Ein Stammbaum – Patrick Modiano

Modiano

Patrick Modiano war schon länger auf meinem Radar. Schon vor Literaturnobelpreis und all dem Wirbel wegen der Thematik seiner Bücher. Bücher über schwierige Kindheiten und Jugend beschäftigen mich, lese ich häufig und dabei bin ich immer wieder einmal über Modiano gestolpert.

Als er dann den Nobelpreis für Literatur bekam, hat es nicht sofort kling gemacht, dass das der Autor dieser vielen dünnen Büchlein ist, von denen ich schon längst eines hätte lesen wollen. Und vor ein paar Wochen im Buchladen, da lag dann wieder so einladend ein hübscher Modiano (ich habe ein Faible für dünne gebundene Bücher mit schönem Cover) und ich habe zugeschlagen.

Gleich vorneweg: „Ein Stammbaum“ scheint mir nicht der ganz perfekte Einstieg in Modianos Welt zu sein. Modiano sagt selbst an einer Stelle in seiner kurzen Autobiografie, dass er nichts dafür kann, dass die Worte so schnell aufs Papier fallen. Er muss sich beeilen oder er verliert den Mut. Und das spürt man auf jeder Seite. Temporeich, atemlos reiht er Name an Name, Ort an Ort, Jahreszahl and Jahreszahl. Erzählt ganz nüchtern und ohne jede Sentimentalität von einer trostlosen, lieblosen, einsamen Kindheit. Eine Autobiografie die klingt wie ein Roman und die sicherlich insbesondere interessant ist für Leute, die seine Romane kennen.

„Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge blieben, desto mehr haben sie mich immer interessiert. Ja, ich versuchte ein Geheimnis sogar in etwas zu finden, was gar keines hatte.“
Seine Eltern leben in einer Welt, die mit ihrem Sohn nichts zu tun hat. Sie interessieren sich nicht für ihn und auch nicht für seinen jüngeren Bruder. So als gäbe es die Kinder nicht wirklich. Sie sind nur Ballast, die Hälfte seiner Kindheit versucht der Vater seinen Sohn in Internaten etc. loszuwerden und die Mutter zeigt nur dann ansatzweise Interesse an ihm, wenn sie glaubt sie könne durch ihn an Geld gelangen.

„Ich sah meine Mutter selten. Ich erinnere mich an keine wirklich zärtliche oder beschützende Geste von ihr. Ich war in ihrer Gegenwart immer ein wenig auf der Hut. Ihre plötzlichen Zornesausbrüche verstörten mich, und da ich in den Religionsunterricht  ging, betete ich, daß Gott ihr vergebe.

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So sehr Modianos „Stammbaum“ einem Protokoll gleicht mit seiner irren Abfolge dahingehetzter Details – so finden sich doch immer wieder zwischendrin ganz wunderbare poetische kleine Perlen. Eine solche Autobiografie erfordert viel Mut beim Schreiben und man spürt seine Verletzlichkeit und seinen Schmerz insbesondere dann, wenn er schnell über die Fakten huscht (wie z.B. den Tod seines Bruders), ohne die Erlebnisse großartig zu kommentieren, um sich auf Distanz zu halten von einer Kindheit, die irgendwie nie wirklich seine eigene war.

Es ist mein erster Mondiano, ich glaube es wäre besser gewesen, als Einstieg einen anderen zu wählen, aber dennoch ist „Ein Stammbaum“ ein wunderbares Buch, das große Lust macht auf mehr Modiano. Diesen Satz kann ich sehr gut nachvollziehen. Takes a dog, to spot a dog 😉

„Ich bin ein Hund, der so tut, als habe er einen Stammbaum.“

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