The People in the Trees – Hanya Yanagihara

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Im Jahr 1950 begibt sich ein junger Arzt namens Norton Perina mit dem Anthropologen Paul Tallent während einer Expedition auf einer entlegenen mikronesischen Insel namens Ivu’ivu auf der Suche nach einem geheimnisvollen Stamm. Sie finden nicht nur den besagten Stamm, sondern auch noch eine Gruppe mysteriöser Waldbewohner, die die „Träumer“ genannt werden. Es stellt sich heraus, dass diese „Träumer“ ein unglaublich langes Leben leben und zwar körperlich recht agil, allerdings zunehmend seniler werdend.

“It disappointed me when I discerned as an adolescent that my father had married my mother only for her beauty, but this was before I realized that parents disappoint us in many ways and it is best not to expect anything of them at all, for chances are that they won’t be able to deliver it.”

Perina glaubt, dass die Ursache dieser unglaublichen Langlebigkeit in einer sehr seltenen Schildkrötenart liegt. Er sucht nach dieser Schildkröte und schmuggelt das Fleisch zurück in die USA, wo er seine These wissenschaftlich nachweisen kann, weltweiten Ruhm erlangt und sogar den Nobelpreis verliehen bekommt. Außer dem Schildkrötenfleisch nimmt er auch nach und nach etwa 50 Kinder mit in die USA und adoptiert sie.

Gods are for stories and heavens and other realms; they are not to be seen by men. But when we encroach on their world, when we see what we are not meant to see, how can anything but disaster follow?”

“Life was elsewhere, and it was frightening and vast and mountainous and uncomfortable.”

Nach kurzer Internetsuche stösst man auf den Nobelpreisträger, der der Autorin als Inspiration für diese Geschichte diente. Es handelt sich um den berühmten Wissenschaftler Carleton Gajdusek, der für die Entdeckung einer neuartigen Klasse infektiöser Erreger, der Prionen, 1976 – zusammen mit Baruch Blumber, den Nobelpreis für Medizin erhielt und der 1997 wegen sexuellen Missbrauchs an von ihm adoptierten Jungen, welchen er im Gerichtsverfahren zugegeben hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

“It is astonishing and a little sad to realize how many discoveries, how many advancements, have been delayed for years, for decades, not because the information was unavailable but because of sheer cowardice, fear of being laughed at, of being ostracized by one’s colleagues.”

Keine Sorge ich spoiler hier nicht, der Nobelpreisgewinn und auch die Anklage wegen sexuellen Missbrauchs an seinen adoptierten Kindern wird im Roman schon auf den ersten paar Seiten erwähnt. Es handelt sich hier um ein Buch im Buch, die Memoiren Perinas werden von seinem früheren Mitarbeiter und Freund Ronald editiert, der ein eher unzuverlässiger Erzähler ist.

Die Entdeckung des sogenannten „Selene-Syndromes“ und der damit verbundene Nobelpreis haben enorme Implikationen auf Perinas Karriere und seinen Ruf. Doch was passiert, wenn der Mensch versucht, sich zu einem Gott zu erheben? Wenn wir es schaffen Dinge zu tun, die vielleicht nie für uns gedacht waren? Welchen Preis sind wir bereit, für den Fortschritt zu zahlen? Was sind wir bereit zu opfern und zu vergeben?

“All ethics and morals are culturally relative. And Esme’s reaction taught me that while cultural relativism is an easy concept to process intellectually, it is not, for many, an easy one to remember.”

Yanagiharas Roman hat für eine ausgesprochen interessante Diskussion in unserem Bookclub gesorgt. Nur wenige Autoren trauen sich auf so dünnes Eis, wagen es, keine Stellung zu nehmen und Fragen aufzuwerfen wie zum Beispiel die, wie man mit einem Genie umgeht, der im Privatleben alles andere als großartig ist? Ist Perina/Gajdusek eine Legende oder ein Monster? Ist es ok, wie Faust, seine Seele zu verkaufen für Unsterblichkeit?

Yanagihara kickt ihre Leser definitiv aus der Komfortzone. Der Roman hat einige sehr aufwühlende Szenen, es gibt jede Menge Frauenfeindlichkeit, Kolonialismus und Pädophilie. Also keine leichte Kost. Ein Buch, das aufwühlen möchte – auf keinen Fall eine „feel good“ Lektüre.

The People in the Trees“ ist ein großartiger Roman sowohl was die Entwicklung der Charaktere, die Struktur des Romans oder die Sprache angeht. Die Symbolik ist sorgfältig ausgewählt und platziert. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Fähigkeit die Vielzahl an schwierigen Themen so gekonnt und elegant miteinander zu verweben.

Was für ein Debüt!

Neben dem wunderbaren Roman möchte ich euch auch diese spannende Dokumentation über Daniel Gajdusek ans Herz legen:

Auf deutsch erschien der Roman unter dem Titel „Das Volk der Bäume“ im Hanser Verlag.

8 Kommentare zu “The People in the Trees – Hanya Yanagihara

  1. Hallöchen!
    Ein wirklich interessanter Ansatz für ein BUch! Ich finde es immer ganz besonders sapannend, wenn reale Entwicklungen in einem Roman verarbeitet werden, so gewinnt so manche Handlung noch an Intensivität. Ich werde mir dieses Buch auf jeden Fall vormerken, danke dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast! 🙂

    Liebe Grüße!
    Gabriela

  2. Liebe Sabine,
    das ist wieder so ein Buch, das sein Publikum spaltet. Bisher hatte ich tatsächlich überwiegend enttäuschte Stimmen dazu gehört. Deine so positive Meinung sticht da nun regelrecht hinaus und lenkt aber den Blick noch einmal auf eine andere Herangehensweise an das Buch. Mich machen so gegensätzliche Stimmen auch nur immer noch neugieriger. Daher bleibt der Titel auf der Merkliste. Vorher müsste ich aber endlich mal A Little Life lesen…

    Liebe Grüße
    Kathrin

    • Und so gut ich ihre „Schreibe“ fand und das Thema super spannend, so wenig hab ich interessanterweise Interesse an „A Little Life“
      In unserem Bookclub hat „People in the Trees“ durch die Bank fast 4 Sterne bekommen 😊 Dir auf jeden Fall viel Spaß bei der Lektüre und ganz liebe Grüße 😊

      • Uh, spannend. Jetzt bin ich direkt neugierig, warum A Little Life dich so völlig kalt lässt?! Ich hatte es damals (ein paar Monate vorm Erscheinen der deutschen Ausgabe) in UK entdeckt und war direkt vom Klappentext und den Besprechungen im englischsprachigen Feuilleton angetan.

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