet. Reisen sind erlaubt, aber unnötig und äußerst unbeliebt, wie überhaupt jeglicher tatsächlicher Kontakt mit den Mitmenschen der als unsauber und unmodern gilt.

“Few travelled in these days, for, thanks to the advance of science, the earth was exactly alike all over. Rapid intercourse, from which the previous civilization had hoped so much, had ended by defeating itself. What was the good of going to Peking when it was just like Shrewsbury? Why return to Shrewsbury when it would all be like Peking? Men seldom moved their bodies; all unrest was concentrated in the soul.”

Die „Maschine“ wird mit nahezu religiösem Eifer verehrt und wie der Titel des Büchleins schon vermuten lässt, irgendwann ist die Kacke am Dampfen und die Maschine droht zu stoppen.

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Ich will hier gar nicht weiter viel verraten, denn ich wünsche dieser Geschichte so viele Leser wie möglich. Wird die Maschine unser Ende besiegeln, wenn wir es nicht schaffen ein vernünftiges Verhältnis zu Technologie zu entwickeln? Sie nicht komplett verteufeln, uns aber auch nicht vollkommen abhängig machen davon.

Abwägen, wann ich mir mit Google Maps den schnellsten und direktesten Weg zu einem Ziel anzeigen lasse und wann es vielleicht viel spannender und schöner ist, mich treiben zu lassen, unbekannte Umwege zu gehen und mich vielleicht auch mal zu verlaufen.

Und mit diesen Worten beende ich mein Wort zum Sonntag und höre mal in das neue Album „The Machine Stops“ von Hawkwind rein, die sich von der Geschichte haben inspirieren lassen:

Faust – Johann Wolfgang von Goethe

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Ghetto-Faust

Wem das Bildungsbürgertum – warum auch immer – das Asyl verweigert hat, hat mit dem „Buch als Magazin“ die beste Möglichkeit, so einiges nachzuholen. Gerade „Faust“ war für mich im Grunde das Synonym für „muss man gelesen haben, zitieren und inhalieren, wenn man dazugehören will“ und hab lange einen Bogen drum gemacht, was ziemlich dämlich war, denn Faust ist richtig gut.

„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
Ein Werdender wird immer dankbar sein“

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Foto: Heike Neudeck

Aber bevor es hier um den gefrusteten Wissenschaftler und seinem Bund mit dem Teufel geht, muss ich erst noch mal das unglaublich wundervolle Cover loben. Ich liebe Bilder von Planeten,  Mond (wie zB der Blutmond kürzlich) etc und daher ist das Mars-Cover perfekt für mich.

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“

„Nun gut, wer bist Du denn?
Ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was ensteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.“

OK – Faust also. Wahrscheinlich ist es jetzt vermessen, hier überhaupt über den Inhalt zu schreiben, weil das ja jeder gelesen hat, aber ich wage mich trotzdem mal dran. Der brilliante Faust, der der Wissenschaft und Theologie irgendwie müde geworden ist, versucht es daraufhin mit Magie, aber auch das läßt ihn ziemlich unbefriedigt zurück. Frustriert will er seinem Leben ein Ende bereiten, aber im letzten Moment entscheidet er sich dagegen. Zack – Auftritt Mephistopheles (als Pudel(s) Kern), der Lust, Genuss und  Chaos mit sich bringt.

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Mephistopheles hat eine Wette laufen mit Gott, das er den guten alten Bücherwurm Faust auf die dark side ziehen kann und er bietet Faust einen Handel bzw den berühmten Teufelspakt an: Sollte es Mephistopheles gelingen, Faust mit dem Leben zu versöhnen, wird Faust dem Teufel gehören. Und damit nimmt das ganze höllische Drama aus Arroganz, unerfüllten Wünschen und Selbsttäuschung seinen Lauf.

Hallo Existentialismus !

Faust war anfangs gewöhnungsbedürftig für mich. Die Sprache, die Poesie, hat mich von der ersten Zeile an begeistert, trotzdem dauerte es einen Moment, bis ich im Flow war. Wenn man dann aber „drin“ ist, ist es ein ein wundervoll düsterer, mystischer, einfallsreicher, eloquenter und teilweise abgefahrener Höllenritt.

Faust is totally badass und ich werde auf jeden Fall auch den zweiten Teil lesen. Es war ein spannender Zufall, dass ich „Faust“ genau vor unserem Bookclub November-Buch „The Master and Margerita“ las, sehr passend, kann ich nur sagen.

Im zweiten Teil des Heftes gibt es Reportagen und Interviews, die mit dem Klassiker aus dem ersten Teil mehr oder weniger in Verbindung stehen, gerade in der Faust-Ausgabe fand ich diese Kombi sehr gelungen.

Das Buch als Magazin macht richtig Lust auf Klassiker, daher los, los, los kaufen und Faust lesen oder nochmal lesen und irgendwo auf der Welt wird bestimmt immer gerade das Stück aufgeführt. Da will ich jetzt auch hin.

Zwei Jahre Acht Monate und Achtunzwanzig Nächte – Salman Rushdie

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Selten erschien mir ein Roman und die Lesung dazu aktueller als diese. Nur ein paar Tage nach den fürchterlichen Anschlägen des IS las Salman Rushdie im Münchner Cuvilliés-Theater aus seinem kürzlich erschienen Roman „Zwei Jahre Acht Monate und Achtundzwanzig Nächte“. Weder Dennis Scheck, der durch den Abend führte, noch unser nahezu kompletter Bookclub ließen sich von Regen, erhöhten Sicherheitsmaßnahmen oder Salman Rushdies Schnupfen erschrecken und wir wurden in jeder Hinsicht belohnt. Es war ein großartiger Abend, nur die deutsche Leseeinheit hätte etwas kürzer und vielleicht einen Hauch weniger theatralisch ausfallen dürfen.

Rushdie selbst kommt aus einer Familie und aus einer Zeit, die nicht religiös war. Er hätte sich in den Sechziger Jahren nie träumen lassen, Romane über Religion zu schreiben, doch leider ist das Thema in der Welt so stark gewachsen, dass er sich jetzt gezwungen sieht, darüber zu schreiben.

Nicht nachgeben, keinen Zentimeter. Wir müssen unser Leben weiterleben wie vorher und unsere Freiheit genießen und ausleben,  ist die Message von Salman Rushdie, der es wissen muss, dem der Terror selbst durch die jahrelange Todes-Fatwa viele Freiheiten genommen hat. Die Fatwa ist offiziell aufgehoben, doch noch immer ist ein Kopfgeld von rund 3,3 Mio Dollar auf ihn ausgesetzt.

Doch er hält es ganz mit Charlie Hebdo:

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Bild: Tagesschau

Ihr habt die Waffen, aber WIR haben den Champagner!

Im Roman geht es um Ibn Ruschd alias Averroës,  den aufklärerischen Moslem  des 12. Jahrhunderts, den es wirklich gab. Rushdies Vater benannte sogar seine Familie um, nach eben diesem Denker, um diesem seinen Respekt zu zollen. Aufklärung ist Rushdies Lebensthema und ihm ein Stück weit wohl in die Wiege gelegt worden. Er ist allen Religionen gegenüber skeptisch, denn die große Kraftquelle der Religionen ist die Angst.

Die zweite Person ist ein persischer Gelehrter namens Abu Hamid Muhammad Ibn Muhammad al-Ghazali, ein strenger Gläubiger, der Ibn’Ruschd, den Philosphen der Vernunft, bekämpft. New York wird zum symbolischen Schauplatz im Kampf der Welten. Auf beiden Seiten bekriegen sich Dämonen und Zauberwesen.

Ist Gott die Liebe oder die Angst? Darüber streiten sich die beiden Philosophen.  Furcht verändert die Furchtsamen und ist eine Waffe die wir auf uns selbst richten.

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Der Roman hat eine unglaubliche Fülle an Personal und es nicht einfach, immer den Überblick zu behalten. Eine Dschinnya namens Dunia spielt eine große Rolle in diesem Roman. Sie ist ein verführererisches Geisterwesen, dass sich im 12. Jahrhundert in den Gelehrten Ibn’Ruschd verliebt und eine unglaubliche Menge Kinder mit ihm bekommt.

Ein paar hundert Jahre später ist sie in unserer Welt unterwegs, um ihre Nachkommen um sich zu versammeln, die allesamt, ohne es zu wissen, ebenfalls Dschinns und Dschinnyas sind. Diese, die guten, die hellen Dschinns, führt sie in den Kampf und ist dabei alles andere als zimperlich. Dunia ist eine toughe Kämpferin und keine devote Dienerin.

„Die menschliche Vernunft ist doch bestenfalls ein armseliges, anfälliges Ding, dachte Dunia. Hass, Dummheit, Fanatismus, Habgier, das waren die vier Reiter der neuen Apokalypse. Doch sie liebte diese kaputten Leute und wollte sie vor den dunklen Dschinn retten, die die innere Dunkelheit in ihnen nährten, tränkten und offenbarten.“

Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte,was der magischen Zahl „1001“ entspricht, dauert dieser Kampf zwischen den guten Dschinns angeführt von Dunia und den dunklen, die dem fundamentalistischen Ghazali folgen. Wobei der Roman weniger an die Märchen aus 1001 Nacht erinnert, als an X-Men und bei Dunia mußte ich immer an „Storm“ denken 😉

Mit Sturm und Sintflut beginnt die Zeit der Seltsamkeiten. 1001 Nacht der dunklen Geschehnisse.  Das Wetter spielt verrückt, die Stürme sind so mächtig, dass die Übergänge zwischen der Welt der Dschinns und unserer aufbrechen und großes Unheil anrichten. Rushdie nutzt das Märchenhafte zur Verarbeitung unserer Gegenwart, all des Terrors im Namen des Glaubens, aber auch die Gefahren des Klimawandels, die unser Wetter zum Durchdrehen bringen. Mit Hilfe der Komödie und der Fabel zeigt uns Rushdie, dass es möglich ist über die dunklen Seiten zu schreiben und zu lachen.

„Ein Kind begreift nichts und klammert sich, weil es ihm an Wissen gebricht, an den Glauben. Den Kampf zwischen Vernunft und Aberglauben kann man als die lange Jugendzeit der Menschheit betrachten, und der Sieg der Vernunft wird ihr Mündigwerden sein. „

Als hätte er es vorausgesehen. was passieren würde, als er vor vier Jahren mit dem Schreiben des Romans begann. Was könnte seltsamer sein als das was heute aktuell passiert?

Am Ende siegt die Vernunft, auf der Strecke bleiben die Religion und die Träume. Der Geist der Religion ist wieder in der Flasche und wir brauchen keine Träume mehr, denn wir leben im Hier und Jetzt. Es lebe der Existentialismus!

„Du wirst schon sehen, dass im Lauf der Zeit letztendlich die Religion selbst die Menschen zu veranlasst, sich von Gott abzuwenden, entgegnete Ibn Ruschd. Die Frommen sind Gottes schlechteste Sachwalter. Mag sein, dass es eintausendunein Jahr dauert, doch am Ende wird die Religion verdorren, und erst dann werden wir beginnen, in Gottes Wahrheit zu leben.“

Bei Gerhard vom Kulturforum findet sich ein sehr schöner Bericht über Herrn Rushdies Besuch auf dem Bayern2-Diwan.

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Die Mandarins von Paris – Simone de Beauvoir

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Es ist immer eine gewagte Sache ein Buch, das einen mit Anfang 20 total begeistert hat, Ewigkeiten später noch einmal zu lesen. Mir ist es immer schwer gefallen, mein absolutes Lieblingsbuch zu nennen, ich habe stattdessen immer eine Handvoll – gelegentlich auch wechselnder – Lieblingsbücher. Aber die „Mandarins“ waren immer dabei. Mit diesem Buch habe ich damals blau gemacht, ich bin nicht ins profane Büro, ich wollte intellektuelle Luft schnappen und habe den ganzen Tag im Cafe Max Liebermann in den Hamburger Kunsthallen zugebracht und mir vorgestellt, ich sei in Paris 😉

Das Buch also nochmal. Großes Wagnis. Die Camus-Biografie die ich kürzlich las, dann die Reportagen von Janet Flanner – ich bin in den letzten Wochen einfach unweigerlich darauf zurück getrieben. Ich habe es gewagt und zum Glück – ich habe keine Enttäuschung erlebt. Es hat mich wieder genauso gepackt wie damals – die einzige Konzession ans Alter – ich habe dieses Mal nicht blau gemacht, sondern es im Urlaub begonnen und abends zu Ende gelesen 😉

Simone de Beauvoir ist eine Frau, deren Werk ich sehr bewundere. 1908 als ältere von zwei Töchtern in ein gutbürgerliches Elternhaus hineingeboren, studierte sie in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts Philosophie und legt als zweitbeste nach Sartre, den sie im Studium kennenlernt, ihre Prüfung ab. Sartre und Beauvoir arbeiten einige Jahre in unterschiedlichen Städten, bis sie es Mitte der 30er Jahre schaffen, beide eine Anstellung in Paris zu finden.

Sie veröffentlicht 1954 den Roman „Die Mandarins von Paris“ und es wird ihr bis dahin größter Erfolg, gekrönt durch den renommierten Prix Goncourt. Das Buch gilt als Schlüsselroman, der die Situation der intellektuellen Elite (der Mandarins) in Frankreich beleuchtet. Für Simone de Beauvoir ist alles Fiktion. Sie beleuchtet facettenreich die Situation der Intellektuellen, die nach dem gemeinsamen Kampf gegen die Nazis auf der Suche nach einer Lösung sind, um Kriege ein für alle mal zu beenden, die ihre persönliche Verantwortung hinterfragen und in ihren politischen Engagements zersplittern und in verschiedenste Lager zerfallen. Die Handlung beginnt Weihnachten 1944 und endet Anfang der 50er Jahre.

Sie versuchen ihrem Gewissen zu folgen, versuchen Wege zu finden, mit den USA umzugehen, mit denen sie gemeinsam gegen die Nazis kämpften, dessen ungehemmten Kapitalismus sie aber schwer verurteilen, aber auch die Sowjetunion und der Kommunismus, der kurzfristig als allein seligmachende Ideologie dasteht, verliert mehr und mehr an Bestand durch die Informationen über brutalste Arbeitslager und Verfolgung von Andersdenkenden die aus dem stalinistischen Rußland kommen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen die Paare Henri Parron (Albert Camus) und Paule, sowie Robert Dubreuilh (das Pendant zu Jean Paul Satre) und Anne (Simone de Beauvoir). Dazwischen gibt es noch Nadine, die Tochter der Dubreuilh’s, die ein wenig wie die Summe all der jungen Frauen wirkt, die im realen Leben Beziehungen mit de Beauvoir und Sartre hatten.

Die Freundschaft zwischen Parron und Robert Dubreuilh zerbicht am Espoir, der Tageszeitung, die Parron leitet und die ihm wahnsinnig viel bedeutet und die Dubreilh versucht, für seine politischen Zwecke einzusetzen. Dubreilh versucht einen Weg zwischen Kommunismus und europäischem Sozialismus zu finden. Für ihn ist die Sache wichtiger als die Menschen, bei Parron ist das eher umgekehrt. Am Ende gibt es weder die Zeitung noch Dubreilh’s Bewegung.

Anne Dubreilh steht etwas außerhalb der politischen Diskussionen. Sie arbeitet als Psychoanalytikerin und sucht mehr nach dem Glück im privaten Bereich als in der politischen Szene. Sie wird zu einer Vorlesungsreihe in die USA eingeladen und trifft dort auf Lewis (Nelson Algren). Es entspinnt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, deren Zerrissenheit und späterem Ende der Situation der aus der Resistance hervorgegangenen Intellektuellen ähnelt.

Man traut de Beauvoir solche Romantik gar nicht zu, aber eines der schönsten Zitate überhaupt aus dem Buch ist eine Stelle, in der sie über ihre Liebe zu Lewis sagt:

„She was ready to deny the existence of space and time rather than admit that love might not be eternal“

Die Liebesbeziehung von Henri und Paule steht eher für die Schattenseite der Liebe und die Rolle der Frau in traditionellen Beziehungen. Paule gibt sich völlig auf für Henri, hat keinen anderen Lebensinhalt mehr als ihre Liebe und zerbricht später nahezu völlig, als Henri die Beziehung beenden will.

Neben der politischen und privaten Sinnsuche geht es bei den „Mandarins von Paris“ auch um die Lebensweise der Links-Intellektuellen. Die meisten von Ihnen haben einen priviligierten Hintergrund und können sich im Gegensatz zu den Arbeitern, für deren Rechte sie sich einsetzen, Reisen, Restaurantbesuche, schöne Wohnungen leisten.

De Beauvoir akzeptiert die Ehe oder eine lebenslange Partnerschaft auf geistiger Ebene. Körperliche Monogamie ist nicht ihr Ding. Sowohl im Roman als auch im realen Leben wird Promiskuität ganz selbstverständlich gelebt. Ich fand es interessant, dass sich der Feminismus bei ihr am frühesten auf sexuellem Gebiet bemerkbar macht.

Der Roman schildert den Konflikt zwischen Camus und Sartre sehr gut. Mir hat gefallen, dass sie nahezu objektiv schreibt und Camus meines Erachtens den Roman zu Unrecht als einen Angriff auf seine Person empfand.

Die „Mandarins von Paris“ ist nicht nur ein Roman für die Fans von de Beauvoir, Sarte und Camus oder Anhängern des französischen Existentialismus, in den man einen kleinen Einblick bekommt, sondern für alle, die Interesse an guter, tiefgründiger Lektüre haben.

Die über 800 Seiten lesen sich nicht einfach so weg, das wäre gelogen, aber es ist ein fesselndes Buch. Es spielt großteils in Paris mit Abstechern in die USA, Portugal, Mexiko, es ist das schillernde Zeugnis einer Zeit, in der die Menschen genau wie heute auf der Suche sind, wie man authentisch und richtig lebt. Auch wenn es auf der einen Seite schon gut 60 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch teilweise erschreckend aktuell.

„Die Literatur ist für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Literatur.“

„Um nichts in der Welt hätte ich diese Vergangenheit noch einmal erleben wollen, und doch hatte sie durch den Abstand der Zeit einen düsteren Zauber bekommen. Ich verstand wohl, dass Lambert sich in diesem Frieden langweilte, der uns das Leben wiederschenkte, nicht aber unsere Lebensinhalte.“

„Fest stand nur, dass er ein fast angstvolles Mitleid mit allen diesen Leben verspürte, die nicht einmal versuchten, sich auszudrücken.“

„Wenn die Situation an sich ungerecht ist, kannst du nicht korrekt in ihr leben. Deshalb wird man wohl dazu veranlaßt, sich politisch zu betätigen: um eine Änderung der Situation anzustreben.“

„Sie glaubte, die Arbeit sei für uns nur ein Mittel, um Erfolg oder Vermögen zu erreichen, und ich war irgendwie davon überzeugt, daß alle diese Snobs ihre gesellschaftliche Stellung gern hergegeben hätten, um dafür Begabung und intellektuelle Erfolge einzutauschen. Schon in meiner Kindheit schien mir eine Lehrerin eine wesentlich bedeutendere Persönlichkeit als eine Herzogin oder eine Millionärin zu sein, und diese Hierarchie hat sich kaum verändert.“

„Aber es ist keineswegs das gleiche, ob man im Interesse des andern oder in seinem eigenen anspruchsvoll ist.“

„Er unterschiebt den andern gern seine eigenen Anschauungen. Sie müssen doch zugeben, daß dies eine etwas imperialistische Form ist, den andern zu schätzen.“

„Die Menschen wandeln sich, aber was nützt es, wenn man das weiß. Man möchte sie sich doch in mancher Hinsicht unbeweglich vorstellen: hier war wieder ein Fixstern, der sich plötzlich an meinem Himmel bewegte.“

„Der ist glücklich, der der Wahrheit seines Lebens ins Gesicht schauen und sich daran freuen, der sie auf den Gesichtern von Freunden entziffern kann.“

„Wenn man sich heute in die Politik mischt, so ist das Schreckliche daran, daß man zu genau weiß, welchen Preis die Fehler kosten.“

„Im Allgemeinen reagiert er auf die großen Zusammenhänge, nicht aber auf besondere Einzelfälle“.

„Überleben bedeutet letztlich, daß man unaufhörlich mit dem Leben wieder beginnt. Ich hoffte, daß ich es noch konnte.“

„Um zu erfahren, wer du bist und was du tun willst, mußt du entscheiden, wo in der Welt dein Standort ist.“

„Dazu verhilft die Literatur: sie zeigt die Welt den andern so, wie man sie selbst sieht.“

„Die Kunst ist ein Versuch, das Böse zu integrieren“.

„Es ist wahr, daß wir alle ein wenig puritanisch sind, dachte er, ich auch. Weil wir es verabscheuen, wenn man uns unsere Privilegien vor Augen führt.“

„Ihm bedeutet eine Idee keine Anhäufung von Worten, sondern etwas Lebensvolles; Ideen, die er in sich aufnimmt, werden in ihm lebendig, sie bringen alles in Unordnung, und er muß schwer arbeiten, um in seinem Kopf wieder Ordnung zu schaffen.“

Hier noch ein wirklich interessantes Porträt über Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1973. Fand ich sehr spannend 🙂