The Red Notebook -Antoine Laurain

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Ich glaube, es war während unserer Bookclub Diskussion des Buches, das jemand meinte, das Büchlein erinnert ein wenig an diese niedlichen französischen Macarons. Klein, bunt, zuckersüß und schon kurz nach dem man sie verputzt hat, kann man sich schon kaum noch an sie erinnern. So ging es uns mehrheitlich mit diesem französischen Handtaschen-Macaron auch. Ich rezensiere hier alle Bücher die ich lese, daher keine Ausnahmen.

Der gutaussehende Pariser Buchhändler Laurent stolpert auf dem Weg zur Arbeit eines Morgens über eine Handtasche, die einsam am Straßenrand sitzt. Er ist sich sicher, es handelt sich um eine gestohlene Tasche, nimmt sie mit und durchlebt peinlichste Höllenqualen beim Tragen einer Damenhandtasche. Er ist fest entschlossen, Tasche und Besitzerin miteinander zu vereinen und räumt zu diesem Zweck die Tasche aus, untersucht jeden Gegenstand, findet aber keinerlei Hinweis auf einen Namen oder eine Adresse. Doch allein die Vielzahl (!) an Gegenständen macht ihm schnell klar, es scheint sich um seine Seelenverwandte zu handeln und die Suche nach dieser wird zu seinem Lebensmittelpunkt.

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Wird er die Unbekannte finden und sie gar in echt so hinreißend finden, wie in seiner Phantasie? Das Buch liest sich wie ein Script zu einer französischen Rom-Com und wir sind in Gedanken schon mögliche Besetzungen durchgegangen. Die Dame aus Amélie wäre natürlich überaus passend als Laure, Hugh Grant wurde in den Raum geworfen als Laurent, oder auch Mr. Darcy aus Bridget Jones, ein gallischer Kandidat wollte uns partout nicht einfallen.

Von der Geschichte inspiriert haben wir dann alle mal geschaut, was wir so in den Taschen haben und ob es ähnlich aufregend ist, wie Laures Tascheninhalt und dazu führt, dass irgendjemand uns UNBEDINGT wiederfinden will, aber es sah nicht soooo gut aus. USB-Sticks mit Flaschenöffner und ein Zeckenkamm waren die spannensten Dinge. Ich sehe ja schwarz, dass für uns jemand die Klamotten aus der Reinigung holt und die halbe Stadt unsicher macht. Wir überlegen aber momentan, ob wir nicht ggf. einfach eine sehr spannende Sache in unsere Tasche legen, so für alle Fälle.

Bei seiner Suche trifft Laurent auch auf Patrick Modiano, das hat uns immerhin einen tollen Schriftsteller in Erinnerung gerufen, den wir bisher noch nicht gelesen haben.

Ich bin jetzt nicht so der Rom-Com Typ, daher hat es nicht ganz meinen Geschmack getroffen, aber sicher gibt es da draußen den einen oder anderen, der damit sehr glücklich werden würde. Daher verlose ich das Buch unter allen, die mir hier oder auf Facebook in den Kommentaren für meine Paris-Reise im März einen Tipp geben, was ich keinesfalls verpassen sollte. Ich reise im Übrigen ohne Handtasche, aber immer mit Notizbuch 😉

Ausgelost wird am nächsten Donnerstag, 03.03. Bonne chance …

Das Buch ist auf deutsch unter dem Titel „Liebe mit zwei Unbekannten“ im Knaur Verlag erschienen.

Im Cafe der verlorenen Jugend – Patrick Modiano

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Der zweite Versuch, mich dem Literaturnobelpreisträger 2014 zu nähern, denn mein erster Versuch mit „Der Stammbaum“ war nicht recht gelungen. Modiano hat einen sehr speziellen Stil, seine Bücher sind kleine Wunderwerke, die das Paris der 60er Jahre wieder auferstehen lassen und sie wirken wie schwarz-weiß-Aufnahmen, entzückend melancholische, bittersüße nostalgische Träumereien.

Es passiert gar nicht viel in diesem Buch über eine junge mysteriöse Frau. Sie sucht häufig ein Cafe auf, das Stammlokal einer Clique junger Leute, immer mit einem Buch in der Hand. Sie ist schön und mysteriös und scheint sich für obskure esoterische astronomische Theorien zu interessieren. Die Stimmen von vier unterschiedlichen Männern erzählen von der jungen Frau Louki, von ihrem Leben und ihrer Liebe. Aber nicht das, was sie erzählen, macht Louki aus, sondern was sie nicht über sie erzählen. Was man erahnt, die Schatten der Vergangenheit, die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, Gefühle und Liebe, die mal war und gerne noch wäre. Modiano erzählt mit unwiderstehlicher Eleganz,  ein Ton, der sich wie ein Ohrwurm festsetzt.

Der Leser liest zwischen den Zeilen, versucht selbst zusammen zu basteln, was eigentlich passiert ist. Der Autor leistet da nur wenig Hilfe. Verstreute Erinnerungen, ob wahr oder nicht, schweben durch die Straßen und schaffen dabei eine Atmosphäre, die einen unverzüglich die Nachtzug-Fahrpläne nach Paris checken lassen.

„Man will eben Bindungen schaffen, verstehen Sie…
Natürlich verstand ich das. In diesem Leben, das uns manchmal vorkommt wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gern Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt. Also knüpft man Beziehungen, versucht, ungewissen Zufallsbekanntschaften zu festigen.“

Modianos Bücher haben einen ganz bestimmten Rhythmus, ein langsames Schlingern wie ein Boot auf einem nebligen See. Einfach die Atmosphäre geniessen und damit leben können, dass man seine kleinen literarischen Detektivgeschichten nicht wirklich lösen kann. Als Modiano erfuhr, den Literaturnobelpreis gewonnen zu haben sagte er: „“I always have the impression that I write the same book, which means it’s already 45 years that I’ve been writing the same book,” – von daher können wir uns mit dem Lösen seiner Rätsel auch noch etwas Zeit lassen.

Einfach ins Cafe gehen mit einem seiner Bücher und eintauchen in den schwarz-weiß Nebel seiner Geschichten.

Ein Stammbaum – Patrick Modiano

Modiano

Patrick Modiano war schon länger auf meinem Radar. Schon vor Literaturnobelpreis und all dem Wirbel wegen der Thematik seiner Bücher. Bücher über schwierige Kindheiten und Jugend beschäftigen mich, lese ich häufig und dabei bin ich immer wieder einmal über Modiano gestolpert.

Als er dann den Nobelpreis für Literatur bekam, hat es nicht sofort kling gemacht, dass das der Autor dieser vielen dünnen Büchlein ist, von denen ich schon längst eines hätte lesen wollen. Und vor ein paar Wochen im Buchladen, da lag dann wieder so einladend ein hübscher Modiano (ich habe ein Faible für dünne gebundene Bücher mit schönem Cover) und ich habe zugeschlagen.

Gleich vorneweg: „Ein Stammbaum“ scheint mir nicht der ganz perfekte Einstieg in Modianos Welt zu sein. Modiano sagt selbst an einer Stelle in seiner kurzen Autobiografie, dass er nichts dafür kann, dass die Worte so schnell aufs Papier fallen. Er muss sich beeilen oder er verliert den Mut. Und das spürt man auf jeder Seite. Temporeich, atemlos reiht er Name an Name, Ort an Ort, Jahreszahl and Jahreszahl. Erzählt ganz nüchtern und ohne jede Sentimentalität von einer trostlosen, lieblosen, einsamen Kindheit. Eine Autobiografie die klingt wie ein Roman und die sicherlich insbesondere interessant ist für Leute, die seine Romane kennen.

„Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge blieben, desto mehr haben sie mich immer interessiert. Ja, ich versuchte ein Geheimnis sogar in etwas zu finden, was gar keines hatte.“
Seine Eltern leben in einer Welt, die mit ihrem Sohn nichts zu tun hat. Sie interessieren sich nicht für ihn und auch nicht für seinen jüngeren Bruder. So als gäbe es die Kinder nicht wirklich. Sie sind nur Ballast, die Hälfte seiner Kindheit versucht der Vater seinen Sohn in Internaten etc. loszuwerden und die Mutter zeigt nur dann ansatzweise Interesse an ihm, wenn sie glaubt sie könne durch ihn an Geld gelangen.

„Ich sah meine Mutter selten. Ich erinnere mich an keine wirklich zärtliche oder beschützende Geste von ihr. Ich war in ihrer Gegenwart immer ein wenig auf der Hut. Ihre plötzlichen Zornesausbrüche verstörten mich, und da ich in den Religionsunterricht  ging, betete ich, dass Gott ihr vergebe.

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So sehr Modianos „Stammbaum“ einem Protokoll gleicht mit seiner irren Abfolge dahingehetzter Details – so finden sich doch immer wieder zwischendrin ganz wunderbare poetische kleine Perlen. Eine solche Autobiografie erfordert viel Mut beim Schreiben und man spürt seine Verletzlichkeit und seinen Schmerz insbesondere dann, wenn er schnell über die Fakten huscht (wie z.B. den Tod seines Bruders), ohne die Erlebnisse großartig zu kommentieren, um sich auf Distanz zu halten von einer Kindheit, die irgendwie nie wirklich seine eigene war.

Es ist mein erster Mondiano, ich glaube es wäre besser gewesen, als Einstieg einen anderen zu wählen, aber dennoch ist „Ein Stammbaum“ ein wunderbares Buch, das große Lust macht auf mehr Modiano. Diesen Satz kann ich sehr gut nachvollziehen. Takes a dog, to spot a dog 😉

„Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum.“

Das Buch ist im Hanser Verlag erschienen.

Meine Woche

Foto (57)

Artist: Borondo - Picture by LA Michelle

Gesehen: Yves Saint Laurent – ich mag Bio Pics, dieser war ganz interessant, aber so richtig begeistert war ich irgendwie nicht

Gehört: Simon Boccanegra in der Bayerischen Staatsoper – sehr schön !

Gelesen: Ryo Takeda hat uns gestern abend in der Unterfahrt Kurzgeschichten von Murakami vorgelesen. Die Lesung war toll und mit der leisen Jazz-Musik von nebenan sehr passend.
Selbst gelesen: Truman Capotes entdeckte erste Werke. Unglaublich dieses Talent, selbst die in der Schülerzeitung veröffentlichte Geschichte ist schon um Längen besser als vieles andere.

Getan: das neue Sofa aufgebaut – es ist sooo klasse !

Gegessen: ein überaus leckeres veganes Abendessen im Max Pett und seit längerem mal wieder Sushi

Getrunken: Pirates of the Caribbean im Wasserwerk München – uuuiiiii der hatte es in sich zum Ausgleich dafür mein erstes Glas alkoholfreien Riesling, letzterer noch etwas gewöhnungsbedürftig

Gefreut: über eine unerwartete Büchersendung, über die Literaturbeilage die ich doch noch bekommen habe und über die sonnigen Oktober-Tage

Geärgert: das ich partout meine Bordkarte nicht aufs Handy bekomme. Germanwings das muss besser werden!

Gelacht: Steinpilz-Lachflash nachts im Bett. Kann man nicht erklären. Muss man erlebt haben.

Geplant: heute nacht schlafen zu können, obwohl ich morgen früh um 5 aufstehen muss. Let’s see how that will go.

Gewünscht: Lampen von Granit – alles in SEK ich mag nicht mal gucken wie teuer das ist 😉 Aber genial schön sind die und die

Gekauft: Bücher – was sonst *seufz*

Gefunden: 2 € in der Waschmaschine 🙂

Geklickt: auf das Zeit-Porträt von Patrick Modiano, den ich peinlicherweise bisher nicht kannte. Muss ich nachholen.

Gewundert: wie lange es doch dauern kann, bis es im Kopf endlich klick macht.

(diese Auflistung bei philuko gesehen für toll befunden und übernommen – hoffe, das ist ok).