Until I Find You – John Irving

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Puh – was war denn hier los? Wurde der Editor von der Mafia entführt, durch Bahnstreiks von seinem Arbeitsplatz ferngehalten oder war Herr Irving eventuell der Meinung er brauche keinen? Dieses Buch hat mich verzweifelt sprachlos zurückgelassen. Ich habe selten einen Roman gelesen, auf den ich mich auf der einen Seite so gefreut habe, weil die ganzen einzelnen Zutaten genau meinem Geschmack entsprechen und der dann so sehr daneben gegangen ist.

Um es gleich vorweg zu nehmen – wer Kritiken nur liest, wenn der Rezensent das Buch auch zu Ende gelesen hat, der kann jetzt den roten Knopf betätigen und hier per Schleudersitz aussteigen. Auf Seite 480 etwa bin ich ausgestiegen  – ich konnte und wollte nicht mehr. Durch Treibsand waten klang zu dem Zeitpunkt nach einem verlockenden Vergnügen!

„Owen Meany“ ist eines meiner Lieblingsbücher. Ich liebe Tattoos, Orgelmusik von Bach und Händel – yes please! und ich habe eine große Affinität zu Büchern, die sich mit schwierigen oder nicht-existenten Kind-Elternteil-Beziehungen beschäftigen. Es hätte wirklich ein perfekt auf mich zugeschnittenes Lesevergnügen werden können, wurde dann aber eine über 800 Seiten andauernde dröge Beweisführung des dem Roman vorgestellten Romans zur Unzuverlässigkeit von Erinnerungen.

„Until I find you“ ist glaube ich der persönlichste und autobiographischste Roman von John Irving und vielleicht liegt genau da das Problem. Es fehlt der Abstand und es fehlt ein guter Editor, der John Irving darauf aufmerksam macht. Der kleine Jack startet mit seiner Mutter Alice, einer Tätowiererin, eine umfassende Suche nach seinem biologischen Vater. Der ist Orgelspieler, ein Tattoo-Fetischist und, was die Damenwelt angeht, kein Kind von Traurigkeit. Nach monatelanger Suche, in dem der Vater ihnen jedesmal um Haaresbreite durch die Lappen geht, kehren sie nach Kanada zurück und geben mehr oder weniger auf.

Wovor auch immer man im Leben die größte Angst hat (Verlustangst z.B.), kommt immer wieder bei allem durch, was man tut und denkt. Man sieht das Leben einfach immer durch diese Brille. Das was uns Angst macht, zeigt wer wir eigentlich sind. Diese Dinge lassen Dich nie wieder los, die kommen immer wieder durch! Das wurde mir klar beim Lesen dieses Romans und das war für mich die wichtigste Erkenntnis aus diesem Buch. Ansonsten fand ich noch alles rund um die Geschichte und die Kunst des Tätowierens spannend. Mit Jack’s Mutter Alice – ja, also mit der wär ich durchaus gerne mal ein Bier trinken gegangen. Eine spannende, vielschichtige Frau und soviel interessanter als Jack, den man irgendwie an der Nabelschnur durchs Leben ziehen musste.

Dieser erste Teil der Suche hat mir gut gefallen, ab da ging es für mich bergab. Selbst die Standardzutaten, die jeden Irving-Roman prägen (Prostituierte, seltsame Sexpraktiken wie Inzest oder obsessives Penishalten, sehr junge Männer mit Hang zu älteren Frauen und Ringen) haben irgendwann einfach nur noch genervt. Wo waren eigentlich die Bären? Kamen die später noch? Bis zu Seite 480, oder wo auch immer ich genau ausgestiegen bin, sind zumindest keine aufgetaucht. Vielleicht hätten die Bären ja noch was gerissen.

“In increments both measurable and not, our childhood is stolen from us — not always in one momentous event but often in a series of small robberies, which add up to the same loss.”

Wie schade. Hatte nach langer Zeit wieder mal Lust auf einen John Irving. „Owen Meany“ ist ein Meisterwerk, ich mochte „The Hotel New Hampshire“, „Cider House Rules“ oder auch Garp, aber diesen (über weite Strecken) editor-freien Schreib-Durchfall äh Unfall, den sollte man idealerweise ganz schnell vergessen. Ich fürchte fast Mr Irving unsere Wege trennen sich hier 😦

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Bild: art.ekstrax.com

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2 Kommentare zu “Until I Find You – John Irving

  1. Definitiv mein Zitat des Tages „…soviel interessanter als Jack, den man irgendwie an der Nabelschnur durchs Leben ziehen musste.“ GENAU. Genau so war es.

    Ich habe mich bis zum Ende durchgequält – was sich letztendlich nicht gelohnt hat, da ich überhaupt nicht mehr weiß, wie es ausging, las ich gegen Ende in einem genervten aber trance-like Zustand 😉

    800 Seiten und auf mindestens 600 davon der Gedanke „John, you should have hired a bloody editor!“

    There really should have been bears 😀

  2. Also ich war auch sehr enttäsucht als ich das Buch gelesen habe, wie auch schon bei „Last Night in Twisted River“. Sein letztes Buch „In One Person“ hat mir allerdings wieder besser gefallen. Um ehrlich zu sein bin ich froh, dass es keine Bären gab – das hätte das Fass noch zum überlaufen gebracht 😀

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